(navigation image)
Home American Libraries | Canadian Libraries | Universal Library | Community Texts | Project Gutenberg | Children's Library | Biodiversity Heritage Library | Additional Collections
Search: Advanced Search
Anonymous User (login or join us)
Upload
See other formats

Full text of "Zeitschrift"

Google 



This is a digital copy of a book that was preserved for generations on Hbrary shelves before it was carefully scanned by Google as part of a project 

to make the world's books discoverable online. 

It has survived long enough for the copyright to expire and the book to enter the public domain. A public domain book is one that was never subject 

to copyright or whose legal copyright term has expired. Whether a book is in the public domain may vary country to country. Public domain books 

are our gateways to the past, representing a wealth of history, culture and knowledge that's often difficult to discover. 

Marks, notations and other maiginalia present in the original volume will appear in this file - a reminder of this book's long journey from the 

publisher to a library and finally to you. 

Usage guidelines 

Google is proud to partner with libraries to digitize public domain materials and make them widely accessible. Public domain books belong to the 
public and we are merely their custodians. Nevertheless, this work is expensive, so in order to keep providing this resource, we liave taken steps to 
prevent abuse by commercial parties, including placing technical restrictions on automated querying. 
We also ask that you: 

+ Make non-commercial use of the files We designed Google Book Search for use by individuals, and we request that you use these files for 
personal, non-commercial purposes. 

+ Refrain fivm automated querying Do not send automated queries of any sort to Google's system: If you are conducting research on machine 
translation, optical character recognition or other areas where access to a large amount of text is helpful, please contact us. We encourage the 
use of public domain materials for these purposes and may be able to help. 

+ Maintain attributionTht GoogXt "watermark" you see on each file is essential for informing people about this project and helping them find 
additional materials through Google Book Search. Please do not remove it. 

+ Keep it legal Whatever your use, remember that you are responsible for ensuring that what you are doing is legal. Do not assume that just 
because we believe a book is in the public domain for users in the United States, that the work is also in the public domain for users in other 
countries. Whether a book is still in copyright varies from country to country, and we can't offer guidance on whether any specific use of 
any specific book is allowed. Please do not assume that a book's appearance in Google Book Search means it can be used in any manner 
anywhere in the world. Copyright infringement liabili^ can be quite severe. 

About Google Book Search 

Google's mission is to organize the world's information and to make it universally accessible and useful. Google Book Search helps readers 
discover the world's books while helping authors and publishers reach new audiences. You can search through the full text of this book on the web 

at |http : //books . google . com/| 



Google 



IJber dieses Buch 

Dies ist cin digitalcs Exemplar eines Buches, das seit Generationen in den R^alen der Bibliotheken aufbewahrt wurde, bevor es von Google im 

Rahmen eines Projekts, mil dem die BLicher dieser Welt online verfugbar gemacht weiden sollen, sorgfaltig gescannt wurde. 

Das Buch hat das Uiheberrecht uberdauert und kann nun offentlich zuganglich gemacht werden. Ein offentlich zugangliches Buch ist ein Buch, 

das niemals Urheberrechten unterlag oder bei dem die Schutzfrist des Urheberrechts abgelaufen ist. Ob ein Buch offentlich zuganglich ist, kann 

von Land zu Land unterschiedlich sein. Offentlich zugangliche Bucher sind unser Tor zur Vergangenheit und stellen ein geschichtliches, kultuielles 

und wissenschaftliches Vermogen dar, das haufig nur schwierig zu entdecken ist. 

Gebrauchsspuren, Anmerkungen und andere Randbemerkungen, die im Originalband enthalten sind, finden sich auch in dieser Datei - eine Erin- 

nerung an die lange Reise, die das Buch vom Verleger zu einer Bibliothek und weiter zu Ihnen hinter sich gebracht hat. 

Nu tzungsrichtlinien 

Google ist stolz, mit Bibliotheken in partnerschaftlicher Zusammenarbeit offentlich zugangliches Material zu digitalisieren und einer breiten Masse 
zuganglich zu machen. Offentlich zugangliche Bucher gehoren der Offentlichkeit, und wir sind nur ihre HLiter. Nichtsdestotrotz ist diese 
Arbeit kostspielig. Um diese Ressource weiterhin zur Verfugung stellen zu konnen, haben wir Schritte untemommen, urn den Missbrauch durch 
kommerzielle Parteien zu veihindem. Dazu gehoren technische Einschrankungen fiir automatisierte Abfragen. 
Wir bitten Sie um Einhaltung folgender Richtlinien: 

+ Nuizung derDateien zu nkhtkommerziellen Zwecken Wir haben Google Buchsuche Tiir Endanwender konzipiert und mochten, dass Sie diese 
Dateien nur fur personliche, nichtkommerzielle Zwecke verwenden. 

+ Keine automatisierten Abfragen Senden Siekeine automatisierten Abfragen iigendwelcher Art an das Google-System. Wenn Sie Recherchen 
Liber maschinelle Ubersetzung, optische Zeichenerkennung oder andere Bereiche durchfuhren, in denen der Zugang zu Text in groBen Mengen 
niitzlich ist, wenden Sie sich bitte an uns. Wir fordem die Nutzung des offentlich zuganglichen Materials fur diese Zwecke und konnen Ihnen 
unter Umstanden helfen. 

+ Beihehallung von Google-MarkenelemenlenDas "Wasserzeichen" von Google, das Sie in jeder Datei fmden, ist wichtig zur Information iibcr 
dieses Projekt und hilft den Anwendem weiteres Material Liber Google Buchsuche zu fmden. Bitte entfemen Sie das Wasserzeichen nicht. 

+ Bewegen Sie sich innerhalb der Legalitdt Unabhangig von Ihrem Ver wend ungsz week mussen Sie sich Direr Verantwortung bewusst sein, 
sicherzu stellen, dass Ihre Nutzung legal ist. Gehen Sie nicht davon aus, dass ein Buch, das nach unserem Dafurhalten fur Nutzer in den USA 
offentlich zuganglich ist, auch fiir Nutzer in anderen Landem offentlich zuganglich ist. Ob ein Buch noch dem Urheberrecht unterliegt, ist 
von Land zu Land verschieden. Wir konnen keine Beratung leisten, ob eine bestimmte Nutzung eines bestimmten Buches gesetzlich zulassig 
ist. Gehen Sie nicht davon aus, dass das Erscheinen eines Buchs in Google Buchsuche bedeutet, dass es in jeder Form und iiberall auf der 
Welt verwendet werden kann. Eine Urheberrechtsverletzung kann schwerwiegende Folgen haben. 

tJber Google Buchsuche 

Das Ziel von Google besteht darin, die weltweiten In form at ion en zu organisieren und allgemein nutzbar und zuganglich zu machen. Google 
Buchsuche hilft Lesem dabei, die BLicher dieser We lt zu entdecken, und unterstLitzt Au toren und Verleger dabci, neue Zielgruppcn zu erreichen. 
Den gesamten Buchtext konnen Sie im Internet unter |http: //books . google .coriil durchsuchen. 



I 




1_ 



2 
« 

A 



ZEnSCHMFT 

GESELLSCHAFT FtR ERDKODE 

Zr BERLIN. 



IS ACFZSA.GK DKB < 



tac It. V. KoniL 



ZEHNTEB BA>a>. 




BEBLIK. 

VSBLAO YON DIETRICH R£1UBIL 

1875. 



Inhalt des zehnten Bandes. 



Aufsatze. 

(Fiir den Inhalt ihrer Anfsatze sind die Verfasser allein verantwortlich.) 

Seite 
I. Eriebnisse auf einer Reise von Massila in das Gebiet der Afer 

und nach Aden. Von J. M. Hildebrandt * . 1 

II. Ueber die Columbischen Smaragden 38 

III. Vegetationsskizzen von der Loango-Kiiste. Von H. Soyanx 62 

IV. Russisch-mongolische Beziehnngen nnd Erforschnngen. Von 

Dr. F. Marthe 81 

V. Die Lander im Siiden Wadai^s. Von Dr. G. Nachtigal. 

(Hierzu eine Karte, Taf. II.) 110 

VI. Die nenesten Resultate der Forschnngen iiber die Tiefen- nnd 

Temperaturverhaltnisse der Oceane mit besonderer Beriicksich- 

tigung der Tiefseeforschungen S. M. S. „ Gazelle". Vortrag 

von Dr. G. v. Bognslawski. (Hierzn eine Karte, Taf. III.) 117 

VII. Bericht Dr. Paul Giissfeldt's fiber seine Reise an den Nhanga 142 

VIII. Bericht Dr. Panl Giissfeldt's iiber seine Reise an den Nhanga. 

(Schluss.) (Hierzu eine Karte, Taf. IV.) 161 

IX. Michael Servet als Geograph. Von H. ToUin 182 

X. Ein Ausflng nach Samos. Von R. Nasse. (Hierzn eine Karte, 

Taf. V.) 222 

XI. Reise auf dem Okande in Westafrika. Von Dr. Oskar Lenz 236 
XII. Ausflug von Aden in das Gebiet der Wer-Singelli-Somalen und 

Besteigung des Ahl-Gebirges. Von J. M. Hildebrandt . . 266 

XIII. Ueber die Seehohe von Berlin. Von Prof. Dr. M. Sadebeck 296 

XIV. Ueber Kartenprojektion. Von Prof Dr. Friedr. Eisenlohr 321 
XV. Die neuesten Entdeckungsreisen in Australien. Von Henry 

Greffrath 334 

XVI. Eine neue Karte der siidafrikanischen Republik. Von A. Me- 

rensky. (Hierzu eine Karte, Taf VI.) 366 

XVII. Barometer -Hohenmessungen von der Schwarzburg-Rudolstadti- 

schen Unter-Herrschaft Frankenhausen. Von A. Fils . . . 380 
XVIII. Cap Palmas und seine Umgebungen. Von Dr. Philipp Schon- 

lein. (Hierzu eine Karte, Taf. VII.) 409 

XIX. Einiges fiber die Schmick'sche Theorie periodischer sacularer 
Schwankung des Meeresspiegels auf der Nord- und Siidhalbkugel 

der Erde. Vom Baron N. Schilling 437 

XX. Humboldt-Erinnerungen in Amerika 447 

XX f. Einige Bemerkungen iiber die gegenwartigen Zustande im Nor- 
thern Territory in Australien. Von Henry Greffrath. . . 456 



401832 



I 




l„ 



6- 

^f2 



3 J. M. Hildebmndt: 

fiiliien, liesliind darin, eine Barke zu mietlen und auf gut Gluck 
die Fabrt Vungs ik-r Danakil • Kuste zu versuchen, selbst mit der 
Ausaicht, iMouati'lang unterwegs zu bleiben. 

Liinge fanil sich kein Schiffer, der es wagen wollte, dem 
Asiab Trolz zu l>i(;t«D, bis eadlich Muhammed Nur, ein als kuhner 
Seeniaiin bekaiuiiF^r Somali, atlerdings uater fiir niich harten Be- 
dingungen, einoii Contract eingiog. 

Die Pin vision en, Beis and Datteln, fur 3 Monate und einige 
Hubner riii' (liu niictiSte Zukunft waren biild eingekauft, sie, meine 
Saminlung uiul ilie wenige Habe, die mir nacb meinen halb- 
Jabrigen Slvcill'icitin in Abessinien ubriggeblieben , an Bord ge- 
scliafTl, iimineii Kiuunden noch einmal die Hand gedriickt, und auf 
schwiinkendeiii lliiii (Baumkahn) ruderte ich zum Sambiik, welcbes 
zwisclien 20 bi- :iO andern im Ilafen lag. Unter Bewillkomm- 
nungsgif^iuig ib'T Matrosen , - eine Anspielung auf Bakacbisch, 
kl.lltrr..' i.ii :iii i;..n;l, und bald darauf lichtete der „Fathal Kerim" 
di'ii stilLs;iiiiMi;i.iL Vnker, um am Hafeneingange den in der Nacht 
einlruteudi;!! Laiidwind ZU erwarten. Wir legten una neben einen 
iigyptiacben Foafilumpfer, welcher vor 3 Tagen Nachmitlags 4 Uhr 
bcini scbiiiistLTi Wetter in der ungeniein leicht zu paaairenden 
EiiifHhi't d..s M:i^>iiii-Hafen8 auf den Strand gelaufen war. Die 
MusltMiiiii li<'/.i'i<'litii.-ten dieBen Unfall ala geechehen durch Allah's 
■weiseii Tin^il.rLn.:. ilieben Rathschluss, wofiir HIM Dank und Lob- 
preia. ,.AII.il] ^ Wege sind vielffiltig wie die Wege, die zur 
Kaubii rulii<.-ti. alli' leiten zum Heill" Mir kam die Uraache des 
citiliLltig Tor, eie war folgende: Festlich geflaggt, 
lile Ernennong Munzinger'a zum Fascha, oaherte 
r." dem Hafen. Alles war gespannt auf die „Pan- 
\\'>[e) und den Bakachiscb, der abfallen mochte. 
ill und Lnotsen lagen ernetere Dinge ob. Ersterer 
L Privat-Speculation 200 Ctr. Zwiebel und Knob- 
uiLil erfuhr zu seinem Entaetzen vom Lootsen die 
iliTselben in Masaua. In der Aufregung des Dis- 
II] il schrie er dem steuernden Matrosen daa ent- 
>iiiiiiQndo zu, und der Dampfer fuhr auf den Sand. 
I'liglncksfalle paaairen ubrigens den agyptiachcn 
Post- Damp fern kiinsawegs selten, Der dem „Hedjaz" vorher- 
geheniie lief zivisi'lien Suakin und Maesfla dreimal fest. Einem 
fruhereii ging zwischen Geddah und Suez das Peuer aua, da sein 
Cnpitnin iiud Inpenieur, auf Gott vertrauend, der ihnen guten 
Wind genden \viiide, den Kohlenvorrath in Giddah zn verkanfen 
riskirt hatUn. Iln- Nothaignal' safa ein Ost-Indienfahrer, legte bei 
und nnUm aul' dii: logneriBche Versieherung der Turken, in Suez 
sei keine Quiuiiniaine fur Geddah- Faaaagiere, einen Offizier an 



Ungl 

denn 


ucks sehi' 
er braclif 


sieh 


lei ..Hedi 


taaia 
Nur 


(Fr.-i.ln 

Ck.lll (.lll.il 


hatti! 


iiiimlii'l] 


laud 


iiti Hnrd 


iitedr 


gen Vreia 

s witikte 


gegenge-aelzle C 
Derartige 



Reisu-Erlebnisse, 3 

Bord, der Kf.hlen Jiua Su^z boaorgeii aollle, Der Ost-Indier 
■wurde jedoch diesea MaDnes wegen in Suez 20 Tage festgebalten 
und forderte — und erhielt — von der Medjidi-Compagoie einen 
habsclien S oh ad en ersatz. Siilche Sp ectak els tuck e ruhren naturlich 
von der totalen Unfahigkeit der tfirkischen Capitaine her, die ihre 
durch allerlei Nebengeachafte aehr eintriigliche Stellung entvreder 
durch Bakschiach erhalten, oder, wie bose Zungen aiigen, zuweilen 
sogar gewieaen Gefalligkeiten, die aie in der Jugend einflusa- 
reichen Persnnen erwieaen, verdanken. 

Gegeu 3 Uhr Morgens, ea war am 26. December 1873, steilte 
aicL der envartete Berri (Laijdwind) ein, das Segel ward unter 
Oesang der gesammten Mannachaft aul'geziigen unil der „Pathal 
Kerim" atrich dahin wie eine Mowe. Am Gebel-Qedem*) vorbei 
hatteo wir bereita gegen 5 Uhr (A, M.) die Fnsel Dessi (Valentia 
der Moresbyschen Karte) zur Linken, zur Rechten den Fels Sei-il 
und mehrere kleine RifF-Spitzen "). Der feate Sandstein der 
luael Deaai wird in Barken nadi Mnaaua gebracht und zum Hauaer- 
bau benulzt. Anch die groaaartigen Diimme, welche Mnnzinger- 
Paacha zum Tragen einer Wasaerleilung fur Maasua und zugleich 
ala Verbindung der Insel mit detn Pestlande aufgefuhrt, beateben 
— wenigatens ihre Wande — aua dieaeni Material. 

Unaern nordlicheo Coura anderten wir in ONO., sobald wir 
die Hohe des Ra? Hoda***) eiTeicht. Es bildct die NO.-Spitze der 
Insel gleichen Namens"*), welche durch aehr geringe Waaaertiefe 
(bei Ebbe 1 Meter), aus der zAvei Inaelchen (wovon die nord- 
lichere Dagerre *"*) gcnannt wird) vermitleind herauaachauen, der 
Halbioael Buri vorgelugert iat, Hoda gewahrt, obgleich wahr- 
scheinlich nur eiae (wenig erbobene) Koralleobimk , durch seine 
Schora-Gebuathe nnd Salzpflanzen einen freundlich griinen Anblick, 
der durch einige Schirm-Akazien noch gehoben wird. Ausaer die- 
ser, der Nordspitze Burt's im West vorgelagerten Hoda-Inaelkette 
sendet dieae noch zwei Landznngen aua, vou denen die folgende 
Knrille***), die oslliehste, ca. 7 Miles lange, Dalauima***) heiaat. 
Korllle und DaliLrama bilden die bia 2 Miles breite Bucht Da- 
lamma, ein aicherer Hafen fur Sanabik und bei genauerer Auf- 
nahnie auch woht fur grosaere Scbiffe, da sie 3 — 7 Faden Tiefe 
bat. Die Landzunge Dalamma, oder vielmehr deren nordliches 
niedriges Ende, heisst auf deil engliachen Karten Hartow-Point, 
Die ganze Halbinael Buri, fur die kein beaouderer Nanie aiige- 

*) Zur Orientining siefia bcaonders Eeuglin'a Karte des Rotheii MeereB 
in Petermanu's Mittheilnugun 1860, Tafel 15. 

**) Alio auf der eng'liaclien Kn.rto (eorroeted zidetzt July ISlOj oicht 
Hngepeben. 

***) Nanie fehlt auf der euglieclieti Karte. 



4 J. U. Hildebrandt: 

geben, oder wnliracheinlich wohl deren hochste Erhebung, hat 
man mit nHurtowPeak" bezeichnet, ein Name, den ubrigens we- 
der die B^wohner, noch die arabischen SchilTer, denen dieser Berg 
eine weithin eichtbare Landmark e bildet, kennen. Sie nennen 
ihn Auen*). 

Die Halbinael Bwri, die ich, wie oben bemerkt, durchstreifte, 
ist, wie der grosste Theil der Kustengelande des Rothen Meeres, 
neuern vulkanischen Ursprungs. Vielfacbe Sporen zeigen , dass 
ihr Fenerbeerd noch nicht erloschen. So liegt in der sudlichen 
Bucbtung der sogenannten Ansley-Bay **), dieses die Halbinsel bil- 
denden Oolfes, die heiese Quelle Athfeh***), nach meinen Mes- 
Bungen gegen Abend 58°, Mittags 60° C. Sie fullt ein nur wenige 
Quadratmeter groasee und kaum 2 Fu88 tiefes Becken aus und 
quilh nicht gerade heitig aus mehreren, zwischen der Forpbyr-Lava 
befindtichen Luckenlochern und bringt nur unbedeutende Wasser- 
mengenf) zu Tage, die als kurzes schmalea Rinnsal uber das 
Becken in den aus Tamarisken und Schora gebildelen Djungel 
verlaufen, um von der Fluth aufgenommen zu werden, nicht aber 
einen nmachtigen Bach" formen, wie es Heuglin beiiohtet wurde. 
Sie werden nbrigens wohl eingehender bereits in dec Ja so sehr 
reichhaltigen Literatur nber den englischen Feldzug nach Abessinien 
beschrieben sein. 

Aehnliche und viel bedentendere thermaliscbe Quellen an der 
SW.-Kuete der Halbinael, mochten jedoch weniger bekannt aein. 
Wenn man von Arafali, sich westHch wendend, die horizontal- 
schichtigen, vielfach zerboratenen Lavaatrome, die letzten Gestein- 
maaaen vor der Ebene , die aich am Fusse der Abeasiniachen 
BergmaueT hinziebt, uberstiegen, so gelangt man zu einer Dunen- 
Ebene, welche bei der Fluth- theilweise iiberachwemmt and dort 
mit dichtem Schorabuachwerk bewachsen ist. Daa Ende derselben 

*) In Munjinger's „NHrratiTe of a joarnej through the Afar Conntrj" 
im Journal of the R. O. Soc. 1869 nohl nar aua Verseben Anna gedruckt. 
"Woher der Name „Hurlow" g^enoromen, kann ich nicht mit BBStimmtheit 
BBgen, vermuthe jednch, iaas ev von Edrto, der Name dea Mischvolka 
znUclien Domboita-Afer und Boga-Abesainier, welche gewShnlicb die Abessini- 
Bchen YorbergQ aiidlich der B^ebene bU zu den Oala bewohnen, einzelne 
NiederlaagangeD jedoch auch an der Kliste, z. B. Tulch (a. nnten), haben, 
hergenommen ist. 

**) Der bier gebriLuchLichate Name des aacb ala Bai von Adulis und vou 
Moreabf Ghubb Dokhu uod apUter Qoob Wuknoo bezeicbueten Meerbnaena ist 
Giibet Kafr, ein Name, der ricbtiger wohl Giibet el Afer, Golf des Afer- 
Volkes, heissen muan und auch wobi einat bieaa. 

••♦| Athfeh, nicht aber „Hafteh oder Afteh" , wie ale HeDglin a. a. O. 
pag, 348 bezeichnet oder Atifut, wie ea auf Munzinger's Karte verdruckt iat. 
t) Proben des Wassera befanden sich bei den agjptiachen Sammlungen 
fiir die „Wiener Auastelluug". 



ist durch eioen cs. 100 Fuss fast seiikrecht aufgetburmlen "Wall 
gebildet, offenbar ein Lava-Slrom, der sich hier ins Meer ergossen hat. 
Furchtbar muss der Kampf zwiscb^n Vulkan und Neptun gewiithet 
haben , denn inachtige, vielzerspaltete Blocke und Tausende von 
kleinen Truminern liegen wu8t diirch einander gewfirfelt im Meer 
und am Strande uniher- Aber Nepiun liat nicbt voUstandig ge- 
ejegt. Da, wo der erstarrte Fels vom Meere ansteigt, zwiscben 
Ebbe- nnd Fluthmarke, Tielleichl iioch unter der erstern, jedocb 
nicbt fiber der letztern, sprudein Tausende von feinen Adern 
heiasen Wassers, bo beiss, dass der unbeschuhte Fuaa nur in 
schneilem Scliritt hindureh zu eilen wagt (ca, 67* C). 

Ala ich der in ahnlicher Weise, d. h. dorch scbroff sua dem 
Meer steigende Trachyt-Lavafelseo mit Trfimniern am Strande for- 
mirten Kuste weiter nach Nord folgte, gewabrte ich oabe dem 
Gipfel eines der Hugclziige (ca. UOO Fuaa fiber dem nahen Meerea- 
apiegel, wo hinauf ieb geklettert, uni einen erleglcn Falken zu holen), 
schmale Risse im Gestein, aua denen ein schwefe.liger, achaif iitzen- 
der Dunat mir enlgegenatromte. Da ich niich an der ateilen, ge- 
roUreichen Wand kaum zu halten Termochte, anch furchtete, dutch 
das Gas bel.aubt zu werden und in die Tiefe zu fallen, was wegen 
des messeracharf-kantigen Gesteins keine beaouders ^^'nusante 
Rutach-Partie" geweeen ware, ao aah icb mich leider zur Ruck- 
kebr gezwungen, ohne das Fhaenomen naber untorauchen zu konnen. 
Offenbar haben die vulkaniscben Strome, welche eratarrt das jetzige 
Bergsyateni Buri'a biideu, im Anen ibren Haupt-Heerd, denn be- 
aondera im nordlichen Theile der Halbinsel bemerkt man deutlich 
ein radiales Hinlaufen der Rucken nach liieaem Centrum. - Die 
Einwohner erzttblen, man aabe noch jetzt zuweilen Ranch aua 
seinem Gipfel ateigen. Zwiacheu den sebwarzbraunen Trummer- 
Hugelziigen breii.en sicb , mehr im Suden , ala nahe dem Auen, 
weite Ebenen aus, welcbe von einem tiefgrundigen achweren Lehm 
— ich mochte faat aagen Schlammboden — fiberdeckt sind. Ein 
abnlicber, jedoch weit sandigerer Grund herrscht ebenfalla auf der 
Adulia-Ebene yor, deren Untergrund, wie man bei dem Brnnnen- 
graben zur Zeit der englischen Expedition gefunden , aua feiner 
Lavaschlacke besteht. Da die Ruinen von Adulis in diesen 
Schlamm eingebettet, so liegt die Annabme nahe, es batten bier 
Scblammvulkane gowuthet. Diese Bodenart iat von hochster Frucbt- 
barkeit, sobald auf ihren naturlichen Reichthura "Wasaer einwirken 
kann. Dies zeigt z. B. die Adnlia-Ehene, welche durch die grosa- 
artigen Kanalleitungen Munzinger's, worin er das durch die "Winter- 
regen Abeasiniens za miicbtigen Wildbachen vereintc Wasaer, welches 
frfiher dem Meere nutzlos zubraiiste, aufgefangen und fiber die 
£bene verbreitet hat. Seine BemiihoDgen eind reich an Erfolg 



6 - J. M. HlldebrAndt: 

gewesen und jetzt gedeiht selbst BaumwoUe , wo fruher elende 
Salzpflanzen, halb im Sande verschiittet, kiimmerlich ihr Leben 
fristeten. Buri ist jedoch, wie oben bemerkt, durch einen Lava- 
wall von den Ebenen am Fuase der Abesaioischen Berge getrennt, 
und deshalb eine kiinBtlichp, Bewasaernng nnmoglich. 

Die wenigen Regen, die die Halbinsel streifen, reichen eben 
hiu , nm ein Krautwachsthum von relativer Ueppigkeit hervorsea' 
rufen, von dem Munzinger, nachdem er eben die sterile Salz-Ebene 
verlaaeen, so angenehm iiberraacht ward. Verdunstet das Wasser 
jedoch, so schrumpft der thonige Boden zq steinbarten Schollen 
zusammen, die durch klaffende Risse getrennt sind. Dann erstirbt 
die ephemere Vegetation, die Bewobner ziehen mit ihPen Heerden 
in die Vorberge Abessiniena, Elephatiten, Antilopen und manchea 
andere Thier folgen und einsara liegt die graugedorrte Ebene da. 
Nur knorrige Mimosen und Nebkbaume {Ziziphus spina crisH), 
in deren Schatten Perlhuhner hausen und aich von ihren Friichten 
nahren, iiberleben die Zeit bis zum nachsten Regen. Die vienigen 
kriippelhaften Halbstraucher , die aieh erhalten, findet nur der 
emsig SHchende Botaniker. 

Die einzige einigermaassen vor dem Hungertode bewahrende 
Unterhaltsquelle fur die wenigen, in elenden Hiittencomplexen 
sesshaften Bewohner — denn der weitgrosste Tbeil der Belissua, 
welchem Stamme sie angehoren, sind Hirten — bildet Seesalz, 
welches nordlich von Misaa in naturlicheu Pfannen abdnnstet, 
Ueber diese Salz-Lager weies ich nichts Genaueres anzugeben, da 
sie weder von mir, noch, wie ich glaube, von friihern Reiaenden 
besucht worden. Das grob-krystalliaehe schmutzige Salz wird durch 
Kameele iiber Arafati, woselbst von den Aegyptern ein kleiner Dnreh- 
gaogszolt erhoben wird, nach Nord- Abessinien, oder per Barke 
nach Maesua und anderen Hafeu des Rothen Meeres gebracht. 

Nach dieaer abachweifenden Erziihlung iiber Buri setze ich 
die Schilderung meiner Fahrt fort. 

Nach Doublirung des Ra? Dolamnia anderte sich unser NO.- 
Cours in siidoatlichen, der aandigen, flachen Kuate Buri'a entlang. 
Hier, in ungefahr halber Distanz zum Ra? Gondalali *) liegt daa 
Dorf Tulch (Dulch-Hcuglin), welches von Horto-Domboita an dem 
"Waaserplatz Abon-Kuko gegriindet wurde, die mit den Waaser 
einnehmenden Barken — denn Tulch beaitzt einen kleinen Schuta- 
hafen — Geschafte Ireiben. Vor Zeiten batten aich hier ebenfalls 



*) Rai; Oubobeli HeugHn's, welcher Name jedoch out fiir den 'WsBger- 
platz gebraucht wird, der dem Ra; Goudalali uabe liegt. Die Lags von 
Tulch (Dulch) [at zu neit Bfidlicb, in der Goudalali-Bucht, verzeichnet, irHhrend 
SB nordlich vom Ha^ Gondalali liegt 



Beiaei- Erie bni see. 7 

einige Soiiinl niedergelassen, wie uiun iiheiliaupl vip.lfiich Vertreter 
dieses Volkee in den Ktistenarten deB'Afer-Laiides Sndet. Es sind 
meist fruhere BBrkenfShrer, welche ihres sehwankenden Lebens- 
pfades miide, hier dem Handel and einer bald gescbaffenen Fsmilie 
leben. Sie uben wegen ihres energischen Stanimcharaktera and 
der reicheD, atif ihren vielen Reisen gesammellen Erfahrungen, oft 
einen bedeutenden Einfluea auf die Eingeboreneu und eroten ia 
Handelsapeculationen, besonders dureh Tinport von Bekleidungs- 
zeugen und Gelreide aus dem gegenuberliegenden Jenien, nichi 
aelten einen nach hiesigen Begriflfen bedeutenden Wohlstand. 

An dem kleinen Aachen Korallenfels Unime Naniue (LarmooBe 
der Moresby' schen Kiirte) mit Beioem fteundlicb grunen Schorn- 
Buscbwerk vorbei, hntlen wir, da sich eine NO.-Brise einalellte, 
bald die GondoJali-Bucht durchstrichen, und zwischen der Doppel- 
Insel Delgu?*) und der langen sandigen Landzunge Rakeb-Dessi**) 
fnhren wir in die Haiiakil-Bucht ein. Die flache KoraUenbank 
Seleid*") und die ubenfails wenig erhabene Insel Adjust) liesaen 
wir links liegen und der Kustii siidwesclich folgend lief en wir, 
plolzlicb gegea Nord biegend, in den achmalen Eingang des Hafeas 
Ton Harena ein, der daa Ziel unserer heutigen Fahrt bildete. 
Dieser Hafen, der — trotz Heuglin's Schrift — noch jetzt auf 
der englischen Seekarte ff) fehlt, bildet eine aaekarlige Ausbucb- 
tung mit ungefahr einer halben engliachen Quadratnieile sandigem 
2 — 2J^ Faden tiefen Ankergrund und iat gegen aile Windo gnt 
geschiitxt. 

Da ea bereits zu damniern begann, als wir d>;n Anker ge- 
worfen, so blieb ich die Nacht an Bord. Der Nabuda (Capitain) 
ging jedoch an's Land , da er hier ein Absteige - Quarter nebat 
Fran beaass. Eine zweite Ehehalfte wohnt in Las-Gori an der 
Somal-Knste (aeine Heimath), eine dritte in Hodeida und eine 
vierte, aeine Hauplfrau, in Aden. Durch diese Einrichtung, die 
die meisten nioliaiumedanischen Schiffer getroffen, aind sie, obgleich 
Bteta auf der Reise, docb iiberall daheint , allerdings aber etwas 
^wetterwendische" Ehemanner, denn je nacb dem Winde, der ihr 
Fahrzeog in beatimniler Jabreszeit Ireibt, wird bald die eine, bald 
die andere Frau durch einen Besncb beglnckt. Was wnrden 

*) Eine flache Korallen-Insel, auf der eugliacben Kart« nicht beuaunt. 
*•) Mit gleicImHtDigen Ka( vid. Heuglin's Karte. Auf der BD^lisehen 
fehlt der Name daftir. 

***) Wofiir kein Name auf Moresby's Karte. 

t) Adjuf wird , so laage dart Regeiiwasser-Annamiuluu^n verbleiben, 
von Zlegeohirten btwobut. 

tf) WenigBtens nuf der mir vorliegenden mit der Bezeichnung „Correction 
July 1870 verseheueii. 



8 J. H. Bildebrsndt: 

iinsere Dumen sugen, wenn sie von einem fahrenden Probe-Eitter, 
wie pin der Sniwii SDgemeBseDer Modeartikel aU: epouse du 
printeiiips, d'eli', i'automne oder d'hiver erkoren wiirden. 

Niicli einev Regen-Nacht, die ich, obgteich es nicht geradezu 
kalt war, deijuocU unangenehm genug auf der offenen Barke zu- 
brachle, walcle iah mit Sonnenanfgang des 27. Dezembers an's 
Land und ern-i(^h(e bald, die sandige Dtine ansteigend, dag Dorf 
Harena. Es besteht aue einigen vierzig HuUen von verscbiedener 
Construction. Die primitivBte Art, Dass (plural. Dassa^o), ist 
durch c^onisdi<^K ZuBammenstellen von B aunt stam men und Astwerk, 
ohne Aiistiilliing der oft grossen Lucken, gebildet. Ea ist viobX 
die eigentliriiiilii'he des Landes. Sine andere, unter dem EinQusse 
atbitipini'lii'i' lliiltenarchitectur entstandene, bildet die Adari, (plural. 
Adaroa). Sii* lipsteht in ihrer bescbeidensten Geatalt in wenigen 
in deii Hoiivn j;uateckten and durch Querstabe verbundenen Bogeln, 
iiber die Mal.ivn ana Dompalmblatt-Geflecht befestigt sind. Diese 
Zeltbiitte, wie aie von alien nomadislrenden Volkern atbiopischer 
Verwandlsebiift, »on den Gee^spreebenden bie zu den SudSomal, 
Beien sie Ilirten oder Handler, auf den Wanderungen mitgefilbrt 
werden, liiit gewohnlich eine halbkugelige Geatalt and demzu- 
folgo eintn kn^isiunden AnfriBB, der ubrigens bei den Hab&b in 
einen eil''''niii;;r'Ti, und die hemispharische Form in eine dom alt- 
iiiodisL'liiii .. (Jifjutt-Hute" ahnliche, sich umwandelt*). Aus dieaer 

Hirtenlifl ~nii:;, die melBt nnr ein offenes Ruhe-Lager, das jedoch 

nianebriiiil iliinh VorKange vom ubrigen Raum kammerartig ge- 
treiint i.sl, .sclltner wirkliche Abtbeilumgen durch Wande zeigt, 
entwii^kc'lle aitli allmalig — daher auch kein neues Wort entstand — 
daa pnrtiiKnpnlc Adari als comfortables Wohnbaus der Afer. In 
seiiier biit'lisU- n Vollendung sehen wir dasselbe in elliptiacbem 
Aufriss VDii oft 10 Meter Lange bei entsprechender Breite und 
hathelliptisL'bcr Aasicht. Das Innere, in welchem Holzpfciler das 
leichte , ni'iziii'lig verbundene Bugelgestell mit seiner Mattenbe- 
kleidiuig sliilni'n, iat in niehrere Gemacher getheilt, die natorlich 
nach der Grouse des Gebaudea und dem Bedurfniss seiner Be- 
wohner vm-iireii. Obgleich kcioe Fensteroffnungen gelassen sind, 
so wird docli da» Innere durch die ziemlich locker geflochtene 
MatLeiuimliiilliirif; genugsam erhellt und dem Rauche des Feuer- 
hcerdes Abzng verscbafft. 

Die tli'itic Bauart der Afer iat das viervi'andige Hans mit 
GiehelHiicli, Aiiaoh (plural, arsch&n), wahrscheinlich von den 
Arfibvrn oiIit Persern eingefuhrt. Es tritt in den Kuslenorten 
dea Itollitn Mi'eres und der Soni&li bis hinunter nacb Mossambik 

") Vi^J'^l. Jiiuiuea Mher eiuseaandten Bericbt: AuBflug von Keren etc, 



I 



ReisB-EiIebnisBB. 9 

uuf. Ini Innern des Conlinenia findet mar dieaon Styl nur sehr 
Belten. Dna Geripp des Arisch bealeht aus Knittelholz, darliber 
werden Mstten befeatigt. Daa Daoh wird niit einer dichlen Lage 
trockenen, holzigen Grases — desBen Stelle in Ost-Aftika Palm- 
siroh vertritt — gedeckt. Das Innere des Ariacb ist ebenfalls in 
Gemacher getheilt, son denen die seitlichen als HHrim und Vor- 
ralharauin, das vordere, in das der Eingang leilet, als Empfangs- 
ziminer und ein binfer diesem IJegender Abachlag zur Kiiche 
bcnutzt wird. Die Frauengeniacher waien fur mirh in fiin UDdureli- 
dringliches Dunkel gehtlllt, auch in die Kiicbe konate tuh nur 
verstohleDe Blicke werfen und gewahrte dort eine tnir weder 
bei den Arabern, noch in Abessinien bekannte Art dea Feuer- 
heerdes. Marikab benennt man dieselbe im Afer. Stall der, 
bei 6o vielen orientaliachen, afrikaniechen nnd uberhaupt \m- 
civiliairten Volkern benutiten drei Steine als Keaaelnntersatze — 
die aicb aelbat bei uns noch uls drei Fiiaae unter dem Kochtopf 
erbalten haben — gewalirt man bier einen nur vorn offenen Lehiu- 
wal], auf dessen unebenem Rande der Topf ruht *). Ueber dieaer 
Feneratelle erriebtet man ein tiachartigea Gestell aua Holzwerk, 
welchea riiit einer dicken Lehmschicbt gedeckt ist, in derea Mirte 
eine (quadratische) Oeffnung znm Entwfeichen des Rauchea gelasseu 
ist. AuBser einigen nua Arabien jmportirtcn kupfernen und irdenen 
Topfen bemerkte icli kein anderes Kiichengerath , batic aber ge- 
wiss den nie fehlenden grossen RuhrlofFe! und noch miincbea andere 
Werkzeug aus der Knchenwand, in deren Mattenbekleidung — 
dieaer Wandachrank in der wirklichen Bedeutung dea Wortes — 
alJe kleinern Habsellgkeiten aufbewahrt werden, bervorlangen 
sehen, wenn es mir vergonnt gewesen ware, der emsig achaltenden 
Kaaafrau zuzuaehen. So aber sasa ich, starr wle ein Gotzenbild, 
auf der Oloita (Rubesitz) des Empfangsziramers ini Hause lueines 
Nachuden, der aicb die Ehre nicht nehmen liess, mich und die 
Aeltesten dea Grts mit Kaffee , den er Jr dieaem Zwecke bereits 
Tags vorher von mir erbettelt, zii bewirthen. Die Geaellschafls- 
zimmer der Afer sind wirklich hubsch decorirt, indem "Wande und 
FuBsboden mit Matten tapezirt sind, in deren natiirlich-gelbem 
Grand rothe und achwarz-violette Dessins in breite Slreifen ge- 
ordnet, eingeflochten sind *•). 

*) DiuBe Art primitiver Ofen kommt anch in Indien zur Anwendung, 
wie X. B. : Gallon „tlie art of tmyel" 4. Edit. pag. 203, beBcbreibt, 

**) Die Btoffe anm FHrben iee Domblattatroh'H WBrden aus dem Somftii- 
Lande eiogafiihrt, ffir Both dient Aasnd somAli (Nr. 102 der SainmhuLg an 
das Konigl. IfludwirthscliattJiche Miisenm au Berliu), fiir Bcbwarz- violet trockene 
Aloe -Blatter (Nr. 103). Mhd sieht hier , wio bei den Somal (vergl. AasSng 
in das Gebiet der Wer-Siogelli-Sfimal) halbeingegrabene TliongpeWsse , in 
denen die FOiberei vor sich geht. 



10 J. M. Hildebrandt: 

Die Rnhf^bank Oloitt!, das Angareb der SudaneseD, die Eitanda 
der Wasuaheli, ist bei den Afer featstehend, d. h. aus vier in den 
Boden gerammten Enittein als Beioen zu einem aas Krnmmbolz*) 
zusammengebuodenen Sitz bestehend, Diese holperige Unterlage 
wird dnrch ubergedeckte Matten einigerinassen gemildert. Die 
oberste derselben ist meist von pranlthafter Arbeit. Man lasst auf 
ihrer Unterseite beim Flechten lange dunne Streifen hervorragen, 
welche wie ein borstiger Felz die Matte zn einem elastischen 
Polster macben "). 

Ein langer bandbreiter Matte n stre ife n , eine ^Babn" einer 
Matte, dient, dicht spiririiscb aufgeroUt, zur Unterlage fiir den sieh 
stutzenden Arm beim Silzen. Ein eigentlicbes Eopfkissen ist nicht 
bekannt. Denn da die Afer wie die Somal, Geep und andere 
verwandte Volker weit abstehende Schafloeken tragen, so benutzen 
sie die holzerne Nackenstiitze , ein Instrament, welches weniger 
halsBtarrige Nationen als Marterwerkzeug des peinlicben Gericbtee 
lefzter Instanz ansehen wfirden, das aber gewiss dennoch, wenn 
die Haartracht unserer Dam en zu den Immobilien ihrea Besitz- 
thums gehorte, nnd nicht vor dem Scblafenlegen abgeschnallt wurde, 
den Frisenren eine starke Concurrenz bereiten konnte. Diese 
Kinrichtnng erlaubt dem Tiiesigen Dandy, die gleiche Coifhire 
monattang und noch langer in ungeschwacbter Pracbt prangen zu 
lassen. Ein solcher Urwald, in den nie die Scheere Licbtungen 
Bcblagt, nie der Eamm seine Furchen pflilgt, wimmelt naturlich 
von vielerlei Getbjer, das iibrigens, ao lange es — wie der Affe 
im Baum — sich in den Haarwipfeln achaukelt, nicht lastig fallt; 
wenn ea aber, wie der Elephant, die ScboUe anfbricbt, nach Haar- 
wurzeln grabend, so erhebt sich die rachende Hand, nicht aber, 
um mit alien fiinf Fingern einzugreifen, wie es der ungeschliffene 
Nordlander thate, sondern nm mit eleganter Noncbalance ein 
epitees Stabchen mit reichgeschnitztem Griffe, Fillin genannt, eine 
Errungenscbaft athiopiscber***) Toilettenkunst, aus den Looken, wo 
es, wie der Pfeil im Eocher, anfbewahrt wird, hervorzalangen 
und den "Waldfrevler aus eeinem Verateck aufzuatobern. 

Alte Manner scheeren sicb jedoch meist das Kopfhaar, nm' 
dadurch wenigstens ansserlich wnrdevollen Mobammedanern, deren 
Religion sie, wenn es die Geecbafte verlangen, zu besitzen sicb 

*) Nach einem geradeu Baumstamm oder Aet racbt man in dissem 
Bterilen Lnnde vergebens. 

**) Vid. Hr. 109 der oben erwShnten Sammlung. 

***) In Abessinien iat es oft aua Silber mit pfeil- oder kugeUtiniiigem 

Oris mit Filigrain verziert. Die Geef-Vcilker, a. B. Bogos, flAbab, fertigen 

es ebenfalls gebogen, die siidlichcn SAraal dagegcn gerade und gabelortig 

mit anei oder drei ZKhueu (vergl.. ethnogi. Sammlung im Neneu Mnseum). 



ReUe-KileTmiaae. 1] 

rahmen, zu ahneln. Diese trHgen denn auch wohi e.inen Turban. 
Die Haarlracht der Frauen ist gleich der ihrer abeesinischen und 
Sonial-Schweatern: kleine, feat eiDgevollte Lockchen hilden weaig 
erhahene Bchmale Wulat-Linieo , die, wie die Moridiane auf einein 
Globus, iiber den Schadel verlaufen, von Scheiteln getiennt. Der 
Pol liegt am Hinterkopfe, an demaelben Gefiihlsorgane, an welchem 
bei fast alien Volkern der Culmination spun kt weiblicher Friaur 
sich befindel. 

Nur die Miidcheii — wie bei den Sonial — tragen das Haupt 
unbedHckt. Sobatd sie ein Miinn zu sich genomnicn, set ea ultt 
angetraute Frau oder ala Concubine — welches lelatere Verhalt- 
niss bei den Afer daa ui-apriingliche geweaen za sein acheint — , 
legen sie ein Stuck indigo -gefarbtes Calicot fiber den Kopf, 
Mssaar genannf, welches in Falten bin auf die Schulter und den 
Nacken fallt. Die aonslige Bekleidung der Frauen besteht in 
eiueni aus weichgegerblen Schufhiiuten Kusnnimengenahten Schurz, 
daa um die Leaden gegartet iat. Ks reicht bis zur Mitte der Wade 
und ist am untern Saume mit Kauri-Muaclielu verziert. *) Ver- 
acbleiert geht keine Fran, Zierrathen tragen aie wenig, was je- 
doch wohl nicht dureh einen bei ibnen geringer als bei anderen 
Tochtera Eva'a ausgebildeten Luxussinue lierruhrt, ala durch die 
klagliche Stellung, die sie dem Maunc gegenfiber einnehraen **), 
der mehr dnrch die Scharfe seiner Waffe, als durch den Pruuk 
eeiner Frauen aieh Anschen zu verschaften aueht. Ein einfacher 
Ohrring, eine Armspange oder eine Glasperlschnur findet sicli aber 
immerhin. Auch Stirnbander, aus Kanieelbaar geflochten uud mit 
Muacbeln verziert, gewahrt man. 

Kinder, beaonders kleine Madchen, bekleidet man mit eineni 
Stiick blanen Calicot, dessen obere Zipfel auf der linken Schulter 
zuaauintengeknupft werden. 

Die Manner tragen, .weun sie es eracbwingen kiinnen, die 
grosse Toga der Abesainier mit breitem rothen Rand-Streif, ineist 
jedoch ein kleinerea Stuck Baumwolle-nstoff malerisch fiber die 
Schulter gewoifen und ein knum bis an'a Knie reichendea Lenden- 
tnch, Ilire hiicbate Zierde ist eine ellenbreite Leibbinde (Bitru) 
von oft 10 Meter Lange, in die das krumnie Schwertmesaer 
(Gillib, meist abesainischer Arbeit) eingebunden wird. Auch die 
Afer, wie die meisten Orientalen , tragen das Schwert an der 

*) Eiue Bekleidungsart , die nasner bei deu S6iDal auch bei den Gala 
vorankommen Htheint, denn Krajif Hchreilit (ReiBea I, pfg, 96): „Die Frauen 
(der GbIb) tragen einen kurzen Rotk von Leiler, den aie nm die Lenden mit 
einem Giirtcl bcfestig-en. Am Saiime des Rocks haben Bio znr Zierde eine 
Men^re KomllEU h&ng'en." 

**) Vergl. Munzinger a. a, O. 



12 J- M. Hildebrandt: 

Recbten, um es beim Ziehen aofort in dio Lage zum Stoss von 
oben iiach unten bereit zu laben. Dtese Waflfe legt der Afer nie 
ab , sie gehort su seiner Kleidung wie die JembTe zu der des 
Arabers. Die Haiiptwiilfe ist jedocli die Lanze (M'hnrra) tnit 
' raaebtiger Klinge (eine Arbeit der eingewanderten Somal-Schmiede, 
vergl. aoch Heuglin a. a. O. pag. 353). 

Dazu komnit der Sehild. „Gob'^. Er ist rund und hat oft einen 
Meter im Darcbmesser. Er wijd theils aus Abessinien iniportirt — , 
und ist dann einfaeli gebuckelt, oder von den Gala gebracht und 
dann mit breitem, aufwarta gebogenem Rande. BnfFel- oder Anti- 
lopen- (Beisa-) Haut bilden das Material, woraua er verfertigt ist. 

In solche Kostume gekleidet trat ein Bewohner Harena's 
nach deiD aodern in die Hiitte, in der icb micb niedergelassen, 
und streekte mir zur Bewillkominnung die flaehgeoffnete Rechte 
entgegen, in die ich, in schnell gelernter Afer-Manier, die meinige 
legte und eie dann in wohl etwaa plumper Nachahmung mit einem 
sanften Strich zuriickzog. Dann hockten sie nieder, ein uner- 
lasaliches Erfordernisa, um eine Untcrhaltung zu pflegen. In diese 
Stellung sind aie eo sehr eingewurzelf , dass, als ich einst — es 
war auf Bchmutzigem Terrain — mit einigen Tor mir bockeiiden 
Leuten stehend eine Unterredung hallen wollfe , aich ihr , aller- 
dings nicht eehr logisch *) geflochtener Gedankenfaden , so ver- 
wiirte, dasB ich ihnen nur dadurch wieder anf den Weg helfen 
konnte, dass ich mich zu ihnen in den Dreck hockte. Ich babe 
micb jedeamal, wann ich mit Afer zusammentraf, bemulit, ein 
phyaiognoniiscbes Kennzeichen zu bemerkea, 'welches dieses Volk 
von aeinen Nacbbarn scharf unlerscheide. Meine Beniuhungen 
Bind ohne Erfolg geblieben. Unter einer grosseren Anzahl der- 
selben zeigte vietleicht der eine die geschmeidige Gestalt tnit den 
langen Gliedniassen der Somal, um aeinen Mund spielte derselbe 
brntal-nialicwae Zng, der dieaem Volk eigenlhumlieh ; der andere 
dagegen den schlotterigeo Gang uad die weibisch-weichen Zuge 
eines Abeseiniers; ein drifter dits volUcommene Ebenmass der 
Glieder und das feste schnrfgeachuittene Profil dea SSd-Arabers; 
ein vierter endlich mit leicht aufgeworfener Nase zeigte die trotzige 
Gestalt des Gala. 

Die Afer aind ein Mischvolk, aber nicht nur ioi Fehlen einea 
ihnen originellen auesern Kennzeichens und durch individuelle 
Aehnlichkeit mit Nnchbarn lasat sich dieaer Schluss ziehen, aondern 
auch in Spruche und Sitten finden wir Anhallspunkte hierzu.**) 



'J Vergl, Mimiiugcr pag. 194, 
**) Vergl, auuh meine „Vorl8ufig'B Bemerkungeo 
■chrift fiir Ethnolo^e, 



Reiae-Erlchnifiio. 13 

Nachdem ich der, auf orientalische Weise gefiihrten Unter- 
haltuDg mit den Aelteaten Harenn'a, ein gegenaeitiges Erkuudjgen 
nacli deni Befiaden in uaendlicher Variation, satlfi.im luude, aoblen- 
derte ich, naturlich von „vieleni Volk" begleitet, hinauB in'a Freie. 
Harena ist auf einer, durch ein geliobenes Korallenrifl' gebildeten, 
sandiiberwebten Dune gelegen und von einem Mangrove morast 
umgurlet, der lei der Ebbe theilweia trocken liegl., bei Fluth je- 
docb ca, 1 Meter hoch uberschwenimt ist. "Wir wnteten hindurch 
und betraten jenseits eiue gegen NW. gedebnte Ebene, die iii) W. 
und SW. durch Trachytlava-Hiigelreihen, die in die Berge Abea- 
ainiena uberaugefaen acheinen, aber in Wahrbeit durch Ebenen von 
ilinen getrennt aind, begrenzt ist. Ich gewahvte wenig Vegetation, 
Nate dem Meere einige Salipflanzen, weiter entfernt Asclepias 
glgantea. Mimosa, Balsamodendra, etarre Graaer etc., ein Pflauzen- 
bild, wie ea aa der Kuate dea Rol.hen Meeres iiberall aufttitt und 
in seiner ganzen Langweiligkeit acbon voii so manchem Reisen- 
den beaobrieben ist. Die Regen, die in'a Rothe Meer nieder- 
fallen , streifen die Kuate our in Bchmaleni Strich , in der 
Region der Salzpflanzen, so daas die Bewobner Harena'a ge- 
zwungen sind, ilire Heerden weit hinweg in die Vorberge Abes- 
siniens za treiben. 

Ermudet durch die Monotoiiie der tiandachaft, durch Sonnen- 
gluth und den inisslungenen Versuch, eine Antilopeuheerde zu be- 
schleiehen, kehrte ich gegen 3 Ubr Nachmittags in'a Dorf zuruck, 
wo inir vom Ortavorsteher eine Ziege zuni Oeschenk giirmclil 
ward. Er bedauerte sehr, mir nur eine geben zu konnen, weil 
seine Heerden weit entfernt seien. Ich glauble dem gulen Alien 
gerne, dasa er ea bcdiiuerte, denn nun konnte or ja nnr fiir diese 
eine den vierfachen Preia ala Gegengeschenk fordern, den ich auch 
dann zahlen muaste. 

Gegen 5 Ubr ging ich an Bord und verbracbte die Regeu- 
Naeht aehr unangenehni, da ich einen Fieberanfall hatte, eine 
Nacbwehe eines in Abeasinien empfangenen Fiebers. 

Am 28. December, gegen 9 Ubr Morgena, lichteten wir 
den Anker. Ein starker Schenial trieb uns mit grosser Schnelle 
zwischen den Insein und Korallenriflen dabiu. Wenn man einen 
Blick auf die hydrograpbiscbe Karte der Hauakil-Buchl wirft, beaaet 
mit Kreuzen uud Kreisen, den Zeichen fur Untiefen, so muss 
man erstuunen, mit welcber Sicherheit der einbeiinische See- 
mann alle umgeht. Neben genauer Ortskenntniss kommt ihm 
ubrigens die mit der Tiefe aua Weiss (Brandung) in Spangrun 
(Untiefe) und endlich Azurblau (Fahrwasser) wechaelnde Fiirbung 
dea Meerwasaera sehr zu gute. Nicht weit vom Eingang in den 
Harena -Hafen liegt die kaum 100 Meter ioi Umfang haltende 



14 J. M. Hildebrandt; 

flaclie Kovalleninael Maurica"), auf (!er sich, wie iiieine Schiffleute 
veraicherteo, Reate von „ Fursi-Gebauden und Cialernen" beflnden 
solleu. luh konnte sie leider nicht besuclien. 

Wir batten einen PttSsagier fur die IhsrI Hauakil an Eord 
und fuhren deshalb ao dicht daran vorbei, wie es die Brandung er- 
laubte. Es war ein alter, steifer Mann, und war ich nicht wenig 
erstaunt, ihn gelassen seine Xleider und werthvoUe Habe uin den 
Kopf turbanattig winden, sich in's Meer sturzeo und die brausende 
Gischt darcbachwiinmen zu sehen. Ihm folgten funf der Schifl'er 
mil seinen andereu Effecten. Diese kraf'tigen Burschen hielten die 
Bundet mit einer Hand aus clem Wusser und erreichten, ohne dass 
das geringste benasst wurde, ebenfalls den Strand. Du die Daa 
wahrend dcasen ein gutea Stilck weiter gefahren, so liefen eie aus 
Leibeskrtiften deni Strande entlang, bis eie das Scbitf um eine 
Strecke iiberbolt batten, und acbwamnien dann wieder an Bord. 

In scblangelndeni Cours zwiachcn Riffen und niedrigen Inaeln 
hindurcli langten wir gegen 2 Uhr Nachniittaga auf der kleinen 
Rhede der Inael Baka (Jebbel Bucker der engHschen Karte) an, 
um Sundballast einzunchmen. Der SomS.li-Kaui'mann Achmud Mq- 
hammed ist gestorben und eeine ungefalir zwansig Soline mit ihren 
Familien bilden jetzt die Herrscher und Einwohner des durren 
Eilandes. 

Obgleicb der in letzter Nacht begonnene Regen selbst jetzt 
noeh andauerte, unternahm ich dennoch einen Spaziergang zu den 
„ Fursi-Niederlassungen. " Diese bilden ein Truinmerfeld von zieni- 
licber Ausdehnung; von kufischen Inachriften, die Heuglin nennt, 
konnte ich jedoch uichta anfflnden **). Ich brachte die Nacht in 
einer Hiitte zu und wnrde nebst Capitain recht gastfrenndliiih mit 
Reia und Datteln, was natiii'lich aus meinen eignen Provisionen 
stammte, bewirthet. 

Am 29. December, gleieh nach 6 Uhr Morgens setzten wir 
Segel und ein guter NO. -Wind, der noch inimcr von Regen be- 
gleitet, trieb una siid-ostlich am Rap Endadab (Unduddah Moreaby's) 
dem Siidende des Hauakil-Bai vorbei und dann aud-sud-ostlich zum 
Rap Ma -lira (Mabrah Moreaby, Mora Heuglin), woaelbst die Bai 
von Hdmfale **•) beginnt. "Wie in alien Buchten der Erythraea 
wQcliert auch in dieser ein raacbtiger Korallenwachsthnm. Sand, 
Scblamm und Seethierreste aetzen sich zwischen die KoralJenaste; 
diese sterten ab und es bildeu sich Banke, die durch Diinen- 



*) Aus welcher Spraoke dieser Name beratammt, ist mir unklar. 
**) Ferneres ubor Bika siehe in Heugliu a. ft. O. 
***) Das Amphilla Moreaby's und Muuiiugur'a , Amphila und HamSla 
HaugUn'g kabe ich aie anderea aU Hflmfale aussprecheu hiiren. 



Reizie- ErlebniHse. 15 

bildung zu Liintl wevden, wenn sie nic.lit duvch vulkaiiische Kriifte 
schon fruher gelioben wurdcn. So entslunden und vergrussern 
aich nocU lieute die Kachen KualenltiDder am Kothen Meere, 
welches einst den Fuss der arabischen und abeasinisch'DubUchen 
Bergketten bespult bat. 

Um 5 Ubr Naclimittags warfen wir unsern Anker Augesidita 
Hanifale. 

Uebrigens batten wir noch eine engl. Meile weit, theils bruBt- 
tief durcb Scblanini, tbeils auf scbarfem Korallenboden und uber 
Aosternbiinke zuruckzulegen, ebe wir uber die Flugsandliugel der 
Diine Haiiifale erreicbten. Es war uin Mogbreb (Sonnenunter- 
gaiig) nnd fanden wir die mannlidie fiewohnerscbaft dea ungefalir 
dreissig Iliitleii zablenden Dorfes auf dem von Steinen und grosseii 
Seeniuscbelii in Form dcs arabiscben Eselruckenbogens einge- 
fassten Betiilalze vor der atis niedriger Korallensteinaiauer mit 
StrobdHch beatehenden Moakee zum Gebete versamnielt. In der 
Absicht, deni Fremdlinge ibre Frr>niniigkeit zu zeigen, zogen eie 
die Gebetubung luoglichst in die Lange und liexsen liiir Zeit, da 
sie mich inzwiachen nicht welter belastigten, sondcrn nur ab und 
zD mit eiDeni neugiengen Blicke tnuatertea, meinen ferneren 
Reiseplan noch eiamal zu erwagen. Dieser bestand naoilicb darin, 
von bier aus in's Innere einzudringen , die ^Salz-Ebene" zu be- 
suehen und von dort sudlich weiterziebend daa Al'er-Land aeiner 
Liinge nucb bis Tedjurra zu durcbwaadern. Mit dem Barkenfuhrer 
wollte ich abmacben, dass er so lange in Hamfale warte, bis ich 
ihm aua dem Innern Befebl zum "Weiterfahren gabe. Wie weit 
ich dieeen Plan auafiihren konnte, will icb im Folgenden erzahleu. 

Nacbdem das letzle Amen verklungen, atellte iuh mieh der 
Gesellschaft vor und bat um eine Besprei^bung mit dem Scbecb 
dea Ortes fur morgen, wobl wiasend, dass icb heute doch nichta 
mehr auariehten konne. Man raumte mir das ^Adari" eines altes 
Weibes ein, worin ich die Nacbt zubracbte. Da daa Miittercben, 
theils um sich zu warmen, dann wobl auch, um auf ein groaaeres 
Geachenk von ihrem Gaste Anaprnch machen zu konnen, ein Feuer 
uiiterhielt, welchea dit Hutle mit dichtem Qualm erfullte, ao 
erireuete icb mich eines Dampf-Scbwitzbadea, das meine dureb die 
letzthin baufigen Regen etwaa aufgeweichte Geaundheit wieder 
vollkommen reetaurirte. 

30. December. Es war mir bekannt, daaa die Macht dea 
Ortavoratebers Mohammed Diddii, weil er dem unCergeordneten 
Stamme der Haderema (Leuten aua Hadhramaul) angeborte, nicht 
uber aeine yier Ptahle hinauareichte und so zwang icb ibn auf 
Grund einea mir von meinem verebrten Freunde Munzinger-Faacha 
niilgegebenen Empfehlungaachreibena , zu den Domboita's nach 



IG J. M, HiHeliTHDdt: 

Fridello zu aenden, um von diesen, den eigentlichen Herren des 
Landea, in dua icfa reisen wollte, Begleiter zu erhalten. Didd& 
solle mir jedoch Packthiere schaffen, was er versprach. 

Ich ging Bodann an Bord der Dau, ordnete dort meine Effecten 
und nahm bo viel Proviaionen, ala ich zn einer Reise von einen^ 
Monat fur avsreicbend erachtete , nebst anderen Reiseutenailien 
an'a Land, packte alles zum Aufladen auf Saumthiere zurecbt und 
machte dann einen Spaziergang in die Ebene hinter dem Dorfe, 
nm Ditch Betteleien and Rathversammlnngen za entziehen. Die 
Umgegend Hdnifale's ist keineawegs anziehend; denn gegen Nord 
und Weat ragt der duatre Mangrorewald weit in'a Land und nach 
Sudweat breitet aich eine Sandebene aua, von ditrren Grasern 
und wenigen Acacien bestanden. Characteriach fur dieses Kasten- 
land erscheint die Lepladenia pyroiechnica mit ihren gtiinen Ruthen- 
aaten. Hier begegneten mir die Abgesandten der Domboita, ea 
waren Mohammed-Mnhammed, Sohn dee grossen Domboita- Hauptes 
Osman, und Abd-AUah-Ali, Sohn des Aaa (Edien) Mohammed- 
Ali, welche' die beiden Linien der Domboita, die Nachkommen 
Aaa-Mohammed'a (Osman) und das Haua Ofi^ vertraten. Moham- 
med- All batta derzeit Munzinger begleitet nnd iat von ihm 
in seinem Wesen und Wirken, als Beispiel eines achten 
Afer, trefflicb geschildert. Die erataunlicbe Scbnelligkeit , mit 
der sie meiner Einladung zu einer Beaprechung gefolgt waren 
— hatte icb doch gedacht, ich miiase mebrere Tage auf ifar Er- 
scheinen warten — datirte wohl aua der Gier nach dem grossen 
Lohne, wte sie ihn von meinem Vorganger empfangen batten. 
Sie woUten denn aucb aofort mit den Verbandtungen beginnen, 
indem sie aua Erfahrung wuaaten, dasa durcb die Haat der Euro- 
paer, schnell abzureisen, gewohnlich den Eingeborenen Vortheil 
erwacbst. Ich stelite micb jedoch, als wenn ich den Wertb der 
Zeit mit orientalischem Masse mease and liesa micb einatweilen 
auf gar nichla ein, sagend, dasa vrir ja morgen, „ao Gott wilt" 
die Sache besprechen konnten. So gab ich ihnen Zeit, ibre erhitz- 
ten Fantasien nber meinen Geldbeutel etwas abzukuhlen. 

31. December. In aller Friihe begannen die Verhand- 
lungen mit den Domboita wegen des Fubrerlohns. Bei aol- 
chen Gelegenbeiten oiFenbart aicb die ganze Niedrigkeit der Semi- 
ten wie Hamiten. Wer ea dann unter seiner Wurde halt, eben- 
Talla zu feilschen und zu jammern, mnaa seinen Stolz theuer 
bezahlen. Daa Gekeife dauerte voile fanf Stunden, und war es 
Mittag geworden, als der Preis von dreisaig Mar. Ther. Thalern 
fiir meine Begleiter abgemacht war. Znglelch wurde featgeaetzt, 
dass um 4 Ubr Nach mittag a aufgebrochen werden sollte. So 
geschab's. Mohammed - DiddS , der Scbech, hatte ebenfalla sein 



Ri-iso-ErlebnUHc. 17 

Wort gelinllen -und uwei Porkesel besoi'gt, I'iir doreii Bemilzung 
icti sechs Tliulcr, fast den Kaufwerth tier Tliiere, lablte. Sie 
vrwiesen sich jc-dncb »ls Krcuzlingo von zaiimcn und Wildeseln*), 
die der gespensiisclie Anlilick dcs weissen Pi'emdlings ao entsetzte, 
Unss Hie sich wilbrend des Lndens losnsi^eH uud, als man ihnen 
nachfltellte, in'a (aeiclite) Meer liefen. 

Ea daucrte langa, bis man sie wi'eder eingetungen; sie wurdeu 
beluden, wurfen nber wieder Allea a.b; man paokte noubnials nuf 
iiud abermala sdilenderlen aie die Biindel von aicb. Endlich 
wurden wir denuocb flott und niaTaubirteii iiatlicli gen Fridello 
(vcrgl. Muuzinger'a Kurte a. a. O.) Der Weg fulirte uber die 
scbon oben erwahnte lungweilige Snad-Ebune. Ilier nnd da an- 
stehende Korallenbanke und viele wohlerbaltene Seemuachclscbalen 
gaben Zeugnisa, daaa ditaelbe vor niclit gar fernen Zeiten Meerea- 
boden geweaen. 

Nach vielen argerlichen Verzilgerungen, welcbe una die un- 
bandigen Eael beretlet batten, Inngten wir gegen Sunnenuntergang 
in Fridello an, wo mir in demselben „Da?", welches Munzinger 
voiu 11. bis 15. Juni 1867 bewohnt batte, Obdach gegeben wurde. 
Icb liess ein niiicbiigea Feuer anscburen und brachte die Syl. 
vester-Nacht aucb ohne Pnnscli und beiterc Gesellschaft vergniigt 
zii, befand icb niich docb wieder auf der Reiae. 

1. Januar 1873: Schon vor Sonnenaufgang weckte midi 
ein leichler Regen. Icb aicherte meine EiFecten durcli Leder- 
decken, denn das „Da9", aua zuaaniniengeatellten Bau in a tain men 
erbaut, batte nur die Dicbtigkeil einea Siebes. Ala es Tag ge- 
worden, beaab icb mir Fridello und Uingegend, wabrend meine 
Doniboita-Begleiter gingen, uni Kniueele zum Ersatz fur die un- 
ziibmbaren Pack-Esel zu beaorgen. 

Friedello liegt am Rande dea Acacienbeatandes (Acac, spiro- 
carpa und andere), der sich von der Meeresstrand-Ebene hia an 
die Rander dea Salzbaasin's hinisicht, nur untcrbrochen dnrch abso- 
iut sterile Felder trachytiacber Lava. Bei dreissig Hutten, gruppen- 
weise zu Familiensitzen vereint, bilden das Dorf. Seine Bewobner 
sind Hirten und liaben als solcbe wenige Bedurfniase. Die Ilutlen 
Hiod denn aucb ,,Dassa(a" oder einfaclie „Adaroa", deren Inneres 
ausser der Oloita nur die wenigen zur Milchbewabrung und Bntter- 
bcreitung dienenden Geratliscbaften enthalt. 

Der Viebstand der Afer, ao weit ich es aus eigner Anscbaunng 
kennen gelernt babe und aus dem schwacben Exporl an Butter und 
Iltiuten achiiesae, ist ein aebr geringer. Wie sollte auch ein Land, 

*) Vergl, mcinc „Notiicn llbcr Lnndwirthschjift unil Vifclizurht in Aliossi- 



IH J. M. Hlldebrandt: 

il)i8 liisl niir Iliillte von Siilzwuaten, zuiii groseten andern Tbeil von 
iiiivei'willt'rieii Lavamiisseu uberdeckt Ut uod dazu Qoch so selten von 
Kvgcii Wstriclieii wirJ, lippige Weidcii hervorbringen ? Nur auf weni- 
}i;vit Ebunvu isl ilcs spHrrigen Grasea geuug, uiu kleine Riiiderheerden 
«u eruihren, wiibreiid anderwarts geaiigaunie Ziegeu uud Sctafe 
ilir LeWu imr kuiniueiliuh trisleu. Die kleinen Blatter der Aca- 
cien uiid ander«r Dornbiische bildt^o ncben einigeu sparrigcu Halb- 
ji(riiucberH ihre Xuliruug. Die Afer-Ziegen gehoren theUa der 
gpinShnlea Scbohu-Rni;^ *), (hcild d<;r gazelleuartigen glatteu abes- 
siuUcfavn Art ati; das Schiif Ul dem dcr Suiubur ahnlich, hut 
j«diM^ «inen stiirker entivickellen Fettschwanz. Dagegeo siiid alle 
H«itiiu^ngi,>D. di« das Kaiueel, dieser Spnrtauer unter den Thieren, 
an $«m«m besien Gvdtibeu bedarf, m Luthrockenheit uud Acacien- 
fUttt^r hier gi^gebeii. Wcuu d^nuitcli der Kameelbest^md der Afer 
nN4ii tn^deul^nd |!«n!inui werden k»Dn. $t> scheineu die Ursachen 
kkrviin d»iia su 1it>gen, dass der Bedarf an Milch fur die dunn- 
pe**clo B«T^lkeru&g ton relativ weaigea Tiiieren prodncirt vrird; 
J«r Con^nni an Kame^lO^i^h d.-itf kaum gi!r«chnei werden, da 
*itr **^Ivhe TTiiere . die in d«:ti kuien Zugeo liegeu . unter das 
M^^tr ko4UD]«ii. IKe Afor. wte die iLnen T^maodien Somalen, 
ix'-Ka d*£ Kai;:*'^! ntcttl. Si>d*ss aI$o auob dwrii Lnxus kein Yer^ 
VcsRf^ «t3Kfis>a«t. Nvr dor Tnospon d^ Salies ron der SaU- 
r.Vr;« ss d^a M«kl<ra in Acn »l>e^nifob«B VartKrrgen yerlangt 
.aaT..-*."^ Kj>;;;«1. Kcsnuders da wej*n der s:t!e<-bten Wege die 
Tl,;c.v s«i.r h&'.4 £Kbntn«tlt«T v-erdea. la ubiijen Aferlande ist 
,K*,-vi l{k:.i(^ £:ii W*nilel seLr ^ns,$, •Is^ »Bth di« Kauiee!- 

tVr K.-— '.c-^ !iJ>:i«I »r^t iH-i e«n AStr *sf der niedrigsten 
JSttff s<"!.--(T F-r.^^JckTsiip. ill *r ccmJi <««i 5»i*^i^ Stiibe repra- 
SiTTir; ^iri, wil.-i* »a cca TUakea *** Tli**** d«mt b*fesligt 
•■;rii~ iiii* ik «xr iix^itti^ta Aiti* Circli xwei (ans Basl 
^■*.vi:<7t'- K:r^ Wt «aj tisntr «<=. Hocitr aitd die beidec 
llTSn: S'.->« ^^rdi tixtx ir.a^a tmtt ofn. Ekzcb« zB^ammen- 
^Ak-nn: *-t-r£.;».. Ak i;* iVei ^- VtrKiCtsi: bissusiagendeD 
$^aafT. ciT An,'< Ltr-pt xuks. .mj.^ «i£ ^ipii^: Sala. Wasscr- 
?vi.*>iw4M •■". S^si atx S^-»..*'<5 ia^tt sk^ t-y^afeUs dieser 

S^^ci iii.T-1 ;'U ea.-r. }''>^s*ir<!. S^^^w-incn L^igi(i>::iiaide, Ktsten 
kbi. 1^.- r ■m-.riKu **.: V*^> T.t^.:^:^*^ ak £^ Sc-iica d«r Thiere 
^ i.i.^» n-'.'i i-ji. >j, is^T j;»; li.v\<r «»fl iiiatr Koi^r dem 
?^«.-l!( f •V'ir-. Xil ».;.*!« ■*!.?< S;>aij-1 ait Jiadb die Esel. 
Tte Wui'flL i« A:*: *.'iv..-.i k:; «<it 6a Seniles nnd 



Eeise-ErlebniHsi;. 19 

Geef-Vcilker von gleiclier Ra<;.e, woku wohl ebenfalla das der 
Beschariti nnil Hadendoa zu veclinen iat. Das agyptische, wenig- 
atena das Lastkameel, achliesst si oh dem ayrischen und arabi- 
Hchen an; aacb daa indiache gehort in diese Gruppe, dib aicL 
ubrigens wohl in mehrere Unterabtheiluiigen theilen lasat. — 
Pferde aah ieh nicht bei deu Afer; auch daa Maulthier kommt 
nur aelten von Abeaainien und wird nur zum Salztransport benutzf. 
Dagegen gewulirt man baalig Eacl bei den Dorfern. Sie etiininien 
unzweifelhaft vom Wildesel ab*). Der Eael dient ala Packthier; 
geritten wird er roni Afer nicht, was ebenfalls die Abeasinier und 
Somfilen veiscliniahen. AIs Hauathiere haben wir uoch einiger 
erbarmlicher Koter (Kiitta dev Afer) von acliakalartigem Aua- 
aehen und raagerer Hauakatzen (Dummn) zn gedenken. 

Ea war 10 Uhr geworden , ehe aich meine kleine Gesell- 
achaft in Bewegung setzte. Mich begleiteten die beiden Domboita- 
Fuhrer, ihre zwei Diener, die zugleith die beiden Laatkameele 
beaorgten, mein eigener Diener Abd-Allah uad Cassa, der treue 
abeHsinische Hund. Der Regen, der nna unfanga noch belaatigte, 
horte beini 'Weifermarach bald auf, wir batten namlich den wenige 
Meilen breiten Rand, in welchem die in's rothe Meer fallenden 
Regenachauer uber das Land iibergreifen, durchachrittCD. Von 
hier bis zu den abeasiniachen Bergen fuJlen in aehr unregelmaa- 
sigen Intervallen Niederschliige, die dann aber meist von Gewittern 
begteitet aind und machtige Wasaermaaaeo liefern, welcbe sich von 
der Wasaerscheide aai Didik-Sattel (vergl. un(ea) weatlich in tie- 
fem Torrente in'a Salzbasaio ergiesaen, nordoetlich in eiii Belt 
vereinigt dem Meere zufliesaen. Dieaeci Bette folgten wir. Ea 
WOT jetzt trocken und seine Sohle mit Gerollraasaen [Katkstein 
und sands teioartige Korallen formal ion neben vielen Lavabrocken) 
bedeckt. An den Ufern standen, jedoch sehr zerstreut, einzelne 
hohe hcllgrune Zizypkus apinacristi (Kuasora der Afer) und du- 
atere Balanites (aleito); sie bildeten wenigstena einige Abwecha- 
Inng in dem monotoaen Acacienliain, der, soweit daa Auge reicht, 
aicli hinzieht. Der sandige Boden bringt aonat nichts hervor. 
Daa im Ganzen ebene Terrain wird nur einmal , und zwar links 
vom Wege dnrch ateilansteigende, schwarze Lavumassen, nSenaiio" 
genannt, unterbrochen. In einiger Entfernung von aeinem Fnsse 
liegen melirere Ziegenhlrten-Hiiden, wie man deren uberbaupt 
langa des ganzen Wege s zerstreut findet. An kauni einer einzigen 
gingen meine Doniboita-Edlon vorbei, ohne ihren Tribut an Mileh 
zn fordern ; mir gaben aie nichts , und musste ich mich an dem 
lauwarnien Waaser meinea Schlauthes duratig trinken. 

*) Vergl. Notizen aber Vlcbzucht a, a, 0, 



Gegen 4 Uliv Niidirui flag's erreiehlen wir den Hutlen-Com- 
piex Sugo, wo ich von meinen Begleitern unter nllerhand Vor- 
witndeii gezwungen wurde, zu lagern. Den eigentlicLen Zweck 
dieses friihen Quartiermacliens sollte ich jedocli bald erfahren, denii 
meine wohlwollenden Beschulzer brachten niir ein Scliaf, welclies 
sie als Gescheuk. des Schedis von Sugo ausgaben, das sie aber 
jedenfaUa Ki'aft ihrer liuheu Geburt einfach aus desaen Meerde 
gi,' nun I men batten; obendrein wurde mir eine Hutte eingeraumt, die 
icli JL'ibich ihrer vielen krieehenden und hupfenden Insnsaen Tvegen 
nidU liL-nutzen konnte. Eine Bezahlung Ibrderten sie nicht so- 
gleich 1 das konne ja morgen abgemacht werden, Obgleich ich 
derartige Kniffe kannte, so muaste ich mich dennoch fagen. Das 
Schaf wurde zerlegt und theils gekoclit, theils auf heissen Steinen 
gerostet*); auch eine Art Wurst bercitete man, ganz in der Art 
der Habab-Volker. Nodi spat in der Nacht hortf ich das Enackeii 
eerkaueter Knochen, bis endlich Alles Terzehrt war und es slille 
■wurde. 

2. Januar: Mein erstes Geschiift war, die Zeche zu zahlen, 
waa ich dureh Entricbten des doppelten Werthea dea Schafes und 
Hinzufiigeu von 1 Mar. Tber. Thaler liir die nicht benutzte Hutte 
voUuuf getban zu haben glaubte. Ich hatte jedoch die Recbnnng 
obne den Wirth gemadit, dean die Piihrer baten, ich miige dera 
Scbech dea Ortea , d. h. ibnen selbst , statt drei raindeatena 5 
Thaler als „ Gegengeachenk " niaehen; wenn ich jedoch durchaua nicht 
mehr geben wolle, ao musae er auch mil drei zufrieden aein, und 
nabmen sie dieaelben in Bmfang. Als ich jedoch auflireehen wollte, 
atellte es sicb heraus, daas ein Kameel trotz alien Sucbeus 
nicht zu flnden sei. Nun wusate ich, wnran ich war und legte 
die Mehrforderung obne weitere Auseinanderselzungen zu, ware 
icb doch sonat nicht von der Stelle gekonimen. Naturlich fand 
sicb nun aofgrt das vermiaate Kameel, und der Aufbruch konote 
gegen 7 Uhr etattfluden. Die Gegend blieb dieselbe , wie wir 
sie gestern durcbwandert, ein ebnea sandiges Terrain von Acacien 
bestanden. "Wie Taga vorber dem Torrente folgend, erreichten 
wir gegen |^9 Uhr Vorniittags Sugo-Biije, einen in das Bett dea- 
Belben c. 2™ tie!' durch Gypsfela geteuften Brunnen, deasen "Wasser 
klar und knhl iat. Am Rande der BrnnnenoiTnung bat man Troge 
aus thoniger Evde aufgefnhrt, aus denen daa Vieh getrSokt wird; 
ea iat dies eine Einrichtung, die sich bei vielen afrikaniscben 
Vijlkern uud ebenfalla in Arabien angewendet flndet. Sngo-Buje 
entbalt wahrend des ganzen Jahrea Waaaer, und scheinen , wie 



Reise - Erldraiaae. _ 2 1 

nofh jelzt , sclion von Alters hei" Ansiedliingen in seiner Niihe 
beatanden au liaben , wovon die vielen Grabnialer zeugen. Sie 
gleiuhen denen der Gec^-Volker, indem eine in die Erde eioge- 
laitaeDe sargalinlichc Mulde nus zusiitiiineiigestellten flnchen Sceinen 
den Leichiiuni birgt. Zu Huupt und Fusa, oder uur am Kopfende, 
riclitet man eiuen pfeilerartigen einzelnen Stein auf, der milunter 
aiich wohl i'ehlt. Nun fuhrt man aus flacben, ^ b ere in an derge leg- 
ten Steinen eine c. 1™ hohe Mauer rund um die Sargmulde in 
oft bis 6 Meter radialer Enlfernnng auf und fnllt den Bo entetan- 
denen Kreis niit kleinen Steinen aus, bis ein Haufen entstebt, der 
dHcbforoiig tod der Umfusamauer zuni Centrum leJcbt iineteigl. 
1st der Todte im Kampfe geblieben, bo ehrt man sein Andenken 
durch einen hobern konischen Steinliaiifen. In Biiri sah ieh Griiber 
aus einer Periode vor der Einfobrung des Islam, da dieaelben nicht 
nach Mekka gericbtet aind. Sie zeigten ebenfalla die Sargmulde, 
iiber die hier jedoch cin niedriges Gewolbe ans Felsblockchen auf- 
geFiihrt war, dessen Eiogang durch eiuen Stein geschlossen ist. Icfa 
kroeb iu mebrere hinein, konnte jedoch weder Kuoubenreste, noch 
sonst etwas gewahren. 

Nachdem die Kameele getrunken, befestigten wir ibre Lasten 
besondevs sorgfaltig, denn yor nns lag ein Bergzug, dorthin bracben 
wir auf. Bald umgab una die diistere Bchwarzbraune Lava ; bier 
weite Ebeneu oder weliige Hiigel mit Bomben and Brocken be- 
deckt . dort als zevrissener Grat eteil ansteigend. Nur selten 
siebt man in den Thalschluchten kutnmerliclies Dorngestrupp, eonst 
ist Alles todt. Nuf das Stohnen der oft straucbelnden Kameele 
und der monotone Kuf der Treiber unterbrach die Slille. Imiiier 
nocb deni Torrentbetle folgend, batten wir gegeu 11 Ubr den 
Sattel des Gebirges, Didik genannt , erkloinmen und atiegen nun 
den westlicben Ablmng binunter. Bfes dustere Ansehen der Gegend 
bleibt daa Gleiche, wie ebenfalla ein Torrent, Alas genannt, den 
Weg bildet. In seinem ^tte bielten wir Mittagsrast , kocbten 
unsern Eeia und liessen auch die Kameele von den Acacien, die 
hier und da am Ufer standen, ihr frugales Maht halten, welches 
jedoch nicht anareicbte nm ihren Magen zu fiillen, so dass wir 
beim Weitermarscb , dev gegen 3 Ubr begonnen wurde, oft weit 
vom Wege abweichen mussten, um zu Kussora-Biiumen {Zizyphus) 
zu gelangen , deren AesI.e die Afer mit ibren Schwerdtniessern 
abhieben, um sie von den Kameelen abblattern 7.n laasen. 

An den Wiinden eines Trachylhugelzugea wiichst die prucfat- 
voUe Caesalpinia elaia Stv.-, ibre praehtigen Rhododendron-ahnlichen, 
rothlicben Bluthen in grossen Striiussen heben sich leucblend ab 



*) Dia Verebrnng gsiriBBei Bfiums findet auch bei deu GAla b 



.* ; ^. " ' • :-•• , - • > -- . - 

22 J» ^' Hildebrandt: 

gegen das dustere Braun des Gesteins. Es ist der Djinneameito 
(Geistersitz) der Afer. Sie verehren den einzigen Baum mit scho- 
nem Bliithenschmuck, den ihr trostloses Land tragt. Keiner meiner 
Leute wagte, aus Furcht vor dem Damon, der ihn bewohnt und 
schiitzt,*) Aeste von ihm abzubrechen und so kletterte ich selbst, 
vom angstlichen Blick der Begleiter verfolgt, auf ihn hinauf, um 
nieinen Bedarf an Herbar-Exemplaren zu holen. 

Wir folgten dem Torrent Alas und bogen dann, nachdem ein 
Hiigelzug uberstiegen, links in eine tiefe Schlucht ein, die den 
Namen Ramud fuhrt. Dort findet sich Wasser bei geringer Tiefe, 
mit dem wir uns fiir die Nacht versorgten und dann bis 8 Uhr 
weiter durch das wuste Hugelland zogen; dann machten wir Halt, 
assen Reis und Datteln zum Abendbrod und betteten uns, so 
gut es eben auf dem von Lavabrocken bedeckten Boden gehen 
wollte. 

3. Januar: Mit Sonnenaufgang zogen wir weiter iiber 
trostlose Hugel und iJbenen bis wir gegen 9 Uhr in das tiefein- 
gerissene Bett des Torrent Walde-Disso hinabstiegen , dem wir 
folgten. Die steilen Wande desselben bestehen aus kornigem 
Gyps und sind durch Auswaschung ungemein malerisch zerkluftet. 
Hier quellen mehrere schwache Rinnsale, die sich zu Tiimpeln 
vereinigen, worin das wenige Wasser in demselben Masse ver- 
dunstet, in dem es zulauft. Dies Wasser ist brakig und hat eine 
dunne Salzkruste angesetzt. Ich fing darin mehrere Wasserinsec- 
ten. In diesem Torrentbett treten zuerst die den Randern der 
Salz-Ebene characteristischen Dompalmen (Unge der Afer) auf. 
Sie bilden sonderbare Horste theils junger, noch stammloser, theils 
alter Baume, deren einige durch Wildwasser umgestiirzt waren; 
ihre Kronen batten sich jedoch im Weiterwachsen wieder erhoben 
und vereinigten sich mit vielen Sprosslingen, die an der Stammbasis 
ausgewachsen waren, zu einem dichten Gewirr grosser Facher- 
blatter. Dazwischen mischen sich Tam^skengestriippe und halten 
Triebsand und Geroll fest, sodass eine solche Vegetations- Colonic 
inselartig fiber die Sohle des Flussbeckens erhoben erscheint und 
einer nicht gerade abnormen Wasserfluth zu widerstehen ver- 
mag. Um einen Bogen , den das Torrent Disso *) . nach Nord 
macht, abzuschneiden, stiegen wir seine linke Boschung hinan und 
schritten fiber eine durchaus vegetationslose Ebene, die nach dem 
Barometerstand ungefahr Meereshohe haben mag (vergl. Obser- 
vationen am Ende des Itinerars). Sie ffihrt den Namen Bekkare- 
diirra. Hier tritt, von Gyps und trachytischer Lava umgeben, 



*) Manzinger cennt es ^Woraris^, eine Bezeichnung, die meine Begleiter 
nicht kannten. 



RnUi- - Erjebnisse. 23 

eine wohlerhaltene Koral leu bank zn Tage. Von hier aua Imtto 
Ich den ersten Niederblick anf die Salz-Ebeiie. Blendend weisa 
wie ein Schneefeld, daa iii der Sonne glitzert, breitet sie sich 
ana, erst in weiter Feme dnrch die majestatiachen Masscn des 
abessinischen Alpenlandes eingerahmC. Obgleich Ich kaum die 
Zcit erwarten konnte, dorthin zu gelangen, so gebot dodi unsere 
Erfichopfuag und die entsetzlicho Hitze, die doppolt fuhlbar war, 
da sie von dem Felaboden zuriicltgestrahlt wurde, Rulie und 
Schatten zu suclien, Wir fanden beidcs, ala wJr wieder das Tor- 
rentbett erreicht, in einev der vieleii ^Cabiijo* genatinteii Iloblen, 
die in seiner Boschung ausgewaschen sind. 

Da es Mittag geworden, so bereiteten wir unsev Mahl. Gegen 
3 TJhr beladen wir die Kanieelo wieder und stiegen iiber eino 
sanft geneigte , jedoeh vielfach zerriasene Abdachung aus Gyps, 
der in grossen etsscbollenahnltchen Silenitmassen aufCritt, zu einer 
Sand-Ebene nieder , die den diinenartigen ausseraten Rand dea 
etwas Tertieften eigentlichen Salzbaasins bildet. Die Vegetation 
dieses Sandufera ist die gleiche, wie sie an durren Strandstellcn 
des rothen Meeres auftritt; Suaeda-Ajleo, Calotropia procera, diirrc 
holzige und stachelblattrige Oriiser. Tonangebend ist jedocb die 
Dompalme; sie bildet Bosquels aus mehreren aetigen Stiinimoii 
und vielen Schosslingen mit groasen tiefgriinen Blaltorn. FJug- 
sand hat sich um sie gesanimett, so dasB sie auf kleiuen Hiigeln 
stehen. 

Oasengleich dunkten mir diese Gebnsclie gegen ilire Iroatlose 
Umgebung. und war ich herzlich froh, als die Fiihrer an eineiii 
derselben Halt fiir die Nacht geboten. Es bildet* einen vortreff- 
lichen Schutz gegen den Nordwind, der fiber die endlose Ebene 
jagte. Ee ist dies der gewohnliche Rastplalz der Karavanen und 
uns bereita aus Munzingei's Reisefaericht ale nKollahari" bekanni. 
Die Wasserlocher in der Nahe , c. 1" tief in Sand, enthielten 
noch ihr zwar brakiges, aber uns dennocb willkommenes Nnss; 
die Btillvergniigten Woyta-Afer jedoch, die nieinen Vorganger mit 
Domwein gelabt, sie waren, noniadisirenden Hirten gleich, fortge- 
zogen, da sie hier alle Paloien leer ^gemolken". 

Als ea dunkel geworden scburten wir aus abgeatorbenen 
Domblattatielen ein hellloderndea Feuer, bei desaen Schein meine 
Begleiter einen Tanz aoffiibrlen., Er atellte ein Gefecht dar und 
ihre Sprunge alinelten dein Galopp von Pferden; vielWicht eine 
Erinnernng an die Reiterachlachten ihrer Gi\a-Vorfa,Ui. 

4. Januar: Xach einer unler den Palmkronen, in deneii 
der Starke Nordwind raaselte, kostlich durchitchlarenen Nachl 
zogen wir weiter. Als WegweJaer diente una der Asa!*; (i. e. RolJi- 
berg Ton ^aea'* roth and ^ale" Berg), welcher eich neben den ctwa« 



'2( J, M. Hildebmndt: 

nordlicher gelegenen Delol-Hiigelii aua dein Salz-Felde erhebt. 
Je jnehr wir nn8 den ielatern nUherten, desto dnrftiger wnrde 
die Vegetation. Zuerst verschwanden die Paimen und Caloiropis, 
danii die tiraaer nnd endlich waren auch die letzteu Suaeda- 
fiiisclie hiiiter uns. Der lose Donensand, welcher den aussersteo 
Giirtel dee SalzbasainB bitdi^t, uud \a Acia diese Pllnnzen wurzein, 
ist offenbai der Gypsformation nufgolagert, welche der gaiizen 
Mulde als Sohle dient. Sobald man diesen knstenartig geboschten 
Saani aberechritten liat, tritt der Gypx wieder zn Tiige. Da Ann 
Waeser, welches ala Regen und Nebel niedergenchlagen und dureh 
FluBse Abessiniens und der Arata-Hngel zngefiibrt wird, unl' ihin 
verwt'ilt, so tost es die neicheren Theile deaeelben auf und aetzt 
sie in den Vertiefuiigen als Letten (von briiunlieher Farbe) nieder, 
welcher vermoge seiner Faliigkeit, "Wusser auch bei starker Be- 
sonnnng in sich zu halten und darch seincn Gehalt nn Salz, daa. 
wie er selbst, Feochtigkeit ana der Luft annimmt, steta schlamniig 
hleibt. Selbst wenn , wie an manchen etwaa weniger vertieften 
Stellen, sich durcli VtrdanstuDg eine harte KruBte anf aeiner Ober- 
flacbc gebildet, auf der daiin Salzkryatalle ausbluhen, bleibt der 
daninter liegende Letten raorasti'g; diese, einer leicht gefrorenen 
Erdsehiclit, auf der Reif liegt, lilusehend ahnliche Lage, echutzt 
vielinehr den Schlaram vor -weiterer Vertrocknung. Gegen 8. W. 
vertieft aich alhniilig die Gypssohle des Beckens, bis sie Hire 
Biischung durch randartige Drhebung am Fusae der Abessiniauhen 
Berge erreicht. Am bedeulcnsten iat die Depreasinn des Beckens 
gegen Sud, wo sich die in der Winlerregenzeit aus den abessini- 
sohen Berglanden atrilmenden Gewaaser , der Sabba nnd der 
Ambodo^ita (in seinera Oberlauf Ala genannt) nnd die Wasset 
des Kibredlo (,,Kibre„ Scbwcfel, „ale" Berg) in das Salsfbasain er- 
i zura See Alolebodd (bodd i. e. Meer, See) sammeln. 

Wiihrend ich in den vorhergehenden Zeilen versuchte, die 
Depresaiou der Oypssohlc iiach Siid und Sudwest darzustellen, 
muss iuh nun hinzulugen , daas das Obe rflachen-Niveau vom 
Alolebodd bis einige Milea nordlich von den Delol-Hiigeln und in 
4 bis 5 Miles Breite absulut daa gleicbe iaC. Auch die geringste 
Vertiefiing ist durch den vom Wasser mitgeluhrten Gypsschlamm 
ausgefullt. 

Dieaes Oebiet ist die eigentltche Snlz-Ebene. Hier lagerT 
auf dem Gj^iaschlaram eine circa 0,5™ niiichtige nnnnterbroehene 
Salzachidit, deren Krystalle darch zwischengomengten Gyps zu 
einer festen Kruste verkittet sind; viele kleine Krystalte ragen auf 
ihrer Unterfliicbe in den Scblamm hineln. Die Oberflache ist da- 
gegen ghitt, jedoch durch Spriinge, die bei Zusammenziehung durcb 
Terduustung des Salzwassers entstanden, in heterogonale Schollen 



— RcisG-ErlebuiaaB, j]^ 

vnn 1 — 3 Quadralrneter Gropse zernssen. Diese Sprunge aind 

ubrigens Aareh ausgeblfllite SiitzkrysUille, welche sich sogar fiber 
die Schoilenrander erheben, Jiusgeffilit und bilden Bcbneeweisse 
Zeichnungen anf der etwas in's Graue spielendea Sakkruste. Die 
EntBtehung dieses Salzdeposit lasst aieh ftuf verscbiedene Weiae 
erklaren. Erstlicti zoigen Korallenbanke an den Riindern der 
Ragad*) und viele Seemuachelreslo in dem von mir bereita oben 
rIb Dune bezeicbnelen, eJne uusgeBprochen littorale Flora tragenden 
iinssern Gurtel derselben, dass die Senkung frfiber yoiii Meere 
BUBgefiillt war, desaen Nivean (d. h. das der Eiythraea) jetet nber 
200 englisebe Fusa biiher alg die Ebene bei Asale liegt.**) Wenn 
wir una Munzingers Anaiclit anachUeaaen, so communicirte diese 
binnenseeartige Mulde im Nord in zwei Canalen bei der Aneale}' 
und der Hauakil-Bai niit dem rothen Meere. „Zeugen dieser 
Verbindung, fuhrt er tin, sind die niedrigen, mit Muaehein bedeck- 
ten langgedehnten Ebenen (wis Adaddo), die jedoch au hoch liegen, 
urn als Seebildungen angenommen werden zu konnen , aondern 
vnlkanischea Wirken erhob eie in Terrussen und isolirte die 
Sftlz-Ebene". Das zuruckbleibende Seewaaaer verdiinstete, aeineii 
Salzgehnlt hinterlaaaend, der sich jedoch niobt an der gauzen 
Oberfliicbe der Salzebene als gleichmassig dunne Schtcht anseUste, 
snndern mit der imnier concentrirter werdenden Lake die tiefste 
Stellc, d. h. vro jetzt das Salzdejjot sich befindet, aufsuchte, um 
dort zu verharten. Anderntbeils laast aid) uus der das Salzbasain 
biidenden Gypsfornialion auf daa Vorhandensein von Steinaalz 
echlieaaen. Nehmen wir nnn an, daas ein Lager desselbon etwa. 
an Stelle des AUolebodd gelegen, sich in dem von Abessiuien und 
Arata zufiiesaenden WaBser geloat, von jhm bis Aaale und Delol 
BUBgebreitet und als Kruste abgedunatet sei, so hiitten wir auch 
hierduruh eino Erkliiruug zur Entstehung der Salzfelder, welche 
nm ar» mehr Gewicht hat, ala noch bis heute ein ahnliohea Wirken 
Tor sich gekt. Bei meiner Zurnckknnft wehte namlich ein Sud- 



") Kigad {ti'ovon wohl Biilgada ies AlTarcz. viil. Hist. 6e Etliiup.) let, 
vie Munzrnger a, n. O. pag. 207 riclitig enfTilhrt, dor Name fUr die game von 
ibm „SBlzbii9Bin" genitnnte Senkung in der gcsonimtcn Anadehnnng, „Asali" 
(richtiger AbiIc), wio nuf seiner Kurto hierftr tmiJ lugloich filr den too Salt 
gobrBacht«ii Namen ..Saltplain" |iu doulacli RBlB-liberK') stelil, konn nur zur 
Bczeiclinocg d<» Rtgula, bCcbetDoii auch noc^li der ibm nficbetlipgendcn Salz- 
brOcbe dienea. 

**) Dia ersten Nachrithteu Obcr die Snh-Ebeno (terra salis) waren Biem- 
lich unklar. Ludolf (comment, p. lOS) glanbte in ihr (nftch Mendcz) die erme 
Stale der AboiiBiniBUhen Plaloaox iq erkeonen (dabor Rittei'B „SaIi1«rrBase''), 
Auch Coffin, der sie 1809 krtunto. hielt dieaclbe far cine eiu/acbe Ebene. 
ErBt Mnnzingcr hgle durcb MeBsungen ibr Niveau klar. Tergl. aucb Auhang 
BU dieaer Arbeit. S. 36ff. 



a^. J. M. HUdebr'tndt: 

Wind nnd fand ich die Salzfelder vom Allolebodd bia c. J^ deufsche 
Meile nordlich der Delol-IIiigel niit einer bis an die Wade reichen- 
den Wasserschicht nberfloesen, welche bei grosster Klarheit eine 
moglichet concentrirte Saklosung darstellte und die bei spaterer 
Verdunstung die von ibr iibecflossene Flaclie mit einer erneuten 
Salzlage fiberBieht, Bei Krystallisirung dea Salzes achlagt sich 
der in der Luke enthaUetie Gyps zn unterat nieder und es ent- 
steht dadurch ini Durcbbruch der Kruste ein schiclitiges Aosehen, 
etwa wie das der Jahrearinge im Holze. Jede Schicht entspricht 
einer Inundation. Hierdnrch ist denn auch die SalzachoUe in 
horizontaler Ricbtung relativ leicht apaltbar. Ich konnte nicbt in 
die Nahe des Seea gelangen, des Scbtammea wegen, der mir weit«r 
nla eine engliacbe Mei!e von demaelben bereils bia an den Giirtel 
reichte. Die Tiefe dea AUolebodd wird von Munzinger zu ein 
bis vier Fuss angegeben. Heine bei verschiedenen Afer unab- 
bangig gcmacbfen Erkundigungen schwankten zwischen Knietiefe 
und Unergrundlichkeit; ich glaube jedocb , dass keiner meiner 
Bericbterstatter jemals dort gewesen lat, da sie ja dort nicbts cu 
Buchen haben. 

Nach dieaen Bemerkungen nber die Salzfelder, die ich znm 
allgenieinen Verstandnisse voransaebickte, obgleich aie mir erst im 
weitern Verlaof der Reiae klar wurden, fahre icb in meinem Ttinerare 
fort. Den Aeale-Fela ala Wegmarke, konnten wir trotz der oden Mo- 
notonie der endloa erscheinenden Ebeap nicbt irre geben. Bald batten 
wir, nacbdeni die diirch Salzbluthe aufangs nur als bereift erschei- 
nenden leichten Vertiefungen des Teiraini allmahlig daa Ansehen 
eisbedeckter Tfimpel angenoninipn, die, je iveiter wir scbritten, 
grosaere Dimenaionen annahmen , daa Salzfeld in seiner meilen- 
weiten Ausdebnung erreicht. Es gleicht tiiuscbend einem gefrorenen 
See, und da die glatle Oberflache der Salzkriiste mindestena die 
Harte „atunipfen" Eises hatte , ao wurde ich , wenn ich Schlttt- 
achube — ein allerdings fiir den Afrika-Reiaenden nicbt gerade 
unenlbehrlicbea Gerath, — mit mir gefubrt, mich nud gewias noch 
mehr meine Begleiter kostlich amiiairt haben. Die fenrigen Strablen 
der Sonne versengten jedoch aofoit alle Illusionen uad Tritume 
von der fernen Heiinath and beleucbteten grell die Gegenwart, 
Teh legte statt der Scblittacbuhe demuthig Palmatroh-Sandalen*) 
an, um mein Schuhzeug zn scltonen, und echritt auf dieaer feder- 
teicbten Soblenbekleidung wacker furbaas. Plotzlicb jedooh ge- 

*) Sie aind aas Domblatteegineiiten sebr roh gcSochtcn und nerden nie 
LcdersundaloD befestij^, die Ei<^, da letzlere dnrch SaU Icidcn, ersetien. Ibre 
Haltbarkeit ist geriiig and eieht man nnf den EnraTanenetraeEen, die die Balt- 
Ebcae kreuzea, hundcrto veracblissuD umberliegen. Ein Paar dereelben iiber- 
gBb ich dem EOuigl. Landivirlhschaftliclieii Mnsenm^nnter Mr, 108. 



ReiBo-ErlDlinlase, 27 

boten meine Fiihrer Halt, Sie glanbten aiis den diinklen Punkfen, 
die wir auf der weiasen Salzfliiche bereits seit liingerei' Zett bemerkt 
und die mir als Salzarbeiter bezeichnet wurden, Abesainier, d. h. 
Bauber zu erkennen. Ciese steigen n^mtich von Zeit zu Zeit in 
Ilorden vnn ihren Bergen und uberfallen die Afer, die im Schweisae 
ihrea Angesichls Salz in die znm Transport besUmmten Sliicke hauen, 
nehnien ihneu diese ab und morden jeden, der aich ibren FeueT' 
wafFen widersetzt, schleppen audi wohl einen oder den andern 
in die Sclaverei. 

"Wahrend meine Begleiter weiter gingen, um auszuspaheii, 
blieb ich bei den Kameelen; ein Fernrohr besass icb nicbt mehr 
- — es war niir bereits auf friiherer Reiae in Arabien geslohlen. 
— Die SatiiHrbeiter erwiesen sieh jedoch als Afer und Freuude 
nieiner Leute. Bald befanden wir una unter ihnen, Es mochten 
wohl 300 aein, welche ihre Zelte — wenn man ein Stiick Matte, 
daa iiber drei Staben hangt und Nachts als Beltunterlage dient, 
ein Zelt nennen kann — auf deiii Salze aufgeschlagen batten. 
Als faat auaarhliessliche Nahning dient ibnen ^Adilo", gerosteter 
und geachroleter abessinischer Weizen niit deui viele Stunden weit- 
aua den Dngabergen bergeboltea Waaaer zu einem Brei geknetel, 
der riih verzehtt wird. An Feuerungsmaterial ist auf den Sala- 
feldern nalurlicli nicht zu denken. Das einzige Geratli zu ihrer 
Arbeit iat die Giidnia, ein keilformiger eiserner Schub*) au dem 
kiirzern Arm cines r. zwei Fuss langen holzcruen bakenformigen 
Stiels, Hierniit brechen aie die Salzacbollen auf, tragen sie dann 
in den Scbalten unter ibr Zelt und bauen aus ihnen Stiicke von 
c. 8 ZoU Lange, 3 Zoll Breite und 2 Zoll Dicke, deren Enden 
sich leicht verjSngen. 8ie haben dadurcb die Form unserer Senaeu- 
welzateine und wiegen ungefabr 1 Pfnnd. Um den Rand derselben 
wird ein scbmalpr Streif von dem fascrigen Blatte der Sansiviera, 
die aus den Vorbergen Abeasiniens, wo sie hauflg wacbst, geholt 
wird, gebunden, was wohl geschieht, um daa Stuck wahrend dea 
Transportea zu schiifzen und selbat dann noch zuaammenzuhalteu, 
wenn ea durch Sfosae Spruuge bekommen. Diese Salzstiicke fuhren 
den Namen Asboda (von asbo: Salz.) Der Transport des Salzea 
zu den Markten in den abessinischen Vorbergen (der Doga) auf 
Kameelen, Maultbieren, Eaeln und dem Rucken der Franen, aucb 
g P nd die 

B g d i g ( p g 221ff.) 

D 09 E m g on Ein ahn- 



28 J. M. Hildebraiidt: 

1867, (ilao Yor dem „ abessinisclien Feldzuge" geschildert, iat wie 
icb aua meineii eigenen eingezogeoen Erkundigungeii ersuh, noch 
heute (1873) unverandert. Die Miliionen Maria Theresia Thaler, 
welche die engliachcn Heersuhaaren uuf ihrem Zuge nach Magdala 
ADSgeschuttet, und womit sie aich nach abeaBiiiischer Ansckanungs- 
weise den Sieg erkauft*) , iaben also keineswegs vermocht, das 
voliiminose Salzgeld dui'ch Manze zu ersetasen. Noch jetzt gilt das 
Spruchwort in Abeasinien: Jetijand iast Salz, waa bedetitet: er iat 
reich, „verzehrt Bein Geld".**) 

Wir verweilten wahreiid der Mittagshitze (34" C.) nnter dem 
Matte nachatten und setzleD gegen 3'^ Uhr unaern Marseh fort, 
Abweiehend von der bia jetzt verfolgten sud-westlichen Route 
wendetea wir una siidlicb dem Kibreale (Schwefelberg ••*) zu, deasen 
Bcbwarzea vulkanisches Gestein als e. 600' hoLe vielfacb zerkluftete 
Mauer audlich die Salz-Ebene begrenzt. Der Weg hierhin fuhrte una, 
nacbdem wir die Salzbrucke binter uns gelaaSen hatten, ilber moraad- 
gen Boden znm aandigen, meeratrandahnlichen Rande der Sala- 
ebene. Hier beginnt wieder einige VegetatioD: Sitaeda, Graaer, 
Aervn., Halbetraucber und Acacien. Anch die Dompulme tritt 
wieder in uppigen Baschen auf. Wildschwein- und Antilopen- 
spuren und Vogelgezwitscher zeigen , daaa anch das Thierleben, 



*) Auf lUo FfBge, warimi sich. tlie Abcssinicr ffir dio zwcitHiHrlslo Nation 
der Erde huItOD — die MuBk^ui (Rueaen) crkeunen Eie Hla die tmio an — , 
da sie docb von dea Euglandorn durcli Wailengeivalt besiegt seiei), bbrte icb 
oft die Erkl&raag gcben: „Wir smd nicht durch die WnEFen des ecglisckoo 
Heerea, sondern durch ibr Geld besiegt. Wir hattea hpine Soldnten , dann 
jeder Abeseinier, der eino Waffe leiass, raubta sdiiKS BcbtrHchern Kachbarn 
Vieh und Korn und verkaufte ee zw enorm<in FreiGCn an die Engiftuder. Ueber- 
baupt babeo die kolosealen Geldeommen , die die Engl&ndcr nach Abessinien 
gebracht, wenig Gute$ gOBtittct, da sie vom glUcItlichett Beeitier aua Fnroht vor 
der Habsueht der MlLehtigon oatweder iu dea Erdbadea, diesen sicbcrsten Geld- 
scbrank, verecharit, odcr zu oft ungemeiu schweron SekmucksnchoD yersebmolion 
sind, die von den Wciberu umbergoachleppt werdon. Selbst dor KaiHcr-Kaiser 
Johannes, der scinem frdbflrn Bamen „Cassa" (der ungefElhr so viel als der 
Beutcmachende, „Mebrer" bedeutet) noch jetit Ehre macbt, hat nicht vermocht, 
yiel auB ilem dorch die Briten von ihm bcglOrkten Abcssinien zu erpressoa, 
denn iui October 1372 onthiolt dio Kasac Casia's nnr noch 2000 Thaler und 
die roichon Gesohenke Englands waron auch vertban. D. V. 

**) Dot Werth des SnUos war au Alvarez Zuit 120—130 Stllck per 
Dracbmc Gold, cine Tagereisc vum Biuch 5—6 Stfick woniger-, in Gondar 
galten 6 — 7 Stfick cinoa Dinaro ; noch wciter innlands 3—4 emeu Sclaven und 
endlich wurde, nach demaclben Autor, das Bali mit Gold aufgowogen. 

***) Ob auf dem Eibre^le Schwefel gcfuuden wird, kana icb nicht sagen, 
da meine BegUitcr es nicht auzugeben wuasteii. Eg war ibuen jedoch bekaant, 
dass die Abessinior von flen Delul-HEgcln Salpeter nod Bohwefel holen urn 
Pulvec zu bereiten , welches bekanntlich der ahcsBiuische Soldnt flith selbat 
fertigt. Die Afer habeo keine Schuaswaffcn und bcuten nach Dclol nicht 



Bei^f Ci'li biiisse. 29 

welches von den Salzgcfilden so giinz verbannt ist, tier wieder 
auftritt. Gegen J^6 Uhr erreiehten wir das jetzt trockne Fluasbett 
des Ambodoitii uiid triinktep die Knmeele an den c. 2'° tief in 
ibni gegrabeneu Wasserlnchern, Tibuje genannl, Una sellist jiber 
wuachen wir tiiebtig ab, da unsere Haiit durch Salz incrustirl 
war. "Wir hielien una jedocb hier nicbl lange auf, aus Forcbt vor 
abe.ssinischeu Raubeni, die gegen Abend ebenfalls zuni Wasser 
kommen inocbten, sondern eogen bis 7 Uhr in sudlicher Richtuug 
weiter, liessen dunn die Kameele eine Zeitlang fressen und nabmen 
selbst etwas kalte Kuche (Dattein) zu una. Ein Feuer anzumuchen, 
hielten meine Leute fur gefabrlich, da ea Feinde autocken konne. 
Dann Bchrilten wir weiter durch die Dunkelheit, gleichsam in 
Schlachtordnnng, denn jeder Buscli konnle einen Feind verbergen. 
la der Mitte giugen die Kameele niit ihren Treibern, die aufs 
Sorgsamate dua Stohneu der Tbiere zu verhuten suchten; zur Seite 
in weitem Abatande plaukelten wir andern, mit gespannter Aufraerk- 
sanikeit aualauernd. Jedocli begegnete una Nichts und wir erreicli- 
ten gegen 11 Uhr Naclila, bald fiber holperige Lavafelder, 
bald knietief durch feinen Sand watend, den Fuss dea Kibreiile, 
wo wir uns nnf weicbem Sundbetl zum Schlafen iiiederlegten. 

5. Ja u u ar : In aller Friibe zogeu wir weiter den dua- 
tern Lavazugen dia Kibreile entlang, uber eine weitgedehnte Ebene, 
Dorrum genannt, die, wie Barometcrnieasung (aiehe Anhang) ergab, 
noch tiefer ala die Salzebene liegt. Sie ist von schwerem tief- 
griiniligen Letten, der dem der Snla-Ebeno gleicbt, uberdeckt unci 
acheint iin hiichaten Grade ciilturfiihig, besondera wenn ea geliinge, 
die Bergwasaer Abeaainiena auf aie zu leiten. Friiher sollen hier 
Dorfer und Pflanzungen der Afer bestanden haben, wie meine 
Fiibrer erzahllen, die jedoch von den Abeaainiern zeratort wurden. 
Jetzt atehen nur einige kfiromerliche .^Maerfa-Busche darauf. In 
einer Vertiefung der Dorrum-Ehene hat aich ein kleiner Regen- 
waaaerteich erhalten. Weiter sudJieh wurde der Boden wieder 
aandiger und von Acacien hainartig bealanden, deren feinveriis telle 
Kronen von den tiefgrunen achweren Laubniasaen der Doui- 
palnibiische unterbrochen wiiren. Dies ist daa Heim der Woyta- 
Afer, einea Theilea der Salzarbeiter. Wabrend ihre wenigen Ziegeu 
und Scbafe das diirftige Acacienlaub und die armseligen Ilalbatraucher 
henagen, vereinigt die Dompalme in sich AUea, „wtia zur Leibea 
Nahrung und Notlidui-ft" dieses Volkchena gehort. Ihr dichtea 
Laubdach schutzt sie gegen Sonne und die seltenen Reg<?nachauer 
und niacbt so die Hiitte iibevfiusaig; aus deu jungen BlatLern 
fertigen sie ibre Schlafmatten und der Saft derseiben, Dome-Chan 
(Doniniitch) beiieichnend genannt, bildel ihre hauptsacblichste 
Nahrung. Oenn die Milch ibrer kleinen Heerden kann kauni hin- 



30 J. M. Hildobrandt: 

Kugerechnet werden, und daa „Adilo", welches ilinen Vntei' und 
Briider als Arbeitslohn vnn den Salzbriichen bringen, durl'te auch 
nicht reichlicli aein. Ware es nicJit die enuunternde Kraft des 
Palmweins, welthe sie feseelt, laiige sebon hitUen sie ihre sonst 
so ode Heimath verlasaen , in welcher sie in stater Furcht vor 
den Abessiniern sdiweben , die schon ao nmnche ihrer hiibscben 
X6cht«r geraubt und in Sclaverei geaclileppt haben. Aueh nur 
lagsuber wagen sie unter ihren inimergriinen Lauben zu verweilen ; 
sobald die Sonne sinkt, ziehen sie mit ihren Heerden in die nahen 
Gebirge, wo sie sich in Hohlen verhergen. Hierhin wenigstens 
kann ihnen dcr barfiisBige Abeasinier nicht folgen, denu die nur 
den Afer bekannten Pfade fiihren fiber measeracbarfes LavageroU. 
Siod sie morgens schuchtern zuriickgelcehrt und haben sich uber- 
zeugt, dass kein Feind in der Nalie lauert, ao iat ihr erstea Tbun, 
die Abends vorlier angezapftea Dompaimen zu erateigen, den kost- 
Ijchen Saft herabzuholen und den Banm zn erneuertem AusAusa 
vorzubereiten. Dies „Melken" geschieht, indeiii man eiuem kraf- 
tigen Stamra seine sammtlichen Blatter niiumC, so daaa an seiner 
Spitze nur der zarte Vegetations-Kegel bleibt. Von diesem ent- 
fernt man mit einem kleinen scharfeo Messer den Kopf, worauf 
der Salt auslauft, und wiederholt morgens nnd abends die Ver- 
wundung, indcm man Scbeibe nach Scheibe von dem Kegel 
abschneidet , bis der Banm erschopft iat, der dann anch, selhat 
yenn er noch audere unbeschadigte Aeste — die Donipalme iat 
namlich verzweigt — behalten hatte, bald abstirbt. Der bei Nacbt 
auagefloasene Saft iat bedeutend weniger erregend, als der in der 
HiUe dea I'ages producirte, welcher stark gegohren und achaumig 
eracheint. Der ao erhaltene Palniwein halt sich nicht, aondern wird 
bereits nach einem Tage sauer ; er wird von den Arabern Jemena 
(und auch wohl in anderen Gegenden) deashalb ala Easig verwendet. 
Zum Auffangeu dea Saftes fertigen die Afer cinen fusalangen 
kouischen Becber, Kasa genannt, aua Streifen junger Doniblatter, 
welche man spiraliach in Tuteni'orm aufroUt und zwar so, dasa aich 
die Rander der Windungen decken. Das apitZEulaatende untere 
Ende wird mit einem Stops el aus dicht gerolltem Blattstreif 
geachlossen. Dieses Geiass ist vollkommen dicht und aehr rein- 
lich. Damit die Sonnenstrahlen uicht die Schnittflache tretien und 
auftiocknen, wodurch der Saitlauf gehenimt wurde, iiberdeckt man 
sie mit einem Sehirra, Ankaboita, der aus einem, in seine Segments 
geschlitzten allern Palniblatt derart geflochten wird, das es *ine 
glockenformige Gestalt annimmt, gegen den Blattatiel jedoch often 
ist. Dieser bleibt lang stehen und dient zum Befestigen an den 
Stamm. TJnter der aeitlieb offenen Stelle befiudet aich dann die 
beschattete Stammspitze. Ein starker Baum liefert an einem Tage fast 



eiii Quart Weiu, welcher hinrekht urn den Hunger — wenn auch 
nicht inimer den Durst einea Afer — zu stillen. Domniilch hat 
den Gcsclmiack von jungem Most. Auch die Friichte der Dom, 
welcUe oft in vielen Biindeln zu je '20—30 an einem Bauine 
hangen und faustgrnss itind, werden gesossen, i). li. die Afer 
entfernen ihre iiusserste sprode Scliale and nagen und saugen den 
zwischen borstigeu Samenhaaren befindliclien Teig heraus, dessen 
Geschmack aii Pfefl'erkuchen eriiiDert, (dalier der bei I'ielen Reiaen- 
deu beliebte Name „Pfefferkucheubanm").*) 

Gegen 3 Ulir NacUniittaga gelangten wir in die Nahe dea 
Dorfea, reap, dea PalDienhaiiia Waidi'ddo. Der Scliech deaaelben 
kam una eine weite Strecke entgegen irnd lud una in aein griines 
Haua eiu. Auch liesa er ea aich nicht nehmen, meinen groasen uiit 
Segeltuch iiberzogencn Inaectenfangachirm aulgespannt zu trageii 
und sebritt wurdevoU vor una her. Dicht beim Dorf bat er 
iiiicb, einige Saiutschiisae zum Empfang abzufeuevn, waa ich auch 
that. KauTD waren aie erschalit, ala unter gellendem Angatgeacbrei 
Manner, Weiber und Kinder aus den verachiedcnen Palmbuachen 
hervorstiirzten und daa Weile suchten. Sie batten geglaubt, von 
Abesainiern nngeriffen zu aein. Ala wir sie beruhigt batten, 
zeigten aie sich auaaerat freundlicb, und liea ich niich unter einem 
niachtigen Douibauiiie, der die Wobnung der Schechfamilie bildete, 
nieder. Man brachte miv ein nKasa" Wein, der mich nach dem 
langen ermiJdenden Wege aebr erfriachte. Auch das Waaser einea 
nahegelegenen Brunnena, der c. 4*" tief gegraben ist, war aos- 
nahniaweiae gut. Ungefabr 3 Kilometer siidoatlicb von hier erheben 
sich aus der Tiefebeue die sehwarzen, zackigen Maasen dea Oer- 
teale (Rauchberg: vnn orto Rauch, ale Berg), aua deaaen Gipfel 
bestandig dichte Raucbwolken aufqnalmen,*") Da ich dieaen Vul- 
kan zu besteigen gedachte, so trat ich in Unterbandluagen niit 
meinen Fuhrern und den Woyta ein, Alle aber rietheu mir anf 
das Entschiedenste ab, das "Wagnisa zu unternehmen^ ich ginge 
in den aichem Tod, denn der Berg gehiirc den Geiatern , die 
Kube weideteu, anf PI'erden um aeinen Gipfel durch die Luft 
kreiaten und dergleichcn Gespenslergesclucbten raehr."*') Niemaud 

*) Heagliu eiwfihnt (Pttermimn's Ultth l&GO p 355) daaa die BcAohnet 
eines Belul beqachliarten Dorfee aus Doaifr11oliti,D em stark berHuschendes 
sehlelniiKes GtbriLa Von RbBchealichem GcsDlimaek and <jeruch tabrwiron 
HiEriiber habo ich nichts iu Erfabrung bringen LOanoD 

*•) Icb kann in dar Literalur nichLa Btstimmtea ubcr dicsea \ iilkan 
ula tbatigeu, flndcn, moBS ako annebmea, ilase icb ibn all Knacr besacbt babe 
Er iat aagleiob dor einziga bekannle Valknu m Afnka Ob der Otrtedle 
mit duia „Vnlkan von Edd" idcntiucb, ron dcm hiec und da jbdoi-b luniprbin 
Eebr unsicbere Nacbricbt zu una gGkouimeii, lermag icb ni bt zu bcsUmuiLn 

♦**) Die Afei' opfurn auf BerKon ; auch mir erzalilte man hob MnuaingBr 
a. a. O, p. 219. beecbrelbt: „E/ery jear, oo tbn sunmiit ot the mountmu lalfti 



33 

woUte iiiidi begleiloii tmd so bescljlosa ic!i allcin zu gehen. Die 
Afer-Cnionie fuhlte aith unter dem Sehutze meiner Gewehre so 
siclier, daS3 sie die Nacht iibor unter den Falmen verLlieb, 

6. Januar: Die aufgehende Sonne fand micb bereits auf dem 
Wege zum Oerteale. Teh haitte mich mit einem kleincn Leder- 
Hcblauch Wasaev, etwas gekocUtem Reia und einigen Dattein provian- 
tirt; als Waffe nahni ich nur meiuen tou niir unzertrennlicben Re- 
volver mit. Den zuriickbleibendea Leuten hiitte icli beim Fortgehen 
gesagt: „Kocbet, esaet und ruhet, abends werde icb wieder bei 
euch seinl", Ein starker Sildwind fegte uber die weite nur mit 
SalzpHaazen {Suaeda dioica) und vet'eiazelten Acacien bestandene 
Ebene, die sich von Waldiddo bia zum B'uese des Yulkuna hinzieht, 
nur einnial von eiuem achmalen, aber tiefeingerissenen Regenbett 
unterbrociien , desaeti Solile die Gruudwaasertiefe zu crreichen 
acbeint und dadureh steta Wiisser fiihrt. Ich begegnete oft vul- 
kanisuben Bomben, die in dem — wenn beregnet ^ weiclien 
Letten mehr cider weniger tief eingesenkt waren. Nach etwa 
zweistundigem Wandern erreichte ich die ersten Lavofelder, die 
ala eratarrte Strome weithin fiber die Ebene gegosaen, diese win 
ein schwarzes Leichentuch bedecken: ein Vergleich, der uin bo 
zutrefTender iet, als die Oberflilche fiiltjges Ansehen bat, weil die 
Lavamasse in aolch weiter Entf'ernung vom Krater nur iioch zah- 
flfisaig gewesen aein muss. Diese Strome bilden einen verhaltniss- 
niassig sanften Anstieg bie zu einigen Hundert Fuas llohe; dort 
aber sind sie, durcli Contraction beim Erkalten, von tiefen und 
b re I ten Kreuz - und Querspalten zerriasen. Hier beginnt die 
Schwierigkeit dea Hoherkliminena, indem die steilen Wiinde dieaer 
Scbluchten, die doch ijberscbritten aein musaen, aua glasartig apro- 
der und ira Brueb mesaerscharfer Lava bestehen. Wche, wenn 
man einem der vielen Zacken zu grosae Stiitzkraft zutraule, und 
deraelbe abbroekeind den Waghslsigen mit in die klafFende Tiefe 
zoge; er wurde in Fetzen zerrissen dort ankommen. Nachdem ich 
mebrere dieaer Riase, nicht ohne an Handen und Koieen sattaani 
geschunden worden zu sein , ubei-wunden , erlangte ich freie Aua- 
sicbt zum nahen Gipfel des Vulkans, welcher einen Erruptions- 
kegel von c. lOO™ Hohe darstellt, desaen oben uberliangende 
Wande in tauaend Zacken and Sciiluchlen geapalten sind. An 
vielen SteJlen, sowohl aua den Seiten wie aua der abgeflacbten 



tbo (Afnm) take n cow for Bacrificu. Etbtj ono goes, guided by the sorcerers, 
wlio prDDUiin<:e myBterious iTords; tlie meat is wrapped up in skin and placed 
on the pyre. At the momenl when the flame commences to liek the Tiotim 
every ono prcBeut flies down the monnwin without looking bphind thciti , aa 
then the genii of those regions approach; n like sacrifice tokes place at the foot 
of the peak Huttow (Aaon.)", 



Reise-Erlebniase. 88 

Spilze, qualiiien forUvrihreiid woisse Dumpfe liervor, die, toitl 
Winde gefegt , in gespenatigen Wolken dahinzielien. Bis zum 
FiiSBe des Kegels, der sich Bteii aua den Sch lack en fe Idem erhebt, 
gelaugte ich; ein Weiterklimmen war, wie bereitB bemerkt, wegen 
der uberhangenden Wilnde desselben uniiioglich. Sclion wiihrend 
dea letzten TbeiU nieiues Vordringena klang der Bodeu oft gruu' 
sig hob! unter nieinen Fussen, An vielen Stellen gewabrtc ieh 
duQn iiberwolbte grosse Btnsen, voti denen einige geplatzt waren 
und mir eincn Blick ii) ihr schauerLich zackiges Inoere boteo. 
Die Sonne, die nun bereits bocb am Himmel stand, brannte ent- 
setzlicli tind erbitste den acbwarzeu Fels derart, dass meine obne- 
hin acbon stark mitgenomrneneQ Fnssolilen zu acbwelleri begannen. 
Solcbe Umstande erlieisebten gebieteiiach nieine Umkebr. Der 
Blick snr Tiefe ist wunderbar und ergreifend: Gleich als ob ein 
pechschwarzes Mear, von macbtiggiii Orkan durcliwfihll, Lier an 
Klippen gebrocheu in schaumender Giscbt siuh auftburraend, dart 
in wirbelnder Flutb dahinziehend, pliitzlich eratarrt ware, so liegt 
das ode Gefela da, ein Leichenatein vetgangener Gewiilten. 

Nach unsaglichen Muiien erreichfe icb gegen 3 Ubr Nacb- 
inittflgB den Fuss des Feuerberges wieder und traf gegen 5 Ubr 
im Lager ein. Ich war tiicbtig hungrig und befab!, mir etwaa 
zu kochen. Zogernd gestand mein Diener Abd-AUab, alle Provi- 
Bionen seien aufgegessen. So niude wie icb war, sprang icb auf 
und iiberzengte niicb von der schreklicLeo Wahrlieit seiner Aua- 
sage. Nicht ein Korn Reis war in den Sacken geblieben, nicbt 
eine Dntlel in den zur Seile geworfenen Korben. 'Ich holte meine 
Leule zusanimen, die sich in alle vier Winde zerstreut batteD und 
fragte , wo niein Proviant sei. Gelaaaen antworteten mir die 
Schurken, icb hatte ibnen ja am Morgen erlaubt zu kocben und 
aich salt zu essen und da aie uberaua bungi-ig gewesen, eo hiitten 
sie AUea verzebrt; aber, fugten aie bembigend hinzu, Allah wird 
scboD far uns und Dich aorgen , Lobpveis und Ehre Ihm, dem 
Hncheten! 

So unverachamt die Liige aucb war, die sie mir in'a Gesicbt 
warfen ~ denn aelbst die zelinfache Anzahl der elastiachsten 
af'rikaniscben Magen ware nicbt im Slande gewesen, die Vorrathe 
in einem Tage in sich aufzunebmen — , so entgegnete ich den- 
noch nicbta, ersah ich doch ans ibren Mienen, dass sie zum Aeua- 
seralen bereit seien. Gewalt konnte ieh Einzelner gegen meine 
5 Leule nicbt nnwenden und von den Woyta war naturlicb aucb 
kein Beistafld zu erwarten, da sie eich entweder mit meinen Be- 
gleitern in den Raiib getheilt batten, oder doch ihre Hehler waren. 
Meine Kasae, bestebend aus secbs Maria-Tberesia Thalfni. fund 
icb zum Gliick unberiihrt, da ich aie in einer alten St'-nuiMbul 

Zeiuchr. d. QeneUioh. f. Erdk. Bd. X 3 



verboigen gebiilleii. Ea ware "Wjihnaiun gewesen , aiit diesem 
wenigen Gelde und ohne Nalirungsniittel weiter im Aferlande 
vorzudringen, uiid so sah icli micU scliweren Herzens gezwangen, 
meinen Ruckitinrsch zur Kuste anzutrelen und zwar eofort nnd 
in moglichster Eile, denn jeder Tag niuaste neuB Drangsale bringen. 
Eben wollte ich den Befehl zum Aufbruche geben, sils der Schech 
"Waldiddo's mit einem alten hngern Ziegeubock aokam , den er 
mir, da er, wie er sagte, gehort liabe, wir beftinden udb in 
Nahmngsnothen , zum Gescbeok machte; er fuble tiefea Mitleid 
und erbate aich dessbalb nur vier Thaler — d. h, deo vier- 
fachen Werth des Thierea — zuni Gegengeschenk, Hatte ich nicht 
:iuf friiheren Reiaen im „gaBtiTeundlichen" Orient ein gat Theil 
Gleichmuth errungen, ich wiirde den elenden Schuft za, Boden 
geachleudert haben, ao aber zahlte icli, ohne ein Wort, waa ja 
doch unnutz verklungen ware, zu verlieren, den verlangten Preis, 
licss das Thier schlachten und auf heissen Sleinen braten. Nach- 
dem ich mich gesattigt und meine Leute daa TJebrige, gleichaani ala 
Nachtiach zum heutigen Mahle, verachlungen hatten, belnden wir die 
Kameele niit dem wenigen, was mir iibrig geblieben, nnd trutcn 
den Ruckmarsuh zur Saiz-Ebene an"", die -wir am folgenden Tage 
erreichten. Hier kaufte ich fur raeine letzten 2 ThaJer Adilo 
(gerosteter Weizenachrot , vergl. ohen) , wouiit wir unser Lebeu 
bia zur Kuste fristeten, wo wir am 9. Junuar auianglen. Anderen 
Tags aelzten wir Segel und steuerten sudlich weiter. Wir beruhr- 
ten nur noch an einer Stelle , in der Aesab-Bay, die „Danakil- 
Kuste", da wir hier Wasaer einnahmen, Ueber die Aesab-Bay 
verfassten Marchese Antinori, Beecari und Prof. Issel einen einge- 
henderen Berieht (im BoUettino dellii Soc. geogr. ital. Ott. 70). 
Dieae Herren beauchten Asaab auf eineni Dampfer der Sociefa Ro- 
bsttino, welche einen Kiiatenstreif bei Aaaab durch Sapeto von den 
Afern gekautt hatten, um ein Kohlendepot zu errichten und den 
Handel Sud-Abesainiena hierliin zu leiten. Aegypten reclamirte 
jedoch spiitar diesen Platz, da das ganze westliche Kiiatengebiet 
des rothen Meeres bis Bab-el-Mandeb unter seiner Hoheit afeht, 
Anch Edd, dessen Beailz derzeit Frankreich anstrebte, iat agyptiach 
geblieben. Oestlioh Bab-el-Mandeb, im Somali-Lande, tiegen die 
aeit lauger Zeit den Tiirken gehorenden Hikfen Tedjurra und Zeila; 
weiterhin wird Bulbar und Berberah, vielleicht sogar die ganze 
Somali-Kiisle bis Raf-asair, (Cap Guardafui), wiederum von Aegyp- 
ten als Eigenthum angesehen. Von Iraglichem Beaitz bleibt 
jedoth das Gebiet zwischen Bab-el-Mandeb und Tedjurra, und haben 
die Franzosen jefzt ihr Auge auf die dort gelegene Hobok-Bai 
gerichtet, da eich Scbech-Said (an der arabiscben Kuate des Bab's), 
welches als Rivale Perim's und Aden's im Jabre 1870 erwuchs, 



HotBe-Erlebnisae. 35 

ills untauglirh zq einem Hafeii erwiesen hiit. England besitzt 
iiusser Perim noch eine feleine Iiiael am Golf von Tedjurra, die 
jedoch einstweilen niclit beaelat iat. Das Beatreben der Eoglander, 
Franzosen und Italiener, in der sudlichen Erylhraea featea Fuaa zu 
fiLsaen , hat ausser einem strategiachen audi einon commerciellen 
Grnnd; denn wenn es gelingen aollte, von bier eine sictiere Hau- 
delastraase nHcIi Sad-Abeasinien, Schoa und den furchtbaren Gfila- 
Laadern, der Heiraat des Kaffeea, zu eroffnen, bo waren enorme 
Vortheile gewiaa, Aber von der Zeit, wo die Oatindische Com- 
pagnie eine GeaandtschafL anter Harris nach Scboa schickte, bis 
auf den heutigen Tag, da franzoaiache Kaufleute und Misaionare 
bier ibr Gluck verauchen wollen, sind alle Beatrebungen erfolgtos 
geblieben. Allen stand das niohammedaniscbe Regiment entgegen, 
welches diese letete Fforte, durcb die ibr Har€m mil verschnitte- 
nen Kuaben und hubseben Galamadchen veraorgt wird, angstlicb 

Von Assab ateuerten wir siidostlicb zum Bab-Menheli *), in 
welcher schmalen Passage wir zwei Tage gegen widrige Winde 
kreuzten. Hier wurde mir ein treffendes Beiapiel der Veriinder- 
lichkeit und dea Wachsthnms des Bodens im rothen Meere gege- 
ben, denn icb entdeckte eine auf den englischen Seekarten nicht 
verzeicbnete Sandbank. Nur durcb eine eigentburalicbe Manipulation 
meinea Naboden gelang es endlich, diese gefiirchtete Meerenge 
zu uberwinden, Es war ibni namlich wie wenigen andern seiner 
CoUegen bekannt, dasa durcb Bab-Menbeli, unabbangig Tom Winde, 
wahrend der Flutb eiue Stroniung in'a rothe Meer biaein, bei 
Ebbe binausflieast. Letztere wusste er durcb Kreuzen zu unter- 
atutzen, wahrend wir zur Fluthzeit, wo also Wind und Stromung 
uns entgegen, ruhig vor Anker blieben. Ein el-bamd lillah 1 
(Gott aei gelobt!) ertonte aua Aller Munde, ala das ,,Tbor der 
Thrane" pasairt war and wir nun wenigetens auf offner See dem 
Winde trotzen konnten. Dieser verstarkte sich aber derart, dass 
wir uns geoothigt sahen, bei Ba^-Arar Schutz auchend vor Anker 
zu geben. Icb mietbete hier von den Arabern eines ihrer scbnel- 
len Karaeele und erreicbte bald Aden von der Landseite, wahrend 
nieine Barke erst nach vielen Tagen in den Hafen einlief. 

*) Bttb-Monheli oder Bab- Iskender (dm Thor lies Alexandar) heiaat dia 
BcJinialere und von alien Danipfern , sowie den meiatcn HraliiHchen Barten 
benufite Dnrchfnbrt iwiscbcn Arabien und Perim (Majfln der Araber), wfthrend 
die brcitete Slrasso den HBratn Bab-cl-Mandeb oder Bab-el-Mandel fUbrt. 



J U HMdebn 



r t. 


Ci.nra 


a 
1 


Zeit 


Thrrm. 


Bwom. 
Aneroid. 

par. ZoU 
IL LinUn. 


Wind. 


Wolken 

nnd 
Nieder- 

Bchisee. 






U72. 












MaanU (Ha- 


- 


-25 Dc. 


a P.M. 


24,5" 


27" 11,2'" 


S.N.W. 


hedeckt 


MauOa (Ha- 
fen) 


S.O. 


26. „ 


2 AJtf. 


21,8 


27" 103"' 


N.W. 


Tban 


Oit-EiigteBa- 

ri>sHobede>< 
Hafen Talch 


8. 


. - 


lOA-M. 


23,3 


28" 


N.N.W. 

schwach 


klar 


Uli 


S, 




2 P.M. 


27,0 


27" 10,6"' 


N.O. 




Hareua 


S.W dBDll 

vor Anker 


" ' 


G P.M. 


24,0 


37" 10,8"' 


N.S.W. 

8Urk 


Cumuli 


(Hafen) dlo. 


vor Anker 


27. , 


G A.M. 


23,0 


27" 11,8" 


Oe«tl. 

Landbrise 
Bcbwacb 


bedeckt') 


Dorf Harena 


- 


. , 


6 P.M. 


■24,2 


27" 11"' 


N.N.W. 

stark 


im Nonl 
Cnmuli') 


Rafen dlo. 


B.W. 


28, , 


6 A.M, 


21,0 


27" 11,7" 


N.N.W. 
frisch 


leichter 
HegeQ 


Oebel Buka 


- 


. . 


6 P.M. 


24,0 


27" 11.2" 


N.W. 
friscb 


leichter 
Ee^en 


dto. 


- 


29. _ 


G A.M. 


22,0 


27" 11,8" 


N.W. 


leifbter 
Regan 


Ham&telDorf) 


OeBil.dsnn 

Hiiill, 


30. . 


G A,M. 


21,0 


27" 11,6" 


N.W. 
achwach 


leichter 

Eegen^) 


Ebeiub.H^- 
fale 


- 




2 P.M. 


25,5 


27" 10,4" 


„ 


bewalkt 


fl(M>ifale(Dnrrj 


_ 


, - 


G P.M. 


23,0 


■2V 10,9" 




l.Regen-) 


dto. 


- 


31. . 


e A.M. 


22,5 


27" 11,9" 


„ 


i. Regen 


dto. 


- 




2 P.M. 


2fi,5 


27" 11,2" 


N.N.O. 

stark 


klar 


Fridello 


S.8.W. 


. - 


G P.M. 


25,5 


27" 9,7"' 


still 


1. bedeckt 



1) In der Nacht: Wind schnScber, 
Macht: gtarker anhaltender Begeli. 3) 
HecreHpiegeL 4) 1. ^ leicbt. 



leicbter, anbaltender Reg-fcn. 2) In dei 
Dorf Hamfale liegt c. 16 M. flber dem 



^^^^i^^p^^^^^^^m^^^^p^^^p^^Q^pi 


■1 


■!■ 




Keise-ErlebtiU..-. 




^^H 




r t. 


Cour8 
geu. 


1 


Zt.it. 


Tberm. 


Barom. 
Aneroid. 

in 
par. Zoll 
u. LiuicD. 


Wind. 


Wolkea ^^H 
und ^^H 




FrideUo 


^ 


l«73. 
1, Jau. 


6 A.M. 


23,0" 


37" 10"' 


Btill 


^^^H 




Bugo (Dorfj 


h. 10 
8.S.W. 




G P.M. 


24,3 


37" G,3"' 


" 


^H 




dto. 


_ 


2. Jan 


6 A.M. 


33,5 


37" 6,5'" 




^^^1 




Sugo Buje 
Bidik-8attel 

Alas (Torrent) 
Walde-BisflO 
(Torreat] 
Ebene Bekka- 
ridurra 


8.W. 

Lager 


3. Jan 


9 A.M 
IIA.M 
P.M. 

9 A.M 


24,0 
20,0 
23,0 
24,0 


27" 5,2'" 
26" 9,9"' 
26" 10,9'" 
28" 0'" 


" 


^^^H 




S.S.W. 




I1A,M 


30,2 


27" 11,7" 


N.N.W. 


klar ^^^1 




Walde-Biaso 
(TorrBnt) a, 1 
KUom.direet 
Abatandv.d. 
Sali-Ebenfc 


Lager 




I2i 
P.M. 


31,3 


28" 3'" 


" 


- 1 




KottaraLi 
(Bninnen) 


S.W. 


„ , 


G P.M. 


23,2 


28" 3,8'" 


N. 
stark 


^H 




Asale (SaU- 
feld) 


a.8.w, 

dannS 


4. Jan. 


2 P.M 


34,3 


28" 4,1"' 


N.N.W. 

sthwach 


Naubla ^^^H 
klar ^^^1 




DOmim (Ebe- 
ne) 


S. 


5, Jan 


5 A,M 


26,0 


28" 4,7"' 


Bddl. 
Btark 


kUr ^^H 




WJdiddo 

(Bmnnen) 


- 


.. - 


6 P.M 


24,2 


28" 4'" 


sildl. 
atark 


^H 




FnsB des Oer- 
Wle 


S.O. 


6. Jan 


8 A.M 


23,a 


28" 2,3'" 




^1 




FuBB d. Ernp- 
tiona-Kegels 
sufdemOer- 

' Pom dee Oer- 
teiUe 


N.O. 


. . 


1 P.M 
4 P.M 


35,4 
31,5 


26" 6,8'" 
28" 2,2'" 


Blill 

sUdlich 
Bchwach 


: I 




Waldiddc. 
(Briuineu) 


- 


■ ■ 


,P.M 


26,1 


28" 3,9"' 




^^^1 




1) Morgena leichter Hegen b. 8 A.M. klar. 




_J 



Ueber dia Columhiscben Sniaraeden 



r t 


Conra 
geu. 


1 


Zelt. 


Therm 


Barom. 
Aniiroid. 

par. Zoll 
D, Linicii. 


Wind. 


Wolkca 

und 
Nicder- 
■chlSge. 






1873. 












Dorrum (Ebs- 


N. 


7. Jan 


4 A,M 


24,3 


23" 4,5'" 


friflch 


kUr 


AbbIq {Uh- 
feld) 


N.N.O 


n . 


UAM. 


83,1 


28" 3,3'" 


S.O. 
stark 


bewolkt 


Bidik-Rattel 




8. Jnn 


8 A.M. 


24,2 


26" 9,T" 


e.o. 


klar 


Hamfale (Ha- 


- 


0, Jan 


G P.M. 


23,4 


27" 10,6" 


N.O. 





S-- 



Ueber die Columbischen Smaragden.*) 



I. 

„Wir Bind unigeben von Smaragden und anderen Edelsteinen; 
wir treten auf Gold und Silber, aber wir wissen dieae Schatee 
nicht zu btihandeln," sagt der erste Natudorecher, den das jetzt 
Columbien genannte Land bervnrgebracht hat: Francisco Jose de 
Caldas im Jahre 1810*"). Noch heute ist dieser Aiisspruch wahr, 
be senders hinsichtlich dcr Smaragden, 

Die Schwierigkeiten , denen Edelateiri-Gewinnung und Edel- 
stein - Handel iiberalt aasgesetzt sind , felilen natiiriich aueh hier 
nicht; allein jener Vorwurf der Unkenntnias fiber die vorhaodenen 
WerthgegenslJinde, hat doch hinsichtlich der Smariigden noch gana 
besondere Gtuude und trifft nicht bloB die Art der Gewinnung, 
sondern alle interessirten Krcise. 

Der SiuHriigd hat znnachat keine so klar hervor treten den 
Eigenschaften, dasB sejne Erkennung unter alien Umatanden leicht 
ware. Die Varietal des Beryllniinerals ***), welche jenen Namen 

*) Wir verdaokeii diesan Bericht der Giite dee Kgl. Hand els-Mi aistarimns. 
**i (Acosta), Semanario de la Nueva Granada (Paria 1849) e. 421. 
**') Die Mineralspeoies , welche „Binaragd" od*r ..Berj-ll" geuaniit wird, 
umfasBt naoh der hentigen AuSaBsong der Mineralogen drei yontHten: deo 



80 

tr^; Bt«igt freOich bis sum feiuateu Schmuckgegenstand liinauf, 
aie ftllt «ber auch herab bis zur fast werlhlosen Masse. Diese 
Verschiedenheit tritt bcim 8niaragd aber nicht nur dem Minera- 
logen eiitgegen, soodero sie isL auch filr deu Laien sebr bcmerklich. 
Zunachst teigt eich dies beim Suiaragd in seiner oft so ausg&- 
prSgten Farbe; hier Jiudel. sich das voile dunkele Gruo, dort nur 
Bin grualicher Schiuimer. Neben der Farbe ist die Reisbeit in 
oUen Nuancen vertreten, vom voUstandig Durcheicbtigen, Strahlen- 
brecbeuden bis zam Durehscheinenden, bei dem nur die Flaoben 
einen oberflachlichen Glanz haben. In Folge dieser ManDigtaltig- 
keit uad der Schwierigkeit der UmgreuzuDg wurden unler dem 
Namen nStuaragd" in friibern Fenoden ofl'enbar ziemlieb verscbie- 
dene Dinge zusammengefasst; den Namen kennea die Schriltsteller ' 
dea Alterthuiiis, aber die Bigensc.haflen des iTiiwels , das eie so 
Deuneu, sind nicbt zu ernutteln. Muinien des ahen Aegyptena tragen 
Smaragden, aber in Betreff ihrer Fundetatten herrscben nocb iinmer 
mancherlei Unsicberheiten *). In jeder Pbase der Geauhicbte der 
Edelsteine tritt ein wundecbarer gruner Stein auf, der nicht inehx 
nachzuweisen ist: von der riimiscben Imperatorenzeit bis su der 
Zeit der Staufenberrecbaft in Unteril alien und Sicilien iind zu der 
der bitrgundiachen Herrlicbkeit. Die Bntdeckiing Anierika^s brachte 
neue ng''U'>^ Steine" uacU Europa, die als sebr werlbvoll gailen; 
die .Peru-Suiariigden" gewannen dann grossen Namen und behielt«Q 
ihreu Rnf bis in die jiingste Zeit, trotz der Steine aus dem salz- 
burgiscben Finzgau, aus dem Ural"**) und von Ceylon; der Peru- 
Bmaragd gilt fiir rein durchsichtig griin, bart nnd hellglanzend. 
£r tragt freiliuh seinen Namen vou dem reichsten der Lander dea 
Dordlicbeu Siidamerika; er ist aber nie dort gefundeu*"), so wenig 
wie iu den Provinzen von Venezuela und Ecuador, welche beute 
noch niicb ilim alch nennen, eondern nur in dem Lande, das Jetzt 



edlen Smamgd, dea Beryll (zu nelchem auch d^r a, g. AquaniHrin geh^irt) 
und den uiiudlen oder gemeinen Sraaragd; vergl. darilber J. F. L. Hausmann, 
Eandbiifih der Mineralogie (Gottingen 1847, II, I pag- 603 ft'.). Die Zn- 
sammeDgeliorigksit des BerjU und Smaragd wurde zuerst von BomiJ de 
TMe (Crystal lographie II. pag. 245) erkannt. 

*) Die Smaragdgruben dor Aegyptcr am Berge Zabonra oder Zabarab in 
OberSgyptou aind xwar in ueuerer Zeit wieder aufgefanden worden (vgl. 
Karl Ritter, Erdkuude I. Afrika. 2 Aufl. pag. 673 — 677), itbar sie haben 
keineu bauwiirdigan Smaragd (teliefert; ja es hestehen aogar Zweifel dariiber, 
ob dafl dort Gmvonneno Schter Smaragd ist (vergl. Beilago tor Augab. Allgem. 
Zeituag 1844, No, 347). 

**) Ueber die Entdeckung der Smatagdgruben im Ural vergl. ii, A. Fr. v. 
Kobell, Oeichichte der Miueralogie, 1864. pag. 464. 

***] Mosqaera, memoria sobre la jaografia fisica j potittca da la Nuova 
Granada (Nueva York 1852) 8 66 Wappaeus, Neagrauada iu Stein's Hand- 
iuch der Geographie und Statistik (Leipzig 1863) S. 436, 



r 



4Q Ucber die Columbischen Smarsgdeu. 

zwischen den beiden genannten Eepubliken liegt, uur in Co- 
Innibien. 

Es gielit also der Fundorte, die bisher bekannt geworden 
sinci, nur sehr wenige; sie entziehen sich dieser Seltenheit wegen 
noch mehr, a!s nhnliche Edelstein-Beltungen und Lagerungen, 
praktisuher Erfubrung. An den Statten, wo der Smaragd seit den 
letzten Jnhrhunderten in Sudunierika bekannt ist, ward scin An- 
bau nicht systeniatiscb belrieben, oder wenn dies einnial geschah, 
hat sich die Kunde davon yerloren. In jenem siidaiuerikaaiscben 
Lande verhiJIlt die Smaragdengewinnung ein Schleier des Geheim- 
nisses, der aelbst heule noch wenig geluRet ist; wie sollte aucb 
son 8t noch der falsche Nume „Perii" sich baben erhalten konnen! 
Die Edelstein-Industrie, die Sclileifung der SmaragdeD, hob diesen 
Schleier nicht; denn sie blieb ein faktisches Monopol weuiger 
Fabriken, zuerst in Madrid, dtuin in PariB. 

Endlicb ferhindet sicb Riit dem Sniaragden seit uttester Zeit 
der Gedanke, der im Edelsteinhandel sonst nur hei Gegenstanden 
leicht nacbahmbarer Art, seit dev Vervollkomranung der Technik, 
eieh mit Erfolg geltend gemacht hat, die Idee, dass die Seltenheit 
den Grand des Werthes ananiacbe. Es kann keineni ZweiCel 
nnterliegen, dass der Smaragd, wenn er allfaglich erscltiene, seinen 
Liehhaberwerth zu grosseni Theile vertieren wurde; allein man 
tauscbt 8ich gar leicht fiber die Steigerung, welcher das Angebot 
eines Lnxuanrtikets (ahig ist, der durch aein strablendes Grun einen 
so eigenthum lichen unnachahmbHren Reiz besitzt. Die Idee, dass 
der Smaragd kiinstlich zu einer Seltenheit gemacht werden miisse, 
hat vielleicht den schlechteren Snrten Vortheile auf dem Edelstein- 
niarkte versebafft; es ist aber ein Handelsvorwand , der mit den 
glanzenden Eigenschaften des gutcn Sniaragden nicht in Einklang 
steht, die Geheimthueret der Handler beeintracbtigt noch heute 
die Kenntnisa und "Wurdigung dieses Edelsteins. 

II. 

Unler alien in den Handel gebrachten Varietiiteo des edlen 
Sniaragd siud die aus Colnmbien, oder wie man noch imnier falach- 
lich sagt, aus Fern stamnienden, die wiehtigsten. Der Smaragd 
findet sich bier in einzeln oder drusig aufgewachsenen Krystallen, 
gewohnlich in der regelmiieaig sechsseitigen Saule dea monotrime- 
tiachen Systems; es sollen sich Krystalle von aecha ZoU Lange 
und zwei Zoll Dicke gefunden baben. Sie aind vollig durnhsichtig 
oder nur durchscheinend, die schonsten von ibnen prachtig „smaragd- 
grun" gefarbt, doch kommen aucb blassere Abarten vot; ale zelgen 
lebhaften Glasglanz und ein starkea Lichtbrechuogsvermogen. Ihre 
Zuaammensetzuug iat nach Vauquelin (Jonrn. d. Min. No. 38. p. 97); 



Lltbor die Culunibincheii Sraarsgclen. .1 1 

KJcselaaueve 64,50. Thonerde 16,(10. Beiyllerile •) ia,0O. 
Kalk 1,60. 

Chromoxyd 2,25. Wasaer 2,00. 
itach K lap p roth •*) (BeitrSge III, pug. 226); 

Kieaelauiire 68,50. Thonerde 15,75. Beryllerde 12,50. Kalk 0,25. 
Chrnmoxyd 0,80 Eisenosjd 1,00. 
Die lebhafte Fiirbung soil der edle Smaragd deni Gehalt bii 
Chromoxyd verdaukcn uiid sich diidurth gerade auch cheuiisch von 
den ihni 8o nahe verwundten Varifitaten, dem Beryll und deiii 
genieinen Smiiragd anterecheiden. Der coliimbische soil beim Er- 
wai-men bis za 120 " blau 'werden, beini Erkalten aber seine 
lebhaft gi'une Vnrbe wieder annehmen. Die Harte des Steines 
betragt 7,6 — 8. 

HI. 

Die eraLe Schwierigkeil, welthe der Siiiaragd-Gewinnung in 
Cofuinbien von Anfang an enlgegenatand, bildete die Unstugang- 
lichkeit dcs Distriktes, in dem die Edelsteine sich fanden und nocli 
fioden: die Wildheit des Landes und die Oefahrlichkeit seines 
fenchtheiBsen Klinia's*"). Diese (iegend bildet jetet die Grenzgebiete 
Kwiscben den Stasiten Bogota und Cundinaniai'ca und iat nocb 
beute in deii Tbeilen, wo Smantgden gefunden weiden, hochat 
unwirtblieh. Sobald die Spani^r amerikanisches Festland be- 
Irateii, lockteu sie die „gTnnen Steine". Ala Biacliuf Jiian Bodri- 
gnea de I'onseca ant 28. Jali 1500 niit Alfonso de llojeda eine 
nene Kapitulution abschlosa, nadi welcher dieser gegen Ablieferung 
des Fiiuften voni Reingewinn seine Euldeckungen an den Konliiieatiil- 
knaten bis zu den Landetn fortseUen soil, „welcbe jetzt von britischen 
Sehiflen beauoht werden''' +), ging eine besnndere Klauael des Ver- 
trages dabin, daaa so viel „grune Steine" wie nur irgend moglich, 
jnitiDbriugen seien. Hnniboldt, diese Notiz erwabuend ff), beroerkt 
dSBQ: ,.da ich aus eigener Erfahrnng weiss, auf welch' groase Ent- 

*) Die Beryllerde wurde bekHtmtlich im Jahre 1793 von Vftuquelin ent- 
'fleclct; man nniuite tiie Tielfacli Glyoiuerde, d. i. Siisserde nach dem aiisaen 
OMchmncke vielar ihrer Verbiudungen ; mit ihrer Nachweisunf; iui Smaragd 
Wude dit! wcHentlicUe Idcntitat boider Uiueralien sicher erwlesen. Bis zn 
VAHqueliii's Eiitdeckung hielt mau dio Beryilerde dii Tliouerde. 

**) Dae Klaprotli'sche Citat uhoe Qiielletiaugabe genanerer Art niid mit 
rinlgen Differeuzmi findet siuh auch bei Mosqucra a. a. 0. H. 67, wo ancli 
iMidere vonvandte Sleine orw^hut werden. 

***) (Ccidazzi) Jeografia fiutcn i politioa dc las prorlncisB de U Niieva Gra- 

aada: Sucorro V^lez, TuDJa i Timdama {Bagoti 1656) S. 107, lOS, 138 etc. 

t) Peschel, Daa ZeitaJter der EntdecknngeD (Leipzig 18.) S. 239, 418. 

+t) Humboldt, Exomen critiijiie de 1' biatoire de la giSogrnphie dn Nouveftu 

Continent (Farie 1835 S.) I S. 356. Anm. 



43 Uebor ilie ColiiDibiacheu Hmarsgduu, 

fernnngen die Indianer voiii Orinoko und vonj Ainozonas die 
Produtte von Hnnd zu Hand gclieo lasaeii, deren Werth diese 
Stetne beistiiunieti. su will ich iiichl sagen, ob ee Smarngden aus 
Muzo, von der Ilochebene Bogota's waren, oder Saussuriten, Steine 
vom Amazonenstroni, welclie Dingo de Ordaz „Sniaragden" nennl, 
so gross, wio eine Faust," 

„Kauiii hatlen die Spanier nuf der Hochebene von Bogota 
sich feetgeseUt und die HauptBtadt hegriindet, als das Sniaragden- 
griin sio verlookte," erziihlt der alteste wirkliche Geachithtsschreiber 
(ohimbiens, Pedro Siniou'); — itber in Wahrheit begann diese 
Verlockuiig schon vor der Begriindung Bogota's, schon vor dem 
fi. August 1538. 

Pur die beiden ersten Jahrhiinderte der colunibischen Smaragd- 
gewinnung und fur Aptu Ziistund, in deni die darnuf folgende ZeiC 
die Smaragdlager vorfnnd , ist die itUeste Geaehichtc nicbt ohne 
Bedeutiing. 

Schou ale Gonzulo Jimenez de Qnesadu, der Entdecker des 
Innern vom jetzigen Gotumbieu, in das Thai von Guacheta vordrang, 
eihielt er — es war am 3, Miir;; 1537 — die gepriesenen „gruneQ 
Steine" zum Goschenk: neun Sniaragden, die ersten, die er 
aah**). Nach underthalb Jahren verfolgte er die Spuren die- 
ser liverthvollen Schiitze; zu seineni Zuge nach Norden bestimmte 
ihn aueaer anderen Motiven die Nachricht, dasa der Fundort jener 
Edelsteine „Soniondoco" heisae, damala offenbar eine Gegend von 
Ruf. Er erhielt auch bald ~ in Turmeque — Nachricht fiber 
die Lage derselben; seine Officiere fanden Somondoco, etwa 9 
Legnaa von GuaUjque entfernt, dicht bei dem Waaaerfnll des Nagar, 
wo der Oaragoa herabstiirzt, urn aich mit dem Guario xa verbinden; 
sie stiegon das dortige Gebirge hinan, auf dessen Hohe die Ein- 
geborenen zur Regenzeit (da sonst das Wasser fehlte, nm die 
Erde aut'znwasehen) in den Bergatiirzen mit Hnlfe grosser Holz- 
stangen die Edelsteine suchten. Das wilde Revier hatle nichta 
Anziehendcs fur die Frenidlinge, die rasch Reiuhthiimer gewinnen 
wullten; Quesiida kam freilich selbat an Ort und Stelle, aber auch 
ihni achien die Aussiclit unter den scliweren Wasser- und Fele- 
Arbeiten wenig verloukend. 

Von Anfang an ist die ursli.e Fundstelle bei Somondoco fur 
inpraktikabel erachtet, obwohl alle dort geninchten gelegentlichen 
Verauchy Erfolge aufzuweiaen haben. 

Bald nach der Entdeckung des Ortes Somondoco, der ao 
wenige Aussicbten xu bieten schien, ward Tuoja erobert (20. August 

*) Atostn, Competidio historico dol deBtubrimiento y colonizacioa de Ir. 
Nueva Graiiadft (Paris 1848) B. 223. 

**) Flttza, MemuriaH para lu iiJstorica do la Nueva Granada (Bogotil 1850) 
a 66 ff. 



(rln-n SiuuvBgiloii. 



43 



1637), die IIituplBladt jeues Stairimes, iler weit iind breit urn Jene 
Suiaragden-Pundstilltc wolinte; in dem Piilaste des Kaziken fanden 
fiicli, wie es hciasi, 1H1& Siniiriigden, untcr rlienen selir echone, 
8o duBS dto erstivuiitcn Spanier: „Ptrul General! Perul" ausriefen ■). 
Ob dictte Schiitie tiiis Somondoco etamniten, Ut um en zweifelh after, 
«]s in dem Naclibar-Gehiete der Tunja-lndianer, in dem der 
Muzoa, ehenCullB Smaragdeii flieli fanden. 

Vic Mueo'h bildelen eiii Volk, das die Eindringlitigo uus 
Europu mit der groagten Ilartniickigkeit eiiriiukwiex ; kein Indianer- 
sCumni in den liober gelegenen Gebipten dea jeUigen Colutnbien 
hat den Spuniern einen sn ernsthaften Widerstiind gehoten, nnd 
uoch jelzt greii/en an due Rereicli, das den Namen Muzo tragi, 
Dislrikte wilder Indiuner, die alien Bekehrungs- und Civilisstions- 
Verauclien getrotzt haben"). Die Conquialadoren ffihrten mit den 
Mum's einen fast ewanzigjahrigen Krieg, in dem sie nur Nieder* 
lageii erlitten; aueret wurde Melcbior Valde* wieder zuni Rliukzag 
gezwnngen; dann ward die tinter grosaen Anetrongungen und nach 
Bchweren Opfeni von Pedro de Uraua am Ouasofluase im Paima- 
tbal gestiftete MililiirstiUiim Tudelu vdllstiindig derfllorl*"); erst 
1555 gelaiig es Luiz Lanchera, dunj Eraten, der hier mit Bluthnnden 
dem Pfeilgift der Indinner begegnete, featen Puss zu fassen; er 
grandete die Sladt Sanliaima Trinidad de los Miizoa. Anlass dea 
Lanchei's'achen Unternehmens bildete die Kuode von Smaragden f). 
Etwa vor 10 Jahren hatte ein Martinez, den Laie AUonao de 
I^ugo abgesandt hatte, einige Steine in den Eingcweiden von Haiia- 
thieren gefiinden; Lancbero erfuhr nun, daas das Gebirge von 
Itoco dieao liefere. Juan Penagoa fand dort die erslen Spnrenj 
deshalb urfulgte, nuhe bei dieeer Stelle, die Griindung jeuer Stadi, 
dercn Nume: Muzo auf einen groaaen Theil jenes Gebirges iiber- 
gegangen iat. 

Zur Zeit giebt ea keine anderen colunibiachen Smaragden, 
■lis die zu Muzo gefundenen mit Auanahnie derjenigen, die noch 
in Grtthern und in den ebedeni ala Opferstatten benulzten Berg- 
soen vorkoQimen, die indess nur von geringcr Gate sein eollnn. 

Die Smaragd-Gewirinung begann bei Muzo achon im Jahre 
1658 durdi Francisat Morcilld und wurde trota der steta wieder- 
holten Angriffe der Eingeboreneu in den nachsten Jahren eifHgst 
fortgeaetzt, namentlich aeitdem man zwei Steine geruaden hatte, 



•) V\a>.c n. a. O, 8. 327, 228. 
**) (Ancixar) Peregriaucion de Alpha pnr las provineiafl del Nofte de 
In Nuuvu OraiiBda ea 1$&0 y 51 (BogoU 1853) S. 47. 
•*•) Pliua a. a. 0. 8. 196 ff. Acoctn a. a. 0. 8. 332. 

t) AcuBta a, a. 0, S, 340. Rodri^ei Fr»1e, Conquista i dencubrimiento 
" '0 Eeiuo de GraDBda BogoU 1859) S. 43, 56, 2iS. 



44 Ueber die Colnmbiacheu 

welcbe in Spatiieo mit 24,000 kastiliaclien Goldgolden hexahlt 
wurden *). Noch jet»t aprictit man von der alten Mine hoch im 
Berge, jedoch ist keine Spur mehr Ton der Fundstelle oder von 
den Wasaerkanalen aufzufinden, so sehr man auch geeucht hat. 
An dem Orte, wo spater der Mittelpuokt dea Betrietiea lag, etwa 
eine Legua von dem Orte Muzo entfernt, begann man die Arbeit 
am 9. August 1594. 

Id der ersten Zeit war daa Sucheu nach Sinaragden Jedem 
geaiattet; von dem Funde war der Metallfunfte an die Krone zu 
entrichten, welchen der konigiiche Erlass vom 5. Februar 1504 ein- 
gefubrt hatte , da alle Metaiie und aoustigen Mineralschiitze dea 
Kiiniga seien, der aus Gnaden gegen jene Abgabe ihre Gewiunung 
gestatte. Jener Pedro Simon berichtet, daas 1572 bis 1612 die 
Binnahine auB dera Funften vou Muzo 300,000 Thlr. betragen 
babe, also per Jabr dnrcbsclmittlicL 75,000 Thlr.'*). Dieee Ein- 
nabme gerieth aber aehr bald in Verfall. 1636 achreibt der Cbro- 
niflt von Bogota: „die Stadt Muzo ist ebedem Bebr reieh gewesen 
wegen der Smaragdminen , die in ihrer Nahe liegen; jetzt aber 
ist sie arm, da diese Gruben verfallen sind, oder nchtiger, da es 
fur sie an Eingeborenen fehit , wie dies auch bei alien anderen 
Minen der Fall iat, welche heute desaelben Mangels wegen auf- 
gegeben sind**'). InMuno raehte sich der riickaicbtloae Frohndienst, 
zu dem nian die Indianer zwang, um ao echwerer, aJa die Gegend 
weit und breit aehr ungeaund war und fnr den Neger-Iniport zu tief 
im Innern lag. 

In der Mitte dee 17. Jahrhunderts begann man den Beti'ieb 
von Muzo auf Rechnung des koniglichen Schatzes und achleppte 
aue alien benachbarten Orten Arbeitakrafte heran. Muzo aelbat 
konnte nur wenig stellen , denn es war immer auf a Neue den 
Angriffen der wilden Indianer erlegen; schon damala waren die 
Kirchen und Kloster Ruinen, von denen jetzt noch die Tradition 
redet. Der von Bogota aus geleitete Betvieb gab wenig gunatige 
Reaultafe, wenngleich eiuzelne Fnnde hervorragend waren, wie 
z. B. die Smaragden, welche Francisco Tovar Alvarado 1660 dem 
iConige schenkte (10,000 Thlr.); 1664 aandte der Vicekonig von 
Peru, unter dem noch die Praaidentachafl Santafe stand, den Mine- 
lalogen Jose Antouia de Villegas y Avendano nach dem fernen 
Muzo, um die Smaragdlager zu untersuchen. Sein gunstiger Bericht 
iiber die Entdeckung einer groaaen Ader belebte aufs Neue die 
Hoffnungen f), allein die Zukunft erfullte diese nicht, obwohl ina- 



ITpW 



45 



uier ni.ii'' \ 1 rsm-lii' geiiisdit, immer neue Anbaiislcllpn in Atigriff 
genommen wurden. Die Stollen, welclie fruher bearbeitct waren, 
wurden zeitweilig vertaBsen ; man suclite am steilen Bergabhang 
nnter freieni Uiiiiinel nach den Ailern, welche die Schatze bergen; 
aber das Ergebniss war gnrin;;. Es hiess, dass die Arbeiter in 
grosseni Maasslabe die Steine sich aoeigneten , aber aie kamen 
nnraelten zum Vnrscbeiu, und dasB dieVerwulter sie an sich nabmen, 
aber sie wurden bei der strenguberwaohten Ausfuhr nieht eittdeclct. 
Dann lueinte man, besondere Nalurereignisse batten die Smarag- 
den vernicbtet: vuHtanische Ausbrucbe, von denen indess nie eine 
Spur eDtdeckt ist. So ruble der Anbaa der Lager langere Zett, 
-wie ea scbeint, bis zur Mitte des 18. Jahrbanderts *). 

Ini Jahre 1772 erstattete der Fiskal Francisco Antonio Moreno 
T. Escandcin dem Vicekonige Zerda uuafubrlicben Bericbt uber 
die Lagf des Vicekonigreichs Sanlafe und besprach bei Gelegen- 
heit der Koniglicben Einnahmen auch die Minen. Da beiest es**)t 

„Ausaer den Goldbergwerken und den Minen anderer Metalle 
beeilzt das Konigreicb auch Lnger von Edelsleinen, welche bear- 
beitet sind, wie die von Amethysten und Smaragden. Besonderer 
Beacbtuug sind die letzteren werth, vielleicht die einzigen in der 
Welt. Jetet bat kein anderer Monarch dieae Kostbarkeiten, die 
bier reicblich gefunden werden, in seineiu Besttz; sie werden bei 
Somondoco und Muzo gewounen and ist es von grosser Bedeutong, 
dass dieae Mineu uicbt vernacblaasigt werden, zumal in jiingster 
Zeit die Nacbfruge nach Smaragden geatiegen ist. Aus dieaem 
Grunde befiehlt ein koniglicber Erlaas die Bearbeitung auf Recb- 
nung der Krone und die Absendung der Steine nacb Spunien. 
Da die Bauatellen von Somondoco veriiachlassigt sind, und zwar 
dergeatah, das man sie kauni entdecken kann, ist daa Ilauplaugen- 
mertc auf Muzo geriebtet, Wo einige Privatpersonen arbeitelen. 
Es wurde ein Verwalter nebst 2 Aulseheru dahin geaendet, sowie 
die Dothige ZabI Arbeiter angeaiellt. Der Oewinn zablt die 
Arbeit und die Mube. Sebr scblirnm ist es, dass gar keine Re- 
gel das Dasein der Steine angiebt, wie bei Gold und Silber die 
Ader. Selbst bewanderte Leute irrei 
das Vorkominen von Griinapan, aowii 
ten des Edelsteinea dienen konnen. 
in dem Nachspiiren solcher Zeicheu veracbwendet, oft plotzlich ein 
Heat stboner Steine gefiinden; aolcbe GliicksfSUe reizen wieder 
xa neuer Unternehmung, jedoch hat nocb Niemand in dieaem Be- 



I sich, wenn auch inaDchmal 

I andere Zeicben als Vorbo- 

0ft wird Arbeit und Geld 



•) Qroot, Historia ecleaiastiea y civil de Nuava Oranaila II (Bojroti 
L 8. 42. 
'*) AualdB de la UiUTersidad national de Colmnbia. IT (Bo^t^ 1872) S. 83. 



Irieb Veniiogen gewonrien. Demungeactilet ii*l dor Befeljl Seinei 
Mf^jeatat zu erfulien uud iu der Arbeit nlchl nRchzulasa 
' werden die Minen gepllegt und die Arbeiter erfahrener, i 
;. der Zeit ist Gewjnn aua diestn Schateen zn zieheii." 

Die Ilauptl'andstelle bei Muzo trug danials den allgemeiodu 
NameD Penon ; die undern hiessen nach Iruheren Bearbeitern e. T 
Miguel Ruiz Jeromino Diaz. Die Steine theilte man in vier Art 
die beste war duakelgrun; dunn I'olgte hochgriin, grun uad hell] 
grnn; den Werlh der Sleine bestiminte man nach Mark, Uni " 
und Drachrae dee Bpaniachen Gewiclita. 

Die Recbnutigen der Jabre 1765 bis 1772 ergeben eineffl 
Unkostenaulwund von ruud 27,700 D.; diil'iir wurde gewonneii *)'3 











Ar 


t 










F a r b e. 












w„-.l 


















ersU, 


z^eit 


B. 


itritto. 






ITGfl 


Griiii 




_ 


2. a. 


T 


9. 7. 8. 


12. 


3. &| 


171i7 


,io. 




_ 


1. 3. 


a. 


5. - 6. 


6. 


3. uM 


1768 


do. 


1. 


2. 9. 


3. 4. 


2. 


10. 5. — 


15. 


3. 1^ 


1768 


DuiAelgrflii 


— 


5, 12. 


— 




1. — 12. 


1. 


6. m 


1769 


do. 


6. 


7. 13. 


5. 3. 


1. 


13. G. 12. 


24. 


1- 111 


17C9 


Griin 




— 


4. 2. 


12. 


20. 


24. 


8. 'CT 


1769 


Heligran 




- 


— 3. 


4. 


4. 3. 4. 


4. 


6. Sn 


1770 


Dunkelgriiii 


5. 


7. 7. 


2. 4. 


8. 


4. 3. 10. 


IS. 


7. k< 


1770 


Hochgriin 




„ 


- 3. 


6, 


11. 3. 10. 


11. 


7. — * 


1771 


Dunkd^n 


5. 


2. J 5. 


4. 1- 


15. 


— 


9. 


4. 14.:' 


1771 


Griin 


I. 


5. 4. 


— 




8, G. 15. 


10. 


4. 3. 


1772 


Dnnkelgrun 


1. 


1. 2. 


2. 1. 


2. 


— 


3. 


2. 4." 


1772 


Griin 




- 


1. 4. 


- 


3. 5. 8. 


4. 


fl. 12; 


1766-72 


z„™„ 


23. 


— 14. 


25. G. 


14. 


93. 3. 5. 


142. 


3. 1. 



In dem Beritht, welche der gcnimnte Vicekonig Zerda am IM 
September 1772 fur seinen Amtsnachfolger unterzeiehnete, fiw" 
sich die Angaben Moreno's wiederholt; es wird nur hinzugefu 
dass die wirklicbeo Ertrage von Muzo in Neugranada gar nict 
BQ erniitteln seien, da man dort nicht evfahre, welche Preiae i" 



*) Ans den Pspieren des National-Aroliiv'a 



Bogotd. 



Ueber die ColumbiacLen Smnrtigden. 47 

iiadi MHilrid gesendelen Smiimgden in Europa erljingt hHlten; diese 
Ertrage, so glaube man, wurden die Unkoaten difcken*). 

In dem Bericht, welchen derVicekoaig Gdngnra am 20, Pebruar 
1789 aeiDeni Naclifolger Gil y Lemuo iibergab, heiest ee**): „Anch 
die SmnrBgden sind ein eigentbumliches , Seiner Majestitt vorbe- 
haltenes Erzeugniss dieses Konigreiclies ; ihre Lager finden sic.U 
in der Nalie des Orlea Muzo. 1777 befabl Seine Majeatiit, daaa 
daranf Bedacht zo nelimen Bei, sie beaser zu betreiben und zu 
groaaerem Ertrage einzurichten. Die geringe Kenntniss derjeni- 
gen, welche aie bearbeiteten , veracbJeuderte eiDCn groaaen Tbeil 
der werlbTollen Erndte. Dieaen Mangel abzualellen, gab ich dem 
Minendirector Juan Joae Ebbuyar AuftiagT dnss er die Minen 
untersnche; er besichtigte aie in Folge dessen und gab Anweiauug, 
aie Dntzlicher zu bearbeiten." 

Ein anderer vicekoniglicher Bericht, der Eapeleta'a vom 1. 
Dcebr. 1796, erziihU, daas die Koalen dea Minenbetriebes jahrlich 
sich auf 6000 D. beliefen*"). „Nie habe ich geglaubt, daas der 
iniaginare 'Werth der gewonnenen Steine Huareichen werde, die 
Ausgaben zu decken; es scheint kein Fall vorgekommen zu sein, 
daas er dieae iiberschritten hatte. Hiev isl: uber dieae Frage niclit 
zu urtbeilen; denn ea giebt bier keine Edelsteinkenner, welche 
die Smaragden mit einiger Saebkunde abzuschatzen vermocbten." 

Die vicekiinigliche Minen verwaltung hat nie intenaiv wirken 
kopnen; dazu waren die Miltel zu achwacb, welche zur Terfugung 
atanden. Die Entfernuug der Fundorte von dem Sitz der Behor- 
den war zu gi'oaa, die UnzuganglicLkeit deraelben gar zu hindernd. 
Bald nach dem Ende der Verwalrongsperiode Eapeleta'a wurdeii 
die Minen unter Konigl. Genehmiguiig verpaehtet; man vcrlangte 
zunachat ala Pachtpreia nehen dem Metallfiinften einen Kanon, 
muaale aber hierson abaehen, so daas am Ende der Kolonialheir- 
schaft die Smaragdengewinnnng der Krone nicht mehr abwarf, ala 
in der ersten Zeit nach der Entdeckung: jene Fiinftabgabef)- Der 
Unterachied beatand gegen friiher aber darin, daaa das Occupations- 
recht nicht mebr ein freics war, sondern nur auf Gruud beaonderer 
Vertrage geiibt werden konnte; wie denn, uuaser den Miueti, 
die den besondereo Namen Muzo nach und nacb erhalten hatlen, 
noch andere Lager pachtweise vergeben wurden, die benaehbarten 
Minen Sorquecito und Urraca, aowie die sparer wieder verloren 

*) Gnma y Garciii, Relaciouee de los Vireyaa del Nuero Reiilo do 
GrnnHdn (Nuci-a York 18G9) S, 96. 
**) Ebendaa. S, 2i0. 
•••) Ebeailas. S. 347. 

t) Plazas, ft. ft, O. S. 372, 373. 



48 Ueber die CalumbiBctiPii ^inAragdeti 

gegangenc von San Marcos, die erst gegen die Mine i 
hunderts aufs Neue eatdeckt ist. 

Der Riickblick auf die epaDiache Zeit ergiebt audi hinsicht- 
liiili der Smuragden, deren Kostbarkiit so oft auadriicklich hervor-. 
gehoben wird, dieselbe Kenntniaslosigkeit, welche der Bewirth- 
schal'tung des giinzen Mineralreiches wahrend dieser Epoche eigen 
ial. Yon den vor uDserem Jabrhundert gewonnenen Smaragden 
ist in Neugranada kein einziges Exemplar zu flnden ; was friiher 
nach Ausweis der Akten in die Hande reicher Faniilien gelangt 
ist, hat die Noth der Unabhaagigkeitskriege , uad in diesen be- 
soudors die Bedrangniss wahrend der letzten apanischen Occupa- 
tion, BpurloB hinwegget'egt. 

IV. 

Die tiefgrunen, durcbatrahlenden Steine, welche die vornebme 
Welt Calumbiens jetzt besitzt, zum Theil so vollkonimene Exem- 
plare, wie sie in Europa nur sehr selteu vorkommen, ataniinen 
aammtlicb aus neuerer Zeit, Nach den Wirren der Kriege eriiinerte 
man sich erst spal der abgelegenen Sniaragden lager, weiche die 
Kepubiik als Nachfolgei'in der Krone ztmachst ganz unbeachriinkt 
in Anspruch nabiu. Wo immer Sniuragden siub faaden, wureo 
sie Eigenthnm der Nation; uber es ist nicht ersichtlicb, dass aie 
zu Anfang dieses J ah i hunderts anderswo hervorgetreten seien, 
als in den mebrerwiibnten Bereicben, den daiualtgen Frovinzen 
Neugi'anada'a Oder Colunibiens; Valez und Tunja. 

An Selbstbetrieb konnto die neue Rcpublik, der die notb- 
wendigsten Organiaationen nuch feblten, nicht denken; die erste 
VcrpachtuDg erfolgte iui Jahre 1824 und dauerte bis 1848. 

Nach dem Vertrage voin 14. Juli 1824 batten die Unter- 
nehmer lO;)! vom Reingewinn als Fiichtzins zu zahlen. Zwei 
von ihnea waren bekannte Lcute: Mariano Eonardo de Rivera, 
der kenntnissreiclie Genoese BoussingauU'e, desigoirter Vorsleher 
eines naturwiasenschaftlichen Museums in Bogota, und Jose Jyna- 
cio Paris, der genauste Freund des allmiichtigeu Bolivar, derselbe, 
der ibni spater das einzige im jetzigen Columbien vorhandene 
Denkmal setzte. Paris erhielt am 22. Mai 1828 das Recht auf 
Muzo fur sich aJlein und achloss am 28. Juni desselben Jahres 
einen iieuen Vertrag ab, der daa Privileg ilim bis 1838 aicherte; 
dann folgte am 22. April 1830 wieder ein nenes Abkommen, 
daa Bolivar kurz vor aeinem Abtreten genehmigte, und dieaes ge- 
wahrte weitere 10 Jahre, sowie eine Abgabe von nur 5^. So 
war ein einziger Mann in der Zeit von 1824 bia 1848, also fast 
'^ Jahrhundert lang alleiniger Ausbeuter und Kenner der Muzo- 
Minen. Paris betrieb sein Geschaft unter dem grossten Geheini- 



a* 
K 



Ud<er die Co1umbiii(?ben Bniarngden. 49 

niss, dulJete keineilei Veroffentlithung iibei' licssen Befrieb, be- 
schwerte sicb sogar uber nllgenieiiie Aogaben des ZoUamles Car- 
tagena, deiii er jeiie 5 % eiDzablen ipusete, erwarb alles rings uiu 
das Muzo- Terrain liegende Laad, sodass die Grenzeo des Mioen- 
Areuk und dea Privateigenttiuma bald sehr Eweifelhaft wnrdea, 
udd gab HUT hochsl allgemejne und dtirftige Abrecbnungeii, weil 
sith der Reingewinn erst nach dcni Verkaul'e der Steiue in Paris 
herausstelle. Diese Abrcchniingpn eutbebrten jeder KontroUe; die 
der ersten .lahre scLeineu nie eingegiingen zu sein; spatere weiaen 
aus, dttss vom Juni lt<30 bis Decbr. 1845, also in etwa 15 Jwhren, 
16954 D. 3^ c. aU Ahgabe bezahit sind, was einen Reingewinn 
von 339,080 D. 75 c. darstellen wiirde, oder eioe Jahresein- 
nabme vou etwa 33,G05 D. -38 c. Paris behaiiptete atets, dass 
das Unternebnitin nur geringe Vortheile abwurfe; dies ward viel- 
fncli geglaubt, da die Unregelniasigkeit der AbrcuboungeD keine 
Ueberaicht gestattet^; allein wer nabtr stand, wie z. B. die Be- 
horde der Provinz Vilez, sprucb von aebr erbeblieben Oewinnsten, 
naiiientlich in den letzten Jabren der Vcrtragazeit. Diese Dunktl- 
beiten wurdcn nicht aufgekliirl, aber sic fSbrten nocb wiihrend der 
Dauer des Kontraktes zu einem eignen Gesetz fiber die Smaragd- 
Minen *). 

Am !l. Juni 1847**) verfugte der Kongress in Bogota, dass 
die in: Gebiel der Republik entdeckten Sniaragd-Lager nur nut' 
Rechnung der Nation uuszubeuten seien, gleicbviel ob dies durcli 
Verpacbtung nder durub Selbstbotrieb geachehe, wobei unter aonst 
gleicben Verhaltnisscn der erateren Form der Ausnntzung der Vor- 
zug zu geben sei, " „ Ala Privateigenthum, so bieaa ea in Art 6 and 7, 
dauern diejenigen Smaragdlager fort, welche zur Zeit der Ver- 
offentlichnng dJesea Geactzea bereits entdeckt nnd vorschril'taniaaBig 
bei der zuatandigen Behorde augemeldet sind; die Privaten, welcbe 
in Folge dessen Rechtatitel erhalten oder erbalten hnben, mfissen 
den geaetzlicheu Funften bezablenj die in Privateigentbum befind- 
licben Lager fallen an die Nation ziirnck, sobald ihre Eigenlbilmer 
sie dureh A rbeitsstil Island, der liinger als ein Jalir dauerl, auf- 
geben". 

Beacbtenswertb ist ea, dasa die Geaetzgebuug ausdriicklich 
auf die in Privatbesitz befindlichen Sniaragdminen Rucksicbt nahm; 
in der TLat gab es jetzt ausser Muzo uod Soniondoco manche 
tbeils iruber angebaute, ibeils noch unangerulirte Lager, die der 
Nation streitig geniacht wurden. 

*) Nach den Akteu der Sekrelarie far Finanzen und Sffsntliclie Arboiteu 
In Bogoti. 

'*) Plaza, Ap^ndice s la Eecapitulacion de leyes da la Mneva Granada 
(Bo^oti 1850) 8. 236. 

KeiUul.r. d. Uci'cllich. f. Erdk. BJ. X. A 



50 Ueber die Columbia cben SmKragden. 

Abgeaehea von den alten fast sagenhaft gewordenen „Itoco 
Miner" im unzDganglicben Gebirge, unterschied man damals im 
Umkreis von Muzo folgeode Anbaustellen : Abipi Ciceres, Cana- 
veral , Crscues, Hogo, Maripe, Palma, Rabon, Raquira, Sorque. 
Sorqueeito, TJrraca*). Einige dieser Punkte waren seit alter Zeit 
beknnnt t. B. Sorqueeito und Urraca. Palma errcahat als £nt- 
deckung von Francisco Diego Garcia schon der Bericht von Vice- 
konig Giingora**); Abipi'war eine kaum auffindbare Waldstelle alton 
Rufes***^; Raquira behauptete dagegen Paris erst 1828 aufgefunden 
zu hflben. Was nicht unmittelbar im Bereich dieses Pachters lag, 
z. B. audi Lager, denen jeder specielle Name feblte (in den Di- 
Btrikten von Coper, Itoco und Paime), ward nach jenem Gesetz 
von Privf.ten beansprucht; diea geschah sogar binsicbtlicb angeb- 
licher Pundstellen boi Somondoco, welche dicht bei Maconal Hegen 
soUten (nn einem Orte Chidur gebeiaaen) und von einer GeseU- 
schaft in Somondoco beansprucht wurden. 

Ala der Vertrag mit Paris seinem Ende nabte, eriiess die 
Regierung unterm 23. Juni 18i7 eine ofFentliclie Aufforderung, 
die Mtizo-Minen in Pacht nehmen zu woUen; dieser Bekannt- 
niachung wurde jedoch nicht fainreichend entsprochen. Zuerst 
nieldetcn sich nur Verwandte des fruheren Inhabers, nach nnd 
nach kanicn andere, namentlich aucb Pariser Offerten hinzu; als 
jedoch das alte Vertragsverbaltniss ablief, war noch kein neuer 
Kontriikt zum Abschlass gelangt. 

Die Regierung ubernahm den Selbatbetrieb und emannte zum 
Vertreter den Geschaftsfiihrer des bieherigen Unternebmers, Tomaa 
Fiillon, lUmals die einzige Person in Neugran&da, der man Enode 
iibfir die Fragen der Smaragdgewinnung zutraute. Die Berichte 
dieses Beamten, der ubrigens von Anfang an daruber klagte, daaa 
eine grosse Menge von Steinen durch die Arbeiter verachleppt 
iind gi-sfohlcn wurde, eroffneten in Bogota zum ersten Mai einen 
Eiriblick in die faktischen Verhaltnisse, welche zu Muzo bestanden 
iind hiosichtlich der Producte des vielgepriesenen Nationaleigen- 
thunis gn beachten warenf). „In dem Bereiche, der jetzt bear- 
be.itet wild und, eine Quadrat-Legua gross, das Besitztbum des 
Herrii Pun's durchschneidet, ganz auf erheblicher Berghohe bele- 
gen, giebt es fiberall Smaragden; aber ee ist keineswegs darauf 

*) Einige dieser Punkte bei Ancizar a. a. 0. 8. 53; sudere ergebeu dia 
^euauriten Akten; die bei Mosquera a. a, O. 8. €6 g«uanateii Punkt« Bind 
Aiib.iuattllea in der Muzo-Miue aelbst 
**) Garcia y Garcia a. a. O, S. 240. 
***) Aroflta a. a, O. 8. 341. 
j-) Diia Folgeurle int eine ZusnmmenBtelliliig bus verachiedeneu Berich- 
len Fiillou's, 



Ueber die ColumbiBoliou Smaragdea. 5] 

za rechnen, dass man sie auch auf Schriti und Tritt untrifft. Der 
Bergabhang, tut deni der Betrieb erfolgt, hat tod dem fruherea 
Beailzer dergeMallt abgetrageii werden niusaen, dasB der Schutt den 
HauptplaU von Bngota gana anfnllen und die Kathcdrale voU- 
standig bedeckeu konnte; daroncli is^t Behr vie! Erde amgearbeitet, 
iim nur wenige Smaragden zu gewinnen. Eb giebt verschiedene 
Anbaustellen, von denen die liocbst gelegene und viel bearbeitele 
Miguel Ruiz heisst; die Jerena genannte war bisher wegen Ver- 
irrangen in der Wiidniss iiicbt aufzufinden; die Mine Aguardiente 
hat drei StoUen, der langate von 150 Fuss, niit vielen Abzwei- 
gungen, welclie den verscliiedenen Adern gefolgt sind; bier, wo 
die lelzte auf Recbnung der spaniachen Krone erbaute Wasser- 
leitung sicb dndet, sind in jiingster Zeit die besteu Steine gefuD- 
den. Die anderen Betriebsatatten tragen aucb beaundere Nanien, 
werden aber unter der Eezeiehnung „Mine San Antonio" begriffen, 
da sie von einer einzigon Waaserleitung abhangen. Von hier 
stamnien alle Smaragden, die der biaherige Pachter gewonnen hat, 
von deni ein sehr gul gebauter Entwaaserungsstollen herstaromt; 
das Geateiu iat hier weicher. Die nodi in der Spanierzeit ver- 
acbnttete Mine „loa muertoa", die aua veracbiedenen alten StoUen 
bestcht, ist wegen Wasserniangels achwerlich wieder zu bearbeiten. 
La Vieja liegt seit der apaniscben Epoche still, wurde aber fruher 
stark anagenutzt; ebenso „las aninias" am Abfall nacli der Berg- 
schlucht, wo sicb verscbiedene Stollen in hartem Gestein flnden, 
und der biaherige Piiehter einige Bearbeitungsversucbe gemacht 
hat. Die ErgebniBSe der Minen sind von hochst verscliiedeiiem 
Wertb. Der Smaragd iet sebr sprode , so dass er an der Luft 
in kleine Stiicke zerfallen kann, auch die, „aiiver8ebrten" Kry- 
stalle eind an der Spitze, niit der sie am Qestein feetaasaen, melat 
gebrocheu. Die dunkelgriine Farbe, die jetzt nnr in einer Ader 
gewonnen wird , ist die seltenale und kostbarste; dann kommen 
die Canntillas genannten Krystnlle, klarglanzend dnrcbsichtig und 
hellgrun, oder hochgrun; einige Stneke eind ohne Glane, aber 
gegen die Sonne gehalten , zeigen Bte keine Risse ; geschlilFen, 
werden sie dnnkelgrun und bekommen Glanz; sie heissen „enca- 
padaa". Neben den groasen Krystallen finden aich Anhaufungen 
kleinerer, Moralias, welche jene meistenB umgebcnj manche Bind 
von Glanz und Durcbsichtigkeit und schoner Farbe, andere nicht, 
sodass BJe aich nur dnrch ihre Harte von falschen Smaragden 
unterBcheiden, Die Minen von Sorquecilo werden von der Kirche 
zu Muzo, die von Cocaues, San Marcoa und Urraca von der zu 
Chiquinquira in Anspruch genommen. Die Mutterader der Sma- 
ragden, die man hier annimmt, iat elwa 300 Fuss breit, vertheilt 
eich aber oft mit sehr vielen Abcweignngea und fuhit dnrch ver- 



s* 



Ueber Aie Culumbixclieu Smaragden 



schiedenartiges Gestein; diejenigen Adern, welche Smaragden ent- 
hallea, liegen meist gesenkt nnd durchschneiden die Mntterader. 

Der wirkiiche Minengewinn iat nnr schwer zu uberBchen, da hier 
die europaiSRhen Freiae nicht bekannt werden. Bei Smaragden 
der drei eraten Klassen wird der Karat gewohnlich niit 5^6 
Francs, be! deuen der spateren mit 10 — 12 Sous bezahlt, Der 
Smaragd hut seinen "Werth nor ditdurcli, diiss er so selteu iat, ao- 
wie er in Menge auf den Markt koramt, verliert er aeinen Bang 
als Liixusartikel ; deahalb muss seine Auaheutiiiig Monopol sein; 
es dnrf nJcht Jedermann Smaragden suchen und niich Europa 
srrhicken konnen. Die Arbeiter muasen auf das Strengste uber- 
wacht werden; denn es iat zn leicht, dass sie Sniaragden unler- 
schlagen ; deshalb wird anch die Arbeit im Stollen aufzugeben 
nnd die unter treieni Himmel am Abhnnge dea Bergea vorzuzie- 
hen aein. Die gewobnlichen Arbeiter, die aus den Orlacbaften 
Ubate, Chipuinquira und S4boya heran^ezogen werden, sind diesem 
Dienst wenigev gewachsen, als wirkliehe Indianer ana den benach- 
barten Gebirgen. 

Die Regierung bewirthachaftete die Muzo-Minen bis Ende 
April 1849 und baute besonders die Punkte Iragna, Limoc nnd 
Bolicbe an. Ueber die Ertrage liegen nnr einige Zahlen Tor, 
die sich auf die drei Quartule des Jalires 1848 (April beginnend) 
und auf den Marz 1849 bezieben. 



KlasRi-. 


Qiiartoi Qumlnl . Qiiartnl 

T, ; 1.. , III. 


MiirK 1849. 


Duukelgruu 

Canntilltt 

Hochgriiii 

Gnlne Splitter .... 
Helle SplittL-r .... 


2446 
B8I4 
4323 
31311 
31955 


122 
499 
2405 
3074 


930 
1894 

2919 
20720 
20032 


430 Karat 
124 „ 
2039 „ 
3344 „ 
2359 „ 


Zusamm.„: 


63 ICG 


GlOO 


46495 


8246 „ 



Diese 124,007 Karnt, auf 10 Monate vertheilt, ergiebt pro 
Monat 12,400'^o ^- ^o" Anfang an Bollte der regie ran gaseitige 
Betrieb nnr ein Interim is tic um sein ; raan erwartete eben OfFerten 
Ton Paclitluatigen, die ahnnebmbar schienen. Es bildete sich nun 
aua Londoner und Bogatacr KauHeuten eine Geaellscliaft , deren 
Hauptmitglieder Juan de Francisco Martin und Pati'ik Wilson in 
Bogota und Stiebel Brotliers in London waren; diese Gesellschaft 
pachtete Muzo gegen eiuen Jahreszins von 14,200 D. and eine 



Abgiili? 



I 6 « dea NelWgew 



Der Vertriig ward 



dan era. 
Fur I anger als 
I wieder in die 
die Gebeimhal- 



Marz 1649 abgescliloBsen ; er eollte Anfangs 
ward aber bis ziun 28. Februar 1861 verlangerl. 
ein Jabrzebnt kamen die coluoibischen 8uiaragd< 
Hand ron Privatperaonen ; es begann aafu Neui 
tung liinsiehtlich dea Anbaues wie des Gewinns. 

Ueber den ersteren liegl jedoeh aus der neuen Verlraga- 
periode die Besclireibnng yor, welthe Munnel AncJEar ala Mitglied 
der nengratiadiachcn chorographischeo KommissJon veriaast hat; 
8ie schildert den Zusland der Benrbeitrng im Jabre 1850*). 

,,Aaderlhalb Leguas westlich tod Muzo liegt die beruhmle 
SmaragdniiDe, welche heute van einer Pachtcompagnie aasgebeutet 
wird, die 120 Arbeiler beachattigt. Daa Etablissement. Jst gut ge- 
ordnet und sleht unter der Leitung des umsicbtigen und Qeissigen 
Thomas Fallon. Die Arbeitcn werdeu durch offene Abschaiifluiig 
betrieben, nnd hal. uian das fiiihere System der Stollen aufgegeben, 
da ea in dent aus Schiefer- und Quarz-Scliichten bestebeodea 
Gebirge zu unsicher nnd zu selir deni Zufall auegeaetet ist. Die 
gegenwartige Mine bilJet eine kreisforniige Anagrabong von 120 
Ellen Tiefe an der einen Seite nnd von 20—30 an der an- 
deren; die Oeffnung bat 200 Ellen im Dnrchmesaer, auf dem Badett 
Mber nnr 40 — 50. Die WSude fallen sehr ateil ab , und roll! 
auf ihnen AUea leicht in die Tiefe, Auf der Hobe iind rings um 
die Hoblnng herum Bind Wasaerbeh alter angelegt, nach denea be- 
Bondere Leitnngen i'ubren; in ibnea wird das Wasser angesamuislt, 
am ea gelegentlich in die Anagrabung stursen eu lassen, voa der 
aos es in den Rio Minero fallt"). Urn die Sniaragdadern zu 
entbloaaen , steigen die Arbeiter an den sehr steilen Wanden niit 
groaaer Stcherheit hinab, bia aie an den fur daa Anaacbaafeln be- 
stimmteu Ort gelangen. Wer zuerat die Lente dort nrbeiten ateht, 
furcbtet jeden Augenblick, da SB si e herabsEurzen mochteu, wie denn 
auch sclion lianfig TJnglncltafalle Torgekommen aind. In einer 
Reibe ai.ehend, suhaufeln die Arbeiter einen Graben ans, welcher 
bis «ii der ringsuni die Hohlnng gehenden Wasserleitnng fnhrt; 
Bowie der Graben fertig ial, giebt der Aufseher dn Hornsignal; 
das Wasser schiesat von oben in den Graben und nimnit in diesem 
Atles mit sich fort: Steine and Erdinaaaen. Diese Operation wird 
wiederbolt and ao die Smaragdstelle tn Quarz und Kalkstein auf- 
gedeckt. Das Dasein der Edelateine deuten die kJeinen krj'sl.alJi- 
niBchen grunen Qnarze an, die ,,Terdacbo" genannt werden, die 



0. 8. 50 ff. 

1 heisst apfltei 



Curare und fSlIt iu den MngdaleuK- 



54 Ueber die Colttmbucheu Sm&ngden. 

EioaprengoDgea toq Schwefeleisen in brillanteD gelbes und ge- 
stinbten Stucken, bis man zaletzt anf die „gangae" kommt, das 
he'iest anT Zrystallanhanfnngen, in deren Mitte die kostbaren Steine 
erglanzen. Die geschilderte iet die jetcige Betriebsweise ; in der 
Spanierzeit ward anch in Stollen gearbeitet; einer derselben, der 
sebr reich sein sollte, starzte ein nnd begrob die Arbeiter; jiingst 
ward er aufgesncht and fond man anch versteinerte Menschen- 
knochen. Aub diesem Todtentitollen „socabDn de los mnertos" 
soil ein Smaragd von 16 Uazen, den der Vicekonig Espeleta an 
das Museam zu Madrid eendete, herstammen." 

Der Bericbterstatter meldet leider nichls nber das Eesultat 
dieser Bearbeitang, aber das die Unternehmer tiefates Still schweigen 
beobaebtelen; ihre 5;t vom Reingewinn erklarten sie erst nach 
Ablauf ibrer Kontraktszeit zahlen zn massen, nicht etwa von Jahr 
zu Jahr, und die Eontraktszeit ward immer anf b Neae verlangert, 
bis im Jabre 1859 in Folge eiuee Erdstarzes, der den Arbeiten 
sebr scbadete und erhebliche Kosten Ternrsachte, and deren Ersatz die 
Regiernng Fcrweigerte, Misshelligkeiten wegen des Pacbtverbalt- 
nissea ausbrachen. Bis zn jenem Jabre waxen tod der Compagnie 
201,474 Karat, also im Jabre dnrclischnittlich 22,386 Karat*) 
gewonnen worden. 

Aufs Neue wurde dieVerpachtang ofFentlicb aosgeschrieben **) ; 
als letzte Anmeldefrist wurde der 16. April 1860 geeetzt; bis zu 
diesem Ternjin erfolgten keine genngende Offerten ; die bisherigea 
Pachter, die ubrigens seit 1859 den Anbau sehr Ternachlassigsten, 
blieben bis zum 28. Febrnar 1861 im Besitz. Dass so geringes 
Interesse fitr <iie Smaragden Columbiens sich zeigte , hatte seioen 
Grund in den poUtischen Wtiren des Landes. Sowie der innere 
Fxieden wieder hergestellt ist", sagte der betretfende Staatssecre- 
tar in seineni Kongressbericht vom 1. Febrnar 1861*"), „weTden 
sivb in beiden Eontineiiten Facbtlustige zur Genuge finden; denn 
die Smaragden von Muzo sind in der ganzeQ Welt die schoDsteo. 
Bia der neue Pachtvertrag abzuschlieasen ist, mSssen die Minen 
auf Rechnung der Regiernng verwaltet werden, nnd sind alle Mass- 
regeln getroffen, damit derselbe ehrenwerthe and betriebsame Aus- 
lander die Leitung wieder nbernahme, der sie aobon eismal ffir 
die Regieruog gefiihrt hat". Wieder daehte man an Thomas Fallon 
und dieser iibernahm wirklich am 1. Marz 1861 die Verwaltung 
als Regierungsbeamter, so bejahrt er war. Schwerlich dacbte man 



•) PereK, Jeografia jeneral d© loa Estadoa Unidoa de Colombia (Bo- 
goUk 1862) 5. 247. 

**) Qaceta cficial de la Confederacion Granadina No. 1036, 1046. 
**•) Memotia de la Secretaria de Hacienda i Foroento (Bogoti 1861) 
S. 64. 



"" SP'fr^" 



ITeber die Columbiicimn Smaragden. 55 

daran, dasa er Reformen erhebJicher Art einfuhren werde; niaa 
war zufrieden, eioen altbewahrten Diener zu finden, etellte luit 
ihm seine alien Untergebenen wieder an, namenllich Felipe Paul, 
der den Belrieb beim Tode Fallon's auf Rechnung der Regieiung 
bia zuui 1, April 1865 fortfuhrte. Neue Ideeo , neus Kenotoisae 
pruktischer oder wlsaenaehaftlicher Art d range n also xueb dieamal 
in die Minenwirthschaft nicht ein, obwobl die Gelieiiiihaltung Seitens 
der Privalbetheiligten gebrochen war, wenn auch nur fiir kuree Zeit. 

Auch die letzte, vier Jalire lang anhaltende, stautsssitlge Minen- 
verwaltang hat fiber die Lage der Sraaragdeiigewii.nnng wenig 
Licht verbreitet, wenn auch das Topographische in dem Bericht 
uber die Seitena der Eoinpagnie vollzogcne Ablieferung etwaa niebr 
ttufgeklart wird. 

„Die Mnzo-Mine", so heisst es in dieseui Scbrittatuck, „be- 
steht aus einer Auahohlung der Erdmasse, welche von der Sma- 
ragduder nnd ihren Verzweigungeo durchzogen -wird. Die Form 
dieser Aushohlung ist heutzutage beinahe viereckig; tin der eliieu 
Seite liegt ein vorraals beitrbeiteter Stollen, durcb den jetzt daa 
aus den hoher befindlichen Behaltern komniende Wasaer nach 
einem ausserhalb der Mine belegenen Bache ubfliesst. An der 
zweiten Seite, welche Limon hciast, die Grenze gegBn den Bach 
Aguurdicatc, iiadcn Biuh uueh Auae'jii hia koiuu Adcrii uud nach 
Innen za seheinen aie darch fruheren Anhau erschopft zu sein. 
Auf der dritten Seite, jenem WaBserlauf gegenuber, gab es frtiher 
sehr reiche Fundstellen; jetzt wird dort nur geschiirft, wenn 
Arbeiter uberzahlig sind. Der Betrieb entwickelt sicli jetzt anl' 
der rierten Seite und ist dort in jungster Zeit, abgesehen von 
einzeloen Zwischenraumen , recht ergiebig gewesen; einige der 
Adern sind bis an die Oberflache sicbtbar und geben acbon so- 
fort Smaragdstaub , sowie die Krystalle selbst. Die&e Seite be- 
grenzt die „las animas" genannte Schlucht, wo Abtragimgen ge- 
inacht sind , welche £twas producirt haben , wiihrend die in der 
Mitte der Mine von der Eompagnie begonnenen Arbeitcn ganzlich 
erfolglos geblieben sind. Bei jeoer Schlucht ist durch Aniage 
nener Wasserzuflusee die Arbeit fortzuaetzen, und wird die Mine, 
wenn auch manche alte Fnndstelle erscbopft ist, bei voraichtigctn 
und sparsamem Ban von jetzt an nicht weniger liefern als bisher. 
Zwischen 100 — 200 Arbeiter waren vor Kurzem angeatellt; es 
ist, wenn die Wasserleitungen erweitert werden, fiir 300 Plate zm- 
Thitigkeit da; der durcbschnittliche Tagelohn hetragt 17J^ Centavoa; 
die Kost, welche zu liefern ist und auf weilen Wegeu zur Mine 
herangefahrt werden muaa, erfordert taglich 12j^ Centsvos durch- 
Bchnittlich per Kopf, Nach diesem Bericht wurde der seit Langeni 
nbliche Anbau unter ireiem Himmel fortgesetzt, obwohl man, nach- 



66 Ceber die ColDnbiach^i SsuragAfB. 

dt-ni (li>.- Arb';iter, die eich zerstreat faaiten, wiedt^r heraogebolt 
WBrcn, i:iiiz>-li>'? V«rBDche mit der Slollenarbeit anstellte; sie war«n 
(.'rfiilgliiM, dit I'li^sDltate des g^woholicheii Bediebes erschienem detn 
ttlten Fallon imd aeinem Xachfolger genngend. 

U(-l)i:r ili' se Ertjage liegeo keine ganz Totlstaadigen Naeh- 
riclilL-n Tor. Ala dae Ergeboiss der erstea 5 Moaate (Marz bia 
Augii)<l l^^*^! i-xcl.) empfing die Mnnzc in Bogota 42,580 Karat; 
Fdlldij siAU'i (l.;n Werth dieses Ertrages abschatzen nnd taxirte 
ihn aiif MO.T'pO D., weil ein anSallend grosser Smaragd darnnter 
Wiir, von il' III er sich eisen eaormen Preis versprach*). Bei 
Oeiij ilurdi 'li'- colambiache Oesaodtschaft in Paris nach Berathung 
luil SiicliVitiiiiiiiligeQ (a. B. Roulin) vollzogenen Verkauf zeigte 
us nioli, Jii-^ das Taxat ohne KenntniBS der fnr die Smaragden 
uIh liiixuhariiki'l in Frage kommendeD Eigenschaften gemacht war. 
In ilur i^an/'ii Zeit des staatsseitigea Betriebes (1861 — 65) iBt 
ilio v'lii FiiUiiii for die erste Absendang in Anspmch geoommene 
Huinnic iiiclil erreicht worden. Zn jenen 42,580 Earat kamen 
irii Miirz IHDA — der Ertrag von 1862 nnd 63 liegt nicht naher 
viji — iKicli !lf),767 Earat, die Bofort nach Europa veraandt wnrden. 
liti Niiv./iiilii'i 1864 lagerten in Bogota 23,190 Karat, die spater 
(in. A|nil l>i';fi) ebenfalle nach Enropa gingen"). Im Janaar 

IHCi.'i !. lie (lie Muzo-Verwaltung 26,496 Karat, im Febrnar 

fi(;,iir,:i, INI Mhi 66,940 Karat, im Mai noch den Rest von 464. 
Dii; <'iii' dii'i'i.' Summen erzielten Finanzergebnisse sind nicht genau 
/(I iTiiiilii'hi: iVlr 189,487 Karat wnrden jedoch nnr 36,318 D. ver- 
i'iiiii;i|jtiii. mill findet sich eine Notiz, dass fijr den Karat die Pariser 
Viikinil',- mil U.ll D. ergaben, die Bogotaer, 0,18 D. 

I)ir y.rii ilieseB letzten staatUchen Betriebes der Smaragdmi- 
rii.'h V'lii Mii/i) ist die Epocfae der ailgemeinen Revolution und 
V'Twiii'ini^. wilche die jelzigen Vereinigten Staaten von Coin m- 
liii'ri ci^liiiirii iiat, eine Epoche, die fnr die Hebung indnstrieller 
llrit('i'ii<-'liniiiiii.'L'ii keinen Raum liess. Daran dachte man aucb nicht; 
<>H whr mil' <'iii Nothbehelf, wie 1848, dass der Selbstbetrieb 1861 
iJtii'i'iiiiiiiMi- II ivtirde; die Regierung spahte eifrigst nach Pachtlu- 
Mlinrii, iiliwiilil die polilisehen Verhaltnisse keineswegs einladend 
wiirvii. Im .l.ilire 1860 waren keine Offerten moglich; denn der 
Itiii'Lti'i'krii'i; /I rries dus ganze Land, aber schon im nachsten Jahre 
Uiiiiii'ii \iui I'hkin, naiiientlich aus Paris. Dort wartete man jedoch 
ilbi' jKiliiisWii Kntwickelutig im fernen Lande eine geraame Zeit 
liuij,' iili; ri>[ im Jahre 1864 fand sich dort ein Consortium za- 



TTaher (lie ColumbiBchen Smarngden. 57 

sammen, welcbea aeine Krafte einem Unternelimen leihen wolUe, 
von dem man wenig mehr kannte, als die Frachtexeraplare de8 
Pariaer Jiiwelenliandels. 

Bei Begion dieses Jnhres erklarte der belreffende Staatsse- 
creiar dem Congress in Bogota; es Bei der Staatslietrieb der Minen 
nur fortgefnhrl, well nach Arl. 5 des GeseUes vqm 0. Juni 1847 
ein zu hoher PachUins hatte gefordert werden musaen; jShrlidi 
12,800 D; die Bemnhungen, an solcher Bedingung einen Pachter 
zu finden, wurden forlgesttzt; es erscheioe jedoch zweckmassig, 
das individueLle Interesse mit dem offentlichen enger zu verbin- 
den, als bisher gcschehen Bei*). Der diesein Bericlile beige- 
fiigle Geselzentwurf wurde nicht angenommeu, wohl aber achloss 
die Regiernng am 1. August jenes Jahrea mit dem Vertreter eines 
Pariser Consortiums, Gustav Lehmann, einen neuen Pachtvertrag") 
fur 10 Jahre ab, welchor dpn Unternehmern die Verpflichtung auf- 
erlegte, jahrlich 14,700 Dzo bezahlen, aber keinerlei andere Ob- 
liegenheiten vorscbrieb, wenn miin nicht die beaonders hervorhe- 
ben will, dues der Belrieb dergestalt gcfuhrt we.rden musste, dass er 
die kunftige Ausnutzung der Mine nicht hinderte oder schadigte 
(Art, 13). Von eioer Rucksichlnahme auf daa offentliche Interesse 
findet aich keine Spar; die Regierung behielt aich keinerki 
Miltel Tor, am uber Ertrag der Minen urtheilen za konnen; ;ils 
das neue Pachtverballniss am 1. April 1865 in'a Leben Irat, be- 
gann eine noeh groasere Gebeimhaltung, ills fruher geherrscht ha«e. 
In aeinem Congressbericht vom 1. Februar ]87i sagl der zu- 
stiindige Staatssecrelar*"): „Die Verpachtung der Smuragden enrlil 
am 1. April 1875; es ist also daruber zu entacheiden, ob mil der 
Verpachfuog forfgefahren werden, ob slaatsseitiger Belrieb eintre- 
ten oder ob ein Verkauf sl.atlfindeu soil. Das Lelzlere ist nieiner 
Ueberzengung nacli das Ricbtige. Fur einen Verkauf ist es dringend 
nothwendig «u erforscben, wua die Minen eigentlieb werth aind, 
eine Frage, welcbe aich nur dunn beantworten lassl, ■wenn die 
Re.gierung sic eine Zeit lang auf eigene Rechnuog bearbeitet; oLne 
dies fehit jcgliehe Kunde; bat man aber die nolhigen Daten und 
bringt diese.lben an die OefFentlielikeit , so kann man an einen 
Verkauf denken; man kann nuch eine Verpachtung wieder Tor- 
nehmen, aber nicht blind, wie bislier. Es liegt in dem Interesse 
jeden Pachlers der Regierung und dem Publikum seinen Gewinn 
zn verheini lichen; es ist diea leicht wegen der Art dee Prodoktes 



*) Memoria de la Secretsria de Hacienda i Fomento (Bngnl^ 1864) 
5. 

"*) Biario oficial da los EBtndoB Uuidoa de Coloznljia No. 83. 
") Memacia de la Secretaria de Hacienda i Fomento (Bogota 1874) S. 61, 



5g Ueber die ColumbiBChen Snwra^Bn. 

; und weil letzteres nicht im Lande selbst verkanft wird. Ent- 
scfaliesst sich die Kegierung Dicht im Lande selbst die Minen 
zu untersachen , so kann sie nie erfahren , ob ihre Ver- 
trage derei Fiscna gunstig eind oder nicht; das Letzte ist das 
"Wahrscbeinliche; denn von den beiden vertragschliessenden Tbeilen 
ist die Regierung je den falls derjenige, der das Geschaft nicht kennt. 
Man glaubt, dasa der Pachter sebr erUebliche Gewinae gemacht 
hat; die Kegierung weiss absolut nichts daruber; Privatpereonen, 
welchc Daten aber die Smaragdertrage besassen, giebt es nur sehr 
wenige; also wfirden Aufforderiingen zu pachten oder zu kanfen 
gaoz illusnrisch aein. Es ist notorisch, dass die Mineu Millionen 
prodacirt baben; es lohnt sich also der Mnhe, alle Mittel zu ver* 
sucheu, um den wahren Werth kennen zu leraen. Einwendongen 
gegen dieaen Vorachlag haben keinen Werth. Maa glaubt nicht, 
dass Gefohr vorbanden sei, die Minen in die Hand eines Beamten 
zu legen ; denn gliicklicher Weise zahlt die Nation unter ihren 
Biirgeni ur,d namentlicb unter denen, welcbe offentliches Einkom- 
men verwaltet haben, Viele, welche als Muster vou Rechtlicbkeit 
hingestellt werden konnen. Man scheue sich nicht, die Rente, 
welcbe jetzt die Verpachtung abwirft, aufs Spiel zu aetzen; denn 
die Wahrscheinlicbkeit, dass sie sich vergrossert, iat grosser; man 
furchte nicbt, dass die Smaragden sich als erschopft erweisen konn- 
ten, denn solch ein Unglnck wurde gerechter 'Weise auch dann 
die Regierung treffen, wenn ea wahrend der Zeit einer Verpach- 
tung eintriite. Solcben Sorgen gegenuber ist zu bedenken, dass 
bislier unganstige Vertrage wegen der Minen geschlosaen aind, 
besonilers veil ale in Zeiten geschlossen werden mussten, in denen 
dci- Staatsachatz in Noth nnd das Land in Revolution war, dass 
kunftig in der bisherigen Weise fortfahrend, die Verpachtung ebenso 
ungunstig *usfallen vrird, da die Wenigen, auf deren Gebot zu 
rechnen ist, das beisst die Wenigen, die von Muzo und Smarag- 
den Etwas wissen, sebr leicht sich verbunden konnen, ao dasa alle 
Concurrenz fehlt. Kaon die Regierung selbst die Minen studiren, 
so vermag sie eine fur die Verwaltung unserer Nationalguter 
richdge Reform anzubahnen." 

V. 

Es ist nicht zu verkeunen, dass die vorstehende Uebersicht 
iiber die Gewinnung der columbiachen Smaragden seit Begrundung 
der Republik dem Staatssecretar in diesen seinen Ausfuhrungea 
Recht giebt. Zweifelsohne wird sein Vorachlag die Genehmigung 
der Gesetzgebung erhalten. Diese hat bereits eine andere wichtige 
Reform durcbgefnhrt, zu der DifFerenzen mit dem letzten Pachter, 
Gostav Lebmann, den Anlass gabea. 



Uebei- die ColunbUcbea BraarBgdeu. 59 

Cib Yerfnssung der grauadisischen Confoderatioa vom '22. Mai 
1858 wiederhohe nur ein uraltea Prineip, wenn sie (Art, G, 4) alle 
Saiftragdminen fnr Nationalgut erklarte, mochten eie auf Privat- 
dgeiithuin liegcn, oder auf Nationallaad; eine Fclge dieaeB Princips 
war es, dass die Verordnung voin 27. April 1860 bei Verleihungen 
von Tbeilen des letzteren die Smaragdiager iin Bodea ausdrfick- 
lich auanahm. Die columbiaclie Verfasaung vom 8. Mai 1863 er- 
klarte nur , dasB alles Gut jener Confoderatioa anf die aeue 
Union fibergehe, und ein Gesel^ vom 11, April 1865 spricht noch- 
inala jeneu Vorbehalt von 1860 ana. Daa Prineip selbst beriihrte 
uatilrlicb nicbt die Ausnahnien, dasa Sniaragdniinea diirch beaon- 
dere Titel an Privatpersoneii uberfragen aein konnten; Falle dieaer 
Art waren jedocb nicht bekiuint; altverliehene Rechlstitel bestan- 
den nicbt. 

In dem Pachlvertrage vom 1. August 1864 ward als Gegen- 
atand nicbt bios die Mine von Mqzq genannt, aondern aucb alle 
andereii bereits enl.deckten und der Nation geborenden Smaragd- 
minen. Lehmnan erbielt daa ausacliliesslicbe Recbt dieae auszu- 
nutzen ; ^anderen Personeu iat ea nur erlatibt, diejenigen Mincn 
zn bearbeiten, welcbe obne Zweifel Privaten gehoren, geniass Art, 
6 des Geactzes vom 9. Juni 1847 und geniasa den ansacblieaa- 
lichen Privilegien, die rechtsgultig vor dem Datum dieses Ver- 
trags ertheilt aind". Ilinsicbtlich derjenigen Minen von Smaragden, 
welche spater entdeckt wurden, ward Vorhaud bei etwaigem Ver- 
kauf und etwaiger Verpachtuug eingeraumt. In Folge dieeer lelzen 
Verlragaclausel forderte die Regteruog am 27. November 1866*) 
alle Persfjnen anf, welcbe neue Smaragdminen entdeckt zu haben 
glaubten, diese anzugeben nnd wegen ibrer Bearbeitung sicb in 
Verbindung mit der betreffenden Beborde zu setzen. Diese Auf- 
forderung batte Erfolg; denn in vielen Orteu Columbiens hoffte 
man auf Smaragden, niubt bloaa im Staate Bogaca, wo z. B. bei 
Guateque, bei Onzaga und Santaroaa Smaragdlager sich finden 
Bollten**), aondern aucb ira Nacbbarataate Cundinamarca z. B, bei 
den Quellen dea Carl-Flusses in der Nahe von Anotaima, ja im 
Cancatbal auf dem Wege von Buenaventura nach Cali bei den 
Fliisaen Gali und Agnatacal und sogar in Antioquia, wo der Ort 
nicht niiher angegcben wird; iiber neue Minen solcber Art, selbat 
weun ifare Lage gar nicht angedeutet wurde, scbloss die Regiening 
Vertrage ab, und verlieh Privilegien. Der Piichter der Muzo- 
Minen protestirte hiergegen, und wenn aucb die Regierung ibni 



•) Rejistro Oficial de los Estedes Unidos de Columbia No, 803. 
**) Guateqnii und Santarona nennt Codaazi a. a, 0. S. 372; Ouaaga e 
amtlicher Bericbt vou 1872. 



48 Ueber die ColumbUcheti Smnragden. 

gegangene von San Marcos, di« erst gegen liie Mitte unserea Ju,Lr- 
bundei'ls ;infs Neue entdcckt isL 

Der Ruckblick auf die spanische Zeit ergiebt auch hinsicht- 
lich der StuaragdcD, deren Kostbarkeit so oft ausdrucklich hervor- 
geboben wird, dieaelbe KenntniBslosigkeit, welche der Bewirth- 
schaftang des ganzen Mineralreiches wahrend dieaer Epoche eigen 
iat. Von den vor unserem Jahrliiindert gewonneneii Smaragden 
iat in Neugranada kein einziges Exemplar zu finden ; was friiher 
nach Ausweis der Akten in die Hande reicher Faroilien gelangt 
iat, liat die Notb der Unabhangigkeitakriege , und in dieaen be- 
sondci's die Bedriingnisa wahrend der lelzten spanischen Occupa^ 
tion, spuvloa hinweggefegt. 

IV. 

Die tiefgrunen, durcbatrahlenden Steine, welche die vornehine 
Welt Columbiens jetzt besitzt, ziim Theil so vollkommene Exem- 
plare , wie sie in Europa nur aehr selten vorkommen, stammen 
aammllich ana ueuerer Zeit, Nacli den Wirren der Kriege eriiinerte 
man sich erst spat der abgelegenen Smaragdenlager, welche die 
Bepublik als Nachfolgerin der Krone zuniichst ganz unbeschriinkt 
in Ausprueh nahm. Wo immer Smaragden sich fandeii, waren 
sie Eigenthum der Nation; aber es ist nicht ersichtlich, daas aie 
zu Anfang dieses Jalirliuuderta anderswo hervorgetreten seien, 
als in den mehrerwahnten Bereichen,' den damaligen Provinzeii 
Neugranada's Oder Columbiens: Valez und Tunja. 

An Selbstbetrieb konnte die neue Republik, der die noth- 
wendigaten Organisation en noch fehlten, nicht denken; die erste 
Verpaclitung erfolgte im Jahre 1824 und dauerte his 1848, 

Nach dera Vertrage vom 14. Juli 1824 hattcn die Unter- 
nebmer 10 X vom Reingewinn ala Pachtzins an zahlen. Zwei 
von ihnen waren bekannte Leute: Mariano Eonardo de Rivero, 
der kenntnisareiche Genosse Boussingault'a, designirl.er Vorsteher 
eines naturwiasenschaftlicheu Museums in Bogota, und Jose Jyna- 
cio Paris, der genauste Freund des allmacbtigen Bolivar, derselbe, 
der ihni apater das einzige im jeteigen Columbien vorhandene 
Denkmal setzte. Paris erhielt am 22. Mai 1828 daa Recht auf 
Muzo fur aicb allein und schlnas am 28. Juni desselben Jabres 
einen neuen Vertrag ah, der das Privileg ihm bis 1838 sicherte; 
dann folgte am 22. April 1830 wiedcr ein neues Ahkommen, 
das Bolivar kurz vor seinem Abtreteu genebmigte, und dieses ge- 
wahrte weitere 10 Jahre, sowie eine Abgabe von nur 5 ;ii. So 
war ein einziger Mann in der Zeit von 1824 bia 1848, also fast 
'^ Jabrhundert lang alleiniger Ausbeuter nnd Kenner der Muzo- 
Minen. Paris betrieb seia Gescbaft unter dem grossten Geheim- 



7 



Uebor dio Culumbiachea Bmarngden. 49 

nias, duldete keinerlei YerofFentlichnng uber dcBaen Eetrieb, be- 
schwerte sich sogar Sber allgemeine Angaben dea Zollarntea Car- 
tagena, dem vT jene 5 jt einzahlen musste, erwarb alles rings ura 
das Muzo- Terriiin liegende Laad, sodass die Grenzen des Miacn- 
Arei'ls uiid des PrivateigenttiQina bulil selir zweifelliaft warden, 
und gab nur hochst allgemeine und darflige Abrechnungen, weil 
sich der Reingewinn erst nach dem Verkaufe der Steitiu in Paria 
herausstelle. Diese Abtechnungen entbehrten jeder Konlviille; die 
der ersten Jahre ecbeinen nie eingegangen za sein; spaiere weiseu 
aus, dass vom Juni 1&30 bis Decbr. 1815, also ia etwa IT) Jiiliien, 
16954 D. 3J^ c. ala Abgabe bezahlt sind, was einen Reingewinn 
von 339,080 D. 75 c. darstellen wiirde, oder eine Jabresein- 
nahme von etwa 22,605 D. '38 c. Paris behauptete stets, dasa 
daa Unternehmen nut geringe Vortheiie abwurfe; dies ward viel- 
fach geglaubt, da die Unregelniasigkeit der Abrechoutigen keine 
Ueberaicht geatattete; allein wer nahcr staod, wie z. B. die Be- 
horde der Provinz Vilez, sprach von sehr erhebliehen Gewinnsten, 
namentlich in den Iclzten Jahren der Vertragazeit. Dieac Dunkel- 
heiten wurden nicht aufgeklart, aber sie fuhrten noch wiilirend der 
Dauer des Kontraktes zu einem eignen Gesetz nber die Suiaragd- 
Minen *). 

Am 9. Juni 1847**) verftigte der Kongress in Bogota, dasa 
die in) Gebiet der Republik entdeckt«n Smaragd-Lager nur fiuf 
Rechnung der Nation auszubeuten seien, gl^ichviel ob dies diireh 
Yerpachtung oder dureh Selbstbetrieb gescbehe, wobei unter sonst 
gleichen Yerbaltnissen der ersteren Form der Ausnutzung der Vor- 
zug zu geben sei." « Als Privateigenthnm, so hiess ea in Art. C und 7, 
danern diejenigen Smaragdlager fort, welche zar Zeit der Ver- 
offentlichung dieaes Gesetzea berette entdeckt nnd vorsfhriftsniiissig 
bet der zustiindigen Behorde angemeldet sind; die Privsten, welche 
in Folge dessen Recbtetitet erhalten oder erhalten haben, inSasen 
den gesetzlichen Funften bezahlen; die in Frivateigenlhum befind- 
lichen Lager fallen an die Nation zuruck, sobald ihre Eigentliiimer 
aie durch Arbeitsstillstand, der langer ala ein Jabr *lauert, auf- 
geben". 

Beach tens werth iat ca, daes die Geaetzgebung ausdrucklicli 
auf die in Privatbesitz befindlicheo Smaragdminen Rilckaidit uabm; 
in der That gab es jetzt ausaer Muzo und Somoadoco inunche 
theils (ruber angebaute, tbeiis noch unangerobrte Lager, die der 
Nation atreitig gemacht burden. 

*) Nach den Akten der Sekretarie fur Finanzen nnd offentliche Ai'beiteii 
In Bogotd. 

**j Plaui, Apdndica a la Eecapitulacion de Itsjea de la Kueva Ui'aiiada 
{Bogoti 1850) S. 236. 



»^»*^ 71" j«:j;2?47.i5J|tr 



$2 H. Soyaoi: 

giernngsbetrieb wirklich dem angegeben'en Zwecke, so wird er, 

nach Jahrhunderten zum ersten Male, auereichendes Licht uber 
die altberuhmten „ grunen Steine" verbreiten und dadurcb io Co- 
lumbien nicht bloss aber jene beiden alten Fnndstatten eine nene 
Aera eroffnen, sondern ancb den PrivatanternebmuDgen die "Wege 
zeigen. Bei der dann vorauBsichtlich eteigenden Production wurden 
nacb Ansicbt von Thomas Fallon and mancber Anderer die Sma- 
ragden alsdann in ibrem Wertbe selir eTheblich sinken; allein 
schwerlich ist diese Annahme btnsicbtlicb derjenigen Steine richtig, 
wetche die Eigenscbaften der gnten Smaragden wirklich besitzen, 
'wenngleich die farbenscbwachen, kaum dnrcheinenden Exemplare, 
die Canutillas dritter und vierter Sorte, die blassen Splitter and 
dergleichen wohl den erborgten Namen edler Steine verlieren 
werden. 

Jedenfalls ist ea eine nicht unintereasante Thatsacfae, dass in 
Columbien die jetzigen Grundsatze der GesetzgebBng nnd Ver- 
waltung auf einem Gebiet, das so lange Zeit unter der Last des 
Staatsregals and unter dem Scbleier der Privatausnutzung gele- 
gen hat, Oeffentlichkeit und Freigebung einfiihren wollen, Ist 
dies durcbgefnbrt, so wird auch wohl der Handel die falache Be- 
zeicbnung „Peru Smaragden" aafgeben und den Namen desjeni- 
gen Landes zu Khren kommen lassen, das in Sndamerika wahr- 
scheinlich allein „acbte" Smaragden darbietet*). 



III. 

Vegetations-Skizzen von der Loango-KOste. 



a den Vorstand der 



I. 
Ton Mitte Juni an erscheint das Leben in der Landscbaft 
uneerer Tropengegend ToUstandig im Stadium des Schlafea, dasaelbe 
gleicht unserer nordischen Winterruhe, um neue Erafte fur die kom- 
mende Bluthezeit zu sammeln. Das Ansehen der ganzen Natnr 
erinnert jetzt lebhaft an die Phyeiognomie des Herbstes in kiilte- 
ren Zonen. Im dichten Walde ist das Laub licbter; es gewahrt 



*] Die braailiamacben „SinarBgdfu" werden von Hangmann i 
mm Ber^ll gerechuet. 



^ 



VegeUtioiut-SbiEZeii Tan ier Loango-Eiiate. 63 

einen grosseren Durchblick zu dem sonst verschloasenen Himmela- 
gfiwolbe, lias iiitt dichteni Wolkenachleier iiberzogeu ist. Der Boden, 
wie in deutacbeii BuchenwalduDgen , iat mit rascbelnilem Laube 
ubersaet; Centipeden, Ameisen, Scbaben, Scbiangen und anilcre 
Repraeentanten tropiacher Fauaa treiben unter seiner bergenden 
Hulle ihr geschaftiges We sen. 

Keine Blithe erfreut des Wandernden Auge. Nur Laub, 
griines Laub, gelbes Laub — immer Laub begegnet seinem sucheu- 
den Blicke. — Vereinzelte Friichto einer Apoci/nacee, nLonibo" 
von den Eingeborenen geitanni ■ — hangen hier und dorl am Wald- 
rande und gewahren dem Auge in ihrer sattgelben Farhe einen 
Ruhepnnkt, ebenso die kugelruoden Friicbte einer Capparh — 
j.FuTndi" — , die durcb ihre schitrfen, gekriimmten Dornen manche 
unangeneLine Erinnerung auf der Haut des Sammlers zorucklaest. 
Selbat die oiedrigen Akaziengebiische, die, rait Capparis unter- 
niischt, ganze Strecken der Waldrander (nordlich von Zala) ein- 
nebmen, lassen ihre luaammengefalteten Blatter gleichsani ver- 
droaaen hangen und stehen in ihrer oiatten Farbe kauni hinter 
dem Campineameere zuruck, dessen Ufer aic bilden. 

Die starren GrSaer , die weitaus das grosste Areal unserer 
Kuatengegend behaupten und kein anderes Pflanzenleben in ihrem 
Gebiete ao leicht aufkommen laeaen, stehen todt bia an ihre Wurzelo 
da; vom hohen Bergesgipfel siebt man in ein braunea Halmen- 
nieer, das hin und wieder vnn kalten Windatoaaen durchforcht wird. 

Selten erhebt sich eine Anonacee, mit A. sipiamosa L. ahn- 
licher Frutbt, liber die Spily.en der mehr als niannshohen Graser. 
Es ist ein griesgramiger Geselle , der gar niebt in das palmen- 
umrauschte Biid einer Tropenlandschaft hineinzugehoren und hier 
nur ala ein unliebsamer Gast sein Recht an das Leben zu behaupten 
scheint. Er erinnert durcb seine in plolzlicben spitzen und oft 
rechten Winkeln gekruuimten Zweige entfernt an die Eichen meiner 
Heimatb, ^ entfernt, denn ihm fehlt der stolze, kraftvolle Wuchs 
des deutachen LieblingsbaumeH. Ein struppiger Strauch, erreicht 
er nur die Hohe von 7 Fusa. Die Rinde seiner Zweige bat eine 
zimnietbraune Farbe; in grossen Stiicken abspringend, bangt aie 
zerfetzt zwiachen den Blattern. Die lelzteren, wenig aahlreich, 
sind oberbiilb dunkelgrun, elwas runzelig, unterhalb graugelb, ebenso 
■wie die Zweige in ihren jungeren Trieben. Das Gealrauch streckt 
viele todte und kahle Aeste von sich; es sieht armiich, verkommen, 
misagelaunt und eigensinnig hub, als ob es ihm einen schweren 
Kampf um'a „Sein oder Nichtsein" mit den ebenso slarren, aber 
wucbernden Graaern koate. 

Meilenweit zieht der Wanderer an der Kuste hergauf, bergab 
durch Campinen; in feuchleren Thalsohlen nur und an einzelnen 



64 H. Boynui: 

Haogeu begegnet ibni Wald, der duvcli das dichte Unterholz ibm 
weniger hoch erscheint, ala er es in der That ist. In der Nahe 
eineis „ni'boala" — Povo Oder Negerdorf — findet man solir selten 
ManioccapfluDzungea in urbar geiDachtem Carapinenboden; der £r- 
trag dieser Felder ist nicht reichliuh, uiid die Fflaiizen haben dort 
nnr karze Lebensfahigkeit. Meistens werden decu Walde durcli 
Abbi-ennen kleiue Flacheu abgerungen und mit mebr Erfolg znr 
Manioc ca-, Mai a- und Erdnuss- {Arachis) Cultur benutzt. Ein 
Boden , der , wie der der Cumpinen , ausgesogen dnrch Jahr- 
hunderte, vielleicbt Jabrtauseode wabreuden Graswuchs, fast gar 
keine Nahrung durch die dorren, verweaenden Graser erhiilt, ist 
ein beinahe uomogliches Feld far Cultur und Aekerbau. ,,Der 
uberalt aonst betebende Einfluss des tropischen Eiima's uiacbt sicb 
nicht fuhlbar, wo ein niachtiger Verein von Grasarten fast jedes 
andere Gewachs ausgeschlosBen hat." (Huniboidt, lieisen. IV.) 
Wit> die Akiizien- und Capparisstraucher deni Eindringling den 
Eintiitt iu die gebeinmisavollen Waldeeteuipel, die sie umschlieasen, 
durch StachelD und Dornen verwebren, so luacht auch das Gam- 
pioengras dem Heirn der Scbopfung jeden Gang zu eiuer kleinen 
Leiden sgeachichte. Die spitzen Grannen — „Ssos9o" — der Gras- 
bliitben sefzen eicb hartniickig in jcde, auch noch ao verborgene 
Falte der Kleidung test und stechen nun bei jeder Bewegung in 
die schon an sicb durch die Tropenluft gereizte Haul. 

Dei hervorrageudst eigenthuniliche Baum unaerer Natur, der 
,,Imbondera" (^Adansonia digiiala L.), zeigt erst jetzt ohne die verber- 
gende Bliitterhulle die barocke Form seines Gigantenkorpers. Nah 
und fern uberragt er alle anderen Baunie dea Waldes und oiacht dureb 
seine wunderbare Unproportionirtheit oft einen fast koniischen Ein- 
drnck; er scheint wie ein "Deberbleibael aua liingst vergaagenen 
Perioden, seines Uralterthums sich bewusst, atolz auf die jungeren 
Kinder der Natur herabzuschauen ; icb miJcbte iJin — daa Kanieel 
unter den Pflanzen nennen. Der komische Eindruck wird nicht nnr 
dnrch seinen unformlicli dicken Stanim beryorgemfen , der zu der 
doch hohen und nnbeholfen verzweigten Krone im Missverhaltniaa 
eteht, sondern auch durch die Fruchte, die bei einer Lange von 
25^30 Cmtr. einen Umfaug von 26 Cmtr. haben und an einem 55 
Cmtr. langen Stiele, gleich riesigen Gnrken von den Zweigen herab- 
hangen. Kahl und bloss von jedem Blatte leuchtet er im KJeide 
seiner weissen Kinde meilenweit uber ailes andere Wnldlaub hin. 

Auch dea Imbondera nicht ao haufig anftretender Geoosse, 
der Mafumera {Eriodendron aufractuosum D. C, Linne's Bombax 
peniandrum) schaut etwas zerzaust und trubselig drein, vom Winde 
geschiitteU, die Wolle — „ni)kokko" — aua aeinen aufge3prung.e- 
nen Fxucbtkapsein in die Liifte atreuend. 



^^••^B^^ 



Daa Tielbesungene , ewig sctone Sinnbild des SiidenB aber, 
der „Palmbauiii", ragt ia ucveranderlicher Pracht stolz eiupor uiid 
wiegl seine graziose Blattkrone uber Campinen nnd dichten Wal- 
dern. Die oft in grossen Gruppen, in Hainen auftretende FiLcher- 
palme {Borassus Aethiopum Mart.) zeigt in ihrem dunkelgrunen, 
meist zusammengelegten Blatte, sowie in ihrer minderea Beweg- 
lichkeit gleichsam starrere, hiirtere Znge als ihre Schweater, die 
Fiederpaluie. Zwisdien den enggestellten Blatlatielen der ersteren 
bangcn ihre Priiehte in diehlen Trauben. Sie eontrastiren in ilirer 
Apfelform und in ihrer donkelgoldbraunen Farbe angenebm zu 
dem ernsfen Blatt. 

Beweglicher, graziiiser schvringen sicll die Wedel der Fieder- 
oder Oelpalme {Elais guineensis L.) weit in die Luft. Der leiaeste 
Windbaucb halt die schmalen Blaltchen in fortwahrend zitternder 
liewegung. Da in unserem Kustenstrich von der Fiederpalme mehr 
Wein als Oel fabricirt wird, so aieht man ihre Bluthen und Friichte 
fast gar nicht. Ton Blattatielresten und allem, was zum Wachs- 
thuni nicht absolut nothwendig ist, gesaubert, giebt der Baum mehr 
und besaeren Wein — „Massambe" — . Von deni Fruchtol — 
„Muamba ugasi" — wird das Nationalgericht der Eingeborenen, 
„Muamba", Fleisch jeglicher Art in Palniol gekocht, zubereitet. 

"Wis in der Pflanzenwelt Ruhe herrscht, so iallt zu gleicher 
Zeit auch der Mangel des so raunteren Treibens der Fauna, be- 
sondera der Vogelwelt, auf. Selbst die sonst in Schaaren von 
Hunderten uniherschwirrenden "Weber sind seltener und nur der 
schwarzweisse (angolensische ?) Geier und ein brauner Adler ziehen 
ihre gewohnten Kreise hoch uber den Wipf'eln der Biiunie; schon 
fruh am Morgen Terkunden sie durch ihr eigenthiimlichea Pfeifen 
den Beginn ihres rauberischen Tagewerkea. 

Au8 dem bunten Reich der Schmetterlinge fallt nur der un- 
verwustliehe Weissling dnrch ofteres Vorkommen anf; anch hier 
treibt er eein Wesen und erinnert lebhaft an den Aerger, den er 
oft in so reichlichem Maasee dem Landmann der Heiuiath yai' 
uraacht. 

Unser niinmel bietet nicht weniger Anklange an heimatbliche 
Zonen. Seit Wochen hangt er bleigran und trube uber der Erde 
und liisat nur bin und wieder einen schuchternen Sonnenblick hiu- 
diirehschlupfeu. Kalte Winde jagen die Wolkenmasaen bin und 
her und kein Regenguss falJt; nur selten rieselt in friiher, kalter 
Morgenstunde ein feiner Nebelregen hernieder, der die Kalte Yer- 
mehvt und in seiner kurzen Dauer der Erde kaum eine Er- 
friachung giebt. 



r. d. Ge»Uuh. t. Erdk. 



56 Uefcer die Oolumbiachen Smaragden. 

dem die Arbeiter , die sich zerstreut hatten , wieder herangehoU 
waren, einzelne Vereuche mit der Stollenarbeit anstellte; eie waren 
crfolgloa, die Resultate dee gewohnlichen Betriebes erschienem dem 
ittten Fallon und aeinem Nachfolger genugend, 

Ueber diese Ertrage liegen keine ganz Tollstandigen Nach- 
ricliten vor. Ala das Ergebniss der ersten 5 Monate (Marz bis 
August 1861 excl.) empfing die MnnzB in Bogota 42,580 Karat; 
FoUon soUte den Werth dieses Ertrages abschatzen nnd taxirte 
ihn auf 80,700 D., weil ein auffallend grosser Smaragd darunter 
war, VOD dem er sich einen enormen Preia verspraeh*), Bei 
dem durch die columbische Gesandtschaft in Paris nach Berathung 
mit Sa«hv6rstandigen (z. B. Roulin) vollzogenen Verkauf zcigte 
es sicb, (iaes das Taxat ohne Kenntniss der fur die Smaragden 
als Luxusartikel in Prage kommenden Eigenschaften geinacht war. 
In der giiQzen Zeit dea staatsseitigen Betriebes (1861 — 65) ist 
die Ton Fallon fur die erste Absendung in Ansprucb genommene 
Somme nicbt erreicht worden. Zu jenea 42,580 Karat kainen 
im Miirz 1864 — der Ertrag von 1862 and 68 liegt nicht naber 
vor — noch 39,767 Karat, die sofort nach Europa versandt wurden. 
Ira November 1864 lagerten in Bogota 23,190 Karat, die spater 
(18. April 1865) ebenfalla nach Europa gingen"). Im Jannar 
1865 sandte die Muzo-Verwaltung 26,496 Karat, im Februar 
56,962, im Marz 66,940 Karat, Im Mai noch den Rest von 464. 
Die I'lir diese Summen erzielten Finanzergebnisae aind nicbt genao 
zu ermittein; fnr 189,487 Karat wurd en Jedoch nur 36,318 D. ver- 
einuahmt, und findet sich eine Notiz, dass fur den Karat die Pariser 
Verkaufe nur 0,11 D. ergaben, die Bogotaer, 0,18 D. 

Die Zeit dieses letzten staatHchen Betriebes der Smaragdmt- 
uen Ton Mnzo ist die Epoche der allgemeinen Revolution und 
Verwirruug, welche die jetzigen Vereinigten Staaten von Colum- 
bien geboren hat, eine Epoche, die fur die Hebung industrieller 
Unternehmungen keinen Raum liess. Daran dachte man auch nicbt; 
es war nur ein Nothbehelf, wie 1848, dass der Selbatbetrieb 1861 
ubernommea wurde; die Regierung spahle eifrigst nach Pachtln- 
stigen, oliwohl die politiscben Verhaltnisse keineswega einladend 
waren. Im Jabre 1860 waren keine Offerten moglich; denn der 
Burgerkrieg zerriss das gauze Land, aber schon im nacbsten Jahre 
kamen Anerbieten, nanientlich ana Paria. Dort wartete man jedoch 
die politiscbe Entwickelang im fernen Lande eine geraume Zeit 
laug ab; erst im Jahre 1864 fand sich dort ein Consorlium zu- 



i FomenUi [Bogotd 1865) 



' '^Pivff./''-. 



TTeber dio Columbisclion Siuiiiiigden. 57 

sammen, welches seine Kriifte einem Unternehmen leihen woUte, 
von dein man wenig mehr kannte, ala dio Prachtexemplare des 
Parisei' JuwelenLandels. 

Bei Beginn diesea Jahres erklSrte der belrcffinde Staalase- 
wetar deni Congress in Bogota; ea aei der Staatsbetrieb der Minen 
Dur fortgefnhrt, weil nach Art. 5 dea Gcsetzes vnm 9. Juni 1847 
ein zQ holier Pachtzins hatte gefordert vrerden mnasen: jahrlich 
12,800 D; die Bemuhungen, eu solcher Bedingung einen Paehter 
zu finden, wurden fortgeset^t; ea erscheine jedoch zweckmaaaig, 
das individuelle Interesse mit dem ofFentlichen enger zu verbiii- 
den, als biaher geschehen sei*). Der dieaem Bericbte beige- 
ffigte Geaetzentwurf wurde nidit angenoninien, wobl aber achloaa 
die Regierung am 1. Angust jenes Jiibrea mit dem Vertreter eines 
Pariaer Consortiuma, Gustav Lebmann, einen neueo Pachtvertrag") 
fiir 10 Jabre ab, welcher den Unternehmern die Verpflicbtung auf- 
erlegte, jahrlich 14,700 Dza bezahlen, aber keinerlei andere Ob- 
liegenheiteD vorschrieb, wenn man nicht die besonders bervorhe- 
ben will, daaa der Betrieb dergeatalt gefuhrt fverden muaate, daas or 
die kiinftige Auanutzung der Mine nicht hinderte oder achadigte 
(Art. 13). Von einer Eucksichtnahme auf das offentliche Interesse 
flndet sich keiiie Spur; die Regierung behielt aicli keinertei 
Mittel vor, um iiber Ertrag der Minen urlbellen zu konnen ; als 
daa neue Pachtverhaltniss am I, April 18G5 iu's Leben tvat, be- 
gann eine noch grosaere Geheimbaltung, ata friiher geberracht hatte. 
To seinem Congreaabericht vom I. Febrnar 1874 sagt der zu- 
Btandige Staalsaceretiir***): „Die Verpachtung der Sniaragden endet 
am 1, April 1875; es ist also daruber zu entacheiden, ob mit der 
Verpachtung fortgefahren werden, ub staataeei tiger Betrieb eintre- 
ten Oder ob ein Verkauf stHttfiuden soil. Das Letztere ist meioer 
Ueberzeugung nach daa Richtige. Fur einen Verkanf ist es dringend 
nothwendig za erfnraelien, waa die Minen eigentlich werth siud, 
eine Frage , welche aich nnr dann beantworten laast, wenn die 
Regierung sie eine Zeit lang iiuf eigene Reehnung bearbeitet; ohne 
dies fehlt jegtiehe Kunde; hat inim aber die nothigen Daten und 
bringt diesfilben an die Oeffentlichkeit, so kann man an einen 
Verkauf denken; man kann aucb eine Verpachlung wieder vor- 
nehnien, aber nicht blind, wie bisher. Ea liegt in dem Interesse 
jeden Pachtera der Regierung und dem Puhlikuni aeinen Gewinn 
zu verheimlicben ; es ist diea leicht wegen der Art des Produktes 



*) Mumoria de la Secretoria in Hacienda i Fomenl^ iBog'oti 1864) 
S. 15. 

**) Diario oficial du los EslHdoa Uuidoa Je Colombia No. 83. 
*•*) Memoria de la Secretaria de Hacienda i Fomento (BogoU 1874) S. 61. 



56 Oeber die Coliunbischcii SmarAgden. 

dem die Arbcitcr, die sich zerstreut hiitten, wiedtr lierangeholl 
waren, einzelne Versuche mit der Sfollenarbeit anetellte; sie waren 
ert'olglos, die Resultate des gewShnlicliea Betriebea erschienem dem 
altea Fiillon uad seineni Nachfolger geniigend. 

Ueber dieae ErtrSge iiegen keine gnne vollstandigen Nach- 
richten vor, Als das Ergebuisa der craten 5 Monate (Marz bis 
August 1861 excl.) eni]ifitig die MSn!X in Bogota 42,580 Karat; 
FoUon soUte den Werth dieses Erti'ages abschatzen nnd taxirle 
ihn auf 80,700 D., weil ein auffallond grosser Smaragd darunter 
war, von dem er sich einen enormen Preis versprach'). Be! 
dem dnrch die cotumbische Geaandlscbaft in Paris nach Berathung 
init Sachverstandigen (z. B. Kdulin) Tollzogenen Verkanf zeigto 
ea sich, dasa dus Taxat ohne Kenntniss der lur die Smaragden 
ala Liixusartikel in Frage kommenden Eigenschnften gemacht war. 
In der ganzen Zeit dea staatsseitjgen Betriebea (1861 — 6fi) iat 
die Ton Fallon l'5r die erate Absenduog in Anspruch genommene 
Summe nicbt erreicht worden. Zu jencn 42,580 Karat kamen 
ini Marz 1864 — der Ertrag von 1862 nnd C3 liegt nicht naher 
vor — noch 39,767 Karat, die aofort nacb Europa vevsandt wurden. 
Im November 1864 lagerten in Bogota 23,190 Kariit, die spater 
(18. April 1865) ebenfallB nach Europii gingen**). Im Januar 
18G5 Bandte die Muzo-Verwaltung 26,496 Karat, ini Februar 
56,962, im Marz 66,940 Karat, im Mai noch den Rest von 464. 
Die fiir dieae Snmmen erzielten Finanzergebnisae aind nicht genau 
zu ermitteln; far 189,487 Karat wurdeo jedoch nur 36,318 D. ver- 
einnahmt, und findet aicb eine Notiz, dass fur den Karat die Pariser 
Verkiiufe nur 0,11 D. crgaben, die Bogolaer, 0,18 D. 

Die Zeit dieaea letzten staatlichon Betriebea der Suiaragdmi- 
nen von Muzo iat die Epoche der allgeueinen Revolution und 
Vei'wiming, welche die jetzigen Vereinigten Staaten von Colum- 
bien geboren hat, eine Epoche, die fur die Hebung indnstrieller 
Unternebmungen keinen Raum lieas. Daran dachte man auch nichtj 
ea war nnr ein Nothbehelf, wie 1848, daas der Selbatbetrieb 1861 
ubernommen wurde; die Regierung spahfe eifrigst nach Pachtlu- 
atigen , obwohl die politiachen Verhaltniaae keineswega einladend 
waren. Im Jahre 1860 waren keine Offerien mogliuh; denn der 
Bnrgerkrieg zerriss das ganze Land, aber echon im nachatea Jahre 
kamen Anerbieten, namentlich ans Paris. Dort wartcte man jedoch 
die politische Entwickelung im fernen Lande eine geranme Zeit 
lang ab; erst im Jahre 1864 fand sich dort ein Consortium zu- 



tlebet die Coliiriibiacheo Smarngden. 57 

suDimen, welcli<is seiue Krafte einem Unternehiuen leilien wollte, 
von dem man wenig mehr kannte, aU die Prachl.excmplare dea 
Fariser Juwelenliandela. 

Bei Beginn dieses Jahres erklarte der betrcfftnde Staatsse- 
cretar deui Congress in Bogota; es sei der Staatsbetrieb der Minen 
nur forlgefuhrt, well nach Ait, 6 des Gesetzes vnm 9. Juni 1847 
ein zu hoher Pachtzias liHtte gefordert werden muasen: jahrlich 
12,800D; die Bemfihnngen, za soldier Bedingung einen Pachter 
ZQ finden, wnrden fortgeselzt ; es erscheine jedoch zweckmaasig, 
dua indiyiduclle Interesse mil dem offentlichen engor zu verhin- 
den, a!s biaher geschehen aei*). Der dieseni Beridite beige- 
fngte Gesetzentwurf wurde nicbt angenommen, wohl aber acMoaa 
die Regierung aiu 1. August jenes Jahrea mit dem Vertreter einos 
Pariaer Consortiums, Gustav Lehmann, einen neuen Pachtvertrag ••) 
fiir 10 Jahre ab, welcher den Unternehmern die Verpfliditung auf- 
erlegte, jahrlich 14,700 Dzn beaahlen, aber keinerlei andere Ob- 
IJegenheileD vorscbrieb, wenn man nicht die besondera bervorhe- 
ben will, dasa der Betrieb dergestalt gcfuhrt werden musste, daas er 
die kunftige Auanutzung der Mine nicht hinderte oder schadigte 
(Art. 13). Von einer Ruckaichtnahine auf das oflfentliche Inlereaso 
findet sich keine Spur; die Regierung behiclt aich keinerlei 
Mittol vor, uni iiber Ertrag der Minen urtheilen zu konnen; als 
d;ia neue Pachtverhallnias am 1. April 1865 iu's Leben trat, be- 
gann eine nocb grossere Geheimhaltung, ala fruher geherrscht hatte. 
In seinem Congresabericht vom 1. Febrnar 1874 sagt der zu- 
standige Staatsaccretar"*): „Die Verpaehtung der Sniaragdeu endet 
am 1. April 1875; ea ist a]so diiriiber zu entscheiden, ob mit der 
Verpaehtung fortgefabren werden, ob staatseeitiger Belrieb eintre- 
ten oder ob ein Verkauf stiittfinden soil. Dita Leiztere ist ineiner 
Ueberzeugung nach das Richtige. Fur einen Verkauf ist es dringend 
nothweiidig zu erfnrschen, was die Minen eigentlich wertb aind, 
eine Frage , welche sich nur dann beantworten laasl, wenn die 
Regierung sie eine Zeit lang auf eigene Rechnuug bearbeitet; ohne 
dies fehit jegliche Kunde; hat man aber die nolhrgen Daten und 
briugt dieselben an die Oeffentlichkeit , so kaon man an einen 
Verkauf denken; man kann auch eine Verpaehtung wieder vor- 
nehmen, aber nicht blind, wie bisber. Es liegt in dem Interesse 
jeden Pachters der Regierung und dem Publikum seinen Gewinn 
zu verlieimlichen; ea iat diea leicht wegen der Art des Produktes 

*) Mtmoria de la Seerataria de Hacienda i Fomento (Bopoti 1864) 

**) DinriQ ofitiol do los Estadoa UnidoH de Colombia No. 83. 
***) Memoria de la Secratoiia de Hacienda i Fumcnto (Bogota! IST4) S. 61. 



II. 

Aiii Montag, den 24. August, verliess ifth die Station Chin- 
clioxu, urn mit kurzen Aufenlbalten unterwegs an den Quillu zu 
geheii und dort — je oaeh Reichlichkeit dev Ausbeute — kiirzere 
oder langere Zeit zd verweilen, Meine "Wiederankuiift auf der 
Station flel auf den 28. September. 

Massabe iet gewohnlich der erate Haileplatz fur den von Chin- 
choxo uHch Norden Reisenden. Der Weg dorlhio fuhrt ateta am 
Meere entlang und dauert, je nacli der Anzahl und Willigkeit der 
Tipojatrager, 2 — 3 Stunden. Von Massabe nach Ponta negra 
gehend, verlaaat man iJfen Strand bei der Zwiachenstalion Vinha, 
uin Black Point abzuschneiden , und ebenso reiat inan Fon Ponta 
negra nach Loango mitten dnrch das Land, auf der Linken IndiaD 
Point liegen laasend. Von Loango nach der Mundung dea Quillu 
fiibrt der Weg wieder am Meeresufer entlang. 

Auf der ganzen Strecke drangen sich lederblattrige, scbon- 
bliithige Strandbohnen (Cajanua DC, „Ssiniarye" der Fiot) an die 
Wellen dea Meerea; ein Eiakraut [Sesitvium cryslalHnum Welw.) 
mit zarlen, rothea Blutlien, die ans den Winkeln der weiasacbim- 
meraden Blatter bervoHugen, starre Spermncoeen, eine Suaeda {?) 
und zwei Ipomaeen geben ein buntes Parbengemiacb, so dues das 
Gsnze den Teppichbeeten niclit unahnlich erscheint, die aeit einigen 
Jahren mit Vorliebe in unseren Garten gepilegt werden. — Da- 
zwiachen erhebt sich hie und da ein ruader Buach der Scaevola 
senegalensis Preal,, dicht mit weisslichgelben, handforiuigen Bliithen 
und schwarzen Friichten bedeckt. — In kleiner Entfernnng vora 
Ufer zieht sich eine gewohnlich niedrige, fast immer eteile Bosfhang 
bin, auf welcher unzahlige Facberpaimen {Borassus Aethiopuni) 
das Meer umrahmen. Dann erstrecken sich die Campo's (nach 
hiesiger Bezeicbnung „Campinhas") in das Land, die theila flacfa, 
theils hugelig hie und da durch ein kleines Gebiisch — in den 
Thalsoblen durch dichtere Walder — und in ihrer ganzen Ausdehnung 
von Oelpalmen {Elais guiJteensis) belebt, durch jene blauen Berg- 
ketten begrenzt werden, welche — im AUgemeinen parallel mit 
der Kuste laufend — einen weiteren Fernblick in das Land ver- 
acbliessen. 

Die hoUandische Factorei Massabe wird yom Meere durch die 
gemeinachaftliche Mundung dea Luema und der groasen Lagune 
von Chisaambo getrennt. Daa eigentliche Dorf Massabe liegt am 
rechten Ufer der Flussniiindung und daa Povo mit der gewohnlich 
Massabe genannten Faclorei am linken Ufer heisst eigentlich Chi- 
bonne; Beides liegt im District Massandje und iinler der Herr- 
schatt eines Fiirslen gleichen Namens. — Fnr Chibonne eigen- 



Vcgetntioiu-Sbiaxen Tun der Loaugn-KilBte. G7 

thijmlicli ist, iliiaa dort Scliielende fur Fetissero'a gelten, und mit 
demselben Nainen (.,MalaIe"i wurde auch icb, wegen lueiner Brille, 
beehrt. Der „M'Kissi Boiua" oder „Bon]iiia" genaniite Tliier- 
schadelfetiscli daselhst ist der Hauplfetiseh dea Xaiidea. Er be- 
stehl naeh ineineni schwiirz^n GewiihrsnKiiine voti „Vorbegiuii" iiu 
and hat fur die Bewohner MassanUje's dieselbe Bedeulung, wie 
der Beichtstuhl fur die Katholifcen. Jeder Verbrtcber musa im 
Acigesichtu dieses Kuucbeiiliaurens bekeniiea, und es wird ibm 
dort von den dabei waltenden Prieatern — Tomiissi — die Strafe 
zudictirt. — Der Bauui, desseu im frischen Zustande blutrotbee 
Holz die FakuUa (Pakurra) liefert, waehat nur im Inneren und 
ea wird entweder die Farbe oder das llolz ia Stiicken — ol't sehr 
thener — verkauft. — Die Oelpalme — „86^je" oder „beba" der 
Fiot — ist der Vater der Ntefa (Bor. Aetlt.') und der Biwuwu 
t^P/ioe»i.e spinom). Von alien wird Wein geworinen, iim meisfen 
vuu der Oelpalme, die geringste Quaiititat, aber feiuate Qualitiit 
von der Biwuwu. — Yon den Bliittern der leUteren flechlen die 
Fiot Hite und Sacke. 

Bei Vinba horen die Imbondera (Adansonia digitata) ganz 
auf und auch der Mafuiiieira {Eriodendroii aufractuomiH DC.'j 
wird selten. Es eratrecken sicli bier , parallel uiit dem Meere, 
zwei Laguneu, von denen die eine, deni Meere zunachst liegende, 
in der Eegenzeit halbaiisses Waaser, die andere stets suaaes 
Waaaer bat. 

Ponta negra bat in seiner Unigebung schr viele SSnipfe, 
welcbe nieistena aua deui zum Hausbau verwendeten Liiango 
(Cyperus Papyrus L.) bestebcn. Es werden an unserer Kiiste zwei 
Sorten „Loaiigo" verarbeitet; der Portugieae nennt die erste, nur 
von Mannern tur Wande gearbeilete „Loango grosso'", die andere — 
iiur von Weibern fur Matten gebrauchte „Loango fino"; der Ein- 
geborne Uat jedoch fur beide nur das Wort „Loango" nnd giebt 
keine bezeicbnenden Zuaatze. Nach den Matten zu schlieaaen, die 
icb aus deni feineren Loaogo geflochten sab, iat ea eine Juniacee. 
— Aucb ein Eriocaulou bedeckt bei Ponta negra ganze Sumpf- 
tliicben, und in einer aolcben fand icb die — fir mich erate — 
freilich sebr kiimmerlicbe Bltitbe einer sebr bochwiicbsigen Erd- 
Orcbidee. — Die Jagd in dieaem Terrain, beaondera auf Sunipf- 
vogel uud Ta.ubeoarten, iat ausaerst ergiebig. 

Loango zeicbnet aich durcli eine betracbdicbe AnzaUl wohl- 
gepflegter, prachtiger Mangobaume {Mangifera indica L.) aua, wie 
icb sie biaber nie stattlicher sab. Sie sind vom Gaboon bierher ver- 
pflanzt worden. — Hier aab icb ein Madchen, das ausaer den ca. 50 
Measingringen um beide Aruie und auaser den schweren Fussringen 
auch noch einen der letzteren auf seinem Ilaare festgeheftet trug. 



68 H. Soj-aui; 

Loango verlassend nnd Dsch Nordeo gehend, hat man anf 
der Rechlen die prachtigsten GebirgslaadschafteD en miniature. 
Ein Bergzng aus rolhem Sandstein stiisst mil seiner pittoresken 
Schluchtenbildung hier dicht un's Meer. 

Die Quillu-Jnael, auf -welcher die liollandisehe Factorei steht, 
hat ein so niedrigea Niveau, dass nach aehr starkeni Regeo der 
FluBs dieselbe theilweise uberschwenmit und die Cotnmnni cation 
auf dem Hofraume der Niederlassung mit Canoes bewerkstelligt 
werden muss. — Die Yegetation bot iiiir in der Zeit nieines 
Aufentbaltes am Quillu weniger , ale icli wunscbte ; leider fieten 
mir die fast letzten Wochen der trockenen Zeir fir meinea Aua- 
Hug zu, und ich bedaure recht sefar, nicbt im December und Januar 
jene so uberreichen Gegenden beaocht zu baben. Die „Gallerie- 
walder" des Qnilln (icb wahle den Piaggia'scben von Dr. Schwein- 
furth wieder augewendeten Ausdruck, weil auch hier bezeichnend) 
soweit icb aie sab — bia Bumina hinauf — masaen in ihrer Bliilhe- 
zeit dem Botuniker sowohl wie dem Zoologen ein anerschopfliches 
SammeJ/eld bieten. Ueber daa Mangrovegebiet hinaustretend, er- 
achlieaaen sich dem Keisenden die nnendlichen Walder Majombes, 
die mir in ihrem Form en ausdruck den 'Waldern dea indischen 
Monaungebielea etwas abnlicb scheinen. Von dem tristen Kusten- 
atricbe Chinchoxo'a kommend, tritt er an dem priichtigen Quilln- 
strouie gleichaani in eine andere Zone. Nicht viele Pflanzen sind 
es, die er bier als alte Bekannte begriiast, und wenn er solcbe 
aiebt, so muss er fiber ibre fippige Kraft erstaunen. Der Grund 
dieser Erscheinung ist in der atiirkeren Abkuhlung der Wolken 
zu suchen , die von Siidwesten kommend an den Bergztigen auf- 
steigen und die Majombe zn einem sebr scbwierigen Reiaeterrain 
maclien, 

Der Quillu durctistromt in seinem unteraten Laufe das Man- 
grovegebiet, das bje und da mit einem Hibiscus^ mit der Convol- 
vulus umrankten, atamnilosen Burdaopaline {Raphia vintfera) und 
seltener mit der Phoenix spinosa unlerniischt, wenig Abwechselung 
bietet. Sehon weit nnterhalb Mindu veracbwinden die lezten Rhizo- 
phoren, eb en so auch der in slammloaer und halbatammiger, selten 
verzweigter Form auftretende Pandanus, und der eigentliche Cha- 
rakter dea Hochwaldea tritt mehr und mehr hewor. — An flacheo . 
Uferstellen zieht sieh dichtea Cleome- oder Mimoaen- (M. asperala L.) 
Gebiiach bin und bildet gleicbsam Diimme, in die der Strom ein- 
gezwatigt ist; besondera die violetbliihenden Pflanzen der erateren 
erreichen alle eine gleiche Hohe von 2j^ — 8', so dasa es das 
Aussehen hat, als aeien sie mit einer Scbeere kunstvoll beschnitten. 
Dahinter erhebt sich die steilere Schieferboschung, die bei Maman- 
jamatut zuerst zu Tage tritt, and sendet fiber das niedere Gestrancb 



Tamarinden, Quisgualis Cola, fast bia zum WHaserspiegel hinab. 
Tritt man an kleinen „Hat'cn", die die Eingeborenen durch ein 
eiogeatecktes Ruder hezeichnen, an daa Land, so steht man bald 
im prachti galea Hocliwald , der seine ungeheure Manuigfaltigkeit 
in den verschie dens ten Batmi- und Laubformea erkennen Insst. 
Noch hocb fiber den eigentlichen Wald erheben aich kerzengerade, 
hellrindige Baumrieaen mit periodiacher Laubentwickelung, die in 
ibrem starken Umfaage keiaen SchliDg[)EttDzen zur Stuize dienen 
konnen. Es war ein hochat eigentbumliches Bild, das sich mir 
darbol : der grune "Wald in seinen verachiedenen Formen und 
Farbungen und dariiber ragend die hohen' Baumaaulen, Starr and 
todt scheinend, nur hie und da eine Ustiea in langem Geflecbt 
von den kahlea Zweigen fallen lassend. Der eigentbumliche 
warmsusae Duft. weht hier, wie in unseren Warmhausern, nnr der 
Modergeracb des verwesenden Laubes tritt hier merkbarer — und 
unangenehmer hervor. Hie und da tritt der Baumwucha zuriick, 
und Scitamineen, anch Graaer hie und dn, bedecken kleine Lich- 
tungen. Auch hier nehnien Lianen und epiphylische Farm ihr 
maleriecbea Kecbt in Aii^^pruch, doch nicbt in dem Maasse, dass 
sie deni Wanderer den Weg versperren. Haufig treten bier 
die leistenformigen Auswiicbse der atarren Stamme auf, ihnen 
ala Stutae dienend, und denselben Zweek verfolgend, bilden die 
Luftwnrzeln der Banyanenforni kleine Haine. Das Unterholz 
ist fast immer durch Re prase ntanten des Lorbeerblattes, Farrn, 
Scitamineen, Solanaceen, Acanthaceen und Scropholarineen ge- 
bildet. — So zieben sitib diese "Walder fort, soweit icb sie 
bergauf , bergab durchstreifen konnte. Bergbache mit krystall- 
hellem Wasaer rauschen dber glanzende Quarzblocke dem Flusse 
za; bei Gotna treten die Schieferfelsen beider Ufer dicht lu- 
aammen, nicht weit davon liegt der „S8S.o imbi" (boaer Elephant 

— wegen seiner Gefahrlichkeit fiir Canoes), ein machtiger, vou 
einer Quarzader durchzogener Schieferblock , fast im Fahrwasser, 
und bei Bumina crhebt sich jene rieaige, senkrechte Felswand, 
die als Fetisch — ,,SBunda" — den Eingeborenen heilig ist. Die 
Thierwelt ist hier naliirtich aehr mannigfaltig und bunt. Bart- 
vogel, Papageyen, Nashornvogel, Ffefferfresaer, Reiher, Ibia, Umber- 
vogel beyolkern die Luft, 'wahrend Eiohhornchen, Chimpansen und 
zwei langschwiinzige AfFen in ganzen Heerden muthwillig die 
Gipfel der alten Waldriesen schutteln, Auch den Gorilla aah ich 

— leider unbewafftiet — in drei Exemplaren auf dem linken Ufer 
der Factorei Majombe gegenfiber. Icb stand starr vor der Grosae 
dieser ThJere, die, durch den Larm meiner Begleiter gestorij, ana 
einer Scitajnineenlichtung fiber einen klareu Waldbach sprangen; 
das eigeue Chiaroscuro des Waldes, der Modergecuch des faulea- 



70 MUcellon; 

den LaubeB und dna Murmelii dea Bachts schieneii die geeignelste 
Scenerie I'iir daa BrBcheinen dieaer geheimniBaTollen Thjere zn aein, 
— Im Flusse walzeii sich hellfai'liige Fluaapferde, (Jie nmnchera 
CaDoe gefahrlich sind; in deii Felabiinki'n , die bei Bumina den 
FluHs dureliziehen , lelit eine vierbeinige Krebsart, in den Fels- 
riUen Gotuaa haust ain bniunes kaninchenabnlichea Thier , uuf 
den Saiidbanken aonnen sich rieaigu Crocodile und in Sdiaaren 
achwiiiinien chocoladenfarliene Enlyn an den llacberen Uferatellen 
nmiitr. 



Miscellen. 



Verschiedene Naclmchten aus Aegypten. 

Am 5. December 1874 haben zwei Expeditioneii Kairo verlaBsen, denen 
van der HgyptiBchen Regierung die Aufgabe gestellt worden iat, die obecon 
Nil-Gegenden wissenschflftliuli zu durchforschen. Die eine Btolit nnter Leitang 
deB Lieutenant Ci>l. Fuvdy, dam die General a tabsoiBui ere Masson, Capitain 
Malnnild-Sabrj- , Lieutenant Malimud-Samy, Lieutenant Sajd-Nasr, die Unter- 
lieutenauts Alunet-Bmnsy, Khalit-Helniy und der MilitSrarzt Moliammed- 
Amin beigegeben sind. Fdr die VenoeSHnngaarheiten niod ansaerdBin 12 Unier- 
□fiicierB und Soldaten, als Eecorte 6iS Soldaten uilt 4 OMcieren beetimint. 
Die andere Kxpeditlon wird vom Culunel Culaton geniljrt; ibm aind beige- 
geben der Lieutenant Colonel Reed, Major Alimet llamdy, die GcneralBtslis- 
officinre Ynsauf Heliny, Anier Kuclidy, Khatil Piizi, Mohammed MnhoB, der 
Arat Mobammed Fered und der Naturforseber Dr. Pfiind. Die fiir die Ver- 
messungen und zur Escorte bestimmten Mannschaften sind in gleicber Stiirke, 
vrie die der eraten ExpeditJou. Geide CerpB werden KUEammen bia Wadi- 
Haifa geben und von da aiiE Kameelen bia Wadi-e!-Wamid. Hier soil Colonel 
Purdy den Nil verlansen, dvircb die WuBte nacb der Oaae SeliraeL und von 
dort auf der CaravanenEtraBBe nacb der Hauptstedt von Dnrfur vordringen. 
Er fiihrt elle aur VerbesBiirnng der auf dieeer Strasse liegenden Brnnnen 
Dothwendigen Inatrumeute mit aicb und bat gleicbiieitig den Auftrag, iieuo 
Brunnen amulegen. — Colonel Colaton, der Fiihrer der anderen EipGdition, 
bat den Anftrag, den Nil aufwiirta bis Dnbbeh an geben, um von bier die 
Ifirzeste Koule Ewischen dem Nil tmd Darfiir za ennitleln. Hierauf sell er 
sich von Dabbeb naeb el-Obed, der Hauptstadt von Kordufan, bogeben, van 
dieBer Caravauenatraase eine geuauu Aufnaiime mauhen und nilnmitlicbe auf 
dieser Straase liegenden Qunllen iuid Brnnnen fiir einen geregelten Carnvanen- 
verkebc iii Stand setnen. Von der Umgegend von el-Obed soil eine genaua 



VerschiedBDe Nachrichten aus Aegyptuu, 7 1 

Karte Bngefertigt werden, ncd nach der Veroiui^ug' beider Bspeditiocen 
in Darfur dieses Land nacli alien Richtungeii hin in geograplii seller, natur- 
wJEsenachaftlicher uod Gthno graph] ache r Beiieliung- durchforacht vrerden. 
An der Siidgrenze Dnrfur's werden sicih die Eipeditionen wieder trenuen. 
Colonel Pnrdy wird den aoa Darfur fliesaenden Qewasaern fotgen, ihr Miia- 
dangsgebiet unteranchen und sich achlieaalich nn den Sobat begeben, wShrend 
dem Colonel Colaton die Aufgabe unfSIlt, dun SiidEii Kordafan'a, daa DSr 
Tegeli und daa Gebiet der SchlUuh zu durchforacLen nnd achliesalitb aich 
nach der Miinduug dea Sobat zu begeben, wo dergelbe die woiteren Befeble 
des Colonel Gordon, ku deaaen Mudirnt dieee Gebiete gtboren, abzuwurten 
hat. Nachdem bier beide Ejtpeditioneu aich vorproviantirt und ihre Kartell, 
Tngebfiuber und Sammlungen nach Kairo zurlinkgesandt haben, aoUen eie 
gemeinsc.hafUicb in aiidweattieher Siuhtung znr Erforachung der Lander im 
Weslen des Albert Njanza bia zum Aequator bin aufbrechen. Eino Ab- 
tbeilung wird die Ufer dieses Seebeckens , die andere die Gebirgsgeg'enden 
im Westen, daa Gebiet der Niam-Niam etc. nntereucliGn. Beide Eipeditionen 
aind vollatSndiff mit geodBtiacben luatrumeuten, Abyaainiachen Brunnen etc. 
auBgeriistet ; die Daner der Reiae iat anf 2 bis 2)^ Jahre berccbnet. 

Eine audere Expedition, beatehend ana dem Bergwerks-Ingenieur Mitchell, 
zwei General atab a ofBoieren und einer militiirischeii Esccrte hat in der iweitcn 
Wocbe dea Docember Eairo verlaaaen, um das Gebiet zniacbcn dem Nil und 
dem Eothen Meer, Nubien und Ost-Sudan bis sum Sobat geulogiach und 
mineralogisoh zu durcbforachen. 



Im .iMooiteur Egyjitieu" vom 3. Februar 1875 ia( eine Depeacbo dea 
Gouverneur des Sudan an den Khedive, d. d. Fftcher, SO. December 1874, 
abgedrnckt. In dt^rselben helsat ea nach den ilbliclien einlpitenden HoOich- 
kEitaformeln, dnaa Darfur sich in voUkommon riibigem Zuatanrte befindet, 
und Handel und Wandel unter dem Schntze der agyptiscben Truppen wieder 
Hufzubliilien beginnen. Emir Abderrakman-Cbattutt, ein alterer Bruder dea 
ver-itorbeaen Sultana von Darfur, hat sich der neuen Ordnung der Diuge 
gefiigt und sich mit seiner Familie in dor Hauptatadt F&cher niedergelaesen ; 
acin friiheres BeaitBthiim wnrde ihm zurlickgogeben und ihm ausaerdem ein 
goldgestiektes Gewand, ein ailberner S5bel und ejn Pferd mit vergnldetem 
Battel zum Gesckenk gemacht. In gleicker Weiae iat der figyplische Gou- 
verneur bemubt, dnrcb Milde die TJotcrwerfnng der Mitglieder der Herrsclier- 
familie von Darfur hcrbeiKufiibreu. Ilaaaab-Allah, ein Onkel des voraturbenen 
Snitans, welcher aich ini Westen DarfiLr'a in den Bergen Marah vorachanzt 
batte, und zn desaen Unterwerfung Zuber-Pasoha ausgsaandt war, warde 
duich einen Brief dea Qouverneura, in welcbem ihm nud aeinem Anbange 
viillig freie Riickkehr und Heraiiagabe aller ihi-er Outer garantirt ward, aur 
Heimkehr nach Fftther hewogen, ebeiiKO der Soiin dea veratorbenen Sultans, 
Mohammed-Fadkl, ao daas die Unterwerfdng Darfur'a iind ecine Einverleibuug 



J 



72 Miscellen: 

ID Aegj-pten zur vollendeten Thataathe geworden iet. Das Lund soil in vier 
Mndirate, lu ein u5rdlicheE, audliches, ostliches und yieHtliches getheilt wer- 
deu , welolie dom General- Gonverneur in Fficliar untorstellt werden Bollen. 
Jedes Mudirat, das von derieiben Griisse wis die iibrigen im Sndau aein 
BoU, Kird unter eineni Mudir Btoheu, fiir welchen Poston hohere OfSciere 
deBignirt Buid; denBelben zur Seite ntehen 10 OEGciere ala NHzirshismn (Kreia- 
liaupHeule), flla Jakinia Ktott (Districtacliefa) und ala Mamnr Markim (Polizei- 
moister), femer 2 Aemte, 2 Apotheker, 2 IngenJeure, tin Kadi etc. Id jedem 
Mudirat wird eine hinreichende Truppenmacht Btatiooirt wei'dcD, ebeuso soil 
Fllcher eioe Garnieon orhaltoD, Auch wird die Hanptatadt Sita einea Divan 
nnd einer SaQitUta-Commieaion worden. Eino Tele^rajihealiDie boU spSter 
die Muridate untereinander uad niit dcm Sudan verbinden. 



Dr. Nachtigal halt sich gBgeuwSrtig in dem nis klimatischen Knroct 
beiannten Heluao, weniga Meilcn von Kairo entfernt, auf. In Folge der 
gewaltigen Strapa^eu und Entbehrungen , welchen derselbe wflhrend seiner 
deokwiirdigen Wanderangen dureh die Lander am Taid, durcb Baghirmi, 
Wadai und Darfur auBgeBetirt war, iBt seine Gosimdbeit in aolchem Grade 
angegriffen, daaa nilr eine voUkommene Euhe und Abgeachiedenheit vou dem 
Gerguacbc einer gcbaseren Stadt ihii von Heinen hefligen nervosen Leiden zn 
betreieu im Stande aoin dilrfte. Zii diesen hi)rperllchcn Leiden gesellen sich 
abec noch qualeude Sorgen fur aoJne Znkunft. Eutblosst von alien Mittein, 
war er, wle sua seinen ana Central- Afrika in die Heimath geaandten Be- 
richten hervorgeht, gezwungen, die Mlttel xa aeiner Kxlsteni von elnhoimi- 
Hchen Kauflcaten ;ra entlGlhen, zumal da die ibm naehgesandlen Galder nach 
Abzug der in jenen Gegenden iibllchen hoben Procentsfttae nnr zum kleinsten 
Tbeil in aoine Hiinde gelangt sind. Hat nun auch unsero Eegieruiig in be- 
reitwilligster Welao dem Dr. Nachtigal eino grusaero Summe iibermittalt, ao 
diirfte dieselbe doch eben nur hinreichen, seine Scbutden za decken und Itir den 
Augenblick seine driiokcndo Lage zu erieichtern, wilhrcnd die ungowisse Zu- 
knnft dem mittellosen nud vieliciclit fiir lange Zeit leidenden Heiaenden in trube 
Stiniinung veraetzen muBa. Die Verdienate Dr. Naehtigal's um die Erforachuog 
des niirdlicheu Centra i-Afrikas sind zu beknnnt, als daas es bier eines noch- 
mallgen Hinweiaea ant dieaelben bedarf; sein Namct nimtnt in der Bnt- 
deckungBgeBchicbte Afrika's den wtlrdigstun Platz ein neben dem eines Heln- 
rioh Earth, Georg Scbweinfurth und Gerhard HohifB, und mit Btolz blitken 
wir ant unaere Laadaleute, donen ea beBubieden war, den afrikanischen Con- 
tinent in seiner hreitesten Ausdehnung von der Milndung des Niger bis Eum 
Nilthal zu durthachnelden nnd wlssenschsftllch bu dorcbforachen. Miige ea 
daher unseru verolnten Kraftou gelingen, die Opfer, wolche unaer hothge- 
felerter Nachtigal im Dienste der Wissenachaft gebracht hat, durch Sicber- 
slelhing seiner Znkunft zu vergelten. 



Der im Auft.rag<! dee Khedive bernusKefrebeneii Ststiatik Aee.vptenn (Sta- 
tistlque de rEgypte. Aunce 1373. Le Cairc.) entnehmen wir nacbfol^nile 
Notiien: Aagvpten ziihit 113 acliiffbare CanSle in einer Gesammtlauge voo 
872.552 KsBRabftb (1 KaaBBbali = 3.55 Meter) imd ainer Flacbenausdfihnunf 
Ton 11.726.593 56 □Kassabah (I □Kassabali = 12,6025 nMeter). Davoii 
korameu auf Ober- iind M i llel ■ Aegy pton: 1) in der Mndirachaft 
Esneh 2 Cnnttle nu 240.893 QK. 2) In der Mudirscbaft Kentb 8 CBnalo 
in einar GeKammtiilnge von 3G,010 K. und einer Qesaoimtoberflache von 
244,930 QK. 3) In der MudirBuliaft Qirgeb 40 CanUle in einer Geaammt- 
lauge Toii 137,fil8 K. mi oinem Fmubeninhalt von U23,420.5fi G^. Der 
badeiiteiidsta wnter letzteren iat der Sohagieh, wekher die Districte Sobag 
und Tabtah bewasaart; er mi der einzige Canal, der in der Mitle August 
rait Feierlichkeiteo eroffnot wird. 4j In der Mndirschaft Slut 7 CanBle in 
einer GoaammtlSnge von 58,332 K. und einem FWelieninlinU von 892,960 □«. 
Die bedeatcndaten ntitor diesen sind der Ibrabimieli und Bahr-Yussef; der 
erstere, in neuerer Zeit erbaut, beginnt bei 8inl, bewilasert die beideu Pro- 
vinzan Siut und Minicb ; der letztere, dcssen EntatehungsKeit ans dem friitiesten 
Alterthura datirt, boniiaaort die Provinjen Siut, Minieh, Beuiauef und Fajiira; 
aeine Geaammtlange betriigt 76,728 K. 5) Die Mudiracbaft Minieb wird 
von dan buiden unter Nr. 4 erwShnten Kanalen, dem Bahr-Yusaef und Ura' 
himieh, iu einer Gosamnitlango von 69,060 K. durcb:iogpn. G) Die Mudir- 
schftft Beniauef hat aiiaeer dem arwHlintan Bahr-YuBBet 5 Cftnaie in einer 
Geaammtliinge von 44,078 K. und von eiuem Fliluheninhalt van 446,312 \JK. 
7) Dia Mudiraehaft Fajflra wird dnrch den letaten Abachnitt des Bahr-Tuaaef 
in einer LSnge von 6,708 K. bewassert. Ohne achiffbare Canale iat die 
Mudirschaft Gizeb. — Unter-Acgyptan enihHIt 1) die Mndirachaft Kal- 
julieb 7 Canale, vuu dcnen dor Cherkaiiieh itnd Ismailieb die bedentend- 
aten aiud ; die GeBammtliinge der Caniile betragt 32,175 K., ihr FlScheniubalt 
378,500 nK. 2) Die Mudirschaft Scharkieh bat 18 achiffbare Canttle in 
einer Oeaammtlilnge von 176,952 K. und nu eiuem FllLcbeninhalt von 
2,913,245 DK- ^^^ bedeutendato Canai ist der Bahr-Moez, derselbe be- 
ginnt bai Mit-Radi in der Naho von Beuba am Nilarm von Dnmiette und 
miiudet bei den Huinen von Sfln in den Meuzaleh-See; seine Qeaammtlilnge 
betriigt 43,072 K.; aeinen Namen bat er vom Sultan Moea-Eddin (970 n. Chr.). 
3] Die Mudirachaft Mengfi^h wird von 17 Caniileu in einer Oe.sammtlange 
von 101,803 K. mid eiuem FlUcIienranm von 1,271,533 Q K. bewaaaort; der 
bedeutendate Canal iat der Chibini, der voii dem Nilarm von Damiatta aua- 
geht, die Proving Gbarbieh diu'thachneidet und bei Aebetun in dna Mesr 
aieaHt; aeiue Gesamratlilnge betriigt 39,200 K. 4) Die Mudir.whaft Gbarbieh 
hat mit Eiuacbluaa dea genaunteu Chibini 8 Cauale von 108,672 K. Liinge 
und einero Flachenrauin von 1,867,956 QK. 5) Die Mudirsehaft Dakhelieh 
hat 2 Canale von 39,184 K. Lange und 423,846 OK, Fmcbeninhalt; der 
etiie dieaer CanSle ist der Bahr-ea-Sagir , die alte Mendeaiache Nilmiuidnng. 



74 MiHCollen : 

S) Die MudirBchaft Bahborieh wird bewaaaert von den beiden Canaien 
Khatatbeb und Mamndieh ; letxte.Ter beginnt bei Atfeh und miindet in den 
alten Hafun von Aleiaiidneii ; seine Lange hetragt 21,700 K'. (77 Kilom.); 
die GesBiQintliiiige beidcr Cajiale isf 38,000 K., ihr Flacheninhalt 540,000 DK. 
Die vom Ing-enieiir Fowler projectirte und vom Khedive g«nehmigta 
Sudnn-Bahn soli bei Wodi Haifa auf dem rechten Nilafer beginnen tuid (iber 
Wadi Saris (52 Kilom.), Anibogol (103 Kilom.), Akaacha (147 Kilom.), 
Amarah (203 Kilom.) oach Koyeh (257 Kilom.) gebcu. Hier wird die Babn 
den Vil uburscbreiten und aoll auf dem linken Flusaufer welter gpftihrt ner- 
den fiber FaWr Bender [310 Kilom.), Hannili (352 Kilom.}, Ordeli oder Nen- 
Donquola (396 Kilom.), Tetti (432 Kilom.), Handay (462 Kilom), Alt- 
Donquola (508 Kilom.), Dnbboh (542 Kilom.), Abdiim (569 Kilom.) nach 
Ambukol (606 Kilom.). Von Ambnkol soil alsdann die Babn quer dnrch 
die BajTidah-Wuste nac:h Metimmeh , gugenviber von Bohendi am Nil , ge- 
fiibrt werden mit den Wasserstatiouen Mofokkakart, el Howeigat, Abu-Halia, 
Djebl-en-Nuss und Abu-Klj. Eine Liuie sol] ansaerdem Schendi mit KassaU 
und Massowa verbinden. fWir bemerken , dass wir die im franKosiachen 
Originaltext gehr verunstalteten Ortsnamen nacb der Lepsiiia-KiepBrt'schen 
Karta, aoveit ea mOglich war, Terbeasert haben.) 



Herrn Ingenieur Emil Odebrecht's Erforschung des 
obereii 



(HierKU eine Karte, Tafel I.) 

Das Original, von welehem imaere Tafel eine genane Reduetion giebt, 
httt d™ doppelten Maasstab wie dieae, nilmlicb l:S0,0O0, uud ist betitelt: 
„Flanta de deuma parte de Bio Itajahy Asail, ciplnrada pela commiasao 
eapecial do Goverao em Blumenan nos mezea de Mar^o , Abril e Main de 
1874, por Emilio Odebrecbt." Wir verdanken dieaelbe der Giite Aaa 
kaiaerlich deutacben Consuls Herrn GSrtner, welcher auch die hjdrogra- 
pbische Beachreibung dca Stromes aus dem Portugieiiisclien iibertnig. Lctztere 
ist in dem soeben erachienenen Heft 1. (Januar 1875 8. 41ff.) des 2. Bandes 
der „VerhandIangen der Gesellsebaft fiir Erdkunde zu Berlin" abgedruckt. 

Die vorliegende Aufnahme Odebrechta I'iihrt uns eiii friiher unbekannteB 
neues Gebiet vor (man vergleiebe iiher friibere Darstellungen deaaelben das 
Schreiben des Corvetten-CapitSn Stengel an nnsere Geaellaehaft (Verband- 
lungen I, erate Folge p. 54 f,); dieaelbe achlieaat genau an die vom aelbea 
Antor berriihrcnde „Mappa geral do Colonia Blumenau na Provincia de 
Santa CalTiarina" an, welcbe im gleicben Maaaatabe 1872 in Blumenau aalbst 
litbographirt und verBffeutllcht wurdo, Nncli letnterer wurde i 
Ueberaichtabartcben die Ausdebnuug der biaher vermesBenen Ltedereien e 



Emil Odcbrecht'a ErfoFBcliuiif des ohereii Itajahy. 75 

getrogen. Die eheniiHseIhgt nngegelietieii Positionea (Povoscuo Blumennu, 
Cnsn da Directoria 20" 35' IG,5" a. Br. 49" 9' 15" w. L. vrm Gremwich: 
BfliTH do Rio Itnjnliy 26" 54 ' 30" B. Br, 48° 44' 30" w. L. 6r., uud Barra 
do Bio ItHJahy do Norte 27" G' a. Br. 49" 35' 50" w. L. Gr.) wnrden fiir 
die KartOD ziim Feetiegen ileK g-esammten Fluf^nlaufes, Boweit er higher aiif- 
genommen ist, LenuUt; wiilirend die Kiistenpartien iiach dpr Bliimuiian- 
Krepiin'seheD „Uelier3iclitBkarte der doutschen AnaieiilTingen in iet Proviiiz 
Ssnta Katliarina, Hamburg 1867" ftiingefiillt wiirden. 

Eiiiigio dtr vorkommendeii portiigiesischen Worta maffen'liier mit ihrer 
deutfleheii Bedeutung folgen: Pinheiro Fichte, Herva Oras, Kraut (aacli 
Giftplanze) , Pombn Taube, Mirador Wartthurm , Luginsland , Pilao Stossel 
im Mtirser, Subids Abbaog, Abdachung, Morro Hugel , Cabra Zieg^, Ri- 



WHbrend des Dmekea dieser Notia brachto una die „AUgemeiDe deutsche 
Zeitnng fUr Braailien" Eio do Janeiro 1874, No. 90 eine kitrze Mittheilung 
iiber die im Juni imd Joli 1874 aUBgefTihrte Expedition deB Herm E. Oda- 
brecht Tom Kio Tayo hie aur Villa Caritibanoa (vgl. Verb. i. Ges. ffir Erd- 
huude in Berlin 1S75. S. 46): 

Schlecbte Witternng macbte zur Vollendung der Eipedition einen 
griiasHreD Zeitaufwand ncitbig, aU dies BOuBt der Fall gewesen neiii wiirde. 
Nicht allein Kegen, Gewitter und BtUrme nnd in deren Gefolge Hochwasser, 
gabeu ZeitveraiiumaisHC, sondern aucb dicker Nebel beeintrSchtigte im Anfang 
die Orieutirung zur Auswaht deB Terraina. Der Antritt der Beine vod 
Blumenan fand am 25. Juni start nnd wurde der Salto do Pilao trota atro- 
menden BegeuH am i26. ecroieitt, uud 7 Canoes, mit MHunschaft nnd Lebetis- 
mitteln acbwer heladen, konuten aieh den 27. atromaufwlirts bewegen. Fiinf 
Mann, darunter awei Maflernkranke, wnrden als Wache im Hancho-Depopito 
KunickgekHsen. Der Punkt, von welebem an dia Expedition ala ncu an be- 
tracbteu iBt, wurde am 5. Jnii erreicht, ihm gegeniiber liegt eine liobe stEilo 
Felawand, die, wie die ungiinstige Formation in ibrer Umgehuug. ein Woiter- 
geben in der friiberen Richtuug ausscblosB. Der Nebel verbinderto jede 
Fcrnsicbt itud daa Wetter im All gem einen jedeB weitere Vordringon bin 
Kum 9. Juli. 

Nach Siiden gewaudt, folglen <vir einem FlnHBc — ZuflnsB dea Bio 
Trombudo odci' des Eio das Pombaa — , doch mar die Eipodition genotbigt, 
diesen xu verlnaHen, itm daa Uerab- nnd HinaiLfklimmen vou wenig zngiing- 
lichen Felsabbitngen zn Termeiden. 

Am 11. Juli, ale der Nebel beeondera arg war und iler Bergriicken, aiif 
welcbem man aicb bewegte , aicb beroita aehr scbmnl uud Kerkliiftet aeigte, 
gestatlete uns ein giiiiBtiger Angenbliek ?.u erkeunen, dass das Fortaubreiten 
auf dieaem Woge milzlos sei. In Anbetraeht dea.ien dirigirto Bleb die Ei- 
pedition in dBR Thnl eiiies ZuHuBfleB des Eio Tayo. Ein Berg in der NSbe 




II. 

Am Montag, den 34. August, verlieas ich die Station Cbin- 
choxo, am mit kurzen Aufentlialten unterwegs an den Quillu zu 
gehen und dorf — je nach Reichlichkeil dev Ausbeute — kiirzere 
oder langere Zeit zu verweilen. MeJnc Wiederankunft uuf der 
Station fiel auf den 28. September. 

Massabe ist gewohnlich der erste Hatteplulz fiir den von Chiu- 
choKo uHch Noiden Reisenden. Der Weg dortbiu fiihrt slets am 
Meere entlang und dnuert, je aacb der Anziibl und Willigkeit der 
Tipojatrager, 2 — 3 Stunden. Von Massabe nach Ponta negra 
gehend, verlasst man tfen Strand bei der Zwischenstation Vinha, 
nni Black Point abzuscbneidcn, und ebenso reist man von Ponta 
negra nacb Loango millen durch daa Land, auf der Linken Indian 
Point liegen laiasend. Von Loiingo nach der Miindung des Quillu 
fuhrt der Weg wieder am Meeresufer entlang. 

Anf der ganzen Strecke drangen sich lederblaflrige, schon- 
blulbige Strandbuhnen (Cajanus DC, „Sainiarye" der Fiot) an die 
Wellen dea Meeres; ein Eiakraut {Sesuvium crysiaVinuja Welw,) 
mit zarten, rothen Bluthen, die aus den "Winkeln der weissschim- 
rneinden Bliitter hervorlugen, starre Spermacoeen, eine Suaeda {?) 
und zwei Ipomaeeu geben ein buntcs Farbengemiscb, so dasB das 
Ganze den Teppichbeeten nicht unahnlich 'eraeheint, die aeit einigen 
Jahren mit Vorliebe in unseren Garten gepflegt werden. — Da- 
zwischen erhebt sich hie und da ein runder Buacb der Scaevola 
senegalensis Presl., dicht mit weisslichgelben, handforniigen Blutlien 
nnd scbwanten Fruebten bedeckt. — In kleiner Enti'ernung vom 
Ufer zioht sicb eine gewiihnlich niednge, fast immer steile Boacbung 
bin, auf welclier unzablige Facberpalmen (Borasstig Aelhiopum) 
das Meer nmrahnien. Dann erstreckeo aich die Campo'a (nach 
hiesiger Bezeicbuung „Cauipinbaa") in das Land, die theils flach, 
tbeils hiigelig hie und da durch ein kleines Gebuacb — in den 
Thalsohlen durch dichtere Wilder — und in ibrer ganzen Auadebnung 
von Oelpalmen (Elais guineensis) beleht, durch jene blauen Berg- 
ketten begrenzt werden, welche — im Aligemeinen parallel mit 
der Kuate laufend — einen weiteren Fernblick in daa Land ver- 

Die hollandische Factorei Maaaabe wird vom Meere durcb die 
gemeinschaftliche Miindung des Lueina und der groaaen Lagune 
von Chissiinibo getrennl. Das eigentliche Dorf Massabe Hegt am 
recbten Ufer der Fluaamiindung und daa Povo mit der gewohnlich 
MaaSttbe gennnnlen Factorei am linken Ufer beiast eigenttich Chi- 
lionne; Beides liegt im Diatrict Massandje und unter der Herr- 
Bchat't eiues Fursten gleichen Namens. — Fur Chibonne eigen- 



Tegvtatioiui-SkiutiD von Atr lioaagu-Eiute. 1^7 

tliDinlicb isi, daas dort Scbielende fur Fetiasero'a gelten, uiid uiit 
deiiist^lben Naiiiea (.,Malule"] wurde aueh ich, wegen ujeioer Brille, 
beehrt. Der „M'Ki3si Boiua" oder „Bonima'' genannle Thier- 
achailelfetiacli daselbat iat der Hauptfetisch des 'Landes. Er be- 
stehl nach ineineni scbwiirzcn Gewahrsiuanne vod „Viirbeginn" an 
und hat fur die Bewobner Massandje's dieselbe Btdeutuiig, wie 
der Beicbtstuhl fur die Kutholiken. Jeder Verbrecher muss tin 
Aagesicbtc dieses Knuchenhaurens bekeciueu, und es wird ibni 
dort von den dabei wallenden Prieateru — Tomassi — die Slrafe 
zudictirl. — Der Bauuj , desaen ini friscben Zustande blutrothes 
ilolz die Fakulla (Fakurr.-i) liefert, wacbst our iin Inneren und 
es wird entweder die Farbe oder das Halz in Stucken — oft sebr 
tbeuer — verkauft. — Die Oelpalnie ^ „sflye" oder „beba" der 
Fiot — ist der Vater der Ntefa (/for. Aeth.) und der Biwuwa 
(^P/ioeni.e gpinosa). Von alien wird Wein gewonnen, am loeisten 
vim der Oeipalme, die geringsle Quantitat, aber feinste Qualilat 
von der Biwuwu. — Von den Blatiern der letztereu flechlen die 
Fiot Hute und Sacke. 

Bei Vinba boren die Iitibondera {Adansonia digitnla) ganz 
uuf und auch der Mafunieira (Eriodendroii aufraciuoftum Df\) 
wird selten. Es erstrecken sich bier , parallel iitit dem Meere, 
zwei Lagunen, von denen itie eiue, dem Meere zunachst liegende, 
in der Regenzeit balbstiasea Wasser, die andere stets snsses 
Wasaer bat. 

Ponta negra hat in seiner Unigebnng sebr viele Sfinipfe, 
welche meistens aus deni zum Uausbau verwendeteu Loango 
(CyperuK Papyrus L.) beateben. Ea werden an unaerer Kiiate zwei 
Sorten „LoBngo" verarbeilet; der Portugiese nennt die erste, nur 
von Mannern fur Wande gearbeitele „Loango grosso'', die andere — 
nur von Weibern fur Matten gebrauchte „Loango lino''; der Ein- 
geborne hat jedoch fiir beide nur das Wort „Loango" und giebt 
keine bezeicbnenden Zueatze. Nach den Matlen zu scblieaseo, die 
itb aua dem feineren Loango geflocblen aab, ist es eine Juniacee. 
— Auch ein Eriocaulon bedetkt bei Ponta negra ganze Snmpf- 
Haeben, und in einer aolchen fand icb die ^ fur niich erste — ■ 
freilicb sebr kumoierlicbe Blntbe einer sebr iiochwuchaigen Erd- 
Orchidee. — Die Jagd in diesem Terrain, besonders auf Sumpf- 
vogel und Taubenarten, ist ausserst ergiebig. 

Loango zeichnet aiuh durch eine belrachtliclie Anzab! wobl- 
gepflegtei-, pracbtiger Mangobaume {Mangifera indica L.) aus, wie 
ich sie bisber nie atattlicber aab. Sie sind vom Gaboon bierber ver- 
pfianzl worden. — Hier sab icb ein Madcben, das auaser den ca. 50 
Meaaingringen um beide Arme und ausser den scbweren Fuasringen 
aucb noch einen der letztert^n auf aeinem HaiH-e festgebeftet trug. 



78 Nenere Literatur: 

odi?r weniger aiif alle diejenig'en Objecte erstrecken wird, welulie in dem 
AlltAgslebeu der HeiiuatL gewiascrmasacD unbeHcbtet an iins Turlibergegangeu 
sind. Und doch acheilert dieaes Bestrebea, flurch BeobachtBii mid SRinmBin, 
«ei es der eigeneii Belebning xa genu^n, aei en am iur dio WisaeaBchaft 
uutzbriugcnd xa werdun, nur zu hiiufig mi dism Mntigel stner richtlgeu Metliode 
iiD BfinbBchtBD und Samioeln Die ErkeimtiiisB , die den MeiHti-n sith bald 
uawillkurlich RufdrSagen muss, dasa nur darch eine, iiach g-ewisxen Qrund- 
BKtzen auf WisaenschoR faasirende, ADleitung Urapj-insBlicheB i^eleistet merden 
kana, sowie der Mangel uiner solchen Riebtacluiiir lansi'ii nur icu hUufig den 
anflinglii^hoD Eiftr erkaltan, uud so kommt oh, daafl die grossere Zuhl der- 
jenigen, wekhe Eeiselust in feme Gegenden fiibrt ader die durch Beruf fiir 
I^iigere Zeit in Holeheii ibreii Aofeiithalt xa Jiehmen gezwungen aind, obne 
den bescbeidiiuBteii Antbeil an der Fiirdaruiig der Wiweuschaft beigetragen 
zu baben, in die Heimuth zuriickkeliren, ja vielleichl hinterher nocb die 
traurigc Erfahrung machen miiasen, daas ihre gesaramelten, naturtvissenschaft- 
licben Objecle und Beobacbtungan, weil eben unwiasenscbaftlicb uugclegt, 
Tor dem Auge der MUnuer der Wieaenachan keine Guada tioden. Daaa aber 
Alle, die eiaeu offenen regen Sinn fiir die sie nrngebende Aoesenwelt in 
aich tragen, gewisaennaasen dazn berufen aind, das von Facbgelehrteu iiber 
den ganien Erdball in starken Faden gespannte Beobacbtuuganetz durcb 
ongere Vereiuigung der MascheD zu eineiu ditbten Gewebe berznstellen, 
nnterliegt keiuem Zweifel. Damit aber dieaer Sinn geweckt und anf riuhtige 
Babnen geleitet werde, damit der Eeisende, bevur er dnran geht au aammeln 
und in nutzlosem Bifer vielleicbt Mutb und Kriifte abBchw&cbt, aicb uber 
die Art dea „Wie" und „Wfta" bu aarameln , fiber daa „Wiu" uud „Was" 
zn beobacbteu jst, ein klnres Bild maclieu kiluae, dazu bedarf ea einer An- 
leitung, weluhe nicht, wis jeue obengedaebten Eeiaebandbiiclier, die cnraerische 
Durchwanderuug geograpbiscb oder poUliscb umgrenzter Qugendeii zum Yor- 
irurf bat, aonderu in iibuliclier Weise, wie der praktiache Sinn der EnglSnder 
derartige Publioationen bereits guaohaffan bat don Eeiaenden, mag er dem 
Facbgelelirten- oder dem Laienstande angebijren, einfiihreu aoU in die richtige 
Beurtbeilnug der pbjsikalischen Eracbeinungen der Erde, ibrca geognoattachen 
Bauea, in die Erkenntnifia der aie bedeekeuden FBanseuwelt, dca Thicr- uud 
MeUBcbenlebens iu seinen mechselTOllen Beziehungeu u. s. w., ibn damit var- 
irant rascbeu soil, wie er dieae Eracheinungen zu crfaaseu und zii beobacbten 
hat, wo die Liicken in den Beabucbtuugareiben sicb zeigeu uud wie die- 
aelben auszufiillcu siud. Der Beiaende aoll mit aulubem Buch in der Hand 
mitbin beobacbten luruen, um aelbet productiv zu wirken, uud um mit Ertbig 
auf jedeni Gebicte, je nnchdcm Neiguug oder Gelegcuboit ibn zu dom einen 
oder andem hinzieben, an der grossen Aufgabe der Erfojsehung uuaerea 
WelUlla tb^tig mitarbeiteii zu kouuen. 

Dieite Geaicbtapuukte nareu fiir Herrn Prof. Dr. Nenmajer die leitenden, 
ala er naeb )Llinlichen Priucipien wie das in mehrcren Audagen eraebienene 
„Manusl of acieutific inquiry" eine TOn deutacbeu OHiehrten bearbeitete 



G. Seuaityex : Anleitaug lu n-isaenspluiftKchen Beobacbtungen. 79 

i.Anleitnog zii wisaeaai-haftlicheD BeobachtaQgen aaf BeUen" vorbereltete- 
Abgeschen von der Bearbeilun([ der Abncbnjtte uber Hj-drograjihie und 
Oceanopraphie, weltbe er ^elbst iibirnahni und mit gewohnter Meub^nicbaft 
darcbfiihrte, g^biihrt ihm das Verdi^usl, zur Bearbeitun^ der Hnderea FScber 
die gecig^ieteii Vertretur der Wi^scnschaft aungewShlt zu habeii. Niclit zu 
QDteTBChlltzeii Bind aber andererseiti die Aiispriicbe, die bier an jeden der 
HiUrbeiter heraiitraten. Die raiimlich gebotene Beschrankung in dcr Aus- 
debnuiig der einzelnen Aufsatze swnng hilutig die Benrbeiler, ireun nicht 
das Werk einen fiir deu prabtiscben Gebrauch allzagTosReu Umfnug be- 
kornmen aollte, die reiche Fiille des ihnen eq Gebnte stehenden Stafftis in 
compendiosester Weiae zu bearbeiten, dasjenige daraus auszuwilhleu , was 
fiir eiiien nicht streng wiasenHchaftlichen Bi-obachter vorzugsweise uothweudig 
encheiat, und nnl«r Bewabrnng des niaaenschHl'tlicbeii Charakters demselben 
eine praktigrlie Seite auch fiir den nicbt facbmlinniHch Anagebildeten abiu- 
gewinneu. Jedenfalla ist die didaktipohe Behandinng des Stoffes, wie sie das 
Torliegeude Buch bieCet, eine fast dnrcbans oeiie, da in kcinem LelirbDch dcr 
eiBcten Wissenschaften die praktjeche Seite des Beobachlens, Sammelus and 
Conservireus der gesainmelteu Objecte eiue BeriickBlchtlgnng findet. Wie zn 
samnteln nnd congerviren ist, und welche Specialitaten Torzugaweiae za be- 
obachten gind, weisa der Botaniker und Zoologe, auf nelche charakt^riatiscbe 
Merkmale uulor den Vcilkertypeu die Anfmerkaamkeit zu richten ist, wie der 
grammatikalisFbe Bau eiuer Sprache nod ihr Zunamnienbang mil auderen 
zru ergriindeu iat, weiaa der Elhnologe nod Lingniat n. s w. Sie Alle baben, 
was aie bier geben, dnrch eigene theila aiif Heisen, theila in ihrer Stelluug 
aia Vorsleher uaturwigaenschaftlicher und etbnograpbischer MuBeen gesam- 
metle Erfahrungen selbst erprobt, und wir aind feat iib^rzeugt, dasa dieaes 
von Mannem der WisBenMohaften nls praktiach Erprubte alien denen, welche 
erst aU AnKnger in der Kunst des Beobachtens auftreten, zur Richtschour 
dienen wird. Jedar wird den seinen eigeuen Neignngen fSr dieaeu oder jeuen 
Zweig der Katurniasenarbaften am raeiaten zuHflgeuden Abschnitt leicht her- 
ausfinden; aber er wird dabei nicht Htehen bleiben, aoiidern auch ana ver- 
wandten Gehieten aicb dasjenigo auiueignen suchtn, aas dem er Belehrung 
fiber die ihn umgebendeu Naturverhaltniaso ziehen liann, nnd die nach ver- 
achiedeuen Bichtnngen hiii gewonnene Auleitiing wird in ibm dpn Trieb znm 
Beobachten schSrfen, regeln nnd schlieaslich fruobtbringend machen. Fiir 
die Vielseitjgkeit des in dem Bache uiedergelegten Mnterinla mag, da der 
Raum ein nSbo res Eingehen auf die Behandlnngaweiso jeder einzelnen Materie 
verbieitt, die nachatehende Anzeige dea Iiibalti aprecben: 
Inhalt. 
TJeber die Beatimmung der Abstanda der Hiramelskiirper von der Erde 
and iiber die beaondere Bedentung, welche die Beobachtuugen der 
Voriibergiiiige der Venus Tor der Snnnenscbeibe fiir diuae aatronomische 
Anfgftbe baben. von Dr. W. Porster, Profeasor der Aatronomie und 
Director der k Stemwarte in Berlin. 
Oeographiache OrtsbeBtimmuiig, von Mr. F. Tietj en. Prof, der Astrouomie 
uud Dirigent dee aati'onom. SeminarH in Berlin. 



»- 



e Lit«raliiri Anleitmig id iiif«eD«cluftliehen BeoboditmipiB. ' 




Topographische BM>l»clitniig nnd Zeichnimg (Fljing snrrej-. Lev^e if ^ 

d'oeil), Ton Dr. H. Kieperl. Prof, der Geographie and Uitglied der 

k. Akademie der Wuseii*clufteD in Berliii. 
Anweisiiiig inr Beobxbtnitg allgem^iner PhinomcDe am Himmel mil freiem 

Aage oder tnitlelft (olcber Instmnienle. wie sie dem Beiseiiden mr 

Veifagaag rteheo, von Dr. E. Weias, Prof, der Aflronomie u. 1. Ad- 

jnukl der kk. Stemwarte in Wien. 
AnweuaDg zor Anstellnag fun Beobaclitaiigen fiber Ebbe uud PIntb, too 

Prof. C. A. F. Petere, Direcur d- konigL Stemwarte iu Kiel. 
Aiiteitnng znr Bestimmnn^ der Elemenle des Erdma^etismns auf Reiseu, 

T»n Dr. H. Wild, Pn>£ and Director des pb^sikal. CenlralobserraVv 

riuma xn St. Pelervborg, n. Hitglied der kaiserL Akademie deT Wiasen- 

scbaft da»elb«t. 
Heleorologie, von Dr. J. Hann in Wien. 
Pnlilisthe Geographic nnd SUtLitik, too Dr. A. Ueitzen, k. Geh. Re- 

giErangsrath in Berlin. 
Heilkunde, tuo Dr. K. O. A. Friedel, Oberataba- n. Ckebizt dea I. Prensi. 

Garde-Beg. za I'oia in Potsdam. 
Atlgemeine Backblicke aaf die Eliforachangsgebiete der Cootinente und 

ErklSruQg der giebrSnchlichsten Amdrucke in der ph^'Sikaliachen Geo- 

graphie, von Prof. Dr. W. Eoner, k. Bibliothekar in Berlin. 
Geolo^e, too F. Freiherr von Bichthofen, Dr. phiL in Berlin. 
Erdbebeukunde, too Prof. Dr. K. Ton Seebach in Gottingen. 
Pflaniengeo graphic, von Prof. Dr. A. Griesebach in Gottiogen. 
Die geographische Verbreitnng der Seegraser, von Prof. Dr. P. Ascher- 

son ia Berlin. 
Ueber Sammeln und Conaerriren Ton P&anzeu boherer Ordnnng (Phauero- 

gameii), Ton Dr. G. Scb wei nfnrth in Berlin. 
Dan Sanuneln von Reptilien und Fischen, von Dr. Albert Gunther, 

F. K. S. and Vice-President of the Zoological Society of London, Assi- 
stant-Keeper der Zoolog. Ahtbeiliuig dea Britischen Muaeoma in London. 
Sammelnnnd BeobBChtenTonHolluskcn,TonDr. Eduard von Martena, 

k. Prof. a. Cuslos am zoolog. Museum in Berlin. 
Wirbelioae Seelhiere, tou Dr. Karl Mobius, Prof, der Zoologie nnd 

Director des xoolog. Museums in Kiel. 
Gliederthiere, von Prof. Dr. A. Gerstacker iu Berlin. 
ViJgel, von Dr. O. Hartlaub in Bremen. 
Die Saugethiere, von Prof. Dr. E. Hartmann, Prosector am aoatomiscben 

Museum der k. UniTersitat in Berlin. 
Sammluug und Aufbewahrung cbemiscb nich tiger Natnrprodncte, tud 

Prof. Dr. A. Opponheim in Berlin. 
Allgemeine Begriffe der Ethnologio, von Prof. Dr. A. Baatian, Cuatoa 

am ethnolagischen Museum in Berlin. 
LandwirtlHDhQft.TOn Dr. Albert Orth, Prof, der Landwirthaebnft in Berlin, 
Linguistik, Ton Prof. Dr. H. Steinthal in Berlin. 
Anthropologie und prfibistoriscbe Forschnngen, von Prof. Dr. R. Virchow, 

Director dea Patbologiscben Instituts , Mitglied der k. Akademie der 

WisaenBchaften iu Berlin. 
PraktiHclie Gesichtspunkte ftlr die Vcrwenduug zweier dem Boillendeu wich- 

tigen tecbniacbeu Hiilfsmitteh daa Mikroskop und der photo graphische 
Apparat, tou Prof Dr. G. Fritsch, uni anatomiacfaen Museum in Berlin. 
Hydrographie nnd Oceanographie, ejuachliesalich Winke iiber Biihen- 
tnsaauugen und magnetische Beobacbtungeu 2ur See, von Prof. Dr. 
O, Neumayer, Hydrograph der k. Admiralitat iu Berlin. 



L 



Ti 



Russisch-mongolische Beziehungen und Erforschungen. 



Fast scit 3 Jahrhnnderten haben Rn^elands Siihne Fnsa gefftsat 
in SibirJen, iind weim sie sicli in clen uiigcbcurcn RaumeD degadben 
noch Lis hi'iite nicht viillig orientirt huben, wenn noch jedes Jalir 
una Kuntie bringt von Bibiriscben Expoditionen, d, b. von solclien, 
die der Erforscbung der dortigen Natur- und ViilkerverbftltniBse gft- 
widmet sind, uod diirch die wir fast jahrlich absolut Ncues erfahren, 
80 ist 09 kein Wnnder, dass die Erkundung der sibriacben Nacb- 
barliindor, der Mongolei und Mandschnrei, biabor in der riiBBischen 
ForacbungGtiiQtigkeit ziirQcktreten miiBste. Dies tim so raehr, da die 
tiOdgrenKe Sibiriens dnrch cbincaiacbea MisatrSDen fast ganz vcr- 
acJdoggen, also aach etwaigem rtiHeischen Wnllen das KOnsen versagt 
war. In der Mandachnrei wurden zuerst Bcit don 50er Jahren 
diirch die unaufhaitaarae StrOmung des Russenffaums am Amur binab 
die Scbrankea durchbrocben, Ein grosser Theil ebemala cbincBiBcher 
Landereion ging bier in russiacben BeKitz uber, und eine Reilie wieh- 
liger BecDgnoBcirnngsfabrton in den cbinoaiscb gebliebenen wiirde ira 
AnacbbiBs daran in's Werk gesetzt. Wir crwahnen rnir die von 
Ffirst Kra^otkin, Usaolzef, Chilkowski, Weiijiikof, die des Arcliiman- 
driten Palladi, die crate russiscbe, welche die Mandschurei von Sud 
nacb Nord darchaolinitt, cndiicU die dea Oberatlieutenant Barabaach, 
der im Jahre 1872 die Huska bis NInguta hinaiif und von bier 
fiber das Gebirge nach der vussiscben Uasuriproviiiz hiniiberging. 
Die Mongolei wurde, abgesehen von der Strassenlinie zwiacbe.n 
Kiacbta und Kalgnn, erst apiit das Zicl rusaischer Reisen und am 
epiitesten die weatliclie, die daiur aber um so oifriger in don Ictzten 
Jahren von Russen beaucbt iind Btadirt worden ist. Diese neuestc 

Zeileohr. d. CcsBUich. f, Brdk. Bd. X, (J 



! 



Richtong russisclier ForschuQgen in Aaien ist in doppelter Beziehang 
hOebst intereasani, einmal wegen der scbon jctzt dadurdi gewonneoen 
KcBoltate mid sodann wegen der niit ilirem Uraprunge zusammen- 
liSngenden eigeodiiimliolien Verkettung von EreigniHaeu und Um- 
sUindGD. Da diese letzlcren unserea Wisseaa noch von Nii^mandem 
in ihrem ganzen groeaartigen Connes bcnclitet worden sind, so soil 
im Folgenden zunSchst eino kurze Daratellung derselben versacht 
werden, um sodann did Bericbterstnttung iiber die letzten ruasiechea 
Reisen in der West-Mongolei daran anzusclilieesen. 

Dor von Natur gebotene, nScbste Weg von Russian d nach 
China fflbrt zwiacben Altai und Tienschan liindurch, alao durch die 
Weal-Mongolei, uud dieaen Weg bntraten dio ktllinen Eroberer 
Sibiriens aofort, nls aie von dem retdien, beviilkerten Landc Catbaja, 
Kitai, China hOrtea, rait welchem der gewinnbringciidate Haudel zu 
fiihron sei. Sdion im Jabrs 1G08 madite aich von Tomsk aus die 
erate Gesaodtscbaft auf den Weg, die indess iiber doa Eirgisenlnnd 
nicbt hinauafeam; eine andcro drang im Jahro 1616 bis zum Altyn C'lian 
Tor, der nm Ubsa Nor Hoflnger hielt, und dort blieben die meistcn 
Karawanen und Abgcsandten Raaslands stecken. Kur der Kosak 
Baikof gclangte in den .Tahron 1G54— 57 wirkbcb bis Peking, der 
erate dort ei-scbienene Russe, mit welchem der bollandische Gesandte 
Neuhnff znsammentraf'*). Was die Verbindimg Russlands mit China 
Uber dio daungariach-weBtmongoliscbea Sleppen hemmte, war ntcfat 
die Entfemnng aa sich, auch nicht die Sdiwierigkeit der Wege, 
sondern allein das Dasein jenei- Kalmitkenreiche, die znviirderst eu 
tranailiren waren. Die Mandscliu roacbten den leteteren erat nm die 
Mitte dea vorigen Jabrliunderts (1757) ecLt chincsisch durch Maasen- 
mord ein Ende. Unterdess aber war der Punkt, an welchem Ruae- 
land und China sicb nnmittelbar die HSnde reichen konnten, ecboa 
gefundcn, Kiacbta im Selengabecken , an der Stclle, die auf der 
ganzen, 180 Meilen langen Allailinie vcm Irtysch bis zum Baikal 
einzig von Natur zum Ein- und Ausgangatlior Sibiriena benifen ist. 
Denu der nBnm", d. h. die Klause, in welcher der Jenissei striidelnd 
Kwiacben Steilwiinden nach Norden durchbricht, iat fiir T-and- und 
Wasacrbewegnng ganz untanglieh. Neben Kiacbta war im Grenz- 
traktat von 1727 auch Zurnchaitn femer im Oaten zum Taiiechplatz 
bcstimmt worden, ahor das an der kiirzeren VerbindungsatrassB ge- 
legene ICiacbta drSngte den Rivalen aebr bald viiUig in den Hinter- 
grnnd. Der Hande! Eiachta's hob sicb in dicacm Jahrhnndert er- 
Btaunlich, und doch berulite er auf kllnatlichen Sliitzen, Der Haupt- 



*) Die iDteresBantcsten NachrlchtoQ Qbor did Sltestc Periode Aei ntMieeli- 
^lEchen Beziehungen gehert UHllor, SnmniluDg lUBBiBcher Oeach,, Bd. 4, 6 
l; Fischer, SibLr. Gesch., Bd. 1 1 n, X 2. 



KtusiBch-mongoluclie Beziehungen nnd ErforBQliuiigen. §3 

artikel der dortigeo Einfabr war der Thee, and da in Russland die 
Einfuhr dea Tbses von den europSiiBcIiGn Plfiteen her abBoInt 
verboten war, so muasle dieses im rnssisuhen Volksconsam zu 
einam LebenGhedrirfnies genordene Handclsgut wie auf pneumati- 
8chem Dnick durch das RoLr von Kiachla eioatromen. Der Zusland, 
der dem ruaBiBchen Volk ein GenuBsmittel von jedenfalla unachfid- 
lieherer Natur, als es der ebcuso vielbegehrte BrantweJD ist, ver- 
thenertc, wnrde auf die Dauer unbalibar, und die Regicrung Kuea- 
landa glaubte zan^cbat AbhOlfe dainit achaffen zu kSunen, daas aie 
den altesten, nficbaten und biUigslen Weg nacb China wieder eriiS- 
nele, den iiber die Weat-Mongolei. Sie wusate es im Jahre 1851 
bei der chineaiacben durchzuaetzen, dasa zwei wcstmongobache G-renz- 
plaize, Taohugutscbak und Kuldscha gleicbfalls dem Verkehr frei- 
gcgcbcn warden. Selbatvcrst^ndlich war hierbei auch eine Erwei- 
terung des russisc:ben Auafnbrhandels heabaicbtigt. Aber in Knldscba 
kam es zur Antagc einer ruesiacben Faklorei uberliaupt nichl, und 
in TBcbugutachak brannte der Pohel die kaum erricbtete 1855 
□ieder; 7 Jahre spater loderte der Aufatand der Dunganen empor, 
erfaaste sebr bald auch die daungariachen Gebiete und durchachnitt 
jede Vcrbindung China's mit Russland auf dioaer Scite. 

Da entriegelte die ruasiache Eogierung 1861 dem Thee ihre 
europ&iache G-renzc, und daa Resullat war ein horhat merkwiirdiges. 
Der Handel Kiacbta'a sank von Jabr zu Jabr, seine Theeeinfnhr 
von 7,270,000 Rubel 1861 auf 4,121,000 Rubel im Jahre 1866, 
und aeine Auafuhr (in den Hauptartikeln : WoUen-, Baumwollen- 
und Pelawaaren) von 4,550,000 auf 2,420,000 (im Durchachnitt der 
Jahre 1869^ — 71)*). Waa Eiachta vorlor, gewann eine dentache 
Stadt; E&nigsberg wurde seit 1862 der Theemarkt Rusalands 
nnd der erste Tbeehafen dea Continents. KOnigaberga Tbee- 
ansfubr hob aich von 64,903 Ctrn. im Jahre 1862 auf 196,048 Ctr. 
im Jahre 1869, also in 8 Jahrcn um mehr als 3O0 pCt. Die De- 
tails dieaer Entwickelung, die nicht hierhcr gehOren, laasen aioh 
vorlrefflicli verfolgcn in den auagozeichneten jShrliohen ^Berichten 
aber den Handel Kanigsbergs", die von dem Vorateberatnt der dor- 
tigen Kanfmannschaft verfasst werden. Vom geograpbischen Stand- 
punkt intereasirt hierbei, doas damit ein neues und frappantes Rei- 
apiel gegeben iat, wie atisaerordentlicL Seetransport dem Landtrana- 
port (Iberlogen ist. Der Weg von Scbanghai bis KOnigsberg um 
Afrika berum miast gegen 3700 deulscho Meilen, der von Hankau 
tlber Eiachtn nacb Niachni-Nowgorod circa 1140, nnd doch concur- 
rirte auf der dortigen Mease die Waare K&nigsbergs, oder nacb 
rnssiacbem Ausdruck der Cantonthee Biegreich gegen den Earawa- 



*} S. BnsBiscbe Sevae, 2. Jahrg. B. 35D. 




84 y. Mflrll..-: 



uentlieo Kiaclilft's ! Allerdrngs wolkn wir znm Scliluss niclit ver- 
sehweigeii, iIsbs aclion nueh gpgen Konigbergs kaum gewonnene 
Herrscherstellung im TliGelmndcl aich cin Geguor crlielit, di'rn sie 
walirscbeinlich definitiv zufallen wird. Dm iat Odessa, welchea 
durck den Siiezkanal den Beziigsguelleii des Thees etna um ein 
Driltel njiher gerQckt ist ala die wackerc Handelsstadt Oat- 
preitsscji!.*), 

Der NiediTgftng des Handels in Eiaclila Iiat nun aber bedeu- 
lende iiih! interpsaante BCckn irkungen auf due Vcrhalten der Riisa^n 
in Aslen geiibt. Sie sind defer in ilen Erdlheil hineingerissfn wor- 
den, hIs es sonst wohl geschelien ware. Wcnigstcna litest sicb dies 
in einer Beziehung mit vollster Bestimnitlieit nacbweisen. Die Kauf- 
leute Eiaclita's nJLmlich, reep. die Linter ibnen stcihcndcn Moskauer 
Firmen, faesten in den 60er Juhrcn den kQhnen Enlsciilusa, deo 
Scbaiiplntz ibres Wirkena in daa ticfste Innere Ciiina'a su rerli*gen, 
aber uicbt, um dort das Gesfhiif^ dcB blossen Thoeeinkaufs fortzu- 
setzen, Bondern nm zagleich »Ib Producenten nnd (der Ausdrnck ist 
berecfiligt) Fabrikanten dea Tbees aufautreten; sie wurden I'lan- 
lagenbesitEer und GutsheiTen fern tor den Vertragsliafen, 
mitten iin Lande der ZOpflinge, Im J»hre 18G3 etablirte sicb die 
eiBte russische Fimia in Hankau, im Jabre 1866 wurden die ersten 
russischen „ TLeefabriken" anf gepacbtetem lioden im Innern der 
Provlnzen Ifupe und Hunan gpgrundct, und im Jiibre lS6it gab ea 
deren (nach Wenjukof) im Umkreise vou 50 Meilen um Hankau 
sebon 15**). 

Als eine andere nnd weitere Fojge des VerfaJles von Kiaclita 
Bind nun die ruasiscJien Expeditionen, die seit den GOer Jabren die 
Mongolci durclizielien, zu betracbteu. Ibnen alleD liegen nnzwei- 
deutig conimercielle und pobtiscbo Motive zu Gmiide. Docb bandelt 

*) Man vergl. die AngaliRn bei Zcncker: der Saczknnal. 
*•) 8. Ifiweetijn der R. Qeogr. 6. Bd. VII (1871), S. 126 u. 134. In acm 
bekannten von Dr. v. Soherzer rcdigirtcu Werho: „I>ie winhschaftl. Zustttnde 
im SOdee und Ost(^D Asicus", S. 3S7, wird das Faktuoi der rusaisclicD Nicdcr- 
lassangcn in llnpo und Hunan mit einer gcwissen Verwrniderueg erwihnt, da 
„weder englieche nuch Btncrikanieclie odcr dtut^rhe KanSvntc im Innern China's 
ihren Sitz auf^usrhlagen wagteu". Nnn slIerdingB die Eiacbtaer Theehlndler 
(rich, wie obim angedentet, rin Nothniand, and Noih bricht Eiscn, alier die 
rusBiaehe Natur ist wnhvlicb nichlB wenigor all tiscrn, sondem von einer Elasti- 
titat, dio der WeBteBroiiBar im Vtrltehr mit Aaintcn schwerlicli jemnls wird 
crreichcn kjinnen , am wcnigBton dor EnglUnder. Ucberdica stL^hen Rnssen imd 
ChinpBen Bcit fast 2 Jabrhnndertan in friedlioher and anitttndiger Bandelsrer- 
bindnng, bid kcnnen und noblen Bich gegenieitig, Dia Eaglaoder haben die 
Pforton China's mit Kanonaii geaprengt, um oin fUc Soolc und Lisib Terderb- 
lichcs Gift einfOhren zn d&ifcn. Ihnen lahlt der Cbincsa mit Voiacbtung, 
wclcher der EnglUndar Btincn ungoienkcn Btoli ontgcgcnaelit. Wnnn werdon 
dieae mS^cLtigen Schrouki'n durch du InteresBQ gcbroeben ncrden? 



OR aich hier vorzugswcise um cine Erweiturung ties rassisclien Aus- 
fuLrgobieteH, Die Einfuhr nach Kiaclita uamlich hat sicb rasch 
wieder so geboben, daas sie im Jnlire 1S72 mit einein Wertbo von 
8,015,000 Eubcln, wovon 7,266,000 allein aiif den Tliea karaen, 
den hScbstcn Sland friibeier Zeiten wieder errei'cbt hal, waliriind 
fi-eilicL die Auafubr (1872: 2,825,000 Rtibel) vnn unheilbarer Krank- 
Iieit bekoffen zu aein scbeint, Der jiingBtu Aafscbwung des Eif;cL- 
ta,er Tbeehandels orkMrt sicb tbeile au9 ZollberabeetzuDgen, die dort 
Jem koBtbaren GewScba CbJna'a bewUligt wurden, tbeils aiis don 
russischen Anncxionen iu Turkestan, welcbe dieaem fiir den YedUEt 
dts europiiischen Marktes Ersatz in Asiun selbst biacbleii*), Uobcr- 
banpt iet in Folgc jener Annexiauen die Stelhing RiiEslanda zur 
Mongolei eibeblicb verandert. Die letztura wird nnn von dem ma- 
gischen Staatsgebiet auf 3 Seiten utnfblgelt, und wenu die Augen 
der kaufmanniscben und politiscben Kreiao Hiisslands sicb verlan- 
geud nach SQdoaten ricblen, nacb Osttiirkistan, so nicht minder und 
angel egcntlicber nach der viel offener daliegenden Dsungarai, dum 
Westbereiob der 4 moDgoliachcn BriiderBiainme. Mit dem Streben 
der Ausdebnung dea russiscben Abaatzgebictes verkn(ipfl aicb der 
nocb welter ziclende, nur cbcn erst aufd&mmemde Gedanke dcs 
direoten europiiiBcb-chineBiscben Scbieneawegea ; beidoa zugleich weiat 
auf Durcbforsdmng der Mougolci, und ao hat nun fdr dieae die 
Stunde geacblagen. Seit eincm Jabrzebnt ist aie der Scbauplalz 
rusaiscber Recognoscirungareisen, und wird ea aicberllcb nocli mebr 
werdcn, ja vicUcicht bald aucb daa Object russischer Annoctimngen, 
weiin die Autoritftt Pekings sicb in den Steppen nicbt wieder zu 
bcfeatigen vermag. Donn — ob Rusaland oder China — eine 
Kulturmacht muBB die Ztigel iiber die innerasiatieciten Nomadenbor- 
den teat in Uiindeu halten, day bediugt deren Volksart und die so 
wicbtige telhiriacbe Lage ilirer WohnBitze. 

Das enlaebeiduadc Datum fiir die jefzt erwacbte Regaamkeit 
der Ruasen in der Mongolei ist genau dasjonige, welebeB aucb den 
Wendi;paiikt in den ruasiseh-ehincaiachen Handelsbeziebungen be- 
zeicbnet. lui Jabre 18G1 wurdo zu Urga, dera Brennpunkt mongo- 
liachen GcisteslebenB und der Hauptatalioa an der cbinesisch sibirischen 
KarawaneuBtraSBC, cin rusaiscliea Coneulat erriehtet, daa dou zunacbst 
eintretenden RQckgang des Kiacbtaer Uandels zwar nicht gehummt 
(vidleicht deu jiingsten Auf'achwung deaaelben gefCrdert), jedenfalla 
aber sicb als Stiitzpunkt fur die Erforacbungsveiaen in der Mongolei 
bewiihrt hat, wenigatonB in deren Qbtlicben Tbeileu ; die weatlicken 



*) Wie weil wohl der Kiaohtaer Tliec sicli in Asicn vcrbroiten mag? Dass 
er neuerdiags bis nach Obtturbt^tun vordringt nnd auch am Hi eine riicklllnlige 
Bewegunjf machl, erschen viir ans ruBeischca Bandclb^crichtun. 



86 F- Martlie: 

empfingen ihre ruBsisclieD BesucLe vom Ob, vom Irtysch unci votn 
Jenisaei ber. Von Urga aue uDternnhm zDuacIiBt dor Oberst t. Uel- 
mei'Een 1863 eine Reise an den KoBSogol, deren Ergebnisse loider 
Qoch immer nicht yeroffentlidit etnd. Der Consul a el bat, Herr 
SchiHcbmarew, fiihrte im Jabre 1864 eine Eciae an den oberen 
Odou ana, Bodann 1668 eine andere nnch Uliassutai, welcbe letztere 
una den eraten Blick iu dieaen Hauptort der West-MongoJei ver- 
atattete. Ebendahin ricblcte im Jabre 1873 der ConHulats-Seoretair 
zn Urga, Herr Paderin, einon Aual^ug, dor anf einem anderen Wege 
nnternommen, interessante Resultate gellefert bat, die wir nocb he- 
eprecben werden. Zwischen Scliischmarow'a uad Faderin'a Besuch 
in Uliasaatai lallt oin dritter, der dea Conauls Pawlinow und asinea 
Begleiters vom Topograph en corpa Matusaowaki, die im Jabre 1870 
dort erschienen uad unangenebme Erlebnisae eu bcatehen batten*), 
Diese beiden kanien von Weeten her iiber Cbobdo, wobin im Jafare 
1663 Gapitain Frintz Bahn gebrocben batto und in demselben 
Sommer 1870 aucb W. Eadloff gekoramen war. So aeben wir also 
in dem Jabrzebnt von 1863^1873 fdnF verachiedene Expeditionen, 
theib vom Altai, tbella von Ui'ga auf Uliaasutai und Cbobdo zu- 
streben. Aber neben dieaen gingen andere vom Norden her, aua 
dem Kreiae Minuasiiisk, oder wie die Mntuasowaki'acbo nacb Minus- 
sinsk. Endlich fiiiden wir neuerdinga die Wege bcachritten, die vom 
Saiaaan-See und von Kuldacba nacb Oaten fObren, Von Kuldscha 
aind mebrmals 1872 und 1873 ruasiscbe Karawanen in der Rich- 
tuug auf Urumtai ausgeaogen und bia Manaa vorgcdrungen, geogra- 
pbiache Resaltate deraelbcn aber una uicbt bekannt geworden. Da- 
gegen hat die Geograpbie mebr gewonnen bei den vom Saissan-Sae 
auBgegangenen Un tern ebmun gen, deren wir im Folgenden ausfQbr' 
licher gedenken werden, Indesa alle diese Dinge werden iiberstrahlt 
von den Leiatungen zweier Manner, die, von ecbt geograpbiseben 
Motiven geleitet, aucb groaaartige Erfolge fiir die Geograpbie zu 
verzeicbnen baben. Wir meinen Staba- Cap i tain Prsbcwalski und 
Dr. Fritache, deren Arbeitafeld freilicb in der fiatlichen und aOdlichea 
Mongolei lag. Wenn ea aicb darum bandell, nberbaupt die Quejlen 
der Belobrung anzugeben, die una jitngst id Beziig auf die Mon- 
golenliiader eracbloaaen sind, ao darf uatilrlicb nicbt ilbergaagen 
■werden die Reiae dea Eugliindera Key Eliaa, der die Mongolei auf 
einem Wege durchkreuzte, den vor ibm noi^b kein EuropSer betre- 
ten bat. Da Dr. Fritsebe sowohl in unserer Zeitacbrift, wie in 
Fetermann's Mittheilungcn von den Reaultaten aciner Reiaen Recben- 
acbaft gegeben bat, Prsbewalski'a auafiibrlicher Bericht eral noch za 

*) S. Bd. VI dleaer ZaitachrUt a. 456 ff. 



ButHliieh-moDgulidche BezieliiiiigeD und ErforBcbungou. 

erwsrten ist*), der des englisclicn Eeiflenden, da hi<?r nur von ruasi- 
echen die Kede sein soil, LocfasleDS Bubsidiorisch in BetracLt komucn 
kann, so weodeii wir uns sogleich zu einer Darslollung desaen, was 
una jiiDg^t von rusiiischeo E.xpeditionen in der Moogolei bekannt 
gewordon ist. Es bezieht sich das alles aut' die westliche Mongoki 
und der Zeit nach anf das Jahr 1873, welcbes fiir tmiaer epoche- 
machend fiir die Geographie der Mongolensteppen bleiben wird, deao 
auch die Keisen von Dr. Frilscbe, die von Prshewalski in das tan- 
gntiscb - tibetanische Ilochplateau (Winter 187^73) tragen dasselbe 
DaluLQ, wfthrend die von Ney Elias gewissermaBsen mit deni Neu- 
jalir 1873 abscbliesst (Ankunft in Biiak 4. Januar 1873). 

1. Paderin'B Reise narb Uliassutai. Die Ruinen von 
Karakorum**). nMeinWog", Bchreibl Paderin, Bg'ng vonUrga nach 
Uliassutai fast gerade westlich, nui* im ADf'ange etwaa eiidwestlicb, 
kreuzto die FlQsBe Tola, Cbarucha, Orcbon, beide Tamir, den 
Ttjchiltitu und den Pass zu dem System der durch Seeen verbun- 
denen FluBse, die nacb West oder Nordwest abstronien. Hinter 
dem Pass bracbte micb mein Weg, der sogenannte Ssnmo-Urto, 
bald auf die grosse Station onstrasge, der icb bis Uliassutai folgte. 
Die bis dabin berUbrten Punkte waron folgende: 

1. Nacbtlager, westlicb von Urga. ... 25 Werst, 

2. „ Blidwcstlich 25 „ 

3. „ „ 27 „ 

4. „ westlicb 36 - 



{Unterwogs Ueberechreitnng der Tola.) 

7. Station Tacbin-tologoi 17 

8. „ Cbadassan 28 

9. Nacbtlager, wcsllith der Cbarucba . . 32 

10. „ „ « « . . 30 

11. See Ugei-Nor 42 

12. Nacbtlager jenseit des Orcbon. ... 25 

13. „ in W.N.W 33 

14. „ jenaeit des sOdlichen Tamir. 16 

15. „ Ulan-ichi, auf dem linken Ufer 

des nfirdliclien Tamir ... 26 

16. „ aui'dera linken Ufer des Tamir 23 

17. Bei einera Kuren (Klosterplatz) ... 20 



*) HOchst ialercsaaniB rorlUuGge Miuhcilangen in Petermann'B Uitlb. 1ST3, 
, 89 onil 1874, 8. 41. 
**) B. Unestija der Bnsa. Geogr. Gesellacb., Jahrg. IX, 3, B. 355. 



18. Am Fluaso CUonui 40 Woret, 

19. An einem ZufluuBe des Tschilutu ... 34 , 

20. WeBtlicU des Flusses Tschilutu ... 45 „ 

21. In der N&be des Paesea 33 „ 

22. Am Flussa Dschak 2G „ 

23. In der LaDdBchaft (urotsdiischl^clie) 

Suhara dbbu . . 35 

24. Ibid. „ 24 „ 

25. „ „ 23 „ 



27. Am FlusBe Buiiotu (Bujantu) 

28, Im WNW. vom vorigcn . 
20. ■ Desgl. 

30. Ein Korea 

31, Uliassutai'''J 



29 



8C4 Werst. 



Meia HaaptaDgenmerk war darauf gei'ichtct, die LocalitSt dos 
bocbberiiLmten Karakoram zu erkundscUaften. Abel Remusat hatte 
diosclbe nur allgemein zwiecLeti Orclion uiid Selenga bestlujint. Ge- 
naner war die Angabe, weluhe ea mit Dalfircba- chara-Balgassun 
idonliflcirte**). Aber ale Augenzeuge spricbt von der Oortliehkeit 
nur der Chineae Tsoban-de-lioi. Dosaen Tagebuiib also, sodann die 
EoiaebescLreibung des Daoa-Priesters Tschang-tschuQ. der aclion die 
B scbcint, benutzte, cudlich die Mitthci- 
Bubrok, Marco Poio geben das Material 
Karakorum zu orientiren. Nun ergiebt 
Loi Folgendea: IJ Karakorum 
vestliuh vom See Uuge, der 



jetzige Saumo-StraBEi 

luugen einea Plaao Carpini 

an die ICaod, um sicb Ubt 

sick aus dem Tagcbuche des Tscb; 

(Heiing) liegt reichlich 100 Li 



gegen 70 Li Umfang und reines, dmcbuichtiges Wasser hal. 2) Horin 
befindet eicli auf einer Ebene von 100 Li Umfang, 3) Die Ebene 
ist fon Bergen umgeben, in der Mitte flicest der Horio. 4} Die 
Kiilto halt In dieaar Gegend lange an. 5) Von der Ebene kommt 
man, an den Baigon Morin-tologoi (Ma-lou) und Uian-lsuhicbi (Chun- 
er) vorbei, zum Flusse Tarair. 6) NOrdlicli von HorIn atand am 
Sec Zftgan-Gegen ein ScLloss. Andece QueUen ftigen hiiizu, daaa 
niirdlich von den Bergen bei Horin viel Fiehtengehola angetroffon 
werde, 

Nachdcra ieh noeh In TJrga mich vergewissert hatte, daas die 
Bencnnuiigeii Ugei-Nor, Berg Moriii - tologoi (Pferdekopf), Ulan- 

*) D!u Angabe dieser St 

ist van der Etdaction dor ruEe 

klejnen WogkartB absLrahirt v 

**) S. EitWr, Auian I, S. 



taciiichi (Kotlies Olir). FIuss Tamir und die Euinen von Cliara-Bal- 
gasBiin licutQ uoch existireu, so machte icb von der Station am See 
Ugei auH einen Absteclier iii der RicUlung nacL Biidsudost zu den 
Rumra vuu Cbai'a-Balgassun, und kcLrlQ von dort xur folgendr.n 
Stslion ziiriick, nelche Ulaa - chose liu hieas. (1st dies die obige 
Nr. 1'2 oder 13?). Von dor Station Ulan-cboscliu fobrta der weitere 
Weg an den Bergen Morin-lologni und Ulan tschichi (bier auch die i 
Station Ulan-tsubiuLi *) vorflber und Qber die Flilsso : N5rdbcher 
und Sudlicber Tamir and TscLilutu (^der steinigu "), ^ fast immer 
in don Ricbtuugen, wie Bie bei dem MOacL Tscbaug-tscliun, der aicb 
nach Westen zuni DsLingiscban begab, nnd bei Tscliando-boi be- 
zeicbnet wcrden. 

Die Oertlicbkcit , in weleber der Ugoi-Nor liegt, atellt eine 
auggedebntc Ebene vor, umgeben von nicLt hoLen Bergen, die 
wegiin ihrer Entfornimg nocb niodrigev erscbeiuen. Der See hat 
soiuun Flutz mchr im nordlicben Tbeil dor Ebene, nitbt fern 
von jhrem bergigen Nordsaurae; er eislreckt sicb etwa 12 Werst 
von OstcD naeh Westen in die Lfinge, seine Breite mag llj^ Werst 
betragen. Beim nordwestlichen Endo dea Sees liegt am Bcrga ein 
Gehoft nebst oincm Tempel (Kumirtiia), wo der Chutuktu Orombyin 
Gegen wobnt. Dieser klcine Knren verdient ErwSbnung wegen 
seiner Bauart, die vielleicbt darauf scbbessen lasst, dass bier ein 
ScIjIoss der alien Cbaiie stand. Das Fundament des Tempels zeigt 
ia Material und in der Arc seiner ZaBammenftlgung Aobnlicbkoit 
rait den Kuineu am Flnase Cliarucba, die welter unten an bespre- 
chen sind. Der Ugei-Nor stelit durcb das Flusschen Nan'n niit dem 
Orcbon in Voi'bindung. Die Ebene wird nun durcbschnitten vom 
Orchon, in dessen Furtlien das Wasser nicbt uber die Steigbiigi'l 
reicbt. Der Boden an seinen Ut'em ist tbcils salzballig, tbeilti 
sanipfig, und auf seiner Westseite ziebt sich eine ganzo Bcibe kleiuur 
Salzseeen bin, welche Zagan-Kor, d, b. weisser See, beiianut sind. 
Deren Menge nun und die Verwirrung bei den cbinesischen Autoren, 
nelebo seibst den Ugei-Nor ala Zagan-Noi anaehen und dicsem an- 
geblicheu Zagau-Nor eine Stelle im Tamiraystem anweisen, wo naub 
Erkundigungeu iiberhaupt kcin See esistiit, erschweien bei einem 
flijchtigen Besuche die Orieatirung fiber Karakorum nicbt wenig. 
Die Ufer des Oicbon eelbat sind stoUcnweiso mit Weiden (Talnik) 
und Pappein beautzt. Die Berge, welcbe im Westen die Ebenu 
einraLmen, lieisaen Uliutu, Obotu, Ulan-eLostbu; im Siiden und 
Osten beisscn sic Cbadamlu und siud mit Nadclbolz bestauden; am 
unbedcittendslen sind siu im Norden nnd Nordusten; meine mongo- 
iiscben Wegweistr konnten bier Specialiiamon niebt angeben, ausser 



*) Offenbar olieu St. 15; dort aUo im nueiechen Original ein DruckfeUer, 






p. Murtlie: 

fftr die Hohe, au dcren SOcUbliang der nben erwabnie Klostertempel 
Eleht, aber der Name bedeutete eini'acb EJosterberg (Chitiin-cbada). 

iJie bescbriebeno Ebene, f'iir welche beBooders in ihrem weat- 
licben Thcile der Name Toglocho-tologoi gebrSucblicli ist, hat von 
Osten nacb Weaten eine Liinge von ungefahr 70 — 80 WerBt, eine 
Breite von 35 — 40 Werst. Auf ihr nun bringt ein vierstUndiger ziem- 
licii Bcharfer Ritt, d. h. etwa nach 50 — 60 Weret, von der Station 
Ugei-Nor zu den Ruinen von Cliara - cbereni oder Chara - Biilgassun, 
die beinaLe in der Sudosteclta der Ebene, 6 — 8 Werst weatlicb 
vom Orthon sicb zeigen*), Diese Riitnenfltatte, von welcber zum 
Orchon bin aich eine schdno bQgL'lige Wiiisenflache ausbreilet, alellt 
sich in folgender Weisc dar. Bin viereckigei- Raum ist mit einem 
Wall umzogen, der, auf jeder Seite ungefabr 500 Scbritt lang, aiia 
Lebm bestcbf, stelleiiweise aacb augenscbeinlicb aua ungebranntea 
Ziegdn, und der hie und da Crenclirungeu (l^ubzi) erkennen lasst. 
Iin Inaern des Vierecks und zwar an der Ostseila ragt ein Thurm 
oder eine AufacbOttung flber die Mauer hervor, die im Allgemeinen 
gegen 1^ SsaBchehn (10 Fubs) boch iat. An der Slid- und Nord- 
seitB bemerkt man Spuren einea geringern innern Walles und da- 
neben Krdriese, in denen sich bei Regenzeiteu Wasser saramelt. 

Die Mongolen verknQpfen im Allgemcincn mit den Ueberresten 
ihrer Vorzeit koine Erin nerun gen ; ca will scbon viel sagon, weun 
man hftrt, dass da oder dort die Gebeine von Helden des Geaser- 
Cban oder die Scbstze des Gesacr vergraben aeien; (daa vorniramt 
man besondcrs von den zablreichen, Qber daa siidlicbe CbakhaBland 
zerstreuten K-Urganen); zuweilen heisat es auch wohl: TrQmmcr des 
oder jenes beriibmten Kloatcrs oder einer Bebausung Dscbingiscbans, 
Aucb von den Kuinen am Orchon meiuten die Mongolen nur, dass 
aie Eebr alt, daas in ibnen wobi Dachiagis gewobnt babcn miisse; 
ein einzigcr gescLeuter Lama gab die Erklaning, daea dies die 
Stadt des Togon-temur-Cban sei. (In der That bat Tomui--Chan 
Karakornm wieder neu gegrUndet**). Nun siud die Naraen Kiira- 



*) State nSfldostecke' aollte man beinahe eiwarten Sndwest; denn da der 
Orchon 1 Muile Ostlich von den Ruinen flicsst, bo muss 1) fUr die von dem hflg:B- 
ligen Wicsongrund eingenommcne Meile und dann 2) fUr das Flusebett sicherlich 
nooh im Osten dar Ruinon Kanm Cibrig sein. Ancb die Angabe dLer die Breite 
der Ebsne stimint nioht recht au der AbschatnuEg fiber die boi Bcharfeni Eitt in 
£lld-£QdOstlicher RIchtung zurflckgelegte Strecka derselben; entwedor iat jene zu 
gering oder die letztere zu groas ausgefallen, d, b. es sind Dicht ca. 8 Meileu 
in 4 Btnnden, wobe! doch iroLl der Orchon ia paesiren war, gerittun -norden. 
Auch CdI. Henr; Yule, der im Julibeft dea Geographical Magazine Faderia'g 
Beise bebandelt, UuBserC an diener Stelle seine Bedenkeu. 

**) ']'o^B-timnr oder chinesiach Scbunti rrar der letzle dor Mongolenkaieer, 
der 136S vor den Ming weichcn masste uud sein Hofiager zun^hec am Kerion 
aufschlng; erat sein Sobii AJurshirt Dala verlegte es wieder noch Earakorain. 



RuBsifich-inongolisc 

koram, Earakoran, Karnkorum, Clmra-Heling oSonbar ein und das- 
selbo mid iiiclitB anderes als Ural an tun gen des uong'oliBchen Uhara- 
CEicrem, d. h. schwarzer FeslungBwall, wle die ebea beschriebctjen 
Ruinen hout noub genauut worden. Daa Wort Cliara-Balgassun 
wird bedeuten : 8i:liwarz8ladt. So Tarc.inigeii siuli also die topogra- 
phiacheQ Wahrnehmungen, die historisclie Ueberliefei'ung und der 
FortbeBtand dea NamooB bia auf unserc, Zeit, um den Schluss zu 
gestatten, dass die Hauptatadt Ogedei's (Oktai's) und der ersten 
Mongolencltane in der KuinenatJiite wiedcrzuerkeDnen ist, wclcbn 
unter dem Namen Cbara-Clierem Oder auch Chara-BalgasauD iin 
Weaten des Orciion, 2'^ Station ncirdlicb von Irdyni-Daoo liegt*). 

Denkmfiler oder irgcndweluhe bemerkenswcrthe Uebcrresto des 
AHerlhume konnle iob bei Chara-Cfierem nicht aufHnden. Aber icli 
babe nodi den Wall bei der Station Zin-tologoi und die Ruinen am 
Flusse Cbamcba, bei der Station Chndaasan za erwJihnen, Von 
dem Walle bei Zin-tologoi, don die Mongolen fflr ein sebr altea 
Bauwerk halten, ist nicht vicl zu sagen; es iet eino nicdrige, vier- 
eckige, kaum beraerkbaro, mit Gras iiberwacbsene Erderhflhnng, 
weleho innen nicbts umaebliesst, ungefiibr 600 — 700 Faden laag, 
argelehnt an den kiainen Berg Tschin-tologoi, der IJ^— 2 Werst 
fistlicb der Station sicb orhcbt. Die Ruine an der Charucba, wolche 
Ton cbincsiscben Autoren, wio es scbeint, fiir cine Stadt det- Kitan 
gebalten wird, Hegt unter dem Namen Cliitiin - Cherom, d. h, die 
KIo flier um wall uug , bei der Station Cbadasgnn. Wer ma erbaut, be- 
wobnt oder zerstflit babe, vermocliten die Mongolen uiubt anzugeben. 
Es bieas, ein gewisser CLamba habe da gelobl. Der Wall iat aus 
Erdc aufgeworfen und ctwa 1 Faden (7 engl. Funs) hoch. l>Je 
GebSude innen eind hocb, ihre Dccken etngestilrzt, die Mauern aua 
Steinea, nanicntlich einem acbwarzea Quaderslein aufgefflLrt, der 
MQrtel ein Gemiach von Lehm und Snnd uiit einer geringen Bei- 
gabe von Kalk; die Fiigung aehr feat. Auch Ziegel, aber unge- 
brannte, sind bei dem Bau verwendet worden. Spuren eiuea inneru 
Wallee faoden eich nicht vor, Faat auf dem ganzen Wege bis 
TJliaasutai atiesa ich auf Kurgane, die man als Kirgiaeugriiher bc- 
zeichnete. Aber — so echlieast Paderin aeinen Bericht — die 
Durchtbrschung dieaer wahrecheinhch tiirkiscbcn Reliqnien kann mit 
mebr Freihcit und Nutzcn in andern Gegendon dca Chaldiaglandes 
ausgeflibrt werden and Bollit mit der Unterauuhiing der zahlreichen 
sibirischen Kurgane Hand iu Haad geben." 

Dec Arciiiraandrit Palladiua bemerkt iu cinem kurzen Nacb- 

■) Erdoiii-dfoo, der berllhmte KIoBloriilalE der Chalnh as- Mongol en, der auf 
der BchBneu Karle in Petermann's Milth. 187-2, Taf. 17 um 1 Grad zn nOrd- 
licb gelegt ist, wio auch in der iiufiiBchen von Wenjukof, die der crslerFU xa 
GmndB liegt; a. Bitter, Aaien I, 8. 497. 



J 



92 

worto zu dem Obigen, dass ilim Patlerin'a Fixirutig von Karakorum 
lier WaLrlieit seLr naho zu komraen, wenn nicht die poeitiv richtige 
zu Bein scheint. Die Auffiudung noch andarer Ruineastatten auf 
dem durcLzogeuen Wege euts].jri!cLen gauz dea Aussagen dcr cliine- 
sischen GescliicLte zur MongoliiDzeil, weltlie KoJonien seashafter 
Leutu in der Nuhe voa Earakorum erw^huou. „Padoriu sioitt in 
der jetzigeu mongolisclien Benennung Clara-Clierem die genaue Aiis- 
eprache des Wortcs Karakorum; aber in dcr Transscription des 
mongolischen Testes der kurzen BiograpLio von Ogedei-Chan wird 
es aiisgesprocLen CbaracLorum; dabei beziebt sich Cliarachorum 
eigentlich auf die RuinenBtiitte und bedeutet: ecbwarze Mauer, wab- 
rend nacli dom einstimmigen Zeugniss der chinesiscbcn Buhriffst oiler 
au9 dor Moogolenzeit die Haupt-Orda der Mongolencbane Chara- 
cliorum nach dem Namen des nScb&tun FlQsscliena bcnauat wurdu." 
2, Eine kritische Episode. Hat Paderiu die Ruiaen von 
Karakorum wirklicb aufgefundcn? Der beriibmte Siuologe Kusa- 
Jaiids, Pater Palladiua bejaht die Fraga mit einer geivisseu Reserve, 
wie auB dor obigen, genau iibersetzteo Fasaung seluer Worte zu 
erkennen iat. (Paderin's Bcriciit ist mit alien entsehuldbaren Mau- 
geln Boines TagebucliBtils ebeiifalls mSgliciiat wOrtlicL tlbertiagea.) 
Abel K^musat bat nicbt, wie Padeiiu's Worte vermntben lasaen, die 
Lage vi>n Karakorum nur atlgemein bestimmt, sondorn Bte in erster 
Liuie goiade dabin verlegt, wo der ruBsische Eeisende aie gesuclit 
hat und gefanden za haben glaubt, n&mlich an die Stelle, diu mit 
dem Namen TaIarcba-{Dalarclia)Kara-Balga8bum auf den Kartou be- 
k'gt ifit*). Wena nun eine gewicgte litorarlscLe AutoritSt wie Abel 
Remusat und der erste neu - europSiscbe Besnclier der in Betracht 
kommendoD Gegooden in ibren Rosultaten llbereinstimmen, dann, 
sollie man meiiieu, sei fiir Zweifel kein Raum mebr. Nun aber 
balte Abel Remusat sicli die Mtigliehkeit ofi'en gelassen, aucb eincu 
andern, fast um eiuen Grad Qordlicher gelegunen Punkt, Bal'yiri 
buritu, fUr den Platz der mongoliscLen W el than plat a dt beanspriichcB 
zu diirfcn; ihm kani es nur d.irauf an, nachzuweisen, daaa dieaer hBher 
nach Norden zu rUeken sei, als d'Anville, Gaubil, Fischer vermeint 
batten, und dieser Nachweis ist thin un zweifel haft gelungen. Aus 
seinen Untersuchungen geht als botDahe eichereB Resultat hcrvor, 



•) a. Miw. Se I'Acad. E. des Inscript., T. Vlt, p. 353 u. p. 2S9. PmiB 
1824, PaalhiBT scliicbt seicem beriihmti:n LandamnnQe in dcr Ausg. des Marco 
Polo 1, S. 171, nol. 1 gleiclilflllfl eine falscbe Position vun Karakorum unter 
nnd cntBclieidet aich aelbst fQr eine um 3 Brad Osllichere, was wieder Col. Yale 
Id dem angezogecen Artikcl nicbt faemeckt but, dcr nur von der Karte bei 
Pauthier spricht, die ullerdings der Kemusat'suhen Fosilion sich gelrcalich au- 
achljtsst. Ucbiigena r=ci;fiein Pauthler, Introduttion, S. XXSVII, not. 2 Bich 
Bclbst ibeilweiae. 



moiigvilisclin lii Kieliiing'eTi iini) Erforscliungeii, !)3 

dass Ilolin auf dem linkeo Ufer des Orclion ntwa Bin 47- oder 
48. Pftr.iUcI gcBucLl werden niuBS. Die Fixirung dea wellberliliin- 
ten Puaktes konnle oacli ihra und fennn nur durch NachforBchungen 
an Ort und Stelle erreicbt wcrden. Psdurin filhrt nun zwei zu 
Remttsat'B Zeit noeli onbekannte cliinesische Quellen nn, die ibn be! 
setnen liOchat iiitorpBsnnten iind verdiensllicIiRn Bemflhungen in dieser 
AngelegcnLeit leitelen. Die erste iat die des Tanaae-MannpB Kieu, 
der sich selbat als Tscliang-tschiin-tfleu {„Solin dcs langen Prilh- 
lingh") bezeicbnete und den Elirentitel 'IVhouKi („Bi'forderer der 
Wiaeenscliaft in der ncimal") empilng, der auf cinen Huf Dscbingis- 
chaiid aicb aus seiner Ueimat, der cliinesischcn Provinz Schantung, 
iiurmadite, uid diesom die Hiiire aeincr mnnttschen Weisbeit ange- 
deihen zu lasaen. Da eich der grosse, BtinerBchiitterlicbe" Welter- 
obcrer damala im fernen Woaten am Osus bufand, so rausste der 
Cbrnose die ganze Mongnlei dttrcbwandern, und die Reiae daucrle 
vfin Peking aus bia Samarkand (wo damnls ein Bnichtheil der Be- 
vfilkcrung aus KilHU nnd Cbincaen hestand) liber 9 Mnnate, vom 
2.Mfirz 1221 bis in den December desselben Jahrcs. Der Bericlit Uber 
die Reise dea Meisters „Ianger PrdUling" wurde ron aeinen Schiilern 
verfasBt, ist von Pautbier tiboraetzt*) und zablt zu den wicbtigalon 
Documenten iiber die Gcograpbie Inneraaiena im Mittelalter. Aber 
Kur Fixirung der Lagc vnn Karaknnira iat nicbts d.araiis zu ge- 
winnen. Der Name dea letzteren wird nicbt einmal geiiannt; nur 
vom Uuolto, d. b. der Orda — Residena. odnraucb Raatpiatz — iat die 
Redo. Im Oaten dcrselben wurde Halt gcmaebt, nm die Kaisf^rin 
zu bitten, den Flusa iibersdiroiten zu diirfen. Dip Orda lag also 
wo}iI iin Weaten dessetbcn, und daas damit Holin gemeint iat, wie 
der moderne chinesiacbe Comnienlar beldirt, kann allerdinga kanm 
zweifelbnfl acin**). AuffSllig ist nur die Angabc, dasa der Pbisa — 
und man muaa annehmon, gerado dort bei der Orda, dcnu cs lieiaat, 
offenbar in Wiedergabe einea lokalen Eindrucks: „seine GewSsser 
fliesseu naeL Nordoat (tung-peJi); ibro grOBse Masae endigt in der 
Feme, wie daa Ende einer Deiebael" — sich nach Nnrdosten 
bewegt. 

Viel rcicher an Details acheint das Tagebucb Tacbande-hoi's zu 
aein, das von Palladiua in's Ruafliscbe itbcrsetzt ist, aber in den 
Denkscbriften der Sibir. Ablbeil. der Uuaaisch. Geogr. Gesellscbsit, 
nnd nun vergraben Jiegt in — ■ Irkutsk. Znm GlUck bat Paderin deni- 
Eelhcn ein Signalement von Ilolrn cntuommen, welcbi'a in 6 Kenn- 
zpieLen gegeben ist. Stimmen dieae nun zu dem Bninenfunde, den 

•) Im .Tonmal asialiqnp, S^r. VI, t. IS, p. 39— SG. Ilior die Nolii Cbor 
die BcvOltcrung von Hnmarksnil (Sili-mi-ate-taii), ['. 72. 
•♦) 1. 1. g. 49 n. 50, not 1. 



er gen 
stellung: 



icLt hnt? Wir niaclien einfach folgende Nebeneinander- 



Taclii 



1. Distanz v 

100 Li 

Hichtung. 



U-ti-gje-Nor bis 
betragt reicblich 



2. Die Ebene bel Ilolin hat 100 Li 
im Urnkreia. 

3. Die Ebene umgiirtet von Bergen, 
in dcr Mitte der Holiti-Fluas, 

6, Am Sco Zagan-gcgen niirdlich 



Faderin. 

1. Dietaaz Tom Ugel-Nor bis Eara- 
lialgassum angcblich dies el be 
(50— GO W. = 1 00 — 1 20 Li). 
Richtntig nach SiidfiOdost — ver- 
BcLieden (mOglicberweise aber 
irrthliralicb angegeben). 

2. Die Ebene Toglocho-lologoi iat 
nindestens dreimal grOsser. 

3. Niedriger Gebirgerahmen um 
die Ebene Toglocho-tologoi ; in 
ihrer Mitte der Orchon, 

. 6. Am Ugei-Nor eln KioatcrgehOft, 
welclies ebemala ein ScLlosB 
geweaen aoin kiinnte. 
bietet keinen topograpLiachen Anhalt, wogegen Nr. 5 
die Uebereinstinimung in den Namcn der auf dem Wego von der 
Ebene bis zum Tamir berubrten Berge (Pferdekopf ntid Rotbohr), 
als Hanptbeweisaliick anzusebea ist. Dasaelbe lallt eogar ao acbwer 
in'B Gewiclit, daBS ea alle Bedenken, die bei den ilbrigen sich auf- 
drjingen, niederschlagen kOnnte, Obenan steit in diesor Beziohmig 
Pnnkt 8, die Frage dea Uolin-Elusscs. NacU dieaem iat die mon- 
goliadie Steppenroeidenz benannt, nnd so muss er ebenso gTit 
recognosclrt werden kiinnen, wie jene. Es liegt aber UDiniCtclbar 
kein Grand vor, den Orcbon als Holin anznaprechen ; denn Oberall 
wird der Orcbon nntyr dem Namen Wen-Kuen, Wangki, Kuen etc. 
durchaus vom Holin nnlerscbieden; ja die bei Abel Kenmaat publi- 
cirte chineaiBclie Karte sctzt die mongoliBcbo Hauptstadt an otnen 
Eluss Ha-ln-bo-lin, Jeaaen Name, die acbiinste cbineaiaebo Transcrip- 
tion von Cba-ra-cho-rum, an Deutlicbkeit nichls zu -wUnschen Qbrig 
l&ast. Der Hala-bolin kommt bier von links in den Wen-Kuen, der 
freilicb als ein besonderes FlQSBcben neben dem nocb OBtlicberen 
Wang-Ki erschcint, wie iiberbanpt jcne Karte an so grobon Feblcm 
leidet, dasa sie offenbar neben den (lurch die Mongolenberracbaft neu- 
gewonnenen Anscbauungen aucb &ltere unricbtige (echt cbinesiBch) feBt- 
gchalten zeigt. Nun aber in dem cbinesiscben Commentar zu der 
Weslfahrt dea Dr. „Langer FriibliDg" beisst es*), dasa Holin zwi- 
scben Orcbon unJ Selenga, genauer zwiscLen ,den Fltiascbon Taniir 
und Hob-aui Jag; der FIubs Hoh-sut hieas zur Zeit der Juen (Mon- 
lynaatie) Holin, jetzt nennt man ibn Hn-i-nu", Mit dem Hoh- 



*) Joamal Osiat., L 1. p. 50, not. 1. 



Riisaisth-mongoliacliB Bezielinn^en mid Erfurschnngen. 95 

sui uiid Hu-i-nii, aclieint ps, aind die Flflsse CbaRsui und CLauui 
gemeiiit, die beide, getrennt, wiewohl dicht bci einander, auf der 
Knrte bei Petermann (wie auf der Klnprotli'scbcii) aich flnden, aber 
freilich in einer Situation, die una aus dem Becken von Chara-Ba!- 
gassuii nach Nordweat fQbrl. Audi Paderin Btiesa binter dera Tamir 
auf den Cbanui (a. Station 18), was iibrigtns nach jener Karte bfii 
der strcng wcstlicben Richtung Beiner Keiae nicbt mSglich eein sollto 
und beweist, dass dort die Karte einer Verbesserung bedarf'*). 

SoUen wir nun Kftrakonim westlich vom Tamir imterbringen ? 
Das ist in keincm Falle zulSsaig, denn die poBitivaten cliincsiachen 
ZeugnissB selzen es OstUch, zwiBchen Tamir und Orclion**). Oder 
iet vielleicbt der oberhalb dea Tamir in den Orobon (nach Klaprotli) 
aicli ergieasende Dsimalai, der bei Paderin gar nicbt erwSbnt wird, 
der alte, namengebendc Hala-bolin? Moglieb, aber durcb erricuta 
UnterBuchung erst feslzustellen. 

Was Paderin bei Kara-Balgaasim vorgefunden hat, iat jammer- 
lich wonig. Aber dies wOrde der Identificinmg mit der alt«n Welt- 
bauptatadt kein HindernisB in den Wcg stcllen, denn im Lande der 
Filzzelte sind grosse, dauerhafte Stein- nnd Praclitbaulen nicbt zn 
erwarten, und Eubmk, der Karaknriira in seiner btichaten Bliithe 
sab, erklart es anBdrilckllcb fOr einen Ort, der mit dem Burgilecken 
St. Diinia bei Paria architektonisch keinen Vergleich ausbalte (non 
ita bona gicut burgus Sti. Dion, kann auf GrtissenTerbiillnisse nicbt 
hezogen wcrden). Indess wir haben zwei Angaben tiber den Um- 
fang desselben, mit denen die Paderiii'scbcn aicb nicbt reinien 
woilen. Eine cLinesiacbe Quelle bestinimt den Umfang seinor im Jabre 
1234 erricbtefen Mauern auf 5 Li (b. Abel RemuBnt), Marco Polo 
aogar auf 3 Miglien. Nun aind scbon 5 Li, selbat wenn darunter 
mongoiiacho (nacb Pautbier A 378 Mtr.) veratanden werden, jeden- 
falls mebr als bei dem Paderin'scbon Vierock mit Seiten yon jo 
500 Scbritt herauakommt. Und in der That, unuiOglicb fcann in 
dem unbedeutenden Paderin'achen Burgwallc allcs das zusanimcngc- 
drangt geweaen sein, was Rubruk In Karakorum aah: 1 cbrislfinhcB 
(nestorianlscbea) Gottesbaus, 2 mubumodaniscLo, 12 beidniacbe 
Tempel, Tiele grosse „Palaate" der Hofsobreiber i. e. der kaisei- 
lichen Miniater, eine Strasse der Cbinesen, eine Strasse der Sara- 
cen en etc. ••*}, E ben d eraelb e er wall nt ferner, dasa neben der Stadt- 
maucr der Chan seinen eigencn, von einer beaondern Mauer uni- 
scbloasenen Hof, mit einem grossen Palaale und vielen spoicberahn- 
lich langcn Gebfiudeu darinnen, gebabt habe (wie es ja iiberhaupt 

•) Der Cbanni und auch wohl dor „Zibo]u" (Tschilutn pBderin'a?! tnUasen 
Bttdlicher entiipringBn. 

**) S. Pfluthipr, M. Polo, Inlrod. p. SSXVII, not, 
***) Reoueil de Vojagea tt de M^m., T, IV, S. 346 u. 334. 



96 F. Maitl.c.: 

asiatischnr Slil von Sfamliul bis Jcdo iat, dnss neben oiler inmitten 
der Blirgerfitadt stufa die umniauGrte Kaiserstadt erliebt und beides 
zusammcn erst die Landeshaupt' and HeEidenzstadt aasrnai'ht). Die 
Stelle von Karakoriira wird daher u. a. aucb daran recognoacirt 
werden niilssen, dasa man dort eotwedcr zwei wirkliclie Wallringe 
oder doth Spuren von zweicn, also etwa dielit neben einem nocli 
erhaltencn, die Indicipn eines andern nacliweiat, Vielleicht liisst sich 
dies bei dcr Paderin'scben Lociilitat auf dem SBtliuh anstosscnden 
Grasgrtinde, de-esen Hiigel einen verdaebligen Eindnick machen, noch 
nacbbolen. Dctm schlieBsIieh wollen wir nicbt vcrachwcigen, dasa 
wir trotz der ebea geausserten Bedenkon es aehr wobl fiir niOglich 
halton, dasa Cbara-Cberem oder Kara-BalgasBun donnoch als Eara- 
konim all gem Hn anerkannt wird. 

Den Stein des Anslosses wird nnr der Fines abgeben, den die 
CbincBen bebarrlicb fur den Taufpatbea der Stadt erkliiren. In den 
Gegenden Aaiens, die von tllrkischen Volkern beaetzt Bind, seben 
wir baiifig den umgekehrten Fall, Flflaae werden benannt nach 
den Stfidten, die sie bespulen (Jarkend-Ssa, Tarsus -TscLal etc.). 
Vielleicbt stand ea trolz cbineaiaeher Versicberutig mit Karakonim 
nicbt anders (d. h. der Fluas, an welchera die Rosidenz lag, mflg- 
litberweise alao der Orcbon, hiesa der Fluss von Karafcornm). We- 
nigstens atle Erklarungen dieses Naraens passcn besser fllr elne 
Stadt ala fdr einen Fluss. Die jQngate und elne sehr ansprechende 
finden wir bei Ney Etiaa in dem Bericht iiber seine Eeise durch 
die Wcat-Mongolei*). Er bringt Korum mit Kuren in Verbindnng, 
das rocb heut von Mongolen und Cbinesen in dor Mongolei Hulim 
odor Kulun ausgeaprocben wird und am ebesten in dem alten cbi- 
nesiachcn Namen Holin wiederklingt. Auch bei Marco Polo iat die 
Lesart Caracoron gesicberter ala die auf m; und bei Bubriik (ddit, 
d'Aypzac) findcii wir gleicbfalls sehr haufig das n statt dps m als 
Endlaut. 

Znr Entscbeidung Obcr die Frage von Karakornm ist es jeden- 
falls wflnscbenawertb, dasa auch die Oertllchkeit, an welcber Klap- 
roth auf seiner Kartc in Central-Asica die Euinen doBselben fixirt 
bat, und die nberbalb der Remusat-Paderin'schen liegt, besucbt und 
unteraucbt werde; ja das ganze Basaia des obern Orcbon flberbanpt, 
denn dort mQsBcn die Spnren der Steppenreaidena und der veracbie- 
denen ScbloBser, die tiacb cbitiesiscben Zeugnissen ira Umkreise der- 
selben erricbtet waren, noch jetzt, wenn aucb nur in Form einfaeber, 
eio Vacuum umacbliessender Lebmwfille zu cntilecken sein. Der 
Wunseli C. Ritter's nach einer Unterauehung jener Gegenden durch 
Pbyaiker und Anliijuare (Aaion I, 8. 562) iat lionl noch uaerledigt, 



*) 8. Journal of the R, Googr. Soc, Bd. 43, S. 122, Anmork, 



Rii^BiHcli'inongaliticho BeEiulitingen und Edbrsrbnngen. 97 

ja nacli den Reisen von Ney Ellas itnd Paderin dringender ale je 
zu wiederholen. MOclilen die, Gelelirten Eiisalanda, denen die Losung 
des Problems znnachst anheimfSIlt, dieaelbe bald ernstlicli in An- 
griff nehinea. 

3. Geographische ForscLungen am obern Irtysch, 
Auf AnordnUDg dca darch seine KeisoQ im Ticn-Scban bekannteD 
Generals r. Poltarazki, jetzigen Gonvorneurs von Saemipalatinsk, 
wurden im Jnbre 1873 verschiedeno fflr die Geographie erfolgreicbe 
Expeditioncn in die benachbarten Tbeile der Dsungarei auageffibrt, 
bei denon die Namen der Herren Mikroachnitscbenko, Matasaoweki 
und SsoBDowski bervortreten. Wir eropfangen dadureh zum eraten 
Male nicbt nur ein anacbaulicbeB Bild von den oro- und hydrogra- 
phischen Verb&ltnisaen am obem Irtyscb, sondern aucb wichlige 
aalronomiscbe Ortabcatimmungen. Die letztcrn aind daa Werk dea 
Capitains Mikroschnit^cbenko und betreffen folgende 9 Punkte*): 
Saisaanski Post 47" 26' 25" n.Br. 54" 38' ij. L. v.Pulk. 



Mai-Kaptschagai 


47" 28' 


25" 


„ 55" 


15' 


Kapcban-tacbilig 


47" 24' 


28" 


„ 56" 


11' 


TuUa (KloBt. Sobara-ssnme' 


) 47" 50' 


39" 


„ 57" 


43' 


Bnnil-Tocboi 


47" 5' 


13" 


„ 57" 


5' 


Nordnfer dea Ulungur 


47" 21' 


' 36" 


„ 57" 


■ 10' 


Miindung dea Kran 


47" 35' 


43" 


t, 56" 


54' 


„ y, Burtsehum 


47" 42' 


28" 


r, 56" 


■ 26' 


n Kaba 


47" 52' 


4" 


_ 55" 


43' 



Man braucht nur einen Blick in die Karte der westliclien 
Mongolei in Petemiann'a Mittbeilungen 1872, Tafel 17 zu werfen, 
um sicb zu iiberzeogen, wie wesentHcb die dortigen Poaitionen ge- 
andert warden mQsaen. Burul-Tocboi oder Bulun-Togoi z. B., die neue 
chineaische Handelsatadt am Ulungur, riickt fast einen Grad oach 
Norden und nacb Weaten vor. — Durcb correspond irendo Barome- 
terbeobachtungeu im Saiaaanposten (Saiasanski Poat) iat ea femer 
moglich geivesen, zicmlicb sicbere Hdbenbestim mitogen zu gewinnen. 
Eine vollstandige Berechnung war nocb nicbt erfolgt, docb lieas aicb 
scbon BOviel erkcnncn, daaa das Tbal des obern oder dea acbwarzen 
Irtyacb nur eine sehr Bcbwache Neiguug bia zum Saisaan-See bositzt, 
wesbalb der Fluaa aucb ein sebr langaamea Geiitll hat; seine Ge- 
scbwindigkeit betragt von 84 ' (20 Werat oberhalb des Sees Ulungur) 
bis 289' (unterbalb der Kaba) in 1 Minute. Das Nordiifer des 
Ulungur, welcbes hychsteuB 3 Werst, nicbt ganz |^ Meile, vom 
Irtyscb absteht, liegt nur GOO' ilber Ak-TQbbo (dem Piinkt, an 
welcbem der Irtyscb ia das ruBsiacbe Gebiet eintritt), d. b. nicbt 



i>\ 



98 F. M,'.rll.f: 

ganz 2300' (iber dem Sfeero. Ala hScliste unler clen iinmittelbar 
gemesaeneii Fankten erwiesen sich Mai-Kaptachegai — 2600' und 
Tulta 2G00'. AuBserdem aber wurden ;inf geodfitiscliGm Wege 
andere HOben beatimmt, so der Ostliche Gipfel des Sflaura, des den 
obem Irlyach iru Sttden einrahmenden Gebirges, (annahernd) auf 
12,000' iind die Scbneelinifl zwisclien 10^ — 11 Taueend Fuss. 

Weil der Schwarae Irtyscb, wie beniorkt, so triige daharfliesHt 
imd on seiner linkon SeiJe die Sandwiiste Ogyr-Kum auf der Streeke 
zwiscben dec Hiindung des Burtacbura nnd deB Koldschir unmittel- 
bar ihm angrenzt, so bilden eich in aninem Belt viele Uandbanke 
nnd Sandinseln, die das Fabrwasscr so einengen, dass ca atellen- 
weise (oberbalb des Kran) nnr 3 Faden {21 engl. Fnas) Breite hat, 
JB aucb unterbalb der Kaba, nacbdem der Irt^scb sclion bedeutend 
waBserreicIier geworden, ist es bis auf 8 Faden eingeacLnUrt. Die 
Tiefe daa FluBsea erhalt siob von der Fartb an, die 20 Werat ober- 
balb dea Ulungur iicgt, bis znm Koldscbir (wo bei Ak-Tiibbe das 
nisstacbe Gebiet beginnt) fast beatJlndig zwischen 8 nnd 11 Fiias. 
Der yon den eiofallenden Keboafllissen stammende WaaaerzuscbusB 
wirkt vorKugsweisQ auf die Breite und die GeBchwindigkpit des 
FJuasea. Die Breite wacbat in folgeudcm yerblltnisBQ: sie betragt 
20 Werst oberbalb des Ulungnr ~ 75', oberbalb des Krati — 
315', obnrbalb ilea Burlscbum — 210 — 357, oberbalb der Kaba 
— 539 und oberbalb dea Koldscbir — 686 eugl. Fusa. Furlben 
flnden sich faal fiberall und stellen der .SebiiHahrt sebwer zu uber- 
wiodende Henimnisse entgegen; nur die etwa 4 Werat oberbalb dea 
Koldsebir beflndlicbe ist inaofern gtinetiger, als ihre Tiefe auch zqt 
Zeit der grSsslen Seicbtigkeif, in der zweitnn Halfte des September, 
nieht unter 5' herabsinbt. Nach Oapitain Saosnowki's Bericbt*) er- 
atrockt sicb die regelmfissige Schifffahrt lis zur M tin dung der 
Kaba. 

Sehr intereBsant nun sind die Mittberlungen Mikroacbnitachenko's 
liber die vielfacb veotiJirto Frage der Verblndung des Sops Ulungur 
oder Kisil-Baacb nit dem Irtyacb. Von dem eratern ziebt gegen 
den letztern faat aenkrecbt ein kleiner HSbenzug Nuiyn-Kara und 
am Fusae desselben (dem oatliuhen?) liegt eine Muldo, die sehr 
einem ehemaligeo Fluasbett Sbnelt und in der That, nacb Aussage 
der Kirgiseui zur Zelt der Hochwaaaer auB dem Ulungur Waaser 
empfangt, welches znra Irtysch abfliosat. Daa ganzn Ostufer dea 
Ulungur bis znm Irtyscb bin besteht aua Lebmboden, der sehr leicht 
vora Wasaer ausgewaBchen wird. Man erkennt dies an zwei umfang- 
reichen ErdlQcbern, die an der Ostaeile dea Sees vom Regenwasaer 
ansgcboblt aind. Der Lebmwal!, der das eine derselben vom See 

•) S. laweatija X, 1, 8. 283. 



Kiisaiacli-niongolistlio BoziphuiiE'eii i 

trennte, ist im Jalire 1872 durcli die Grewfiaser dea Ictztem unter- 
spiilt und zeratiirt worden, so dasa das Seowa^aer nan hier einge- 
drangen iat und einen Busen von 12 Warst LSnga gebildet hat. 
Diesem Vorkommnias gegenttbcr gewinnt die V^ermuthung, dasa ein 
nnterirdiacher Abfluas des Dlungur znra nahen Irtyach besteht, an 
Wah^Bcheinli(^Lkeit, uod dnige BorccliDUDgcn erheben diese fast zur 
GewisBbeit, Die Wasaermasae namlich, die aa einem Pnnkte 
20 Werst oberbalb dee Bees in 1 Minuta den Irtyacb hinabl&uFl:, 
ergiebt sicli za 36,000 KubikfoBS; an einein Punkte unterhalb dea 
Sees, abcr noch oberhalb der MOndung des Kran, betrftgt sie 126,000 
and unterhalb des Kran 160,000. Zwiscben dem ersten und zwei- 
len Punkte also geht eine Vcrmebmng um 90,000 Kubikftiss vor, 
wabrcnd ^er Kran nnr 31,000 binnubringt. Wober kommt jener 
gcwftltrga Zuwacba? NebenBiisae sind anf der betreffenden Strecke 
nicht bekannt, folglich kann der Zuflusa nur aua dem See anf ver- 
deckten Wegen bezogen werden. 

Wir achlieasen hieran aogleicb die Mittbeilungen des Stabs- 
CapitatQ Saoanowski. Der See Ulongur gehiirte rail seinem ZuSuas, 
dem Urnngu oder Burlu-togoi, offenbar einat dem Irtyscb an, der 
nur 2 — 3 Werst enti'ernt an dem niedrigen FelsenrQcken des Karyn- 
Kar.i Torfiberflieaat i erst apfiter acbloas aicb der Dlungur, wie der 
Dal.ii-Nor mit dem Kerlon, zu einem besondern rontinentalen System 
ab. Das ganze Ostufer dea Seea, bekannt unter dem Namen der 
Hiihen dea Zirguntai ist eine kable, wellige, mit Steincn und fluvialen 
Muschelschalen besaote, mit zahlreicben aalzbaltigen Stcllon bedeckte 
Ebene, die den Eindrnck machi, daas sie noch unlSngat unter Waaser 
Bland. Bei den Eingeborenen Idnft die Sage um, daas der Kflrper 
ernes Urjancbni, der im Ulnngur ertrank, spater im Irtyach aufge- 
fanden wiirde, und eine ganz Jlbnlicbe Erzlibliing existirt unter den 
Kirgisen vom See Tschuachkaly, der unweit dea TrtlBch in der Sand- 
wOste Baa-aigyr-Kum, die gleiobfalls sichtbare Spnreo ebemaliger 
■Wasserbedeckung tragt, gelegen ist. Dio Seenfer aind ganz vege- 
tationsleer, verdienen aber Aufmerkaamkeit wegen ibrer Mineral- 
BchStae. Auf den Hshen Zirgnntai liegt nftmlicb ein nicht unbe- 
trftehtlichcr, von SalzsUmpfen omgebcner See, der eine unerachOpf- 
Kche Fnndgrube des reinsten, sich von selbst abaetzenden Koch- 
galzes daratellt. Kirgiaen und ruasiache Koloniuten machen aicb die- 
selbe zu Nutzc. Das nordliche Ufer am Karyn-Kara birgt Graphit- 
lager ia aicb, die aicb bis zur Oberfliicbe erbeben, so ilass die 
Eingeborenen das Material direct in Sacke fullon. Die weatUche 
Fortsetzung diosea Zugcs, die Berge Kok-Ssun sind reich an Sal- 
peter, daa denn aucb zur Pulverbereitung Tienutzt wird, Der einztge 
Zufliias dea Ulungur, der Urungu odor Burlu-togoi, flieast in eiiiw 
Tertieften Furcbe, aeicbt und libers clireitbar selbst in aeiuen unteteu 



J 



100 



Tbeiler, ausgenomrnen die kurze Zeit seiner Hocliwasser, welche 
etwa 10 Tage von Ende MSra big in den April dauert (15. bis 
25. Marz a. St.); die mitUfire Brcite betrEgt ungefahr 15 Fadoo, 
das Flnssbett ist anfanga lehmigsandig, dann sclilammig, die Stro- 
muug eine ruLige, gleichmassige; in der Wiesennicderang am Flusae 
steben ganze Waldgrnppen von Dscblgda {Eteagnus angusttfolia)^ die 
das Material znr llersteJlung von Geratb, MObeln, Wagenaclisen etc. 
liefern. - — Ancb am Irtysch erheben aicb, abwachBclnd niit iippigen 
Wiceengriinden, dicbte GruppRn von Pappein, Espen, Weiden und 
Birkcu (ein leBonders scbiinor Birkenwald am Burtschum) ; daa Thai 
wiirde mit seinen t'etten Weiden, ecbonen Holzbestanden nnd seinem 
gtinaligen Klima etnon auagezeicbneteD Scbauplatz fDr Kolonisation 
abgeben kiinDGD. 

Jetzt berrscbt am Irtyscb und Urnngu daa Nomadentliam, ver- 
treten darch Kirgisen vom Stamm der KJrSer und die KalmOken, 
Kwei ganz veratbiedene Volkeracbaften. Die Grenze zwisehen bei- 
den bildet der Erau. Westlicb von demselben lagera und wandern 
dio Kir-ler, gegen 7000 Zelte atark (etwa 35,000 Seelen), nur ein 
kleinea Ilauflein von aO — 30 Kibitken halt aich iiBtlich, an den 
QuellflQsaen des Irtyach, dem Knn-Ettzia und Kara-Ertzis. Die 
Kir^er habcn sich der chinesiachen Autoritat faktiach entzogen, aie 
aind eifrige Muhamedaaer nnd fiihren einen ewigen Krieg mit ihren 
UDglhcklicben Nachbarn, den friedfertigen, ganz vcrarmten KatmQken 
Oder, wie aie dort beissen, Kara - Kalmiiken. Dieae nomadiairen in 
den oheren Theilen des Irtyach gehie tea uad in den Niedorungen 
des UmnguheckenB, aie zert'allen in 10 Ablheilungen oder Saiun, 
darunter ein beaonderer Saum der Tsciiachar und ein anderer der 
Ultscha-Mangul, Jeder Senm bat seinen Vorstehcr , den Moschka 
oder Deanga. Ueber 5 Daanga stelit ein Ilgedai und Qber zwet 
Bgedai ein Ucherdai, der unmittelbar dem Amban, dem in der Stadt 
Tolla am Kran residirenden Clief des Districts, untergeordnet ist, 
Auf alle 10 Saum werden gegen 25,000 Seelen beidorlei Geacbleclits 
gerechnet. 

Etwa 2 ileilen (l5 Werat) oberbalb der MQndnng des Urongu 
in dea See liegt die Stadt BiUuntochoi, bewolint von allerlei zusam- 
mengelaufenera Volk, welches aeit dem Ueberfalle, den ea 1869 
gegen den Saiaaanpoaten unternahm, unter dem Namen der Kisil- 
Ajak bekannt ist. Der Name bezog sicb anf daa chinesische Scljnli- 
werk der Marodeurbande. Dia unsaiiberc, unordentliche Stadt be- 
Bteht aus zwei Ortschal'ten, die etwa eine halbe Werst von einnnder 
absteben. In der einen, die 160 Gehotte und etwa 900 Seelen 
zablt, wohnen die Sibe, Solon nnd eigenthchen Chineaen, dio zu- 
-aiunmen ala Kara-Kitaizi bier benannt wcrdeu. In der andern be- 
^egnet man den Abktimmlingen mougolischer Slilmrae: OelOt, Tacha- 



Kasaiscb-moDgvlUi'lie Bfnieliimgen uoii E riorum Uiuig^u. 101 

char, Ealniiiken u. A., susammeu ao SOO Seeleu in 150 Ilofen. 
Ein Juan stebt an der Spitze ej'ner jeden der beiden verbundeaen 
Ortsuhaften, beide Juaa hiingen uumiltelbar vom Ainban zn Talta 
ab ^ jcdem etehen 3 von der BevOlkcrung erwSbltc Alaancr iiIh Kath 
zur Seite. Die Lage voo BuluntocLoi verspricht diesem eine gliin- 
zende Zukuuft als Uaiidelsplatz, denn es liegt im Sliltelpunkte dor 
Strassen aus der Mangolei, DscLuagarei und KuEsland. Nach Clhobdo 
hat man von dort aua 22 Tageniarselie oder 480 Werst, nach 
Uliassutai uber Chobdo 37 Miirscbe und direct 31. Mit Barkui 
geht die Verbiodung fiber Gntschen, bis bierher IS Tagereisen ^ 
360 Werat und von dort bis Barkui 15 Tago = 345 Wersl; nacL 
Manaa 10 Tage, nach Kiirkara-ussu 12 Slationen*). Bis jelzt je- 
doch ist der Uandol tou Buluntoclioi nock unbedentend und meist 
in den lliinden russisch-tatariscber Haodelsletite. Wenn Saoanowski 
sodann iiber die Efilie der Scfaneolinie im Ssauru, die sicb an der 
machtigeu Borgwand deutUcb dem Beobaditer kundgiebt, tbeorctiscbo 
Ijrorteruiigeii anstellt, da er an lactischen Ucsaungen verbindert war, 
so kOnnen wir diese ubergebeo. Es genflgt, wenn wir daraus fol- 
gende Hobenbestimmnngcn aus dem Altai, die von Klikroecbnitacbenko 
berriibron, anfiibreu: 

r d. Me ere, 



Ukok . . . 


7,532 engl. F. 


Grenzposten Ssugk . . . 


8,275 ••) 


GrenzpfabI IHan-Dabago. 


9,063 


Bol-Zir. . . 


0,650 


„ Schapsebal . 


10,760 „ 



Die Schneegrenze actzt Ssosnoweld im Altai untcr 51" N. Er. 
bei 9000 e. F., im Ssauru nnter 47" bci 10,785 engl. odei- 82UO und 
9855 P. F. 

Ferner zog derselbe Erknndigungen ein iiber die bei Ritter***) 
nnter den vulkaniscben Erscbeinungen Inner-Asiens mit aufgefiibrlen 
Hiigel am Flusso Cbobok, desaen Gestoinakliifte sehr beias sind, docb 
obne liauch (aicbtbare Dfimpfe) auszustossen. Von dem Furstcu der 
Torgont, Uwan, erfnbr Ssosnowakl Folgendes: Zwiscben dem At^alty 
und Delcun, zweJen BergmasBivB im Kreise Cbobu-Ssor, liegt ein 
Plata, geaannt Dachin, wo ana einem tiefen Spalt bestandig Dampf 
aufstejgt. Neben dem Spalt sind Bcbon in alten Zoiten 3 Gruben 
in Bruathabe und jede im Durcbmesacr etwa 3 i'adeff breit ausge- 

•) Die unten folgenden Itinerare gebcn nnderc Keaultate. Am 20. Novem- 
ber 1873 iat abrigens aueh Bulnn-loehoi, me Chobdo und UliasBufai yon den 
Dungauen Qberfallen and gebrandechaut worden. laweslija X, S. 103. 

*■) Der chin^iBehe Grenzpunkt gleichen Nameds liegt naob Nej Ellaa fiber 
6302' iiber dem Meere. Jonrn. P.. G. S., Bd. 43, S. 156, 
••*) Aaien I, 5. 387. 



102 



V. Miirthe: 



hoben worden. Hierher kommen die Kranken, die an Gicht, Kheu- 
mattSDiuB, Kratze imd allerlei liauliibeln leideoi und sie braucben 
sicb Dur 2 flder 3 Mai dort oinzusonkea, um vollstiiadig geheilt zu 
werden. Wabrscheintich iat Dscbin nicbts andcreB, als eins dcr in 
der Dsungarei nicht seltenen Solfataren, in denen beatSndig Subli- 
mation uad XiederBcblag von Schwefe! vor sicb gebt. 

MatuBBOwaki, der Topograph der Weat-Mongolei, macbte im 
Jahre 1873 eine KeiBe auf dor recbtcn Seite dea Scbwarzen IrtyBch, 
Er duTcbscbritt dabei zuerst die eftninitlicben rechten Nebenfliisso 
deasetben in iLren oberen Thcilen, ibren GebirgBth&lcm, dann auf 
der RQckreibe nach Weeten in ibrem Unterlaufe in der ebenen Thal- 
niederuQg dea Irtyacb. Vom See Marka-Kul, auB welcbem der 
Enldachir abfliesst, fiihrte ibn eein Weg zum See Kanaa, den er 
mit dem Aneroid und nach dem Kocbptinkt des Waasere zu 4600' 
absoluter Hobe bestimmte, aber fQr nicbts weit«r als eine etwa 1 Weret 
breite Erweiternng des Kanaa-FIusses, die von Nord nach Sild 
gogeu 17 Werst Lango hat, erkannte. Der See liegt in einer engen 
und tiefea Scblucbt, usmittelbar am Ufer ateigeo die mit diehter 
Nadelholzwaldnng besetzten Berge in die HQhe und lasaen keinon 
Pfad zum Passireu Ob rig. Ueber Tally, die Hauptstadt dieses 
Grenzdistricts, gelangte dar eifrige Topograph bis aum Ku-Irti!ys, 
dem oatliohen Quellarm des Scbwarzen IrtjBch, um von dort in der 
grossen Tbalebene zurUckzukebren. Aucb er rtlhmt das Irlyscbthal 
als ein zur Kolonisation vorzQglich geeigneles. Der russische Handel, 
der vor dem Jabre 1S70 hiei- noch fael: Null war, hat sicb Beitdem 
so geboben, dass MatuEsowski ibn fUr das Jahr 1873 auf mebr ak 
J^ Million Rnbel glaubte veranscblagcn zu bQnnen, 

i. Die StraSBBn zwischen Bulun-Tochoi, Chobdo, 
Uliassutai und Barkul. Im Jabro 1872 saadte das Haudlungs- 
baus Ssawwa Morosow von Ssemipalatinek eine Earawane ab, die 
sicb ilber den SaiasanpoBten zunachst nach Bulun-Tocboi wandte, 
von dort nach Kobdo und Uliassutai, dann ilber Gutscben nacb 
Barkul. Hier wurden die RuBsen uicbt eingelasaen, unter dem 
Vorwande , dasB Barkul nicht in der Mongolei , eondern in der 
Provinz Kansu liege und filr den russiscben Handel nicht geoffnet 
sei; dor Earawan - Basch niusste daher iiber Gutacbon nach Bulun- 
Tocboi zurQckkebren. Durch dieseo bdchat merkwiirdigen HandeJs- 
zttg sind nun Strassen in der Mongolei erkundet worden, die noch 
kcin Europfier , ausser etwa Aikiuson , betreten bat. Ssotinnwaki 
bat der russiscben goographieohen Gesellecbal't dariibcr folgendo Mit- 
Iheilungen eingesandt*): 



•) S. Iflweatijs, Bd. S, 2, 8. 34. 



Kusfligcb-mougoliBche Beztehimgen iind ErforucliDn^ii. 



Von Balun-Toohoi. 



StationeD. 
KoldyneD-Terek am recLten 

Ufer des Urungu 
Piket Kora-magoi . 

„ DeD-ergei . 

„ Den-ergei-budu 

„ DurO . . . 

, DurO-uba , . 

g Sachuba . 

- Tdcharkntai . 



Fliias Tschingil . . , 
„ EulguD. 

Piket Tachoni-uBBun . 

„ Schar-hussun . 
Temp el dcs Fureten tie 

Choacbut: Karaecbora 



Fiket Schascbgai 
„ Djungul, Quelle 
Gebirge .... 



Der grosse Ulan-dabaga . 
Dabuet-dabussyn, ein Sal a- 

Bee mit einer darin iniiii- 

denden Quelle 
Quelle SsiBsikk-nui 
Butschun, Quelle 
Bach Ssundji . 
Kara-ssu, gr. See 
Stadt Chobdo . 



Werat. Topograpliiache Bemerktmgen. 

D«r Weg fuhrt Qber die Wachpoatoa 

17V (PJketa) und iat Oberall ftir Wftgun 

* fahrbar. Gebiude sind aaf den I'iket- 

stationen nicht vorbaaden, nnr einige 

S5j^ ZbIIb aufgeetellt ond 3 — 4 Soldalcn, 

15 die all Wcgwoiser und Begleiter der 

2j P«ten diencn. Pferdo und Kanieele, 

„, sowie Battel- und Zaumzcug wirfl den 

^"^ Q^hatcn Gemeiuden der K aim liken 

22 uQd Urian chili antuonunen. Auf den 

19 eralen 8 Tagereiaen bis lum Piket 

Tsehatkutai geht der Weg dem rechtcn 

Ufer des Drnngn entlang. Die Ufer 

desselben eind mtt ausgedelinten Wiescn- 

fitrichen und voreelitedeneu BaumartcD 

beEetzt; nnter den Ictztcrn 1st vorwal- 

tend die DECbigda. Mittelbreitc dcs 

Flusses bis hierber 15 Faden, GefUU 

m&sBigf Fortben zablreicb, selbst uach 

dem Hacbwasecr 



Am TscbiQgil uud Bulgnn die Stand- 
lagcr der durcb eine gewiGse Wohl- 
babenbeit sicb uuszeicbueuden Cboscbot. 
Die Ufer beider iFlilEse Bind mit niedri- 
gen Pappein and Espen bewacbaeii. 
Am recbten Ufer dcs Bnlgun blcibt dot 
Weg bie zum Gotzentempel KaraBchora, 
wo der Uebeitritt auf dae linke atatl- 
findct. Dci Tempel ist cin grosses stui- 
iieruoi Gebande. Mit dcu Cbosi:but 
ffiacbto die Eaiawane GescbUte im Be- 
uage Ton 500 Lon. 

Yon bier ab begiuut es an Uolz zur 
Feuemng zu fehlen; dasselbe fiudot sicb 
sTGt in genilgeuder Meagc auf den bet- 
den lelzten MUrscben vor Chobdo 



Saamtbieie darcbans gangbar iat, mit 

Wagen aber aaf einem Umwegc um- 

24:\^ gangen wird. Der Snd-Altoi cndigt 

14 hier, denn nach den Anssagen der Ka- 

gqi/ lawanc aoizt er in der Richtnng nach 



22 



in Tereinzelten HOben 



517V 



I 



Von Cliobdo nacb Uliaeautai. 



Stationon. 
See Kara-ssu. .' . , 
An demselben See . 

Quelle Sacblub nach de 
Uebergange fiber di 
Berg Araw-Tubba . 

Qnolle Serglyndy , . 
„ Chat-gryii , . 

Sea Durga-Nor (aalaig*) 

Argljnty (eio Brunnen, 
Marscb darch elne Sand- 
wQste) .... 

Fliisscben Bogotu (Marech 
dnrch eine Sandwiiste**) 

Sergu am Flussc Djabgau 
(Ueberfahrt liber cI-FIubb) 

Quelle Baga 

Ike am Djabgaa . . . 

Chntun-Tschulak an dam- 
selben FloBse .... 

Piket Brncb am Flnsse 
UliasButai 

Fiket Aldyr am Uliaasutai 

Stadt Uliassntai, desgl, . 



^"•a 



TopogTsphiBcho BEmeikangen. 
DiesQT Weg ist dnrcli MatnsBonski 
nur Zeit dcr Expedition des ConaalB 
Pawlinof im Jahre 1S70 hinreichend 
betannt gsworiien. (Noch besser, fOgen 
wir hiQKu, daicli die Eeiee von Ney 
Elias im Jslire 1872, Jaarn. of R. G. 
g., t. 43, S. 130 fig.) 



Hie Stadt Uliasaiitu hat sich von 
Aaa 1870 durch diu Dunganeo crlillo- 
nen Schlage noch immec niche crholl 
(beslilCigt dnrch Ncy Elias 1. 1. S. 129), 
doch hat sich wiodcr etmaa Volfc ge- 
aamiiielt nnd man denkt an den Wie- 
deraofbau der niedcrgebrannlen lIlnBer, 



19^ 
19 

22 

16 

355^ 

•) Ney Elias nennt den Sec Targen nnd eebt ihin abases Wasser. 
*•) Nej EUbs 1. 1. S. 131 achildert diese Sanawfiate in einoc Waiap, die 
tier noch ganz denaelben Typus, wio er in dor Kiail-Kmu, in doc Tflrkmanen- 
steppe, in den Nefnds Arabiena, in der gabara, in AuatTalien crecbcint, crkannen 
l^at. Das fnndanenUJe Element bilden zwoi Hflgelreiben, dio aicb hiicbatenB 
200 Fuss fiber den Djabgan erhebeo und, da aie gUnzlich ans lockerem Sando 
beatehen, grossen Verandemngen in Hohc nnd Gestalt nnterworfen aind. Zn- 
weilen hat eio Sturmwind, wie gie in der Mongols! gettOhnlioh sind, den ElTect, 
den ganzen Anblick dea exponirteo Theitcs der Kettc zu icrandern, nnd cine 
scbwache Biiae genfigt, urn die Spuren cincr groaacn Karawane faat anmittelbar 
nach ihrem Curcbzuge za TCrwiscben. An mancben Stellen werdcn von dem 
Winde Graben oder Scnkcn bis zu einer Tiefe von 30, 40 Fusb nnd mit faat 
aenkrechten W^nden ausgehOblt, an andcm Gndet man Gruben, dio mit wonder- 
barer Fr&cisiOD in konischcr Form ausgcarbeit^t sind, dtcbt nebcn koniachea 
Hugcln TOD ebanao genau entsprecbender Form. HQgelreihen und Senkangen 
Ton groaser Tiefe und ermOdender EinfGnuigkeit GTstreekct) bich so abneobaeind 
hinter einander (ibec vlela hundert Yards bin. Dae Fassiren dieser beweglicbea 
Saaddflnen geht faat nie obne Verlnst von Eameelen ab; jede Abweichung von 
dem gcirllibn lichen Wege ist gelShrlicb nnd das Campiren in dieEocBegion faat 
nnmOglicb, da die Thiere kein Futter finden. 





m 




J Hlisaistli-moiigoliache Bezioliniigen und Erforscliungeii, 105 


Von 


UUasautai nauh Barkul. 


Station en. 


WffMt. 


Topograpliiscbe Bern crkun gen. 


Piket Aldyr .... 
, liruch .... 


. 16 
. 22 


] auf ilei TioutQ Cbobao-Uli&ssutni. 


„ ChosjT-Urta . . 


. 19 


Auf halbam Vfege hiorhor Ucbtr- 
Bchreilung dc9 UliflflBQtai. Urn die 
Station hcrum gntea Graaland. 


„ das 3. Chosyr . 


■ 17^ 


QolcB Fnltcr und IIolz. Bei der 




Station dJeUebcrfahrt tlber den Djiibgan. 


Ptichigan 


. 31 


Sehr nnnnecnebmer Lngerplatz wegen 
MflngeU on Putter, Feuurung und 
Wasaer. 


Qnelle Nnr-muga . . 

, Nur-Urteng , . 




Grasreich. 


Brunoen Kuis-Urtei)g . 


. 22 




Quelle B^jougul . . , 


. 43 




„ Bulgun-Urta . . 


■ 17?! 


Dis Quelle BnlguD crgieaat «cU in 
einea kleincQ Sal^ce. Von dicker Std- 
tioD ab gehC der Vffg nber ein niudri- 
ges Gebirge and scbwenkt links ub, 
d. b. nacb S&doslen. 


See SaiBsik-niir . , . 


. 31 


HalbffGgE hieihor cin Quell. Dor 
See BBhig; Fntter gat. 


Quelle Ar-muga . . . 


. 26 


Der Weg gehl tibet stoinigen Grnnd, 
aber ebun nnd gistt. 


Piket Barlyk .... 
„ Scbir-Urla. . . 


■ 24 1^' 

. 3lt 


I Posten im Gebirge, bei unbedou- 
j tendpQ QuoKcii augelegt. Mangel un 


J Fnttcr. Anf den Bergspitscn und ab- 


„ Cliuiny-Bsu , . 


. 22 


) Larchenwold, 


Quelle Cliair-chan-bulftk 


■ 3a^ 


Auf der Millc dea Tagemarschea cr- 
hcbt Bich ein goldfiihrendcr Berg, an 
dcm die Eegiening auf Gold arbeiteu 



Dorf Kara-Bsu nnch zwei 
Marechen 



lasat. Bei den gegenw&rtigcn Win 
aind die Arbciten nuteibrocben, nbcr ca 
iat eiu Wachpoaten von elwa GO Mann 
aufgetitollt, der PriTHt-Unteinehinnngen 
zu bindern bat. Nach der Kiepert'aeben 
Kiirte musa dieatsr Pnndort dem Gebirgo 
Altyn-Noio angHhOren. 
[ Fuller, wio anf don Totigen Streckcn, 
Bchr BpS.rlicb ; das Piket steht an tinein 
Bache inmitten ciner anecbnlicben 
Waldgruppc. 

Der Boden, Qber wcleben der Weg 
■ fiibrt, iat dennasscn anlzhaltig, dasa daa 
' Sain in reinem uiid trocknem Zuslande 
Ton Bfllbst BQ die Oberfliche tn'tt. Daa 
Dorf Earaaau ist groBB, zahlt an 1000 
Seelen Chineaen und Mongolcn, liegt 
am Fuaae niedriger Berge und iat gunz 
in Aepfcl- und Bimgartou rergraben. 



!'• 



Topagraphische BemcrkoDgeii. 
Die Bawolinet treiban Acketbaa und 
sften haaptsfichlich WeiKeD, der reich- 
lichon Erlrag Uefert. 

Dio EnriLwaDe wacde tod dsn Ort£- 
~ bebOrdea in die Stsdt nicht eiagelasaen, 
konntc dahcr aucb aur wenig Qber die- 
eelbo in Ei'fabrnng briugen. Die Stadt 
ist gross nnd liegt am Fasse einea 
bohen Schneegebirgea , dessen Gipfot 
fast auf der ganzen zweiten HSirce dos 
Wegea van Uliassutai scbon Gicbtbar 
Bind; lie hat eine Eturke ctiineBiBebD 
Besatzong and 2 FeBtnngen. Tun 
Barkal nacb Haml sind es drei MUrBclie 
und von Hami nach Lan-lschan, dem 
Centrum dee GbabarberbandelE, 30 Tage- 
relsen*). Hami hat 3 Citadellen, in 
deren einer die Wittwe des regierenden 
Filrstea wobul. Ton den Dunganen 
solUeu nocb besctzt seic Sn-tschan und 
An-si (wohl Ngnn-si?). 



Von Barkul nach Gutachen. 



Dieao StrasBG ist in Folgo des Dun- 
gnnGuanfBtandca fast ganz vcrodcCf ab- 
wohl sie aberall mit Wagen fahrbar 
ist; sie gelit fa«t durchwug Qber maBsige, 
grOBEtentheils benaldete Ansliiurcr des 
Tien-Bchan. Gatacben liegt an eincni 
kleioen Flosse; in der UmBOgcnd findet 
sicb Bauholi. Die TrUmmer dor Stadi, 
zwigchen denea sicb indeBB schon Neu- 
bauten erheben, bezengen, dass a neb 
sie, wie andcre Pl&tze, unter der Re- 
bellion golitten bat, Denselbcn Anhlick 
gewahren Tscbitoi (wohl Kitbai-hiea?) 
nud die 30 Wcrat von Gutachen auf 
dcm Wego naeh UromtBchi licgonde 
Stadt Simssa. Jetzt sind al!c dieao mit 
ziemlich Btirken Besatzungcn belegt. 
In fintachen und Simaaa machte dio 
Karawane gutc GcscliiLfte. Simsaa ist 
eine ansehnlicto SUdt, die an eincm 
groEscn FIgbsg und am I'uaas dcs mit 
EChOnem Banboht bedeck ten Qebirgea 
Cbniaaan-Bugda liegt. Von Gutachen 
his Urnmtflchi werden 4 Tagereison, 
und ¥on UrumtBchi bia Tiirfan 5 ge- 



*) Die EntferDung von Hami bia Lan-tflchan ist Bicberlich za gering a 
gegeben, Tiellcicht auch diu von Barkul nach Hami, donn Nuy Elias hOrte, da 
maa in nmgckehrter Bichtung i Tageroiscn zn macheu babe, 1. 1. S. 141. 



Piket Sohir | , „ , 1 


16 


gj^j hci Quellen 


22 'a^ 


Tachi, Brminen .... 


22 


Eina Quelle im Gebirge . 


18 


Quelle beim AuBtritt aus 




(lem Gebirge . . . . 


^Q'A 


Ssogdu-Gubun .... 


ITA 


Piket Buruty, im Gebirge . 


22 


„ Ssucbatyn. . . . 


18 


, Tnntu 


22 


„ ChulEtunga . . . 


19 


„ CfautBchiu. . . . 


22 


FloBBthal? (urotach.) Chut- 




Bcbnn 


2i'4 


Verlassenes Piket imLager- 




gebiet der Torgouteu . 


^n 


Ruiiien der Stadt Tscbitoi 


31 


Stadt Gutachen .... 


22 




320'^ 



.jicl Erforsdiniigen. 

Topograph ischfl BemorkuDgen. 
lecbnet*). In Turfan lagem znr Zeit 
grogee YorrUhe an BBnmnolle. Eiae 
Tagereise Tor Uramtschi soil eine gleich' 
falls aneebnliche Stadt Chosmudi licgea, 
TOD welcher eine diret^te 8truBe nacb 
Manas fahrt. Als B[ch die Karawano 
in GntBchen anfhielt, lobten dorc etwa 
300 friedlictie Dnngannn, Handnecker 
nnd Speieebanswirthe', dieso licas der 
Amban eUmoitlich aas Rscho niedcr- 
metzelD, nachdcm die Nachiicbt tuq 
dCF Einnahme Chobdu's cingetaafoQ 
itar. [8, die ScblusBbcnctkung.) 



Der Weg ilhorall tben und fabrbar; 
Fatter gul, FeuernngBinittGl and Wbssbt 
austeicbend. 



Von Gutschen nach Bulun-Tochoi. 
Quelle Kara-agalBcb (Kara- 

"luta) 17'^ 

Station bei einer Sandwuste 13J^ 
See KntBchka-nur ... 22 
Ehemal. Pikct Taimyst- 

Naimau-schur , . , . 2G\^ 
Ebem. Piket Kobusty . . 22 
Quelle Kobiik oder Kubka 17'^ 
FluBBthal ?{urotBi;biBcht6che) 

Knstal-Kutscbektal 32 
„ Kara-tugal ... 10 
„ Turut-Ulan-cbaran 17j^ 
Qnelle Ulan-Chuerclian am 

Berge Tulba-uba. 
Piket Tacbarkutai . 

„ Sacbuba . 

„ DurS-uba . . 

, Dur5 . . . 

„ Don-ergei-budi 

„ Dcn-crgei . 

„ Kara-magai . . . 35^ I 
Koldynsu-Terek (urotsch.) 16 1 
Stadt Bnlun-Tochoi . . . 17^ ] 

Scbluaabemcrkung. Ea ist natiirlicb 
in den obigen Mittbeilungen keine Angaben 
vorfinden. Die Zeit der Earawanenreiae war 



,n bedauern, dass wir 
iber die Wegrichtung 
der Sommer und der 



*) Ney Elias (1. I.) giebt von Torfan nacli Ununtsclii gleitbfalle 5 Tage- 
an, aber 8 von Kntschcn (-Gutaehen) naeh Urumtai, und ehenso S von Barkul 
□acb KtitBcheo, wSlirend die russische Karawane 15, allccdingE 3ehr kleins, 
iaaCisab gebraucht hat. 



i 



108 F. Marthe: 

SpStherbBt, reap, '^intersanfang. Das Letztere orgiebt Bicli auB der 
Notiz von dem grauelvolleii Blutbad au Kutsclien. CboLdo befand 
Bich nach Ney Elias id den Handon dcr Dunganen Tom 18. bis 
20. November 187^; ebcndureelbe berecLnet die Eulfernung von 
Cbobdo nacb Kufsthen zu 15 Tagereisen, roithin kann die Nach- 
ricbt Toni Falle Chobdo's frOhestcns in den letzten Tagcn dee No- 
vember nach Kutscben, auch bei sthnellster Verbraitung, wie immer 
bci Hiobspoeten, golangt sein. In die ersten Tage des December 
nlBo £allt wobl jener Maesenniord und die Anwesenheit der nissi- 
seLen Karawane au Kutsclien. Von bier brnuchlo dieselbe 19 Tage 
z«r RQckkobr nauh Bulun-TocLoi und iat also bier wobl Kpiiter an- 
gekommen, ale Ney Elias Uber Ssuok an der russiacbcn Grenze, die 
or zwiachen dem 13.^17. December iiberflcbriften bat. Die letzlea 
Bewegungcn dea Eincn und dcr Andern gehen demnacb in einom 
gewiBsen Parallel ism us, getrennt dorcb vcracbicdene Br citen grade 
und durch eintn kurzen Kaum von Tagen, im December 1872 vor 
sicb. Wcnn nun aber dtr gebildete Englander cine Fullo von Be- 
lehningen, namentlich nber die Niveauverbfiltnisso der West-Mongolei 
beimgebraebt bat, ao liiast sich dies von dem niSBiEcbcu Kaufinanns- 
zuge iiicht behuuplen, wai- aucb nicbt zu orwarten, Dennoch fehlt 
es auch bier ntclit ganz au intcrcBsaatcr Ausbeuto. Die Koute des- 
selben von Uliassutai ab iiber Barkul und Kutscben am Nordfusse 
dea Ticnschan licgt auf gleiclisam jungfiauUebem Bodcn, den noch 
kein Europaer mit Ausnabme des abenleuerlicben Griechen Pitagos 
und vielleicbt Atkinson's betrelen bat. EbeiiBo fallen die Strecken von 
Bulun-Tocboi nacb Cbobdo, wie nach Kutscben, wieder in ein neues 
Land, das nur aus dem Zwielicbt oBtaaiattacbcr Geacbicbte, chineai- 
scher und mongoliacher FeldzUge lu der divinatorJBcben Darstellung 
C. Hitter's uns entgegenschimmerte. Der Letztere nun glaubte in 
dem Meridian von Turfan die mil ewigem Scbnee bedeckten Hflhen 
dcB TifiDBcban abscbliessen zu mussen. „Wciter im Osten iat una 
auf seinem ganzen Zuge kein weiterca Datum bieriilr bekannt" 
(AsJen I, S. 353). Bei Barkul indess finden wir (ebendorl, S. 379) 
die Notiz : ^Daa Klima iat kalt, es schneit oft oocb im Monat Juli, 
so daas man Peize tragen musa. Dotli bat man seit einigen Jabren 
daaelbat Gerato und aelbsl Wdzen mit Vortbeil ausgesitet." Eine 
Lobe Lage der Gegend von Barkul ist aus dieseu der chinesiscben 
Eeicbageograpbio entnommenen Worten mit Sichcrbeit zu eracblicssen, 
und nun iat es intereasant, die Bestfitigung bierfiir in dem karglicben 
Bericbte des rusaiscben Karawanenfiibrera auagcdritckt zn seben. 
Barkul liegt nacb dem Obigen an einem boben Sclinecgebirge, 
Welches auf dem Wcge von UJiaasutai schon lango zuvor am Hori- 
zonte sicbtbar vpar, „faBt auf der ganzen zweiteu lialfte dea Wcgea", 
Nicbt die Scbneebedeckung an sich etwa in der ersteu HalFte dea 
November, sondern die meilenweite SJchlbarkeit dea Bai'kulgebirges 



Kn«aiHcli-miiO(fcli«lie BiiKicliiiugr'n iinj KrfofBchiiDgen. JO!) 

Bcheini dnfiir zn sprechon, dnss dieses in Aav Tb&t bis nalie an 
Oder auch ober die Grenze des ewigpn Schuees eiuporstoigt, uiul 
daaa mithin dpr Tienschan an BCinem Oatende iveit bede.ii- 
tender aid. bcbt, als wir bisher aiinebmen dnrften*). 

Man wird ferner hierbei bpacbten mllsson, dnas der zweite Theil 
des Marscbes von Cliassutni offiinbar fiber viel bQheres Terrain 
fiibrte, &l» der erate. Von der 10. Station ab (Bulgnn-Urta) geht 
es fiber (relaliv) niedrige Berge; die 13.— 15. Station liegt im Ge- 
liirge, deasen Gipfel mit Liircbenwaldimg gekriint sind; ea folgon 
der Goldberg und die inmitten cinea belrJicbtlicben Waldes stcbende 
17. Station; erst die 18. und 19. werdcn nbor SalzgrQnde wieder 
abwarts fObren zum Dorfe Karaasu mit Obfitgarten und Weizen- 
kullnr. Die liOheren Strecken der Siidbfilfte unserer Roul« liegen 
nun unverkennbar in der westlioben Ve rl fin ge rung der Sirko-Kette 
bei lUey Eliaa und diose ersuheint dcni Letztereo als ein bocbst 
bedeulaamer Zug in einer Landschaft, die aolbst achon nacb seinoii 
Beatimmungeii iiber fiOOO' SeobObe bat; dieses Nivean liberragen nacli 
Boiner Schiilzung einzelne Gipfel der Sirke-Kotto nocb um 3 — 4000'. 
Wir werdcn nun zwar dicao mehr oder weniger gesicberten Huben- 
angsben nicht obne weiterea ant' das von der rusaischen Karawanc 
durchzogene Gebiet iibertragcn dOrfen, aber die Lakomamen der- 
selben iiber Gebirgagegenden mit LSrchenforBt worden immerhin da- 
duTcb otwas voratlindlicber , und mit deni Steppenlande in scinem 
Norden rQekt nuch der Oatliohe Tiiinacban selbst in die IlOhe.**) 

*) Vielleicbt bchnndelt nnch Uapcnski in scinem Anfsatsc iiber Unmi die 
On^rnpbii: 6ca oatlichen Tienschnn. Lpider fchlt dns bctreffenda Heft der 
ntsffCBtija" in der Bibliotheh ODKeror GoaoIlBChaft. 

**) Die vorsteheudn kloitie Arbeit war Bcbon Bbgescblosaen , als daa 
Cteo^aphical MagHziue [JannarliofC lS7o) die Uebersetjmiig des Reiaeberic:htes 
Ton Tflchan de boi oder (nacb der in Weat-Europa fiblicben, dem Csnton- 
Dialeot entsprecheuden Transscription] Tsobang-te-bui bracbte. Dariiljer noch 
ein Wort, Weun man den fur die Karakoruin-Prage in Betracbt hommen- 
den Passus aufmerk>nm liest, ho ergiebt sioh zwar offonbar, daas der Chinese 
die mong-olisclio Besldenz gar nicbt berobrt bat, gondem aie bei aeiaer Bo- 
wegang von 0. nacb W. linka liegen liess; er Bttgt nar, dasa sie 100 Li 
giidweatlicb von eiuer Station am Wnwudscb-See getegeu war. ladeas diese 
Aitgabe ist deutlich genug, und wenu dieser See mit dem Ugei identisub 
nilre, so kQunte die Paderinsi^be Localit^t wohl ungeCiihr mit jenem Punkte 
jMiiamiDeDfalleni fiir die Idontitiil der beideu Se«'u aber spricht die im All- 
gemeinen mit der Paderinscben iibareiuBtimaieDde Bicbtung der Keige des 
Chiuesen. Was die iibrigen von Paderin aug^fubrten Erkannungszeicben an- 
lietrifft, so trltt deren Bedentaug mit Ansnalime der Conservatiritiit der Berg- 
uiimen „Pferdekopt' and Rothnbr" zuriick; interessaat aber ist ein tod Paderin 
ilbergangener Punkt des cbiuesisclien Berichtea, niimlich die Erwiibnung, 
dasK in dem Tom CboHn durcbtlosaenen Tbalbecken Ackerban auf kilustlich 
I iciraHHerten Feldem betrieben tmrde, aucb Qemtiaeg&rten sich dart Tor- 
fanden. Das hing natiirlich mit der Niibo dor Hanptstndt z 



G, Nachtigal: 



V. 
Die Lauder im Siitlei 



Briefiiche MiHheilung de« Dr. Naclitiffa! (d. d. Hfilwan bei Cairo 

25. Februnr 1875) lui Prof. Dr. Bastian. 

(Hierzu eine Karte, Taf. II.) 

Sie wQiiBchteii meine Erkuodigungen uber die Gegenden im 
Sntlen WadaT's znsammengestellt zu aeben und habe ich die aclinierz' 
frcie Zeit meiner Krankheit benut^t, dieselben kartographlsch xu 
veranachaulichen und mit einigen Bemerkungen zu begleiten. Zur 
beaseren UeberBicht habe ich einen Theil Baghirmi's, Wadai and 
den grossten Tbeil Dar Por's*) mit aufgenommen, mich aber darauf 
beschrankt, die Gebirge anzudeuten, die Fluaanetze zu verzeicbnen 
und die Slammnamen anzngeben. Hiichatena figuriren einige Haupt- 
orte zur Prnfung der Itinerarien. 

Die oft doppelten Grenzen sollen die cigentlichen , urapriing- 
lichen Landesgrenzen angeben and auch die weiteren , mit Ein- 
aclilusB etwaiger Vasal I en Ian der und unterworfener Grenzatamme 
bezeichnen, wie denn die Grenzen aller dieaer Staaten, besonders 
nach Suden zu, etwas Unbeatimmtca haben. Tama und Siila z. B. 
beiahlen Tribut an WadaT und Dar For nnd werden von beiden 
Staaten ala abhangige Provinzen betrachtel. Die Ileidenatamme 



*) Diese Partien aind anf Tafel II nucli den fruheren Originalkarteo 
iea Keiaenden (vgl. Bd. VIII d. Zeitachr., Taf. II u. V), soweit dieselben 
durcli dessen nene und letzte Konte keiue Aendemngen erieidon, eiugeKeichnet 
worden. Die ganae siidflstliche Ecke der Karte enthHIt SchweinfurtL'a Er- 
kundignngen (vgl. ibid. Bd. VII, Taf. VI), welcke dnrch pnnktirte Fluaslanfe 
und nnveretiirkte Namen aich von denen Nachtigal'B unteracheiden. Beide 
etimmeu in deu Langen trefflick zuaammen, nur iaas die Quelle dea Nacktigal* 
ackun Bahar el Abiad za weit gegen Oaten vetlegt ist, namlich achon 
in daa Nilgebiet fast unter 26" batl. L. Greenw,, >uid darum den Scliweinfiirtk- 
aehen Angaben hat weichen miisaen. Waa die Bteiten anlangt, so erachaint 
der Nachtigaraehe Bahar Knta genau anter der gleichen Breite, wie Schvrein- 
furth'a Uiille; waiter im Norden aber aind Schweinfurth's Anaetzungen aiid- 
licher, wie z. B. Miri (Nacktigal) = Mere (Schweiufurtb), Hofra en Nehaa 
(Nachtigall ^ Eofrat el Nakaas (Scheiufurtb). Da Sukweinfiu-tk dieaen Gegen- 
den bedeiitend nHher gekoimnen iat, ala Naehtigal, so habea wokl seine Er- 
kundigangea mehr Auapruch auf grossere Wakreckeinlickkeit, und die Nachti- 
gal'schen Anaetzungen wiirden mit Ausuabme dos Baknr Kuta unter 4)^ ° 
□jirdl. Br., etwaa nach Norden (durebachnittlick um 1 ") zn riieken sein. 

Die durch feine Schrift ausgezeickneten Namen in der nordostlicbeu Ecke 
gekiiren zwei, fiiiher (vgl. Bd. VIII, Taf. II) von Nacktigal erkundeten Routen 
zwiacken Warn and Kobe an. 

R. K. 



Dio LKndi?T jm Siidoii WailaTs. 

audlich von Bagliirmi sind eigeDtlieli Feinde, doch wird ein, weun 
auch gewaltsanier , docL fust regelmJiasiger Tribut von ihnen be- 
zogen. Die eigentlitUe LaDdesgrenze Wadai's beginnt 18J^° ostl. L, 
von Greenwicb und erBtreckt sich nach Siiden nicht nber den FInaa 
der Salsmal; doch das Fittri-Laad und Riinga mit Kiiti geborchen 
dem Sultan Aii ebeiiso als andere Provinzen des Reiches. Ebenso 
probleniatisch ist die Zugehorigkeit der Maeaalit nder Massaliit, 
welche zwischen "WadaV und For wohnen und von letztereni Staate 
!ila Unterthanen reelamirt werden, wie denn auch alle Stiinime 
siidlich vom 11. Breitengrade kauni als integrirende Theile von 
DSr For bis jetzt betrachtet werden konnten. 



Im Siiden des Bahar ea Salamat, der Grenze des eigentlicLeo 
Dar WadaV, liegt Riinga oder Dar Riinga, daa seit der energischen 
Regierung des jetrigen Koniga vou "WadaT, Mohammed All, als 
ein iDlegrirender Theil des Reiches angesehen werden muss. Wenn 
auch ein besonderer Konig von Riinga exiatirt, so ist docb der- 
selbe in viel beatiinmterer Weiee von seinem Lebnaherrn abhilngig, 
ala aonst wohl Chefs von Vaaallenataaten der grossen, mubamme- 
daniachen Staaten Central-Afrika'a. AHjiihrlich zieht der Agid der 
Salamat, unler deaaen Oberaufticht daa Land steht, gen Snden, 
um scinen weiten District zn confroliren, und um durcb Expeditionen 
nach Siiden, Siidwesten nnd Siidoaten, den kriegerischen Sinn aeiner 
Amee zn heben und den reichen Bedarf an Sklaven und Ellen- 
bein dea WadaT-Marktea zii decken. 

Die Einwohner von Runga sind Mohamedaner, Verwandte der 
Mangdri and Kibet, sind groaae, slarke Leute vnn aehr dunkler 
Haatfarbe, hartuaukigen, kriegerischen Sinnes, riiatige Elephanten- 
und Rhinocerosjager, die sie einzeln zu Pferde mit Lanzen erlegen. 
Das Land ist vom Bahar es Salaraat durch eine mehrtagipe Wild- 
nisa getrennt, ivelche zur Regeazeit und unraittelbar nach deraelbun 
darch ■weite Moraste, die aich in dem fetten Thonboden bilden, 
fast uupasairbar wird. Der abhangigste nnd also zu solcher Zeit 
achwierigate Theil ist ein langgeatrecktea, llachea Thai und heisat 

Riinga kann in 4 Diatrikte eingetheilt werden, von denen 
jeder etwa 15 Dorfer zahlt. Der nordlichste ist Terkama, sud- 
lich von diesem liegt Ardh el Khalifa und sudlich von dleaein 
Kuka, der nach Siiden diirch einen Flusa mit periodiachem Wasser- 
laafc, den Aukadebbe, begrenzt wird. Dieser ist zugleich die 
Siidgrenze des eigeotUcben Dar Riinga. Der vierte Diatrikt beisst 
Aguiire und liegt westlich vom vorigen. Dieaee eigentliche Kiinga 
wird von kleinen Fluaathalern durchschnitten und hat einen harten 



Humusboden; der nordlichBte Distrikt soil Sandboden baben. Zu 
Riingii rech.net man nocb Kuti oder Dar Kuti, das sudwestlich 
von Raka liegt, 14 Dorf'er zaiilt and in seiner grossten Ausdchnnng, 
von Ost nacii "West, ungefabr zwei Tage miaat. Die Kuti sind 
Ve.rwandte der Riiuga, aber nocb Heiden. Zwiachen dem sad- 
lichsten Distrikte des eigentUchen Rilnga und Kuti verlanfen ffinf 
Flisae nacli Weat, deren bedeutendater der Aukadebbe iet, der 
die ubrigen aufnimmt und sich in lier Landaehaft der Bua in den 
Schiiri zn ergiessen acheint. Sie fuhren nach Einigeu nur Wasser 
im Spiitaommer uud Ilerbst, Der Aukadebbe soil ana dem Ge- 
biete der Fongoro (Diir For) komnien, acheint Anfangs Auk ge- 
nannt za werden und ninimt wahrscheinlich, bevor er Riinga 
eireicht, einige Zufluase aus Kordol (bergige Landscbaft sudlich 
von Si'myar nitt heidniachen Bewohnern) auf. Sudlich von ihm 
durcbachneideo der MerSbe, der Bungul, der Ngardjani, der Tete, 
von Nord nach Snd gezahlt, das Land und vereinigen aich nahe 
der Westgrenze deaaelben mit dem Aukadebbe. — Dar Kuti iat 
reich an Elephantenzalmen , reicher als irgend eine den Leuten 
von "WaddT bekannte Gegend, und erfreut aich deshalb der beaon- 
deren Aufmerkaamkeit Sultan Ali'a, der daa Liindchen als seiae 
peraonliche Elfenbcinmine betrachtet. Wunscht Jemand dort oben- 
falla Elephantenzahne zu kaufen, so sucht er eine specielle Erlaub- 
nJBS beim Konige nach, welcher, wenn er dieaelbe ertbeilt, zugleicb 
die Sicberheit seiner Person und seinea Eigenthums garantirt. Vor 
langeren Jahren zogen Handclslente aus Dar For, hauptsachlich 
Bornuleute , nach Kuti nnd batten schon einen ansehnlicfaen Vor- 
rath von Elephantenzahnen gesammelt, ala sie Sultan All nnter 
der Hand dnrch den Agid der Salamat ganzlicb ausptundern liess. 
Vorstellungen des damaligen Sultan Hassin von Dar For uber 
diese Angelegenlieit beantwortete der konigliche Nachbar daliin, 
dass er nie gutheissen konne, doss Leute sich heimlicb in sein* 
Provinzen schlichen; nur wenn sie auf regetmasaigen Wegen mit 
aeiner Erlaubniaa auf seinem Gebiete Handel trieben , konne er 
auch die Garantie ibres Besitzes ilbernehmen. Runga aber und 
Kuti seien seine Provinzen und Niemand babe sicb da luneinzD- 
miachen, In der That zalilt Riinga seit langen Jahren nar Ab' 
gaben an Wad^', wahrend Siile oder Dar Siila bis in die neueate 
Zeit Tribut entricbtete sowohl an Dar For, mit dem ea ja seine 
GcHchichte — die Einwohner aind Dadjo und herrachten vor 
manchon Jahrhunderten in Dar For — anfs En gate verbindet, 
ala nucb an "Wadai, daa durch seine gefahrliche Nahe ihm das 
sorgfaltigate Inter esse aufzwingt. 

Von Mangari, dem Endpunkte meiner Reiae in 'Wadai, er- 
reiclit man Terkama, den nordlichaten Bezirk von Biinga in awei 



Diu Liiinlur im Siiilcn Wadai's. J 13 

guluD Tagemiirsdieti ; bia Ardli el Klialilu zuliU man weitere zwei 
Tagemavsche; vou da bia Kuka genugen 1|^ Tagemarsehe, und am 
aiebenlen Tage erreicht man den Aukadebbe. Von da reiat man 
mehrere Tage hindurch in unbewolmter Gegend, aberschreitel 
uut^ser dem Aukadebbe den Merabe, Bungul, Ngardjam und Tete, 
welche ihren Ursprung in unbedeutendcr Entfernung ira Osten und 
Siidostea auf dem Gebiete der Giilla und der nordlichsten Bando 
za haben Bcheinen und sich auch bald im Weaten von Riinga yer- 
einigt in den Aukadebbe ergiesaen, wendet aieh am zehnten Tage 
sudwestiich und erreicht am elften Tage Diifo, das crate Kuti-Dorf. 
Die Lage des Aukadebbe in dieaem Kuti-ltinerar stiramt gut mit 
der Reise einea Mamies, der mein Diener war und von Sun (Siinj), 
einer Station der Saiamat, die zwei Tagemarache vom See Iro, 
dem J^ndpunkte des Bahar ea Saiamat, nach NO. liegt, nach Suden 
auf Sklavenjagd ging. Er erreichtc den Aukadebbe nach funf Tagen. 
Westlicb von seinem Wege wohnen die Fafia und zwar sudlich 
vom Iro und weiter die Kulfe, und zwar weatlicb und audwestlich 
vom Iro. Nach einem Itinerar, daa ich von Kuti zu den Kuli« 
babe, koramt man bei letzteren in zehn Tagen an in NW.-Richtang. 
— Oestlich von dem Wege meinea aklavenjagenden Dienera, den 
icb auf der begleitenden Karte verzeichnet babe, zwisehen ihiii und 
Ronga liegt eine unbeivobnte Gegend, und ostlich von Runga 
wobnen dio Giilla. 

Rilnga iat ein wegeu seiner Miicken und seiner bosen Fliegeii 
(Am Bodjene) gefurchtetea Land nnd auch deawegen wobl arm an 
Rindvieh, Pferden und Eseln. Die Pferde werden in den Ilauaem 
verpflegt und die Hinder aoviel wie moglich durcb aua Stroh ge- 
flocbtene Ueberzuge geschiitzt. Ziegen widerstehen besaer. Huhner 
siud zahlreich. Von Getreide wird Dncbn (Negerhirse) , Dnrra 
und Mais gebaut; Erdmandeln, Arachia, Bohnen Bind vertreten. — 
Man kann in der trockenen Jubreszeit von Wadai aua mit Ochaen, 
Karaeelen und EseJn nach Runga und Kuti reiaen, doch bereitet 
sich Jeder darauf vor, diese Laatthiere in kurzer Zeit 211 verlieren, 
wenn cr nicht etwa unmittelbar nach seiner Anknuft wieder znruck- 
reisen will. 

In Kuti, dieaem ergiebigen Lande, in dem man den Centner 
Elfenbein noch fur hoehstens 10 Thaler kaufen kann, haben sich 
achon kleine Handelaleute aus verachiedenen Landern, hauptsach- 
lich aus Bornu, angeaiedelt und macben untemehmende Reiaen nach 
SW., W., S. und SO. Nach 0. zu den Giilla geht Niemand 
gem ; dieselben geniessen eines schlechten Rufes ala verrtitheriscbe, 
treuloae Leute. Doch nach "W. gehen sie bis zu den Sara, welche 
oatlich vom Schari wohnen; nach SW. erreichen sic den Bahar cl 
Ardhe und nach S. sind Einige durch zahlreiche Abtheilnngen der 

ZoiUctu. i. GeiEllicb. f. Eiilk. Bd. X. 8 



IIG 0. NBchtigftl; Die LSuder im Siiden Wadafa. 

Aaguben nieioet Gewalirsleute , dass biiuptsuchlieh Uun-a, schr 
wenig Dachn (Negerhirse), gebaut werde, ea wabracheiulkh uiachen, 
dass auch der thonige Boden nicht felile. Einige Gegenden aind 
Belir gebirgig, undere zeigen nur vereiiizelte Felapartien , asdere 
ejnd wieder ganz eben, wie ich es auf der begleitenden Karten- 
skizze aD2udeuten versucht habe. 

Die Banda kleiden sich init dera Baste der Djimmeze tind 
die Frauen niit IlabUa-Laab. Ihre Ilaare sind lang und werden 
selten geschnitten- Manner und Frauen fcilen die Zahne spitz. 
Sie durchbobren die Ohrlappchen — die Frauen den ganzen freien 
Baud der Obrmuachel — , die Nasenflugel und die Lippeu und 
fiigen kurze Zinn-Cylinder ein. Sie betrinken sicli in Durra-Bier 
(Merissa) und Dumma, einem gegohrenen Getrank aus Mais und 
Honig, und rauchen virginischen Tabak aus schwarzen Thonkopfen, 
die sie aus dem Material der Termite n-Bauten verfertigen. 

Vielweiberei existirt und aind ilire Grenzen nur eine Ver- 
mogensfrage; man kauft die Frauen niit Perlen, Hnndezahnen, 
Eifien, Kupfer, Zinn. Viele Abtbeilangen iiben die Beschneidung, 
einige aogar die der Madchen; viele aber auch nicbl. Die Meisten 
sind Kannibalen. Ilande, Fusse und Ziihne werden den ange- 
aeliensten Fersonen uberlassen; aus den Zabnen machen aie Hals- 
ketten fiir sicb, ibre Frauen und Kinder. 

Die Waffen dieser Banda bestehen in Bogen und Pfeilen, 
Lanzen und kurzen Wurfeisen. Jeder Hausstand der Banda hat 
eine kleine Hutte fiir die Hauptgottheit Wamba, welche weiblich 
ist, und fiir ihren Mann Botokollo, denen sie niemata ihr Bier 
darzubringen Terabsiiuraen , denen aie von ihrer Jagdbeute nnd 
ibren Kriegatrophaen opfern und von denen sie durch Opfer Regen 
ei;bitten, sowie iber den Ausgang bevoratehender Kriegszuge sich 
prophezeien lassen. An dieaen heiligen S fatten lei ate n sie ihre 
Eidschwiire und aegnen ihre neugeborenen Kinder oder die frisch 
angekomraenen Sklaven ein, Frenide Kaufieule und Djeiiaben 
pflegen ebenfalls diesen Gottheiten 8alz und Perlen darzubringen, 
und es geht unter ihnen die Sage , daas , wenn man dies unter- 
lasae , Wamba Nacbta ihr Recbt reclamire , und daaa bei einer 
weiteren Verweigerung des Opfers gewiss kein Segen auf der 
ganzen Handelareise rube. 

Ich zweifle nicht, dass der Bahar Kuta meiner Erkundigungen 
identisch sei init dem „Kubanda" Earth's und dem „Uelle" Sehwein- 
furlh'a, lasse aber dabingestellt, ob ea der obere Lauf dea Schari 
iat. Es wiire ja auch moglich, dasa der Flusa von Logon trotz 
meiner Erkundigungen ein beaonderer Strom sei, wofiir die Un- 
gleichzeitigkeit oder Ungleichgradigkeit seiner Schwellung und der 
des Schari sprechen konnte. 



I Wmlni's. 1 1 5 

friiher gesebeii liatlen, dsiss er Niclit« mit liem Schari zu thun 
habe , aondem in ilnn Land der Fellata flusse. lat dies etwa 
Adjtmaua und sotlte der FIusb der Binui; seia? 

Am Endpuakle nieiner Baghirmi-Reise hiirte ich den Baliar 
el Ardhe stets als NebenHuss des Schari bezeichnen, doch knnnte 
Niemnnd den Punkt gcnau angcben, an dem er sich in diescn 
ergosse, wie dena uberliaupt die Nacliriditen uber Vereiniguogen 
und uber Trennungen von Flussen steta aehr vage und aehr un- 
sicber sind. So iit sogar Docb der AbflasB dea Iro in das System 
dea Schari unsicher, und die Punkte, wo sicb der Aukiidebbe und 
iler Buhar et Abiad in denselben crgiessen , Bind wenig genan 
bestimmt. 

Die Lage von Riinga und Knti wird weiter ungefahr bestimmt 
durch das llinerar etnes Rdnga - Miinnes bis zum Wadi Salab, 
den er von KSdetei in Riiaga aus in 9 Tagen erreicbte; dnrch das 
Itinerar meines Bomu -Referent en au9 Kuti, der von Birk^wia in 
Dar For den Beeirk Ardh el Khalifa in Rdnga in 14 Tagen er- 
reicbte und darch die Reiae deasetben Mannes nacb Oaten durch 
verscbiedene Bandalandach:iftea , wiihrend 14 Tagen, wo er anf 
dem Gebiete der Banda Miri das Dorf eines Bornnesen , Salah 
Tete, erreicbte, daa 5 Tage sudlich vou der Ilofra liegen aoll. 

Die Gegend weatlicb von Riinga und Kuti iat voller Rebut 
(pi. von Rabat, Regenwaaaerteich) ; nacb Oaten und Snden steigl 
das Land an und wird gebirgig. Sudlicb von dieaen Landachaften 
existiren als Hauatbiere nur Hubner, Ziegen und Hunde; Pferde, 
Rinder und Eael fehlen. Von wilden Tbieren eracbeinen Lowe, 
Leopard , Hyiine , Wildscbwein , Elepjiant , Rhinoceros , Biiffel, 
Antilopen-Artea, Krdachwein, Ameiaenbar, Stacbelachwein ; docli 
aoll die Giraffe kaum vorkontmen. Von Kuti ab nacb Siiden 
finden aicb der Seide-BaumwoUebaum, der Butterbauni, die Oel- 
palme, die Delebpabne, zahlreiche feigenartige Biiume, die Parkia 
higlobosa („Runo" Kanuri), die Banane, der Kurabapfeffer , ver- 
achiedene esabare WurzelknoUen und virginiacber Tabak. Die 
Slamme, welcbe sudlicb von Kuti am Babar el Abiad, Babar el 
Azrek, Babar el Ardhe und auf dem Nordufer des Babar Kuta 
wobnen, faaaen die Leute von Rnnga und Kuti und die dort an- 
geaiedelten Fremden unter dem Namen „Banda" zusdmmen, und 
nennen sie audi wobl, da die meiaten dem Kannibaliamus ergehen 
sind, „Nyamanyan", das eigentlicb der Plural von „Njam nyam", 
bier aber anch Singular geworden iat. Mem Gewabramann auB 
Bornu bebauptet sogar, daaa ale durcb Spracheinbeit verbunden 
aeien und gab mir Proben von dieser „Banda-Sprache", der er 
sich niit groaser Fertigkeit bediente. Im ganzen Dar Banda acheint 
Felsboden und sandgemiachter Hnmua vorKuwalten, obgleicU die 



118 

Reisenden und Gelohrlen, verscbwunden ist, so hi jelzt der erste 
Atifang gemacht, dies auch bei den Oceanen zu erreichen. AUer- 
dings sind Iiier die Scliwierigkeiten fur eine erfolgreiche Unter- 
suehung und Anfdeckung tiller Verhrdtnisae dt-s Meeres noch 
groBBer, als bei den Forschungen zu Lnnde, da die Alles nivelli- 
rende Meeresoberflnche die unler ihr Uegenden Wasaerschichten 
nnd den Meereagnind glei^hmaaaig verhuUt, Bis ncicb vor wenigen 
Jahren hat der menschlicbe Schiirfsinn und Forsthergeiat Tergebens 
darnacb gestrebt, die Geheimnisse der Tiefe zu enlhuUen, die 
Riithsel der stcten Beweguogen der Meereagewasser zu liiaen 
und den Eeichthum ihres organischen Lebena zn uberBcbauen. 

AIb der Begrnnder dieser neuen Aera der ■wiasenschaftlichen 
Hydrographie iat der erst vor zwei Jahren verstorbene amerikanische 
Commodore M. F. Maury wohl niit Recht zn bezeichneu. Er 
war es, welcher vor kaum 30 Jahren die eraten syatematischen 
Beobaehtungen zur See einfuhrte, allerdings zuniichst zu dcni prak- 
tischen Zwecke, die Wege auf den groaaen WeHatraasen des Oceans 
ahzuknrzen und sicherer zu machen. Aber ilin bescelte auch dar 
bei der Grundgedanke, dass nur in der Weuhaelwirkung zwischen 
Iheorelisoher Foraehnng und praktischer Anwendiing der gewon- 
nenen Ergebnisse die angestrebten Erfolge zu erreichin scien. 
Er gab den ersfen Anatosa zu plamuassig ausgefuhrten wiasen- 
schaftlichen Forschnngen zur See in grosseni Maasstabe, welche 
nicht nur von den eigena dazu bestimniten Schiffen der Kriegs- 
uierine, aondern auch von Kanffahrleifahrern nnternomiiien wur- 
den, zu Nutz und Frommen der WiBsenachaft und zugleicfa dei 
praktiBchen Navigation. 

Mania's Biistrebungen fanden bald einen machtigeu Bnndes- 
genosaen in den Handela- und VerkehrabedurfnisBen der neueren 
Zeit, welche eine schnelle Vermittelung zwiachen den entferntcsten 
Theilen der Erde uber die sle trennenden Oeeane hinweg durch 
die unterseeischen Kabel gebiettrisch fordcrten. 

Diesen Kabellegungen, deren erate Idee von Morse im Jahre 
1843 und Whealstone 1847 herriihrt, und welche, vtin der ersten 
Ausfuhrung einer uuterseeischen Leitung zwischcn Dover und 
Calais im Jahre 1850 bis zu den letzten nocb in Ausfuhrung 
begriffencn Kabellinien zwischen Enropa und Novdsroerika, den 
Gruud der Oeeane — namentlich des Atlantiachen — und der 
Binnennieere, sowie der verschiedenaten Kustenstrecken beruliren 
und anf ihni nihen, verdanken wir die wichtigsten und folge* 
reichsten AufBchlussu iiber die Grossen der Tiefen der Oeeane 
und die BeachaiTenheit des MeeresgrundeB, iiber die Stiirke und 
Richtung der uuterseeischen Stronmngen, die Temperaturvertheilung 
der Meere in horizontiiler und verticaler Richtung, ferner fiber die 



Kesnltnte <ler Foracliuugeu iiber die Ttm[i.ii-ntiiivciliilltiiiaisc dnr Oceane, 119 

Teniptiitiinen des Meereabodena und nberhRupt uber alle d e 
Tiefsee betreffenden physikal schen und biol g Bchen ^ erhaltn ase 

Das Studiuai dieser lelzleren \tel hea gerade n neuester 
Zeit, iu den letzteu 6 — 7 Jahrea zu den nberruachendsten alle 
fruherea Anschauungen uber die Or nzen des organ achen Lebens 
ini Meere beaeitigeuden Resultalen gefihrt hat at eemeraeits 
wesentlicb angeregt und veranl sot worden darch 1 e im Interess 
des Grosafischereibetriebea ausgetubtteu bchleppnelz und 
Dredge- Versiiche, namentii h n den rord schen Meeren sie ei 
wiesen zunachat, dasa in we t groa eren T elen und v el groaseren 
Enlfernungen von den Kiisten der testUnd r e Q re cheres nrga 
niscbea Lebeu aiuh eutfalte, ala u jji b aher — auf blindeu Aut 
rilatsglauben fussend — allgeme anz rehmen gene gt war 

So riihrten die Bedfirfn aae des pr khachen Lebens zu den 
ergebnisBreichfilen wissenHcliaftl chtn Unteisuchangen welche un 
sere fruberen tbeoretischen Ana cbten uber die pbjs kaliacben und 
biologischen Vorgange in den Occanen w sentheh u anderten und 
in ganz oeue Bahnen einlenkten Ihrerse ts verschsfflen d eae 
wiederum der Praxia die wesenti cbsten Hulfaouttc! zur Ausfuh 
rung ibrer das heutige Cultnrleben fordernden Unternehn ng n 

Auch in dem hydrograi biachen Fora hungtgeb etc hit a h. 
das, nnser hentiges wissenachiftl rhea eon mere elles und indn 
atiiellea Wirken und Scbjiffen character a rende Pi ic p der The 
lung der Arbeit glanzend bew hrt liabt ille seefahrenden 
Nationen haben, der Anregung dea Anierikanera Maury uod 
aeinem glanzenden Beiapiele folgend, in den letzten Decennien 
gewetteifert, durch wiaaenschaftlicbe , nach einer einhcitlichen Me- 
ttiode uad mit Tervollkommneten Inatrumenten durehgefuhrten 
Beobachtungea und UnteranchuDgen die Meereakunde in alien 
ibren yerachiedenen einzelnen Theilen zu erweitern und zu fr)r- 
dern. Auch unaere deutacbe Nation ist in der jiingsten Zeit auf 
dem Schauplalz dieser Thatigkeit ala erfolgreitlier Mitarbeiter er- 
Bchienen, an in den beiden deutacben Nordpolar-Expeditionen 
der Jahre 1868 — 70, ferner iu den wisaenauhafUiohen Unter- 
suchungeu der Oat- und Nordsee durch die Kiel er Mini ate rial - 
commiaaion ziir Erforschung dentacher Meere, so endlich ganz neuer- 
dings in der wiaaenachaftlichen Expedition S. M. S. ^Gazelle". 
U fiber die wisaenschaftliehen Aufgaben derselben hat Profeaaor 
Neumayer in einer frnheren Sitznng am 6. Juni anafnbrliche 
Miltbeilungen gegeben nnd ihre groase Bedeutung, ala der eraten 
dentachen maritimen Expedition, wekhe aasscblieaalich wisaenschaft- 
liehen Zweuken gewidmet ist, hervorgehoben. (S. Verbandl, d. 
Gea, f. Erdk. Bd. I. pag. 163.) 

Die „Gazelle" war zunachat damit beauftragt, die znr Be- 



mm 



iiPf 



120 0- '■ Bognslawalsi: 

obachtung lies Veouadurcliganges auf der ICergiie leu-Insel be- 
stiminten Mitglieder der astronomischen Expedition nuch dieaer im 
sudlichen Indischeo Ocean gelegenen oden Inse! zu bringen und 
von dort nach geloster Aufgabe wieder zutiick nach MauriliuB. 
Wahrend dieaer Zeit hat die Gazelle in den von ihr durcbfahre- 
nen Meeren und aucli auf Kergueleto nach den eigens ihr er- 
theilten Instructionen und mit dem ihr mitgegebenen voUstandigen 
Apparat von Instrumenten atle diejenigen hydrographischen, phy- 
aikalificben und biologischon BeobucbtDngen und Untersuchungen 
ausgefiihrt, zu welchen der „Cliallenger" ein so leuchtendcs Voi^ 
bild gegeben hat. Von deiu gliicklichen Gelingen der unter die 
Leitung des Dr. Boergen gestellten Venus -Expedition auf ilei 
Kcrguelen-Insel, einer der wicbtigsteu Stationen fur die Be- 
Btimninng der Sonnenparallaxe, haben wir die erfreuliclisten Be- 
richfe erhalten, welche die von dieser Expedition gehegten Hoff- 
nungen im volleten Maaeae befriedigten, TJeber die hydrographiaclie 
Thiitigkeit der „Gazelle" aind hub bia jetat (Anfang Marz) die 
Bericbte des Commandanten derselben , Freiherr v. Schleirfitz, 
von Plymouth bia zum Cap der guten Hoffnung zugegangen. Die 
wahrend der Zeit vom- 4. Juli bis 26. September angeatellten 
Untersuchungen erstrecken sich auf den ostlichen Rand und zum 
Theil aucb bei der Insel Ascension auf die Mitte des atlan- 
tiacben Beckena. Sie schliessen aich in wurdiger Weiae den 
Arbeiten dea nChallenger" fiir den Atlantiachen Ocean an und 
haben zum Theil aucb einige neue, bisher nicht bekannte That- 
sachen unserer Kenntniss erachlossen. 

Zwor beachranken sich diese — wie man eingestehen mnas — 
nur anf einen Ocean, aber gerade der Atlantiache Ocean ist 
vielleicht mebr, wie jeder smdere, geeignet, diejenigen Probleme 
der Tiefseeforachung der Losung nahe zu bringen, welche aich auf 
die Beziehungen der Temperaturverhaltnisse zu den Tiefen uud 
dem Boden der Oceane zuriickfuhren lasaen. 

Der Atlantiache Ocean mit einer Gesammtoberfllache von 
uber ij^ Mill. QM., oder etwa J^ der geaammten Meeresbe- 
deckung ist nach beiden Polarmeeren hin offen und gestattet dem 
arktiachen und dem Hntarktischen Wasser in seinen tieferen Thei- 
len freien ZutritI, Diea ist bekanntlich bei dem Stilien und dem 
Indischen Ocean nicht der Fall, indem der erstere nur durcb die 
enge Behrings - Strasse mit dem Nordpolarmeere in Verbindung 
steht and der ludische Ocean durch den aaiatisehen Continent 
ganz von ihm abgeaehloasen ist. Der Atlantisclie Ocean dagegen 
fuhrt durch drci Verbindungsstrasaen in das nordliche Polarmeer, 
weatlich nnd ostlieh von Gronland und zwiechen Spitzbergen und 
Novraja-Semlja; auch ist er, wie die beiden andern Oceane, ftei 



Itesultate der t'ortilriingBn lihec die Ti-mpcratiirverhiiltniasp Aer Oi^eane. 131 

and offen nucb dem antarklischen Meere zu und bielet endlich in 
seiner Einschnuriing im iiquatorialen Tlieile Kwisclien Cup St. Roque 
uud Cap Palmas, so wie in der vielfachen Abzweigung von Bin- 
neDHieeren in der heieaen, warnien und kalten gemassigten Zone 
eine Bolche GlicderuDg uud eine so grosse ManDigfaltigkeit aller 
oceanischen Verhaltnisse dar, wie sie keiu anderee Weltnieer auf- 
znweiseu hat. Dazu kommt noeh, dass der Atlantiache Ocean und 
namendich der Nordatlantische bis jetzt in seinen Tiefen- und 
BodenverhaltniBSen und auch in der, das organischc Leben ini 
Meere und seinen Tiefen betreffenden Hiuaicht am unifassendsLen 
und griindliuhsten erforsclit ist, Duher sind die dabei gewnunenen 
Ergebnisse wohl geeignet, nicht nur fiir kunftige Untersuchangen 
die nothigen Directiven zu geben, sondern auch eine vorlanfige 
Ueberaicbt iiber den Stand nnserer Kenntnias in Bezug auf Tief- 
seeforschung zu erleichtern. 

Bei der Neuheit und groasen Jugend dieses Zweiges der 
bydrographisehen Wiasenschaft ist die wohl iinwillkurlich sich auf- 
drungende Frage ganz erklarlicb , ob die Fundanientirung der 
durch die neueren Forscbungen entstandenen Ansichten fiber die 
TiefseeverhaltnisBe wirklich so feat und aichcr sei, dass sie uns 
berechtigt die Irfiher gehegten Anschauungeu fallen zu laasen und 
den nenerjn grosseres Anrecbt auf Vertrauen zu gewiihren. Auf 
dieae woblberechtigte Frage konnen wir aber heute antworten: 
Wir konnen den neueren Forscbungen mebr Verlrauen schenken, 
als den fruheren, weil die sichere Grundlage derselben uns durch 
die Vervollkoiiimnnng der bei diesen Forscbungen angewandten 
Methoden und Instrumente gegeben ist. Die der ereteren be- 
niht auf dem Principe der esacten Naturforachung, daa Wesen 
der unteraucbten Gegenstande von alien Fehlern der Beobachtong 
moglichat zu befreien und jede einzelne Storung fur sich zu 
bestimmen und zu eliminiren, um dadurch die wirklichen Ursachen 
der Eracheinungen aufzudecken. Dies Bestreben fuhrte nothwen- 
digerweiee die Vervollkonimnnng der angewendeten Inatrumente 
und Apparate herbei, welche, obwobl aammtlicb auf den einfacb- 
sten I'rincipien der Physik und Mechanik beruhend, doch mit der 
Zeit zu aehr complicirten und den liocbaten Anforderungen ent- 
sprechenden Werkzeugen der F orach ung geworden sind. Dies 
gilt namentlicb von den Tieflotli-Apparuten und den Tiefsee-Tlier- 
niometern, welcbe bei den Bestimnnungen der Meerestiefen und 
ihrer Temperaturen in der neuesten Zeit eiue so erfolgreicbe 
Anwenduag gefundeu haben. 

"Wie vielWaaaer nnter demKiel? fragt jeder Seemann; 
aber wie anders wird dieae Frage gegenwartig beantwortet als ehe- 
dem und sie ist aucb uicht so leicht zu erledigen, als es zuerst den 



mr'mt 



■P 



122 G. V. BogusU' 



Ansclieiii haben koiinle. Denn waa konnte auf den ersten Blick 
einfacher erschoinen, als duss man, wie es bia vor 20 Jahren ge- 
schah, mittolst einer, rait eiuem enlspreclienden Gewiuhte — dem 
Bleilothe oder Senkbtei — ■ bescbwerten, aus Hanf, Seide oder 
Draht geflochlenen Schnur oder Leine, welche je nach der zu 
lothenden Tiefe in Faden, Zehner, Hunderte oder Tausende von 
Faden eingetheilt iat, die Tiefen der Oceane auemeBMen kann, 
subuld das Gewii:ht aul' dem Bodeii aufatoaat und in dieeeni Au- 
genblicke die Wirkung dea Slussea aich bis zura Anegangsorte der 
Leine fortaet^t, dieae dadurch ihre Spannuiig verliert und aicb. 
abzuwickein aufhort. Aber eben diese Jelzte Voraussetzung hat 
sich aU irrig erwieaen: bei grnaseren Tiefen als 1800 Faden wird 
das Aufstossen dea Senkbleis aichl im mindeaten mebr bemerkbar, 
die Leine wickelt sich vie]mehr iramer weiter ab, auch wenn das 
Loth schon den Grund erreicht bat. Ferner bewirken unterseei- 
sche Striimungen ebenfalls sehr baufig eine seitlicbe Ablenkiiug 
der BODSt Tertioil biingenden Lothleine and Bomit eiDe langere 
AbwickluDg derselben, als der cntsprechenden Tiefe zukame. 

AUe diese und noeh andere Uebelstande bei dieser Art der 
Tieflothungen bewirkteu grtisae Fehler in den BestimmDugen der 
Tiefen der Oceane, deren Griiase sehr ubcrschatzt wurde. So 
e. B. wollte Denham auf dem „Herald" im sudltluntiaclien 
Ocean 415,000 Fuss, Parker auf dem „Congresa" bei der 
Kuato von Brasilien aogar 50,000 Fuss, Berryman (1851 und 
1857) auf dem „Dolpbin" im mitlelatlantiachen Ocean 39,000 
Fuss oder 6500 Faden gefundcn haben. Die neueren und mit 
besaeren Apparaten gemachlen Tieflothongen haben ergeben, daaa 
dieae Tiefen auf did Halfte oder auf '^ zu rcduciren aind. 

Die erate Verbesserung in den Tiefloth- Apparaten war die 
von Maury eingefuhrte, welcher ein 32 — 68 Pfund schweres Ge- 
wicltt an einer dunnen Leine, die wegen dea geringen Wider- 
standes der Reibnng sich scbneller abwickelte, benulzte: bei dem 
durch den Teranderten Gang der Abwickluug angezeigten Anfetoas 
des Gewichtea auf dem Baden, wurde die Leine abgescbnitten 
und die Tiefe des Grundea durch die Lange der ubriggebliebenen 
Leine beatininit. 

Bald aber machte aicb das Bediirfniss geltend, auch Grnnd- 
probeu vom Boden des Meeres 2u erhalten, und so genugte 
diese Methode nieht mehr, wei! Gcwicht und Leine stetfl dabei 
verlorcn gingeo. Deshalb kann man die schone nod einfache Er- 
flndung Brooke's, eines der wiirdigsten Schfiler Maury's (1854) 
als epochemachend fur die Tieflothungen bezeichnen; sie beateht 
bekanntlich in der Loelosung des an der Lothleine hangenden 
Gewichtes, sobnld dieses den Boden beiuhrt und in dem dadnrcb 



leder Oceaiic, 123 

liewerksfelligten Freiwerden einer dorch das kogelfiiruiige Gewicht 
liindurchgebencien Stunge, welohe an ihrem anteren Ends tiiit Vor- 
riclitnngen versthen ist, die Grundprtiben aufzonelimen und mit 
der Ltithleine mi die Oberflacbe zu bringen. 

Alle neueren Tieflolh-Apparate beruhen nuf dieseni Principe 
der LosloBung dca Gewichtes am Boden des Mecres und siud nur 
VcrbcssernngeD des Brooke'sehen Apparates; so u. A. die Bull- 
dog-Masthine von Cup. Mac Clintock (1860), ferner der Fitz- 
gerald-Apparal, welcher bei der Expedilion des „Lig)itning" 
znr Erforscbung des Thierlebene in groaseren Tiefen zwischen 
Scbottland und den Fai'Oern i. J. 1868 angewendet wurde; end- 
lich der Hydrn-Apparftt, welchen Capitain Sfiorlland bei der 
Auslothnng dea Arabisclien Meerbusens i. J. 1868 zn Zwecken der 
LegDng des Indisehen Kabels zuerst anwandle. Dieser selbe Apparat 
wurde zaniiehat auf der von Wyville Thomson, Carpenter 
und George Jeffreys geleitefen wissenaehaftlichen Expedition 
der „Porcnpine" unter Cap Oalver im oetlichen Theile des 
Nordatlantischen Ocenns zwischen den Faroer und dem Meerbusen 
von Biseaya iingewnndt, dann nach allerdinga wesentlich verbesser- 
ter Construction auf dem „CbaIlenger" and anf der „Gazelle". 

Ein anderer Tiefloth - Apparat nnd mit ihm eine neue Me- 
thode der Tieflothnng ist von dem beriihmten Glasgower Physiker 
Sir William Thomson eraonnen (lf^72 auf der Versamnilung 
der Britjab Asaociation zii Belfast zuerst mitgetheill) und von dent 
Veteinigte-Staaten-Danipfer „Tuacarora" unter dem Commando 
des Commandeur Gen. Belknap mit groaaera Erfolge angewandt, 
als dieaet im Jabre 1874 zum Zwecke der Vonintcrsuehungen 
liber die Aowl^hrbarkeit einer nnterseeischen Knbellegung zwischen 
dfu Vereinigten Slaaten nnd Japan dareh den Stillcn Ocean eine 
langere Reibe von Lotbnngen nrternahm. Bei diesem Appiirat 
■wird statt der sonst iibliolien starkeren Lotbleine sebr diinnet 
Klaviersaitendraht angewendet; der Vorl.heil dieeer Methode be- 
Eteht in der Sicherheit der Bcstinimung des Zeitpunktes, in wel- 
chem der Sinker bei aeinem Loslosen den Grund bernhrt, und 
der Lange dea bia zu dieser Zeit abgelau/enen DraLtea (also der 
■wirklich gelolbeten Tiefe) verruittelst der Ableaungen an einem 
Dynamometer und in der groaseren Sebnelligkeit dea Aufwindena dea 
Drabtea. Die mit diesen neuen nnd verbesserten Apparaten nnd 
Melboden fiber die Tiefen- nnd Bodenverhaltniase der Oceane er- 
langten Reaultate haben, wic schon kurz erwahnt, geringere wirk- 
liclie Tiefen ergeben, als man I'raber anzunohmen geneigt war, Der 
„Cballenger" hat nicht fiber 4000 Faden und die ,.Tn8carora" 
niclit fiber 4700 Faden im Stillen Ocean gelothet, wahrend 
nach fruberen Angaben Meerestiefen von 6 — 7000 Faden vor- 
kommen sollten. 



r. 



124 a. "■ BogUblBWski: 

Der ,',CballeDger" war bekannllicii von Sciten der cuglischen 
RegieruQg lediglich zu wissenacliaftlichen Zwecken Huageriiatet wor- 
den und zwar lur Erforscliung der physikalischen und bi- 
ologlschen ZuBtande der grossen Oceanbecken der 
Erde; die Espeditionen der „Lighlning" und der „Porcn- 
pine" von den Fariiern bis znni Meerbusen von Biscaya gaben 
die Hanptveranlasanng zu diesem griisBerea Unternehmen. 

Der „Challenger" ist eine Dampffregatte von 500 Tons 
und stand bia vor Kurzem unter dem Commando des Capitain 
Nares, welcher jetzt bekanntlicb ala Leiter der projectirten eng- 
lischen N or dpo I ar- Exp edition von dieseni Cummando zuruckberufen 
worden ist. Der wiaaeuBcbaflticLe Stab stebt unter der PiihruDg 
des bewabrten Tiefseeforachers Wyville Thoraaon und wird von 
einer Anzahl englischer Marineoffiziere , die mit Vermesaungaar- 
beiten vertraut siod, weaentlicli unterstulzt. 

Bia zu den letzfen, bia zum November 1874 reicbenden 
JJachrichten vom nChallenger" hat dieaes SchifE von dem Zeitpunkte 
seiner Abreiae aua England ,am 7. December 1872 viermal den 
Atlantiacben Ocean durchkreuzt, 1) 14, Februar bia 16. Miirz 1873 
von Teneriffa bia St. Tbomaa; 2) 12. Juni bia 16. JuU von 
Bermuda bia Madeira; 3) 17. Juli bia 14, September von Madeira 
bia Biibia; 4) 25. September bia 28. October von Bahia bia Cap- 
atadt. Von bier an durchachnitt der „Challenger" vom 17. De- 
cember 1873 bis 13. Marz 1874 den siidlicben Indlachen Ocean 
und drang nacb eincm fluehtigen Beauche der Kerguelen und 
Heard-Iuseln bia zur Grenze dea antarktiachen Polarkreiaea vor 
und ging von dort nacb Melbourne. Er beaucbte aladann die 
Ostkiiate von Anatralien, daa Meer zwiecben dieser und Neusee- 
land, aodann die Freundacbafta- und Fidji-Inaeln und wandte sich 
im Auguat 1874 von da nacb der Torreeatrasse bin iiber die Neuen 
Hebriden, von Anguat bia October, durcbforscbte dort die in 
vielfacher Beziebung intereasanten , von theilweiae zeratorten Ko- 
rallenbanken umgebenen Meereabecken der Melaneaian-See, der 
Banda-See, der Celebes- und der Sulu-See und bingte am 4. No- 
vember in Manila an, um von da nacb Japan zu geben. 

Von Japan aua aoU der nCballenger" wieder durcb den Stillen 
Ocean bis zur Vancouvcr-Inael geben und dann audlich heimwarta 
um daa Cap Horn zuriickkehren. 

Die neueaten und eingebendaten Nachricht.en uber die Tha- 
tigkeit dea ., Challenger" beaitzen wir bia jetzt natiirlich fur das 
Gebiet des Atlanlischen Ocean. Die groaate in ihm vom „Chal- 
lenger" gelothete Tiefe iat 3875 Faden (7081 Meter), etwa 85 See- 
meilen nordlicb von St, Tbomaa; die drci nachatgroaaten Tiefen 
von uber 3000 Faden fanden sich vrafarend der eraten Kreuznng 



Besultnle dtir t'uracliilufeu iiljerilieTcmpeiaturvcrliHltmssu der Oceana. 125 

lies Xonlatluntiflthen Oceiina zwiachen Teneriifa iind St. Thomas. 
Die grOBste im SudatiaiitiseheQ Ocean erreiehco Tiefe betrug 2H50 
Faden niclit weit von der Capsladt, 

Von besooderem luteresse fur die Kenntnias der Bodenge- 
staltung des Atlantisehen Oceanea ist die Constatirung zweier 
Bodeiierhebungen in deniselben, sudlicb von dem schon friiher 
gefundenen Dolphin rise, welehe wahracheinlich niit eiuander zii- 
sammeohangea und den Atlantisehen Ocean in cin ostliches und 
westliches Beckcn theilen, die beide auch durch ihre Temperatur- 
verschiedenheiten sich als getrennte Becken erweisen. 

Von den 173 im Atlantisehen Ocean vom „ChalIenger" auage- 
fiihrten Tieflothuugen waren 145 innerhalb der Grenzeu von 1000 
bis 3000 Faden; die mittlere Tiefe dea Atlantisclien Oceans 
durfle demnach circa 2000 Faden betragen, also im Ganzen et- 
was geringer sein, als die dea Stillen Oceans. 

Die „Gazelle" hat allerdings nur einen im Vergleich zum 
,, Challenger" bedeutend kleineren Theil dea Atliintiachen Oceans 
durchforscht , ist aher doch , Dank der Thiitigkcit ihres Fuhrcrs 
and der ihn begleitenden Offiziere , ini Stande geweaen , auaser 
den allgemeinen Beatiitigungea der vom „Challenger" erzielteu Re- 
sultate an den Kreuzungspunkten der beiderseiligen Roaten (zwi- 
schen Madeira und den Cap Verden), manche neue Thatsachen fur 
die WisBenschaft zu erringen. Am 21. Jani 1874 verliess die 
„Gazelle" den Ilafen von Kiel ; am 4. Juli begannen von Ply- 
Hioutb ana die eigentlichen wissenschaflHchen Arheiten der „Ga- 
zelle", allerdings zuerst nnr vorberei tender Art, von Madeira aber 
an ayatematisch und planmassig nach neuen Errungenschaften 
suchcnd und diese auch nuffindend. 

Am 15. Juli erreichte die „Gazelle" Madeira und am 27. Juli 
die Cap Verden (gerade ein Jahr spater ala „Challenger" dort war); 
von da fnhr die „Gazelle" naeh der Republik Liberia, uni daaelbst 
die deutaohe Ftagge zu zeigen; nacU einem zweitagigen Aufent- 
halte, wiihrend dessen sic Gelegenheit hatte mit don dort anwe- 
senden Deutschen zu verkehren, setzte die j,Gazelle" ihre Reise 
weiter fort, zunachat nach der Insel Ascension, wo aie am VormitCag 
dea 18. August eintraf und bis zum Abend des folgenden Tagea blieb. 
Nacli einer Excursion der Gelehrten in die Berge dieser Inscl begab 
sich die „GazelIe'' nach Banana; die Offiziere und Gelehrten mach- 
ten von dort ana eine Recognoacirungsfahrt den Congo aufwiirta 
bis Punta da Lenlia und Boma. Die „Gazelle" war dae erste 
grosaere Kriegaachitf, welches den Congo stromaufwarts bis Punta 
da Lenha fuhr. Am 8. September verliess die „Gaielle" die Congo- 
miindung und erreichte am Morgen des '-'6. Seplember die Tafel- 
bai bei der Capstadt. 



_- J 



a 



126 O'y- BogUBlawsliE: 

■Wiilirend dieses Theilea der una bis jetzt (Aiifung Mar?,) be- 
kuDnt gewordenen Reiso der „Gfizelle" hat ihr Commandant, Frei- 
herr v. Schleinitz, zwei fiir die Bodenverhaltnisae dea Atlanti- 
achen Oceiins und auch fur die aUgcmeine phyaiknliacbe Geographie 
neue und interesaante Thatsachen bei seJnep Tiefforachungen auf- 
gedeckt. 

Er fand zuniicliat, dass der Ring, der zu den Cenlralvulcanan 
zahlenden Inaeln der Cap Verden sich such unter dem Wasser 
stark auspragt, indeni in der Peripiierie urn die einzelnen Inaeln 
nberiill kleinere Tiefen, als in der Mitte deraelben, sich vorfan- 
den ; dieaem grossen luselringe schlieast aich nach Xorden bin 
eine zweite ringiormige Bildung an: hienach scheiat sich die kra- 
terl">rmige Bildung des eiozelnen vuleaniacben Bergea im groase- 
ren Mauaastabe bei den Gruppen bildenden Gesammtbodenerhe- 
bungen zu wiederholen, wie es iibnlich bei den Azoren atattflodet. 
Die zweite durch die Untersucliungen der „Gazelle" aafgefundene 
Thatsache ist die Constatirung zweier bisliCT nicbt bekannter Bo- 
dene rbebun gen im Atlantischen Ocean r die eine nordlich von As- 
cension in ca. 1" audi. Br. und l^JiJ" westl. Lg. v. Gr., die andere 
nordostlich von dieser Inael und nahe bei ihr in 6'^'* sadl. Br. und 
12" W. V. Gr.; die eratere ist 1640 Fadeu unter der Oberftache des 
Wasaers, die andere nur 1450 Faden tief^ in nicbt zu grossen Eut- 
fernungen von beiden Erhebungen wurden 2OO0 Paden and daniher 
gelotliet (s. Diagranini II nnd III). Sie acheinen aber aucb eine 
nicbt unbedeutende Ausdebnusg en haben, denn in deraelben 
Breite, wie die erste Bodenerhebung , aber etwas welter weatlich, 
sind die — allerdings noch von Mancben ale zweifelhaft beBeich- 
neten Untiefen der Tritons Bank und Bouvest Sand Islands auf 
den Karten angegeben; auch scheinen die in der Nahe dieser 
Platze mebrfach ■wahrgenommenen vulcanisclien Erschutterungen 
(Krusensterns Vulcan) auf die Bxistens! vnn Untiefen schtieaaen za 
laaaen. Die von der „Gazelle" und dem „Challenger" auf- 
gefundenen BodenerhebuDgen macLen eiae omfangreiche unter- 
seeisclie Gehirgskette wabracUeinlicli, die sicb vielleicbt von Paul's 
Rock bia zur Insel Ascension erstreckt; ihre endgiltige Constati- 
ruug wiire anoh fur die Geologie inaofern von Interease, als 
einige GeoJogen einen yormaligeD Abschluss dea nordatUntiachen 
Oceans nach Snden zu angenommen haben. Wie anders gestaltet 
sich jetzt fiir unser geiatiges Ange das Bild, welches man aich 
Tom Boden dea Atlantischen Oceana voratollen kann, als das fru- 
her von Maury so pbantaatiscb geachilderte, wonach „daa Becken 
des Atlantischen Oceans ein Trog iat, welcher die alte und neue 
TVelt Irennt, von Pol zu Pol sich eralreckt und eine Oceanfurche 
bildet, in die harte Rinde unseres Planeten eingekerbt von der 



Svmlblo >lsr Fomi-bitngen iib«T die TtrnpernturvciTliIiltnUsQ dor Oceane. 127 

Ilitnd des Allmiicli^en." — Dean nicht nor iin Norden, sondem 
aneh iu der Mitte und itn Saden des Alliintiecbeii Hnckens hat 
Tiian den Hoden desselben im Gwnzen uDd Grossen beatehenJ ge- 
fundeo auB verhaltnissmassig fluchen Tbt'ilem, die von einander 
durcb welleDfurmige Plateaus getrennt sind; die hie nnd dii im 
AtlaoEischen Ocean zerstreuten einzelnen Inseln sind zaui Theil 
die iilier die Obflrflache dea Meeres bervorragenden Bergspitzen 
der unterseeiscbeu Gebirgsketlen , z. B. Paula Rock nnd Ascen- 
sion, zuin Theil aber anch sich eteil aus dera Meereagronde er- 
hebende Berge, wie z, B, die Bermuda-Inseln. Ea iat alier ge- 
nide eine der wicbtigsten Errungenschaften der neueren Tiefaee- 
forachung, welche iu wiederholten Beiapielen im Atlantiacbea und 
vorzugsweise im Stillen Oceane eicb berausgestellt bat, die, dasa 
die grossten Tiefeii iiicbt mitten ini Oceane aicb vorfindeo, son- 
dern meiat unweit der Kiiaten von Fesllandern nnd Inseln, und 
daas vide derselben sebr ateil in das Meer ubfalleu nnd aieli 
keineswega immer dnrth flaclierea Wasaer achon ana groaaerer 
Entfernung bemerklicb macben, 

So iat die bis jetzt bekaante groaate Tiefe iin Atlantiscbcn 
Ocean, wie erwabnt, uur 100 Seemeilen nSrdlicb von St. Thomas 
gelotbet; ao aind rnnd nm die Bermudaa-Inaein in geringer Ent- 
feroung von ibnen Tieien von 2400 — 9600 Faden gefundcn wor- 
den, ao daaa diese Inaelgrnppe wie etoe Saule aaf einer sebr 
kleinen Basis sicb auB dem Meere steil eniporhebt; da sie nur 
KornlleDgebilde iat:, ao iat Grund zu der Annahme vorhanden, 
dass die Btldung desaelben zu einer Zeit begonnen hat, ala der 
gegenwartigc tiefe Grund nabe an der OberHilche sich befand und 
durcb fortaclireitendes Wachsthum nber die Oberfliiche aicb erhiell, 
in dem Maasse ala der Bodcn sich allmalig aenkte. So hat fer- 
uer audi der nChallenger" im Juni 1S74 bei aeiner Fabrt von 
Australien iiacb Neuseeland gel'unden, dass Australien an seiner 
Sudost-Kiiate aehr eclmell abl'allt nnd dasa ea von Neuseeland 
dnrch eine 2640 Faden tiefe Rinne (tiefer ala der Montblauc hocb 
ial) gelrennt iat, wabrend Nenaeelund aelbat allerdinga sebr all- 
nmlig ana dem Meere sicb erhebt. Am auffallendsten aber tritt 
dieae Fracheinung der grosaeren Tiefen in der Nahe der Kuatcn 
der Featliinder im Stillen Ocean bervor. Bei den oben erwahnten 
Tiefseeunterauehungen der ^Tuacarora" in dieaem Oceane fund 
Commodore Belknap, als er Lotbungen langa der Weatkiiate 
der Vereinigten Staaten von Cap Flattery (bei Vancouver -Island) 
bia San Ftiinciacn mid von da bia San Diego in Californien in 
10 Linien quer ab voin amerikaniscben Continent bis zu Entfer- 
nungen von 200 Seemeilen von der Knste auafuhrte, dasH die 
auaeeren Grenzcn dea Contineutea vgn Aiucrika oder der Anfang 



^d 



Jea eigentliclien oceaniscLeu Beckena schoti in eitiiim Abslande 
von 30^50 Seemeilen von der Kiiste auftreteii und deudicU zu 
bestimmen aei, bia wuhin dcr Bodeii sclincll und dunn allroUlig 
iibfallt. Dies zeigte sich besonders deutlich bei den Lotlmngen 
io Enlferniuigen yon circa 30, 60, 150 und 190 Seemeilen west- 
lieh davon, wo Tiefen von resp. 155, 1726, 2257 und 2443 Faden 
gelothet wurden. 

Bei den im Januar 1874 von der ^Tuscarora" zwischen 
San Diego und den Sandwich- 1 nseln ausgefuhrten 62 Lothungen 
uber eine Strecke von 2240 Seemeilen erwies aich dieaer Theil 
des Stillen Oceana als etn Becken mit steilcn Abhangen im Osten 
und Weaten und dazwiachen mit vergleicliaweise ebenem Boden; 
die grosate Tiefe von 3054 Faden wurde in einer Entfernung von 
400 Seemeilen nordostlich von Honolulu gefunden. Die mittlere 
Tiefe des Stillen Oceana zwischen Californien und den Sandwich- 
Inaeln betragt nach den Lothungen der „Tuscarora" circa 2400 
Faden, fast genau ubereinstimmeud mit den Angaben dieaer Tiefe, 
welche man aua den Fluthwellen, die sicb doreh das Erdbeben im 
Jahre 1854 von Oat-Aaien bis nach Californien fortpflanzten , auf 
2400—3000 Faden berechnet hat. Zwischen den Sandwich- und 
den Bonin-Inseln traf die „Tnacarora" eine mittlere Tiefe voa 
2480 Faden und im Gegensatze zu dem ostliclien Theilo des 
Pacifischen Beckens sieben iiber dem Boden dea Oceana bia zu 
1600—1700 Faden aich erhebende Berge. 

Die grosaten aller bis jetzt mit den neueren Apparateti 
gelotheten Tiefen hat die „Tuscarora" im Sommer 1874 un- 
weit der Kiisten von Japan gefunden; nur 100 Seemeilen von 
der Sandj-Bai an der Siidoatkiiate von Japan sank daa Loth bis 
zu 3427 Faden, wahrend dicht dabei, aber etwaa naher an der 
Kiiste nur 1833 Faden gelothet wurden; aber 50 Seemeilen wei- 
ter nach Nord-Osten von der eraten Stelle sank das Loth plotz- 
lich bia zu 4643 Faden, ohne den Grund zu erreichen, Auf 
einer anderen Lothungalinie , am Rande des Kuro-siwo, zwischen 
38" und 45''Nord-Breite und 142" bis 152" Oat-Llinge (v. Greenvsr.) 
ergaben sicb noeh groaaere Tiefen in weiter Eratreckung his iiber 
4000 Faden; daa Bett des Stillen Oceana vertiefte aich bia zu 
einer Tiefe von 4655 Faden (8513 Meter) in 44" 53' Nord-Br. 
und 152" 26' Oat-Lange. (Ueber die Tieflothnngen der „Tna- 
carora" siehe Verb, der Ges. f. Erdk. 1875 pag. 76.) 

Die noch in diesem Jahre atattfindenden Durchkreuzungen 
des Stillen Oceans durch den „Challenger" im Norden und die 
„Gazelle" im Suden deaselben werden unatreitig viel zur naheren 
Knnde der Tiefenverbaltniase dieses hierin noch wenig er- 
forschten grossten Oceana heitragenj aber auch der Tempera- 



BaitillTit-- iljr Forscliiiiigeii iiber dif T iiiiicriiturverlillltniaii: diT Oceans. 129 

tiirverlheilung an der OWrflaehe, in den verachiedenen Tiefiin 
and ani Grunde desselben uad aoniit auch eine Vergleichnng aller 
dieser Warmeerscheiuungen in den verschiedenen Oceanen er- 

Noch bis Tor wenigen Jahren lierrachte in der wissenacUaft- 
lichen Welt die sicU allerdings auf gewiehtige Autoritiiten stiitzende 
vorgefaaste Meinung, dass die Temperatur des Meereabodena iilier- 
all 4" C betrage, weil bei dieaer Temperatnr das Masimuni der 
Dichtigkeit, wie beiiii auaaen Waeser, in den unteren ScUichten am 
Boden sich befinden niiiaae. 

Gestutzt aul' die Temperatar-Beobachtnngen von Sir Jamee 
Ross auf seinen aatarktischen Polarfabrten in den Jahren 1840 
bis 1843 batte man faat allgemein die Ansicbt angeuommen, dass 
die Temperatur in den Meeren vom Aequator an bis zu deni 55. 
uad 57. siidlichen ParuUelkreise mit der Tiefe allerdinga bis zu 
4*0 abnehme; hier aber bei dieaen Grenakreisen nacli den Pole n 
EU zeige sich eine von oben bis unten gleichmaasige Waaserachicht 
von 4"; weiter nach dem Pole, in hoheren aiidUchen Breiten, zeige 
sich aladann aogar eine mit der Tiefe zunehmende Temperatur, 
und jene so zn sagen circumpolare Mittellinie erweise sicb dem- 
nacli als der obere Rand einer nacb beiden Seiten schrag abwarta 
Bteigenden (sowohl nach dem Aeijuator als dem Pole zn) gleich 
warmen Grundachicht , welche in Gestalt eines Walles den Pol 
umkreist, unter dem Aequator aber diesem entlang wie ein Thai 
verlanfend. Dieaer Meinung pflicbtete auch Sir John Herachel 
bis kurz vor seineni Tode bei. 

Fragt man sich aber mit welchen Inatrnnienten und nach 
■welclien Methoden diese Beobachtungen gemacht worden Bind , so 
mnsa man achon von vornherein an der Richtigkeit der Resultate 
zweifeln, aelbst wenn man das Irrige der zu Gruade liegenden 
theoretiachen Anschauungen nnch nicht erkannt hatte. Sir James 
Roaa (und ebenao d'Urville) bediente aich solcber Thermometer, 
die vor dem Einflusse des Druckes, dessen Zuuahme eine Erho- 
hnng der Temperatur mit aich bringt, nicht geschiltzt waren; sie 
gabea demgemaaa in grosseren Tiefen zn hohe Temperaturen.*) 



*) Das bei den BBStimmniigen der Tiefsee-Temperatnreu jetzt angewen- 
dete Instrument oder das Miller- Casella'aclie Tiefsee - Thermometer iat im 
Princip Qiu EolbutregistrireadeH Masimum- und MLinimuni'TLerraonieter, wel- 
ches vermittelst zweier Sehwimmer die hOchste nnd die niedrigste Tempera- 
tur, welcher der Apparat ausgesetzt war, nachweist. Die Torricbtmig , um 
deuselben vol der Wirkang dei Druckes zu schiLtxen, besteht dnria, dass die 
innure Kapsel dus Minimum - ThermometurB von eiuer zneiten Glaakapsel 
umBchloasen wird, weluba zum griiaatan Theile mit Weingeist Bngefiillt iat 
und dazu dieut, den starltan Druck des Wasseva In grosserer Tiefe aufau- 
KeiliChr. d, OosoliBch, /. Krdk. m. X. fl 



130 G. V. Bogual 

Weil liber dieae Reanltute den hevrschenden tlieoretischen 
Ansichten uber das Dichtigke its- Maximum dea Meerwaaaera bei 4" 
cDtspruchen, uchtele man nielit aul die denaelben widersprechen- 
den, und niit vor Druck geschdtzteii Thermomelcrn angealellten, 
Beobachtungen voii Sir John Ross im Jahre 1818, wahreud 
seiuer arktiachen Heise, aaf wekher ihn bekanntUch der General 
Eiiw. Sabine begleitete. 

Ea wurden dabei jenaeita dea Poliirkreiaea und in massig'en 
Tiefen bia zu 500 Faden Tempbraturen von ^3". 6 C. gefunden, 
wUlirend an der Oberflacbe 0" und daruber waren. Dieae in der 
^'atur vorgefundenen Erscheinungen stimmten wolil wit den in dem 
Sludirzimmer aufgcfundenen Thatsachen iibereiii , daas diis Meer- 
wasaer im Zuataude einer Sulzloaung aieli in Folge der Abkuli- 
lung bis uber den Gelrierpuokt, welcher iiu ruhigeu Zustande des 
Waaaers —3". 7 C. betragt, im bewegten Zuataude allerdings et- 
■was hiiher liegt, aber immer noch einige Grade unter 0°, Die 
Verauche vonDeapretz undZtippritz baben dies Verbalten des 
f Seewassers onwiderleglich dargethau. Aber nicht nur die Teni- 

■^ peraturen dea Meereabudens gait es zu bestimmeu, aondern auch 

rdie der veracbiedeuen Tiefenachicbten der Meere zwiaclien der 
Oberfluche und demGrunde, undhier haben Technik und Wissen- 
1 schaft sich erfolgreicb mit einander verbunden und die mit dea 

geeigneten Instrumenten auageriiateteu Expeditionen haben gezeigt, 
ni was dieae vereinten Kriifte zu leiaten im Stande siud. 

Die mit den neueren vervollkomnineten Warmemessappuraten 

angestelllen Beobachtangea haben eigebeu, dass im Allgemeinen 

■ die Temperatnr von der Oberlliiche bis zum Biiden abnimmt, zu- 

erst aclineller, dann allinalig. Zuweilen kann aber auch unter 

der von der Sonne eiwarmten Schicbt, die bocbsteus 100 Fiiden 

Lief reicht, eine noch warmere Schicbt folgen, welche von einer 

I wiirmeren Unterstromung herriihrt, die aladaim aber aalzreicher 

. Oder von eineni hilheren speciflschen Gewichte eein luusa. Dua 

1 Verbalten des speciflscbeti Gewicbtes, sowie die Einflusse der 

• Jabreszeiten auf die Temperaturen dea Seewaasera in Tiefen bis 

zu einigen buudert Faden (nanientliuh in der ^iihe der Kusten 

und in der geniaaaigten Zone, wo die Winter -Temperalur bis 

k zu einer bestimmten Tiefe mit der Entfernung von der Oberfliiche 

wuchst) bediirfen nocli einer sorgfalligeu TJnterauchung nnd Prfi- 

fung, ebe man stcbere Scbliisae uua ibnen Ziehen kunu. Andera 

ist es niit der an den verschiedensten Punkten der tropischen 



nehmen. DieBes Tlefsoe- Thermometer kann dsher im offenen Oceane iibei- 
sll tmge'wendet warden, wo die Temperatur mit der Tiefe im Allg'emeineQ 



Resullatii i]i;r Furschiiii^ii iiber die Tiimperaturverhilltuiiou dor Ocdbdi], i^l 



»tur. 



ipisclieu Meere gefuadiiaeu : 



Boden-Teiupi 

In dor Kiihe dcr PoUrmeere hat man aie bis ea — 1'^° (in 
dteseD selbst bis unter — 3") in den mittleren und niedrigeren 
Breiten in einer Tiefe von ^000— 3000 Faden +1" bia 2", am 
Aeqaator dagegen noch etwas geringer, nur wenig iiber 0" gefun- 
deii. Die einfikchste Eiklarung dieaer letzteren, fur deo ersten 
Augenblick befremdenden und tiberrtiachenden Erscbeinung acheint 
auch die naturliche und rictitige zu sein, nantlich die, daas in den 
unteren Scbichten des Meerwassers Ton den Folen her ein Zu- 
lluss kalten Wassera nach den iiquatorialen Gegenden bin atalt- 
fiudet, von wo zuni Ersatz dafur das warniere Waaser an der 
Oberflache von dew Aequator nach den Pulen zu abfliesaen mnsa. 

Wie es mit so vielen Tbataacben in der Beihe der Ersubei- 
nungen der nattirlicben Welt und mit deii auf aie aich grnnden- 
den Ansicbten uber die Uraachen deraelben der Fall gewesen ist, 
□ainliuli daas sie schon tangst von eiuigen acharfen Beobachtern 
uod geistvoUen Foracheru erkannt und ricbtig gedeutet worden 
aind, aber von den stimrafulirenden Autoritaten entweder niubt be- 
ach tet ode r geradezu verworfen wurden: so auch ist die Thataacbo 
der niedrigen Bodentemperatnr der oifenen Oceane, selbat in den 
heissesten aequacoriaien Theilen derselben , feruer die verticale 
Vcrtheilung der Warnie in den Meeren in der Richtung von oben 
nach unten, aowie die Erklarung dieser beiden fur die physisube 
Oeographie der Meere und die Lebensbedingungeu in deraelbeu 
so wichtigen Eracbeinungen durch die Lelire von der allgemei- 
uen oceaniachen Circulation schon lunge vor ihrer glanzen- 
den Bestiitiguiig durcb die neueren und neuesten Tiel'seeforachun- 
gen von einigen Wenigen erkannt und auch zuni Theil begruudet 
worden , aber von denjenigen, welche aich mit der Oceano- 
firapbie beschaltigten — und djea waren bia auf die neueate 
Zeit vorzugaweiae Englander und Amerikaner — bis nocU vor 
KuTzem viillig auaser Aubt gelaasen worden. 

Schon vor 30 Jahren bat der russiaebe Akudemiker, aber 
Deatacher von Geburt, Prof, Lenz in St, Petersburg auf Grund 
seiner sorgfaltigen Beobacbtungareihen iiber die Temperatnr und 
das specifische Gewicht des oceanischen Wassera in verachiedenen 
Tiefen wiibrend der Ko tzebue'acben zweiten Reiae um die Welt 
in den Jahren 1823~2G in einer 1847 eracbienenen Abhandlung 
der Petersburger Akademie ganz ahnliohe Scblusafolgerungen in 
Beiug auf die oceaniache Circnlalion gezogcn, zu denen neuer- 
dings der engliscbe Physiker Carpenter, ohne die Arbeiten von 
Lenz vorber zu kennen , dumb die Tiefsee-Temperatur-Beobacb- 
tungeo des „Ohallengcr" gelangt iat. In jeaer Abhandlung 



132 G. V. Bog'i.; 

\ „Beinerkungen iiber die TemperHtur dea Weluweeres in vevscliie- 
denen Tiefen" (Bullclin der St. Petersburger Akademie V. 1847) 
plaidiit Lenz for die Existenz eines unteren Zuflusaes von eis- 
koltem Wasaer in der Tiefe von jedem Pole zuni Aequator, fer- 
ner fur das Aufsteigen dieses kalten Wuasers bia nalie an diu 
Oberflache unter dem Aequator, fur die Bewegang der oberen 
Wasserschichtea dea Oceans von den aquatorialen Gegenden uacli 
jedem der beiden Pole zu , als das nolhwendige Complement des 
poluren Tie fen zuflusaes und endlicli fiir die Abhaugigkeit dieeer 
gedoppelten Bewegung des oceanischen Wassers von der Storung 
I des hydrostatischen Gleicligewiclites, welche fortdauernd durcb die 

Einwirkungeu der polaren Kalte und der aquatorialen Warnie her- 
vovgebracht wird. 

Allerdings iat nicht zu verkennen und liier aucb nieht zu 

^ verschweigen , dass dieae Tlieorie, wonach der "Wiirmeuiiter- 

^ scbicd au deu Polen und am Aequator die, die grusaen allgc- 

B Bieiuen Bewegungen der Wasaerniassen der Oceane regelnde, ja sogar 

dieselben liervorbriugende Uraacbe ist, bia in die neueate Zeit von 

gewichtigen Autoritiiten, wJe z. B. Laughton, James Croll und 

^ Wyr. Thomson angefochten und bekJimpfC worden ist, indem man 

ittr iancre "Widcraprfiche , beaoadera in Betratht dea Siilzgebaltes 

I oder des speeiflacben Gcwichtes dea Seewaaaera an den Polen und 

am Aequator uachzuweisen auchte. Andererseits aber haben selbai 

dieae Gegner der Carpenter'schen Anaiehten uber die TJrsachen 

der allgemeinen Circulation der oceaniachen Gewaaser die Bich- 

tigkeit der durch die neueren Tiefaeeforacbungen uber die Ver- 

thcilung der Tcniperaturen dea Seewasaers sowohl in verticaler, 

als in horizontfller Ricbtung aufgeachlosaenen Thatsachen aner- 

kennen und damit auch den TJraprung des kallen Bodenwaasera 

in den wiiimeren Jiquatorialen Gegenden der Erde an anderen 

Orten, als da wo es vorgefunden Tvird, conatatiren miissen. 

Ala die ,,Lightning" im Jahre 1868 den Caaal zwiachen deni 
Nnrden von Schottland und den Faroern durchkrenzte , fanden 
Carpenter und Wyville Thomson in dieaem, in Tiefen zwi- 
achen 500 und 600 Faden mit den vor Druck geschutzten Ther- 
^ , moiiictern eine Temperatur von — iJa^i wiihrend in benachbarten 

" Theilen des Nordatlantiaehen Oceans und zwar in groaaeren Tiefen 

Temperaturen von -J-Gj^" gefunden wnrdeu, also 8" mehr. Der Con- 
ft traat zwiachen dem arktischen Charakter der Fauna des kalten 

^ Gebietes und dem warmer gemtiasigten der Fauna dea war- 

men Gebietes fiihrte von selbst zu seiner Erkliirung durch zwei 
" grosae oceaniache Wasserbewegungen aach entgegengesetzter Ricli- 

|j tung bin; darch einen von NO. nach SW. flieaaenden kalten Strom 

T_' und eineu Ton SW. nach NO. sich bewegenden warmen Strom. Dass 




TempomtiirverhiiUiiiace der Ocenue. J 33 

■ letxtere aber niclit der walire Golf- oder Florida- Strom sein 
kann, gebt darana hervnr, dass der GoUstrom in dcm Mittel-At- 
lanHsclien Ocean sicli bereits soweit horizontal auagebreitet bat, dass 
er bei den Paroer-Inseln nicht liis zu einer Tiefe von 600—700 
Faden reichen kann; sie lat vielmehr ein Theil der groasen nach NO. 
gerichteten warnien Stromung, welche an der Oberfiacbe des tro- 
pischen Tlieilee dea Atlautiachen Oceans ihren TJrspmng bat und 
sich ini Verlanfe der Isotbemien {von 15" bis 0") der Meeresober- 
flache sowohl im "Winter ala im Sommer dentlich auspragt. Die 
Existenz eines kalten von den Poifin nach dem Aequator hin 
tliessenden Unterstromes wurde durch die eyatematiscben Tempe- 
raturbeobachtungen aut' der „Porcupine" im Sommer 1869 in 
dcm tiefen Wasser nahe an dem oatlicben Rande dea Atlantischen 
Beckena bestiitigt gcfunden. Unterhalb der von der Sonne er- 
warraten Oberflaehenschicht sank die Temperatnr allmiiiig bia zu 
7—800 Faden, dann aber sebr achnell durcb eine Schicht von 
■200 Faden Dicke (der sogenannten Verrnischnngsscbieht) und dann 
wieder langaam bis zu 2 ".4. Daaaelbe zeigte sich an der Kuste 
von Portugal; liberal] war eine vom Pole herkonimende Uraache 
der Erniedrigung der Temperaturen der unteren Wasserschiehten 
zn erkennen. 

Einen weiteren Beweis lur den polaren Ursprung dieser 
Wasaermaeaen flndet man indirect in dem Verhalten der Teniperatur 
des Meereagrundes und in groaaeren Tiefen bei aolchen Waaaer- 
beeken, ■weJthe von den nffenen Oceanen durch eine Schwelle oder 
eine Bank, oder durch einen aie umgebenden Wall abgeschloeaen 
sind, und in welchen man in der That warmerea Wasaer vorfin- 
det, well die Geafalhing dea Meereshodeua das Eindringen des 
kalten "Wassers aufhalt. So sind z. B. die Kusten nnd Fjorde 
Xorwegeus durch die ihnen vorgelagerten Bauke gegen daa Ein- 
dringen dea kalten Wassera dea Eismeera geschiitzt und ganz von 
deu wannen Gewassern dea Nordatlantischen Oceans nmapult und 
erfuUt. So sind ferner daa Mittelmeer durch die Schwelle bei 
der Bank vou Gibraltar (am Cap Trafalgar und Cap Spartel nur 
120 — 200 Faden tieO und die achon erwahnten Heeresbecken 
der Melaneaiau-, Banda-See u, s. w., durcli theilweiae zeratorte un- 
teraeeiscbe Korallenbilnke von GOO — 1500 Faden Tiefe vou dem 
offenen Ocean getrennt und zeigen von gewissen Tiefen ab bia 
zum Grundc des Meerea eine gleichniassige, von den polaren Zu- 
fiiiasen unabhangige Temperatur. 

Im Mittelmeer herrseht uiimlich nach deu vielfachen da- 
selbat angestellten Temperatnrbeobachtungen an der Oberfliiche 
und in versohiedenen Tiefen bis zu 2000 Faden am Grunde un- 
terhalb der von der Sonne eriyarmten Schicht eine gleichmasaige 



134 G. y- BoRii! 

Temperalur von 12". 8 C, gerade ao hoch als die niedrigste durch- 
schnittliche Oberflachentemperatur in Winter botriigt, wahrend 
Bie im Sommer bis an 22''.2 ateigt, aladann aber nur 50 — 100 
Faden tief reiclit 

Da also das tie fere kalte Wasaer dea Atlantiscben Oceans, 
welches ansserhalb Gibraltar's in einer Tiefe Ton 1500 Faden eine 
Temperatur von nur 3" C, hat, sbgesperrt ist, ao masa die Tem- 
peratiir dea Mittelmeerwassers (nnd so wie dieses die der ahnli- 
chen voni ofFenen Oceane abgeachlosaencn Meeresbecken) der so- 
geoannten iaocheimnlen Temperatur oder dem niedrigsten Win- 
termittel entsprechen. 

Die Untersuchungen des „ChaIlenger" anf aeiner Fahrt 
von Neoaeeland durch die Torrea-Straase bis zur China -See vom 
Juli bis October 1874 haben ferner dargethan, dasa die Me- 
lan eaian-See, weatHch voni auatralischen Continent (zwiachen 
18"* nnd 20" Sfid-Breite) ein von einem zerbrochenen Barrieren- 
Riff bei einer Tiefe von 1350 Faden umschloaaenes Wasserbecken 
iat, uber welche Tiefe hinaua keine freie Communication mit dem 
nffenen Ocean atattflndet. Die in dieser Tiefe ansserhalb dieaes 
Berkena beobachtete niedrige Temperatur von 1".7 herrsrhte in- 
nerhalb deaselben gleichmassig von dieser Tiefe an bis zu 
2650 Faden. 

Aehnlicbe Erscheinungen wurden vom „ChaIlenger" in 
dem ebenfalla von Barrieren - Riffen umschlossenen Becken der 
Banda-See, der Celebes-See und Saln-See gefnnden; die 
eratere zeigte von DOO his 2800 Faden eine gleichmasaige Tem- 
peratur von S^.O C, die zweite von 700 bis 2600 Faden eine 
Bolehe von S".? nnd die dritte von 400 bis 2550 Faden von 10", 
welches lefztere Reaultat achon fruher Cbinimo bei aeinen Lo- 
thiingen nnd Beohaebtnngen in der Suln-See gefnnden hatte. Auch 
die in dieaem Becken vorkommenden Organismen zeigten die Ab- 
geschlossenheit derselben von dem offenen Ocean, nnd damit auch 
von den Einwirknngen der nnteren polaren Stromnngen. 

Am klarsten und anschanlichsten aber wird die Existenz 
einea polaren Unteratromea durch die Tiefseeuntersuchungen des 
„Challenger" und der „Ga7elle" nachgewiesen. Die den 
Atlantiscben Ocean zwiachen den Parallelen von 38*" nordlich und 
sadlich vom Aequator nnd von der Oberflache bia m dem Mee- 
reaboden umfaaaende Erforachung seiner "Warme verba Itniaae durch 
den „Challenger" hat dem engliachen Ph y si ker William B. Car- 
penter die hinreichenden Daten geliefert, um seine schon frfiher 
entwickelte Theorie der allgemeinen oceanisehen Circula- 
tion , liervorgemfen dnrch das untere Znatromen der polaren 
(arktiachen nnd antarktischen) kalten Gewtisser nsch den niederen 



BMiilI'itp (li-r Forsclaiiieen uIh'i- ilio Teinperalurverliiiiinisae 'Iit OoeotiP. 1 35 

Breilen und dem Aeqnalor hin, ftster zii begrunden; er liat, dies 
id einer grosaeren Abhandlnng in den ,, Proceedings of the 
Hoyal Geographical Society" Vol. XVIII. Xo. IV. (1874 
Ang, 17) pag. 301 — 408 einsehend und erscbopfend diircbgefabrt, 
welche der aligemeinaten Beachtung wurdig iat. Die Arbeiten 
der „GiizeIle" haben ebenfnllB neue Bausteine zur Begrundung 
dieaer Tbeiirie binzugefugt und sind als die eraten deutschen derar- 
tigen Tiefseeiintersnchungen im offenen Ocean (die verdienstvoUen 
Forschnngen der Kieler Commission eratrecktpn sicb nur auf die 
0?t- nnd Nordsee) in den Anntilen der hydrogruphischen Wissen- 
scbaft zu vcrzeichnen nnd freudig zu begruaaen. Aub den biaber 
erlangten Forschungsrcsultaten uber die Warnicvertbeilang in den 
Oceanen, im Beaonderen in dem Atlantiscben Ocean, ergeben sich 
znnichst Iblgende allgenieine Satze: 

1. Die TemperatUT jedea Tbeilea dea Tiefseebodena, welcher 
mit einem der beiden Polargebiete in freier Verbindung atebt, ist 
niedriger ala diejenige, welcbe ihm nacb den mittleren niedrig- 
sten Winterlenjperntiiren an seiner Oberflache znkanie nnd iat nur 
wenig hoher, ale die dea Meeresbodens in den Polargebieten. 

2. Dices allgenieine Erniedrignng der Bodenteniperatur riihrt 
niobt von den vergleichaweise wenig macbtigen kalten Polar-Ober- 
fliicbenstromen her, welche aus den Polargebieten, als Ersatz tui 
die durch Driftstrome aus niederen Breiten in sic bineingedrang- 
ten Wassermasaen , nacli dem Aerjnator zuflieasen, sondorn von 
einer machtigen aber langsannen Waaserbewegung (creeping flow) 
der gesammten unteren Meeresachicbten von den Polen nach dem 
Aeq^nator zn, deren Machtigkeit bid 2000 Paden belragt. 

3. Je grosser nnd freier die Verbindung niit den Polarmeeren 
ist, desto niedriger iat an diesen Stellen die Bodentemperatnr. 

4. Sie ist desbalb im Sud atlantiscben Ocean niedriger ale im 
Nordatlantiscben, mit Ausnahrae naturlicb derjenigen Stellen, welche 
uumittelbar dem Einfluas dea arktiacben Unteratromea ausgeaetzt 
sind, wie z. B. an der Kuate Ton Neu-Scbotlland, 

Im Slid atlantiscben Ocean iat die Bodentemperatnr 0" oder 
wenig daruber, im Nordatlantiscben Ocean I".7 oder wenig da- 

5. Die Wirkung des antarktiscben Stromes debnt aicb bla 
weit nordwarts vora Aequator ana (nach den Unterauchungen der 
,, Gazelle" bis circa 36* N.-Br.), weil er in Folge der freieren 
Verbindung des Atlantiscben Oceans mit dem antarktiscben Meere 
kraftiger ist, als der arktiscbe Unferatrom. 

6. Unter der von der Sonnenwiirme unmittelbar beeinflusaten 
oberen Wasserscbichl , welche bis zu GO — 80 Faden unter die 
Oberflache reicht, ist allea Wasaer im Nordatlantiscben Ocean bis 



136 



■. Bogtti 



jser Id gleichen Tiefen am 

mittlerc Teniperatur der 

I 2^** warmer, ala in der 



zum 40" N.-Br. wiirmer ills iliia W 
Aequafor, und zwar ist in jenem d 
Schichten bis zn 1500 Faden Tiefe i 
gleichen Tie fen sell icht am A equator. 

7- Dua kiiltere antarktische Wasser mit eincT Temperatnr von 
0° bis AM C. steigt am Aequator bis zu ciner Ilobe voo 300 
Fiidcn unter der Oberflache and hitdet daselbst eine Sehieht von 
uber 2000 Faden Dicke, und auch von der Oberiliiche bis zu dur 
Tiefe von 300 Faden macht sich eine sehr raecbe Teniperatur- 
abnahme bemerklich: wabrend namlicb innerbalb der ersten 100 
Faden die Temperatur des Wassers von 26° an der Oberflache 
bis 13° C. fallt und von da bia zu 300 Faden Tiefe bis zu 
i''A C. , ist im Gegensatz zu der ausserat dunnen Oberilachen- 
Bchicht mit vfiirmerem 'Wasser die ganze "Wassermasse bia zn einer 
Tiefe vou 2400 Faden am Boden, also in einer Machtigkeit vun 
2100 Faden, von einer sebr niederen Temperatur, welclie von 
4''.4 bis 0".2 am Grnnde abnimml. 

8. Auch das geringere apecifiscbe Gewicht, also auch eia 
geringerer Salzgebalt des Waasers unter dem Aequalor von der 
Oberflache bis zura Meeresboden als im Nordatlantischen Ocean 
gefunden worden ist, anf dessen Boden im Durchsehnitt dasselbe 
Hpecifiscbe Gewicht (1.0263) dea Wassers bestimmt wurde, als 
unter dem Aequator an der Oberfiiiche, zeigt daa Aufsteigen des 
kalteu Bodenwaaaers bia nahe an die Oberflache in den iiquato- 
rialen Theileo des Atlantischen Oceans deutlieh an. 

9. Die grossere Wiirme liea Nordatlantischen OceaDS im Vcr- 
gleich zu dem Sudntlnntischen in denselben Breitenparallelen und 
ea den iiqnatorialen Theilen desselben ergieht aich aus der Be- 
trachtung dea Verlaufes der Taothernie von 4''.4 (40" F.), welche 
im Nordatlantischen Ocean innerhalb der Breiten von 20" bia 36" 
bis zu einer Tiefe von 700—900 Faden hinabreicht, im Sudatlan- 
tischen Ocean innerhalb derselhen Breiten siidlich vom Aequator 
betrachtlich hoher liegt, namlich iu einer Tiefe von 3G0 bia 300 
Faden eben sowie in dem tropischen Theile zvfiachen 20" Sud- 
Breire und 20" Nord-Breite. 

Ebenso steigt die Isotherme von 1".7 oder 35" F, (des kal- 
ten Folarwasaers) in dem Sudatlanlisehen Ocean au vielen Stellen 
bis zu 1500 Faden nnler der Oberflache herauf, witbrend sie im 
Nordatlantischen Ocean nur bis hiichstena 2200 Faden hinaufreichl, 
nnd auch das nur in dem westlichen Theile desselben, in der 
Nahe der Bermuda-Inseln. 

10. Der wahre Golf- oder Florida-Strom ist nur ein scharf 
begrenzter Fluss von stark erwarmtem Wasser; er ist in der Nahe 
vnn Sandy-Hook ungeiahr 60 Seemeilen breit und bei Halifax theilt 



Utkte der Forsahongen Qber die TomperaturverhiUtiussB der Oceajie. ] 37 

«f sieh in verBchietlene Streifen in Gestalt einea Delta. Die vom 
Challenger geniessenen Tiefen des Golf-Stromes uberatiegen nir- 
gends 100 Fadeo. Er ruiit auf einer 200 Faden machtigen Waa- 
serscliicht (von 150—350 Faden Tiefe unter der Oberflache), 
welche eine Temperatnr von 158.6 bis IS'.S C. (60—65* F.) be- 
Bitzt. In den nSchsten 300 Faden (bia C50 Faiien) ninimt die 
Teniperatur sehr rasch, namlioh um 1I".2 ab, so daaa die Iso- 
therme von 4°.4 unterhalb dee Golf-StromeB 620 — 650 Faden 
tief liegt, von da bis zum Meeresgninde eratreck* aich eine Sfhidit 
kalten Wasaers von uber 2000 Faden Machtigkeit und eine Bo- 
de ntcinp era! ur von 1°.2 bia 1".6 C. 

11. Zwischen dem Golfslrom und der Kiiste der Vereinigten 
Staaten iat bekannllicli ein kaller "Wasseratreifen (der „cold wall"), 
dessen Teniperatur eben so viel nnler dem der Breite zukom- 
aienden Mittel liegt, ala die des Golf-Stromes iiber demaelben; 
man hat ihn bisher als die Fortaelzung des „Gronliindischeu und 
Li ab rad or- S Ironies" betraclitet, hat aher als Beweis dafiir aueser 
seiner niedrigen Temperatur, keine nach Snden gerichtete Ober- 
flache nbewegun g von New York bis znr Florida - Strasee wahr- 
nehraen knnnen; der Zusammcnhang dieses kalten, vom Gnlf- 
strom Bcharf abgegrenzten Waascrstreifens, niit dem unter demsel- 
ben belindlichen arktischen "Wasser ist aber jetzt dnrch die Un- 
tersuuhnngen des „Challenger" ewischeu Bermuda und Halifax 
liargelhan, indent die Isothermen von 7". 2 und 4". 4 (45° und 
40" F.) desto hoher hinaufsteigen, je naher man der Kuate konimt, 
und in der Nahe von Sanibro - Island bel NeuEchottland das 
Wasser in einer Tiefe von 83 Faden eine Temperatnr von l".? 
jieigt, welche audlich nicht weit davon crat bei 2000 Faden Tiefe 
vorkommt. 

12. Das warraere "Wasser der oberen Meeresschichten, wel- 
ches sich vom Aequator nach den Polen zu hewegt, erbalt durch 
den EinfluBS der Rotation der Erde eine mehr oatHche Rich- 
tung in Folge der ihnen innewohnenden grosaeren Rntationage- 
Hchwindigkeit von Weaien nach Osten; dagegen werden die kal- 
ten, polaren Unterstrome durch denselben Einfluss nach Westcn 
abgelenkt, well sie eine geringere Eotationsgeschwindigkeit mit 
sich bringeu, und machen sich deahulb in den weslLicben Theilen 
des atlantischea Beckens mehr bemerkbar, ala in den osttichen; 
daher ruhrt auch die im Allgemeinen niedrigere Teniperatur des 
weatlichen Atlantiachcn Oceana ini Yergleich zu dem osllichen: Ea 
liegen z. B. die laolhermen von 4°. 4 bis l".? im Westen um 
200 Faden hiiher hinauf, ala im Osten und die Bodentemperatu- 
ren aind um 0".5 bia C-S niedriger. 

13. Das kaltere antarktJBche Bodenwasser tliesst langs der 



^i 



"Weatkastc Ton Sudamerika durch die schmale Rinne zwischen den 
Bndenerhebungen , die sicU von Panls Rock aus weiter nacli 8u- 
den erstrecken, uod der Kuste von BrusilJen weiter nach NW. 
in den NordutJantischen Ocean hinein, 

14. Wenn aber auch das WasBer im "Westatlantiachen Ocean 
im Allgemeinen kaller ist, ab das ire Oatatiantischen (s. 10 — 12), 
BO gilt dies nnr fur die Theile Biidlich vom nordliclien Wendekreis 
nnd nordlich von diesem for die fieferen Schictiten desselben; 
zwischen 24" nnd 40" Nord-Br. ist dagegen das Wasaer in den 
oberen 800 Faden unter der Oberflache in der westliehen llalfte dee 
Atlantischen Oceans ^va^me^ als in der ostlichen. Die Frage 
nber die richtige Erfclarung dieser Erachetnnng bleibt noch eine 
offene, namlich ob sie, wie Nares vom „ChaIlenger" meint, 
ein Zweig dea Golf-Stromea sei oder ob sie, wie Carpenter aus- 
fiibrt, dnrch die Fortfubrung dea durch fortgeset^te Inaolation 
starker erwarmten tropiachen Wnssers unter der Oberfliiclie in 
hohere Breiten und die Ablenkung desselben nach NO. (s. No. 12) 
herznleiten sei. 

Die zur naheren Erlanterung dieser allgemeinen Ergebniese 
dienenden speciellen Augitben aind in den offiziellen Berichlen 
des Capitain Nares nnd in Carpenter's eben erwahnter griisaerer 
Abhandlung uber die allgemeine Circularion des Oceana nieder- 
gelegt, auf welche nm so mehr bier verwiesen werden kann, als 
sie zum Tbeil in verachiedenen Zeitachfiften bereits veroffent- 
licht sind. 

Weniger allgemein bekannt, weil noch gans; neu, aind die Er- 
gebnisse der TemperataninferBuchungen dea westliehen nnd mittleren. 
Atlantischen Oceana durch die ,, Gazelle", welche von Juli bis 
Ende September 1874 unter der Leitung des Freiherrn von 
Schleinitz von dem Capitain-Lientenant Bendemann ausge- 
fiihrt, und deren Hauptresultale in der zu diesem Vottrage bei- 
ge fugte a Karte*) graph iach dargestellt eind. 

Die vier Diagrarame dieser Karte zeigen den Verlanf der 
Meeresisothermen nach den mit romischen Zi£Fern bezeichneCen 
Temperaturcnrven, welche an Bord der ,, Gazelle" durch Beobach- 
tungen von Reihentemperaturen beetimmt worden sind — (und 
den gleicben Ziifern der unten folgenden Tabelle entaprechen), 
sowie die vertlcale Temperatur -Vertheilung bei den einzelnen 
Cnrven, endlich die dahei gelotheten Tiefen und danach die un- 
gefabre Gestaltung des von der „Gazelle" dnrch forschten Thei- 
les dea Atlantiachen Oceans, von Plymouth uber Madeira, die Cap 



Seililtale drr F.)ri 



.■liiiHpe.1 



.r^i-Tn 



iTlilillniflfif derOcpane, 13! 



Terde'echen Tnseln, die "Wcstkuste von Afriks bei Liberia (Mon- 
rovia), ferner uber AsceiiBion und die Congo-Miindung (Banana) 
bis aur Capatadt, Die unler den roniischen Ziffern der Tempe- 
ratDrcurveD etelienden ZufalenaDgaben bedeuten die an den betief* 
feoden Slellen gcfundenen Oberflachen-Teniperatiiren. Zur naheron 
Erlauterung iat in nnchsti'Lender Tabelle, welche im Ausiuge der 
Tabelle I der ..IlydrographiBchen Mittheilungen" 1875 N'o. 5 

"i I i Tfm 

:r I. D.tu:n «^^' -"'-f- 2 = 1 1^1 

11 U 1874. ,„,. I ,„.„. i I I IH IM 



Ih Lis zu 


deu Cap 


Verde' 


flchen 


Ingeln. 


44" 30' N 


ll"43' W 


4389 


8400 


2.4 


42" S.3' „ 


14''38.2' „ 


5103 


'i-m) 


2.5 


38" 48' „ 


17M9' „ 


4663 


■im> 


2.3 


35" 43' „ 


1T50' „ 


4614 


afi2a 


2.7 


33" 52 3 „ 


17" 36. 8 „ 


3700 


«)23 


2.5 


31" 12' „ 


20° 44- „ 


461 8 


«525 


2.3 


27" 41. 7 „ 




4773 


2610 


2.3 


23" 19' „ 


23" 21.1' „ 


5057 


2765 


2.3 



'J. Vuu den C 


ip Verde 


BClioo Ina 


eU b! 


s Asc 


nsion. 


I 


JuH 31. 


12" 29' N 


20"16.I'W1 


4585 


2540 


2.20 




Aug. 1. 


10" 12.9',, 


17"26,5'„ 


678 


370 


6.4S 




T, 4. 


6" 27.8',, 


U°20,2'„ 


70 


38 


15.00 




„ 1. 


4" 40.1' „ 


9" 10,6',. 


111 


60 


14.44 


11 


„ 3. 


4" 18.2' „ 


10»37.1' „ 


4755 


2(i00 


2.60 


III 


„ 9. 


3" 20.3' „ 


11"19.4'„ 


4838 


2640 


2.33 


IV 


„ 10. 


3° 30.0' „ 


10" 2.3',, 








V 


„ 10. 


3" 55.9',. 


10*20.5',. 








VI 


» 13- 


0»39.0'„ 


13" 14. 7',, 








VII 


„ 13. 


0"55.9'e 


14" 22.8' „ 


2999 


1640 


2.65 


VIII 


,. 15. 


4" 8,6',, 


15" 4.4',, 


3931 


2150 


3.30 


IX 


„ n. 


7" 45.0- „ 


14"43.0'., 


3768 


■2060 


3,30 



I 


Aug. 21. 


6° 15,4' 8 


12« 0,1'W 


2647 


1450 


2.59 


II 


„ 24. 


4" 42.4',. 


7017.8',, 


4252 


2325 


2.22 


III 


,. 37. 


2" 42.2' „ 


0"57.8' „ 








IV 


,. 31. 


5" 3.6',, 


8" 57.9' 


3475 


1900 


2.39 




Sptbr. 1. 


6" 22,1',, 


11"4I,0'„ 


185 


101 


13.33 



I Sptbr. 10, |10"56.8'8| 
„ 13. 15" 19,5',, 
„ 17. 24" 24.4' „ 



10" 33.8' 

e°4i.i 

0"11.9' 



13840 I 
5130 
51G7 
3566 I 



140 

entnommen ist, eine Ueberaiclit der Tiellothungen nnd Messnngen der 
Bodentemperataren diirch die „ Gazelle" von den Cap VenJc'schen 
loseln Mb zur Capstadt wiedergegeben ; sie enthalt die Nnmmerii. 
der Lothnng und den Ort der Lothung, die gelotbete Ticfe in 
Metern und Faden und die dabei gefundene Temperatur dea Mee- 
resbodens, endlicL die Temperatur der Oberflache dea Meeres aa 
dem betreffenden Lothungsorte. 

Die hauptaachlichsten Resultate der nntcr der Leitung dea 
Herrn von Schleinilz an Rord der „Gazelle" angestelUen 
Keihentcmperatur-Beobuchtungen las a en sicb folgendermassen zu- 
sammeDStellen. 

Zunachst deuten die bei den Eeihenteniperatnr-BeobachtungeQ 
zwiachen Plymonth nnd den Cap Verde'achen Inaeln gefundenen 
Ergebnisse darauf bin, dasa die Temperatur von 10° der ungefahr 
400 Fadeu unter Wasser ]iegenden Isotbernie eine Art Mittel-wertt 
ist, d, h, die betreffende Wasaerschicht kaun als eine neutrals 
zwischen den kalten Polaratiomen und den wariuen Oberflachen- 
stromen angesehen werden. 

In etwa 36" Nordbreite und 17 — 18" Weatliinge zeigte aich 
eine eigenthnmliche Seokung der Isothernie von 10" C, sowohl 
von Norden, als von Siiden her; diea bedeutet eine allmalige Zu- 
nahme der unteren Wasser teniperaturen von Norden nnd von Siiden 
her nacli derselben Breite bin unter den Meridianeri von 17 — 18" 
Weat ; hier scheinen sich alao die arktischen nnd antarktischcn 
Bndengewaaaer zu begegnen, oder viebnehr so weit reicht der 
Einflusa dea kalteren antarktiachen Polaratromee. Bei den Tem- 
peraturreihen-Beobachtnngen zwiachen Monrovia, an der Weslknste 
von Afrika, und der Inael Aacenaion zeigten aich in der Gegend 
von 3J^ bis 4" Nordbreite und 10— lO;^" WeBtlauge eigenthum- 
licbe Storungen in dem Gange der Temperatur zwiachen 800 bia 
1000 Faden (1763—1829 Meter), indem das "Wasser in diesen 
Tiefen warmer, als weiter aufwarts, gefunden wurde; aie lasacn 
aich dnrch das in dieaer Gegend atattfindende und his in groase 
Tiefen noch bemerkbare Zusammentreffen der zwei machtigen 
Waaaermaasen der Guinea- and der Aequatorialslromung erklaren. 
Audi an der Oberflache zeigt aich ala Polge dieaes Zuaammen- 
treffens ein Urosetzen der ostlichen Stromrichtung des Giiinea- 
slromea nach Slid zu Weat und apater aogar nach SW. und West. 
Das an sicb leichtere und aalzavmere , aber dnrch Mischung mit 
dem Waeser des Aequatorialstromea nnd dnrch gleieh/eitige Ver- 
dunatnng achwerer gevrordene Wasser des Guineastromes ainkt 
abwarts, behalt aber dahei noch eine hohere Temperatur, als das 
von Sud herauikommende und wird von diesem nach Norden , an 
den Ort der Storung (4° noidl. Br. nnd 12° vestl. L.) zuriick 



KiiilHte der Forsthungfii lil., r ilia TeinpErnlai 

Tcrsetut, Aber erst 300 Seenieilen welter audJith zwischeo f)" 
39' Nord- und ()" 56' Siidbreite nnd in 13 — 14" Westl.ange 
(von Greenw.) haben sicti die Waaser beider Stronie an der Ober- 
flache ■wirklich mit einander vermiacht, denn Lier fand die „Ga- 
zelle" Oberftachen-Temperatnren von SS^.C und 21 ".7, wiihrend 
5' weiter nach Norden aie 25". 7 betrng. Dieselbe wirkliche 
Grenze dea Guinea- nnd dea Aeq unto rial at romes wird auch von 
den specifischen Gewichten des Oberflachenwasaers angezeigt. 

Der Verlauf der Isotherme von 12" C. von 12'^" Nordbreite 
nud aOJ^" Westlange bis zu dieser Grenze der Guineaatroinnng 
zeigt, dasa das "Wasaer bis zu einer Tiefe von 200—300 Fadon 
a.n der Guineastroniung Theii hat, wiihrend der Verlauf der lao- 
thermen von 10° und darnnter die Zugeborigkeit siu der nach Nord 
sctzenden antarktischen Strnniung erkennen liissl. 

Eine eigenthumljche Eracheinung bietet die laotherme von 4" 
dar, welche fast ganz parallel den beiden obenerwiihnten (a. Sette 
126) BodenerhehuDgen bei der Insel Aacenaion verliiuft und zu 
deni Schluaae berechtigt, daas dort, wo einem Strome cine nicht 
plotzlich anateigende Hank von grosaerer Auadehnung entgegen- 
tritt, die TeniperatQi" dea unteren Wassera sich mit der Bank Jiebt 
und senkt; hienach durfte die Bodenformation des Oceans einen 
nicht gering zu schatzenden Einfluaa ttnch auf die unteren Stro- 
mangea dea Meerea auauben. 

Bei einer Vergleichung der wahrend der Fahrt der „Ga- 
zelle" im Atlantiachen Ocean erhaltenen Ergebniaae uber die 
Tenipcratarvertheilung in dcniaelben stellen sicli folgende Tbat- 
aachen heraus: 

1. Fijr nahezu gleiche Breiten audlich und nordlich vom 
Aeijuatiir findet man erhebliche Temperatur-DifFerenzen, welche 
dem TJeberwiegen dea kalteren antarktiachen Stromes ubev die 
arktische Stromung entsprechen : > 

In 83" Sudbreite liegt die 3" Isotherme in einer Tiefe 
von 1280 Metem oder 700 Faden, die 10" laotlierme 
567 Meter oder 310 Faden tief. 

In 34" Nordbreite liegt die 3" laotherme 2560 Meter 
Oder 1400 Faden, die 10" laotherme 987 Meter oder 
540 Faden tief. 

2. In dcraelben Tiefe von ra. 914 Metero oder 500 Faden 
findet man auf deraelhen Breite nordlich vom Aequator eine Tem- 
peratur von iiber 10" C. und audlich vom Aequator eine solche 
von 4" C, alao den anffallenden Unterschied von 6 Grad. 

3. Ein ahnlichea Reaultat ergiebt sich ana einem Vergleiche 
zwiachen 24" Sudbreite und 23" Nordbreite, indem in ereterer 
Breite die laotbcrrnen von 0" 613 Meter oder 340 Faden, in letz- 



142 P- GuaBfeldt: 

terer 1353 Meter oder 740 Faden, also melar ala dnppelt so tief 
liegt; in derseiben Tiefe von 475 Metern oder 2€U Faduu Lat 
loan iiii Nordea 13 ".3 und im Sildeti 8"; an der Oberilache im 
Siideu 17**. 5 uud im Norden 22", also Differenzen von 5 ".3 
bezw. 4". 5. 

4. Daa Mittel der Waaaertemperaturen in 34° Nordbreite 
belragt ungefabr T".!, dasjenige ia 33*' Sadbreite nugefdiir 4°. 7, 
die Differeuz alau 2°.i. 

5. Die niedrigste Bodeoteioperatar betrug in 33" Sudbreite 
and nur 1950 Faden (35G6 Meter) Tiefe 2".l C, wahrend in 
34— 3li" Nordbreita und in Tiefen von 2023—2523 Faden die 
Bodenteuiperatur 2". 5 bis 2". 7 war. 

G. Die niedrige mitllere Teiuperatur uater dem Aequator, 
welche ungeiahr 4".S betrugt, ulao nur 0".l mebr als in 33 " 
Sudbreite und 2". 3 weniger, als in 34" Nordbreite, ist eine wei- 
tere Beatatigung der auch von deui „Chailenger" aufgefunde- 
nen Thatsache des Aufsteigena des kalten Wusaera unter dem 
Aequator bis nahe an die UbertliicbB des Meeres , wodurcli die 
Geaamiut-Temperatur der verticalen Scliicht biu zum Meereaboden 
abgekuhlt werden moss. 



vir. 

Berieht Dr. Paul Gtisafeldt's fiber seine Keise an den 
Nliaiiga.*) 

Nachdem sich alle Umstunde vereinigt batten, um den Auf- 
brucU fur die grossc, auf nnbestiiiimte Zeit und unbestiiuinte Feme 
berechncte Expedition uamoglich zu mueben, nacbdem ungeahnte 
Schwierigkeiten die Besciiaffung der geeigneten Trilger Monate zu- 
weit hinausgeruckt batten, die fiir nothig erachteten weissen Ge- 
iabrten nicbt zur Stelle waren, eine groase Zahl ausaerat wicbtiger, 
ja unentbehrlicher Gegenatande fiir die Expedition niit der ^^i- 
beria" geaunken waren, noch lange bevor aie Afrika erreicbt batten, 
kurz nachdem Alles aich so gestaltet hatte, daas der Aufbruch fur 
die groaae Expedition als eine mit dem ernsten Character derselben 
nicbt vereinbare Gewiaaenloaigkeit erscheinen musate, beachloaa ich, 
eiuen auf 4 — 5 Monate berechneten Voratoas in ^O.-Ricbtung vom 



Beridit iiber die Beiau an deu Nkanga, 143 

Qnillu au8 zu uDternehmen. — Wie die Diuge lagen, nmsste Ich 
mich daxa bequemen, die hierfur Duthige Trtkgerzuhl uuf gut Gluck 
Eu beschaffeD , woilurch die Chancen des Eriblges freilicli achon 
von vornherein herabgedruckt wurden. 

Ich war eret karz vor meinem Aufbruch aua Cbiochoxo dorthin 
Ton nieiiier Reise aus Luandii zuriickgekebrt, von dereu Erfolg — 
ea bandelto aich um Bescbaffuiig von 100 Leuten — das apiitere 
Sctiicksal der Expedition bauptaacblich abbangen wird. Die wenigeu 
Wochen, welcbe mir gelassen waren, reiditen eben bin, das fur 
die beabsicbtigte Reiae niithige Gepitck auszuwablen und in einzelne 
Tcagerlaaten za vertheilen, und ich muaate ea bia zu meiner peraon- 
liehenAiiwesenbeit am Qnillu vetaehieben, die niithigeu Leute zu enga- 
gireo. — Buchaeaniacher Linduer war mein einziger Begleiter. — Be- 
reits aeit meliieren Tagen vora Fieber ergritfeii, reiate ich am 2U. Juni 
Nacbta ab, erkrankte auf der Reise in bedenklicher Weise und 
scbleppte iiiicli nar niit Muhe nacb deni Quillu. Lindner hatte das 
Gepauk siur See naoh Loango — 5 Stunden, bevor Quillu erreicht 
■wird - — gefiihrt und macbte mir da^elbst die Meldung, dass ein 
Theil deaaelben Havarie erlitten babe und zwei unaerer Blech- 
koffer Gber Bord gegangen aeien. Alle Sacben muasten ausgepackt 
und nntersucbt werden. Ein nachtlicher Diebstahl in meinem 
Zimmer, wo ich im hefdgen Fieber lag, beraubte micb uoch an dem- 
selben Abend, an dem ich Lindner's traurige Zeitung vernabm, einiger 
meiner koatbarsten und nnentbebrlichaten Gegenstande. Im Quillu 
bedurfte ich der gauzen, mir noch gebliebenen Kraft, um bei den 
fortgeselzteti Fieberanfdileu nicbt dem Aerger zu unterliegen, welchen 
mir daa Engugiren der Trager (Loangoleute) tiiglich und atundlich 
bereitete. — Trotz aller Bemuhungen konnte ich nicbt die notbige 
Zahl Leute erbalten, relate aber den Flusa aufwarts, daa Gepack 
in drei Canoe's bis zur hollandischen Factorei Majombe aendend. 

In Majombe erreichte ich scbeinbar meinen Zweck und fand 
die nocb feblenden 23 Trager (Bajombe's). Der Miiracb beganu 
am 6. Juli und damit die endlosen Qualereien, denen ich von 
Seiten meiner Trager auagesetzt war. Der Zug ging durch daa 
Waldgebirge Majnmbe'a auf der rechten Quiliuaeite und iiberacbritt 
den Strom weiler oberbalb bel Cliitabe an der Grenze der Ba- 
jnmbe's und Bakuiuja'a (nacb portugieaischer Schveibweiae : Bacuuha). 
Hier floben 23 von den 60 Schwarzen, die ich bei rair hatte. Mit 
genauer Nolb knnnte ich das Gepiick der Expedition retten, iudem 
ich nacb der Qnillumandung zariickkehrte. 

Icb hatte die Erfahrung, duss sicb ohne zuverlassige und be- 
waffnete Leute uuf einer Expedition in groaserem Styl nichts aus- 
richten liisat, aehr empfindlich bezablen niuaaen. — Nachdem ich 
vergeblioh vereucht hatte, einen anderen Lingsteir und eine kleine An- 



144 



zalil von Leuten zu erhalteo, mit deneu icli Aann ziim zweilen Mai niid 
in viel beschrankterer Ausrustung ullein einen Vorstoss wagen -wullte, 
beBchloss ich, zuniichst lungs der Kuste nach Norden za gehen, 
und einen passenden Punkt fur das Eindringen in den Continent 
daaelbst aoafindig an machen. Aber ea war . dringend nothig — 
wenn ich nicbt achon in der nachaten Zeit unterliegen wolite — 
meinem , durch eine lange Kette von Fieber-Aniallen und durch 
das innere Leiden heruntergebrachten Korper eine kurze Erbo- 
lung zu gonnen , und deslialb verbrachte ich einige Wochen in 
deni Hauae des Herrn Reie. Auch bier woUten die Fieber nicbt 
weicben, and taglich gruben sich nene , bichos " in die bereits 
niit wunden Stcllen bedeckten Fuaae ein , ao dasa ich aicht an- 
ders ala mit niedetdruckender Sorge in die nachate Zukunft blicken 
konnte. Nur mit Muhe voileudete icb deo Bericlit fiber die 
aoeben beendete ungliickliche Expedition and stellte eine Reihe too 
Beobaclitungen mit dem Univeraal-Instrument , wie mit dem Sex- 
tanten, zur Bestiraninng der Lange der Quillu-Mundung an; mehr 
als einiiial unterbracb der S«huttelfro8t meine Berecbnungen und 
trie!) micb von dem Arbeitstisch direct in's Bett. Dazu kam, daas 
der Hiramel nieist trobe war, dasa sicb oft Tage lang weder Sonne 
noch Sterne zeigten, die Witterung fiir afrikaniscbe Gewohnung 
faat ranh genanut werden musste, und eine fast uunnterbrocbeue, 
Starke Calemma langs der Kiiate wntbcte. — Zur Charakterisirung 
des meteorologiacben Zuatandea gebe ich die folgenden meter, re- 
ducirten Ablesungen. 



Juli 22. 


a'' 


Futlju'BChiB 


Fsvclir 


..... 


Feuclitig. 


nnq«an.ek. 




338.15'" 


22.20<'C. 


la.scc. 


76 X 


G.64'" 




10'- 


339.19 


19.68 


19.22 


9C 


7.20 


« 23. 


6.7'' 


339.02 


18.24 


17.48 


9-' 


6.86 




2'^ 


338.00 


21.96 


19.40 


78 


6.72 




10^ 


339.03 


20.20 


19.00 


89 


6.89 


» 24 


GA^ 


339.11 


20.00 


19.02 


91 


6.97 




2'' 


338.48 


21.80 


18.78 


74 


6.32 




10'' 


339.03 


20.22 


19.20 


90 


7.04 


. 25. 


G.6'' 


339.01 


20.18 


19.38 


93 


7.18 




2^ 


338.18 


22.08 


20.0S 


82 


7.16 




9^ 


338.92 


20.60 


19.22 


87 


6.96 



Ich hielt ea fiir nothig, micb fiir die nacb dem Norden an- 
ztttretende Reise mit meinem Gepack so eiofacb einzurichten, wie 



Boriclit illier die Reiiie tin ^en Nfann^n. 145 

nor miiglieli, well die dadnrcli «rniogljchle geringere Ajizahl von 
Tr&geru vor allem ein rascherea Fortkommen bedingte. Ausserdem 
musste ich annelimen, dass die jetzt langs des ganzen KustenatricheB 
herrschende HuDgersnnlh — die Folge der auagebliebetien giossen 
Regen — sicli bis in die von mir na beBuchenden Gegenden cr- 
streckeii warde, ja ich hutte Grund za furchten, dasa dieselbe dort 
in noch ernatei-er Form aufgetreten sei, — Aus diesem Grunde 
schraukte ich daa Gepack auf aechs Tragerlaateo ein , aamlich : 
1 Inatrumentenkoffer, 2 BlechkofFer mil Effectea und dem Sextaiiten, 
1 Feldbett niitDecken, und 2 Laaten fiir Kochgeachirr, Provisioneii, 
uud cinsielne Kleinigkeiten. 

Mein nachster Zielpunkt war das an der Kuate unter 3° 28.1' 
und 3" 25.2' gelegene Coango-Mayumba, der nordliche Endpunkt 
jener langeu Kctle voa Factoreien, welche daa liollandische IIuus 
tiber die Westkuate ausgespannt hat. Es fand sich zum Gluck 
eine Schiifsgelegenheit fur mich dorthin , und diea ersparte es mir, 
die lungwierige Landreise zwischen Quillu und Mayumba, von der 
weiter unten die Rede sein wird, zwei Mai zu muehen. — Eeisen 
in Segelsehiffeii gehen tangs dieser Kuste rasch von Statten , ao 
bald sie in der Richtung von Suden nach Sorden gescLehen, weil 
constante Winde und Stromungen die Fahrt begunstigen. In ent- 
gegengesetzter Richtung kann man die funf- bis eehufache Zeit ge- 
brauchen. Ich hatte also Auasicht, mein Ziel schnetl zu erreicben, 
um so mehr, als ein vortrefBicher Segler, der Schooner „Enri- 
qoetl-a " (Capilain Anruth) , zu meiner Dispoailion stand. — 
Wegen der bereits erwahnten lieftigeu Calenia, war es nicht ge- 
rathen, aich in Quillu aelbet einznachiffen, Ich zog es vor, die 
vierstiindige Tipoja-Reise sudwiirts nach Loango zn machen, wo der 
Strand (die nbeach") weit beaaer ist und woselbat der Schooner am 
am 8. August vom dem nahen Ponta negra (Black Point) aus ein- 
treffen soUte. 

Ich brach deshalb, begleilet von Herrn KeVs, der sich gleichfalls 
nach Mayumba zu begeben gedachte , in der Nacht vom 8. zum 
9. August auf und traf am friihen Morgen in Loango ein. Die 
?Jacht war kalt, und unangenehm durcb die Feuchtigkeit, welche 
charakteristiach — namentUch fur die kalte (Cazimba-) Zeit ist. 
Ich sprang ofters aus der Tipoja, um mich durch Gehen zu er- 
wariiien und enipfand es in der Hiingematte als eine Annehmlichkeit, 
mit zwei Rockcn und einer dicken wollenen Decke versehen zu aein. 
— Ueber den Weg selbst langs des Strandes ist ebensowenig zu be- 
richten, wie uber difi meiaten an der Kuate sich hinziehenden Wege. 
So lange der Reiz der Neuheit Sinne und Gemuth belebt, so lange 
man uber der Fremdartigkeit der Pflunzenfornien ihre verhaltniss- 
massige Durftigkeit vergisst, ao lange der unbeirrt wiederkeh- 

Zviucbr. d. GeiellBch. f. Erdk. Bd. S. 10 



rende Wogensdilug und der Blifk ubor das ntieniiliche Meer 
deni Reisenden ein Bild der Ewigkeit von Zeil und Raum aof- 
zurollen Bcheinen, so lange das Gemuth den Contrast empfindet 
zwischen der auf Bcheinbar endlose Slrecken offengelegten "Wasaer- 
flacbe und dem so mysteriiis v^rachlnssenen Continent, so laage, 
sage ich, empfindet der Reisende gewisse ionere Freuden, die 
eben nnr ihrn vorbehalten sind. Die fremdartige Wetse der 
Fortbewegnng in einer tod zwei Xegern getragenen Tipoja, die 
tleine ScLiiar von Sehwarzen, welche larmend der Tipoja folgt 
und in unverstandlicher Weise singt und acbreit, kommen noch 
hinzu, um dem uneingeweihlen Europaer eine Reibe Ton Fragcn 
aufzndrangen , fnr deren Beantwortnng ibm mclir Musse gelaasen 
%¥ird, als er vorliiufig noch abut. — Spater — namentlich, wenn 
man bereita im Inneren gereist ist — ardert sich dies Alles. Man 
empfindet nnr nocb dus Monotone, siebt immer und immer deu 
breiten Streifen trosllosen Sandes vor sich, der das salzige Meer 
von einer knmmerlicben und variirenden Vegotiition trennt, man 
sebnl das Ende der Reise herbei and IreiM die Neger an, deren 
KoifTe Btet9 darauf ansgehen , an irgend einer ganz nncultivirten 
Stelle des Weges einen Halt zu machen. 

Freilich hatte die erwahnte Reiae zwiacben Quillu und Loango 
nichts von alien dieaen Unannebmlichlteiten aufzuweisen. Wir legten 
sie in auffallend kurzer Zeit zuriick und konnten uns in Loango 
einige Stunden Rube gonnen. Gegen 1 Uhr Mittags erscbien der 
Schooner; ein Canoe, wie es sicb gerade engagiren liesa, bracbte 
uns in J^atundiger Fahrt an Bord der ^Enriquetta", die sofort die 
Anker lichtete und wieder unter Segel ging- 

Die „ Enriquetta " gebort dem boilandiscben Hause; sie hat 
eine groase Vergangenheit , denn sie war friiber eine engliache 
pleasure yacht und iat deahalb ein ausgezeichneter Segler. Dank den 
freundlichen personlicben Beziehungen, die icb mit fast sammtlicben 
Reanit^n des grossen Handelshauses unterbalte , fdblte ich tnicb 
ganz zu Haua an Bord, und der Capitain urag:ib mich mit wirklich 
-vaterlicher Sorge und stellte mii Alles, waa aein SchifF an Comfort 
bieten konnte , zur Diaposition. — Leider konnte icb seine Auf- 
merkaamkeiten nicht in dem Mausse geniesaen , wie es bei gerin- 
gerem WogenscbwaDe der Fall geweaen ware; abcr aueh andere, 
gegen Seekrankheit viel gestahltere Constitution en unterliegen den 
"Wirkungen der Calema-Wogen , die das Schiff, statt es hlosa zu 
hebeu und zu senken, noch in widerwilrtiger Bewegung um seine 
Langsachse scbaukelu oder schlingern lassen. — Wir machten 
eine acbnelle Fahrt und batten gerecbte Hoffnung, nach ^4 Stunden 
vor Mayuniba zu ankern; leider aber warcn wir wahrend der 
Naclit zu weit in See gegangen und batten die Kiiale am folgenden 



Vlorgen (10. August) ans den Augen Terioien. Dieser Zeitrerlust 
war verhangnisBvoll, denn wir crreicliten unser Ziel nun nicLt mehr 
im Laufe dea 10., sondern mussten am Aliend dieses Tages in der 
N'iihe der Kuste Aciker werten nnd kamen erat am Vorniittag des 
11. vor Mayuraba an. Aber seit der Pruhe war dJe Calema hef- 
tiger geworden, so heftig, dasa wir nicht an Land gelien konnten. 
Die nacbeten Tnge lagen hoffnnngslos vor uns, denn aaf ein baldiges 
Aufhijren der Calema war in dieser Jahreazeit nicht eu reehnen. — 
Das Wetter war aowohl wahrend der Fahrt, als aucb bei uDserer 
Ankunft fiber alle Maassen trubselig. — Peine Staubregen douteten 
darauf bin, daas die Zeit der ^kleinen Regen" verfriilit im Au- 
riickeii sei, und dass die Cazimba-Zeit, wo es hochstena in den 
fruben Morgcnstunden uaas fiillt, ihr Ende erreidit babe. — Die 
Kuste erscihien in Nebelschleier gehullt, Jedocb noch durehBicblig 
gcDug, dass man die reiche Mannigfaltigkeit ihrer gebirgigen Con- 
figuration erkennen konnte. Die Bergsiiige warden bereits sichtbar, 
aobald man den Quillu passirt hatte, und es ist keine Prage, daes 
das Raudgebirge, welcbes aich in Majombe weiter nach dem 
Inneren zuruckzielit, nordlich dSvon entweder aelbat an das Meer 
tritt. oder doch wenigstena Auslaufer dorthin enlaendet, Man konnte 
an einzelnen Stellen mehrere hintereinander gelegene Bergziige, 
ebenso einzelne Kuppen deutUcb nnterscheiden, und ich lausste es 
mir vorbehalten, durch die projektirte Landreise einen nahereo Eiu- 
blick in dieae VerbaltJiisae zu gewinnen. 

Das Unbehagliche der Stimraung, das die Witterungs-Ver- 
baltnisse hervorbrachten, lasst aich kaum beacfareiben. Der Himmel 
blieb uniinterbrochen gran, und da, wo er sich rait der Erde zu 
vereinigen scbien, bedeckten graue, feucbte Nebel, die von den Bergen 
trage aufstiegen oder stundenlang auf ihnen klebten, den Hnriznnt. 
Die Sonne, zwar nicbt im Stande, hindurchzubrechen tind durch ilir 
glameendes Licht zu beleben and erfreuen, hatte genng von ihrer 
Kraft behahen, urn Fieber zu erzeugen. In der Nacht und aelbst 
wahrend eines Theiies dea Tages war es kalt, nnd es bedurfte 
gaj nicht mehr des fein niederrieselnden Regena, um die Situation 
recbt trube zu machen. Ala ich nacb ziveitagigeni Aufentbalt an Bord 
die Seekrankheit gluckiich abgeschuttelt hatte, bekani ich am Abend 
des dritten Tagea einen Fieberanfall. Ich blieb deshalb die Nacbt 
uber auf Deck, weil ich den Schiffsgeruch in der Kabine nicht 
mebr ertragen konnte; ich zog es vor, friscbe Lnft zu athmen, 
und setzle mich dafur gerne dem feinem Spriibregen aus, gegen 
den mein Schirm auaserdero noch leidlichen Schutz hot. Von eineni 
eigentlichen Schwciseatadium zur Hebung dea Fiebers konnte dabei 
keine Kede sein, und ich muss gestehen, dass, als ich mit an- 
brechendem Morgen im ZusLinde grosser Schwiiche und Ermattung 

10* 



1^8 P. Gfis3fel.U; 

von dem beftig athwnnkenden Sehiffe aus durcb eiue dicke, nassende 
Atmoaphare tiuf die nebelumhullte Kuste sah, die Hoifiiungslosig- 
keit auf baldige Aenderung niich hart bedruckte. Die Factoreien 
Mayamba's lagen vor mir, faat in Biicbsenschussweite — und warea 
docli ao unerreichbar fern, Als wir mehr als 48 Stunden so ge- 
legen hiitten, wurde ein Canoe niit ScLwarzen langseit geachickt. 
Die Calema wuthete noch immer sehr atark, und es war sehr die 
Frage, von welchem Erfolge die Ausacbiffiing begleitet sein wurde. 
SowobI der Capitain, wie Herr KeVe neigten sich der Ansicbt za, 
daas es besaer sei, zu warteo. — Ich war aber bereits so deaperat 
gewordeu, dass ich mich des Risikoa dea Unischlagens lieber un- 
terziehen wollte, ala langer an Bord zu verweileu und mich be- 
stiuimt fur das an Land Gehen ausapracb ; und da man boflich 
genug war, die Enlscheidung der Frage in meine Hand zu legen, 
so lieasen wir nns einer nach dem anderen in daa Canoe hinab. — 
AH mein Gepack, mit Auaniihme der notb wend igs ten Gegenatande, 
blieb vorlaufig am Bord, — Dass wir ohne umzuacblagen , ja 
sogar trockeu , an's Land kamen , ist hauptsachlich der Bnergie 
lies Capitains und dem guten Gluck, das mir in extremen Lageo 
zu lachela pflegt, zu danken. — Der Strand achien wiibrend 
der Fahrt vortrefflich; als wir una aber der gefahrtichen Region 
naherten, d. b. der Zone, wo die rollende Woge sich bricht und 
iiber dem Fahrzeug, statt es zu heben, die Fulle ihrea "Waasera 
ergiesat, kamen neue Wogenzuge heran, und ohne ein energi- 
sches Zuriickgeben waren wir ihrer Macht unterlegen. Sobald 
aber die nachate Pause eintrat, lieas der Capitain mit alien Kraften 
rudern, und wir kamen unveraehrt an'a Land. In dem Augen- 
blick, wo das Canoe den Sand bcruhrte, sturzteii, wie uberall ublich, 
die am Strande befindlichen Neger herbei, urn den Weiasen 
an's trockne Land zu tragen. Ilierin benimmt sich die scbwarze 
Gesellachaft in der That mit lobenswerther TJneige.nnutzjgkeit. 

Ohne die Benutzung der Periodicitat in der Calema, welehe 
darin besteht, dass auf eine bestimmte Anzahl hober "Wogen eine 
andere, bei Weitem kleinerer folgt, wiirde ea in vielen Fallen un- 
moglich aein, eine Landung oder Einschiffung an der westafrita- 
nischen Ktiate zu bewerkatelligen. Die Anzahl der hohen Wogeu 
bleibt fiir denaelben Ort oft lange Zeit hindurcb conatant, und ea 
ist Saehe eines guten Bootpatrao'a , dieaen Umatand zu benutzen. 
Zahit er eine Woge zu wenig, so kann sein Fabrzeug sofort beim 
Auagehen urascblagen ; wartet er vergeblich auf eine weitere grosae 
Woge , ao verliert er seine Zeit und kann sich noeh in der ge- 
fahrliehen Region der breakers beflnden , wenn der nachate Zug 
von bohen Wogen die Kuste erreicht. 

Man pBegt bier an der Kuate mit Mayumba scblechtweg zwei 



Bericlit iiber die R^hb an deti Kli; 

yerschiedene Orte zu bezeichnen, namlich Coango unci das eigent- 
liche Mayumba. Sie sind circa 3 Miles in nahe sadoHtUcber Rich- 
tung von einander entfernt nod durch die machtige, mehrere Tage- 
reisen sich hinzietiende Flusslagune Banhi ode.r Ba'i getrennt. In 
beiden Orlen flnden sich Factoreien; vier in (dem sfidlicheren) 
Cuaogo (I h oil andi ache, 2 englische, 1 portugieaische), 2 in (dem 
nordlicheren) Mayumba {eine portngieaische und eine spaniache). — 
Cnango liegt uiiter 3" 28.1' mid Mayumba unter 3" 25.2' sud- 
licher Breite. Ich sage ^ungefahr", weil ich trotz 20 in Coango 
zugebrachter Tage, nicht einmal Gelegeuheit fand, die Polhohe 
direct zu bestimnien ; bo conlinuirlich bewolkt zeigte sich der 
Himmel. — Die eben angegebenen Zahlen konnen aich aber von 
der Wahrheit nur sehr wenig entfernen, weil sie abgeleitet sind 
au8 der genau bestiniroten Polhohe des Vorgebirges Ponta de Norte, 
dessen Azimut fur Coango ich genau beatiuimt, und desaen Ent- 
fernung von Coango ich inuerhalb 2 Miles genau geschatzt hahe, 
Die Factoreien Coango's dehnen sich langs einer schmalen Dune 
auii, welche die parallel der Kiiste fliessende Banhi-Lagune von 
dem Meere acheidet, Man hat ^ Stunden anf dieaer Diine hin- 
zugehen, bis man die Miindong des Banhi erreicfat, auf deren 
anderer Seite Mayumba tiegt. Die Banhi-Lagune ist hier iiber- 
wiegend mit Mangroven eingefasst; die Dune iat auf der Strecfce von 
Coango nach Mayumba fast jeder Vegetation bar, erst in Coango 
selbst und siidlich davon, wo die Lagnne sich ein wenig mehr 
lanJeinwarts zieht und der Damm breiter wird, tritt Mangrove- 
und Kus ten-Vegetation von einem ganz beatimmtea Charakter auf. Ein 
Blick auf die Karte lehrt, daaa die Kuate bei Mayumba eine Bucht 
bildet, die nach Nnrden ku rait der Ponta de Norte (magnetisches 
iVzimut 159.8° ; Variatjon 17.8* Weat) charakteristiach absehlieaat. — 
Vermoge der Abweichung, welche die Kuate hier von der allge- 
meinen Richtung hat , erklart ea sich wohl , dasa die Brandung 
nicht parallel der Strandlinie, aondern in einem nach Norden ge- 
offneten apitzen Winkel trifft — ein Umatand, der fiir das Landen sehr 
misslich ist. — Kaum 60 Schritt trennen hier das linke Ufer der 
Banhi-Lagune vom Meere. Sie selbat iat HOO — 1000' breit, cr- 
reicht aber weiter oberhaib die 2 — 3fache Breite. Der Blick iiber 
die weite, ruhige, nur durch einige kleine Mangrove -In a ein nnter- 
brochene Fluche und die dahinter aufsteigenden bewaldeten Hugel, 
ist nicht aller Schonheit entkleidet, die ja selten ganz fehlt, wo 
einfache Verhaltnisse ■ in einem groaaartigen Masastabe wiederge- 
geben aind. 

Wer eine Geachichte des westafrikanischen Handela, oder 
richtiger geaagt, der Factoreien schreiben wollte,. konnte in Co- 
ango-Maymnba schatzbares Material finden, denn bier ist noch Allea 



^ti 



> 



150 I'. Gfissfeldt^ 

priDiitiv uiid ebenso wie es zu den Anfangszeiten dcs Handels war. 
Wiilirend audlich vom Quillu der lebhaftere imd baufigere Verkehf 
mit Europa und namentlich dfir knlossale Anfsrhwung des hollan- 
diechen Hauaes an StelJe der Loango- and Bordaii-Hanser (Hanser 
aoB Brettern mit Zimmem, die doch wenigstens einen Anflug von 
Wohnlichkeit haben), geaetzt hat, nnd dem nicht gerade aeltenen 
Mangel bier zu beachwffender Nahrungsmitlel dureh Auaaendung 
enropaiscber Proviaionen vorbeugt, flndet m;in dort die Wohnstatten 
auBSchliesslicb ans bordao ( Bam busp alms) crrichtet, und mit Oe- 
rillbacbaften ausgestattet, welcbe die Inxuriiiser bedacbten Fuctoroien 
ferner zu bebalten ofTenbar verscbmabt haben. Bs kam uir fast 
charakteristisch vor, dass man in Mayaniba, statt auf Schemeln, auf 
Stohlen mil abgebroobener Lehne sitzt. — Die hullandiache Factorei, 
in der ich sehr freandliche AufDubme fand, ist die einzige, in der 
einige Raume mil Breltern gedielt aind, aonst kennt man nur 
Tennenboden mit eingeschlagenen Austerscbalen. Die Auster niimlich 
flndet sicb in scheinbar nnerschopflicher Fiille in der Banbi-Lagane 
und ao zu sagen vor der Thar der Facloreien. Sie iet die Rettung 
der Weiaaen, deiien zuweilen jede andere Nahrung fehlt und die 
Rettung der Scbwarzen, die fast ausschliesslicb duvon leben, des- 
halb nie Nahrungsaorgen baben und sich jeder Arbeit entbalten. 
Dies obt naturlicb fnr die Factoristen eine sebr able Riickwivkung 
aua iu so fern als sie gezwungen ihr gesamnites scbwarzes Arbeits- 
und naus-Peisonal von aiidlicberen Punkten der Ruste beziehen. 
Sogenannte « Momanganibas ", d. h. TagelTibner, zu engagiren, iat 
unraoglich und alle Versuche, die Scbwarzen zur Arbeit beranzu- 
ziehen, bleiben vergeblicb. 

Die Knstenbewobner bet Majumba nennen eiiib noch BaTili's, 
and dieae Bezeichnung erstreckt sicb weiter nordlicb bia etwa znm 
Nhanga-Fluas (Nhanga ist die porta gieaiache Sebreibwejse; wir 
muaaten Kyunga scbreiben, am dieaelbe Auaapracho zu erbalten), von 
dem weiter unten auafuhrlicb die Rede sein wird. — Indesaen 
Bcheint es mir bedeaklich, die zwiachen dem 3" und 4" b. Br. oin- 
geachloaaenen Kiiatenbewobner einer einheillic.hen Race iider einem 
Stamme zuertheilen zu wollen. Die urspiiingliche aehr aparliehe , 
Beviilkerung iat namlicb durcb Zuzugc aus Loango ao stark mit 
fremden Eleraenten durcbaetzt, dasa ihr der einheitKche Cbarakter 
dadurch genommen oder docb wenigstens stark verkummert wird. 
lui nbrigen aind die Bavili'a anf einen so acbmalen Kuatenaaam 
beachrankt, dasa sie dadurch nocb luehr an Bedeutung verlieren. 
Unmittelbaf bintcr ihuen achliessen aicb die Balumbo'a an, deren 
BQdlichea Eude ich vor eineni Jabre voni Quillu aus erreicht babe. 
Sie Bcbeinen sicb alao in maasiger Diatani; von der Kuste, parallel 
daniit, nach Nord-West, etwu bis znm Nhaoga biozuziehen. — Auf 



Berichl fiber dii; Eoisi: iiii Juii NliHngii. I5I 

die Bainiiilio's folgeo dann in bereits grosserer Entfernung vou tier 
Kiiste die Biijaka's, eiii offenbar aber weite Lauderstrecken aua- 
gedebnter und in Bich wieder mehrfach iiuancirt«r Volksatamm, 
dtrn ich durch ojeine Reise in die Bajakalander naher kennen zu 
lernea Gelegenheit fand. — Icb werde es niir dcshalb vorbe- 
halten, spiiter Ausfuhrliches iiber die Bajaka'a za berichten und 
w^ill jetzt uur benisrken, dass Karavanen dcrselben aicht selten 
den hier besprouheuen Theil der Kuste erreichen, Es ist weniger 
die Sucht nach Handel , welcho sie an die I'eripherie treibt, als 
das Bedoriiiiss nach Salz, deesen sie im eigeuen Lande ganz 
eulbehreu. Oieaer Uiuatand hat es zur Fulge gehabt, dass sich 
etwa vim Lougo boudo an nordlich bis uber den Nhanga-Flues 
liinaus eine Kette von sogeoannten casus de sal hinziebt, in denen 
Bavili'e duiuit beschaftigt sind, das Meerwasser zu Salz einzu- 
kochen. Die Salz-Chimbeks oder Salz-Sombren, wie uan sie 
Dennen kann, sind aebr charakteristiach fur diese Kiiste. Sie pflegen 
eiuzeln oder zu zweien zu atebeu and ubertreffen an Groase die 
in den Dorfern ublichen Sombren. Sie enthalten meist eine ganze 
Reibe von Oefeu oder Feuerplatzen, auf denen das Salz gewonnen 
wird. Ein soleber Ofen besteht aus Tbon uud liisst sicb einer 
Kugelschale vergleicben, die fiber eine kleine Vertiefung in der Erde 
ivufgestulpt ist; sie mug 6' iiu Durchinesser und 2' in der llolie 
habeii. Zwei diametral angebrachte Locher dienen dazn, uni das 
Breimholz (meist ans onzeracblagenea Staramen besteheud) In 
die Erd vertiefung gelangen za Jasseu, suwie ancli um dem Feuer 
die nolhige Luft zuzufiihreu. Eine Oeffnung, wclche den ganzen 
oberen Theil des Ofens einninimt, tragt daa ftache Messinghecken 
zmn Einkochen des Meerwasaera. Letzeres pflegt von Kindern heran- 
gcscbleppt zu werden und zwar bedieueu aie sicli biei'zu ausachiiess- 
lich der kleinen liolzernen FiisBer, in denen das Neger-Pulver dea 
Handels vcrpackt ist. In der Hegel arbeitet eine ganze Familie 
in Bolch einer Siilz-Sombra: die Grossen schiiren dus Feuer und 
schleppen das rei<;lilich vorhandene HoIk herbei, die Kleinen holeu 
das "Wusser, jederzeit bereit ihre Thatigkeit anch ohne den Zanber- 
sprnch des Meisters einzustellen. Ist eine genugende Menge Salz 
gewonnen, so wird daaselbe sehr aanber in runde, mit eineni Bodea 
versehene Cylinder von Banzastaben (von der Bambuspalme) ge- 
packt und iiber dem Cylinder in Form eintr Halbkugel aufgehauft, 
so dass das Ganze das Ansehen einer tieaigen Cenlralfeuerpatroue 
anniiiinit. — So hergei'ichtet, wird das Salz den Bajaka'a verhandelt, 
die ihrerseits hauptsachlich mit Gujnmi and Sklaven bezahlen aollen. 
Ein Korb von 1' Ilohe aoll 1 panno oder 5 boUas Gummi kosten. 
Die wenigen Diirfer der bei Coaago angesessenen Bavili's 
boten nichts, was die Aufmerkaamkeit einea Reisenden hiitte 



152 



p. GSaafeMt: 



feseelii kiinneii. Die Ilutten in ilmen sind noch in derselben Weiae 
angeordnet , wie bei deu eudlieUen Bivilj's, d, h. ohne ein be- 
Stininites GeseU. Zuni Ban selbat aber komuit nicht mehr daa Loango 
(eine Cyperacee) sondern Palmzweige, die mit Spaltstucken von 
bordao befestigt werden, lur Verweudung. Ilausthiere, mit Aus- 
nahrae einiger weniger Hahner, bemerkte ich gar nicht, anch keine 
Maniokpflanaungeu, wohl aber Zuckerrohr in ziemlicher Fnlle; 
ferner ilberaU viele Oelpalmen, die fasi imbenuUt daalehen, da die 
Neger die Palmnusse sor Bereitung von Palniol uiehl auenutzen. 
Es scheint, daas, bo lange nocb eiue einzige Gummiranke existirt, 
die leichtere and IncratiTere Gewinnung des Gummi den Oelhandel 
hier nicht iLufkommen lassen wird. Einzelnen Malolo-Baumen (mil 
groBBen, gelben, essbaren Frfichten) iind Baumwollenstrauchem be- 
gegnet man gleichfalls in dei Umgebung der Ddrfer; — die Haupt- 
anwendung, die die Baumwolle hier wie fiherall bei den Negern 
findet, besteht in der Herslellang geslrickter Siicke, die iiber die 
Schultcr gehangt wevden; doch sollen die Neger hier auch Dochte 
aus der Banniwolle anfertigen, mit denen aie I'almol brennen. Er- 
wahnen will icli, dass ich in einem der Dorfer einen 16' hohen 
Pfahl antraf, auf dem ziemlich kunstvoll eine Schlange, ein Tschi- 
gongo, eine Frau und ein Mann (letztercr in obsconer AufTaaaong) 
geBchnilzt waren. Trotz alien Fragens und Examinirens konnle 
ich aus den mlBSlranischen Negern ketne anderen Erklarungen ilber 
die Bedeutung erhalten, aU aolche, die offenbar falsch waren. 

Die politischen Verhiiltnisse Mayuniba's und Coango'B sind wo- 
moglich noch zerfahrener, als die der Loangokiiste; es giebt zwar 
einen Herrscher uber dieses Gebiet, den Ma N'Jundo, der aber 
voUstandig ohnmachtig iat. Wenn man hier uberhaupt von Staat 
reden kunnte, so diirfte Jiian aagen , dass die Loanga-Lingsleire, 
welche den Handel vermitteln, einen Staat im Staate bilden. Ihr 
Einflusa iat nicht unbedeuteud, sowohl weil aie verhaltniasmassig 
reich Bind und in der Eegel eine Anzahl Sklaven besitzen, als auck 
weil aie entsdiieden auf einer hoheren Stufe der Cultur stehen. — 
Deno eB darf nicht verkannt werden, daaa von den Pongwes, d. h. 
vom Aequator ab, sudlicb ISngs der ganzen Kiiste die Neger zwiaehen 
dem 5. und 6" sudl. Br. (Loango- und Kabindakuste) entschieden 
die hochale Stelle in der Entwickelung einnehmen. — Der Handel, 
wie man ihn von Mayumba aua betreibt, beateht noch in dem alten 
^do- Oder Credit-Syatem, das fruher auch weiter im Siiden ublich 
war, jetzt aber voUstandig verworfen ist. — Ea bestohf darin, dass 
man einem Scbvrarzen, einem Handelslingsteir, einen gewissen Be- 
trag an Zeugen und anderen Tauschartikeln anvertraut, mit denen 
er sich in Begleitung seiner Leute in"s Inncre begiebt, urn Pro- 
ductc der Eingeborenea zu erwerben. An der Kuste von Mayumba 



a den Nhaiig;n. 153 

bildet GuLiiDii den ausacblieseHcIien Handelsarlikel , der aber von 
Jabr zu Jahr mehr zuriick geht, da das sinnlose Zerstoren der 
Gumnii-Ranke bei Gewinnung dee Stoffes diese Pflanze mebr ucid 
mebr von der Riiate enriickdrangt. In Folge deBSen sind anch 
einige naternebmende Weieae welter in's Innere vorgedrungen. 

Einen dieser Weissen, und zwar den, der die unbestrittene Su- 
prematie zwischeu Maynmba und Sette auBubt, traf icb in Coango. 
Er ist ein Spanier, Namena Vicente Barcelo und eine der characte- 
riBtiscbaten Peraonlichkeiten der ganzen Kuate. Dieser Maun hat 
sich Ton einem Schiffsjnngen zn einem angeaehenen Handler 
bioaufgearbeitet und vereinigt die acheinbar wiiicrsprecbendaten 
Eigenschaften niit einander. Obwohl er wedcr lesen noch achreiben 
kann und eine nicht unbedeutende AnzabI von Benmten hat, er- 
freuen sich aeine Geschafle grosser Ordnung uitd seine Person 
eines unbedingten Keapeetea, Roh und oft grauaam, besilzt er 
gleichzeitig eine natnrliche Herzensgiite and daa Beatreben, Jeder- 
mann zu helfen, der seiner Hilfe bedurf. Zwur musste ihm jedea tiefere 
Verstandnias fur meine Plane abgeben, und docb erbot er sich sogleicb, 
niich ao weit zu unterstiitzen, wie aeine Macbt reichte, und das war 
fiir mich von grosser Wichtigkeit. Dcnn ohne die Hiilfe, die er mir 
duroh Ueberlassnng einiger seiner Krumano's gewahrte, batte ich 
unverrichteter Sache wieder umkehren niuasen. Selbst fur nocli 
BO hnhea Geld wave es nicht moglich gewesen, anch nur wenige 
Leute fur einen Vorstoss in das Innere zn erhalten. 

Von Don Vicente erfuhr ich zuerst Naheres Sber den Nhanga- 
fluas und masste es als meine niicbate Aufgabe betrachten, diesen 
grosaen, bo abaolut unbekannten Strom zu erforschen. — Ich 
ware am liebaten ohne Verzug dabin aufgebrochen , denn die 
Miindung des Nbanga liegt nur 12 — 14 Stunden nordlich von 
Mayumba. Aber in Afrika apielen aich die Dinge in einem anderem 
Tempo ab, ala in Europa. Die Anknnft der fiir mich bestimmten 
Leiite war namlich zunacbat von dem Eintreffen einea bereits aeit 
Wochen vergeblicb erwartelen Kuatensteamers abhangig gemacht, 
und ea mnssten 13 Tage vergehen, ehe ich Mayumba verlassen 
konnte. — Wir batten fast taglich feine Regen, und das Bewusst- 
sein, dase jeder Tag meiner Reise nnwiderbringlich verloren war, 
weil die eigentliche Regenzeit in kurzester Frist einselzen wiirde, 
druckte mich stark nieder. — Einen einzigen Troat — freilich der 
Iraurigaten Art — fiir diesen ungehnhrlich Ian gen Aufenthalt, 
musste icb in meinem Befinden suchen, denn noch immer woUten 
mich die Fieber nicht verlassen, und drei mal hatte ich durch ein 
Sjstem von Aulallen bindurch zu gelien; dazu kam die Plage der 
bichos, welcbe allc Weissen fast in gleicher Weise heimsucht, so 
dass kaum Einer vorhanden war, der im Stande gewesen vraie, eine 



p. GiisafeliU: 

Slrecke zu gehen. — Dieae furchlerliche Geissel ist zum Gluck 
seit ddin Eintritt der Regeii fast guns verechwimden ; sie wird 
Hiit Recht weit melir gefiirchtet als das i'ieber. 

Das traurige Wetter maehte alle astronomiBchen Arbeiten un- 
moglicb, Weder konnte ich die Polhohe vna Coango beatimmen, 
noch den Gang meiner Ubr controlliren , geschweige denn Mond- 
dislancen nehmea. ^ Elnmal konnte ich wenigstens eine Zeit- nnd 
eine Deklinations-Bestimnmng oiachen ; bo dass die gut bestimmte 
(relativ gut in Anaehnng des kleinen Apparatea) Variation von Lo- 
tioda, Chinehoxo, Qnillu, Maynniba und Nhanga vorliegt. 

Am 30. August trafen 6 Krumano'a vun Vicente fiir niich ein, 
und ani 31. brach ich tod Coango aul'. Die Zahl der Leute reichte 
gerade aus, um meio Gepack fortznschaffen, und ich musste niicb des- 
halh entschliessen, den ISstundigen Marsdi nach der Nhanga-Mun- 
dung langs des Strandes zn Fuss anzutreten. Leider fiel daa niedrige 
Waaser in die heiasestenTagesstunden ; ich muaste meinen Marach also 
in diese verlegeu, weil ea das kleinere Uehel ial, gegen einen Murach 
ohne Sonne und bei hoheiu Waaser, also tiefem Saade. Obwohl ich 
lahmte, maehte ich inieh doch niit einem unsaglichem Vergniigen auf 
den Weg, weil ich endlich der peinlichen Unthatigkeit meinea Ma- 
yniiiba-Aufenthaltea entrisaen wurde. Dus Wetter hatte sich gean- 
dert und zum ersten Male seit vier Wochen straldte die Sonne an 
eineni wolkenlosen Hiniaiel. Ich achulzte mich mit alien mir zu 
Gebote at eh en den Mitteln gegen die schadlichen EinEiisse der 
Sonne, indem ich ein weiases Tuch auf den Kopf legte, darauf 
einen Turbnach und darauf wieder einen Filzhut setzte, und das 
Gauze mit meineni undurchdringlich gefiitterten Sonnenschirm be- 
achattete. So war ich von Oben her hinreiohend geschiitzt, hatte- 
aber von unten den Keflex des weissen Sandes auszuhalten, der 
ein Bronnen der Augen wie der Haut znr Folge hatte. Daaa die 
Wanderung langs des Strandea einforciig, ja troatloa iai, versteht 
sich Ton selbst. In geringer Enlfernung vom Strand beginnt der Wald, 
der ununterbrochen fortgeht; er ist voUatandig charakteriairt dureh. 
einen meist atrauchartigen, zuweilen aber auch eehr entwicketten 
Banni, dessen kahle Zweige nur an den Spitzea ihre lederartigen 
Blatter tragen ; die Zweige stehen so dicht, daaa die Blatter ein 
continuirlich auagebreitetes Laubdach bilden. Von Zeit zu Zeit paasirt 
man Salz-Chitnbecka, wie ich aie oben erwahnt habe. Auf dem 
ganzen Wege hatte ich mein nachstea Ziel, die Fonta de Norte 
vor Augen. Die Sonne und daa Ungewohnte des Marscbes setzten 
raeinera durch die vielen Fieberanfalle der leljften Monate ge- 
schwachten Korper so zu, daaa ich mieh nach 3 Stnnden milde und 
angegriiTen fuhlte und niich 8 Minuten auf den Sand legCe. Spater 
ging es wieder ganz gut, trotz einei ansseist schmeizhaften Stelle 



Berk'Iil liber die Reise an den NhiuigB. 



155 



am liiikeu fnsse; nnd es ist eine gewiss praktische Regcl, die 
Aostrongung nie bia zur Ueliermattuag ku Ircibuii. 

Ich erreiclite die Ponla de Norte nm 2 Uhr 30 Minuten, iiadi- 
dem ich das eigeutliche Mayuniba um 10 Uhr 30 Minulon verlassen 
hatte. Der Strand wird an dieeerStelle felsisj nud zeigt in seinen durcli- 
eiuander gewnrfetten Blocken zwei gimz verschiedene Steiaarten: 
uine weiase, die ich fur Kulkatein hielt und ein blasiges Conglo- 
merat von fust achwarzer Farbe, aehr ahnlich den Quarz-Eiaenstein- 
Conglomeraten , die ich im Binnenlande traf. Indesaen hatte es 
einea geulogiachen HitminerB bedurft , um der Beurtlieilang eioe 
beasere Stiitze in frischen Bruchflachen zu gewahren. 

Eina halbe Sinnde jenaeila des Vorgebirges steht das durftige 
Haiidelschimbek eines Portugiesen, des Herrn Bento. Ich woUte hier 
ruhen und das hohe Wasser vorubergehen lassen. Da zu meiner 
grossten Freude und Ueberraschung der Ilimmel des Abends klar 
war, sa beobachtete ich und bekam auch vollsttindige Beatammungen 
fur Zeit und Polbohe. — Es aind dies — rait Ausnahme der im 
Quillu gemachlen — die eiuzigen, mir genSgend erscheinenden Be- 
stiinmungen, die icb auf einer Reise von vier Mouaten erbalten 
konnte. Senhor Benio verachaffte mir nach mebrstuudigen'Verhand- 
luDgeu 4 Tipojatrager bis nach Nhanga. Niilurlich reichte diesc 
Zahl I'iir mich nicht aiis, und ich war gezwungen, einen grossen 
Tbeil dea Wegea zu Fuss zu geheu. Icb verlieaa das Ilaus des 
Senhor Bento etwa nm 1 Uhr Nachts und kam erst um 2 Uhr am 
Nachmittag des fotgeiiden Tages (1. Sept.) in Nhanga an, uachdem 
Caxiinba, Kegen und Snnne mich fur neue Fieber vorbereitet batten. 

Die Zeit meiner Leiden war in der That noch nicht vorbei. 
Icb muss deraelben wenigstenn erwahnen, um zu erklaren, weahalb 
ich 14 Tage an einem Orte verblieb, der abaolut Nichia hot, was 
nicht innerbalb eioea Tages hatte untersucht oder beatimmt werden 
konneo. Am 2. September namlich atellten sich die eraten Zeichen 
der Dyasenterie beiniir ein und in wenigen Tagen war ich einem Zualand 
TO 1 latin digster Erachopfung zngefuhrt worden. In dem Hungerlande, 
wo ich mich liefand, konnte von einer Auswahl der Speisen keioe 
Kede sein, ebensowenig von sonstiger aorgfaltiger Pflege, denn ein 
heftiger Wind stand ununterbrochen auf nieiueni Zimmer, in deiii 
Nachts die Ratten Hire widerlichen Zuaammenkunfle hielten, wahrend 
mein Liiger kleinen schwarzen Ameisen zuni Durchzng diente. - — 
Die wenigen Dover' schen Pulver, die ich bei mir hattte, waren 
bald verbraucht, und hatte ich mir nicht durcb einen der gluek- 
lichatcn Zutalle eiiiige Opinnipillen verschaffen konnen, so ware 
der Ausgung der Erankheit nicbt abzuaehcn gewesen. 

Icb verlieaa die Miindung des Nhaugallusses am 14. September 
in einem Zuatand der Schwache, iiber den die voransteheaden 



4 Innere 

Der Nhangafluas miindet bei 2" 56,8' a. Br. in den atlanti- 
schen Ocean. £r eracheint an seiner Mundnng nicht gane so breit, 
als der Qnillu, immerhin iat er daselbat ein aehr atattlicher Flusa 
von 200—300 Schritt Breite mit klarem Wasser nnd einem Stich in's 
Laucligrune. Er bildet beim Ende aeinea Laufea uiit dein Meere 
einen aehr apitzen Winkel und lauft wahrend der letzten Stande 
parallel dem Ufer in nordweatlicher Ricbtuog, ahnlich wie die 
Banlii-FtnsB-Lagune, niit dem Meere einen langgeatreckten Danim 
einscblieseend, auf welcher sich unter 2" 59.1' die Factorei des 
Spaniera Vicente befindet. — In jungster Zeit hat auch daa eng- 
lische Haus Hatton & Cookson hier eine Factorei errichtet, — 
Bezuglich der angegebenen Polhohen benierke ich , dasa daa fort- 
geaetzt trube Wetter mir vorlaafig keine direkten Messangen ge- 
stattete. Erat bei meiner Ruckknbr konnte ich einige Sonnenhohen 
mit dem Seehorizont um Mittag hernm nehmen nnd daraus die 
Breite berechnen. Dieae Zahl stinimt bis unf etwa 1' mit der, ana 
der Breite von Ponta de Norte mittelat gemesaenen Azininta nnd 
geachatzter Entfernung, abgeleiteten Zahl. 

Fiir die Fahrt flnasaufwarta bia nach Mongo Nhanga atand mir 
ein Boot von Vicente zur Diapoaition, Mein Hauptangenuierk wah- 
rend der Fahrt war darauf gericbtet, das Material fnr eine zuver- 
laaaige Karte zu sammeln und bin ich d»bei mit der auaaersten 
Gewisaenhafligkeit zu "Werke gegangen. — Der Unterlauf des 
Fluaaes stebt an Schiinbeit der Vegetation dem Quilla entachieden 
nach; erst oberhalh Goa (a. d. Karte) werden die Ufer schon und 
in Mongo Nhanga tritt der FInsa zwischen Hiigeln hervor und 
bildet Katarakten. — Von Mongo bia zur Mundung durchfliesst der 
Nhanga eine Strecke von ca, 50 Miles. — Seine Breite wcchselt 
oft raach und liegl im Mittel bei 150 — 200 Schritt, erreicht aber 
ebensowoht 300—400, wie 50—80 Schritt. Inaeln hat der Unter- 
lauf dea FtuBaea nicht aufzaweieen , mit ADsnahrae einer groaaen,' 
langgeatreckten Insel unterhalb Goa. 

Mongo Nhanga (Berg- oder Ober-Nhanga) heiaat die Stelle, 
wo der Nbanga aus dem Gebirge austritt. Herr Vicente bat daaelbat 
am linken Ufer ein Handels-Chimbek erricbtet, daa mir als 
Stntzpunkt fur meine ferneren Operationen diente. Znnachst be- 
Buchte ich die aogen. Katarakten, die aicb vom Chimbek aua in 
20 MJnuten Canoefahrt erreichen laaaen. Die Kutanikten sind ge- 
bildct dnrch eine machtige Felsbank, die das Fluaabett in aeiner 
ganzen Breite durchsetzt und an ihrer nnteren Seite einen Abaturi 
bildet. Da der tel^tere aber niedriger ist, als der Unteracbied 
zwiachen den beiden extremen Wasserstaudeu betragt, so werden 



II (leu NLntiga. 

die Felsen von dem Iloehwasser d^s Marz und April bedeckt. Die 
in dem Gestein hie und da nusgewascheneii bohrartigen Locher 
geben dies auch aof den ersten Blick zu erkennen. Nubert man 
aitih den Katarakteu von unlen, so aiebt man anfangs NJthta, ala 
eine grosse, trockene Felsbank und begreift nicht, wo der Flues 
oberhalb bleibt, bis endlich am llnken Ufer ein 40— SOSchritte breiter 
von kleiuen, isolirten Felsen durchsetzter Canal erecheint, an denen 
sich das WaBser bricht. — Ich betrat die Felsbank und durchschritt 
gie, iiber diis scbliipfrige Gestein hinweg kletternd. Die vollstan- 
dige Erschopfung des Korpers und der jammerliche Zusbind meiner 
Fasae bewirkten, dass ich schon nach wenigen Minuten vollstaadig 
in Schweiss gebadet war. Die Felsen erwieaen sich aU ein gegan 
die Strom esricbtuDg aafgeriebtetes , gescbichtetes Gestein, hie und 
da treten kleine Grasbuscliel von lebbalt griiner Farbe, kleine Bluti- 
gewachse und weissbliihende Krauter auJ'. Zu beiden Seiten dea 
Ufers orachien die Vegetation in uppigster Fiille. Der mit Schling- 
gewjlchsen aller Art gleichsam nbergosaene, bier undurchdringliche 
IJrwald ist reicb mit Palmen durchsetxt, und am Rande des Wassers 
erheben sich schone Pandanuagruppen. Am oberen Rande der 1F>0 
Schritte messenden Felsbank erscheint, nur getrennt von einem 
schmaleu Streifen unbewegten Wassers, eine zweite Felsbank, deren 
Eratrecknng nach aufwarts sich von nieinem niedrigen Standpunkte 
aus nicht beurtheilen liess. Der Flnss stromt dort in der Mitte 
und der Canal biegt alsdann nacb dem linken Ul'er urn. 

Fur den Handel sind diese Katarakte von schwerwiegender 
Beeintrachtigung, denn der Nhanga wird erst nach Ij^ Tiigereisen 
bei Cassoche wieder schiflTbar, und gerade dort ist einer der Haupt- 
markte fiirGummi. Tauachgegenstande, ao wie eingehandelte Waaren 
iiiiiasen auf auaaerst beschwer lichen Wegen ihrem Bestimmungsorte 
znget'uhrt werden, und dies wird besonders jetzt scbwer empfunden, 
wii Hungeranoth und die Landplage der bichos die Arbeitekrafte 
deciniirt hat. 

Die Lage des Handela-Chimbek Mongo Nhangii am linken 
Ufer ist schon. Ein machtiger Hochwald baut sich zu beiden Seiteu 
dea Stromes auf; die Ufer beatehen zwar noch aus Lehni, erheben 
sich aber bereits in 20 — 30' hohen Abatursen iiber dem Wasser- 
spiegel. Der Fluss ist aeicht nnd icb glaube , dass er durchwatet 
werden kiinnte , dafiir besitzt er aber eine iiberraschende Breite, 
wa.hr end die Strom geachwindigkeit durch Ebbe und Fluth noch 
stark beeinflnsst wird. Was die Breite betrifft, so schatzte ich die- 
selbe ursprfinglich yiel zu gering, indem ich mir aber am linken 
Ufer eine Basia von 97 Schritt abschritt (die Ungate, welche iiberhaupt 
zu erhalten war) und verachiedene in der Nilhe des Ufera befind- 
liche Gegenstande anvisirte , erhielt ich mittelst einer leicht abzu- 



a den Shnnga. 

leitenden Fovme] aiis drei ganz von einander nnabhanj^'gen Mea- 
aangen die Zahlen 476, 480. 47(1 Schritte. Die lefzte Zahl bezieht 
aich 8uf einen an's Ufer getriebenen alten Baumstamtn. Die abge- 
schrittene Basis zog sich in hochstens 10 Scbritte Entfemung 
pflrallel vom linken Ufer bin, ao daBS man die Breite dee Nh.ing&- 
tlusses ip MoDgo Nhanga auf 46,0 Schritte nngeben muss. 

Die grosste Plage nieines Anfentbaltes in Mnngo Nhanga be- 
stand in den kleinen Mucken (fioth „bimfutoa", portugieaisch 
„marium)", die von Stecknadelkopf- Grosse sind und einen unj 
das sechsfache ibrer Groaae anschwelleaden Stich niaoben. Sie 
bedecken im AugenblJck die gauze Hand, die atsdann auf rothem 
GruQde eine unendliche Zahl weisaer Erhebiingen darbietet. E« 
giebt kein anderea Mittel , diese furchlbare Plage xn mindern, als 
ein stark ran cbendes Feuer in nnmittelbarer Nahe neben sich an- 
znzuiiden. — Ein anderes. zur Pein der Reiaenden existirendes 
Insect ist eine grosse Steehfliege mil iibereinaiidergelegten Flugeln; 
sie flndet sich auf alien mir bekannten westafrikanischen Flussen 
und bringt Stiche hervor, die bei eincr reizbaren llaut Abscesae 
veranlaasen konnen, 

Der Nhanga ist fischreich und liefert selbat bei der urspriing- 
licbsten Fangtnethode noch Resultate. — Mir schien es interessant, 
constatiren zu konnen, daas der Fluas sowobl bei Mongo Nhanga 
wie bei Goa reich ist an elektriachen Fischen. Als ieb nach den 
gehorten Schilderongen das Vorkomnien elektrischer Fische ver- 
mnthen zu miissen glaubte, setzte ich Allea daran. um diese Fische 
lebendig zu erhalten. Sie wurden mir nach einiger Zeit auch wirk- 
lich gebracht ; ich setzte aie (cs waren ibrer drei) in ein grosses Becken 
und beobachtete bei jedem deraelben einen empflndlicben Schlag, 
snbald ich den Fiach in der Nahe des Schwanzansatzea beriilirte. 
Ea schien mit, ala ob die Intensitat des Schlagea sich nur wenig 
mit der Grosse des Piscbes andere. Die Fische hatten einen kreis- 
runden QuerschnitI, am Maul 4 Faden; die Farbe ist braun, die 
Hani schwammig, der Schwanz rothlich, weisa nnd braun geatreift, 
die Grosse variirend von 1 ' Lange abwiirts. Ich setzte 2 E\emplare 
in Spiritua, uni sie uach Earopa zu senden. — Der Name der Fische 
istDeke; die meisten werden in der Regenzeit gefnngen. Ein an- 
wesender Loango-Lingateir bebauptete, dass der Deke sich auch 
im Qnillu nnd namentlich in dessen unteren Nebeaflnssen, z. B. 
im Impile, finde. 

Da ich bereits nach eineui Aufenthalt weniger Tage fiihite, 
dasa ineine Krafte anfiagen wiederzukehren, ao unternahm ich zu- 
nachst einen kleinen UebungS' und Recognoscirungsmarsch auf dei 
recbten Seite des Fluases. Ich beauchte mehrere Diirfer und lernte 
den Charakter des Waldes, der dieae Qegend unabsehbar bedeckt, 



. G. Naclitignl uber v 



15il 



gtoiiii kennen. — Die Bevolkeruiig gehort den Balumbo'a nn, Hoch 
schdnen aie in ihrem ganzen Wesen, ihren Sitten und ihrer Spriielie 
ebenso von den Bajaka's beeinflnsst zu sein, wie ea die Balnrnbo's 
des Sadens von den Bnjnmbe'fi sinil. 

(Scblnsa f.>l(rt.) 



Miscelle. 



m 



Nflheres fiber den Tod Moritz von Beurmanii's, 

Aus -einBni Sohreiben dea Dr. Q. NBchtigal aii«Dr. llenry Lange. 

Helufiii bei Cairo, 13. Februar 1S75. 

Hire freiindlicliBn Zeileii vom 17, v, M. Bind mir richtig zu Httndtn 
^k^mmiMi und srtaiibe ich mir, Ihoeti einige Berichtigung^n fiber das Eaie 
Ihres veriihrteii Freondes Morita voii Beurmann mitzutheilen. 

Die Vernnlssaimg zn der Ermordniig duwQlbQii war iiberbaupt nicbt der 
Kiinig von Wadsi, der za der Zeit stlion Mohammed Ali , Sohii Molinnimed 
Si'ba-irH war, welcher, wia Miinzinger ganz ricbtig sngt, schon 185S lur 
Hsg-ierang knra. Bultao Ali, welcker micli ao gantfre audi ich nuliiabln, int 
nielli der Mann, solche Schaudtbaten ku begebeti. Wie no oft im SiLden, siud 
die ISiiige beBsar alH ilire Bearoten. AIh ich nach Wadal ging, furchlete 
ich mich weniger vor dem Herrscher, als ctwa nnterwcga ainem Beiner Agid's 
zu begeguBn. Seine Wfirdentriiger basNen allea Fremde, wSUrend er selbat 
Verbindungen mit alien LSndem und gute Nach rede in der Welt auc.lit. 
Doeh KBQem ist weit vgu Abeacbr iind war damala noch weniger nntor der 
BotmEasigkeit Wadiu's aJa jetzt Konnto doch knra vor der Ankunft Herrn 
Ton BeQTmann'a der dumalige Khalifa MahannDoda, der auch jetzt in dereelben 
Eigenschaft wieder in Fnnktion ist, ea wagen, eine Frau Mobanimod Sclierira, 
aUa Stieiinuttur KiJnig Ali'a, die mit ihrem Sohn«, Tralclier als Kronprlltendent 
au^U, dort fliichtig eracbien, gostfrenndlich aufzQtiehmen und aogar zu 
heirathen. AU daher der Mord vollzogen war, mirde der Konig zwar aehr 
biiae, aowohl gegen den Ebalifa Muaa, ah aaeh gegen den eigentlichen Ur- 
bebor, Agid Chommi, that jeduch nicbts, aouderii walzte elnfach die Yerant- 
wortimg fiir dieae Schandthat vpn sicli ab, weigerte sith, irgeud etwna von 
srinen Effecten entgegen zn nehmen und betrachtete der Welt gegeniiber die 
That BO, als aei aie nicht innerhalb seiner Landesgrenzen gaschehen. — Die 
SacUo aelbst aber war folgende: 

Herr M. von Beurmann reiate auageriiatet vom Sckeich Omar nnd mit 
Briefen deaselben an den Khalifa von Mao dahin ab. Die Bornn-Konige 
bctracbten trotj der AbhSngigkeit Miio'a von Wadai die Khalifen von Kanem, 
die ja iillerdingn urHpriinglicii BomuBilarcn (Dalal^a) eiitd, als ihre Benmteii. 



i 



' 160 MUcelle: Br. Q. Nachtigal fiber y. Bsurmsca's Tod. 

Ea war dies nicht weiae, sowohl tod iler Bonm-Begiemng als von M, 
von Beurmanu. Die thntsachliclieii Herrncher in Etmem sind die USIsd 
Sliman, und Niimand kaon dort einiffurmassen sicher reiaen, ohno ihres 
Schulzes zu guaieiiHen. Selbst der Ehatifa von Mbo iat mehr oder weiii^er 
alihSngig von ihnen, und Kiinig Ali Bah aiuh genuthigl, dn die Araber voin 
Khalifa Mnea nichts wisaen wollten, den friilieren Khalifa Mokammeda, Irot/,- 
dem er ilin tiidtlicb beleidigt hatte [a. oben), wieder einzneetzen, da er niit 
diesen uumhlgen Arabem harmonirtG. Ea achcint, dasR in Kfika der be- 
kannte Fezzaner Mohammed el Titiwi, eine Art Scheich fiir die Fremdeu mid 
officiUsen Rathgeber dea Scheicb Omar, den Rath gab, dio Araber KaiiEm'a 
za umgeben, da er dieselben bastit. Herm von Benrmann gefiel der PInn 
auch gam gut, da er die Araber von Pro£ H. Barth's 8childerungeu kannte 
und es durchaus nickta yerfiilirerisckes hat, mit dieseu RSubern und Diehpn 
xa leben. Docb nnter itrem Schntze atebend hiitte in Kaaem anaer ungliick- 
licher Landamaun nielit ermordet werdeii kiimien. En kam anch zii Er- 
klUrungen dariiber awischun den Arabern uad Ihrem verstorbenen Preuodo, 
Hanche von ihnen, besonders Rolcbe, die Earth gckannt batten, beauchtcn 
ihn in M5o nnd manhteii ihni Torwurfe, dass er nicht bei ihoen ahgeatiegen 
aei, woranf er 'hnen manchea vorhielt, irorliber aiuh Barth bcklagt hatt«. 

Urapriinglich hatte Khalifa Musa Bicherlich nicht die Absicht, diesen 
scheusHllchen Verrath zu begebeu. Herr von Beimnann vrar in seinsm llau!!^ 
einquartirt, und ich habe aelbat den Baum geachcu, der seine Hiitle bc- 
schattete. Mao stand nSiolith damals einige Standen westlieh von seiner 
jetsigen Stelle. Da kam dtr Agid Cbontni, der irShrcnd meiuer An- 
weseuheit in Wadai verstarb, reizte die Lente auf nnd drangte den Khalifii 
sich des gefilhrlichen Premden zu entledigen, bevor er in die Niihe ilirps 
Berrn gedningen aei , nnd so war dieser Agid Chommi der eigeiitliche 
Urbeber, Die Augffihrer der achSndlichen That waren drei Leute, die duriJt 
„ Gottesgericht " wenigu Jahre uachhor einen umintiirliclien Todes geetorbsn 
aind. Da sie loit ihrcu blank en Waffen seiner tapferen Vertbeidigung 
gegeniiber nenig auarlchteten, nahmen sie ihre Zuflucht zu Stricken, die sin 
ihm iiberwarfeu und mittelat deren sie ihn erdroaselfen. 

Ich habe seiner Zoit mit dem jetzigen, ubeu erw!thnt«n Khalifa Moham- 
moda und vielen seiner Beamten ~- Alle aind Dalat6a -- offen dariiber ge- 
sprochen und bin dann nach dem friiberen Mun gegangen, um den Mann zu 
sehen und zu sprechen, der den Veratorbeuen begraben hat. Derselbe wohnt 
uoch auf der Btelle des frviheren Mao am Wadi Djilgn, und habe ich seinen 
Namen irgendwo notlrt. Naehdem ich mir auch von ihm Allea hatte er- 
zilhleu iaeaen, machte ich ihm ein Gescheuk, das allerdings metnen damaligen 
Vermiigeus verbal tnissen entsprechcnd ziemlich klein anaSel. 



^ 



<JP 







S ; 



VIII. 

Berioht Dr. Paul GCissfeldl's iiber seine Reise an den 
Nhanga. 

(Hierzii eine Karte Taf IV.) 
(ScLluss.) 

Die Balumba iind Bajakadorfer bestehen ausnahmslos »us einer 
einzigen, gradlinigen Strasae, was eiiien ausserst et gen tli urn lichen 
aber durchaus nicht unangenehmea Eindruck m^iclit. Denn das 
Geeetzmassige, wenn cs da aum Ausdruck kommt, wo man es am 
"Wenigsten erwartet, wirkt imnier wolihhuend. — lu groaaeren 
Dorfern pflegt die Strasse an beiden Seiten dordi je eine Soinbra 
abgeecli lessen zn sein, von denen die eine fur durchreiaende 
Neger, die andere fur Palaver bestimmt ist. In der Mitte der Strasse 
erheben sich aynimetriach an zwei von einander getrennten Stellen 
zwei Fetische, die in den verachiedenen Dorfern verschieden sind. 
In den beiden Ton Mongo Nhanga aua besuchtcn Dorfern aah ich 
znm ersten Male eine Art Fetiacli, Nam^na „ Buinach " oder 
nBuiDai", den icli apater nie angetroffen nnd deaaen Bedeutuog 
mir nnbekannt geblieben ; der Fetiscb beateht aos einer Anzabl 
ciaerner, 1' langer Spitzen, die oben eine herz- oder kreisformige 
Scheibe tragen. — Ein in alien Hutten — gam abweichend vom 
Siiden — anzutreffendea Mobel ist daa orhohte Lager; ea bealeht 
aus eiiier leilerforniigen Unterlage, auf welche eine Matte von Banza- 
atreifen (von der Bordao-Palme) gelegt ist. Zu nieiuer nicht ge- 
ringen "Ueberraschung fand ich — wenigstens in Pambamba, dem 
ersten der besuchten Dorfer — uber den nieisten Lagern eine Moa- 
quitaire von Strohzeug, und gerade so aufgehiingt und angeordnet, 
wie meine Reiseinosquitaire. Ich kaufte eine ganz neue dieser Mos- 
quilairen, um eie mit anderen geaamraelten ethnographiscben Ge- 
genstanden nacb Enropa zu aenden. — Das Stuhlkopfkisaen (aus 
einem Aat nnd Xebenasten bestehend), deaaen ich friiher von Majombe 

ZeiUchr. d. GcHUsoh. f. Erdk. Bd. X. U 



162 P. GuBsfeldt: 

erwfthnte und das Wiihrsclieiolich durch gnnz Afrika hindiirch geht, 
fand ich aucb hier, nuiih den Bliisebalg, der einen ebenso genereilen 
Charakter zu haben scheint. 

Der "Wald, in dcm diese Baluniho-Dor/er eingebetlet liegen, ist 
grossartig nnd nppig; nicht so durchsicbtig und majeatatisch wie der 
Wald von Majombfe, im AUgemeinen sogar undnrcbdringlicb, abei 
doch aneh in einzelnen Theilen nnit lichlem Unterholz beaetzt. 
Die Wege sind aasgerat wurzelreich und unterscheiden gich hieria 
nicht von denen der Quillu - Gegenden. Die Nahe einea jeden 
Doifes wird uberall dutch Bananenbestande angezeigt, dnrdi vetche 
sich alle bewohnten Statten dieser Gegenden charakterisiren. 

Wir hatten fast taglich heftigen Regen, obne daas der Himmet 
sich in der regenfreien Zeit aufgeklart hatte ; meine Instrnmente 
mtissteD nnbenntzt im Kasten liegen, — ich hatte sie ebensognt 
zu Haus lassen konnen. — Nicht obne Besorgniss blickte ich auf 
die Ausfnhrbarkeit des groaBen Marschea, den icb za unternehmen 
vothatte und den icb in der That am 22. September antrat. — 
Icb musBte in der bescheidensten Weiae reisen, denn meine ganze 
Begleitong bestand nar ans vier Schwarzen, nitnulicb drei Eriimano's 
von Vicente, die als Trager dienten nnd meinem jnngen Diener 
Congo, der den Koch, Wascher, Dolmetscher nnd Kammerdienei 
niachte. Ich mugste eine nmsichtige Anawabl der mitzanehmenden 
Gcgenatande treffen nnd ordnete die drei Lasten so an , dass das 
Bett die eine, etn Blechkaaten mtt Waache, Kleidungaatuoken, 
Sextanten, Horizont die andere, und eine Muteta mit Provisionen 
und Eochgerathacbaiiten die dritte ausmachte. — Eine Bnchsflinte 
war meine einzige Waffe- — Mein Ziel war das eigentliche Bajaka- 
land, nnd nm dorthin zu gelangen, hatte ich den Nhanga-Plnss 
zn verlassen, nm deneelben nach TTeberschreitung zweier hoher 
Ketten wieder zu eireichen. 

Die Karte wird den sicheraten Aufscblnss fiber die Natnr nod 
Richtung meines Weges geben.- Icb benierke iiber den Werth nnd 
Unwerth derselben Folgendes: Da wahrend der ganzen Reisezeit 
astronomiache Bestimmungen dnrch die stete Bewolkung dea Himmels 
— wenigstens bei Nacht — nnmoglicb waren, so fehJt aucb dteser 
die Gontrolle der Richtigkeit und namentlich der absolute Maasstab. 
Die Sache wird noch bedenklicber dadnreh, dass der Weg znm 
groesen Theil durch Wald fuhrte, und daas es tagelang unm^lich 
war, aucb nur auf die geringste Distanz zu visiren. Desbalb 't^urde 
ich nie daran gedacht haben, dieae Earte zu veroffentlit^en, wenn 
sich nicht noch eine andere Gontrolle dargeboten hatte, die mich 
dazu berechtigt. Die Gontrolle besteht darin, daes ich den langen 
Weg von Mongo Nhanga nach Caasocbe und den Weg von Lnbanhe 
nacb Intinde zweimal gemacht, zweimal aufgenommen nnd zwei' 




Bcr^chl fiber die Eeiae an di;n Nhnnga. Ifig 

mnl der Aufnabme entsprecliend gezeiclinet liabe und femer dnrin, 
dasa ich die geachloaaene Curve Cassoche, Riihnde, Lubanhe, Caasoche 
hiibe durchlikufea muEsen. Fiel also der An fa ngspunkt Cassoche ntit 
dera durch die Zeicbnung-erhalteueD Kndpuakt Ctissoche zasammeTi 
und eeigten die obeu angegebenen Eweimal zuruckgelegten Wege 
in ihrer doppelten bildlichen Barslellung nahe zu ParallellBmua bei 
gleicher Erstreckang, so ist damit die Wabrscbeiulichkeit sebr nahe 
geruckt, dasa die Karte der Wahrheit nabe ist. — Das Angegebene 
ist nun aber wirklicb der Fall, wie ich aua meineu auf der Reise 
gennmnienen Originalnotiien und den in Cbincboxo eutworfenen und 
nufbewabrteu Originnlzeichnungen beweiseu kann. Was den Mass- 
slab betrifft, so babe ich densetben so abgeleitet: Xach Esperi- 
menten, die ich wiederholt niit mir angeatellt babe, mache ich ini 
Durchachnitt auf dem Marache 100Scbritte=75Meter=7 5000 Milli- 
meter in der Minute. — Auf der Karte hat die in 1 Minute zuriick- 
gelegte Strecke 1 ■"°' Lange; der Massstab is also I : 75000. 

Mein erater Marsch war insofern yoni Gluck begunstigt, ala 
gar kein Regen fiel, -wahrend es am Tage zuvor und am folgenden 
Tage in Stromen regnete. — Mein Reiseziel war ein Puukt, Licungu 
genannt, wo ein Mulatto Namena Feio fiir Vicente Handel treibt. — 
Ueber die Entfernung hatte man micli falsch unterriditct, wie dies 
in der Kegel der Fall war , da die Begriffe von Raum und Zeit 
in Afrika oft wunderbare Modifikationen erleiden. Icb hatte aof 
7 Stunden Marach gerechnet, ea waren aber 9]^ Stunde, in denen 
ich unauagesetzt ein und denselben Schritt beibebielt. Der gunze 
Weg fuhrt durch waldiges Gebiet, und berubrt nur die drei nahe 
auf einander folgenden Dorfer Mukungn, Mulando, Mojahi. Dicbt 
vor dera Hnndelachiuibek Licungu, also bereits am Ziel, pasairt 
man die Dorfer Impile und Punga. Der Wald ist nicUt inimer von 
derselben Beachaffenheil. Wenn auch zam grosaten Thejl Hoch- 
wald niit mehr oder weniget dichtem Unterholz und kleineren Blatt- 
gewachsen , ao giebt es doch Stellen, namentlich in den feuebten 
Thalaohlen, wo eine tippige phantastiache Vegetation die Scenerie 
voUatandJg andert; oft auch inogen diese Stellen einat ausgcrodeten 
und cultivirten Waldatellen entaprechen, Neben Palmen, Bananen, 
tiianen fiel mir nanientlicb ein enormes Blattgewiicha mit knoten- 
loaem, kreiarunJem Schaft und cannaartigen Blattern auf (eine 
Scitaminee), das den Boden auf weite Strecken bin aueschliesalich 
bedeckt, und wegen der baumartigen Ilohe, die es erreicht, ge- 
radezu Walder blldet. Wenn der ernste, schone Ilochwald elwaa 
nnendlicb Imponirendea und Grossartiges hat, ao iiussert sich 
andcreraeita in dieaen, in ihn eingesprengten Vegetations - Inseln, 
eine golcbe ungebandigte Fillle tropischer Lebenakraft, eine seiche 
Begierde zur Esistenz, dass die Sinne aich verwirrt abwenden, well 



/ 



]6.1 P. Gussfeldt: 

aie J'li r':iili u iler Gesetzmasaigkeit in dem Labyrinth verlieren. — 
Hiiiuuii Jill. -r.iEiile traf ich oft, nicht nnr an Stellen , wo Dorfer 
stelii.'ii . - 'IkI' I'll auf denen solche gestanden haben mogen.*) 

Ml.-:. 1 1,111 VOQ ganz anderem Vegetsftions-Cbarakter zeigte sieh 
I ill ~.liii::i;-i sclinittenes , Unggestrecktes Tbal, ias Thai des Li- 
^■llll^ll-ll:l. li<-. das ich in seiner Sohle «u dnrchBchreiten batte. Hier 
iilnna-ilii. 11 mieb Tor Allem — weil icb diesen AnbUck nie, zavor 
ill Aliikii gi-liubt — die zablreicb auftretenden, aber zwischen erigen 
(!i-enzeii stliarf eingeecblossenen BaumfatD, deren Stanime eine 
Tliilie bis y.n 16' erreichten, — Der Weg war riemlich beschwerlicb, 
Hiid es iat iiiir nocb immer nnerklarlicb, wie ich ihn nach all' den 
sdl^^'evutl. tin mittelbar zavor ausgestandenen Leiden, in dieser Weise 
z«riicklej;fii konnte, ja wie sich durch denselben meine' Oesundheil 
sogiir eiilscliieden kraftigte. — Die Schwierigkeiten Bind die oft 
LTwSbnten: viele Wurzeln, unigebrocbene Stamme, ein ewiges steiles 
BerS"u' I'l'd iiergab, — und wetden doppelt empfiinden, wenn man 
hiiikfn uiiisB, und nnr einen Fusb ongenirt gebraucben kann. — 
Uii^ IhiiipikL'ite, die ich zu uberstelgen hatte, ergab eioe Aneroid- 
Aiigiib*; vim 737"°", also ungeiahr 260 Meter Hohe. 

Wiiivii die Angaben, die man mir nber die Entfernnng Li- 
r;uiigu\ ^'iinrtiht, ricbtig gewesen, so hatte icb urn 4 Uhr im Quartier 
Sfin iiiii..-.< II. Statt dessen befand ich mich uiu diese Zeit noch im 
tiel'^ii'i A^'.il.li und erat um 5 Uhr begaon die Passage des Baum- 
IViriillinli-. Die Sohle dea schmalen Thales, langs deren der Weg 
lulii-li-. «;ii viKlfaeh ganz mit Wasser aasgefollt, der Boden meist 
III III l:iliiji. .sulten kieaig. Nachdem ich mich ant^nglich mh vielem 
.\ul'u'iiii(l Mill Kraft um die Wasserlachen hemmgewunden hatte, 
iiiussic icli luich endlich doch entschlieBsen, mitten dutch's "Wasser 
zii gelicn, mill iann mit vollgesogenen Scbiiben welter zu wanderu. 
Icb giib t'H I'iist auf, noch Licunga zu erreicben, nnd die Nacht war 
bertils bfiL'iiigebrochen, ala ich das Dorf Punga passirte, wo in- 
deasen niriii Erscheinen trotz der Bankclheit grosse Sensation er- 
regle- AIb ii'b die letzten 7 Minaten Weges zurucklegte, sab icb, 
tIaRK niii' Fiii'kein entgegengebracbt wurden, nnd plotzlicb horte ich 
niicli mit ^Excellenz" angeredet. Die hocbacbtungsvollen Ausrnfe 
viilirleii voii '2 Mulatten her, dem bereits erwahnfen Feio und 
eeiiibiu Bniili?!' Francisco; sie uberscblugen sicb vor Hoflicbkeit 

HUB als Nflhrungamittel wird ron den Bingeborenen weit mehr 
:i- Maniok, den man hier gai nicht reclit zuzubereiten verateht; 
il letzterer halbroh verBpeisi In Mnjombe und Jsngela zieht 
ik den Bananen bei Weiteni vor, nnd ich selbat hall« nach 
liL'Q Tergleiclien, die ich habe anstellen miissen, den gut be- 
1^ gebleichlen Maniok fur das vorziiglichere und echiuack- 
Ciiaittel. 







D 


B Bini 


^■M 


ii 


/t 


111* il 


{,"-«■ 


1 




iMui.l. 


(leu 


11 


il.. 





iriciit (iber die Keiao BIi cien Nhangn, J60 

nnd Dienatferligkeit und geleifeten mich in iLre Hiille ; es war 
6 Uhr 5 Minuten, als ich dieaelbe betrat. Jch war, eine I'^stiiii- 
dige Pauae abgerechnet , fast 1 1 Stunden auf den Bcinea ge- 
weseu. — Damit war iiber die Tagesarbeit nocii nicbt beendet, 
denn kaum batte ich das Scibuhwerk gewechaelt und einige Bechcr 
Tbee zu mir genommen, so schleppten mich mciae neuen Freunde 
in's Dorf Punga, vielleicht weniger, um mir daaselbe za zeigen, 
als um mich (den eie als einen grossen Cavalheiio aue dem Piit'i 
[Europa] annoncirt hatlen) den Bewohnern zu praBcntireu, — 
PuDga ist das schonBte uud stattlichste Dorf, das ich auf der ganzen 
Rctse geaehen; seine 50 Cbimbeks atnd genau alignirt, und es itiucht 
einen wohUhuenden Eindruck, auf der breitcn, tennenartig ausge- 
schlageDen, sauber gefegten Dorfstrasse zwiachen den ChimbekH 
hinzugehea und die an den Feuern aitzenden Negergruppen zu 
beobachten. 

Es scheint, dass man ea bier bereita mit einer leinen Bajaka- 
Bevolkerung zu thun hat, und dass, wenn die Bewohner sich selbst 
ala eine Miachbeviilkerung ausgeben, Bie einer allgeniein Terbrei- 
leten Eitelkeit folgen. Jeder Neger-Stanim mochte um einen Grad 
der Kuste naher betrachtet wexden, als er es wirklich ist, und 
wenn man in der Anrede daa umgekehrte VerhSltnias eintreten 
lasat, d. h. aie um einen Orad zurucksetzt, ao beleidigt man aie. 
Man beschimpft den Barili, den man Bajombe, den Bajombe, den 
Bakunja, den Balumbo, den man Bajaka nennt. — AUe Sitten und 
Gebrancbe, die ich hier gefunden, liesaen sich auch bei den eigent- 
lichen Bajaka'a conatatiren. Dialektiache Verschiedenheiten bestehen, 
aber diese finden sich unter denjenigen Bajaka's aclbst, die kein'.' 
Beziehungen mebr zu den Balumbo's beanaprnchen. Es acheint mir 
deshalb hier achon am Orte zu sein, die einzelnen Beobaclitungen. 
die ieh -wiihrend der Reise iiber Sitten und Lehenaweisc der Ba- 
jaka'a gemacht, zuaammenzu ate lien. 

Erwahnt iat bereits, daaa alle Dorfer in Form einer einzigen 
geradlinigen Strasse gehaut sind, auf deren Mittellinie zwei, 
beatimmten Fetischen reservirte Platze licgen und an deren Enden 
sich eine Paiawer-Sombra erhebt. Die Dorfer sind klein und hobeii 
durchschnittlich nicbt mebr ala 15 Chimbeks. Die Chimbeka be- 
Hteben aus einer nach der Strasse ofFenen Sombra , durch welche 
roan in den vieraeitig geschloaaenen Raum von quadratischem oder 
rechteckigem Querachnitt eintritt. Als Baumatenal kommt hier in 
noch hoherera Maasse ala ini Suden die Bambus oder Bordao-Palme 
znr Terwendung, von deren glattem Wedelstiel man lange elaatische 
Stabe (der Querachnitt bildet ein Kreisaegment) abspaltet, und die das 
mit Palmzweigen auagefnllte Gitterwerk fur Wande und Dach liofert. 
Daa ullgemein ubliche Baumaterial der Loangokuate, daa sogenannte 



», 1 



T 




166 P- Gussfeldt: 

Lniingo (eiiie Cyperaeee), ist hier nnbekannl. — Die im Diich an- 
gebrarhte Fenerklappfe, welche die Bajombe's nud Bakntija's noch 
kennen, httbe ich bier cergeblicb geeucht. Ala ein aicbt geriager 
Scliritt zur Civilieation erschien mir, dass sich in vielen Bajaka- 
hiitten ein erhohtefi Lager befindet. Man vereinigt 2 starlce Bordso- 
Rippen mittelet kleinerer Qaerstiibe lu eioer leiterionaigen Unter- 
luge, uuf welche ein Bteira tod Banzs ansgebreitet wird and setzt 
das Game horiiontal anf kleine Pfahle auf, oder legt es ancli obne 
weiteres auf die Erde. Eopfkissen resp. Sitze ans Holz sah ich 
in 3 verschiedenen Formen, in der Behr bekannten, aus Aat nnd 
Nebenasten gebOdeten, ala rande anf 4 kleinen Elotzen rnhende 
Scbeibe und als holzcrnen Sattel; von den beiden letzten Formen 
wird je ein Exemplar nach Europa gehen. Fenerwaffen Bind den 
Bajaka'e durch den Handel bektmnt, docb bedienen eie sich ihrer 
Behr wenig; DnEertrennlich aber von jedent Bajaka ist die Machetta, 
ein grossea MeBser, das zur Arbeit in Feld und Wald, Bowie zur 
Vertheidigang dient. Der Gebraucb des Bogena exiatirt noch, ebenso 
der der Lame, nnd ich bin im Stande, von beiden WafiFen Probcn zn 
liefern. Die Kleinheit dea Bogena wird Enttauscfaung erregen, ebenao 
die Ffeiie, die ana Banza geachnitzt nnd dann mit einem Pflaozengift 
^Muani" bestrichen werden. Der Kocher iat ana einem Stuckcben 
Bananenrohr gebildet. Ich erfuhr, daaa der Bogen zur Jagd auf Vogel 
und kleine Thiere verwandt wird und habe mich, indem ich die EUn- 
geborenen in 20 — 30 Schritt Entfernnng auf einen dilnnen Baum- 
sCanim schieBsen liesa, uberzeugt, dasa dereelbe seiuem Zweck vollig 
entsprieht, vorauBgesetzt, dass das Pfeilgift seine Wirkuag nicht ver-- 
sagt. — Die Lanzen haben verschiedene Geatalt; es gieht Lanzen 
mit einem breiten Biatt ohne Widerbaken, andere zierUchere mit 
Widerbaken und endlich zugeapitzte Schafte, denen man nor ein 
Eisenblech nmgelegt hat. 

Musikrtliache Instrumente sind selten; ich.aab, obwohl ich da- 
nnch aucbte, nur eine einzige Saitenmarimba und konnte selbst 
den N'Dungo, die bei Danaamentos ubtiche Trommel nur ein oder 
zweimal entdecken. 

Das Hauptnahrungsmittel der Bajaka's ist die Banane, wahrend 
der Maniok sehr zuriicktritt. Die richtige Bereitung defiselbea ist 
Kudetn bei ihnen nicbt iiblich und der von mir gekoatete Maniok 
hatte meiat noch eine gelbliche Farbe nnd war halbroh. In den 
weiter im tnnern gelegenea Bajaka-Territorien wird viel Erdnnsa 
cultivirt; bekannt ist den Bajaka'e ferner Mais, Baumwolle, Zucker- 
robr, Colunuss udd Tabak, und von Getranken Falmwein nnd der 
Branntwein dea Handeta. — Bei der augenblicklich herrschenden 
Hungcrsnoth dienten auch der Kern der anfgeachlagenen Oel-Falm- 
id daa Mark (nicht etwa nur der Eotil) der Palme als Nah- 



Bfripht uber dio Kdibo an den Khauga, 1S7 

rungsmitlcl. Der Tabtik wird hier nicfit au9 den kur/en Pfeifefl 
init gebrannten Thonkopfen gerttuclit, aondern aus eiuem ganz klein^n 
Kopf, an den eine lange, ausgehiihlte Rippe des Bananenblattea 
iiDgesetzt wird. — Man sieht fast nie cinen Neger allein behaglich 
vor sich hiuraucben, sondern in der Regolsind 3, 4 selbst 5 Schwaize 
daniit liesctaftigl, der Pfeife daa eben angeziindete Lebenslidit aus- 
stublasen. Der einzelae Raucber pflegt erst in das Rohr hinein' 
sii blasen, saugC alsdann ao viel Raucb ein, als sein AthmungS' 
vermogen. geatattet, stosat dann den aufgeapeicherten Rauch auf 
einmal aus and iibergiebt dann die Pfeife seinem Nebenmanu. Ea 
iat niir wiederholt versicbert worden, dass der Tabak betaubende 
Wirkiing besiize, und dasa alleiu am Feuer ailzende Raucber vorn 
iibergefttUeo nud verbrannt aeieu. Ich lasse ea dabjn gestellt aein, 
ob diese Wirkung direkt deo narkotiacben Eigenaehaften des Tabaks 
znzuachreiben ist oder nicbt vielmebr der Art und Weiae dea Eauchens. 

Die einzigen Hauachiere, die die Bajaka'a kennen, sind Huhner 
und Ziegen. Scbafe sind ihnea ganz unbekannt (Riadvieh selbat- 
veratandlicb) , aber Schweine aollen aich in dem weiter einwiirts 
gelegenen Chijaka linden. 

Die KleiduQg wird ana Ffianzenzeug , hergestellt und bestebt 
aua einem einfaclien Schurz; docb bat der Handel bereita nicbt 
unbetracbilicbe Quantitaten an europaiaclien Zeugen, wenigstena bei 
den Grenz-Bajaka's, eingefuhrt. Tattowiren ist bei Mannern aelten 
und iat mir dabei daa Hautrelief der Tattowirung aufgefallen; 
haufig dagegen das Einreiben mit rotber TacuUa, wodurcb aie sich 
eine rostbraune Farbe geben, Selbst bei alten Mannern babe ich 
diese Sitte noch gesehen, die weiter i«i Siiden docb ausachliesslich 
beim weiblicben Geacblecht nnd auch da nur beim EinLritt oder 
der Wiederkehr gewisser Lebenaerecheinungen beateht. — Beziiglich 
der Anordnung und Zuatuljuing ibres Wollhaarea findet man bei den 
Bajaka'a denselben Zug zur Pbantasie und Mannigfaltigkeit wie bei 
vielen anderen Xegeratammen. Aia haufigaten eieht man daa 
"Wollhaar am Hinterhaupt zu je 2 Ziipfeu zuaammengeflocbten, die 
nach hinten und unten abstehen. Die oberen Vorderzahne werden 
zugespitzt, erscbeinen aber hauGg genug auagebrocben. Diea ruhrt 
davon ber, daaa daa Zugpitzen mit einem meiaaelaitlgen Inatrument 
gescbiehl , durcb weltbes oft mehr vom Zahu Insgebroclien wird, 
ala beabaicbtigt ist. Arm- und Beiuringe aus Eiseu findeu sicb 
bei den Bajaka'a. — Waa ihre Fetiacbe jinbetrifft, so theilen aie 
die Tbiersohadelfetisohe mit den Bajomba's und Bakunja'a; es feblen 
diesen Fetiscben fast uie ein oder inehrere Gorillascbadel , und 
aie kiinnen geradezu als Fiibrer dienen znr Feststellung dea Ver- 
breitungsbezirkea dea Gorilla. Ala neu und eigentbumlich aber 
kunnen die Bajaka's einen Fetiscb Namens Muiri fur aich bean- 



I 



'a 

r 

168 P- Giissfeldt: 

sprachen, der bei ibnen im hochsten Ansehn steht und dieses An- 
sehn wohl auch far alle Zeiten behalten wird. Dieser Fetisch 
sichert namlich den Mannern eine ebenso voUstandige, wie bequeme 
Herrscbaft uber die Weiber. Die Weiber dilrfen diesen Fetisch 
nie erblicken und fliehen furchterfullt, sobald er bei ihnen passirt. 
Sie haben sich unbedingt den Ausspruchen Muiri's zu fiigen, die 
ihnen durch den Mund des Fetischdoctors knnd werden. Natnrlich 
enthalten diese AussprSche stets Forderungen von Seiten der Manner, 
namentlich in Bezug auf Bestellnng der Felder, Herbeischaffang 
von Nahrungsmitteln oder den Verkauf derselben , dessen Betrag 
die Manner alsdann ganz oder zum Theil einziehen; auch alle 
ubrigen Fetische, z. B. Boauda, Mangecco, Bangojo sollen mehr 
oder weniger darauf berechnet sein, den Weibern Furcht einzu- 
flossen und sie zu willenlosen Werkzeugen der Manner zu machen. 

Hochst befremdend erscheint die bei den Grenz-Bajaka's (ob 
auch weiter im Innern, wage ich nicht zu verburgen) herrschende 
Sitte des Begrabens. Die Leichen der Armen namlich werden ein- 
gewickelt, in den Wald getragen und dort am Ast eines Baumes 
festgebunden. Die Leichen der Vofnehmen werden, nachdem ihnen 
die Knie an die Brust«gedruckt sind, eingewickelt und, ebenfalls 
im Walde, in eine flache Vertiefung des Bodens gesetzt; der aus 
derselben hervorragende Theil wird mit trocknem Holz bedeckt. — 
Diese Angaben beruhen auf drei verschiedenen Frkundigungen. — 
Jede Leiche wird vor dem Einwickeln aufgeschnitten , damit der 
Cirurgiao ersehen kann, ob der Verstorbene ein Fetischeiro war 
oder nicht, 

Zum Fortschaffen von Lasten bedienen sich die Bajaka's der 
Muteten wie im Suden, nur besteht, alien traditionellen Vor- 
stellungen zuwider, der grosse Unterschied darin, dass die Bajaka's 
die Muteta niemals auf dem Kopf tragen, sondern stets auf dem 
Rucken. Jede Bajaka- Muteta (es ist wahrscheinlich, dass ich eine 
solche nach Europa senden kann) ist mit drei breiten, aus Bast ge- 
flochtenen Tragriemen versehen, von denen zwei fur die Schaltern, 
der dritte fur den Kopf bestimmt ist. Die Muteta uberragt den 
Trager etwa um Kopfeslange. Der Kopfriemen dient hauptsach- 
Ifch dazu, um die Last zu halten, wenn die Schultern ermudet sind. 

Die Bajaka -Weiber stehen, wie bereits oben bemerkt, unter 
der Willkurherrschaft des Fetisch Muiri. Ihm haben sie es zu ver- 
danken, dass sie kein Fleisch von Hausthieren, also weder Huhner 
noch Ziegen essen diirfen. Sie kleiden sich gleichfalls in Pflanzen- 
zeug. Sehr charakteristisch for sie ist das Kopftuch (aus Pflanzen- 
zeug), das sie sehr vielfach tragen; es wird — ahnHch manchen 
unserer bauerlicheh Trachten — hinten durch einen einfachen Knoten 
zusammengehalten, wahrend es sich — der Anordnung des Wollhaares 



' - /■ 

Bericht iiber dio Boiae an deu Nlianga, 169 

geniiifls ~ Torn hi einer Wnlat wotbl, die den Vorderkopf iiberragl. 
Hinter dieaer Wulst wird der Riemen des Tragkorbes gelegt, in dem, 
sie gerade wie in Majombe und Jangela, ihre Feldfruchte und be- 
llebige andere Gegenstande trngen. Da wu das Kopftuch fehlt, 
siebt man haufig das Wollhaar la glatten, anliegenden Zopfpn ge- 
flocbten , die sicb parallel iiber den Kopf hinziehea oder auch bu 
augeordnet siad, dass sie einen Mittel- und zwei Seitenwulste bilden. 
Sebr haufig fand ich bei den Bajnka-Weibern eine charakteriatische 
TatlowiruDg uuf Stirn and Sohlafen, bestebend aus 9 oder 16 in 
Hautrelicr gearbeileten Punkten, die ein auf die Spiwe gestellles 
Qnadrat bilden. Tattowirungen zwiachen den Brusten und am Nabel, 
die so haufig in Majombe undJangela aind, koinmen hier fast gnr nicht 
Tor. — Ihre Kinder tragea die Weiber gar nicht aelten mittelflt eines 
bandelierartigftn Tragriemena, der von der einen Schulter zai anderen 
Hufte geht. Daa Kind aitzt auf dem breiten Riemen und umklam- 
mert die Hutite der Mutter mit den Beineo. — Glas-Perlen sind 
ein gesucbterer und reichlicher vertretener Schmnck, ala im Suden; 
aber auch gebogene Meaaingspangen fur den Hals, Measing- und 
Kupferringe fiir Unterarra und Fussknochel finden sich. — Den 
Weibern fallt in einigen Theilen dos Bajaka-Territoriunia ein wichtiger 
Indnstriezweig, namlich die Topferei zu, Sie zerstampfen den in 
der Nahe gefundenen Xhon mit einer Holzkeule, setzen Waaaer 
hinza und formen den Brei mil einer Hand und einer Banza. Dann 
wird der Topf laoge in der Sonne getrocknet und spiiter im Feuer 

Am kenntUchaten sind die Bajaka'a — Manner wie Frauen — 
durch daa Singende, Weiche ihrer Sprache, fast mochte ich ea lieblich 
nnd einschmeichelud nennen. Vtelleicht macht die Sprache auf den 
Fremdling einen ahnlichen Eindruck, wie die sachaische auf den Aus- 
liinder, denn ich entsinne niich, in fruheren Zeiten von Englandern, 
die in Dcntachland gereiat hatten, gefragt worden zu sein, ob doa 
besle Deutsch nicht in Sachsen gesprochen werde. Ware daa Wesen 
der Bajaka's ebenso aanft, wie ihre Spracbe es zu sein acheint, bo 
wiirde man am besten durch die Bajakalander in den Continent 
gelangen konnen, 

Ich mnas vorlanfig darauf verzichten, das Typische in der Er- 
scheinang und der Gesichtabildung der Bajaka'a aufzuslellen , das 
kann nur durch bUdliche, oder richtiger gesagt, durch eine groase 
Reihe bildlicher Darstellungen geleiatet werden. Ihre Durcbschnitta- 
groase ist diejenige der Kiistenbewohner, und was sie in der Phy- 
aiognomie hauptsacblicb unleraeheidet, acheint von einem atarkeren 
Hervorstehen der Backenknochen berzuriihren. 

Der heftige Regen am Tage nach meiner Ankunft in Licungu 
und die grosae Vertrautheit dea braven Mulatten Francisco mit den 



*^-"'5l!^v'*^'=^''^ 



170 



P. GGssfeldt: 



Gebraucheo And den SUten der Bajaka's veranlassten micb, einea 
ganzen Tag in Licungu zDzabringeb und verachiedene Ortschaftes 
eu besudien. Der Nhangafluss, Ton dem mioh der gestrige neanstna- 
dige Mavsch entfernt hatte, hat von hier aas seine knrzefite, etwa 
ffinfstundige Entfernang in Nj(,W. ; Francisco hatte den Weg gemacht 
nnd erzahlte mir, dass der Fluss zwiecfaen grosBen Steinblocken 
hindurch&iessd nnd sein Bett darcb dieeelben stundenweit so ein- 
geengt sei , dws die Eingeborenen ihn anf ubergelegten Baum- 
stiimnien piiaarten. Dnjch Vermittlung einea Loango-LingsteirB lieas 
ich einen Bajaka ans dem Innereu ausfragen. Er gab an, dasB 
^N'Puku zwei Tagereisen von Intinde entfernt sei, und dass man von 
M'Puku iioch eine Tagereise nach Chijaka habe. Von Chijaka werden 
nqr Sclaven nach N'Piiku gebracht, aua N'Pukn kommt Gummi; 
in Chijaka soil es auoh Oummi geben, aber die Leute ver|tehen 
es nicbt zu gewinnen*). Von Chijaka zn den Banzabi ist es ein 
Tag, dann kommen di« Massango, dann die Bavumbo, leUtere 
kennen Feuerwaffen gar nicht und fuhren nur Lanzen; wollen sie 
ein Dorf iiberfallen, so lagern sie sicb Nacbts dicht davor und fuhren 
den Ueberfall am frnhen Morgen auB. Von Batetsche's und Bas- 
soko'a hatte der Berichtende nur ganz dunkel gehort. Anf mein 
Befragen, wohin man gelangte, wenn man immer weiter and weiler 
ginge, erhielt ich die Antwort, dass alsdann ein Volk kame, wo 
jeder Mensch nur einen Arm und ein Bein hatte. Die Babongo's, 
nach denen ieh micb eingehend erkundigte, kannte er und gab mir 
genau dieselben Angaben daruber, die ich von den verschiedensten 
Seiten in Majombe und Jangela anch schon erbalten hatte, namlich; 
dass die Babongo's in Waldern nomadisirend, ohne feste Wohnsitze 
und Dorfer leben, sich von der Jagd ernahren, nur Lanzen fuhren 
und nicbts als einen kleinen Scburz urn die Lenden tragen; sie 
sind meist ^fuUos", d. h. von gelblicher, heller Farbe und sind 
gross und klein wie andere Negerl — Es vrurde desbalb Vervfechse- 
lungen vorbeugen, wenn man bei Besprecbung und Benennnng 
afrikauischer Zwergvolker das mit berucksichtigt, was die hiesigen 
Eingeborenen unter Babongo'a verstehen. 

Am 24. September brach ich nacb CasBoche auf, froh, micb 
wieder in Marech eet/en zu konnen, denn die Plage der Bimfutos 
ist su gross, dass der Aufentbalt in den Ilittten unleidltch wird. 
Der Weg von Licungu nacb Caasoche nahm, ausschliesslich der etwa 

*) In lutinds wurden mir folgende Angaben gemacht. Vo» Intinde in 
Ng„0. erreicht man E^mnrambi in 1 bis 2 Tagcn, das Land, wo Elephantsn 
gejagt werden; und in S^O. N'Puku, wobei man H'Zenzele, Kanga, Bikensi 
und Iduiiia paasirt. — Chijana lltgt wieder in den. Campinen, und das P»9- 
fliren dea Waldes (aber das Gebirge, das von Intinde aua aichtbar ist), er- 
ibrdert 3 bis 4 Tage. 



Bericht (iber die Beise an den Nlinngii, 171 

einsriindigeii FruhBtnckepuuBe, cii. 8'^ SttuiileD in Ansprucli. Das 
langBame Marschiren der Krumanoe, wo der Weg schnrrig wurde, 
hatte den Marach um eine Stunde verlangert. Der bei Weitem 
grosste Theil des Weges fubrte dnrcb Wald; in den beiden eraten 
StQuden herrscbte, wie ich es nennen will, die Blattgewaeha-Vegft- 
tatioD vor (Graser, Scilamineen , Bananen, Palmen) und erst als 
die coatinaiclicbe nnd bedeutende Steigerung eintrut, blieb der Hocb- 
wald uDDnterbrocben. Dt^r Berg war ateil,- so dass icb in '^ Stuuden 
275 Meter Btieg. Damit war die erste Hohe Divumbo erreicbl, bei 
der das Aneroid 731.2""" zeigte. Dann ging ea durch eine Sen- 
kang in einstundigem Marsch auf eine zweite Ilohe Sahi, wo daa 
Aneroid 724""" teigte. Wiihrend der Wald auf der Lieunguaeit* 
dea Bergznges feucbt war von dem gefulIeneD Regen, fand icb den- 
aelben auf der Seite von Caaeoche ganz trocken, nnd dies bestatigte 
die bereits erhaltene Nacbricht, dass ea in Cassocbe und Intinde, 
mit anderen Worten auf der ersten Plateaustufe nieht geregnet habe. 
Es ■war mir ein wabres Vergniigfln (denn meine Krafte nahmen 
mit dem neuen Leben raach zu) dnrcb den trockenen, nicbt zu 
dichten ~Wald za gehen, und es versetzte micb meine Pbantasie un- 
willkdrlicb in einen herbstlicbeu Spaziergang durcb einen unaerer 
deutseben Walder. Der Weg filbrt meisl iiber harten Lehmboden, 
aelten uber GeroU. Nach dem Ueberscbreiten des zweiten Ruckens 
geht es bergauf (lergab, auf wurzelreicben Pfaden. Etwa 4 Stnnden 
lang hat man dnrcb eigeiitlicben Hochwald zn geben, dann werden 
Palmen baufiger und baufiger, bis aicb plotzlich die Scenorie mit 
einem Schtage iindert und man in die offene, hngelige Landechaft, 
ID die Campinenregion eintritt. Etn I'^etnndiger Weg fuhrte mich 
bier uber das Dorf Luango nach Cassocbe. Die Aussicbt, die man 
anf die weite-r im Innern gelegenen, blau entgegenacbimmernden 
Ketten hat, ist uberraacbend. Man fublte, daas man in ein neues Land, 
das nichts mit der Kustenregion zn tbun hat, eingetreten Bei, und 
die hell vom Himmel herabscbeinende Soane, die ich jenseits der 
Berge zu aehaueu fast verlernt batte, erhobte noch diesen EiniJruck. 

CaSBoche ist wetter nicbts, ids einer der vorgeschobenen Han- 
delsposten, die Don Vicente bei den Grenz-Bajaka's eingericblet hat. 
Es giebt Tier aolcber Slellea, nemlicb Cassocbe, Rahnde, Lubanbe 
und Intinde. Die Handler scheinen Mulatlen zu sein, doch waren 
gerade jetzt auch zwei Weisse da. Sie fubren ein Leben, wie die 
Halbwilden, und man kann sich vorslellen, welcher Kategorie von 
Leuten sie in Europa zugerechnet werden wurden. Sie wagen sich 
eben, weil sie wohl ganz und gar nichia zu verlieren haben , so 
wei^kpr und boffen bier das gute Gliick zu attrapiren, das ihnen 
andCTBwo entwischt ist. 

Das Clumhek von CaBsoch« war yoH von weissen Auiaisen, 



r^: 



172 P. GiJBBfeldt! 

und bei dem leisesteu Windhauch entstand von d«m herabfallenden 
Zeralovuagsstanbe ein Geriiasch, als wenn feiner Regen gegen 
F«nateracfaeiben achlagt. — Ich mueste meine Sachen desbalb mit 
grosster Sorgfalt aufhangen; nicbtsdestoweniger batten die gef^hr- 
lichen Thiere in einer Nacbt ein grosses Stnck ans einer wasser- 
d ich ten Lederdecke aasgefressen. 

Durch das Ueberscbreiten der bereits erwiibnten Bergketten 
war ich offenbar in die erate Terrassenstufe dea aicb aufbauenden 
Plateau's getreten, das eine Dnrchachnittse the bung von 100 Meter 
uber dem Meere hat. — Ein sehr cbaraktischer Berg, den ich 
in S30O. Yor mir sab, und der sich in 4 Stnnden von CasBocbe 
aus erreicben Hess, erweckt« die trugerischen HotFnangen einer 
Rundschau, und ich beschloas, zunacbst meine Schritte dorthia 
zu lenken. Ich braoh am 25. September dorthin anf in Be- 
gleitung eines Mulatteo Manritio, der am Fosse des Berges in 
einem Dorfe Rahnde mitten nnter Negern wohnt nnd daselbst 
Handel treibt: ein wahrer Ausbund von Qemeinheit und Unver- 
achanitheit. Er war anf das Gerucht meiner Ankunft bin express 
nach Cassoche gekommen und debiitirte mit der Lnge, dass der 
Sanga-Berg oben niidit bewaldet sei, — Der Weg von Cassoche na«h 
Rahnde geht ansschUesslich dnrch Campinen, in welche knorrige 
Strauclie, theilweiae auch Baume eingestreut sind. Nur da, wo 
Wasserlaufe vorkommen, findet sich auch Wald. Den Anblick des 
Morro Sanga hat man steta vor sich. — Daa Dorf Rahnde selbet 
liegt in dem Thai des S^kosse odor Nusekosse, einea linken Neben- 
fluBSchens dea Nhanga. Hochst uberrascbend ist beim Hinabateigen 
in das Thai der Anblick der aufgeriditeten Kalksteinplatten, welche 
den Flnsslauf anzeigen. Die kolosaalste dieser Erhebungen gleicht 
einer zerstorten Ritterbnrg, und dieae Illusion wurde mir eigentlich 
erst dann genommen, als ich auf halber Hohe dea Felaens eine 
Palme bemerkte. Eine andere Stelle im Thai gleicht einem Fried- 
hofe; so sehr abnetn die meisten Kalkplatten aufgeaetzten Leichen- 
steinen. — Der hohe Berg Sanga selbat beateht sUer 'Wahrschein- 
lichkeit nach aus Katkstein, und die Eingeborenen erziihien, dasa 
es duaelbat eine Stelle gebe, die wie der Strand dea Meeres mit 
Mnsoheln bedeckt sei. 

Ich machte mich am anderen Tage (26. September) auf, nm 
diese Verhaltniaae zu untersncben; der Mulatte hot mir seine Be- 
gleitung an, war indessen noch niemals auf dem Berge gewesen, — 
Wir gingen zunacbst das S^kosse-Tbal ein Stuck aufwiirts bis an 
einen kleinen Hnttencomplex , dessen Eigenthnmer, ein Bsjaka 
Cavalbeiro, ein groaser Frennd meinea Mulatten zu sein schien. — 
8ie achwatzten beide so lange mit einander, bis der Bajaka erklarte, 
wir konnten nicht paaairen. Das war natorljch nor gesagt, urn eine 



Beriiiit liber 'lie Rtise an deu NhHiiga. ]7g 

BezalOung zn erpresseu und um mich meine Zeit verlieren zu lasseu. 
Soviel war mir der Berg aber nicht mebr werth, seitdem ich uiicli 
fiberaeugt hatte, daas er bis zur Spitie bewald^t sei. — Ich kebrte 
ziemlich argerlich, namentlich uber das Auftreten dea Mulatten, um 
und beschlosB , noch an deraaelben Tage weiterzuziehen uud die 
rechte Seite des NhaDgaflusses zu erreichen. Meiue Absicht war, 
nber Lubanhe nach Intinde zu geben, und dann in das Gebiet dea 
von Licudu einzutreten. Pur diese Reise hatte rair Mauritio aogur 
aeinen Liogsteir Mavungo milgegeben. 

Ich hrach in der That am 26. September um 2 Uhr auf; hatte 
also jetat 5 Schwarze zur Begleitung. Man erreicht das linke 
Nhanga-Ufer nach etwa ^ Stunden, indein man das Thai des Nute- 
nossi hinabateigt. — Eine Vereinigung von G der elendeaten Hiitten, 
die sogenannten Mam.-iDia de Boma {Steine von Boma) findet aicli 
in nachster Nahe des Fluaaea am Fuss priichliger Kiilkateinfelaeo. 
Ich hoffte, Lubanhe nncli vor Sonnonuntergang zu errciclieu; da 
ich wnaste, daas ich dort fiir mich und meine Leute Provisionen 
fiiiden wiirde, and die Bananen, die ich noch besass, dem Mulutten 
gelasaen hutte, so hulte ich giir nichts bei mir. — Indessen war 
kein Canoe zum Uebersetzen vorhanden, obglcich Mauritio mir be- 
stimmt das Gegentheil veraichert hatte- Ich scliickte Mavungo fort, 
um eines zu sucheu; nach 2 Stunden kehrte cr mit der Nuchricht 
zaruck, dass erst am »ndern Morgen ein Canoe kommen konne. — 
Ich nmaste mich entachliessen in Mumania zu bleiben, obwohl es 
mir an nllen Nahrungamitteln fehll«. Ich Hess mein Belt unter der 
um wenigaten baufaLtigen Sombra aufachlagen und schickte Mavungo 
mit einem Zettel fur den Mulatten nach Rahnde, worin ich um Ba- 
nanen nnd etwas Fazenda bat. — Mavungo kam iiberhanpt nicht 
wieder, die Leute im Dorf wollten nichts geben, Manrilio schickte 
nichtB — wir hungerteo. 

Am andern Morgen (27. September) erachien in der That ein 
Canoe- — Ich iieas ohne vielea Reden die 3 Kruraano's mit den 
Lnaten iiberaetzen; als ich selbst einstc.igen woUte, verlangte der 
Fahrmann Bezahlnng auf der Stelle; ich versprach, dieselbe in 
Lubanhe zu geben. Daruber entspaun sich ein Streit, an dem sich 
mehrere Bajaka^s betheiligten. Ich liess Congo in daa Canoe steigen 
iind war eben im BegrifF, daa Fahrzeug selbst loszumachen, als 
der Bajaka-Cavalheiro, der mich geatern nicht auf den Berg lasseu 
wollfe, mit einem Briefe von Manritio erschien. In dera Briel'e 
wnrde icb gebeten, doch zuriickEukommen, weil der Cavalheiro nun 
gealatten wurde, dass ich den Berg beatiege; aber niclit eine Ba- 
nane, nicht ein Stuck Fazenda achickte mir der farbige Schurke. — 
Ich liess mich auf nichts ein und wollte fort, aher die Bajaka's. liesaen 
dies nicbtzn. Der hettigste Streit entbrannte; nor allein mit meinem 



^r^ 
i' 



t74 P. aiiasfeldt: 

Mnleque Congo stand icli einer gaDzen Schaar aufgeregter Bfijaka'a 
gegeniiber, die mich niclit pasaireu lassen wollte. Ich rias dem 
Eioen, der dua Canoe festhielt, die Mnxinga aus der Hand, sprang 
la's Canoe, wo Congo bereits rait dem Ruder berett atand, kniete 
in dem schwanken, nur Ij^ Fuas breiten Fahrzeug nieder, richtete 
meine Bnclise auf die sclireiende Gruppe, lieas abstossen and cnt- 
kam gldcklicb anf die andere Seite. 

Der Nhanga iat hier 100 — 200 Schritte breit; moglicU, daas man 
ilin, wenn raan die Furth kannte, auch hatte dnrchwaten konnen. 
Eingefasat iat der PInsa von weisaem, nnkryBtallinischera Kalkatein, 
liinter den Uferrandern erheben eicb steile Kalksteinfelsen bis zur 
Hobe von 100 — 130 Fuaa. Das Wasser ist klar und hatte mir 
bereits am frilhen Morgen ein willkommenea Bad geboten. 

Der Weg, den ich nun zuruckzulegen hatte, fnhrte fust ana- 
schlieaalich uber Campinen, auf denen sich weithin grosse und kleine 
Blocke eines hrtiunlich schwarzen Conglomerate ausgesti'eut finden ; 
sie eracheinen bei naherer Betrachtung zum Theil als ein Conglo- 
merat von Quarzkryatallen mit einem eiaenhaltigen Cement; andere 
baben ein blasiges Auaaehen und zeigen kleine schalige Kugetn. 
Ob man ea bier mit Rasen-EJaenatein zu than hut, werden die 
eingesandten Haadstucke vielleicht zar Entscheidung bringen. Das 
Terrain ist iiberall wellig, Alles war aasgetrocknet und diirr, denn 
ea hatte in den letzten 1|^ Jahren aehr vreaig geregaet; die Iheil- 
weis sebr bohen Campinen waren gelb, wie unaeve zum Schnitt 
reifen Aehren; hie and da zeigte die Landsohaft kleine Waldbe- 
atande, sowohl auf den Kuppea wie auf den Terrain-Einschnitten. 
Das Ganze machte einen sehr afrikanischen Eindruck. An einer 
Stelle dea Weges war ein leidlieher Ueberblick gestattet, Ich be- 
fand mich da scheinbar in der Mitte eines geacMosaenen Gebirga- 
kranzes von mcilenweitem Durchmeaser, ich war jedoch nicht im 
Stande bestiuimte Ilauptrichtungen anzugehen. Icb passirte mehrere 
Dorfer, wenn dieaer Name noch auf kleine Gruppen von 5 — 6 
Chimbeks Anwendung finden darf. Nur ein Dorf N'Gondo aahlte 
30 Chimbeks. Den ganzen Complex nennt man Chilala. 

Lubanhe wurde nach dreistiindigem Marsch erreicht. Ich kam 
ziemlich ausgehungert daselbst an, ebenso meine Loute, die aeit 
24 Stunden nichts gegessen, sich aber wacker gehalten batten. Ich 
gounte ihaen den Rest des Tages fiber Rube und fand fur mich 
aelbst vielfache Gelegenbeit zu Beobachtnngen der Eingeborenen. 

In Lubanhe lebt der eine der beiden "Weiasen, den das 
Schicksal bei den Bajaka's ausgcaetzt hat. Sein Cliimbek iat 
gerade so klein, wie das der Bajaka'a; in dem ahgescliloaaeneti 
Raura Jiebt er seine Waaren auf und in der Snmbra isst und scblaft 
er; weder Tisdi noch Stuhl erinnern daran, dasa der Weisse, aelbst 



J^ 



Bericht iiljer die Raise av^ den Klinligtt. 173 

nnter rohen Verhaltnissen noch gem der schliclitesten Geschenke 
unserer Civilisation gedenkt. Ilaniinen und Huhn sind seine Kost, 
gegen deren Monotonie er sich nnr duri^h eioen uberreicblichen Ge- 
brauch tod Fimenla erwehren kann; und Neger-Runi ist das Gc- 
trank, das ihm zeitweise Vergeesenheit seiner eigenen unwurdigen 
Kxiatenz spenden musa. 

Voll Mitleid fur diesen Unglucklichen verliess ich Lubanhe 
am anderen Tage (28. September), um dnrch meine stille Wan- 
derung dutch die schattenlnsen Campinen dun unbekannten Landea 
fortzusetzen. — Ich konnte erst uni 8 Uhr 30 Minuten auBrucken, 
als die Sonne begunn, durch die Wolken durcliEabrechen, und nach 
kaum einatundigeni Marscb fiiliUe ich eine gmsse Schvriiche iiber 
niieh hereinbrechen, die mm Theil wohl lueiner mimgelhaften Er- 
nahruDg zuznscbreiben war. Ich niusste mich io den Campinen, 
wo keia Baum Schatten spendete, auf meinen filechkoffer nieder- 
setzen und das llaupt verhiillend die Wiederkchr neuer Krilfte ab- 
warten. So schulgite ich niich -wenigatens vnr volliger ErscUlalfung 
nnd konnte nach '^ Stunde, wenn auch nur niit einem Gefuhl grosser 
Zerschlagenheit in den Gliedeni weitergehn. Zuni Gluck war ich 
im fiesitz eines Huhnes , daB ich 2 Stunden spater mit halbrohem 
Maniok im Dorfe Kanibodimbe verapeiate. 

Die Eindrucke , welcbe ich an diesem Tage von der durch- 
wanderten Gegend erhielt, glichen ganz deneo der vorangega.ngenen 
Tage. Der Weg fubrle fort und fort durch die acbt iJrika- 
niachen Campinen mit ihren kleinen, iiber die ganae Landschaft 
zeratrenten Waidbestanden; bier und dort kleines Strauchwerk und 
dazwiacben die schlackenurtigen , dunklen, eisenhaltigeu Gesteina- 
biocke, die sich bei der Verwitterung zu einem schurrigen Geroll 
auflosen- In den bewaldeten Einschnitten der Wasaerlaufe tritt 
Kalkstein auf. Die Gampinengi'aser zeigen sich bald hoch , bald 
niedrig. Daas dies lediglich von dem stuttgebabten oder unter- 
lasaenen Niederbvennen der Graser abhangen eoUte, glaube ich 
durchauB nicht, nnd es schicn mir, dass neben den hohen iihren- 
arligen und neben den achilfblatlrigen auch kurze Graser atellen- 
weise aui'treten. Eiiiige Stelien fielen mir, nicht durch den Reich- 
thum , aber doch durch daa Vorhandenaein von Feldblumen auf; 
in der Regenzeit bleibt das Waaser dort atehen. Ich aucbte auf 
dem ganzen Wege nach heatimmten Hobenzuga ■ Richlungen ; 
nber erat bei den Annaherungen an Intinde glaubte icli einen 
Hoheneug SlOO-NlOW. featatellen zu durfen. Fast mochte ich 
vermuthen, dass der Iiiesige LandschaftscLarakter Aehnlichkeiten 
Diit den Gcgenden aufweist, die Herr Sohweinfuith westlich von 
tiondnkoro mit ao glucklicbem Erfolge bereist hat. Ich entsinne 
niich -wenigstens noch deatlicb einiger Zeichnungen, die der ge- 



176 P- Giiflsfeldt: 

nannte Heiaende mir in Berlin zeigte, und die vollkomnien den 
liiesigea Landschaflatypen gleichen. 

Intinde konnte man als eiaen der Ausgaogspaulfte fur den 
Eiatritt in das Innere bezeichnen, und wenn man niich fragt, wes- 
halb ich nicht eingefreten sei, so antwortete icb, weil mir einmal 
die Macbt fehte, um das zaruckweisende Misstrauen der dortigen 
Bajaka's in Farcht zu verwandeln (eine Umwandlung, die mit eiaer 
verbahniaamassig geringen Anzuhl Gewebre geleistet werden kann), 
und dann auch, wcil eine Expedition ini Jabre 1874 bier obne 
Zweifel vor Honger umgekommen ware. 

Ich konnte mir nicht einmal einen Fubrcr ron dem einflugs- 
reichen Hauptling Mambumgo in Lukandu, der die gauze Gegend 
durch seine Renomiatereien in Furcht erhalt, verschaffen, um uber 
Licudu nach Mongo Nhanga za geben , und war gezwungen nach 
eintagigen, nutzlosen Unterhandlungen den Riickweg wieder uber 
Cassoche zu nebmeu. Es gab Neger genug, die den Weg kannten, 
aber keiner wagte, ihn mir zu zeigen. Icb kebrte deabalb in der 
Ftube des 30, September um; es war ein sehr beisser Tag, und 
man darf nicbt vergessen, dass die Sonne damals fur diese Breiten 
gerade ira Zenith stand. Der Marscb nach Lubanhe, den ich in 
einer Tour zuriicklegte, wurde dadurch recht anetrengend und obne 
die Vorsicht, ein kleines Holzchen zwischen den Zabnen oder den 
Lippen zu halten , ware ich sicherlicb auf dae Empfindlichste vom 
Durst gepeinigt worden. Aber das Bewusstsein, dasa icb von Intinde 
eine voile Negerladung Bananen und einen grossen Ziegenbock 
mitnahm, starkte niich iiuch andererseits. 

In Lubanbe liess ich die heisseaten Stunden Toriibergehen und 
setzte mich erst gegen halb vier Uhr wieder in Bewegung, wo 
eine frische Brise und die sinkende Sonne das Mui'scbiren zu einer 
wahren Lust werden liessen. — Ich hoffte, Cassoche noch an dera- 
selben Abend zu erreichen, falls nicht etwa bei der Passage des 
Nhanga wieder HindernisBe kamen. — Der Weg war sehr ange- 
nehm und ich fand die Aussicht ent^iickend schon, als ich am Rande 
des Eum Nhangatbal abfallenden Riickens einherschritt, vor mir 
der Blick auf herrliche blaue Gebirge, zu meinen Fussen die breite 
Sohle des Nhangathales mit einigen in Bananengebiiecb gebettelen 
Dorfern und dem aus unbekannter Feme herabkonimenden Strom. 
Ich stieg in's Thai hinab, passirte das grosse Dorf Fuerra (30 Cbim- 
beks) und stand nach einer halben Stunde am rechten Nhanga- 
ufer, dessen Nabe durch aufgerichtete Kalksteinfelsen angezeigt war. 
Der Nhanga fliesst bier auf einer weiten Erstreckung bin zwiscben 
mit Campinen bestandenen Bergen, seine Tbalsoble ist cbenso von 
Campinen mit eingenommen, aber der Lauf selbst ist auf den beiden 
Seiten mit schmalen Bandern iippiger Ufer-Waldung eingefasst. Bei 



Bericht Qber die Reue un dea NliimgH. 177 

nieiner uiii 5 Ulir erfolgendea Aulcunfc dnselbsL sah ich dua Canoe 
am anderen Ufer. Eiaige Weiber(niit ihren stetaschreiendenKiudern) 
warteten bereits auf die Ueberfabrt, und die ganze schwarze Ver- 
sammluag setzte sich nun abwecbselod nua Werk , die Fahrleute 
herbeizurufen. — Doch ganz vergebens. — Ich fiigte mich in mein 
Schicksal, liees meine Leule Holz holen und bezog das Bivouak 
in dem rechten Uferwatde. Ein Bauni iiiit macbligem, sebr scbmg 
aufdteigenden Stumni bot lueineui Lager eiu praeLtigea, natiir- 
licbea Sctiutzdacli , und icb verbracbte bei den hellen Feuern, 
die ich unnnlerbrocben unterhaiten liesa, eine gute Nacbt und 
starkte mich bei anbrecbendeui Tage durch eine Cotale Abwascliung 
im Fluss. 

Das Canoe lieaa diesmal nicht uuf aich warten, und icb setzte 
in der Frulie des 1. October iiber, obne irgend welches Palaver 
uiit den Fiihrleuten zu haben. — Die Canoes aind hier aagatlich 
schniat; man iat gezwuiigen, sicb auf den Baden zu aetzeu oder 
r.a kuieen. Der Nhuuga lloaa init atarker Siromung; Felaen 
funden sicb nicht am Ufer, der Grund iat scblammig, das Wasser 
selbst aber sehr klar. Daa Ufer der linken Seite iallt etwa 
50 Fuss tiet' sehr steil nb, uud man liat Muhe, die glaUpolirten 
Lehnitritte zu uberklettern. Nacb einstiliidigem Marach erreiuhte 
ich Cassoche. 

Ich Hess nur so lange rasten, als iiothig war, daniit die Leute 
ihre Banaaeu rosten konuteu (der Zicgenbock wurde dcsbalb noch 
nicht geschlachtet). — Ich aelbat hatte nur am friibea Morgen etwas 
Chocolade und Bananen zu mir genommen und filblte beim Ab- 
uiarsch von Cassoche eine gewiase Mattigkeit. Icb besiegte sie 
durch langsaines, aber continuirlicbes Marscbiren, und erst 5 Stunden 
nach dem Verlasseu Cassoche's wurde, um halb vier Uhr Nach- 
niittaga, die erate Rast gemacht, in der bereils erwahnten Eiuseu- 
kung zwischeti Morro Divumbo uud Sahi, — Auf dem Wege war 
ich wieder aus deiu regeolosen Gebiet in daa Bereicb der 
bereits begonuenen Regen eingetreten. — Der Weg war sehlupl'rig 
geworden, der Lagerplatz feucbt, von den BJiumen tropf'te Regen, 
ein durchsichtiger Nebel erfuilte den Wald; das Ganze war un- 
endlich melaiicholisch and ernat. — Obwobl meiue Neger uud ich 
selbst muJe waren, erscbien docl^ Niemandem daa nachtliche Bi- 
vouakiren auf diesem unwtrtlilichen Platze verlockend. Beaaer er- 
achien der Versucb, Licungu noeb an demaelben Tage zu crreichen. 
Icb liess deabalb nach 40 Minuten wicder aufbrechen. Die zweite 
Hohe war bald erreicbt, und dann beganu der fiirchterlich ateile Ab- 
atieg auf deal harten, mit Wurzeln und feuchten BlJitteru ubersoeten 
Lelimboden. Laugsain kam die Nacbt herbei; trotz des gleicb- 
itiassig grautin Ilimmels sah icb meineu Korper eineu Schatteu 

Z^iuhr. i. Gnellach. t. Erik. E± X. lU 



178 P- Giiflsfeldt: ' 

werfen, weil das diclite Laubdach des Waldea deiu Liclite nur in 
bestimmten Kichtungen Zutrilt geslattete. Gegen 6 Uhr passirten 
wir zwei Biiclie, dann warde ea niicli und iificb so dunkel, daea 
man den Weg nicht melir sehen, nur noch fiihlen konnte. Lcucht- 
kafer niit planetariscbem Licht erfiitlten den Wald, flogen bin 
\ind her nder leucbfcten vom Grunde des Bodena aus. Aber den 
Pfad erbellteu sie docb nicht, und so liess die DunkeJheit den Weg 
nnendlicb lang eracheinen. Wir batten mehrere in den Lehinboden 
cingesebnittene Bacbe za passiren. Das Herabkriecben anf dem 
fast senkrecbt abfallenden Lehm, dns Darcbwaten dea in die Sinefel 
dringenden Waasers, und daa niiibaanie Hinaufklettern auf der 
anderen Seite bei atockdunkler Nacht , einem knurrendcn Magen 
und einem erschopften Korper raocble wolil einen Schatten dea 
TJnniDtbea uber meine Stirn jagen, aber ala tcb daa groase Dorf 
Punga erreicbte und der wobJthuende Anblick der vielen Feuer 
zu beiden Seiten der ebenen, glutten Dorratrassen mir zu Theil 
wurde, war mir zu Mntb, als ob icb die bellerleuchteten nLinden" 
in Berlin oder ein glanzendes Pariser Boulevard durcbachritte. 
Wenige Minuten spater war icb in Licungu, deasen Handela- 
cbimbek zwar jetzt verlaasen war, wo icb micb aber nicbtadesto- 
weniger so gut einricbtete, wie meine Mitte! es gestatteten. Der 
freundliche Dorfherr von Punga kam sogleich und bracbte Maniok 
und Palmnusse zum Yerkauf. 

Den folgenden Tag (2. October) verbrachte icb in vollkommener 
Einaamkeit und ganz unbeliistigt. Es regnete wahrend der Nacbt 
und am anderen Tage bel^ig und ebenso die folgende Nacht, und 
icb war frob, dasa der Morgen dea 3. October, wo icb weiter mar- 
scbirle, wenigsten regenfrei war. Icb konnte jedocb erst um 8 Uhr 
30 Minuten aufbrechen Gegen die lange Wasserpassage im Li- 
cungubacb batte icb micb dieamal durch Improviairung von Sandalen 
gescbiilzt, die nnter die FuBSSohlen festgebunden wurden; dadurch 
wuvde mir das znni Vergnugen, was mir das erste Mai eine grosac Pein 
gewesen war. Ala icb die Region der Baumfarn erreicbte, prufte 
icb die Stamme noch einmal genau anf ibre Kobe und acbatzte 
den bochsten zu 16', die Durch schnittshohe mag 12' betragen, — 
Im Dorfe Mujabi, das um 2 Uhr 16 Minuten erreicbt wurde, machte 
icb eine 1 J^stundlgcRaat, die imUmaehen dahinging. Mittlerweile war 
ein starker Regen eingetreten. Ks war hereits spat geworden, die 
Wege so acblupfrig, dass der steile Anatieg zum nacbsten Dorf nur 
diircb Ilinaufzieben an den Stamnien bewerkatelligt werden konnte. 
Die Nacht iiherfiel unsmitten im Walde. Ich hatte in Vorauaaicht dieses 
Umatandes Packeln von Licungu mitgennnimen j nun stellte sicb zu 
meinem Scbrecken heraus, dass der Krumano, dem die Fackein uber- 
gebenwaren, unerreichbarweit zuruckgebliebenwar. Der Regen hatte 




Bericlit iiber die Keise (n den Nhituga. 179 



niittlerweile awar aufgebort, nicht bo der Nachregen, den jeder Wind- 
hauch von den Baumen dea Waldes herabsandte. Die Nacbt wor so 
Bciiwarz, der Wald so gescblossen, dass eioe abeolnfe Finsterniss 
herrschte. leh konnte nur, und ewar zara ersten Male, eine Btarke 
Pliosphoreacenz der vielen auf dem Watdboden faulenden Zweige 
crkennen. Aber dieses Licht konnte eher dnzu dienen, den Pfad 
zu tauachen, ala iltn z« erhellen, Mit den Sohlen uber den Erd- 
boden wegschleifend , fulilte icli den Weg. Doch das Vorwarts- 
kommen war so langsam, dass mir diese Fortbewegnng niebr als 
eine Nothwendigkeit, um das Fieber von meinem Kiirper fern zu 
halt^n, denn als ein Mittel, um noch Mongo Nhanga zu erreicben, 
erscbien. Ich batte zum grosaten Gluck nocb drei Stocke Stearin- 
kerzen in einer kleinen Ledertascbe, die inein Dicner Congo 
trug, und mit Hulfe deaselben erreicbte icb nach dem beachwer- 
lichen Marsche uber Wurzein , Zweige und schlupfrigen Lehni- 
boden durcb tiefstes Waldesdunkel 9 Ubr Abends das Handels- 
Chimbek Mongo Nhanga. 

Meine weiteren Plane waren urapruiiglich auf dss Sette Kamns 
gericbtet; doch gab ich dieselben auf, einmal, weil die Regen nun 
mit Heftigkeit einsetzten und do" grosse durch Krankheit verar- 
sachte Zeitverluat sich nicbt mehr einbolen lieaa, und dann aucb, 
weil andere Pflichfen und die erbaltene Correspondenz mich wieder 
nacb Cbincboso zuriickriefen. Ich verlieas deahalb Mongo Nhanga 
am 9. October und begab mich in nachtlicber Fahrt flnsaabwarts 
an die Miindung. Ein zulallig dort anwesender portugieaiscber 
Schooner ^Firmeia" gab mir cine Passage bis nach Mayumba. 
Ich schiffte mich mit dem Capitain am 11. October eiu. Da die 
Nhangabeach vielleicht die scblechteste der sehlechten iat, ausser- 
dem Caleroa berrechte, so war die Einschiffung an diesem Tage — 
noch dazu in einem Negercanoe, geradezn gefahriich. "Wir entgingen 
zwar dem "Umachlagen; denn die senkrecht aufgerichtete Welle, 
die gerade anflng, sich vor der Spitze dea Canoe zu brechen und 
die nns diesea Schicksal bereiten sollte, begnugte aich damit, uns 
nnd unser Fahrzeug voUkommen zu uberscbiitten und uns dann 
weiter passiren zu lassen. "Wir atanden nun voUig gebadet im 
Wasaer und erreicbten unaeren Schooner ohne weiteren Unfall. — 
Icb selbst aber hatte einen ansserat empfindlicben Veriuat dabei 
erlitten ; das Seewaaaer war namlich bei der furchtbaren Vehemenz 
durch Kleidung nnd Kautacbuktaacben aucb in daa Chronometer 
gedrungen, deasen einziger Fehler ein mangelhafter Verschluaa w;ir. 
Nun, wer selbst beobacbtet bat, weiss, waa ein solcher Veriuat zu 
bedeuten hat. — Am Morgen des 13. kamen wir vor Coango (Ma- 
yumba) an, und ich war froh, nach 41stundigeni Aufenlhall an Bord 
wieder festea Land betreten zu konnen. 

13* 



L 



•^ . . •'■ "7 



180 P. flassfeiai: 

NncbJem ich iiiir niii 14, Oclober ^inen RubeCag gcgonat, 
Iral id) aui 1 5. die seclislagige, unerquicklicLe Reise nach deni Quillu 
no. — Dn die Fiasslagune von Banhi eich weithin der Kuste 
paridlel zielit, ao erBcheint es fur diesen Weg am beaten, zunachst 
<ler Liigune zu folgen. Nachdem ich in secliestundiger Fahrt 
Manibi niit seiner wabrliaft idyllischen Umgebung erreicht hatte, 
sctzte ich am Abend des 16. die Ganoefubrt fort und kani nach 
einer Aircblbar regnerischen Nucht am anderen Morgen in O'Qnass an, 
■wie ein kleiner Wieaenfleck auf dem linken Banhi-Ufer genannt wird. 
Dcr Banbi hal eine Durclisuhnittrichtung von S45 nach aufwarta 
und die colossale Breite von 1000—3000 Sohritt. Die Farbe dee 
Wassei'S ist dunkftl und erinnerte njich unwillkurlich an das Wasser 
der Spree. Die Ufer sind nicht vollkommen flach, aondern von nie- 
drigtin Hugein und Ruuken eingefa^st; das Meer ist hanfig ao nah, 
dass man ea rauachen hurt. Die YegetatioD — unterhalb aus Man- 
grove bestcbeud — geht nach und nach in andere Pormen nb«r. 
Eine achoiie Abwechseluug gewahren die Pandanns, die gruppen- 
weis an den Uferrandein auftreten. — Von seinen Eahlreichen 
Inseln ist die eine beruchtigt, auf welcfaer zwanzig, einem portu- 
giesiachen Hause entfluliene Kcumanoa sich angeaiedelt und auf 
Leben und Tod vertheidigt hiiben. — Nach knrzem Aufentbalt in 
O'Quasa braeh ich init meinen Canoeleuten, die utm ala Tri^er 
dienten, auf uiid erreichte in dreistiindigem Marach das an dem 
Straude gelegene Pontabunda. Dieser Marach hatte, nach der 
hingen Canoefabrt, nach der aneklenden Beachaftignng, die tragen 
Ruderer (Baluitibos) anzutreiben, etwas sehr 'wohlthuendes, um so 
mebr, uls die Landscbaft, dutch die er fnhrt«, mir einen neuen 
'Typus darbot. Der Wald ist namlich durcb weitgeatreekte, breite 
Waldwiesen unterbrochen, was ich bis dabin nie gesehen hatte. 
Ware das Griin von Wald uud Wiesen lebhafter und saftiger ge- 
weseor als ea in dor That iat, so warde die Aehnlichkeit mit ge- 
wiasen Partieen bi;i Keinbardsbrann in Thuringen nodi viel grosser 
gewesen seiu. Der Boden der "Wiese ist aber sandig und das 
Wuaaer fehlt, daher ist das Gras dJirftig. — Der Wald wechselt 
in aeiueui Habitus. Die Theile, welcfae ich auf diese erste Hiilfte 
des Weges durchschritt, waren schon nnd anmuthig. Baume wie 
in den Quillu- und Nhanga-Waldern kommen nicht vor, die Blatt- 
gewachse fehlen und ein nicht zu danklea Unterholz eriaubt dem 
Blick wenigstena einigen Spielraum. Der Wald, bei weiteni nicht 
so majeatatiach ernat, wie die bisher durcbwanderten , war dafur 
uni so anmutbender. Dazu war der Weg, wenigstens fur einen 
Mann, der an den Busch gewiiihnt ist, vorlrefflich, fuat ohne Wuraein 
und meiat ebeo. — Bei der Anniiberung an die Beach anderte 
sich auch der Wald; dia Farbe der Blatter wurde graugrun, di^ 



U.-.. 



1 Nhangn. ISI 

einzelnen Esemplare wurden verkummerler. Die lelzte Wege- 
strecke geht hart am Sfrande hin und ist ausaerst troatlos, namenllich 
da, wo sie durch einen Wnld aligestorbcner und theils zuaainniengc- 
brochener Stamnie fuhrt. Ich iraf gegen halb drei Ubr Nachmittaga 
(17. October) in Ponta Banda ein. Die drei Factoreien der Weiaaen 
sindjetzt aammtlichgeschlossen; dfttnals aber war noch eine eiiglische 
Faktorei offen, deren Gnstfreundscbaft ich anaprach. Die Weiterreise 
konnte erat am Abend dea 18. erfolgen, da die Bescliiiffung von 
Manonegambas Schwierigkeiten verursachte. Von Ponta Banda 
aua reiate ich wieder in der Tipoja. Ich erreichte — stets an der 
Beach micb biiltcnd — den Conqunlflusa am Morgen des 10. Oc- 
tober, setzte Sber die Lagune, die dieaer Fluss an seiner Miindung 
bildete, und kam nach Ueberwindung einer eahlloaen Mengo Ton 
Schwierigkeitcn am 20. October (iber Chilunga in Longobnndo an. 
Hier verweilte ich '2i Stunden bei dem liebenawurdigen Fortugieeea, 
den dais bollandische Hans dort luni Agenten hal. — Ein kleines 
Fieber — die naturliche Folge dea Regena, Aergera nnd der nacbt- 
licben Reisf war mil einer Nacht uberatanden, so daaa ich unbe- 
hindert am 21. Oclober meinen Weg nach dem nicht ferneu Qnitlu 
fortaetzen konnte. 

Ini Qaillu, wo ich meinen alten Freunil ReVa wieder begrusate, 
ordneto ich das znriickgebliebene Gepack nieiner vorungluckten 
Juli-Expedition und begab mich auf indirekteni Wege fiber Ponta 
uegra, Chicambo, Chiaaambo nach Chincboxo. Ea war nieine Ab- 
sicht, den Lnemafluss Ton Chicambo aus bia Masaabe (Mfindung) 
aul'zunehmen. Da abcr kein Canoe zur Diaposition stand, so ver- 
achob ich dieae Untersuchiing fiir einen beaondereti von Chinchoxo 
aua zu unternehmenden Auaflug und begab micb zu Lande fiber 
Chisaambo nach der deutscben Station. — Ich erveicbte dieaelbe 
am Mitlag dea 29, October nach einer raehr als viermonatlichen 
Abweeenheit. Der herzliche Enipfang, den die Mitglieder der Expe- 
dition, die Herren Dr. Falkenatein, Dr. Pechuel-Loeache, Soyaux 
und Lindner mir bereiteten, lieas micb in einem Augenblick ver- 
gessen, waa ich in jener Zeit geduldet und gelitten. 

Erst jetzt werfe ich mir wieder die Frage auf, ob der Einsatz 
nicht zu hoch war ffir eine Leistung, die ein geograp hi aches Lehr- 
bnch mit einor balben Zeile verzeichnet. 



f 



Michael Servet als Geograph. 

Ton Herm Pfarrer H. ToUia 

Wenn der Spanier Michael Setret, nach seiner Mutter y Reuex, 
nach seines Vatera Geburlaort auch Villanovaans genannt*), als 
Entdecker dea Blutumlaufa und begabtester Beatreiter der Sehul- 
Lehre von der Dreieinigkeit noch bis auf uneere Tiige beriihmt 
iat, BO verdankt er dieae Beriilimthejt dem Umstand, d;ias er JohH-nn 
Calvin's Strafgerechttgkeit zam Opfer flel. Selbat seinR erklarten 
Gegner lieut zu Tage geatehen zii, dttaa Servet „an geiatiger Be- 
gabuDg den groaaten Mannern seines grosaen Juhrbanderts eben- 
bnrtig zur Seite stehe"*'). Dennoch ivurden aeine hohen inedi- 
einischen Verdienste unter una gerade ao vergeaaen sein wie die 
aadern, wenn nicht Cahin am 27. Oclober 1553 auf dem Platze 
Champel mil dem immer noch ranchcnden Scheilerhanfen dem Spanier 
ein Flammen-Denkinal errichtet hatte nnd ein Merk-Auf fiir die 
kommenden Geachlechter"*). Indem Calvin dem Servet das Leben 
nahm, gab er ihm die Unsterblichkeit. Hiitte Michaers letzter 
Hauch nicbt von einem Calvin, aondern von einem Morin, Ory, 
Moucliy oder irgend einem andern Inquiaitor der romiachen Kirche 
abgehangen, sein Name wiirde in der Bibliothek der christlichen 
Martyrologien vergraben geblieben sein, Ala Calvin aein ^Henker" 
wird, Cuivin, der ayalematischste Denker und energiachste Organi- 
sator nnter den Reformatoren, da ^nimmt der Scheiterhaufen Ser- 
vet's in der allgemeinen Geachichte ebenso viel Platz ein , wie 
10,000 und 100,000 andref): eine Auszeichnung, die keinem 
andern Jemals ku Theil geworden ist. Und der Spanier verdient 
sie auch, War er docb nieht btoa Mediciner und Theologe: er 
war Jurist, Philoaopb f f ), Malheinatiker, Aatrouom, Aatrologe, Philo- 
loge und Geogrjiph ftt)- Die Polyhiatorie ist krankhaft, wenn 

•] Gflb. 1511 zu TudDla in Navarra, geat. 1553 zu Genf, 
•*1 Stahelin: Johann Calvin. Elberf, 1S63. T. 1. p. 42S. 
***) Melanchthon nennt den Scbeiterhnufeu Servet's: Pium et mem Drab ile 
ad. omnem posteritatem eiemplum. Ira nnigeketirten Sinne wnrde dies zur 
WahTheit Die Siege der Intolomnz aiud immer Pyrrlius -Siege. 

t) Evangelische Kitchen «eitung von Hengsteuberg 1862, 30. April 
p. 409 sq. 

tt) Ala Philoaopb ist Servot zum ersten Mai von Em. Baisset: M^laoges 
d'histoire. Par. 1859 p. 117 — 327 geacliildert worden. Eb ist der Servet 
der dritten Periode. Die beiden ersten kanule Saiiiset nicht. 

ttt) C'itait un de ces sarant'' de la Henaisaance, ^ni, k reiemple da Pic 



Miobael Scrret ale Gengraph. Jg3 

1 aufKosten dee Dilettnntiemua daa Fachstudium elneogt oder zu- 
riickdrangt. Wer aber, wie Michael Servet, ala ^Dilettant" raathe- 
matiache Vorlesungen halt, so dass Erzbischofe gerne zu eeinen 
Fusaen sitzen, wer als Dilettant iiber Astrologie so anregend del)!- 
drt, dass ei gleich zwei Fakultaten und dus Parlament vou Paris 
in Bewegung bringt, wer als ^Dilettant" eiti medicini aches Wert 
scbreibt, daa im Limfe von eilf Jahren funf Auflagen erlebt*}, wer 
als ^Dillettant" den Blutmnlauf entdeckt und so nebenbei in einem 
theologischen Slreitwerke**) den ganzen Hergang, den er beobachtel, 
wiasenechaftlich genau beacbreibt***); wer als neunzehnjiibriger 
^Dilettant", noch ebe er einen Biichataben bat drucken lassen, 
alls groBsten Reformaloren der Schweiz und der deutachen Ober- 
lande, Zwingli an der Spitze , zn einem formlichen Synodal-Be- 
scbluss wider den frevlen Spanierf) veranlasst und durch seine 
theologischen Werke seitdem die ganze evangeliacbe Kircbe in 
Athem halt : ein solcher „ Polybistor " verdient doch wohl noclt 
Lente in alien Fachern, in denen er sich ausgezeicbnet, nicht bios 
in der theologischen Fakullat, etne dauernde Beachtung. 

Wir wollen es bier veraucben, Servet's Verdiensle um die 
Geographic in"a recbte Licht zu stellen. 

Wegen seiner anlitrinitarischcn Ersilingswerkef f) aus der 
Schweiz und den Oberlanden fttichtig, war Michael Servet im Friib- 
jabr 1534 iiber Genf nach Lyon gegangen und als Corrector in 
die Trecbsel'scbe „ Druck-Akademie " getreten. Da aeit 1532 bei 
Proteslanten und KatboHken sein Name auf detn Tndes stand, ao 
nmsste er aich entschlieasen, unter dem neuen Namen Michael 
Villanovanus ein neues Leben zu beginnen. Die Theologie, seine 
Lieblingawissenacbaft, sollte brach liegen. Michael, bis vor Kurzem 
Bedienter nnd^-Kanzler" beim kaiserlichenBeichtvaterQuintanaf f f), 
fand sicb aber auch in der Corrector - Stellung schnell zurecht. 
Arbeit war aeine Wonne§), und an lohoender Arbeit fehlte ea in 



de Miraodole, auTaient pa BoDtenir nne tbfeiie svr tout ce qu'on pent savoir, 
BHgt Charpenne. Hist, de la H^f. de Geueye. 1861. p. 495. 

*) Syrupdrum nuiveraa ratio 1537. 1545. 1646. 1547. 1548. Dieeo fnnf 
Auflageu babe icli s«that gcBehiiQ, Yielletcht Bind deren uocli melir, die ich 
□icht gesahen habe. 

'») Kestitntio ChriBKanismi. a. 1553 Vieonae p. 169 BBq. (tf. Henry, 
Calvin, Hambg. 1844. T, III Beilage p. 58 — 63. — Doch gebt iu der 
Beatitutio die Stelle noch waiter bia p. 181. 

***) cf, Flourens; Hiatoire de la d^couverta de la tirculatioa du aaug. 
Par. 1857 p. 23—29. 

■(■) cf. bei Henry. Calviu III. p. 115 aeq. 
ft) de trinitatis Brrorilraa L. VU. 1531 und Dialogor. Ilde triaitate 1532. 
t++) cf, Maeaaio dan Aualandes, 1874. No. 14 luid 16. 
§) Wie uach 1. Tinotb. 2. 15 dan Weib durch Kindergebilreo : eadt-ju 



IBi H. Tollin: 

der TrechBel'sehen OfBcin zvi keiner Zeit. Nicht nur dasa Servet 
die fremden Werke, welche dort gedruckt wurdeti, sorgfaltig durch- 
aulesen nnd zu corrigiren hatte, eondern, ala er sieh darin bewahrte, 
wuiden ihm ftuch von seinem Principal selbststandige Arbeiten nber- 
Iragen, denen er sich stets mit Eifer und Geschick unlerzng. *) 

Die Gebriider Melchior nnd Caspar Trechsel, 'wahrscheinlich 
des Buchdruckers Joliannea Trechsel Sohne, aus einer in Snd- 
deutachland and der Schweis noch hente verbreitcten Getebrten- 
Fatnilie atammend, batten in der Auswahl der Drockgegenstande 
ihrer ^ Akiidemie" einen richtigen kaufmannischen Blick. Dank 
d^ grossartigen Entdeckungen einea Columbus, Corles, Amerigo 
Veepucci, Fiziirro, Vasco de Gama war, nachst der Gottesgelehr- 
samkeit, fiir kein Fach damals das nllgemeiae Inlereaae so lebendig 
ala fiir die Geographic. In der Geographic halle Franz I., Konig 
von Frankreich, ganz §(annenawerthe Kennlnisse sich angeeignet"*), 
iind seines machtigen Rivalen Kaiser Karl V. letzte Bucher, die 
er taglich las, noch in St. Tust, waren ein Kntechiamus und eine 
Geographic***). Mil demselben brennenden Dursle, mit dem das 
Mittelalter die Kreazfahrer-Legenden nus dem heiligcn Lande ein- 
gesogen hatte, mit den^selben Durste verschlang des Columbus Zeit+) 
jede Kunde aus jenen fernen Welttheilen mit ihren Goldminen und 
Perlenlagern , die wie ein Wunder pliitzlich aus dem Meere aaf- 
getancht waren. Nene Volker, neue Sittcn, neue Religionen 
lernte man kennen. Die alte Welt, in ihren angeerbten Vornr- 
theilen irre gemacht, ging einer volligen Umgestaltung entgegen.+f) 
In Wirklichkeit waren die Entdecker-Reiaen an die Slelle der 
papiernen Tradition getretenf+t)- Forniell aber blieb noch lange 
der Mitteipunkt allcr geographischen Forachungen die Geogra- 
phic des Ptoiemaeua. Was Aristoteles fur den Philoaophen, 
den Richter, Galenua fiir den Arzt, Petras Lombar- 



ratione dicimus, vinim audoi'B et labors aalvari, poenam peccati Inere atque 
ita jiidici Deo aliquo modo satisfacere. Uad wie hier ia der Kentitutio npricbt 
er in der Vorrede tam Ptolemaeus vod der ipsa cognitianis vcduptas. 

*) z. B. Biblia rsgniui, ein Thomiu Aquiu mit Argumenten, verschie- 
deae lateiniscli-apaaiBcbe Grammatiken. 

**) ChriBtiauissimi OallDnun Regis exemplo. qui lit est studionim ama- 
tor, ita in hoc genere ad uiiraculum ueque doctua, sagt Servet in dor Vor- 
rede zur 2. ed. seines Ptolemaeus. 
***) Fichot; Cliarlos V., p. 538. 

+) Neque Lominum memorift, neque antiquorum literis proditiiro est, 
navigatiouea itlaa iu Ocoauo factas, qime nostro tempore fieri coeporuat: Seh. 
Miinster: Declaratio tabulae goographicae. Basil. 1532. 

ft) Ein wicbti^es Organ fiir diese radikale UmwHJiang aller Ansctiau- 
DDgBD war Michael Setvet, 

ttt) BervBt war der erste, welcher sich in einem PtoleraaeuH anch anf 
seine aKoUen" berieC 



t ale GEOgraph. jgS 

das far den Theoiogen: das war Ptoleniaeus fnr den Freund der 
Erdbescbreibung. Allein wie daa Mittelalter nichta ■wuasto von 
einem griechisehen Ariatotelea, einem griechischen Justiaimi, 
einem griechischen Galen, eiftcni griechischen Neuen Testament, 
so war such wiederum beim Ptolemaeus die Uebersetznng dcs 
Arabischen die allea beberrschende Autoritat. Ueberall stebt ja 
das Mittelalter in geistiger Abbiingigkeit eben von den Arabcrn, 
die es mit Blut und Eisen bekanipft. *) Bekanntlich batten die 
Araber — unscr Zablensystem, die Namen det Algebra, Alchymie 
and niancber Sternbilder erinnern on ihre einstige Suporioritat — 
schon unter dem Kalifen Al Mamum (813 — 833) jene berSbmte 
Uebersetzung de8 Batolema angefertigt, in deren lateiniscber Aus- 
deutung die Weisbeit der christlichen Moncbe sich xn Sbribii'ir-n 
auchte**). Anf diese arabiacb-lateinische Uebersetiung bafliii aui.h 
die ersten Drucke'**) sich bescbrankt. Wie sebr diese Au-^i;-il>t!n 
den landlaufigen Vorurtbeiten huldigten, daa zeigt u. a, die Aus- 
gabe des Job. Scbott, welcbe 1513 zu Strassburg erscbien f). Halt 
er ea docb der Miihe werlh, in besonderen Capiteln seiner Geo- 
graphic von den Zwillings- nnd Missgeburten (§ 35), von den Un- 
gebeuern {§ 36), von den Verwandelten (§ 39), von einigcr 
Manner sonderbaren Wunderkraften (§ 40), von einigen barbari- 
9cheD weiblicben Ungeheuern (§ 41) auBfuhrlich zn bericbten, Und 
so fabelt er auch (Cap. 5) vom heutigen Palaestina als einem 
iiberreicben Lande, ausgezeicbnet durch die FiJlle seiner Friichte, 
die Unversiegbarkeit seiner Gewaeser nnd die Kraft seiner Bal- 
..raett). 

Mit dergleichen Mabrchen musBto endlich einmal griindlich 
gebrocben, der Text in seiner ursprunglichen Reinheit bergestellt, 
darcb Vergleicb mit dem gegenwartigen Zustand der Lander ge- 
nussreich gemachtf f f) nnd durch die aeit Ptolemaeus' Zeiten fest- 
ge«tellton Thatsachen erganzt, reip corrigirt werdpn 

Diese ebrenvolle Aufgabe ubertrugen die Gebruder Mel- 

*) Serret wollte die Araber ueiatig bekiiniptpn , vorzug^Iich durch das 
Evangeliuni da crueifiio qui mirahilv virtnte miiDdum suae ditioni subjecit 
et aabjiciet, et sine Blrepitu armorum ment«^ dupit captivas (De tniiit error, 
fol 78 a) 

**) cf Ritter Geflchichto der ErdkuDcie Berlin ISfil p 164 sq 
***) Jac An^eh Vicent U75 — Domit Caldentii Kom 1478 i tubb, — 
Nicol DoDis German Ulmaa 1483 

f) Cur D Jac Eslero fol maj Zu Strassburg erschienen aiich des 
Ptolomaeas Ansgaben von PhrLsiuB 1523 und Pirckbeimer 1635. 

tt) Terra opima caet. — Galilaea regie Palaestinae vocata est, quod 
gignat candidiorBi4 homines quam Palaestinal 

-t"t"{-) cnm nuda Ftolemaei lectio parnm venusta hactenns visa sit (Fraef. 
ed. 1535). 



186 

ehior aod Caspar Trechael dem jungen gelehrten Einwanderer, 
Michael Villanovanus. Etne willkonimnere Zumiithung kooiite 
dem reisefrohen Caialanen*) nicht geatellt werdon. Halte doch 
schon Heiu Lehrer Anghiera**} ihn mit heiligem Feuer fur das 
Studiuni der Erdkunde begeiBtert, Aucb philologiseh war er fiir 
sein Unternehmen vorbereitet: er veratand lateiniach und griechisch. 
Und wenn es ihm, wie er daa noch 1532 tief beklagt***), an der 
uiannlichen Reife in seinem lateinischen Aoadruck and an der 
klaaaiacben Durchbildung in seiner Kenntniss des Griechiselien 
noch fehlte , so but aich ihm jetzt trefflicbe Gelegenheit, duruh 
Lektiire der einschliigigen +) Klassiker anf Koaten seines Prin- 
cipals sich in humanioribus waiter eu bilden. Mit welcheni Eifer 
und Erfolge sich der junge Arragonier bei den Trechael'a vervoU- 
kommnet hattt)i ^"^ lenchtet jedcm ein, der des Michael Serveto 
alias Keues lateinischea Slyl und Ausdruck mit dem des Michael 
Vilianovanua vergleiclit ff f), Dasa sich durch die beaeere Kenntniss 
der Klaasiker auch sein Herz und seine Lebensanachuunng er- 
weitern und jene krankhafte, fast ketzeriache Ueberangstlichkeit 
seines Gewissena , die seine crate Lebensperiode §) auszeichnet, 
wie von selber abstreifen warde, liess sich von vornherein erwarten; 
lasat aich aber auch aus dem Benehmen und den Schriften Servet's 
wahrend seiner zweiten Lebenaperiode§§) deutlich darthun. In 
eioem Fache freilich hatte er noch viel nachzuarbeiten, wollte er 
aich aeiuer grossen Aufgabe gewachsen zeigen: das war in der 
Mathematik§§§). Bis Lyon wuaate Sei'vet von der Mathetnatik 
nur soviel, wie einer, der im triviuni und quadrivium die sieben 
Eilnate durchwandert war. Jetzt aber vertielt er aich so grdndlicb 



*) Servet iat eigentlich Nftvarreso, aus Tudela geburtif , wie ich andarawo 
zeigen werde. Seinea Vatere Oeburtaort, iiach dem er sich nennt, Villanova, 
im Bislhtim Lerida, liegt in Catalonien. Dio Catalaneti uber waren die reise- 
beviihintesten unter den Spaniern. 

**) Zu Saragwisa; Petriis Martyr d'Angiiera, Erzpriester von Ocasta, 
Mitg-Iied des Geheimeii Raths von Indien, f e, 1535. 
***) Praefatio der Dialogi de trinitate. 

t) Besonders fleissi^ las er die Geographen Eratosthenes, Strabo nod 
Plinius, dann auch Caesar's Commentare uud Tacitus, 

++) Abg'eschraackt ist Moubeim's Bebauptung (Anderweitiger Versnch. 
Helmst. 17^8, p. 74) „iu seinen geiatlichen BSchern habe Servet mit Fleiss 
uurciu, vervrorren und nachlSssig' schreibeu wolleu." 

ftt) 2. B. da trinitatia erroribua mit dem Ptolemaeus, Dialogi mit Sym- 
porum ratio, apologia pro Sjinphoriaiio Campegto, apologetii^a disceptatio pro 
astrologia mit Bestitutio Cbristianismi. 
§) 1511—1534- 
§8) 1534—1543. 
§§§) Denn, sagt Servet fol. 5 a dea Ptolemaena, geographua dici nequit, 
qui fuerit matliematices imperitoa. 



Mi^'1lael Seiret %ls Geo^aph. ]g7 

in das mathematiscbe Studium, dasa er in Eeinen AnmerkuDgen 
zam Ptoleniaeus*) anf die Mathematik gem and hau6g aurnck- 
koDimt: f, Auf Tier Arten, aagt Servet"), kann man den Meridi.-in 
fin den. 1. durch Beobnchtang dee kiircestea Sthatlens an der 
Sonnennhr oder der beiden ContiDgenten der Peripherie des- 
selbeD Kreises, die vor und Dach gleick sind*"); 2. dnrrh die 
hochate Sleigung der Sonne, wie man sie mit dem As I ^ola- 
biam+)findet; S.dnrchdasAiimulal-InBlroment des Apian ff) 
zu jeder Slunde; i. durch den Xachweia der Magnet nude 1. 
Ueber das Me teoroacopiu m dea Ptnlemuens uusaert Servet 
Bich folgenderniasaen : Joliann vnn Konigsbergftt} belmuptet . daa 
zur Beobachtung des Abatanda nnd der Elevation der Slerne von 
Ptoleniaeus benutzte Instrument aei nichta andercs gewescn als 
der rirkelformige Armring, den die Miinner zu tragen pflegten, 
Werner bestreitet daB§). Doch in der That, sagt Servet, wenn 
Du jenem Aruring die Flache dea Horiionts unlerleg9l§§) «nd die 
Kegel der Position dabei festhsllst , ao wirst Du ein Meleoro- 
scopinm haben''§§§). Um aber die Kntfernung zweier Orle") ru 
bestimmen, die nur der Lange nach veraehieden sind, kann man 
eotweder, sagt Servet, verfahren ■wie mein Gewahrsmnnn thut. 
Der andere Weg aber durcU den sinus iat aicherer. Denn durch 
den grossen Kreis, niciit durch den Parallelkreis mnas man die 
Sntfernung meaaeD""). Doch mag dies, aagt er"""), fur jetzt ge- 

*} Die meisten dieser mathematischen Bemerkuiigen Sorvet's utebeu 
schon in der Ed. 1535 und iverdea dnira in die Ed, 1541 herubergononinian. 
**) rol. 6 a, 
***) Primo per gaonioiua minimam umbram, sea duiui anti>a et poatea 
aequales ejusdem circull periphaeriiun coutingenteB. 

i] Ueber die Vervcillkominnun^ dee Astrolabiam durcb Martin Bebaim 
t c. 1598. e. Rilter, Gesch. dar Erdknnde, p. 254. 

ft) Feler Bieaewitx sua Meiesen, kaiserliclier Astronom, Verf. den Astro- 
nomicum Caeaareunt, gewiilmet an Curl Y. uud Purdiaand. 

fft) Dea beriihmten Johaanes Miiller de Regiomoata (Konigaborg in 
Franken) t 1476, AiinotAtionea In Ptolemaeum gab Pirckheimer lioraiis. 

§) Der Niirnberger Mntheroatiker Johana Warner, 1513 — 1547, gab 
Ii. I. dor Geograpbie dea PUilemaetin herauit, Servet citirt ihn steta als 
Yemerna, nnr iu der Yorrede zur Ed. 1541 stebt Bercnberua. 

g§) Yere tamou si armillae subdus borizontia planitiem com reg^ila pnsi- 
tioni^, babebis meteuroacopium [fuL Ta.) 

§§§) In dem Astronomicum Caeaareum Para II. (a. 1541) findct aii-b ein 
MeteoroBCOpium planum Apian i mit 5 Observatiuneu von Komotou: die eratii 
1531, 6. Aug. — 23- Aug.; 2) 1532, 25. Sept. — 20. Nov. in Dreadan, 14. Out. 
zu Leipzig, 19. Oct, 31. Oct. zu Dresden, 1. Nov., S. Nov.; 3) 1533, IH. Juni 
caet.; 4) 1538, 17.— 21. Jan.; 5) 1539, G.— 17. Mai, 

") Prima eat differentia latitudinia, aacnnda longitudiuis, tortia locoruro 
vera diitantia, quftai laterunj quadrati dimeter. 

'"') nam per circulum magnum, ti on per parallclum metiri oportet distnntiHm. 
°°") Hinter dem ludax dea Ptolemaena. 



..i 



nugen, weil jene Methode zlemlich schwer ist, wie laan aus des 
Peter Apian nnd Orontius Abhaadlongen ersehen kann. " Anch 
anf Ausgleichung der Aatoren lasst Servet sich bisweilen ein. 
„Die Lange der Erde betragt., aagt er'), 4336 gewohnlicbe Mei- 
len, nach deui Parallelkreis von Rhodas gemessen." Freilich im 
14. Cap. fugt Plinius diesRr Lange noch 8685 Scfaritt hinzn**). 
Strabn hingegen rechnet 70 Tansend Stadien , was ,,fast anf eins 
hinanskomiiit "**•}. Beaondera gerne stellt Servet verschiedene 
Merhoden neben einander nnd sitzt zn Gericbt, welche die 
bcsle sei. ,,Den Vorrang hat imroer, sagt er,f) die Beobach- 
tnng der Eklipacn, der Elevadonen des Pols und der Mittags- 
linie ditrch Inatritmente. Dann folgt die geometrische Be- 
weisfuhrung. Weit angewiseer ala jene beiden Metbaden ist die 
Ausmessung der Stadien durch Reiaen"'|-'|-). Aaf blosse Ver- 
mnlhnngen und Specalationen laast sich sein wissenschaftlicher 
Sinn ntcht ein: er verlangt, dass man dnrch nntrngHcbe Ex- 
perimeole die Wahrheit erforschet+t)- 

Abcr nicht nnr daas Servet ats Geograpb Tor keiner ein* 
achlagendcn Fnige der Mathematik mruckschreckt, steigt er 
nuch getrost aiif in die atherischen Regionen der Astronomie 
und geht dcm Plaleniaens , wo der ihn binfahrt, nach; ja wo es 
sein muss, voran. „Die grosste Sonnenferne betragt nach Ptole- 
maens 33. 50. Das gill, sagt Seiret, von des Ptoleioaens Zeit. 
In unaer^r Zeit xteht der Erde die Sonne nicht mehr so fern. 
Denn die grosste Sonnenferne betragt jetzt§): 23. 29." — Und 
nachdem er daran erinnert hat, tlass jeder Stern, der eine gros- 
sere Xeigung hat, als die Breite einer Oegend betragt, dort immer 
en aehcn oder dort immer verborgen ist§§\ sagt Serret; „Hip- 
parch behanptel beim Ptolemaens, der Polarstern im kleinen 
Baren, der letzle im Schwanze, aei vom Pole 12% Grade ent- 
fernt§§§). Hem zu Tage aber, sagt Michael Villanovanus a. 1535, 



') Fol. l-2b. 
**) ndtlit Plinitis 86S5 mi. passnnm. 
*"] quod fera idam eit 
t) p. 6.. 
ff) quibus longe inoerttor est itinOTaria BtadiOFDin moianra. 
ttt) H[nr Bcridit nt in tabulis qnibosdam longitado pim contineat qnam 
latitudo. in nnnauUis rero latitndo plue lon^tndine. Hasc adnotavuniis, ne 
speciilationl reliuqueremus, sad nt experientia cerU yeritatem indagare poase- 
mae. fol. USa. 

g) Mostrn Tcro aetata, anno 1540 fn^ er ed. IL hinzn, minus distat 
cAct Behanntliuli butrSgt aie heate (1374) noch weniger, nKmlich 21,01 Uil- 
lionen. Meilen. 

%%) QuBecunqiip Stella majoratn babnerit declinationem qnam git latitndo 
re^onis, perpelao npparet ant perpetno occultatar (fol. 5a.) 

§§§) a polo distare partibos dnodecim quintiaqne duabos (fol. 8b.) 



Mii:bae1 Strret aU OBo^aph. ig^ 

ist seine EDtferDuiig geringer, uaffllick 4 Grud und 9 Minuten. 
Denn vom Aquator betragt seine Declination 85 Grad und 51 Mi- 
nuten,"*} Ueber den Hundsatern and den Orion bemerkt er, 
aie gehen in allcr Friilie uiit den Sonnenetrjibten auf"). Denn 
zur Zeit des Marinua***) wuren diese Sterne im Stier und in den 
Zwillingen. Daber eh« die Sonne in das Zeicben des Krebsta 
trat, sie iriibe vor den Sti'ahlen hervorgingen f ). Heute hingegen 
ist das andera. Denn beide Hunde steben nun im Krehse, der 
Orion in den Zwillingen ff). Da der Hund, der Syrius heiast 
oder Albftbor, von der audlicben Ekliplik ab eine grossere aiid- 
liche Breite und eine geringere Liinge bat, als der Proco+ff), der 
auch Algomeisa, Canicula oder der kleine Hund geuannt wird; 
ao ist ea nicbt zu verwundern, daas er friiber ula die Sounen- 
siraLlen zum A'^orscbein koianit§), und von denen, dereu Horizoiit 
nicbt scbrag geung ist, Hcbon vor Tagesanbruch geaeben wird§§), ^ 
Allein selbat die Meteorologie iat deni Servet jetzt, da er Geo- 
grapb sein muss, willkoinmen. Die "Winde, sugt er§§§), sind uoter 
(lem Aequator achwaeb und leicbl veranderlicb "), da die Kraft 
der Sonne die Nebel und Diinste aufaebrt""). An den kalten aber 
and bergigen Orten werden aus der Mengc des Stoffea heftigere 
Winde erzeugt "'"') : woraua erhellt, daas die Schiffabrt leicbter iat 
nacb dem Aequator zu ala Ton deni Aequator her" '). 

Dock nocb wichtiger fast ala Fbilologie, Matbeiaatik, Astro- 
nomie und Meteorologte war fur den gelcbrten Herausgeber des 
Ptoleuiaeua eine griindlicbe Kenntniss der Gescbicbte. „Nieht 
uur im Allgenieinen, sagt er, iat die Gescbicbte bekanntliuh die 
Quelle von uller Art Weiabeit und die Mutter der Erfabrungen, 
sundern in der Geographie bat sie nocb eine eigentbiiui tic here 

*) Nostra varo Retnte minus diatat, gradibaa nimirum 4. et miiiiitia 9, 
nam ab aequatore deolinattonem babet gTaduiim 85. miautOFum 51 (I. 1.) 
**) Ortus istl Huiit e aoUs radiis egresaionca matutinoe (fol. Sb,) 
***) Matinus von Tynis, dea Ptolumaeua Lehrer cf. Kittur. Erdkuiida 
1. 1. p, 120. 

f] Mane a radiis egrcdiebantur. 
tt) Nam canes ambo iu canuru, Orian in ^miuia aitum habent. 
ttt) latitndiJiem ab ecliptioa meridionalem liabet majorem et loQgitudiuem 
rem, qaam Proconia. 
§) si a radila aolis prins egrediatur. 
§§) dilnculo priua conaplciatar, 
g§) M. lOu. 
") Venti aub aequinoctiali hinuQS et facile mutabites. 
'") quia solia virtus vnporcs et exhulationea couaamit, 
"""J in frigidia vero et inontuosia loeis es materiae multitudiue vehemoQ- 
B procreaiitur. 

relocioreni ease uavigatioiicm ad acquinDUtialcni, quam 




190 H. Tollin: 

Bedeutung, weil die zu beschreibenden Weltreiclie ^ielen Wande- 
lungen unterworfeo sind"*). Und darum veraenkt aich Servet 
wie in die heiJigc Gescliichte und KiroUengescliichte , so in die 
Specialgeschichte der verschie dens ten Volker, mit eteter Rucksicht 
auf die Qnellen ; und das in einer so umfiissenden Weise, das3, 
wenn man bedenkt, wie Servet zur Ausarbeitung dea Ptolemaeua 
kaum ein Jahr Zeil hatte, man Bchwer veratehen kiinn, wie er 
in einem Jatire all^ Jene so verschiedensten Quellenwerke sich 
beschafft, geschvreige durchgelesen haben kann. 

Man sielit, der dreiundzwigjahrige Spanier**) gab sieb alle 
nur erdenkliche Mube, um seiner neuen hohen Aufgabe zu ent- 
sprechen. Statt in dem reichen, uppig-freien Lyon*") seine Zeit 
mit VergDugangen zu vergeoden, nimmt der Jangling fnr Beine 
Studien selbst die Nachtef) zur Hiilfe. 

Zu der ihm von den Gebriidern Trechsel iibertragenen Unter- 
nehmung gehorte ein sonderlicher Mutb. Erasmus von Rotter- 
dam war ja der letzte Herausgeber des Ptolemaeus und der ersto 
geweaen, welcher einen griecbischen Ptolemaeua dem Drucke 
iibergeben batteff)- ^^ g^^'i ">>( dem humanistischen Rie- 
sen Europa'a in geistigera Kampfe zu ringen , womoglicb, ihn 
zu ubertrcffen. Indeasen Dr. Fettich'9 Handachrift, die Eraamns 
beoutzte oder vielmehr die er gerade so wie sie war, in den Druck 
gab, Hess nacb seineni eigenen Zugestiindniss nocb vielea zu wun- 
schen ubrigff f). Und wie Erasmus sein Bedauern nuaaprach, dass 
aein Vorganger Pirckheiiiier (•[■ 1530)§) das so glucklicb begonnene 
schone Werkg§) angesichls seines fruhen Todes nicht babe zur VoU- 
endung fiihren kiinnen, so verweiaat audi er I'ur seine eigene Ans- 
gabe wiederum auf einen Nachfolger, der geislvoll, geiehrt und 



*) Tempua et-ii omiuB genoria eapiontiam ut mstrcm rerum expertentitun 
eecutn edferat: in guog^aphia tajnea hiatoria pectiliarem rationem habet, ob 
regnorum accideutes mutationea (fol. Tb <Ies PtolcmHt^aa], 

•*} 1511, nicht 1509, wis in Deutschknd d[e landliiTifigB Meinung ist, 
■wnrde Bervet ^eboven. Ich werde das anderBwo beweiflen. 

***) cf. die in Ljon componirten and edirten Qedichte voa Marot, Ste 
Martha, Dolet, daa Heptam^ron der Eilaigin Margaretho von Navarra und 
des Babelaia Gargantua und Pantagniel. 

t) quiaquifl vero sis, candidua Lector, Bchlieaat er die Vorrede zur 
Ed. I, seines Ptoleroaeug, nostras spero Tigllias ncceptna probafasque forea. — 
Qnod ut cngnOBcam dies uoeteaqua jugiter laboro; und abnlieho Aeusserungen 
finden aich bei ihm oft, 

tt) ei cod. Fflttichii. Basil 1533. 

ttt) Praef. ad Theobald. Fettichinni, medicne rei peritiBsinitiin 

praesertim libro nctavo, 

§) Willibald Pirokheioier, der bekannie Niirnberger Kathaherr, Alige- 
sandte und General. 

§§) Argentur. 1525. 



AGchael Servet als Qeograph. 19] 

uubeschaftigt genug ware, das achwierige Werk der IlerstelluDg 
richtiger Zahlen insbeaondere im iichten Bucbe, zq vollbringen "). 
Auch wurden noch beim Ptolemaeus die Grade auf 500 Stadien, 
beim Eratostbenes, Plinius und Strabo bingegen auf 700 Stadien 
angegeben**). So Erasmus. Und in der That, bei der centralen 
Stellung, welcbe damals die Geographie des Ptolemaeua in alien 
Sciiulen einnahm, hing ja von der Reiubeil dea Ptoleraaeischen 
Testes die Richtigkeit aller geographischen Kenntnisse ab. Und 
doch sollten zum Stadium der Geographie, so rieth er, die Jugend- 
erzielier ilire Zoglinge mit alien nur erdenkbaren Reizmilteln friibe 
antreiben und nacb dem Beispiel der Alten gleich an die so leicht 
Bchmacklos werdende Granimatik die geograpbischen Lectionen 
anscblieasen. 

Freilich, urn den Pirckheiraer und den Eraainus uberall con- 
trolliren, reap, eniendiren zu koonen, niuS3l« Servet in den Stand 
gesetzt werden, uber griechische Handachriften zu gebieten, 
die von Ptolemaeus und aeinen ITerausgebern citirten Werke in 
den beaten Aiiagaben zu vergleichen, und den Ptolemaeus aus 
audei"weitigen Kennlniaaen und Erfabi-ungen zu erganzen. Servet 
besaaa an Biicbern nur eben das , was er durch seine llerren, 
die Trechsel's und etwa durch deren gelebrte Freupde erhielt. 
Das Wichtigate wuren die Codicea. Auf dem Titel seiner eraten 
Ausgabe des Ptolemaeus augt Servet, er babe dieae Ausgabe nach 
den griecbiscben und ursprunglichen Exemplaren unter 
Zugi'undeleguDg der Pirkbeimer'acben Uehersetzung verfertigt **•). 
Ea klingt dies als batten zu Lyon ibm mehrere griechiache Hand- 
schriften dea Ptolemaeua zu Gebot gestanden. Ini Werke selbat 
citirt er raehrfach einen Codex regioaf), den er aber von dem 
Codex, graecus unteracbeidet; ferner einen Codex Stoflerinuaff), 
aodann ofter einen Codex antiquuaf +t)i <^er sicb vielleicbt mit 
dem Stoflerinua deekt und von dem Codex graecua unterachieden 
wird, und endlicb den Codex graecns§). Wo er die Langen- 
und Breitengrade der Karten auseinanderselzt, sagt er: „das baben 



*} 8ed banc quoqus provinciBin ut spcro ali^Qis arripiet eaet. 
**) Id nnde acciderit, nonilum asseqiior. 
**•) ad graeca et priBCa esemplnria recogniti. — Auch in der Vorrede 
lieisst es: illnd ne tacnorim: ei aliiu todicibus cum graecis tarn latinis alio- 
rumqiie autarum assidua lectione, locos ad millta milia dob restituieae. 

i) fol. S2a (bis). Ich laase dahiu geatellt Rein, ob er ein Eigentbum 
de9 KiinigB Franz I. war, das Servet zur Disposition gestellt wurde, odsT 
Joh. Miiller's Codei, deu 8eryel immer de Monte Regio (KiinigsbergBr) nennt, 
z. B. fol. 7 a, 

ft) fol. 3Gb. 
ttt) M. 3U. 32b. 25. 

§) fol. 35, 32a (bia) (of. 37a.) 107b. 148b, 



■wir in der griechisclien Handschrift nicht gefunden. Da 
es Hber zur Aufkiarung mancber Dunkclheiten weBentUcb beitragt, 
so hielien wir fur nothig, es beiznfugen " *), Hatte nun Servet 
niehrere griechische Codices der Geographic des Ptolemaeas zur 
Hand gehabt, so wurde er sicher gcsagt baben, „in den griechi- 
schen Handflchriften" oder „in einer der griechiscben Handachrif- 
teii" oder „iii einigen griechiscben Handscbriflen nicbt, wohl aber 
in andern." Dass er hier von dem griechischen Codex spricbt, 
scbeint mir zu beweisen, er habe our einen gehabt**). 

Wae nun die geographischen Hnlfsmittel betrifft, die 
Servet £UT Festsetzung resp. Besserung und Erklirung des Textes 
beibracbte, so konnte man iiber ihre FnUe staunen. Dass er 
t^ratosthenes, Strabo, Fomponius Mela, Plinius, Tacitus, Ovid, 
Thucydides, Homer, Diodor, Juvenal, Herodut, Caesar, Curtina, 
Arrian, Diodor verglicben, wird Niemand "Wunder nehmen, Allein 
er citirt auch eine Menge gelehrter Werke, die man beute kanm 
dem Numen nach kennt. Denn wer beut zu Tage hatte „B1oq- 
din's illustrirtcs Itaiien," des Jacob Bracelieus „spam3cheii Krieg", 
des Paul Jovius j.turkisebe Angelegenheiten," des Pontanus „un- 
garischc Zustande," dea Raphael Volterranaa (yaffei) „persiachea 
Krieg", dej Marinus Barletiua ,.Leben Scanderbeg's," dea Monehes 
Burkbard (Brocardus) oder auch des Jacob Ziegler „Beachreibung 
des heiligen Landea", des Hermolaus „ByzantJsche Volker und 
Stadte", dea Cadamuatus „Scbifffahrt in' die neuen Liinder", dea " 
Haitborus „Geschichte des Orient's", dea Sabellicna ,,Geschichte 
der Vcneter", des Mathias de Micbou „Cbronik Polens und Sar- 
matiens", des Ludw. Vartomanaus „Reiseerlebni9se im Orient" 
und 90 viele andere Bncher gelesen, die Servet in seinem Ptole- 
maeus so fleissig citirt? Allein wir durfen nicht vergessen, dass 
nach Servet's eigenem Gestandniss die Spaoier ea lieben, ihre 
Gelehrsannkeit mit fremden Federn zu schmiicken*"). Darum 
ist es wiehtig, aich nach einem "Werk nmzuseben, dem Servet etwa 
aeine stotzesten Citate entlebnt. Und ein solches Werk findeu 
wir in dem Novas orbis des Simon Grynaeusf). Das 
Saaimel-Werk nimmt fur den Ptolemaeus eben dieselbe Rolle ein 
wie des Paul Burgensis Dialogusf f) fiir Servet's sieben Bucher von 



*) Haec in graeco codlce non ini 
**) Ob dieaer eine ein neuer wai 
iiberiasse ich Andern zu antersncben. 

***) Semidocti jam at doctos putan 
aimulatiane et verbosilato ijuac 
t) Basil. 153S. fol, 
ft) Ueber den Schriftbeweis des Paul Borgen 
Glautieiis. 1874. p. 341-246. 



i, Zockler: Beweis des 




Miclincl Sucvet als Geogrnjib. 193 

der Dreieiiiigkcit. Fiigen wir Iiinzu, dass Servel des Jornandes 
„golhisclien Krieg", dcs Boccaccio „romiache Gescliichte", des 
Aniericus Veapucei „Schifffahrten", des Konigs Emanuel von Por- 
tugal „indi8che Siege" und ahaliche Schriftec aus den Werken 
seines Lehrcra PetruB Mnrlyr d'Anghiera*) geknont zu haben 
scheiot, so schwindet jenes uuheintliche Grauen vor einem Manne, 
Jer Jurist von Fach, Theolog yon Eufj in weniger als einem Jahie 
so vie! verschiedene geographische und noch viele andere Sehrif- 
ten**) durehgelesen hatte. 

Kommt ea doch anch weniger darauf an, ob dem Tiltanovanns 
Tiele Hnlfsniirtel zu Gebofe standen, iila Tielmelir darnnf, was er 
luit dem, das ihm geboten wurde, zur Verbesseruiig nnd Er- 
lauterang des Ptolemaetachen Testes that. Er war der erste, 
der ea unternabm, anf Grund deaaen, was ihm anderswoher geo- 
graphisch festatand, durch muthige und geschickte Conjecturen den 
Test des Geographua ta verbessern***). So gelang es ihm, an zahl- 
loaen Stellen eine bessere ala die recipirte Lesart herzuatellen f)- 
Und wo den Leaer des Ptoleniaeus cnrrumpirfe Zahlen in 
voUiger Ungewissheit lieasen , auch da wiisate Servet Rath: auf 
Grond der Langen- und Breiten-Bestimmungen der eraten sieben 
Bncber corrigirt er die Angaben des notorisch corrumpirton achten 
Bncliea; die Langengrude nach der Lwge AlexandHensff) '•C" 
stimmeiid, fur die Breitengrade aber zugleich eine Tabelle hei- 
fijgend, durch welche ea leicht werde, ans der Lange oder Kurze 
des Tagea den Breitengrnd dea Ortes, aowie aus dem Breitengrad 
des Ortes die Liinge und Kurze dea Tagea zu bestimnien. Bei 
45 X der Breite wird, waa heute nicht mehr atimmt, der langete 
Tag anf 15 Stonden 26 Minuten angenorainen , und von da ab 
nach Torn und nach liinten wciter gezahlt, Dea geschichtlichen 
Intereasea wegen rncken wir Seivet'a Tabelle hier ein. 

Breiteii' Grvmta LSngo iea Tag^s. Bruiteii- QrSsgte Lnn^ des Tb|^s. 
grad. Stnnde. Minute. grai. Stands. Himite. 

5 12 7 20 18 14 



•) de rebiia Oceanicia ct Orba nuovo Decides trea. — Legationis Ba- 
bflonicae Libri trea. BaaJi. 1533. 

•*) ji. B. Andrena Alciaf, in Taciturn; Justin, Sextus Ruffiis, Joaepbua 
IndiiH, EMtsniTis 6l«Ila: de Boruaeine antiquitattbus oto. 

***) pericnlusus, aagt er in der Vorredo, utraqua jiartB labor: nee alicnl 
hactenoB attentatuH ; Rod piun et qui Teniam nobis luipetret, sicubi locnnim 
lectori nnn fecerimns satis. 

t) locos ad multa millia nos rertitniBne. Conjectviren aiiid ja da kain 
iDJiBsigea Spiel, wo nnuajatosaliclie That«aulien sio uns aufdrUngon. 
-ft) die er nilHcbliuh auf pailiuni SO cum seniisse angiebt. 
Zeiunslir. d. (lesellfch. r. EiAi. Bd. X. 13 



I. 



I- 



Breilen- Orossle L&ige dea Tnges. 
grad. StDude. UinDtc. 



40 
45 




70 Tager.zweiMonatLange. 
Servet zahlte mclit zu denen, die dca Irrthnm nngebetet 
hatten, sobald er sich dorcli alte Traditionen oder hohe Autoritaten 
empflehlt. Wena Micbael and nicht die Gebrndcr Treclisel Ver> 
anstalter der Ausgabe des Ptolemacus gewesen ware , wir hatten 
allem Anscbein nach, von seiner Mnsse einen besseren Text und 
2war einen griecbischen erbalten.*) Die Gebrudcr Trechsel aber 
aberlegten, dass, da 1535 in Frankreich die Kenntniss der grie- 
cbischen Spracbe auseerst eelten war, so selten etwa wie nnter 
uns bent zn Tage dae Arabische, der griechiscbo Ptotemaeus aua 
ihrer Officin ebeneo wenjg gekauFt worden eein wurde, wie etwa 
der des Erasmus ana der Froben'schen Officin. Darnm befablen 
sie dem Micbael Villanovanus den latei iiiscben Text Pirck- 
heiwer's atliiberall zu Grande zu legen. Sie fuhrten das als 
einen besonderen Vorzug glelcb auf dem Tite) ihres Ptolemaeus**) 
' an, und, um alles Gate von Pirckhcimer beizubebalteu, wird aucfa 
Pirokbeimer's Zuschrift an den Bischof Sebastian von Brescia 
wieder mitabgedrackt. Soviel nun Servet auch nach dem gfiecbi- 
scben Urtext zu andern wnnachte , des Ptolemaeas Text muaste 
nicbt von Servet, sondern von Pirckbeimer sein. Das „Wenn'fl 
vergonnt gewesen ware"*") ,,Wir wurden nocb fcrner verbessert 
baben" nnd die gtosse Zahl der Drnckfehler , deren Verzeichniss 
hinter der Lyoner Ausgabe des Ptolemaeus folgt, drangt uas die 
Vermuthung auf, dass Servet's Arbeit mit Hast beschleunigt wurde 
und dass derselbe in seinem Text for den Gescbmack der Gebruder 
Trechsel scbon fast zo viel geandert hatte. Desshalb beschrankt 
er sicbf), selbst wo seinem wissenschafUicben Oewisaen der 
Oeist des Ptolemaeus Beifall zu schenken schelntff), dem 

*) Schon Erasmns in adner Znschrift an den Arzt Theobald Petticb: 
Eqnidem, ssgt er, uon nego plurimum landU deberi Bilibaldo, aed tamen qui 
graece peritus graecam legerit Ptolemaeam, fatebitnr nonnibil interease inter 
looanam quamvis puram et fonCem ipBDm. 

**] Claudii Ptolomaei, Alaxsndrini, geographicae enarrationia libri octo: 
ex Bilibaldi Pirckheimeri tranalatione , aed ad Oraeca et prisca EiemplaTia 
a Michaele Villanovano iam primDm recogniti. 

***\ Emendasaemna eUam, ai licnieaet caet, (Vorrede znr Ed. 1535.) 
t) Nos anim, sa^ er in der Vorrede, vera uomjua in margins reddi- 
dimaa. Bed ipse priores posait, qui eo quo ipse procedebat ordine posteriores 
eaae debnere. 

tt) Nee in ea re a Plolemaei menta disceBBimna , sed tantnni jnxta 
priorea tfpoa librarioruiu reatituimna. 



Michael Soryet aU Geugrapli. 195 

WuQBclie seines Fnnzipals geniaaa, darauf, iicben den fulschen 
Angaben des lecipirten Ftolemaeus, am Raade mit kleinereiu 
Drucke seine eigene abweichende Ansicbt zu noliren. Kur da, 
wo die Noten zu lang wei'deii, um am Bande Platz zu finden, 
oCTnet er ilinen die Spalten des Textes; aber markirt seine Zu- 
satze meist niit den Worten: „Zusatz dea Villanovanus", immer 
durch die feinere italicniache Schrift. 

Doch nicbt nur einen bessern Text*) hat Servet gegeben 
ala seine Vorganger Schott, Friese, Firckheiiner , Erasmus: sou- 
dern er wollte auch seinen Ptolemaeua fur den Leser gcnusa- 
reicber macben. „Darum haben wir, angt er in der Vorrede, 
Scholien hinzugefugt"), daniit die Lektiire lichtvoller, au- 
genehmer und vollstiindigcr sei*'*). Mngeii die, welohe durch 
Lesung meines Ptoleniaeus die Probe anstellen, seiber uttLeilen, 
wie viel Hiilfe ihnen diese Scbolien leisten f). Denn ao oft, bei 
der Lektiire der griecbischen und lateiniscben Dichter, Geschichts- 
sclireiber und anderer Schriften, von Gegenden, Staaten , Bergen 
und Plusaen die Rede tat, so oft kannst du getrost dicb zu unse- 
reni Ptolemaeua wenden. Der Stadte Namen mit den urapriing- 
lichcn und den Dichter-Naiueu verbuuden and der Sprache unserer 
Tage angepasatf f), sie werden aweifelaohne dem Leser Freude 
bereiten, wahrend d e bloa e L ktu e dea Ptolemaeua allein bia- 
her wentg anmuthig ah e f+f) Man wird dem Juugling 
aein bohea Selbstbewus ae n n ht ve " n Aber wenn er auch 
noch so atolz 8pricht§) se ne That wa slolzer. Wedev Servet 
noch die Gebruder T e hsel aah n b e Tragweite voraus. Indem 
Servet in aeineui Ptolemaeua ay tem tab aciueu Gedanken durcb- 
fuhrt, giebt er nns statt todt an e n n zufalligeu Orte auf- 
gegriffener Namen, da a 1 ao 3af,e lebendige Personlicb- 
keiten, die ibren Ch kte h e Ges Itaziige, ihre Geachichte 
baben, die aie una erzahlen von der Geburt bis in die Gegen- 

*) Bed hRCteniig 3e iU quae cormptu legebnntnr. 
**) Adjecta inHuper, iiEiHst on gleick auf dem Titel, nb eodem (Michaele 
Villaiiovano) achiilia, quibus exoluta urhinm uomina nd uoatri saecuii morem 
ezponQntnr. 

**•) Scholia deinceps adjecirauH, quo lectio esset dilucidior, HUftvior et 
plsuiot. 

i"] qiiau quantum adjumeuti lectori siut allatora, eonim cgto judicium, 
qui lectionis usu eipcrimentum fecerinl. 

ft) utbium nomina cum priacis et poetarum nominibua conjuncta et ad 
nostri teiuporia aermonem coaptatn, jauunditatia noun!liiI procul dubio lectori 
Bout altatnra. 

fff] cum uuda Ptolemaei lectio parum vemiata hactenut; visa ait. 

g) Auch atUhelin: Calvin I, 427 redet — freilicli auf theologiachem 
Oebieto — bei Servet von „detii stolzen Qefiiblfi aeiiier wolteaschichtlichen 
Bedentnng'." 

18« 



196 



H. Toilin; 



wart liinein*). Die Geographie iat kein willkurlichea Conglomerat 
von NaniBn mehr, sonclern sie iat eine fmche lebendige Welt ge- 
worden, an die mit tausend Faden unser eigenes Heiz, unser Geist 
und Leben sich verknnpfen. Noch ehe er iin menachlichen Leibe 
den Bliitumlanf entdeckt, bat Servet in den Adern der Erdkvnde das 
Blut rinnen nnd sich in regelmasaigom Prozess verjungen aehen: 
Servet «urde derVater der vergleichenden Geographie; 
und insofern macht auch auf diesem Qebiet aeine Krscheinung 
Epodie, gerade wie in der Anatomie, in der Theologie und in der 
„Gescliichte der Toleranz" **). 

Und da nun, wo Leben sptudelt, immer nenes Leben an 
Lebcn ruhrt, and da die Quelle nacb dem ihr innewohnenden 
Gesetz in doppeltem Masse starker fliesat, als man von ihr ab- 
achopft, so brauchte anch Michael die neue Welt der Terglei- 
chenden Geographie nur zn berubren, um unter seinen Fussen, 
wenn auuh noch ganz leiae, einen neuen Qnell ranschen zn boren, 
die vergleichende Grammatik. Allea das kam ihni so natnr- 
lich, so ungesucht, wie so oft den originalen Geiatern***), die aus 
dem tJrsprung scbopfend, fortwahrend Neues entdecken nnd erfinden. 
^Und damit wir, aagt Servet ala ob ea sich tun daa einfacbate nnd 
naturlidiste Ding bandelte, damit wir der Schuler Sinne fur die 
Lekture des Ftolemaeus besser aoharfen, so baben wir die nteistea 
Stadtenamen jeden auch in aeiner Muttersprache als der 
ihm lekhteren erklartf), so dass wir mit den Franzosea 
franznsiscb, niit den Deutaehen dentscb, mit den Ita- 



lit 



ali« 



den 



spa 



icb za 



aprechen scheinenff); baben wir doch alle diese Lander selbst 
gesehen npd ibre 8pracben irgendwie una angeeigneffff). Weil 



*) Nar die Todten IKst er mhen: Csetenim plnrlmas earun (nrbinm), 
quae n Ftolamaeo snut deaeriptae, cum siut ezciaae, nos ailentio praeteririmns. 
Ea aei duun, dass sis echon auferatanden amd: Aat ubi deaolatarum eodem 
ant proximo loco urbeg aliae Bncceaaera, navsm stmctam loco acriptae do- 
atructue subrogarimiu : in margiae qutdem: nun ipsum Ptolemaei acriptum 
inTiolatoQi eaae voluLmug (Praaf. Mich, Villanovani ed. 1535.) 

*•) Ueber Geschichte der Toleranz a, meine Beitr&ge. Frankfurt a. O. 
ISOC. EiuIeitQQg. 

**■) „Abi'' bleibt Oott, aagt daa Original -Oenie Paracelans, in alien 
Dingen der J5berat Scribent, der erst, der hSchst nnd auser slier Text." (IL 
227 bei Leasing p. 9i.) 

t) et quo magis ^rouum animos ad banc lectionem intenderemua, ma- 
tern^i, lingna tauquam faciliore plurima urbium vocabula eiplicuimua. 

tt) lit cnm Oallia Oallice, cum Qeruauia Gennanice, ctim Italia Italice, 
t?um Riapsnia Hiapanice loqni videremnr. 

ttt) quorum onmiom regiones vidimns et lingnas ntcnnqne noTimna. Mit 
der di!utsclien Sprache war er ao wenig Tertraut, daaa er sie 18 Jahre 
spilter ganz verlernt hat. Er sagt zn Genf, qu'il n'entendait paa rAllemand. 



Michael Serret ah Geo^a|]|i, |y7 

ouu aber Servet aelber nierkt, dasa gerade bei tier Sprachvcrgleichuiig 
nur zu leicht der Willkuhr Tliiir uiid Thor geciffnet wird, so 
fugt er sofort hinsu: Bei der Ueberaetzutig der StiUltcnamen in 
die MuUerspruclie ihrer Lander haben wir auf die Autnri tat der 
Schriftsteller, auf unsero eigcne Reiaeerfahrung und auf die 
sichersten Conjekturen, aoweit ea irgend anging, una gestutzt." •) 
So hatte Ptolemaeus (L. II. Cap. 10, Tub. 3, von Enropa) nuch 
recipirter Lesart in Frankreich eine Studt C h e t ir a angefiihrt. 
Aqs dein griechiachen Manuscript eraielit Servet, daas Baetira 
zu lesen iat. Der Spanier lasst sich nun nicht verlocken, seine 
Leser etwa an den apaniachen Fiuss Baetia, jetit Guadalqaivir, 
noch an die Baeturische Landschaft zu erinoern nnd einen Slanini 
„Baet, Bett, Bad" aul'zuapuren ; sondern er Tahrt ganz besonnen 
fort; „das ist der Ruiiier civitas Bitcrrousta, Franzoaiach Beaiera. 
Stephanus nennt ea aueli Betiirra; Mela, PliDiua und Str;ibu aber 
Blitera." Und nun gebt er nicht etwa wieder auf blitum (filhov) 
ein, sondern er bleibt bei Blitera atehen.") Bald daranf erwiilint 
Ftoleuiaeua in Frankreich sine Stadt Fosaue marinae. ^^lls 
SchriftJ) teller aber, sagt Servet, aind einig, da^a ea Foaaae Ma- 
tianae aind, die nacli dem romiachen Consul Mariua genannt 
wurden. Ea ist, was wir Iieute Aquae mortnae (Aigues ninrtea) 
nenneu," — Ferner fand aich in einem Exemplar des Ptolemaeua 
ein franzoaiacher Fluaa S i c a ru a , in einem andern T i a ar a. 
„Beidea ist falsch. Daas atatt dessen Hiaara zn leaen iat, be- 
weiaen aowohl die griechische Handschrift als auch andere litdirift- 
werke, beaonders aber die Lecture von Caesar'a Commentarien. 
Auch slimmt dem der heutige Name bei, den dieser Fluas in der 
Volkasprache fuhrt (Isere)***). Nachdem Sen'et in seinem Ileimath- 
lande Spanien viel Stiidte angefuhrt, die sich auf briga endi- 
gen, sagt er: „Briga bedeut«t in der Sprache der aheu Spanier 
ein kleinea Stadtchen, gerade wie im Thraciachen : Brja 
und bei den Deutschen B u rg: darum cndigen aich damit so 
viele Ortschaflen" f ). Wo er Land und Leute von England be- 
achreibt, sagt Servet: „D;e engliache Sprache ist darum 30 

*) In niddundU sermooi vurnauulo urbiuai oominibus scriptorum auc- 
toritate, propria experientia , certiasimia coujecturis, quoad ejus fieri potuit, 

••) Praef! zur Ed. 1535. 
*•') MoflliKim's Druclifuhlar Auvius varwirrt die Sache aebr (ii. 397 Aiiiler- 
weitiger Verauch). Servet sthrcibt iu beidan Ausgnben fluvivis. Daa Mo"- 
heim'ache Weik hat in den NnmeD mehr Druckfehter uU irgend eia mir 
aonst beknimtes. 

t) „Briga" prisca hispanoruin lingua oppidum dititur, ut Thracibus 
,,Bria", gi^cmttuit; : „Burg" idea bae plurium locornm sunt terminationea 
(fol. SOa.) 



Bchwer zu verstehen und sprechcn zu lernen, weil daa Volk der 
Engliinder aus bo verscMedenen Voitsschaften bcBteht"*), — 
Jedenfaltfi erhellt, dass dem Micbael Servet der Sinn und richtige 
Takt fiir Sprachvergleichung nicht abgeht"). 

Die nieisten SelioHen freilich Eum Ptolemaeus sind nicht 
spraclilicher , noch mathematisch-astronomjscben Art, sondern ge- 
schichtlich-geographJBch, Bei der Stadt Arraa in Ftankreich 
z. B, fugt SeiTet hinzu, von dort habe das Lilienbanner seinea 
Uraprung genommen ***)■ Bei Munychia, Medina Talnabi er- 
iunert Servet an Muliamed§ Grabf); bei Corsica an die Herr- 
schaft der Genueser, bei TJngarn an die jnngsten Angriffe der 
Turkenft). Bei Sisapona bemerkt Servet, es sei daa heutige Za- 
iiiora am nordlichen Ufer des Duero. Die Lage aber, die ihm 
I'tolemacua gebe, atimme mit der wirklicben nicht uberein; da 
Zaniora eben da liege, wo Jener Sarabrim beschreibtttt)- — 
Adch liege Toulouse nicht an der liter (Isle?), sondern an der 
Garonne. §) — Die irrigen Angaben des Ftojemaeaa uber den 
indischen Ocean corrigirt Servet ans den SchiiFahrtserfahrungen 
der Portugjesen nach CatcDtta§§), und serbessert noch viele andere 
Irrthunier dea Atexandriners aus den Reiaebeobachtungftn der 
neuestcn Enldecker. 

Servet iat der erste von alien Herausgebern des Ftolemaeua, 
der mit der Tradition des Mittelaltera bricht. Wie er 
als Mediciner neben dem Galenns seine eigenen pbaimacentischen 
und anatomischen Erfahrungen anzufahren wagt; wie er als Jurist 
neben dem Juatinian die Forderungen des aittlichen Gewiseens zn 
Rathe ziebt; wie er in dem tbeologischen Systeme neben der 
heiligea Schrift und ihren Auslegern sich auf seines Herzens 
Off'enbarungen bernft, so verweist er bier neben dem lur unfehl- 
bar gehaltenen Ftolemaeua auf seiner Zeitgenoesen und Lands- 
leute Reiaebeobachtungen bin, und, wo er selber Land und 
Leute beschreibt, auf das, was nicht Ftolemaeus, aondern er 
mit eigenen Angen gesehen habe§§§). TJeberaU bei ihm tritt das 



*) Aogloruni lingua ex populorum divsrsitate compoaita intellectu sci«n- 
tiaque loquendi difBcillima est (ed. 1535 auf der Biickeeite der Karte Ton 
England.) 

**) Den Namen der PyrrhenHen leitet er dno loi nvQig fol. SI a. n. dgl. m. 
***) fol. 37 a. 
t) fol. 98 b. 
tt) fol. 43b. 
tttl fol- 33 a. 

§) Emendassemus etiam, si licuisset, Tolosae aitnm, qui ad Garntnnae, 
non lUeriB fluvii ripam coQBistit (Praefat. ed. 1535.) 

§§) fol. 135a. Hoc esse faUum manifeBte kodie ostendit PortugallenBiam 
in CaleEut navigatio. 
' §§§] quorum omnium regioaes vidimus et lingnas ntcunque n 



Michsel Servel ala Geograiili. 109 

nioderne Ich den Autorilaten ziir Seite, und gebort auch Bchou in 
dieeer Beiiehung Servei'a Erscheinong durchnos in die moderne 
Welt, wenn ouch nla iiolhweodiges Btndeglied init der iilCen, 

Servet stimmle dnrin mit seioem Principal iiberein, dass er 
seinem Ptolemaeua nichts entziehen wolllc, was in fruheren Ans- 
gaben irgpiidwie von Werth war. Zu dem Werthvollsten der 
Pirckheimer'schen Ansgabe nan geborten unbedingt jene 50 Kar- 
ten, difi aeitdem dem Ploleinaeiis geblieben sind*), aber in die- 
scr Vnltstandigkeil sich zuerst bei Pirckheimer finden. Pirck- 
heimer list keine einiige dieser Knrten selbst gezeicbnet. Er 
sagt Busdracklich, dass in seinem Ploleinaeus Von ihm nichls ber- 
ruhre als der Text, dem er die „Adnolaitiones des Jobann 
von Konigsbcrg"**) beigeftigl babe. Allea fibrige sei von An- 
dern irgendwie hinzagethan, daniit die Buctibandler 
leichter zu ihrem Gelde kommen'**). Von den Knrten 
ataoimten die ersten 27 bekanntlich ima dem secbaten Jnbr- 
bnndert+). Dazu hatte sehon Lorenz Friese in seinem Ptolemaeus 
12 neue gebrucht, die ebenso wie die Pirckheimer'scben von be- 
gabten Zeitgenossen in Kupfer gestochen warenff). 

lodess so iobenawerth jene 50 Karten des Pirckheimer, die 
Servet herubernahm, bo klaglicb waren die Beachreibnngen von 
Land und Lenten auf der jedeamaligen Ruckseite der Karten. 
Von beliebigcn Drucklebrtingen nnterwegs aufgerafft und irgend- 
wie zusamniengealnppelt, batten aicb dieae Beschreibungen , ieh 
Weiss nicbt ob in der Iloffnimg, dass nie ein Gelebrter die Ruck- 
seite der Karten beacblen wurde, in ein so enlsetzliches Kucben- 
lateia gebSllt, dass eineni Qnartaner heute, wenn er sie sahe, daa 
Lacbein beschleicben musstetft). So erachienen sie zuerat in der 
Ausgabe dea Metzer Arztea Lorenz Friese. Und wiihrend es einem 
Manne wie Pirckheimer nie eingefallen ware, fremde A"utoren, 
ohne sie zu nennen, auszuachrciben, macbte sicb aein Verleger 
kein Gewiasen, zu Strassburg aua der erst vor drei Jahren eben 

Aoch belm Heileti der Kropfe bemerkt or: Vidi ipse ReRem (GalliRe) plu- 
rimos hac languure corruptoa taugBUtvm, an sanati fuorint non vidr. 

*) Selton fehlcLi die Karttn z. B. in d r ed. Jo. Noviomagi 1540. S". 
Id der Beaclireibung' beacbraakt er sich aiif die 21! Blten. 

*•) Jo. Region) ontanns roathem. Germ Romse veneno interemptus 14G7 
(Petri Apiani: Tabula temporum im „Aatronomicum CBeaareum"). 

**•) caetera vera ab oliia ulcunque addita, quo librarji merces suai fnci- 
liufl eitrndero poagent (Torrode.) 

+) Hitler, Gesch. der Erdknnde. 1861. p. 121. 

tt) cf. Graesse. LiterSr Gesehichtfl den XVI. saec. Lpz, 1852, p. 1146 sei, 

ttt) qaaro proiDissain tcirram pollicitam et non vernacula lingua laudan- 

tem (!) pronnntiea. — Lnaitanta popiilos habetiir (I) Hlapaiiiae fortiaaimos. ^ 

Liberalca nrtes miiltis ciirao esistunt, et diyinarum artium stadia. Gymnn- 

siutn qnod Foriaius (I) eet id demontrat. 



i 



P 



H. TolUn: 

zu Stnissljurg erschiuntnen Ausgiibe*) mit Uen zwiJlf Friese'schen 
Karten iiicht nur die Rand-Vignctten , Bondern audi jcne schuler- 
haften Beschrtjibnngen unter Pirckheiiiier's Schutz z« elellen; ans 
den Vignetten zwar die kleineren Sitteiibildfir mit den obligaten 
Menachenfrcsscrn, GotzeDopfern und Ungeheuern be- 
seitigend, die Ungelieuer der Orthographie, Interpnnktion uud 
Stylisirung aber sorgfaltig conservirend. 

llatte nun audi Servet nur auf soine Verleger gehiirt, zum 
dritten Mai waren jene kJndiecben Beschreibungen. samnit und 
senders ini Druck erscbienen. Alles Ernstes aber that er dagegen 
Eiusprucb. Er verhehlte seinem Prinzipale nicht, dass seine eigene 
Keiseerfahrung nur iur die hanptaacblichslen Liinder Earopa's aus- 
reiche , dass aber audi bei der Beschreibong aussereuropaiacher 
Liinder gar wesentliche Lucken auszufullen und Correkturen an- 
zubringen seien. Mit Erlaubniss der Verleger erachienen daber, 
wenn auch oft unter wortlicher Anlebnnng nu Pirckbeinier-Friese, 
neu von Micbael Villanovanus die Beachieibuog von Land und 
LeMten in England, Spanien, Frankreich, Deutsebland") 
uni! halb Italien***). In alien ubrigen Beschreibungen europai- 
Bcher Lander iat von Servet nichts geandertf). Das Weik uiusste 
ja zur Ostermesse fertig sein. Indess audi bei den aiisser- 
euTopiiiscben ICartcn sind die Zusatze von Servet' s besserader 
Hand charukteristisch genug fur seine Feindscbaft gegen Irrthum, 
Vorurtheil und Luge. So bat beiJaufig Servet zur zweiten 
Krirte von Asien betreffs der Amazonen hinzugefugt: „Heut 
zu Tage ist die ganze Fabclff) von jenen Wunderfriiuen ver- 
achwunden, und wird jene Gegend von den Tartaren bewohnt." 
Nachdem Servet zur vierten Karte von Asien eine Beschreibung 
der Insel Cypern gegeben hat, Uefert der Spanter, bei den (Sitten 
der Araber und den Wundern Arabiens," von den phjsi- 
schen Wundern, wie er das liebt, auf die moraliachen iiber- 
gehend, zur rechten Wiirdigung des Mannes, dessen Volker durch 
acbthundert Jahre den Spaniern ihr Land streitig machten, e.inen 
vorlaufigen , aber ininierbin so denkwnrdigen Beitrag , dass ihn 
seitdem die meisten Geachichtsachreiber und Biographen aufge- 

*) 1522. — 1525. 
**) Ton Suprema partio totiua Germaniae an, folgt wietler Friese. 
***) Europae regiomim traditio rec«na Micliaelis Villaoovani. Der Titel 
verspricbt mebr, als Servet halten konut«. Auf dom Haupttitel heiast es 
out: Quiuquaginta illae ^uoqao cum veterum tnm reccntium tabulae ad- 
nectuntur, variique incoleutium ritua et mores eiplicautur. 
t) Gegen Moskeim. And. Verf. p. 333. 
tj-j Audi vea dem ineuscbeaahnlicliiin Zwarggescbleclit am Nil redet 
schon Sebastian Miinster in der Tabulae geograpbicae dedaratio, die Servet 
kanute (ed. Baail. 1532), aU ion nugis. 



:..S£!^. 




' mner- den pntKimaehiipeii IttiicilM) tirr Hfin. 
Ponex. Gii ee i ie a iid£ lUimei te and jt ihre Frr-hf :i t>nhMipiM 
imd mcii nitr amei Jemusae* Jiick ^ivap iwhcti: uoier Mith»- 
iiitd'fe GfcEtiz hbn fcitd cie Ireiwi'Iij fcirclfft and iy- 

Ztw^iat KDT BescfarafaiiB^ itet ■(«<-« Vtli. Srlioii >«i dm fle- 
adinubtii^: von L4u»d mtd L«neB ie Fnakreui mc SfiMi)«») )wl*» 
er dHon eriiiB«n. -vie in dtn SdnStfarvin nhcr d(« (.Vmm iMph 
BDcBsdeckKii Lmdem ok ^ujuei- «■ £slm mUc Natkinei) drr 
£rde slienreSeii**^ HnuurvarK v^orni die SfiMiNC. 9aj;t Sfv^'t-: 

Bkch CBJeotik Bad iiaderti Intwh) dm t.>9Udis (;«^UBjri«'n ***>- l~n4 

t IjoecBiB C«nii«eBt V^»i-la<i)fn5 «ip]hn 

d^ Liiadcrs, die aalcr d«H Sadpol lichen tt'- TVm entg ng« 
hatte — ■S cfcMtt MMMaWTM M'Jan&^liLronj; a«'TWeJlkMM«t4't\ 
eia^ mit: Serrei giMibw. rviefocfaea Irrdvm )x-$MipPm tn^n cv 
einerscau Asierika isr kein Ft-$il«Bd kt«1t, nnd fttid«T«rMit» 4(^ 

zofdireibc Stbaeiitiii Mioeicr «ia^ naaitkl); Bis Tx^r kvmwi hidV 
jedwe^r G«telirt« ang«iiomiD«B. dass Ton deti Ti^n d^r Sc^Oj^Am^ 
ber die g*ns« Mai^i der Gewssser in j^nm ii7<rtss«a Oce*n |pr- 
bannt »«i§ oad diiss don di« ^asserflnth j;l«ichs*n) *u «4n«m m> 
bohea Walle aafgeibanni sei. da&e jwf w«1o)i«rl«4 W>i»* ««* JtHinw 
dae Herrortreien de* Tiwienen iinin<>j>lich wirej?"!. VUi wicn 
daiia die jUesAnder des fnn£iehiii«ii J»hrhwnd«its: Chmtophonts 
Col(UDbii& oDd AmcricDs Vespanns giekommen und liiilten dcr 
WissenscbaA eioe nene Welt eroberi. Seien doch di« indtscUvn 
loseln (!) dnrtb ihre Grosse Europn uherlegen, besondors dii"- 




•) ad AsUe Tab. VL 
**) Oceini naTigaticnibus ad k 
***) ad nsqiie Calecnt et aliu nnenlts 
Calcnttk fSr cine ln»eJ lu hslten. 

i~) ad ipeiun etiam Orientalis Indiae c 
der Drackfehler slut, Ed. 1541 comgirt) perducti. 

tt) BegioDum qaoqne qnae sab Australi pulo sunt, n<ititiiini Hunt ade|>ti. 

ttt) Tabulne gtographicao descriptio im Orbis noviis. B«ail. 1532 ful. 

g] lotam aqoarum rim a priuciplo crestionia in illud palagus rpjoRtam. 

§§) et aquam ipsani ilUc m magaam coacervatam moltrm, ut [loasiliile 

noil fuerit, ibi aridaia quoqao modD npparere. 



203 



H. TolHi 



r 



jeiiige Insel, welclie man nach Americus, ihrem ersten Entdecker, 
America nennt*)," Dem tritt nun Servet mit aller Entschieden- 
heit entgegen. Denn**), sagt er, nachdem Columbus einen Thurm 

- errichtet und ihn mit 39 bewaffneten Goffihrten zam Scljutz der 
von ihm neu entdcckten Welt zuruckgelassen batten, begab er sich 
mit den andern beiden Schnellseglera nach Spanien, wo er voa 
den Koaigen (a regibns d. h. Ferdinand nnd Isabella) mit den 
grossten Ehren empfangen and als Vicekonig, Admiral und Gou- 
Terneur der Neuen "Welt anf koniglichen Befehl von Allen be- 
grusst wurde. Und nachdem er noch einmal suruckgekelirt war, 
entdeckte Columbus auch den Continent und eine weitere 
groBSe Zahl von Inseln***), die nunmehr mit seltenem Gluck von 
den Spaniern beherrscht werden. Demnacb sind die von der 
Wahrheit so weit ab wie die Erde vom Himmel ist, welche be- 
.haupten, das Festland sei erst von Americus entdeckt und mnsse 
desshalb America genannt werden f). Michael Servetff) hatte 
darin wohl das richtige GefShl, welches scbon so manchen Ge- 
lehrten beschlichen hat, daruber dass nach dem grossen Columbus 
nur kleine Diatrikte, Grafschaften nnd Stadte genannt worden sind; 
nach Amerigo, dessen vier Reisen und Reiseberichten ja Niemand 
die Verdienstlichkeit absprechen wird, America genannt wurde 
die von Columbns nen entdeckte Welt. Ueberdies war jene Frage; 
„ob Columbien" „ob Amerika" damals nicht bloss eine wisaen- 
Bchaftticbe, sondern eine brennende Internationale Prage zwischen 
den Portugiesen, denen sich Vespucci anschloss, und den Spaniern, 
fiir die Columbus erobert hatte. Der Villanovaner kampft hier 
pro aris. Wie stolz er darauf iat, Spanier zu sein, lehrt ein Blick 
gleich auf den Titel seiner beiden Erstlingawerke , wo er sicb 
Michael Serveto auch Reues, einen 8panter aus Arragonien nennt. 
Auch hat er sein armes an Tyrannei nnd Inquisition sich ver- 

■ blutcndes, einst so freies spanisches Vaterland so lieb, dass so 
oft der Wahrheitsforscher aus dem Kerker trat, er gteichsam ganz 
unwillkuhrlich die Richtung nach Spanien nahmf+t) "der doch da- 



*) Indianae insalae 
qnam ab Americo primo 

**) mit ibiq,ue erects tnrri heginnt der Zuaatz von Servet. 
***) iterumque revorsua continentem (!) eC alias quamplurimaa insnlas 
adinvenit, quibus nunc Hispani felicissime dominantur. 

f] Toto itaqne qnod ajont aberrant coelo, qui banc continentem (!) 



sua magnilndine Europsm excednnt, praeBertim e 
I tnrri beginnt der Zusatz v 



1 nuncupari contendiint, 
dem terram adierit, nee CDn Hispania ille, at 
merceH commutaret, eo se centulit. 

ft) Dem ja „We8t-Indien" bo nnbekai 
deckern selbst 

ttt) £t de ce jardtn U monta par nne mnraille et snr des treillec, et pnii 



multo post Columbnm e 
im Portugallenaibas, ut suae 



e all' den ersten Ent- 



MieLael Sarvet als Geogrnph. 203 

htn wo die Spsnier wohnten*). Von den Gebrudern Trechsel 
hatte er sich die Gnade aasgebeten, uiiter alien Landern die Be- 
schreibung von Spanien alleiu mit italieniachen Lettern im 
Ftolemaeus auszeichnen en durfeo. Da die^ aber die franzosiache 
Eitelkeit liiitte verletzen konnen, so geht Servet mif seinem Ver- 
leger den Conipromias ein, Spanien garnicht besonders zu be- 
Bchreiben, Bondern nur in einem Vergleich mit Frankreich 
und dann diese Zusanimenstellung**) von Land und Leoten in 
Spanien nnd Frankreich durch italienische Lettern zu mar- 
kiron, Indess auch das Nationalbewusatsein , wo ea Michael's 
Herz hoher schlagen lasst, macht ihn doch nicht taub. Den 
Vergleich zwiscben B'rankreich und Spanien fahrt Michael mit eincr 
§o mnaterhaften TJnpartbeilicbkeit durch"*), dass Nieniand dabei 
des Verfasser's Nationalitat hatte errathen konnen. Wenn daher 
in der Frage „ob America", „ob Colnuibia" Servet fur seine 
epaniscLen Landsleute in die Scliranken tritt, so gescbab dies nur 
■weil in dieser Suche das Reeht, die Wabrheit nnd die Pietiit auf 
Bpanischer Seite war, Aber niehr noch als die Wiederflndnng ,,08t- 
Indiens" (ao beieichneten damals Alle America), regte sein apani- 
Bcbea GemulU anf die Partheistellung zu Muhamed und den Mau- 
ren, neuerdings zu den Turken. Michael's Stellnng zu Muhamed 
ist darum beso nders genau xn prufen , ata mait ihn wiederbott 
bescbuldigt hat, er babe aeine {antitrinitariche) Weiaheit von den 
Turken entlehnt und pehe es darauf ab die Religion Muhamed'a 
zu begunatigenf). Dicbt vor der Beaebreibung dea nunmehr 
mubamedaniachen Palaestin.i hat Servet eine eigene Studie „iiber 
Muhamed, den Ursprung und die Sitten der Turken" eingefiigt. 
Wie uber Muhamed'a Einfluaa auf die Araber aich der vorurtheils- 
freie apaniacbe Gelebrte ausaprncb, liaben wir oben gesehen. Voile 
Gerecbtigkeit iiber die „Turken" Hess sicb aber aua apnniacbem 
Munde um so weniger erwarten, ala nicht nur kein Land langer 

Be Baava et prit le cliemio pour aller contre Espagno etc. (qu. SS. dcs 
17. Aug. 1553 im Genfar Verhor.) 

•) il ritoit Venn pour passer del^ les moiita et non pour demeurcr ici, 
et a'en aller an royaume de Naples, 1^ oi!i Eont les EspsguoU, sagt er im 
Genfer Verhor qn, 2S. 23. Aug. 1653. 

**) De Hiapauia et ejus ad GalHam comparatioue. — Gleich naohher 
kotnmt Gallia uoch i-Inmal: so let Frankreich im Ptolemaeus daa einzig'c 
Land, dessea Leute and Sitten doppelt beschrieben nerden. 

*'*) of. Mosheim. Anderw. Versuck Helmst, 1748. p. 62 sq. 

f) s'il ne savoit pas bieii que fa doctrine dtoit pBrnicieune, tC qu'elle 
favoriae anz Juifa et am Turcs en lea excuaant, et s'il n'a paa ^tudi£ en 
I'Alcoran, poar impnnier et argner la doctrine et religion quo tiennent les 
^glisea clirijtiennos , enaemble en d'uutrea livrea profanes et dosqnela on se 
doit abstenir en matifere tie religion, selon la doctrine de St, Paul? (qu. 21 
dea S3. Angitst 1553 Genfer Verhor). 




204 H. Tolli 



unter dem Joch der Muhsniciiiiner hat Ijlotcn miissen , sondern 
Huch noch jetzt , wo Servet den Ptolemaeas herausgab , der 
Bpanisohe Konig, Kaiser Carl V., der Vertreter dnr chriet- 
lichen Bildnng und der hauptsachlichate Gegner der Sber drei 
Welttheile ausgestreckteo muhamedanischen Macht war. „Maho- 
met", der falsche Prophet, sagt Servet itn Ftolemaens, heiligte 
fur die Saracenen, einen arabischen Volksstamm *) im Jahr 629 
nnseres Heile**) neue Gesetxe. Ks ist sweifelhafl, ob er aos 
Arabicn oder aus Persien stammte, denn beides wlrd uberliefert. 
Sein Vater betete bose Geister an. Seine Mutter war la- 
niaelitin, und deasbalb des hebralacben Geaetzes wohl kundig. 
So wurde der Knabe bin und hergezogen und zweifelhaft ge- 
macht, da bald der Vater, bald die Mutter Jhn in ihren Eult ein- 
weihen wollten. Hatte er als Knabe beide gotteadienatliche Formen 
aiinehmen muBseu, so atreifte er, sobald er herauwucba, beide ab. 
Nun aber ereann er, schlau und verschmilzten Geistes wie er war, 
und durch langjahrigen Verkehr mit Mannern von chrtstllcher 
Friiinitiigkeit wohl bekannt, aua den beiden Gesetzen eia 
neuesDing, daa fur das ganze Menschengeschlecbt Ver- 
derben bringen musate***). Es sei gottlos, sagt er, von den 
Juden, den von der Jungfrau geboreaen Christas zu verleagnen, 
da doch die Prppheten, Manner der ausgezeicbnetaten Heiligkeit 
und getragen vom gottlicben Geiste, seine Znkunft besungen und, 
dass er zn erwarten sei, lange vorher geweissagt batten. Anderer- 
seits sei ea thoricht von den Christen, dass Jesus, der aus der 
Jungfrnu geborene tranteste Gotteafreund f) , Schmach und Ereu- 
zigung von deo Juden habe leidcn wollen. Nachdem der Liigen- 
prophet aeine bosen Lebrenff) seinem Voike beigebracht hatte, 
gab er ihnen sein Gesetz. Und damit nun nicht von Uenscben 
geeunden Sinnea irgendwann diesem Gesetze entgegengetieten 
oder von irgendwem es abgeschafft wurde ala ein achmutzigea 
und verpestetes GesetzfttX verordnete er die Todesstrafe 
und schrieb sie in aetnem Alcoran nieder gegen jedweden, der 
sich unterstehen wiirde, dagegen zu disputiren. Durch dieso 
Sanction, sagt Servet, hat er kundgegeben, daas nlchts 



'') gorracenii Arabiae goM. 

**) anno nostrae salatiB Beicantraimo undetrigeBiiDO. 
f*^) quia homo catlidiu atqne voler ingenio, inter cfarietianae pietatis 
9 diutiaaima versatus , reta pemicioBom bumano greneri (!) ex dnabus 



f) JpBimi Cei amicisaimum nstumque ex virgine, oppTobria- et c 
im a JudAeis pefpeti Tolulsae, 
tf) iiB raalia. 
-j-ttj ut sordidaa et pestilenti. 



Michael Serret bIb Geograpli. 20& 

Lauteres in dieeem Geaetze sci*), das er wie ein groaaes 
Gcbeiniiiiaa verliullt hielt und verbiit zu besprecben, diimit ja 
nio dos Volk erfiihren konnte, waa es damit fur eine Bewand- 
nias habe**)." Man wird an diesem Urtheil des dreiandzwanzig- 
jiihrigen Spaniera ilaa geacliickte MaBahalten und die Verurtheilung 
dea Muhamedaniaiijua wegen aeiner Intoleranx und Geli<;im- 
thuerei wolil zu wurdigen wiaaen. Aacb stimnit ea mit seinen 
Antworlen vor dcm Ge.nfer Ketzergericbt : Er habe den Alcoran 
wnhl gelesen, weil man auch aua eineni echtechten Buche 
etwas Gntes nehmen konue**'), und dusa iui Alcoran aelii- 
viel Lobendea von unaerm Heiland Jesu Christo gesagt sei f ) 
und ilaas Muliaiiied ihu groaaer hhistelU ala sich aelbst. Er, 
Micbael Servet, bedurfe ebenao wenig Mubmuet's Beiattind tila 
den des Teufelstt)- Er gebe niehl z«, dasa aeine, Servet's, Lebre 
verdorblicb aoi, noch daaa sie die Juden und Turken begunaiige 
and babe er bei Leaiing dea Alcoran nie eine andere Abaicht 
gehabt, ala die dem christlichen Glauben zn belfenfft) ""^ 
nnserea Herrn Jesu Cbristi Ruhui zu verkiindigen§), 

Nachdeni nun Servet aich, wie oben gesagt, iiber Muhamed 
auagelaaaen baite, giebt er die Geachichte der Tilrken, nnd 
zwar bis'zum Jalire 1516 nach Joannes Baptiata Egnatiua Vene- 
lus. Dann trtigt er die Neuzeit nacb und halt mit Wohlgefallen 
bei dem fur die VcJlkerstorungeD ewig denkwurdigen Momente 
an, wo Carl V., an der Spitze der auserleaenaten deutscben Krie- 
ger, den Kaiser Solinian, den Repritsentanten der mnbamedani- 
achen Weltanschauung von Wien zuriickwirft §§), die ganze tur- 
kiache Macht erdriickt und 50,000 todte Turken anf dem Schlacbt- 
feld lasst vor den Thoren von Wien." Mit knndiger Forscber- 
hiind zeichnet er, wie dieser Sieg das Signal war, auf das 
aich nun auch von der entgegengesetzlen Scite der Perserkonig 
Sophus gegen den Turken aufmacbt und ihn beaiegt; und, in der 



*} Qtu aanetione pBlam facit, nihil sincert in ea lege esie. 
*•) qnam rolut iiiyBterium qaoddBm texerit vetneritqae tractarl, lit qaalu 
esBet Id qaod ferebntur popullUf hniid scire posset. 

***) que en iin miAchant livre on pent bien prendre Ae bonnoB eLose» 
qu. 35 Verhijr rum 28. Aug. 1563. 

t) la dit Alcoran en Ido nostra Heigneur Jrtena Christ) diet tont plein 
de bicn et le fait plus grand que de Hnliomet (qn. 34 1. 1.) 

tt) que de Mahomet il ne n'en voudroit oydor non pins que du diabls 
(qu. 34 1. 1.) 

ttt) Et qu'il ne 1'h. prw In k riiitention de nnire nufum^uiEiit k la foy 
Chrfitienne, mais platAt pour luy ayder (qn. 21. des 23 Aug. 15!i3.) 

§) qu'il I'allfegne (den Koran) prtStendant la gloire lie noatrc Meigiiuur 
Jiaaa Chritit (qn. 84 dee 28. Aug.) 
§§} facile retro cedero coactng. 



" fi^ ~^-i^"t*i" '■ 



a06 H. ToUin: 

neuen Auflage des Ptolemaeus (1541) freat sich Servet binzu' 
iugen zu konnen, daas auch der Ueberfall Italiens far die turkische 
Flotte eiu groBsea Verderben bereitet hat. Nachdem er so der 
Tarken Schicksale geschildert, geht er unbefangen anf ihre Sitten 
ein, erkennt das Qute an, zeigt aber ancb nnter andeiQ, vie leicht 
ein Turke in den Gkruch einea Thoren oder eines Ketzers ge- 
ratben kann*). 

Weit scbllmmer als nit seiner Citation dea Alkoran erging 
ea dem armen arragonischen Gelebrten Tor dem Qenfer Ketzer- 
gericht wegen einer Stelle seines Ptolemaeus, die Servet weder 
selber gescbrieben nocb verbessert, eondern die Trechsel im buch- 
handleriscben Interesae, mit dem ganzen obrigen Prieae, geradeso 
wie er aie vorfand, aos dem Firckheiraer in seine Ausgabe 
berubergenomnien batte. Der jnnge Corrector hatte , wo es ibm 
oblag, namlich im Teste dea Ptolemaeas, dem Lande Syrien- 
Falaestina keine geringe Sorgfalt gewidmet. Die sablreichen 
bibliscb'gescbicbtlichen Scholien am Rande geben Zeugniss davon **). 
Indess zu den Pirckheymer-Friese'achen Kartea hatte Michael Servet 
bei Palaestina nicbt daa geringate geandert, nocb forlgelassen oder 
hinzugetugt. Diese Uuterlassungssnnde , die nocb dazn ans der 
grossen Mess-Eite Trechscl's ehtaprang, sollte Micba?l scbwer 
bussen. Bekanntlicb batten sicb aus der Kreuzfahrer Zeit eine 
unztihlige Menge von „Pilgerfabrten in'a heilige Land" erhalten, 
welcbe alle mebr oder minder romanbaft gefarbt, in den Monchs- 
schulen die Stelle der Robinsonaden vertretend, Palaestina ala 
„das Wunder der Welt" beachreiben*'*), Nacb alien liegt ea 
gerade ira Mittelpunkt des Erdkreiees f) , hat darnm von sammt- 
tichen Landem das beste Klima nnd nbertrifft eie insgesammt an 
Frachtbarkeit und Schonbeitft). AUes Yolk glaabte, dass im hei- 
ligen Lande Jabr aus Jahr ein nocb iminer drei Mai Ernte ge- 

*) nam si atando quiapiam mingeret, pro atulto aat haeretico ab omni- 
bus haberetur. 

**) bei Antiochia z. B. sagt er, ea sei doa henti^ Alepo, and bernit 
sich dnfiir aaf den Ludovic Vbrtemannus cap. 3 Lib, I. Was ' er ed. 1541 
ala falach bezeicbnet und zuriickniminl. — Zum Qazeorum portns, Maionia 
fiigt er 1541 hinzu: His vicina in mediterraneis fuit Hebron dicta Mamre, 
quam Abraham, laaac et Jacob incolnemnt Badem dicta Gariatli Arbe, 
data eat ipsi Caleb. Josue 14. la eadem est David in regem nnctua : fol. 
97b. — Zn EmroauB, Niuopolia, ubi cognitug Christus in fractione panis: 
foL 98a. ~ Meroe Bugio, Eisaba bodie, in qua divum Hatheum fol. 19b. — 
Montes Melanea: mona Sinai, mons aanctae Catliarinae fol. 98b. 
***) Hitter, Geach. d. Erdkande. Berl. 1861, p. 193. 

t) i^eruaalem iat aaf alien mittelalterlichen Karten der Mittelpunkt 
der ErdBuheibe." Eitter L 1. p. 218. 

tt) So z. B. Brocardii» monachua, Locorum terrae aanctae eiactisaima 
deacriptio im Noras orbis des S. Grjuaeus p. 332. 



Mitliael Survet ills Guogrnpli. 207 

balten wurde. Weun nun I'aracelsus deni enlgegen behauplet: 
„die Ilebmachen liaben je uad je niuhts gewusst iu der Natur 
und sind ullemal die grobsten Puffel genesen"*), wenn die ncueren 
Besucher Paluestinu'a**) die Gegend mit unparteiiscliem Blicke 
betrachtend , insbeenndere din KauUeute, denen jede religiose 
Tendenz fern lag, die grosse Ver odung lies ^geloblen" Limdes 
einatimmig constutirten , so hielt es der aiederliindiauUe Hunianist 
Lorenz Friese oder sein Verleger fur Jingezeigt, zur Diimpfung 
tiiner irregeleiteteii Scbwarmerei, festzustellen, dass viele fruhere 
Beschrciber Falaealina'a nur duruh GroaaUiuerei und Jichtende Liige 
bewogen worden Bind, dem niodernen Palaestina groaae Herrlich- 
keiten zuzusclirelben; da vielmeLr, nnch den Auasagen glaub- 
wurdiger und unparteiischer Zeugeu, es ein unbebautes, diirres 
Land sei, aller Sussigkeiten baar. Das gelnbte Land 
konne es daher nur nocb heissen, weil es diis „ver3procheQe" 
Land sei, uicht aber als ware es vor anderii „loben8werth *••)." " — 
Allerdings konnte diese Stelle dahin missverstandcD werden, als 
batte Moses, der Mann, dessen praktisclie Weisheit und theologische 
Auszeichnung der niedevliindisclie Arzt doch riiliinend anerkenntf), 
und nacb Moses die ihm folgenden JuJen geirrt, weiiu sie, wie 
Friaius vurtier angab, I'alaestina fur ein reicbes, fruclitbares, 
wiiaserbenctztes, balsanihaltiges Land hielten ff }, ja fiir 
eben das Land, das deni Abrabam gelobt worden war and in 
dem MiUI) und Ilnnig fliesse. 

Indess wie deni audi sei, der beruhmte Niirnberger Katbs- 
herr Willibald Firkheimer, oder vielmehr sein Sirassburger Ver- 
leger fand keinen Grund, Friese's Beachreibung von Falaestina 
bei der Aufnahnie in seinen Ptoleiiiiieus zuriickzuweisen, zu ver- 
andern oder abzukurzeu. Und wcder Erasmus, nocb Glarean, 
weder Oecolanipad uoch Melaijchtlion, die ja mil Firckheymer an- 
gelegentlid) fiber seinen Plolemueus cnrrespondirten , nabnien aua 
der Aul'nahnje jener Bescbreibung irgend eioen Anlass, den I'irck- 
heynier des Ungluubeus oder gur der Tucke zu zeiben. Sobald 

•) II. 387. bei Leaaing, Lebcn dea Paracelsus p. 45. 
**) Seb. Bmut, Job. Tadinn, Aiidr. Tesal, Anton, ile Aruiiila, Jac. Zieg~ 
ler, Guilt. PoaU^ll, Bn'if, Ant Buiiaiid, GruSii ArfagarC u. a. id, 

***] Quare promiHsam terrain pollicitaui, et aon vttruucula liugoa lau- 
dnntem (!) pronunties. 

'I') Uxiatimabat eiimiua illu Ttieotugiis Mtiaos nuHain I'ivitatein sine 
jnria lit aequitatia cultu diutlug cuiwUtcri: poaae, jam cum bDUuram praemiia 
et inipiorum Bnpplkiie bdoh ad amplexandam virtntpiii et im|iietatAm fugiea- 
dain satin exbortatiis esset, tandem saper deuem ilia legnm capita, diiabns 
tnliiilitt ad Siuam perlatia, alias papulo leges civiliaque Instituta promal- 

tt) aestimaverunt. 



208 H. Tollin; 

iiber Servet, der ju nur fur die europitiBchen Gcgenden Neues za- 
gesagt hiitte*), in der Beschreibang der Karte Palaestina's seliwei- 
gend Tind wie aelbstverstilndlicli der Fahrte des auf dem Tite! 
vorweg gennnnten Pirckheymer folgt, ohnc noch einntal ausdriick- 
licli zu betiierken, wiederum habe er nichts genndert, die Irr- 
thunier durfe man ihni dalier nicht aufburden**) : sobald er wort- 
lich, kaum ein paar Interiiunctionsfeliler beaaemd, milsammt den 
sprachliclien TjDrichtigkeiten*"), mit den Beziebungen auf das dent- 
ache Vaterlandf), dem er ja nieht angebiirte , und fast mit dem 
sprachliclien Unsinn des Original's seinen Frieae-Pirkbeiiner aus- 
Hchreiht: Ja wird er vor dem Gericht ssu Genf beschuldigt, Gifl 
ausgestreut zq habenff)! "i'' "Is er offen erklart, das habe Er ja 
nicbt geachrieben ttt) ""'' veratehe er die „UnfTuchtbarkeit" nicht 
Ton der Zeit des Moaea, sondern von dem gegenwartigen Jabr- 
hundert§\ so bkiben seine Feinde docb dabei, er habe den 
Mosea verl euindet§§). War ea den Geufer Eichlern a. 1553 
nur daroni zu thun, die Wahrheit zu erkunden, so brauchten sie 
ja blosa den Pirckheymer aelber nacbzuscblagen, welchen Servet 
uberall da wo er nichts Eigiica bringt und keinen Andera 
nennt, als seinen gleich auf dem Titel iles Werks genannten Ge- 
wabrsmanng§§) kund giebt. Wolltun sie billig ciit ihm verfahren, 
so bvauchlen aie ibn bloe nicht nach der ersten, die er aelbat 
verwirft, aondern na«h der zweiten verbeaserten Anflage 
seinea Ptnlemaeus abzuurtbeilen, and da batten sie sich auch 
der Verbesserung freuen klinnen, diiaa Servet achon 1541 jene 
anrnchige Beschrei bung von Palaestina aus freien S tucken 
ganz weggelaesen hatte. Statt desaen liebt ea Calvin, Servet's 



*) Europne regionom tradilio recens MicliaelU YillanoTaui. 
**) Seel Qt nobis uon licuit iuveteratos ilks cliorographicss tabnlns 
ranovarc, ita earuni Errata nobis adscribi uon debeiit. 

***) vernacula lingua terrain landantem statt landatam. Nnr dii alius 
tabutis aJ fitntuu perlate verbessert er in peilatia (nicht prolntis, wie Mos- 
heim druckt A. V. p. 260.) „In CoeleByrinm jagcnt" wird „CoelOBjTiae 

j- ) Indaen, particnlariB Sjriu« provincin, in CoBlosfrinni jacens et 
Peream ad occHsnm achreibt Friese. Perea liegt aber hekanntlich nordiist- 
licb. Servet corrig-irt Coelosjriae ttdjacens et per eani ad occasiim. Unge- 
Bchickt g'enug! 

n) 14- Aug. 1553 qu. 3. 
++t) <lit "'avoir fait le dit lien de Ptolom^o (17. Aug. 1658 qn. 3). 

§) point du temps de Mojse etc. 
§§) il a catomnii^ contre Mojse. 
S8§) Calvin: Hefutatio errorum Michaolia Serveti ed. fraiii;. kehrt die 
Sai^he gerudezu nm: ledict Servet se vonte d'en avoir estu le correctenr et 
i'j avoir fait bona advertissemena. Or qaand ce vient i. la lerre de Judde, 
il advertit (!) liu lecteura eto. (ed. Baum p. 496 Nu. 7), 



/■ i 



Hiclioel Scn-et als Oengriiph. 209 

Enlschuldigung fur eine katt berechnete Ausflucht auszugfiben*): 
Servet sei ergriffen worden auf offenbarem Betrug (Plagiatl). Da 
antworlet Servet: „die Steile habe ihren guten Sinn, wenn man 
sie nur recht veratande." Nun, fragte der Richter, wer ist denn 
der eitle Prahler des heiligen Landea? — ,iA1b ob, antwortet 
Servet, nicbt uucb Andere iiber Judaea geschricben batten ala 
Mosea**). Da fiel Ich ibm ein, berichtet CiiLvin***); „Dem Lob 
des Aeltesten folgen alle Andern : so hat denn Moses den Be- 
trug eingeleitet, wenn er sagt, dass dort Milch und Ilonig fiiesse? 
Aach sei der gegenwartige Zustand Palaestina's der 
klsrste Spiegel des gottliehen Strafgericlits fur die Ver- 
leugnung Cliristi und eriaube kcine Ruckschlusse auf die 
altere Zeit." nUm ao niehr", antwortete Servet, sehe er nichts 
ubles darin zu sagen, Palaestina sei heute unfruchtbarf)." 

Und in der That, in gewissem Sinne konute sich Serret die 
Ansicht des Frieae'schen Machwerka wohl gefallen laasen. Kennen 
wir doch schon ans Servet's Erstlingawerken die Tendenz vom 
irdiBchen Jerusalem die Leser abzukehren|+) auf das liimm- 
liache, und von der ublichen Bekebrung der Ungliiubigen durcb 
Feuer und Scbwertfff), anf die Gefangennahme der Geister durch 
die Predigt von dem Gekreuzigten. Naber noch erklart er aeinen. 
theologiachen Gesichtspunkt in der Restitutio Chriatianisnii. Ur- 
aprunglich, so verniuthet er dort, mag in Canaan das irdiache 
Paradies gewesen aein, und in ihm das gelobte Land (terra pro- 
missiouis). Dureb den Siindenfall und durch die hereinbrechende 
Sundfluth ist nachnials der Boden dort vollig umgewandelt wor- 
den, der Paradiesgarten verachwand, Dorncn und Diesteln warden 
auch dort der Siinde Saat. Dennoch soU auch noch spater in 
Canaan Milcb und Honig geflosBen und die Gegend mit Gaben 
wohlgeschmuckt gewesen sein§), bis durcb die Kreuziguug Cbristi 
und den Abfall Muhamed's§§) das Land in wachsendem Maasse 
dem gottllchen Finch verfiel. .Es ware daher eine TJmkelir der 
Wege Gottea, woUte man noch heut zu Tage das gelobte Land 
in Palaestina auchen." Man sieht, vollig gedankenlos war die 
Aufnahme der Piickbeinier-Friese'schen Beachreibung keineswega: 

*) tam frigidum caTilhim, 
**) Bekanutlich riihmen auch TaoituB, Ammiaa Mareellin iwd JoBephnH 
die Torzfigliche Fruchtbarkelt PalaeBtinH's. 

•**) EefQtfttioerroraniMichaeliB3eiTBtip.495aq. ed-Banm. Brans v. 1870. 
t) nihil esse iUic maU. 
+f) Ten-enam Hioroaolymam noB non cnrnmnB. 
1"|"t) <[iii aine strepitii armoTum menteB dncit captivns. 
g) Eeatitatio p. 373 aq. 

g§) Die sjatematificlie Zugrnndericlitung- des Laodes durch doB mubatde- 
dnnischc Regiment ist ja einu notorischa Thatsachs. 

eeilscLf. 1. Geullsch. f. EriV. BJ. X. H 



210 H. Tollin; 

sie Buclite von neuen Kreuzzugen abznmahnen: aber sie war in- 
• Bofern uniiberlegt und tine Bchwache Naohgiebigkeit gegen den 

Verleger, als Servet aelber fromm fiber Palaeatiiia dachte, und 
jene Bescbreibung ^nnfromm" aosgelegt werden konnte. Darum 
streifte Servet, sobald ibm Gelegenheit geboten wurde , seioen 
Ptolemaeua zu verbessern (1541), dieselbe wieder ab, 

Heut za Tage, wo wir anf den Ganfer Scbeiterhanfen 
und ao viele andere proteatantische Inquisitoriate zarnck- 
't blicken, niinml ea ons Wunder, wie Servet, der aua dem katholi- 

y aeben Inquisitoriut in Fienne EDtsprungene , von den damaligen 

Genfer Protestanten ein echt proteatan tisehes Verfahren 
erwarten konnte. Ea nimmt una Wunder, dasa ala die Vienner 
aeine Aualieferung fordern, Servet nnter Thranen vor den Genfer 
Richtera auf seine Kniee fallt and sie anfleht, ihn docb ja in Genf 
za ricblen tind niit ibm zu maclien, was man wolte, und ihn nur 
nicht nach Vienne auszuliefern*). Servet forderte Toleranz von 
Bolchen, welcbe die romiache Intoleranz mit Stampf und Styl aua- 
zurotten sich vorgenommen batten. Er hat seinen Irrtbum tbener 
bezahlt. Wir aber entscbuldigen es gern, wenn, wie der bekehrte 
_ Heide ia die Zanbereisiinde, so Reformatoren wie Calvin, Zwingli, 

Buteer , Melanchtlion , Bullinger nur zu oft in die Intoleranz 
ihrer katholiacben Kindheit zurficksinken. Nicbt derPro- 
teatantiamus bat den Servet hingerichtet, aondern der 
alte romische Katbolicisniue, der in den katbolisch getauf- 
ten, katbolisch anfgewachsenen, katbolisch unterrichteten Reforma- 
toren machtig war, Wenn aber geborne Protestanten, wie der 
Abt Mosheim **), eine der Zierden der evangelischen Kirche, die- 
selben Vorwurfe wiederholen, wio in Genf, ala aei Servet der Ver- 
achter des Moses, wo Friese, den der Servet aasaclireibt, binter 
, den griechischen Dichtern und Weltweisen, die von den Egyp- 

^ tern geternt, an letzter Stelle anch den Hebraer Moaes nennt***): 

als ael Servet der Heuchler und Verleugner seines personlichen 
Glaubens, wo Friese die Bob men bezeichnet als von alten Zeiten 
her dnrch huaaitiaches „Gift" angefressen nnd dem orthodoxen 

*) Interrogi, a'il aimo mieui demenrer iei fia mains de Messieurs, oa 
ymimeut etre reavoyi aveo cetui geolier, qui Test vanu quirir: il a'est jett^ 
— — h terre avcc Inrmea, reqa^rant qu'on le jngeflt ici ct que MenaiourH fJHsent 

de lui ce qui leur plaira, reqadrant de no I'y eiivojer point (31. Aitg. 1553 
im Genfer VerhOr). 
- **) Anderweitiger Versuch einer volletiiniligen nnd nnparthoj-iscliea 

Eetzer-Ooschi elite. HelmatJtdt 1748 mit dem Bitdnisse des Michael Servetus 
(in den Flammen) p. 334. Jedoiifalla, aagt Mosheim, Hihra die Stella, wenn 
nicht von Servet, too einem „SputtBr" her. 

***) Democritns Abderitea at Inopidea Chins, Moses Hehrnana 

et alii qnamplorimi. 




Miulmel Servet als Gaograph. 211 



EdIeds abgeneigt*), gleichwie an der luidern Stelle*'), wo Friess 
die Dentacben sehildert als dem Gottesdienst zwor ergeben, 
aber so bartoackig und individuell gesondert, dass jeder am lieb- 
aten in Beinem Scbisnia und in soiner Haresie verharrt; wenn so 
gule ProtestiiQten, wie Mosbeiin, da niebt den Pirckheimer schelten 
noch den Friese, nocb den Verleger Trechsel, aondern immer nur 
den Miebael Servet***), bo iat daa docb nicbt die Weise wie man 
eine „unpartbei9cbe Ketzergeschicbte" echreibt noch eine 
„voIl8tandige", bei wissenscbuftlich so ungenugendem Material-f). 
IndeSB 15S5 beim Abachluss Beinea Ptolemaeus knmmerte 
aich der spanische Correktor zu Lyon urn die seinem Werkc etwft 
bevorstehenden Gefabren nicht. Ja die Gebruder Trecbsel wsiren 
Ton den Yerdiensten des jungen Autor so eingenummen, daas 
eie in dem Index|+), den sie binten anfiigeii and mit dem Wappen 
ibrer Officin-f-i-f) acbmueken, garnichl genng eu rubmen wissen, was 
alios dem fleissigen uud eifrigen Forscber dieser Ptolemaeua bjete. 
Leider ist dies marktscbreierisch angepriesene Register — die An- 
preiaung fiillt zwei Folio-Seiten — nur fur denjenigen praktisch zn 
gebrauchen, der mit der Eintheilung und Anordnung der Geographie 
des Ptolemaens scbon vorber ganz genuu Bescheid weisa. Iliuter 
dem Register aber folgt noch „eine Praxis", die Entfernung zweier 
beliebiger Staaten oder Ortacbaften durch alle Arten Meilen leicht 
anszumessen §). Diese Abhandlung uber die aritbmetiBche Be- 
Btimmung der gegenseitigen Entfernung zweier Punkte der Welt- 
karte stammt nicht von Servet, sondern von dem beruLmteu kaiaer- 
lichen Hofastronomen, Peter Bienewitz§§). Nicbt gemde zar 
Empfeblnng der Officio, aber ■wabracbeinlicb auf aosdrucklicbes 
Verliingen des jungen Correktors bildet den Schluss der „Geo- 
graphie des Ptolemaeus" ein latiges Verzeichniss von Druckfeblern. 



*) Moahe!™ p. 335. 
*•) Moaheini p. 336, 
***) MoBlieim p. 334: „SerTet war nngehalten anf die ScWeizer und 
Dentschen, veil aie ihren Glauben mit geiner ueueu Lebre uicbt g-leidi 
biitten vertauschen woHen: daUer muBseii ale bier aU Narrkijpfe abgeraaJet 
werden." — Leider falgen anfli hierin wieder dem Moshoim llcury: Calvin 
in, p. 119, 122, 123. — SlHhelin: Calvin I, p. 42S, 444. — Baum: Corp. 
Beforinator. XXSVI. Bmnaw. IS70 p. XXVII aq. n. v. a. 

t) Mosheim's Werk fiihrt beksnntlich den Til«I: Anderweitiger Versuch 
einur ToUatJindigeQ nnd nnpnrtliejiacben Ketzergoschichto.'' 
t+) Index geographicus Ptolemaei. 
t+t) Drei KOpfo mit oinom jToiff. aaiitay. 

§) distantiam . . . per cujubtis generis - miliaria dimetiendiun. 
§S) PctruB Apianns: Am beriibmteHten ist bbId Astronomicum Caesareum 
Dder Geograpbica iostructiu 1532, Die Aungabe vou 1541, die mir vorlag, 
iat ein si-'hjln colorirtea mit aehr kfinstlicL elngeridil«ten Sternkarten ge- 
schmiieklfiH Praclitwerk, auf knidcrliche Konten veranstaitet. 

14* 



i 



212 

Je mehr Anfsehen dea Micliael ViUanovaiius neuer Ftole- 
imieua an deu Hofen der Fursten und der Bischofe, bei deu Ge- 
lehrten nod in den Scliulen hervorrief, je schuetler er Abgang 
fand, and je raehr die Geographen einig wurden, eine etwa neue 
Auagabe des Ptolemaeua konne nur auf der durch Servet ge- 
gebenen Grundlage ruhen : um so uiizufriedeuer war derselbe niit 
seinem eigenen Werk, Servet gehort wie Melanclithou zu den 
Naturen, deren Feuergeist ia einer fortwilhrenden Umsclimelzung 
der eigenen Arlieiten begrififen isf. Die Biicber „von den Irrungen," 
(1531), die „Di)iloge" (1532), die Briefe an Calvin (1542), die 
„ApoIogie gegcn MelancLthon", die „Wiederherstellung des Chri- 
stentbums" (1553), sie behandelten immer wieder dieselben eliri- 
Stologisch-trinitariachen Fragen, weil die jedeamal frabere Fassung 
seinen neuen Forscbungen nicht mehr genugte. Gleich nachdeai 
sein PtoJemaeus die Presse verlassen, fasste er den Vorsalz, jede 
Gelegenbeit zu benulzen, um die Fehler der ersten Aasgabe fur 
die Wissenscbaft unacbadlicli zu macben. Ja noch niebr, er setzte 
eicb nieder, uberlegte, verglicb, las das Alte wieder durcb, be- 
sprach sicb niit li'acbleuCen und zog Neues binzu. 

Ea gehort liier nicbt her, was ibn bewog, Im Friibjahr 1537 
Lyon und den Trecbsel'schen Correktor-Poaten zu verlassen und 
in Paris Medicin zu studiren. Aber daa iat wieder charakteristiach 
genug, dnsa er sicb, bei all den andern Arbeiten, die ibm als 
Correktor oblagen , im Laufe eines Jalirea zu Lyon in den Stand 
aetzte, als Magister arlium zu Paris, sobald er ankaui, uber Matbe- 
niatik, Astrononiie und Aslrologie zu lesen. Bei den malhemati- 
aclien Vorleaungen scheint er sicb weseutlicb auf die Geograpbie 
beachrankt zu baben. Er legte in Paris dabei die Lyoner Aua- 
gabe seinea Ptoleniaeus zu Grunde, Der Ruf dea jungen scbarf- 
sinnigen Autoren veracbaffte ihai schnell ein grosses und aus- 
erlesenes Auditoriiim *). Genoss er den Vorzug als Student der 
Medicin zu Paria Leiirer wie Job, Fernel , Jac. Leboia und Job. 
"Winter von Andernach zu horen and in ihren Seniinarien sicb zu 
einer eraten medicinischen Kraft berauszubilden , so hatle er zu- 
gleicli das Gliick, unter seinen Zuboreru so tucbtige Geographcn 
wie eeiuen spaleren Conner, den Erzbiscbof Peter Palmier**), 
unter seinen Comniilitonen aber in der medicinischen Fakultat 

*) cum t« praeBente et patrono Lntetiae Matheniata publics profiterer, 
BOgt Servet iu der Widmuiig der 3. Ausg. dea FtolemBeua an den Erzbiscbof 
Peter Palmier von Vienna. 

•*) Coegit me etisra taorum in me beneficiorum eumiilns, qui milii 
militia jam anniB fucria Maecenas, qui et geographiam ipsam Ptolemaei a me 
sia dignatus audiro, Uade merits qui alim Ptolemaeua clientem tiovit, nunc 
ta denuo patroaum agnoBcet (Widmung an Pet. Palmier). 



Micliael Servet nls G^H.prnph. 213 

einen ao gewiegten philologiachen Denket und Sprachforscher wie 
den Dr. Joh. PerelluB, den epHteren Leibarzt des Erzbischofs *), 
anzutreffen. Ja Peter Palmier, der von seinem Konige in alle 
moglichen Lande ausgesandte fein diplomaliaelie Erzbischof fand 
pine solche Wnnue bei dera Sludinra der Geagraphie unter Servet, 
daas er ilin bewog nach Vieone uberzusiedeln. Indess auch die 
iibrigen Pralaten in Vienne, dem Vorbild Konig Franz I, folgend**), 
verwandten gerne ihre Mnsse auf die Ei-forachnng der Erdkunde ***). 
Und weun nnn auch dor Prior von St. Moritz+J, Johann Pal- 
mier und der General -Vicar dea Erzbiachofa Claudius von Roche- 
fortff) die Resultate ihrer geograpbischen Nachtwachen mit griisster 
Tjiebenswurdigkeit dem Servet nberantworteten , und wenn solbst 
jene drei heiiigen Officialen, die ein Jahrzehnt spater auf Genfer 
Denunciationen-f-f-t) hin den Michael Villanovanus als Kelzer ver- 
haften massten, mit dem Erzbiachof, seinem Leibarzt und seinen 
Blntsverwandten wetteiferten , dem Servet seine geographischen 
Stndien zu erJeiehtern: so hatte darin maneber Andere einen 
Grund geaehen, um der ersten Aufliige eine zweite gleich auf 
dem Fusse folgen zu laaaen. Servet aber, bei der Lust, die er 
am Arbeitea fandg), nabm daraua nur einen neuen Anlass deato 
grundlicher zn verfabren und aeinen hohen Gonnern nichts Tin- 
vollkommenea zu bieten§§). So geschah ea, dass die zweite Auf- 
lage dea Ptolemaeua erst aieben Jabre nach der ersten der Oeffent- 
lichkeit ubergeben wurde, Man muaa bier namlicli wohl Acht 
geben nuf daa Datum, da bisher so Viele dadnrch irre geleitet 
worden sind. Der letzte auf dieae Zeitbestimmung eingebende 
Biograpb Servet'a, Lorenz von Moaheim§§§), verwirrt die Frage ao 
schr, daas man zweifelhaft werden muas, ob er je die zweite 



*) Jobannie qiioque Perrclll, Doctoris medic! tui, meique olim in Btndiis 
apiid Lntetiam aocii, multiplex iu philosophia ei lingnie eruditio, majore 
alio indig^t prsecoue [1. I.). 

**) Christianiaeinii Oallorum Regis eiomplo, qui nt est Btndiorrun nma- 
tor, ita in hoc gonere ad miraculum usque doctus. Decet namque Frincipes 
snmmos, qui orbi imperant, orbem nosse etc. (l. 1.) 

•*•) Qandobit insuper (Claudius noster Ptolemaeus) tot Vicunae propagsri 
cemeus suae geographiue parltos, 

t) St. MarceUi ht ein Druckrahler. 
1"+) quibus ego tautum deboo, quantuin Ptolemneo ipsi dobent Geogra- 
pbiae stndiosi. 

ttt) Guillanme de Trie war der Denunciant, ein Freund Calvin's. 
§) Aocadit ipsa cognitionis volnptas, qua et intellectus omatur et ani- 

§§) Cape igitur, o Praeaul ampli.isime, Claudii Ptolemaei excellentisBimi 
Oeographi opu3 otilissimum, surama cum a me restitutum (1), nt tuo patro- 
einio deineeps nitatur, teqne solum Maacenatem agnoscat. 
§g§) Auderw. Tersuch p. 336. 



214 



H. Toliin: 



Servet'eche Ausgube ilea I'tolemaeus zu Geaicbt bekoinoien hat*). 
Er berichlet namlich, „der Drucker sage, dass die Arbeit erat ira 
Jahre 1542 fertig geworden sei: und aaf dem Titel atebe, da^s 
Bie acbon im Jahre 1541 zu Lyon feil geboten worden," In der 
That aber Btimmen alle Aaaaagen im PtolemaeuB durchaua En- 
sammen. An keiuer einzigeu Stelle des Wcrkes wird die Zabl 
1542 erwiibnt. Glcich binler deni Text des Ptolemaeus sagt der 
Drucker; Caspar Treohael druckte (den Ptnletiiaena) MDXLI. 
Und binter Servet'a Zusaize sagt er: Es druckt« (diese Zusatze) 
Gaspar**) Trecbael zq Vienne MDXLI. Die Vorrede an Peter 
Palmier tragi ein noch genaueres Datum: „zn Vienne, heisst ea 
da, den lelzten Februar*") MDXLI." Und damit stimmt wieder 
der Tile): „Steht zu Verkauff) zu Lyon bei Hugo de la Porto 
MDXLI." Ea bedarf daher keiner kiinstlichen Ausgleichungs- 
rersuthe irgend weiclier Art: Servet's zweite Auflage iat nacb da- 
maliger Ziiblung im Jahre 1541 herausgekommen. Nun aber 
darf man nicbt vergesaen , daaa damals in ganz Frankreich das 
neue Jahr nicht mit dem 1, Janaar, sondern luit Oatern anfing. 
Das zeigen alle Immalrikularions- und Fakultala-Akten der Dni- 
yersitaten, alle Gerichts-Prolokolle, alle Geaetze nnd Verordnungen. 
So geachah es, dass Konig Heinricb II. Sobn am 3. Febrnar 
1550 uach unaerer Zeitreehnung geboren wurde, die Beschreibiing 
seiner Geburtsfeier aber das Dalum Lyon 1549 triigt+t). Und 
mit Recht: Denn vor Ostern geboren, zahlte das (Ereignias) im 
alten Jahre. 1st Servet's Plolemaeus in der zneiten Ausgabe, 
wie die Vorrede sagt, am letzlen Februar 1541 nach daraaliger 
Zahlung, also Yor Ostern, abgeachlosaen , so fdllt die Veroffent- 
lichung nach beutiger Zahlung in daa Jabr 1542. 

Die zweite Ausgube hat vor der ersten in aller Eile im 
Laiif eines Jahres zu Lyon fertig geatellten mancherlei formelle 
und.sachliche Vorzuge. Der neue Verleger Hugo de la Porte in 



*] Bei der absolnten AbbSngigkeit sdmnitlicher modemen Biogrnphen 
Servet'a in Deiitscliland tod Mosliaim'a beiden Werken iiber Serret („Neue 
Hftuhrichten Tom Arete Michael SHrveto 1750. 4"." — heiast das andere) 
sind die uiiaahligen groben VerBehen dieser Mosheim'achen Werhe fiir die 
gajine Biographie Servet's TerbilngntesToll geworden. En tbnt Nutb, daes da 
bald einmal griiadlicb aufgerSumt werde. 

**) Das sine Mai schreibt or suiiien Namon mit C, daa eneile mit G ; 
daa Brste Mai setzt er Beinen Namen vormi, dua audore Mai Qach excndebat. 
Dae EWeitH Mai fiigt er auch dan Druekort liinzu. 
*••] pridie Calend. Martii. 
f) Prostant 
ft) La Sciomacbie et featina Met!! k Kome an palais du B. cardinal du 
Betlaj pour I'lieureuHe naiseanco de M. d'Orl^ans, Ljon 1549^ ef. Babelain. 
Oenvr, Notice p. LVII. 



WVHP 



iJprvet ftis Gtogrftph. 2J5 

Lyon, ein wiBsenschaftUcb dorchgebildeter •), auseerordentlich uii- 
iibbangiger und von alien Purtbeien hochgeachteter Mann, der, 
zum Rathaberrn, Conanl nnd KSmmerer der Stadt gewahlt, sich 
lieber aaderthalb Jahr eiiikerkern lasat, als dass er die stadtische 
Ehrenstelle mit einem Eide antritt, den er nicht halten zn konnen 
glaubt; Hugo de la Porte, aage ich, aetztc eine Ehre darein, daaa 
bei der neaen Ausgabe dea Ptoleraaeua, die in eeinem Laden feil 
liegen sollte, der wissonschaftliche Werth mit dem praktisclien 
Natzp.n zusammenfiele. Der fruliere Drucker aber, Gaapar 
Trechsel, batte eine ao enge Freundschaft mit dem jungen apnni- 
echen Gelehvten geaehlosaen, dass als Michael Servet bei dem 
Erzbiacbof Palmier von Vienne lebl, Servet'a ehemaliger Priucipat 
Caspar Trechsel ihm naeh Vienne nachgezogen ist und aicb 
glScklich schatzt, dort die zweite Auflage dea Servet'acben Ptole- 
maeua besorgen zu konnen**). Indesa iat der Druck in dieser 
zweiten Auflage nicht nur correkter ~~ alle Errata der crsten 
aind beriicksicbtigt und viele nicht genannte achweigend Terbcaaert 
— aondern auch achoner und sauberer gebalten ; statt dea un- 
praktiachen Registera, das fur jedes Kapitel des Ptolemiieus ein 
eigenes Alphabet hatte, wurde eiu eben ao eiafnchea ala brauclibarea 
zusammengestellt, die "Widinung dea Pirckheymer an den Bischof 
von BreBcia mit einer "Widmung des Michael Villanovanus an den 
Erzbiachof Peter Palmier von Vienne, Servet's bohen Conner, 
yertauscht***), die bei mancheo Frommen Aergerniss erregende 
Friese'scbe Beaehreibung von Pataestina weggelaasen f ), der Test 
dea Ptolemaeus nach der griecbiachen Urschriftff) griindlich revi- 
dirt, die geiehrten Scholien, auf Grund einer genaueren Kenntnisa 
der Geograpbie, Gescbichte und Mathematik vollig umgearbeitet. 
Dass dieae durchweg verbesaerte, ja gewiasermaasen gam neue 
Ausgabe der Geograpbie dea Ptolemaeus ganz obne Druckfeliler 
aein sollte, wird Niemand erwarlen. Auch acheint glcicb bei der 



*] vir de re literaria qunm optime meritus, qui null p p t m 
peasia, at CInndins uoater PtoIemneuH , quoad eji f p t n nd 
quibns BCfttebat, emacularetur , sagt Servel. in der W dmung d ea A ({ li 
an Pet. Palmier. 

**) In Vorredo der Ed. 1531 sngt Socyet: die Pt 1 ma 

Viennae caatigatua et eicuana. Den Verlag hatte P rt Und d mni t ht 
auf dem Titel: Prostant Lugduni apud Hiigonem aP t Hutndggn 
stelit: eioudobat Gaapar Treuhsel Viennae MDXLE, w gl h h n dm 
eigentlichen Ptolemaeus vor den Beilag-en ; Caspar T h I E d bat 
Vieunae 1541. 

***) pridie Calend. Marlil 1541 datirt diese Widmong 

t) Aucb die Zvreifel an deu Kro^ifheUungeu dea f aa hen K g 

magen Aergerniss erregt baben und bleibt desahatb n d nun Ed d 
S telle weg. 

tt) t^- z- B. tbl, 37a. ed. 1541, 



^ 216 n.-TolIin: 

— wieder heriibergenonimenen Vorrede zor erslen Auflnge eino ganze 

Zeile ausgelassen, in deai neuen Znaat^, den Michael Vilhinovanos 

nber Beiae Vorganger niacht*). Dasa er uuter djesen zwei Mai 

den Johannes Berenherus statt wie ini Werke immer Vernerns 

,(, ' nennt, war wohl kein Fehler des Druckera noch ein Versehen dea 

• ^ Antors, aondern hatte seinen Grund in der Analogic dea Bilibaldus 

^ * aus Willibald, Borbetomagns fur Worms u. d. m. Servet hatte 

gewanscbt zu dieser neuen Auflage voUig neue Karten zeichnen 
zu durfen, da ihm die alten nicht geniigten. Indess batte diese 
Arbeit BO viel Zeit, Geld und Muhe erfordert, dase Servet daranf 
Terzicbten musste. Deaabalb bittet er die Febler dieser alten 
Karten nicbt ihm zuschreibeu zu wollen**). Man sieht, ancb nach 
VoUendung der zweiten Ansgabe fiberkommt don Servet das Ge- 
, fuhl, das ihn bei seiner ersten so beunrubigt tiatte, das Gefiihl 

^ der Unzufriedenheit mil seiner e.igenen Arbeit***}. T^ennoch war 

sie in jeder Beziebung der eraten uberlegen, typographiach, wissen- 
scbaftlicb und praktisch. Als Geograph batte Servet das Seine 
geleistct. Und das wurde auch bald ofifentlicb nuerkannt, Bo 
Bchwer auch in einer Zeit der Vorurtheile das ungewohnte Nene 
aich Bahn bricht. 

Werni in irgend einer "Wiasenschaft oder Knnst ein entscbie- 
dener Fortschritt gemacht worden ist, so wird es immer solche 
geben, die im Interesse ilirer Bequemlichkeit und der alten lieben 
Vonirtheiie das Neue ignoriren, verachlen oder bekampfen, bloss 
weil es nen ist. Der Fovtachritt, den durch die Ausgaben des 
Serve! die Geographie gemacht hatte, war sehr bedeutend f). Daa 
hinderte Hans Neumagenff) nicht, fiinf Jahre nach der ersten 
und zwei Jahre vor der zweiten Ansgabe Servets, einen Ptolemaeus 
berauszugeben ganz nach der alten Schablone, ohne Karten, mit 



•) Interpretes (Ptolemaei) ejus fiiemnt SicolanH Angelua Florentinug, 
Jonanes Bereuherua et Bilibi^dus Fircheymenu. Die auagelasseite Zeile 
hinter Nicolaua lautete wohl (Nicolaus) Donis Germauiui, Domitius Caliterini, 
Jacohus (Angeles) u. s. f. Gegen Mosheim A. 7. p. 336. — 

**) 8ed iit uobia uon licuit inveterataa illas Chorop-aphicas tabulaa 
renovare, its eamm errata nobis adscribi non dobeat: Widmang an Palmier. 
***) At qiiouiam materia, qaam tracto, et ardua est, et niDltie olim 
secnliB intentata jacuit, pronior ad veuiam via relinqiietiir mibi in tanto 
rerum diecrimine vacillanti, et interdtim, si ita uoatingat, buniaua caligine 
caecntieuti. Heqae enim quivis semper rem propositam acu tettgerit, nt in 
proverbio est, nee Bemper feriet quodcanqne minabitur arcus. 

f] materia ardna et mnltis otioi seculis intentata nennt sie Servet mit 
Becht in seiner Widmung an ChampiGT. 

ft) BUS Geldem, Profeaaor der Matbematik zu Bostock, Moglich aucb, 
dass die Lyouer Ausgaben in Rostock unbekanut waren, gerade wie des 
Polen Job. Stobniehy: Introdnctio in Ptolemaei Geographiam Cracov. 1512. 
1519 in der ganzen ilbrigen Welt. 



t ala Geo graph. 



217 



der Beschreibnng von Land nnd Lenten oar bei den XXVI alien, 
ohne Beifugung der modernen Namen eu denen des PtoleniaeuB, 
ja ohne irgend welche Berncksichtignng oocb Anfuhrung seiner 
Vorganger, Glucklicherweiae kani im selben Jahre nftcL alter 
Zahlung oder, da ea vor Ostem war, 1541 nach hentigem Kalen- 
der eine andere Geographie dea Ptolemaeua xn Basel hcr.ius. 
die zwar auch die Karten bei Seite Uees, aher doch aonat auf (U-n 
von Michael Villanovanna neu gewiesenen BahDen sich bewegle"). 
Dor Ilerauageber war eben der Sebaatian Munster "), di.r[ 
Servet, weil er der Ehre dea Columbua in seiner Beachveibung 
der Erdkarten lu nahe trete, so hart aogegriffen hattc, Munster 
racht aich, wie ea sich fiir einen so beruhniten Gelehrteu geiieint: 
er dankt Michael offentlich fur seine auegezeichnete Arbeit. Sehon 
der Tilel dea Munster' scben Werkea ist bezeichnend fur die neue 
Epoche, die fur die Erdkunde dnrch Servet beraufgefuhrt worden 
is(, Ftoleniaeus und Geographie sind seit Servet nicht mehr sich 
deckende Begriffe. Die Geographie ist dem Ptolemaeus iiber 
die Schultern gewachaen. Der Alexandriner ist nicht mehr der 
Atlas, der die Erde tragi, sondern der Rieae ist zum Zwerg zu- 
saniraengesehrumpft. Die Geographie ist TJniveraal-Geogra- 
phie***) gewordeo: eie umfasst die alte "Welt nnd die neuet)i 
umfasst anch den Ptolemaens als einen Theil+f), ein nothwendiges 
died, im beaten Falle ala den Repriiaentanten der alien Erd- 
kunde. Servet, der Mittter zwischen der alien und neuen, hatle 
noch in beiden Edilionen aein Wcrk „dea Claudins Plolemaeus, 
dea Alexandriners , geographiache Auseinanderaetznngen in acht 
Buchern" genannt. Munster, sein erater Sehiiler, belitelt apine 
Arbeit: Universal-Geographie, alte und nene, umfasaend 
dea Aiexandiiners Claudiua Ftoleniaeus acht BScher. 
In seiner Widniung aber an den Bischof von Basel, Philipp von 
Gundelsheim, aagt er, naebdeoi er Willibald Pirckheimer's 
hohe Verdienste anerkannt, „Vieles freilich ist dem Biedermann 
entgangen, wua nach ihm gefunden hat der liochat acharf- 
sinnige Michael Viljanovanus, der aehr dankenswerthe 
Naehtwachen aiif den Ptolemaeus verwandt hat, indem er daa 
Verdorbene beaserte, die Knoten loste und die Dunkel- 
heiten dnrch seine Scholien nufhelltpttf). Wir aber, sagt 



*] Gcograpbia iiniversftlis, vetua et nr 
leinndrini libros VIII. Bnsileae 1540 {mi 
••) Ueher ihn S. Wolf: Biogrnphieen 
••*) gBographia iiuiveraaliH, 
t) Vetua et nova. 
■^f) compleoteuB Ptoletnaei libros. 
ftf) Uolta fagerunt hunc bonam vii 



IS Clandii Ptolemaei 



I qOHB post eum deprehendtt 



J 



Munster, gehen beider Spuren n.ich, Indem wir des Pirck- 
heymher (sicl) Uebersetzung beibelialten (also oiit Servet) tiud 
des Michael volksthumliche I nterpretation en und binzu- 
gefiigte Scholien nicht verschmahen*), Aucb in den „Beachrei- 
bungen vou Lund und Lcuteu" (zu den Karten) bat Sebastian 
Miinater meist den Servet ausgeatbriehen. Nur zu Dcutach- 
land**) giebt er eine neue Darstellung, auch zu Polen und 
einigen andern Gegenden, Ton Palaestina atellt er klugei 
"Weise die alte Beacbreibung wieder her***). Seb. Munatei-'a 
Nachfalger Conrad Wolfliardt aus Ruffach im lilsassf), ein Neffe 
des Conrad Pelliean, Schwager dea berSbmten Bucbdruckera Jo. 
Oporin uod Fortsetzer der Conr. Gesaner'actien Bibliotheca+f), 
iiiacbt es aicb in aeinem PtoletnaeuB+f-l-) inaofern leicbt, ala er des 
Sebastian Miinster's Vorrede mit den Anmerkungen des 
Micbael Villanovanus berubernimmt. Er betont in einer 
Eingangaepiatel ganz beaonders den Nutz^n der Landkarten und 
eetzt den Werth seiner beiden Register auseinander, deren erstea 
die AutSndnng der alten , das audere die der nenen Ortschiirten 
auf den Landkarten erieiebtern aoll§). Man sielit, von der ver- 
gleichenden Geograpbie wird nieht wieder abgelasaen: das 
neue von Servet gewonnene Gebiet bleibi der Wisaenschaft unver- 
loren. Die „Beacbreibungen zu Land und Leuten" der 
Karten aind bier durchweg neu ausgearbeitet, lebnen sich aber 
Bachlich zum Theil sebr geschickt an die von Servet gewonnenen 
Resultate en. Ala Beisplel diene Palaestina. ,,Eiu berrliches 
Land, sagt Lycosthenea, einat von Milch und Honig flieaaend. . . . 
Ala aber die Bewohner Gottea vergassen, in Laster verfielen und 
Gotzen anbeteten, wurde das Land jedwedeni Verderben ausgeaelzt. 

Den wilden Thieren stand der Zntritt nffen Und jener viel- 

faltige Fluch, der Deuteron. 27 beschripben wird, durchzog der- 
gestalt seine Grenzen, daas es nicbt mebr das beete Land, 

oculatissimua Michael Villnnovanua , qni non poonitendns vlgiliaa looavit in 
PtoleraauuDi, GiueiidHiido coirapta, eiplicandv rctruss, et scholiiB IllaBttaudo 
obscuriora (Dedic). 

*) et Micbaelis non respuimus vulgares interpretationes adjecfaque 

•*) Seb. Miinster gab anch die erste eigantliche Karto von Deutsehland 
heranH, ilas h^rgcbuisH aclitxetiDJiihriger MiibD, cf. Gra«Hse I. 1. p. 114b. 

***) Wie bei Schott ed. 1513 so leson wir wiedar boi Munater: Terra 
sancta fertilis frugibns, aquis illuatris et apima balsaino etc. 
-f-) Conr. Ljcostbenes Rubeaquensis. 
tt) Cub. 1518, t 1561, 
ttt) Basil. 1552 ap. Henrio. Petri, wieder mit Karten; anch im MSra 
erschieiien, zur Oatermyssel 

§) indices duos, quorum admiiiicnlo veternm simul ac recentiorum lo- 
(iornin situB faoillima ratione la tabulia depictifl depreheadnntar. 



Micliael Servet als Geog7-n|ih. 219 

Bondern daa anglucklichste genannt warde , anbebaut, un- 
fruchfbar, allerLiebliclikeit l)aar, seine Einwobner verzebrend, 
ehern , bart und gans stacbticbt, wU ea bis anf den beatigen 
Tag angetroffen wird von denen die es durcbwandern*)." Wenn 
wir mm die Arbeit des Ma^bematike^s Joseph Moletius"), der sich 
um alle seine Vorganger nicht kiimDiert***), ubergeben, so kornnien 
wir zDm berubmten Gerhard Mercator. 

Mercator, der auf so vielen Gebieten Epochs machendc Geo- 
graph, beugt sich vor Michael Vilianovanus , indein er die iini- 
fassende Tragweite einer vergleichenden Geographie uberscbauend, 
Tor der Weiterfiihrnng des von Servel begonnenen Werkes isuruck- 
Bchreckt. Aber auch der Heraasgeber seines Ptolemaeiisf), der 
bekaDDte Knpferstecher lodocus Hondius f f) sagt in der Vorrede; 
Petrus Berlins hat mir gerathen, ich mochte doch am Rande dea 
Mereafor'schen Piolemaeus bei den europaiachen Landern die 
modernen Namen binzufiigen. Obwobl mir nun dieser Raih 
gcfallt nnii ich einsah , dass mir in der Noraenclalnr der 
modernen Worte eine bedeutende IHlfa dnrch Villauo- 
vaniia und An J e re geleistet wirdf+f), so war ich dennocb der 
Meinung, dies Gebiet einem Andern ubertragen zu sollen." — 
Dieser nndere war des Hondius gelehrter Schwuger Petrus Mon- 
tanus, der denn auch in der That zu deni Ptoleniaeus des Mer- 
cator die modernen Synonyme und zu den Mercator' ache n 
Karten auf der Kiickseite die Beschreibung von Land und Leuten 
hinzufiigl. In dero Catalog der Autoren, aus denen die Synonyma 
entnomnien sind, figurirt denn aucb Michael Villanovanus, 
aowie auch unter den benutzten Ansgaben des Ptolemaeus die des 
Villanovanus-Pirckheimer (ed. 15351) an dritter Stelle 
genannt wird. Er bescbreibt sie anerkennend in der Art, als 
hatte sin mebr geleistet als versprochen. Will Servet doch nur 
Pirekheymer's lateinische Uebersetzung geben. Montanus aber 



*) ut jam Don terra optima, Bed infelicissiniB, incuha, st^rilis, omni 
dnlcedine tarens, suob habitatoreB devorans, aeueii, dura et tota horridn esso 
dicBretur, qnalis et ia banc usque diem esse deprehenditui ab iis qui earn 
peit^^e accedunL 

••) Ptolemaei ed. I5G2. 

'•') Aui^h nenut er PalaeBtLna wieder ,.regio omnium rerum feraciaeiuia" 

die „ob id «b Hobritcis terra lactin et mellia appellata fiiit". lu dor pSbst- 

licbeu Gunst — cr voifertigte die Tabulae Gregoriauae nur Verbesseruu^ des 

Kaleuders — xu I'adua erachion ibm wobl die deuteeho und franzosische 

Welt Eu ilein. 

+) 1608. 

tt) 1563—1 

tft) Etai vei ... 

nomeuclatura a Tillauovoao et aliis hand levitei adjntura, ti 



mm 



f 



220 H. TolHn: 

meldet, die Ausgabe des Villiioovanus weiche von den bei- 
den Torangehenden so hilufig in den Zalilen ab, und sei viel 
zu Borgfiiltig gedruckt, als das9 man dies der NacLlassigkeit 
des BuchdrnckerB zuBchreiben konntc*). Unzweifelhaft sei es 
eine none InteiniBclie Uebersetzung ana einom griechi- 
schen Exemplar einer andern Gattung. In der „Beaclirei- 
bung von Land und Leufen" giebt Montanus den ViUanovaner 
sebr hiiufig ala seinen GewiihrBmann an. Nur znm achten Bucb 
des Ptolemaeus (Capitel II.) kann Montanus der Methode des 
ViJlanovaners nicUt beipflichten. „Die Stelle, sagt Mon- 
tunua, scheint der ViUanovaner so verslanden zu haben, alB ob ' 
PtolemaenB selber, aus den im ganzen "Werke zuvor angegebenen 
Zablen der Breiten- und Langen-Grade, die grosBte Lange der 
Tage und die Entfernungen Toni Meridian Alexandriens gesammelt 
babe : denn er bemerkt, „dasB die in den Zahlennngiiben des 
achten Baches begangenen Irrthumer aua den vorangehenden 
Buchcrn corrigirt werden mussten. "Wenn man aber dea Ptole- 
ma e ua Grunde sorgfaltiger erwagt , ao wird man finden , dass 
seine Meinnng gerade daa Gegentheil geweaen iBt**)," 
Montanus , reap. Mercator thut hier dem Servet Unrecht. Daa 
achte Bnch der Geographie des Ptolemaena war im Jahre 1535, 
wo Servet's Ptolemaeus erachien, nacb allgemeinem Zngeatandnias 
so corrumpirt , dass selbst wenn der wirkliche Ptolemaeus im 
" achten Bnch allerlei Correktnren in den Zahlenangaben der aieben 
eraten Bucher nachtragen wollte, ea fur einen geaunden Herme- 
neuten aich nicht geaehickt haben wurde , ans dem notorisch 
Corrumpirten das Nicht- Cor ram pirte zu verbessern ***)." 

Doch selbst wenn Servet in solchen inimerbin Nebenpunkten 
geirrt Latte, ao wird doch in alien Hauptsachen Michael's des 
ViUanovaner' a Verdienat um die Geographie von Mercator, Hon- 
diua, Montanus gerade wie von ihren Vorgangern anerkannt und 
gebiihrend gewurdigt. Zu bedauern ist nur, daaa Sebastian Mun- 
ster, Conrad Lycosthenes, Mercator and alle auf Servet folgende 
Ilerausgeber des Ptolemaeus je und je nur die erste Ausgabe 
Bervet's vom Jahre 1535 benutzt haben, ao dasa die un- 



*] Tertia editio eat ex versiono qiiidem Bilibalrli Pirkejmeri , sed a 
Michaele Villanavano ad ^ae«a et priaca cxemplnria recognita, et Lngdnni 
anno 1535 (!) impressa; quao cum in numeris frequenter a duabtis praece- 
dentibua diffsrat et fideljua excusa sit quam nt typograpbi oacilantiae id 
impatari poflsit; non dubiam est, quia a diverai gonoria exemplare frraeco ad 
latinos traducta sit. 

**) Teram »i diligenter Ptolemaoi rationes eipendamns, contrariam ejua 
senteatiam esse depieliendamuB. 

♦*") cf. Bitter. Qeech. der Brdkunde. BerUn 1861, p. 122. 



Michael Survot ala Gou^rupb. . 221 

geniein verbesserte , ja durchweg umgeitrbeitete Ausgnbe von 
1541/42 fur die WiBs enachaft so gat wie verloren blieb. 
Schon im Jabrp, 1553 zu Genf kannte man, wie aua der incri- 
niinirten Stelle iiber Palaestina hervorgeht, die erate Auegubi; 
allein. Delaroche, der so aehr fleiasige Sammler von Material 
zur Lebensgeschichte Server's, gesteht*), einen PtoleniaeaB cd. 
M. Yillanovani nie gesehea zu habeu. Auch der emsige Durch- 
forecher der Geschichte von Vienne, Mermet**), kann eine solche 
iiicbt gesehea buben : sonat wurde er schwerlich behauplen , die 
erate Auagabe dea Servet stamme aus dem Jnhre 1526 (Servet 
-war damals 1 5 Jahr und dachte noch an keiae philologisclien 
Quellen-Studien). Van den neueren Biograplien Servet's 
behauptet keiner, einen Ptoteuiaens von ihm geaeben za haben. 
Sie bezieben sicb alle anf Mosheinj, nnd Mosheim'a Autopsie 
ist niir zweifelhaft. Eine sichere Spur in fruheren Zeilen finile 
icb uur bei Dea Maizeaux***) und iu dem Catalogo Bolongarof), 
WQ zwei Pracbtexeoiplare der Ausgabe von 1535 und von 154I/J2 
zuni Verkauf kfimen. 

Icb babe auf einer wiaaenschaftlichen Reise, trotz vielfuchen 
Forschens 8 Exemplare der erateo, aber auch nur drei 
Ejtemplare der verbesserten Ausgabe gesehen. Icb sab 
and prnfte sie in folgeoden Bibliothcken: A. Ed. 1535i 1) der 
koniglichen zu Berlin, 2} der koniglichen zu Miinchen (No. 1081); 
3) der etadtischen en Niirnberg (Solger. 1389 fol.); 4) der danials 
kaiserlichen B, des Cartea za Paris, dazu ebenda die Karten niit 
der Serve t-Friese'acben Beachreibung. Die zwei ferneren Exem- 
plare der Salle dea lujprinieriea G 12 und G 12, 1 wnren gerade 
absents nnd konntea daber von mir nicbt gepruft werden ; 5) zu 
Poitiera; 6) im Museum Calvet zu Avignon; 7) in der atadtiacben 
B. zu Carpentraa; 8) in dor B. dea beaux arts zu Lyon (No. 1485). 
— B. Ed. 1541/42: I) in der koniglichen B. zu Berlin; und 
2) zuMiincben; und 3) in der damals kaiserlichen B. dea Cartea 
zu Paris. Auf dem Rucken stebt 2. edit. Serveti. Viennae 1541. 

Der Gruad, weawegen die Vienner Ausgabe viel seltener iat 
ala die Lyoner, liegt nuhe genug, Als Servet am 27. October 
1553 in Genf verbrannt wurde, wurden seine Bucher mit ibra 
verbranntft)' Und als nacb der Sentenz des koniglichen Gerichts 
zu Vienne am 17, Juni 1553 daa Bildnias Servct's durch den 
Henker den Flammen iibergeben wurde, wurden niit dem Bildnias 

•) Memoirs of Literature. London 1711 oud 1712. p. 373. Vol. I. 
**) Histoire da la villo de Vienne. Lyon 1854. p. 272. 
»**) Bibliothique raisoun^e. T. IU. P. I. Art. XIII. p. 179 a]. 

t) Amatd. 1789. T. IV. Hist. p. 5. 
tt) Genfer Prozafluakten vom 27. Oct. 1553. 



22* a. NBsae: 

Bugleich funf Ballen Bucher, die Servet verfassf hatte, 
verbrannt*). Der vereinigten InquiBitioii der protestantiachen 
und katholiachen Gewalten ist dies Werk gelungen. Das Fcuer 
der freieo Forechung faat aber dorch dies Feuer nicbt ausgelnscht 
irerdea konnen**). E pur si muove. 






X. 

Ein Ausflug nach Samos. 

Von deiii Bergwerlia-Di rector Herm R. Nasf 
[Hierzn eine Karte, Tafel V), 



Am Nacfamittag des 8. Mai 1872 1 
an Bord einea nach der InBel SanioB ; 
daselbst das aDgebliche Vorkomnien v 
naher zu untersuchen. 



;ab ieh mieh in Smyrni 

jefaenden Dampfers, nn 

Blei- und Silbererzei 



^r Stadt gediuckten BQcher 
er Base I arecliieiieneii. 
i XIX Apologia adreraus 



*) Natiirlicli knuttte man zu Viesne A 
leichter mit Buscblag bclegcu, aXs die xu 
**) Ac Bi poBset ignis ignem resti 
theologiBtas LoTaniensea.) 

***) Herr R. NasBe, jeUt KOnigl. Bergwerks-Direclor an Louisenthal bei 
R,Kii!jr(ioken, frfihor in Griecbenland , namentlich aach im alten Lailrion 
burgmtlDuisGh thatlg, hatte als Erwiederung eines kleinen Dienstea, den ich 
ihm durch Mhtheilang handschriftliclier SpecJalkartea leiaten konntc, statt 
der erbetenen Notizen iiber jene Gegend, die nacli seiner Ansicht mehr nnr 
geognostisches ali gengraphiacheB loteresse befriedigt haben vriirden, die OGte 
gehabt, mir obigen Bericbt fiber seine Samische Reise eu aenden. Als icb 
bei Durclisicbt desselben fand, daas zum ToUen VoretSndniss ein specielleres 
Eartenbild, ale die gewiihnlicben Karten kleineren Maasstabes genabren, er- 
forderlich aein wiirde, meiu Teranch aber, eine solche mit Hiilfe deT nioht 
auareichenden , weil in groaaorem Maasatabe nar einzelne Kiiatenatriche ent- 
haltenden, englischea Seekarten nnd der dilrftigen Beacbreibungen der Inael 
vein StBmatiadiu nod Gucrin zuaammen zu atellen, schon in manohen 
Ortelagen, nainentlicb sber in der TBiraindarBtellung nngeniigend auafallen 
mussle, hat Herr Nasae ferner die Giite gehabt, dnrch eine anscbauliche 
Terrainskizze nnd durch genane Einzeichnnng aeiner Reiseroute dieaos 
Kartcbea ao zu verbeasern, daas es gegeowiirtig fiir daa einzige znverlfisHige 
der gauzen Inael gelten kann, und nur im mittluren Tbeile der Nordeeite 
noch einiger Auafiillnng uacb Antopaie bedarf. Ton den eingetragenen 
Ort«n iat daher die Poaitfon von AtTaniti, fast im Centrum der Inael noch 
ala nicbt TQUig sicber aDzusehen, wShrend zwei von den angefiihrlen Autnren 
genannte DQrfer; Eondake'iha im NW. (Distrikt Karlovaai) mit 102 Hitusom 
nnd Sknrefka im SW. (Distrikt MamtbokamboH) mit 45 Hausern, aowie die 
kleiuoren zu St. KonstantinoB ail der Nordkiiate gehiirigen Oertdien wegen 
mangelnder Ortabeatimraung gar nicbt eiugetragen werden konnten. 

H. KieperL 



Ein Auaflug nach Samos. 223 

Die Ausbeulung aller auf der Iiisel etwa vorkomraenden Erze 
war von der tiirkiachen Regierung niebreren, dem danialigen Fursten 
von Samos nahestelienden Griechen zu Athen gestattet worden, 
Ciner der interessirten Herren, ein etemaliger Marineoificier aus 
der Zeit Konig Otto's, im Kadettenhause zu Munchen, dano in 
England ausgebildet and mit einer Schottin verheirnthet, begleitete 
mieh, hauptsachlich in der Absiclit, etwaige Schwierigkeiten, welche 
die Erreichung meines Rtiseztveckea hindern konnten, aus dem 
"Wege zu raumen. Sein biederer Charakter bildete zu dem ober- 
flachlichen unzuverlassigen Wesen yieler aeiner Landsleute, mit 
denen ich in Athen in Berilhrung gekommen war, einen angeneh- 
Rien Gegensatz. 

Um indesaen nicht allein auf die Gefalligkeit dieses Ilerrn 
angewiesen zu aein, hatte ich mir bereifs in Athen einen Diener 
gemiethet, welcber die niitbigen Spraehkenntnisae and aonstigen 
Eigenscbaften besass, um n.ich Bedurfnias als Dragoman, Reise- 
courier uud vor allem als Koch zu dienen, Der Mann war ein 
Oeaterreicher, aus Triest, dem ea bei Sadowa etwas zu bunt her- 
gegangen war und d«r daher vorgezogen hatte, aich in Trieat von 
einem Comite dort angesesaener Griechen far den Aufstand auf 
Kreta werben zu lassen , dagelbst anf Koalen des Comites und der 
armen Einwohner, welche nieist aebr wenig mit dem von Aussen, 
in der HofFnung aiif die Hulfe des Kaisers der Franzoseii an- 
geschiirten Aufstatide einverstandea waren, sich herumgetrieben 
hatte und dem blutigen Ende des Aulstandes durch gliickliche 
Flucht entgangen war. 

Samos wird ziemlich regelmiiaaig jede Woche einmal, und 
zwar abwechaelnd von einem tiirkischem und einem englischen Daui- 
pfer von Smyrna aua beruhrt. Wir mussten zom grosaen Aerger 
meines Keiscbegleitera, der als patriotiaeher Neugrieche eine un- 
uberwindliche Abneigung gegen aJles Tnrkische hatte , die erstere 
Schiffsgelegenheit benutzen. Ich theilte dies Bedauern, da der 
englische Dampfer in Beziehung auf Reinlichkeit und Verpflegung 
jedenfalls vorzuziehen geweaen ware. Capitain und Mannachaft des 
[urkischen Dampfers waren ubrigens unter tiirkiacher Herrschaft 
lebende Griechen. 

Bis zur Auafahrt aus der Sirasse von Chios, welche wir in 
der Nacht paaairten, war die Route dicselbe, auf welcber vrir von 
Athen uber Syra nach Smyrna gekommen waren. Am folgenden 
Morgen hielt nnaer Dampfer stundenlaug bei der kleinen, auf der 
festlandiachen Knste gelegenen Sfadt Tacheachme, um mit orien- 
talischer Langsamkeit Kohlen, und zwar Lignit, welcher in der 
Nahe der Dardanellen gewonnen wird, einzunehmen. 

Eodlicb ging es weiter, nnd bald zeigten sich am Horizonta 



die blauen Umrisse der gebirgigen Insel, unserea Rc^Ueziels. Am 
i ID po sunt eaten iritt schon aus der Feme der Kerki am westlicheo 
Elide der Insel hervor. Mit schroffen Abhangeo erhebt 
bis xa 4700 Fuss Uohe ilirekt nus dem Meere und scbeiut nur 
einea einzigen nngegliederten Bergklotz zu bildea. Die Nordseite 
des niittleren Tbeiles der Insel, welcber in seiner groasten Erhc- 
bung dem Kerki nicht viel an Hube oacbgiebt, ist ebenfalia steil, 
wean aacb weniger scbroff. Indeni der Dauipfer bei sudostUcliem 
»• Curs dieaem Tbeile der Insel immer naber kommt, erkennt man, 

dass die grunen Abbange bis zu bedeutender Hohe nber dem 
Meere zom grossen Tbeil Weinberge sind, zwiscben denen eitizeJne 
Dijrfcr von freundlicbem Aussehen liegen. Dieaer woblthuende 
Anblick ubeiTascbt ganz besoiidera, wenn man unmittelbar zuvor 
in Attika und auf der grieebischen Inael nur kable oder sehr dnrftig 
mit mageren Kiefern bewacbsene lli3hen, und nur in den frucbtbaren 
Thalebnen Weingarten geaeben hat. Der ostliche Tbeil von Sa- 
moa ist niedriger, kaura bcrgig zu uennen, und da bier Walduugen 
und Weinberge fehlen, weniger ansprecheud ala der ubrige Tiieil 
der Insel. 

Die weiasen Hauser am Eode einer gegen Sudosten tief in 
die Inael einscbneidenden Bucbt, zom Tiieil unmittelbar am Meere, 
zam Theil etwas hciber am Bergabbung liegend, sind das nilcbste 
Ziel unserer Reise, welches wir Nachmittag vierUhr, nacb drei- 
undzwanzigstiindiger Fabrt von Smyrna aus erreichten. In der 
Bai von Vathy, der Ilauptstadt der Insel, lagen eiue Anzabl kJeiner 
Handel sfabrzeuge und Fiacherbote , eine eiserne Damplyacbt des 
Furaten und zwiscben ersteren ein kleiner Sebooner „Coneordia" 
aus Bremen, dessen Capitain sicb beeilte, durch Anfliissen der 
scbwars-weis-rotben Flagge die seltene Ankunft einea Lands- 
I mannes zu begrussen. 

GastbiLaser giebt es auf Samos ebensowenig wie in Griechen- 
land auBSerbalb Athens. Es erwartete una am Quai ein Mann mit 
wackelndem Kopfe und schlottevnden Knieen, europaiacb gekleidet, 
nur ala Zeichcu tilrkiscben Dienstea den rotben Fez auf dem 
TIaupte. Dicser Gaatfreund meines Reise begleiters fubrte uns als- 
bald in aeine aebr cinfacbe Wobnung, in welcber ich ea jedoch 
"^- vor Ungeziefer nur bo lange ausbielt, bis ich durch Vermittlung 

dea Fiirsten in einem der besteu Hauser dea Stadtchena einquar- 
tiert wurde. Trotz grosser Reinlicbkeit febllcn aueb bier die be- 
kannten niichtlichen Plagen nicht ganz, und wurdea vergrossert 
durch die fast noch mebr die Nuchtruhe beeiutriichtigenden Mos- 
qnitos. Den ganzen folgenden Tug, welcheo mein Reiaebegleiter 
zur Vorbereitung der Expedition in daa Innere der Insel notbig 
ZD haben glaubte, hatte ich Gelegenheit, mir Vathy anzuseh^n und 




Eia Ausfliig nndi Samoa. 225 

niit seinen Bewohnern bekannt zu werdei!. Dus Sladtchen beetebt 
aus kleinen leiehtgtbanten und duher recht feuergefahrlichen, weiae 
getunchten HausE^rn ohne besondere Eigenthurnlichkeiten, hat enge 
Goasen niit nicht ganz so achlechtem Pilaster wie Smyrna nnd 
besitzt einen klemeu, vnr einigen Jab re u von einem Techniker 
:ius Essen gebauten Quai am Hafen. Es ifit der wicbtigste Ort 
fur den AuBsenverkehr der Insel. Ansgefnhrt werden Wein, Zwie- 
beln (bekanntlich ein wichtigea Nahrnngsmittel ini Orient), Olivenol 
und Sndfruchte, namlicb verschiedene Sorten Orungen, CitroDeo, 
Mandeln und Granatapfel. Dagegen bilden Getreide, Colonial-, 
Metall- und Tuchwaaren die Gegenstande der Einfubr. Die Ein- 
wohner von Vathy sind, mit Ansnahme einiger weniger tiirkiscben 
Militar- und Civilbeamten und deren Frauen , einer Conipagnie 
turkiecher Soldaten und der Familie des franzusiachen Consuls, 
sammtlidi Griechen. In den iibrigen Ortschaften der Insel leben 
nur Griecben. In einem der ansebnlichaten Hauser von Vafhy, 
deasen Aeusseres an ein altes verbantea, saddeutscbes Amtshans er- 
innert, nud deasen Hauptzierde ein kleiner woblgepflegter Garten 
mit prachtigen Granatbaumen, Myrtben, Oleander, Rosen und ge- 
tuilten rotben Geranien bildet, wohnt der Furst von Samoa. 

Die Insel genieaat eine bevorzugte Stellung unter den turki- 
scben Provinzen. Die bohe Pforte ernennt nur den Furaten, dea- 
sen Stellung nicht erblich iat, und zieht eine bestimmte jiibrlicbe 
Abgabe von der Insel ein. Die Vertbeilnng der Abgaben und die 
Erledigung nnderer allgemeiner Augelegenheiten flnden unter Be- 
theilignng von Repraaentanten der Einwohner der Inael atatt, welche 
aich jabrlicb einnial fur einige Wochen in Vatby zuaammen findcn, 
Einige BewafFnete griediiacber Nationalitat hat der Fiirst, der 
gelbst Griecbe ist, zu seiner personlicben Verfugung. 

Der damalige ' Fnrat, ein Eruder dea tiirkiscben Gesandten in 
London, war ein kleiner Mann, nnbe den Sechzigern, von acbwaeb- 
licher Gesundheit und unzufriedenem, unstafen Wesen, Er briiigt 
nor den Sommer auf der Insel zu, und zwar obne seine Familie, 
die in Constantinopel bleibt. 'Wabreud a eine a Aufentbaltes auf 
Samoa macLt er gewobnlicb einige Touren um und dureh die In- 
sel, erstere anf aeiner Dampfyacht, letatere auf einem von zwei 
Dienern gefnbrten Manlthiere. Die Hebung des Wohlslandea der 
Insel schien dem Furaten aehr am Herzen zu liegen, wesshalb er 
aueh ein sehr lebbaftea Interesse an den verniutbeten untcrirdi- 
schen Schutzen aeinea Reiches an den Tag legte. Ein beaonderea 
Verdienst glanbte er sich durcb den Ban einer etwa zwei Meilen 
laitgcn Chaussee von Vatby nach Mytilini, Chora und Tigani an 
der Siidkuste der Insel «u erwerben: eine kostapielige. Cur den den 
Ban teitenden , franzosischen Ingenieur wabrscbeinlich ganz vor- 

ZeiUcht. d, GoiiBlUcb. f. Erdk. Ed. X. 15 



tbeilhafte, sonst aber darchaus verfehlle Aniage, da Wagen anf der 
Ineel ganz uobekiinnt, alle iiiideren Wege nnr schmale Siiomprade 
und ebenso die Strassea, oder richtiger die Zwischenraume zwischen 
den Hausern der Ortscbaften so eng sind, diias sie selbet von 
den kleinstea gebrauchlichen Bergwagen nicht passirt ■werden konnen. 
Wollte man fiir die CommuQication etwas tban, 80 soUte man die 
fast iiberall sehr Bcblecbten, im gebirgigen Theile der laael oft bals' 
brechenden Saumpfade verbessern, Solche Verbesserungen kamen 
der ganzen Insel zu gute , wilhrend von der erwahnten breilen 
Ileerstrasse, weim je einmal andere Wagen als vielleieht die kSnf- 
tige Carosse des Fiirsten auf derselben rolleD Bollten, nor die 
nachsten Nachbarn Vortbeil haben werden. Als eine weitere Illu- 
stration orientaliacher Regierungaweisbeit noch folgendes. In Ti- 
gani, dem bereits erwahnten Endpnnkte der neuen Strasse, hatte 
ein in Vathy aDgeeessener Kaufmann eine Spritfabrik neusten 
Systems (die Apparate waren aaa Paris bezogen wordcn) angelegt. 
Als der Betricb beginnen aollte, wobei man Trauben als Roh- 
material zu benutzen beabsichtigte, hatte der Furat nichts eiligeres 
Ku thnn, als die Fabrikation mit einer bo bohen Abgabe zu bele- 
gen , dass dieses Unternehmeu nicht rentiren konnte und daher 
[lie ecboDen Apparate nicht tu Betrieb gekommen siiid. 

Am 6. Mai Nachraittaga stand dem Aufbruch in das Innere 
der Insel nichta mehr im Wege. Nicht sowohl die BeschafFung 
der Maulthicre znm Rciteii und FortschafTen des Repacks and 
der Einkauf von Lebeusmittein hatte den Aufbruch verzogert, ala 
vielmehr der Umstand , diiss der alte , in Karlovasi wohneode 
Freund meines Keisebegleiters, welchem dieser die Anregung zn 
den beabsicbtigten bergmanniscben Unternehmungen verdankte, 
Doch erwartet werdeu mnsste, um als Fubrer zu dienen. An 
Zaum und Battel sind die Maulthiere im Orient ^elten gewohnt; 
znm Transport von Laaten und zum Reiten dient ein breites, dach- 
formigea , lose aufliegendea Holzgestell , an welches die Ilalfter- 
kelte befeatigt wird. Abgeaehen von dem auaserst nnheqnemen, 
aelbst durch Auflegen von Decken nur wenig verbeaserten , un- 
aicheren Sitz hat diesea Reiten nocb die Unannebmlichkeit, dass 
man das Thier nicht regieren kann. Fallt es deniselben gelegent- 
lich eiu, hinter der Karavane zuriickzubleiben oder vom Wege ab- 
zngehen, und Bueht der Reiter durch Schlagen nnd Reissen an der 
H^fterkette das Thier anzutreiben, so racht es aich, indem es den 
Kopf zwischen die Beine ateckt und daa Versaumte im Galopp 
nacbholt. Da mir solche Reiterkunste ebenao ungewohnt, wie der 
Verzicht au( das selbatandige Lenken des Thieres langweiiig imd 
unbeqnem waren, so bestand ieb, trotz alien Abrathens wegen der 
scblechten und steilen Wege im Gebirge, docb daranf, dass mir 



Ein Auflilug nacih SmnuE, 227 

einea der wenigen in Vathy , und iiberhaupt auf der Insel, vor- 
handenen kleinen Pferde zur Verfugung geatellt wurde, welcheB 
sicli dena auch sebr bald an dus mitgelirachte Suttelzeug gewohiite, 
was bei den verslockten Maulthieren uicht zu erreichen gewesen 
ware. Ich hatle auch sjiater keiaen Grund zu berenen, dass ich 
dem sebr woblgenieinten Rath bezaglich der fienDtzong eines Maul- 
thicres nicht gefolgt war, indem meine Keisebegleiter anf steiJen, 
Bleiuigeu und felsigen Wegen viel haufiger von ihren unbequemen 
Sitzen absteigen muasteu als ich. 

Urn den Rewohnein der Insel gegeniiber unsere Expedition 
mit dem Nimbus eines Regiernngaunternehraens zu umgeben, war 
una vom Fursten einer seiner Bewaffneten zur Verfiigung geatellt. 
Derselbe bildete mit seiner altea langen Steinschlossflinte auf der 
Schulter uud ebensolcher Pistole nebst Ladestock diizu und langera 
Messer im breiten rothen Guvtel die Spitze des Zuges, fehlte nie, 
wenn ea an's Easen und Trinken ging, wurde dagegen, wenn er 
irgeod einen Auflrag abote, ateta fur langere Zeit unsicbtbar. Xur 
dem Brnten einer jungen Ziege am Holespieas und dem Zerlegen 
einea aolcben Tbieres nnterzog er sich mit Dienateifer und Gc- 
scbick. Fnr unsere pcraonliche Sicherbeit bednrfte es der Be- 
gleitung des Kavaaaen nicbt. Schon der Vorganger dea Fiirsten 
batte mit dem Rauberhandwerk auf der Insel aufgeraumt. Er 
hatte die Bande eingefangen und in Vathy eine Zeit lang in sehr 
milder Haft gebalten, so das die Briganten selbst mil ibren An- 
gehiirigen verkehren durften. Als die letzteren einea Tages 
wieder in gewohnter Weise Speisen in daa Gefiingniss bringen 
wollten, fanden sie die Gefangcnen nicht mehr Tor: der Furst 
hatte in der Nacht vorber den Polizei commissar wecken und in 
dessen Gegenwart die Gefimgenen kurzer Hand erachiesscn lassen. 
Der Polizeicommiasar war der Mann luit wackelndem Kopfe und 
achlotternden Knieen, welcber ana bei unaerer Antunft am Quai 
in Vathy erwartct hatte. Seit jener Nacht war er fiir seinen Dienst 
onfShig geworden. 

Die Punkte, an welcheu Blciglanz gefunden worden war, 
lagen in dem gebirgigen Theile der Inael, und vorzugsweiae an 
der Kuste. Unaer nachstes Ziel war die Sudwestkuste, welche 
viir auf k^rzestem Wege zq erreichen auchten, 

Schon die Anssicht von dem nachsten, el"wa 600 Fusa boben 
Bergriicken hinter Vathy bot liberraschende landacbaflliche Reize, 
an welchen die luael iiberbaiipt ausserordentlich reicb ist, und 
■welcbe ausaer in der Vegetetion, in. der Berubrung der pittorea- 
ken Bergformen mit dem Meere beruhen. Nacb Norden siebt 
man in die Bncht von Vathy binab, gegen Wealen nacb dem Ge- 
birge und audlich in die frucbtbare, angebaute, an daa Meer atossende 

15* 



228 

Ebene voa Chora. Die Ortschafteo Mytitini, Chora, Myli und 
Tigari am Fuaae der umgebeoden Hiihen sind reinlicli und freund- 
lich und verrathen, im Gegensatz za den meisten ubrigen Ort- 
achaflen der Insel, einen gewisaen Wohlatand der Bewohiier. In 
der nur etwa dreiviertel Meiie langen nnd hreiten Ebcne wird 
vorzagsweiae Waizen, an den Berghangen Wein gezogen. Zwischen 
den Feldern nod einzelueii Weingarten stehen Oelbiiunie, Manl- 
beer- uod Feigenbaume ; Orangen- Citronen-, Mandel- und Gra- 
natbiiume niehr in der unmittelbaren Umgebung der Diirfer. Wild 
wachaen schattige Platanen an den Brunnen und uppig bluhende 
OleandergobSache an den GerolJe fuhrenden Wasaerlaufen. 

Der Beauch von Tigani, am Fuasc der Burg des Polykratea, 
musste fur eine zweite Tour durch die Insel aufgeechobeu werden, 
Auch der Tenipel der Hera lag fiir dieamiil zu weit aua dera Wege; 
wir museten eilen, urn vor ganzlicher Dunkelheit nnser Naclit- 
qnartier in Pagonda am Ostabhaage des Ampelua zu erreichen, wo 
wir, ohgleich unangemeldet koniniend, die freundlichste Aufnahnie 
aut' der ganzen Reiae fandeu. Am uiichsten Morgen passirten wir 
den etwa 2000 Fuaa hohen Kamm des Aiiipelos*) und machten 
dann in Spathari, einem etwa 1700 Fuss uber dem Metre gele- 
geuen, iirralichen Dorfe einen mehrtagigen Halt, um die Fund- 
atiitten iu der Umgegend theilB an ateilen Berg- und Felawanden, 
theils mit HSlfe eines Fiacherbootea an schrofFer Meereakuate in 
Augensebein zu nehmen. Dann ging ea in einer aehr aUirken Tagea- 
tour weiter nath einem noch armlieheren , ganz am westliehen 
Ende der Insel, am jenaeitigen Abbange des Kerki gelegenen 
Dorfchen, Draki. In den kleinen Hauaern, welcbe nur einen ein- 
aigen Kaum enthalten, war der mehttiigige Aufenthalt ausser durch 
den herrscbenden Schmute auch dnrch die lastige Neugierde der Be- 
wohner anaserat uubehaglich. Fenaterglas, welches auch in den 
ubrigen Ortschaften eine grossere Wohlhabenheit verratb, acbien 
hier vollstandig unbekannt zu seia. Der Papas war der einzige 
Besitzer einea ganz kleinen, hochat einfachen TischcUens, welches 
er in aeiner kleinen Wirthsstube benutzte und una fiir die Dauer 
9 Aufentbattea gern fiir einige Piaster vermiethete. 

Von Draki aua wurden die felaigen Schluchten des Kerki 



*) Nnben diegem alten Namen scheinen jetzt ondere Localnamen fiir 
die einjolnen Gipiel dieses HdhenzageB in Gebranch zu Kein: Stumuti- 
adis ncDiit in aeinen 18G2 ku Allien crschienfinen Za/uaxA p. 24 deu Ber^ 
fiber Spathari Vumid, den iilior Pagonda, Supela, uud T. Gn^rln (DoBcHp- 
lion de rile de Palmos et de Tile de SiimoH, Paris 185C, p. 271) gielit 
fevJm (Ficbteabergj ah QeHammtnameii dieses nuch Siideii auslaiifendeii 

EL Kiopert, 



i Auaflug nB«li SatrKis, ' 229 

abgesiicLt, in welchen man eicb, bei verdeckter Aiissiclit anf das 
Meer, niitli Tyrol veraetet denken kann, «m bo mehr, als die Kie- 
fern und oin baiini.trtiger Juniperns dichter und htiher stehen ais 
in anderen Theilen der Insel. Die Weinberge fehlen bier gimK, 
diigegen werden noch bia fiber 1000 Fuss Hobe fiber dem Meere 
an den weniger steilen Gehangen Roggen und, wo sich ebene 
Terrasaen anlegen lassen, Zwiebeln gezogen, Diese Zwiebelfeider 
bedurfen ebenso wie die Weinberge ini Fruhjahre reichlicher Be- 
wasacrung; da die Gebirgswaaaer indeesen nicht so etark fliessen, 
dass alle Felder, Garten und Weinberge einea Dorfes zu gleicLer I 

Zeit bewaasert werden konnen, so haben die einzelnen Besitzer - i 

nnr tageweise daa Recht der Benutzung des Wassers, zu dessen j (J 

Leitung nach den verschiedenen Grundstueken Torzugsweise die -*| 

Pfade zwischen denselben benutzt werden. Die Folge hiervon ist, ', 1 

dass alte Erde, der Sand und die kleinen Steine aus den Wegen \\ 

weggeapult werden, und nar die grosseren Eollstficke zuruckblei- .[ 

ben. Wie wenig angenehm ea iat, auf eolchen Pfaden zu reileit | 

Oder gnr zu geheo, wird der wissen, der es versucht hat. Uni ] 

der Insel ibren relativen Wasaerreichthnni zu erbalten, sollte die j 

wichtigate Sorge der Regiernng die Conaervirung, woraiiglicli Ver- ' 

mehrnng dea Waldbeatandea sein, I 

Die West- und Nordabhange des Kerki erhcben sich so schroff 
aus dem Meere, dasa wir dieaelben mit etnem kleinen Boot nra- 
fuhten, lira naeh Karlovasi an der Nordkuste der Insel zu. gelan- 1 

gen. Der Ort liegt an der Ausraundung einea Thales, welches der ! 

Kerki von dem mittleren Gehirgaatock der Insel, auf den Karten ' 

lalaehlich Ampeloa genannt, wahrend nur der sudliche Auslaiifer I 

diesen Namen fuhrt,') scbeidet und besteht nua drei Hiitiaercom- 
plexen, namlich aus einer einfachen Reihe Hanaer, fast auaachliess- 
lich Magazine, Kaafhauser und Wirthachaften , an der Meeres- i 

kuBte, ana dern zehn Minuten landeinwiirts am linken Thalgehange 
gelegenen Palaeo- Karlovasi und dem Hanptorte auf dem linken 
Ufer des Fluaachens Gunari. Der Mangel eines geachStzten Ha- | 

fens war hisher ein Hinderniss fremden Schiffsverkehra. Man hat , 

*) Diese Karteaangabe, a'.icli auf der eng^lischen Admiral itiitskari«, be- 
rnht niif einer offenbar uuganauen Angabe Strabon's, iodem derselbe joaen 
Namen dem geeammten Gebirgssuge der Ineel giobt, anderwttrts nur deu 
Kerketeus (don westlichen hocliflien Gipfel, jetzt Kerki) davon aatetsuheidet, 
auch den AmpeloB die Stadt Samoa iiberecbauen Ifet; da or Hber ondlidi , 

mit demaelben Namen ancb ein Vorg'ebirge der Insel bezeichnet, nnr dajis er I 

daaeelbs einmal UDgenau nia ungefShr (nni?) der Insel Ikaria gegoniiber 
bezeicbnet, an anderer Stetle aber wiedorum diuselbe WBBtlicbe yur;jebirge I 

Kantharinn neuut, so bleJIjt fur das Vorgebirge Ampelos keiii anderer Platz 
als dieses addlicha Cap iibrig. 

H. Kiepert 



I 

J 



t 



(iaher mit dei' Aufschiittung fines starkcn Ilnfendar 

fur welchen die schweren FelsBlucke in onmiltelbaver Niihe aa der 

Kiiste gewonnen wurden. 

Mit beaondfirem Stolz fubrte niicb uneer in Karlovasi anaaa- 
Biger und far die dortigen Verhaltnisse, wie es achien, ganz wnbl- 
habender Fiihrer, der ans iiaturlich aufs gastlicbste in seinem Haiise 
aufnahin, in die Schulen des Ortea. Daa LokiU der Madcbenschule 
war eine eiufacbe geranmige Halle mit einer einfachen Reihe 
Banke in der Mitte deaselben , sodaaa die Faaaage an den "Wan- 
den frei blieb. Dieae waren bedeckt mit gcdruckten Tafelo nnd 
lithograpbirten bildlicben Darslellungen, welche als Halfamittel der 
verachiedenen Fachar des Unterrichts, namentlich dea sprach- 
lichen und des natarbescbreibenden dieuten. Ein Tbeil der Scbole- 
rinncn eaaa mit Stickarbeiten beaehaftigt um die Lehrerin herum, 
velche in dem groasen Madcben-Inslitut zu Athen auagebildet tvar; 
die jnngeren wurden von den iilteren Schiilerinnen mit Zuhiilfa- 
oehmen der an den Wiiuden niifgi?bang[en Tafeln im Lesen und 
Scbreiben nnterrichtet. Die Knabenachule, in weniger fieundlichen 
Raumen, war dreiklasaig, in den einzelnen Klasaen von bocbstens 
Kwanzig Scbulern beaucbt, nnd bereilete in der obersten Klasse die 
SebSler znm Beauch der Universitat an Atben vor. Ein jnnger 
Geietlicber, ein schoner, schlank gewacbaeuer Mann mit achwarzem 
Yollbart, im scbwarzen Talar und daa hobc schwarze Barett auf 
dem Haupte, ertbeilte in der obersten Klasse gerade TJnterrieht 
im Altgriechiachen, welchca auf alien boheren griechiBchen Schnlen 
den wichtigsten Gegensland dea sprachlicben Unterriclita bildet, 
wHbrend frenide Spracben kaum gelebrt werden. Die Schuler 
kiinnen daher stbon fruh zur Univeraitat iibergeben, 'deren Be- 
aucb die Unbemittelten sicb dadurch erleichtern, das sie die Studien 
weder ira nnmittelbaren Anachiusa an die Scbule, noch in ununter- 
brocbener Folge abaolviren, aondern in der Zwiscbenzeit sich in 
untergeordneten Stellungen die Mittel mr weiteren Ausbildung er- 
werben. Dies ist der Grnnd, wesbalb man ao viele Manner in 
reiferea Jahren, besondeva in den philiilogiscben und tbeologiscben 
Horsiilen der Universitat zu Atben sieht, welcbe Bildungaauatalt, 
da aie nicbt allein von den Unterthanen dea kleinen griecbiscben 
Kunigreichs, aondern uberhaupt von den im Orient ansassigen 
Griechen beaucbt wird, eine weit groaaere Bedeutung durch die 
Verbreitnng abendlandiacben Wisaena, ala durcb aelbststandige Pflege 
der Wisaenscbaften beeilzt. 

Nach einigen Ausfliigen in die Umgegend von Karlovasi 
kehrten wir nacb Vatliy zuruck, um etwa acbt Tage spater eine 
noclimalige Rundr.eise dnrcli die Inael zn unternebmen. Die 
Zwisohenzeit bot auaaaer der Gelegenbeit zu einem Auaflug von 



Ein Aiiaflii^ nncli Samox. 331 

minderem Interease aach dem Ostcnde iler Inael no der Meerenge 
TOO Samos, dem 4000 Fuss hohen Kweigipfligcn Samaun-Dttgh 
gegenuber, erwunschte Mnsse znm niilieien Stiidiura der gesam- 
melten Gesleina- und Mineralproben nnd war auch als Erholung 
von den utivermeidlichen Anstrengnngen nnd Entbehrnngen der 
Reise nicht unwillkntnmen, von welehen der Mangel der Nacht- 
ruhe und das Ungeziefer unbedingt die groaate war. Dagegen war 
die Hitze viel ertrilglicher, als ich erwartet hatte; erat in den ajiSte- 
ren Sommertagen wird es merktich warmer als bei una. Erajiflnd- 
licb war die HiUe nur an der sndlichen Meereakuste und voU- 
slandig lahmend an den der Soane ausgesetzten nnd vor dem Winde 
geachutzten Bergabbangen. "Wenig zuaagend war die Verpflegung 
aaf derKeiae. Auaaer dem reichlichen Fleisch junger Ziegen, achlech- 
fem muffigen Brod, Ziegenmilch und daraos bereitetem Kase, aus 
Bohnen nnd anderen Surrogalen hergestelltem Kaffee, dem achwe- 
ren, aussen Muakatwein und dem mit Mastix versetzten Brannt- 
wein, welehen die Saroiolen in weit grilaaerer Merge als Wein 
genieasen, war kaum etwaa zu baben. Kartoffeln, die ubrigens 
nur in geringer Menge gezogen werden, waren schon nicht nielir 
geniessbar. Frische grosae Bobnen (Pferdebohnen) waren viel- 
leicht ofter zu baben gewesen, wenn der Kavass und die Maul- 
tbiertreiber nicht vorgezogen biitten, sie rob za verzehren. 

Der Muskatwein erhalt den siisslicben Rosin en geacb mack da- 
durch, das die reifen Trauben, abgeachnitten, noch zwolf bia vier- 
zehn Tage im "Weinbergo der Sonne ansgeaetzt bteiben, also balb 
getrocknet werden. Fiir den Export wird der Wein stark mit 
Sprit veraetzt. Der Wein , welcher bei dem Fursten vorgesetzt 
wurde, enthielt soviel davon, dasa ich denaelben fiir Punschessenz 
hielt. Der featlandische giiechische Gebrauch, den Wein, angeblicb 
der Ilaitbarkeit haJber, mit Fichtenbarz zu versetzen, ist auch auf 
Samoa bekaunt. Rotber Wein wird sehr wenig gezogen und, da 
deraelbe ala ein Medikament angesebcn wird, mit allerlei Krautern 

Der Zweck der zweiten Rundtour durch die Inael war tbeils 
die Besicbtigung der Reaultate einiger inzwiscben au verscbiedenen 
Stellen vorgenornmenen Scbiirfarbeiten, Iheils die Beriihrung einiger 
tur die erate Reise zu wcit entlegenen Funkte. Icb verband mit 
dieaer Tour einen BeaucU der Burg dea I'olykrates, welche sicb 
anf directem Wege in wenigen Stunden Ton Vathy aua erreicben 
lasst. Jenaeit der kahleu Ilobe hinter Vathy fnhrte der Weg in 
einem Thale an einigen Waasermuhlen vorbei, deren kleines bori- 
zontalea Rad nur durch den Stoss, also obne Ansnntzung des 
Drnckes des zienilich bedentenden Waseergefalles getrieben wird, 
Ein und dieaelben Steine dienen Eum Mahlen der Oliven und znm 




232 

zum Mahlen des Getrcides, worin zuni Theil der Gmnd des Bchlech- 
ten Geschmackes dea Erodes zn aachen ist. In eioem von drei 
Moricbea bewoLnten Kloster am Nordabbang des Berges, auf 
■welchem die Akropolis des Polykrates atiind, wurde kurze Ras( 
gemac.bt. Der Ob ere des Klosters konnte siuh nicht veraagen, 
seine BetViedigung fiber dea Ausgang dea deutscb-franzusischen 
Krieges unezusprecben, uicbt etwa nus Abneigung gegen die fraiL- 
zosiacke Nation, sondem aus Eifersucbt wegen der Stulae, welcbe 
die romiach-katboliscbe Kircbe in ibren Beslrebongen im Orient 
seit dcm Krimkriege an der franzosicben Regierong gefunden 
hatte. 

Etwa zebn Minnten in ostlieber Eicbtung vom Klostet liegt 
eiae balb verfalleno Miible, welche aus der untcrirdischen Cisterne 
geepeisl wird, deren Waaser meist durcb einen ebenaolchen Ka- 
Qiil uacli der alten Stadt Samoa geleitet wurde. Die Cisterne ist 
in den foat borizuntal liegendea Kalkstelnscbicbten, untcr Stebea- 
iassen von Ffeilern zum Tragen der Decke, auagebanen. Der Ab- 
flusskanal ist etwa drei Fuss hocb und ebenso breit und ebeufalla 
nicht ansgemaoert. Durcb die Zerstorung des Kanals wurde die 
Uebergabe der Feste von den bebigernden Atbenern erzwungen. 
Die noch ganz deutlich zu erkennenden Licbtlucber des Eanals 
verfolgend gelangt man zu den Mauerresten, welebe Sladt und 
Burg unigabcn. Noch recbt gut ist die Mauer auf dem Rucken 
des Bergea erhalten. Ibre Bauart aus acbweren KaUcateiaquudern 
ist dieselbe, wie die der Feate Pbile, welche den Pass uber den 
Parnes von Attika nacU Bootien vertbeidigte. Die weatlicben 
und die ostlichen, von deni Berge nach. deni Meere herunler 
laofendea Mauern sind fast ganz zerstort. In den letzteren ist nacb 
ein kleiner quadratiseber Thurm erbalten und ein Tboreingang zu 
erkennen. Ziemlicb bocb am Abhang dea Bergea lag das Theater, 
dessen Bausteine jedoch ganzlich verschwunden sind. Am Fuss 
der Burg innerhalb der alten Mauern am alten Hafen liegt der 
bereits oben erwabnte kleine Ort Tigani. Mehr ala die Reste 
aus klassiscber Zeit fallen die malcriacben Ruinen eines grossen 
mittelaiterlicben befestiglen Kloslers in die Augen, dessen Zer- 
stovung durcb turkische Kriegsschiffe aus der Zeit dea griechi- 
scben Befreiungs krieges dalirt. Die Samioten batten niit grossem 
Eifer an dem Aufstande Tbeil genommen und waren dabcr nicbt 
'wenig enttauscbt, als ibr Eifer nicbt durcb den Anschluss an das 
im Mutterlande neu gegrundele Konigreich belobnt wurde. 

Von Tigani aus der Meereskiiate nach Westen folgend gelangt 
man an den Plata, wo einst der Tempel der Hera stand, und jetzt 
inmitten der Felder nnr noch eine Saule von weisaem Marmor, 
jedoch obne Kapital die ehemalige Pracbt des beruhmten Heroons 



J 




Eii] Ansfiag mich Bunios. 233 



nhnen lasst. Aiiaserdem sind nur noch die Fundamenle zweier 
Sanlen und einige halb veracLuttete, halb uberwacbaene Trommeln 
zerstcirter Saalea zd bcmerken. 

Die weitere Reiae in das Innere der Inacl uberzengte micli 
davon, wie rasch vinter dieaem llimmelastricb der Fruhling vergcht, 
Eb war voller Sommer geworden, die letzten Garben vou den 
Feldern wurden fiingebradit, die friscben Bergwaaser batten sich 
Letrachtlicb vermindert, manche waren schon ganz versiegf. 

In Vatby war bei unaerer Ruckkebr die Nacbricbt eingetrof- 
fen, dasB erat nach vierzehn Tagen ein Dampfer nach Smyrna an- 
legen werde. Der Ruckweg fiber Ephesua war daher vrin selbst 
gegeben. Eine vieratundige, fur die Jahreszeit ziemlich unmbige 
Seefalirt in einem kleinen Fiscbetboot, deaaen Seetuchtigkeit meinem 
Begleiter wenig Zutranen einfliiaate, brachte una 5. Juni nach Sca- 
lanova an der kleinasiatiacben Kuate, von wo wir nach Ueberwin- 
dung der turkiacben Scbeerereien mit Douane und Fasscontrole 
auf schlecbten Pferden Epheaua in einigen Stunden erreichteu. 
Ilier blieb wegen dea aeltenen Verkehrs auf der Ai'din-Eiseniahn 
bia zum nacbsten Mittag hinreicbeude Zeit zur Besichtigimg des 
Trnramerfeldea der alten Lmtnsetadt und der vor kurzem in snm- 
pfigem Terrain auagegrabenen Fundaniente dea lange vergeblich 
gesuchten Dianentempela. Obne einen Unfall auf den faulen 
Scbwellen der Eisenbahn zu crleben, trafen wir am 6. Juni Nnch- 
mittags wieder in Smyrna ein. 

Die geognostiech-bergmannischen Ergebnisse des interessanten 
und in landscbaftlicher Hinsicbt auaserordenllich genuaareichen 
Auafluga nach Samoa waren in kurzem folgeode. 

Die Gebirge der Inael werden der Hauptmnsse nach aus me- 
tamorphiscben Scbiefern und machtigen halbkrystalltniacbeu und 
krystalliniacben Kniksteinachichten zuaammengesetzl. In dem mitt- 
leren Tbeile der Inacl aind die Schichten bei vielfachen Faltungen 
stark anfgerichtet. Bei im allgemeinen nordwestlichem Slieidien 
berracht hier ateilea nordostlicbes Fallen vor. Am Kerki und auf 
der Oataeite der Inael ist die Lagerung cine flachere. Die me- 
tamorphiachen Schiefer beateben ana grunlich-grauem, seidenglan- 
zendem, an einigen Stellen erbaen- bis haselnussgrossen Granaten 
einachliesaendeni, meist aehr quarzreichem Glimmerachiefer, weleher 
einerseits in Quarzit, andereracits in Thonschiefer iibergcht. In 
lelzterem tritt bei Karlovaai ein 2\ Fusa machtigea Ataunacbiefer- 
flutz auf. Die Kiilkachicbten aind feinkornige hellgraue bis dunkel 
blau-Bchwarze, und bei dieser dunklen Farbe bituminose, oder do- 
lomitiache braunlicb-gelbe Kalkateine. Die eralcren gehen in 
blendend weiaaen, feinkornigen Marmor fiber, welcber oflera Glim- 
mer aufaimmt nnd dann in Gipollin ubergebt. Dem Schichten- 



234 R. Nfl«sc: 

system der metamorphiacljen Schiefer gehoren ferner gewisae f^n- 
kornige, mikrokrj'stallinische, meist kalkreiche chloritische und gab- 
broartige Gesteine an, mit welchen zngleich SerpenliDe vor- 
kommcn. Diese Gesteine trcten, wenn such nicht an ein bestimm- 
tes Niveau gebunden, dcieh mit grosser Regelmassigkeit nnter den 
machtigen Kalkstein- nnd Marmorablagerungen auf, welche das 
obere NiTeau des ganzen Scbichl en systems xu bilden scheinen nnd 
ganz besondera am Kerki enlwickelt sind, aber auch im mittleren 
Tbeile der Inael, am Ampelos, die Hiihen der Bergznge bilden. 
Am Kerki wird man an den Diabos unaerer Devonformation er- 
innert, namentlicb anch durcb gleichzeitigcs Vorkoramen von Eisen- 
kiesel mit dicbtem Magnetdeen, Homstein, Mangankiesel uad 
I'liilonielan. Zwiachen deni Kerki nnd dem Ampelos sind rotber 
Quarzporphyr und Porphyrit, welcher in grfinlich - graner dichtet 
GmndniaBse entweder nnr Orthoklas, oder Orlboklas mit Horn- 
blende oder mit scbwarzem Glimmer, oder beide letztere Minera- 
lien neben deni Orthoklaa eingesprengt enthalt und an den Con- 
taktflachen mit dem Glimmerschiefer in Quarzit nbergebt, in 
welebem griiner Granat, Eiaenglanz, Scbwefelkies und Epidot vor- 
koniml, Einen Durcbbtucb der Porphyrgeateine durcb die meta- 
morpbiachen Scbiefer- und Kalksteinacbiehten babe ich nicht be- 
obachtet, wohl aber Einscblnsse von Kalkstein nnd Kalksteinglim- 
merschiefer in ersteren. 

Von nutzbaren Mineralien, von deren etwaiger frnheren Ans- 
bentnng keinerlei Spnren bekannt sind, finden wir in der For- 
mation der metamorphiachen Scbiefer Eiaenerze zwar sehr -ver- 
breitet, jedoch, da solcbe im Orient nnr dann Werlh haben, wenn 
aie bei vorzuglicber Qaalitat in grosser Menge ieicht gewimnen 
und zur See verladen werden konnen, ohne techniacbe Bedeutung. 
Sie treten als linaenformige Einlagerungen von Brauneisenerz, bin 
nnil wieder von Spatheisenatein mit Braunapath, und auch von 
Magaeteisenerz im Glimmerschiefer, ala nnbedeutende Contakt- 
lager von Brauneiaenerz auf der Grenze zwiacben Scbiefer nnd 
Kalkatein, namentlich zwiachen Glimmerschiefer nnd Marmor, nnd 
ala unregelmaaaige Brauneisenerzmaaaen im Kalkstein auf. Die ala 
Contaktlager und im Kalkstein vorkommenden Brauneisenerze sind 
haufig zinkballig, Bei Draki am Kerki fand icb in der Niihe aolcben. 
Brauuciaenerzes ira Kalkstein aehr achonen reinen, traubigeu Galmei 
von weisser in'a Perlgraue nbergehende Farbe. Daa Vorkommen war 
nestiormig, moglicher Weiae weitere Vcrbreitong veraprechend, 
Haufiger als Spuren von Kupferkies sehlieaaen die BrauneiaeuerKe 
Bleiglanz ein. Derselbe ist uberhaupt auf der Inael ziemlicb ver- 
breitet, namlich, auaaer als Einaprengungen in Brauneisenerz , in 
einzelnen Korneru in den Qnarzadern, welche den dolomitiachen 



Em Ausflng nacli SamoE, 



235 



Kslkatein unregelmiissig dnrchsetzen , und in unregclniaasigeii. 
der Schichtung eich anschliesaenden Schnuren im kornigen KaJk- 
stein in der Nahe des Glinimerschiefera. Das regelmiiasigste, eine 
groasere Verbreitung versprechende Vftrkommen von Bleiglanz 
fand sich ebenfalls bei Draki am Kerki, wo die Erzfuhrung an 
eine gewiaae Zone dea weisae.n feinkoinigen Kalkateins, wekher 
nnch dem liegenden in Cipollin fibergeht, gebunden erscheint. 
Ilier wurden sogar einzelne derbe Stucke Bleiglanz von aechzig 
bis siebzig Pfuod Gewicht aus dem Gestein gebrochen. Am Ker- 
kigebirge scheint auch Smirgel nicht zu fehlen, 

In zienilich weiter Umgebnng von Vatby lagern sich an nnd 
auf die altere Formation Tertiarechichten , welche auaserdem in 
der Einaeiikung zwischen dem Gebirge des miuleren Theiles der 
Tnsel und dem Kerki verbreitet sind, Sie beatehen bei Vtitby 
vorzugaweise aua kieselig-thoaigen , gelblich-weisaen Kalkaleinban- 
ken, am Kerki mehr aua grnbea Kalkstein-Conglomeraten und 
Thoaen verMchiedenater Farbung, zwichen welchen lelzteren nicht 
weit TOD Karlovaai ein neun ZotI mitchtiges Lignitdotz auftritt, 
desaen Vorkommen bei groaserer Machtigkeit, znmal aich gleieh- 
zeitig zur Ziegelei und Tiipferei geeignete Thone finden , recht 
werthvoU sein wurde. Wo die Tertiiirachichten nicht gestort sind, 
iat ihr Streichen ein westnordwestlichea bis nordlichea mit flaehem, 
nur an einzelnen Stellen ateilcm, oatnordoatlichem bia ostlichem 
Einfallen. 

Der qaaterniiren Periode gehoren grohe, kalkige Conglome- 
rate an, welche sich an den Gebirgsabliangen verbreitet finden uud 
dereo Fuss toanteliirtig umgeben, der neuesten Zeit die groben, 
iosen Gerollanhaufungen am Ausgang der Gebirgsschluehten und 
Thaler. 

Da Samoa bekanntlicb am 1. Febrnar 1873 durch ein atarkes 
Erdbeben heimgesucht worden iat, ao iat die Notiz, daas ich wilh- 
rend meinea kurzen Aufenthaltas auf der Insel zweimal einen 
schwachen Erdatosa erlebte, vielleicht nicht ohne Interesae. In 
Vathy waren achon wahrend der vorhergehenden Monate eineelae 
slarkere Erschutternngen wahrgenonimen woi'den. 




¥■ 






XI. 
' Reise auf dera Okancie in Westafrika, 

Bericht an den Vorstand der dentso-hen afrikitnischen GescUschaft 

in Berlin. 

Von Dr. Oskal- Lenz. 

(Ver^l. hierzu die Karte, Tafel IV.) 



In meinem letzten Bericht*) hatte ich milgetheilt, liass ich, 
iini die Vorbereitungea fiir uieine Okande- Reise pereonlich be- 
treihen zu konnen, meinen Wohnsitz in der Ininga^lown Limbareni 
aufgeschlagen hatte. Der dortige King Renoki gilt noch ziemlich 
allgemein als der Beherrscher des Flusses bis Okande hinauf, und 
ich inneste also diesen Mann als Begleiter wablen. Ich iibergehe 
die Schilderung der nnendlichen Torbereitnngen und Umstandlich- 
kcitcn bei eiaem derartigen Unternehmen , die die Geduld des 
Relsenden aofa hochste erschopfen; jeder Afrika-Reisendc kennt 
diese liebenswurdige Seite der Neger ana eigener Erfahrung nnd 
hat mehr oder weniger darunter gelitten. 

Am 15. Dezember 1874 wax endlich Alles zur Abreise fertig. 
Am Tage vorher hatte Renoki noch einige alte Weiber aus eineni 
Nachbardorf eitirt, die eine grosse Medizin herrichteD mnssten; es 
war eine schmntzig-weiase , klebrige Masse , bestehend aus einem 
Pflanzendecoct niit Zusatz von etwas Thonerde. Mit dieser Substanz 
3(!hniierte sieh nnn die ganze Geseilschaft Geaicht, Bruat nnd Arrae 
eiu; auch ich niuaate mich auf diese Weise vor Krankheit und 
iiberhaupt jedem Uufalle aichern. Die Hauptsache dabei war 
iibrigens der Runi , den ich dazu hergeben musste ; ohne dieaen 
geht hier nichts. An demselben Abend fand auch noch einer 
jener larmenden Tanze statt, die gewohnlich mit Priigelei endigen 
und oft bis lief in die Nacht hinein dauern. 

Wir brachen also am Morgen dee 15. Dezembers auf. Ausser 
Renoki batten ea sieh auch die ubrigen, diesem nntergeordneten 
Inlnga-Chefs nicht nehmen lassen, diese Reise mitzumachen , so- 
daaa wir im Ganzen 5 grosse Canoes mit mehr als 100 Leufen 
waren. Die Canoes siod eigenthuniLich gebant, mit gnnz flachem 
Bodeu ohne Kiel, sodass ale nur sehr geringen Tiefgang haben 
und uber Felaen, die nur wenige Zoll unter der Wnsse robe rfl ache 
aich befinden, gezogen werden konnen. Das Rudern gescbieht 



*) i-bgedruckt in Putermaun's Mittheilnngen. 1875. pag. ISlff. 



Reiac auf Jem Oliuride in Wtistulrihiw 237 

stehenJ: an der Spiize des Canoes sind jrwei Mann, die Chefs, 
wekhe das "Boot dirigiren, daa Waastr nueli FelseD untersuchen etc.; 
darauf koninit die Ladung, die ein Dritle. des Canoes wenigstena 
einnimmt ond mil bush-rope an beiden Riindern festgebunden ist, 
damit bei etwuigem Umwerfen Nichta verloren geht. Die hintere 
Halite des Canoes nehnien nur die Rudsrer ein , zum grossten 
Theil au9 Sklaven bestehend, 15—20 an der Zuhl, alle steliend 
und ilire Arbeit mit eintimigen iiber nieht unangenehm klingenden 
Gesangen begleitend. Die Ruder bestelien ana circa 4 Fuss langen 
Stangen, an deren unterem Ende eine verhaltniBsniiisRig sehr kleine 
ovale oder Tonde llolzacbeibe befestigt ist. Die Ruder werden 
weiter flnssanfwiirts, wo die Stromschnellen begjnnen, mit sebr 
langen und starken Stangen zum Stechen vcrtauscht. 

Eine Reihe in dieser Weise rudernder Canoes gewahrt einen 
scbonen Anblick, und niinmt man dazn die tropische Wa Id lands ch aft 
mil den wenigen eingeatrenten Akelle-Dorfern, den an Flusspferdeu 
reichen Strom uud eine gluhende Sonne, so hat man ein echt inner- 
afrikaniacbea Bild. Obgleich wabrscheinlich noch auf franzosisohem 
Gebiet, konnte ich es mir nicht versagen, eine deutaclie Flagge anf 
meinem Canoe aufstecken zq lassen. Uebrigens weiss ieh nicbt, wo 
die FrafiEosen die Grenze ihres Gebietes nacli Innen zu tiaben ; ieh 
Termuthe an dem Punkte, bia zu welcliem ein franzosiaches Kriega- 
Bchiff gekommen ist und das ist auf dera Ogowe daa Gebiet der 
Galloa und Ininga. 

Am erst^n Tagc passirten wir die Miindung dew Rhembo 
Ngunie, der die bekannten Bugeniatalle bildet, und landet gegen 
Abend an einer kleinen , mitten im Fluas liegenden nnbewohnten 
Insel. Hier sollte daa Nachtlager anfgeachlagen werden; in kurzer 
Zeit entstiinden einige 30 Iliitten, die freilich nur ans einigen 
Stangen, einem Mattendach und einem daruntcr aasgeapannten, 
aus aebr fein gearbciteten gelbeu Matten verrertigten Muskilonetz 
bestanden. Machtige Feuer wurden angeziindet, und um dieae ver- 
thciltc sich nun meine Begleitung in verschiedenen Gruppen, um 
ihr aus Plalanen und Fiscben bestehendea Abendesseu herzuricliten. 
Icb benutzte bei dieser Art Bivou^k noch die Vorsicht, einige 
Koffer aufatellen zn lasaen, fiber welche Stangen geJegt wurden, 
auf denen ieh dann scblief; ich lag auf dieae Weiae nicht direct 
auf dem gewohnlich feuchten Erdboden, sondern etwas erhoht. 

Daa Leben und Treiben in einem solchen Bivouak ist im 
hocbaten Grade anziehend, besonders wenn nocb Beauch ans einem 
benucbbarten Dnrl'e knnimt. Da werden Eier, Hiihner, Ziegen 
und Platanen gcbrachl und gegen Eaumwollenzeug, Tabak, Rum etc. 
eingetauacht, wobei nicht selten lebhafte Streitigkeilen entalehen. 
Alte Bekannle achen sich wicder und begrusaen aich auf die bier 



* 



eigentbnniliche Weise, bis sie aicU vielleicht im nachsten Angen- 
blick wegeu irgeud einer Kleiuigkeit zanken imd sicb ilann prngeln. 
Oeftera musate dann Renoki einecbreiteu uad duieh ein streDgea 
„ttinnni (fertig, zu Ende)" den Streit beendigen. Vor dcni Sclilafen- 
gelien halt Renoki gewohntich Qoch eine Kede an daa Volk, worin 
er den Iteiseplan far den folgenden Tag d»rlegt uod achlieaslith, 
niit der Fetiacbglocke lautend, die bosen Geiater vertreibt. Er 
nennt dabei immer die einzelnen Peraonen oder Stamnie, die cr 
gdiiil^gn willi den weiasen Mann, die luingaleute, die Gorreleate, 
den Kraman etc. 

Diese Art Nachtlager kam nun walirend unserer Reiae sebr 
oft vor, nur se)ten scliUefen wir in einem Dorf und gewohnlich 
nnr dann, wean wir uns mehrere Tage daaelbat aufhalten wollten. 
Renoki hatte natilrlich uberall unter den Kooigen gate Freunde, 
die ea ubel genoninien batten, wenn er nicht mit dem N^tangani 
einige Zeit geblieben ware. Es Terzogerte sicli auf diese Weiae 
ineine Reiae freilich nicht aeUen, aber icii konnte es nicht andern. 

Wahrend der eraten 5 Tnge pasairten wir nur Akelledorfer; an 
den meialen derselben wurdt gehalten und Nabrungamittel einge- 
kauft. Teh erwahne bier , dass A k e 11 e der richlige Name fur 
dieses Volk iat und ich ea iilierall so aussprechen horte. Mit 
dem Auedruck. Bakelle, wie ich fruher schrieb, wird ein einzelner 
Mann dieaea Stanimes bezeichnet, wiihrend Akelle die Mehrzahl 
iat. Ebenso verhalt es sicb mit Aduma und Badunia, Abongo 
und Babongo etc. Der jedenfalla von den Franzosen gegebeue 
Name Bakulai bat gar keine Berechtigung, In vielen Akelle- 
Dtirfern hahen die verachiedenen Faktoreien in Gabun scliwarze 
Trade-men, da dicBes Volk hier dae einzige ist, welches Gummi 
verfertigt. Daa letzte Dorl', welchea am Fluasufer Uegt, ist Sami- 
keta , mit einem ziemlich milchtigen Akelle-Ronig. Von da an 
atrnmaufwarts batten wir fiir die nachaten 5 Tage kein Dorf; die , 
Ufer fangen bereits an anzusteigen, und alle Niederlasaungen der 
Akelle liegen auf der Hobe und oft stundeaweit im Buacb. 

Samiketa ist ein ziemlich groaaes Dorf and ungelabr '^ Stunde 
vom Ufer entfernt; ein uber alle Maaaaen achlechter, sumpfiger 
Fusaweg fiihrt dahin. Der Konig dea Ortea, ein wild und barach 
auaachender Mann, brachte mir, wie iiberall iiblicb, Huhner und 
Flatanen ala Geachenk, wofur ich natiirlich ein niehr als ent- 
aprechendes Gegengeschenk machen musate. 

Am 21, Dezember passirten wir die erate Ilugelkette; die 
Stelle wurde mit „orere m'polo" (grosser Baum) bezeichnet, und 
gilt ein stark bewaldeter, bis dicht an den Fluas reicbender Hugel 
ala ein bekanntea Merkzeicben fur die Okande-Fahrer ; in der Nabe 
mundet am linken Ufer der kleine Fluss Idye. 




Okandc iu Woatafrika. 239 

ihsten Tag ■wiiide die zweite Iliigelreilie passirt mid 
gegeu Mittag k»nien wir an cine Kallamallnga genannte Stello. 
Dieser Punkt iat deshalb fur die Schwarzen bemfirkenswertli, well 
hier mitten im FIhsb zwei Felsen stehen, die ersten Steine, die 
man iiberbaupt zu sehen bekomint. Die eigenthiiuilich obeu zuge- 
acharfte Form dieaer FelBen, sowie ihr ganz vereinzeltes Auftreten 
hat wnbl die Bewohuer verunlasst, diesem Punkte einen besonduren 
Namen zq geben. Am Abend dieses Tagea, als wir Bchon unaer 
Lager auf einer kleinen InseL aufgeachlagea batten, kam plotzlicb 
ein grosser Elepbant aehr gemiilhUcU den Flnss herabgehcliwomnien. 
Natiirlich wurdea sofort eine Mcnge Scbusse abgefcuert und cioigo 
Canoes verfolgteu denaelben. Der Elephant hut audi eine Anziilil 
Scbusae iu Ropf und Hals bekomnien und blutete stark ; trotjidem 
gelang ea ihm, das recbte Flussufer zu erreichen und in den Bnscb 
zn entkommen, wo er jedenfalla verendet iat. Die hereinbrechende 
Nacht und die Furcbt Tor den M'pangwe bielt meine Leute vor 
weiterer Verfolgung zuruek. 

Ani 22. Dezember paaairten wir die griiaseren laseln N'shangi 
and Adeke ; auf ersterer war friiher ein Okotadorf, die Bewohuer 
aber aind, von den Oabeba vertrieben, weiter fluaaaufwarts gezngen. 

Von Adeke an beginnt der FJusslaof bereits sehr ungnnstig 
zu werden. Die Stromung iat eine ganz gewaltige und die Leute H 

sind nicht ini Stande die Canoea zu riidern, aondern die letzteren ~i 

werden am Ufer am Gehiisch hingezogen, was naturlich sehr muU- J 

aam und laagsam vou Stattcn gebt. Bei dieser Gelegeuheit hatte 
R(;noki das Ungiuck, mit seinem Canoe umzuechlagen; die Leute I 

batten niuht Kraft genug, das Canoe gegen die Stromung an den | 

Baumen featzuhalten, ea kam in einen Strudel und aching um. 
Znm Gliick iflt Niemand vernngluckt, dagegen sind eine Anzahl 
Waaren (beaondera Pulver und Salz) verdorben und verloren, — 
King Renoki, der grosse Fetischbeacbworer, war uber diesen ihm 
selbst zugestoaaenen Unfall aehr betroffen, Am nachsten Tag 
Mittaga erreichten wir endlich ein kleines Akelledorf, wo wir eiiiige 
Stnndeo hielten, um die Sachen zu trocknen etc., und kamen 
noch denaelben Abend bis zu der Insel Sangaladi, wo aich einige i 

Okotadijrfer beflnden. Daa Okota-Gebiet war also erreieht. I 

Wenn man mehrere Tage durch die dSsteren unbewohnten j 

Flusslandschuften gefahren iat, ao ist der Anblick von Sangaladi 
and seiner Umgebung wahrhaft erqmckend. Zahlreicbe kleine, I 

aber hohe Inaein bedecken den Flusa, und iiberall sieht man das | 

saftige Hellgrun der Platan en blatter , die die Anwesenheit eines 
Dnrfea verrathen. Nicht sehr hohe, wenig bewaldete Berge siud | 

an beiden Ufern, nnd im FInas selbat liegen zahlloae grosse Fela- | 

blocke, ein grosses Itindernisa fur die SchifBahrt. I 



240 



Auf Sangahiiii traf ich zulullig niit Herrn Sulimieder von der 
deutschen Faktorei in Adcjiuatongu zusammeu uud wlr beechlosaeii, 
das Weihnachtsfest gemeinsam bier zu feiern. Am heiligen Weih- 
UHchtsabend wnrde denn auch zum grosaea ErBtaimen der Okotu- 
leute ein Christbauui angezundet, wozu jeder von una 4 koslbare 
Lii^bter opferte ; dann lieas icb saninitliche Kinder des Ortes zu- 
saninien kommen und beacbenkte jedea derselben mit ein Paar 
gliisernea Ohrringen; der Kilnig dea Qrtes erhielt etwas Rum und 
Tabak, nieine GSarre- and Gabunleute einige Stiiiike Zeug und wir 
selbst liesBen una daa Ueste zum AbendesHen herricbten, wag sich 
auftreiben lieaa. Wobl nie ist soweit im Iniiern der Westktiste 
ein abnlichea Weihnachtsfest gefeiert worden! 

Aaf Sangaladi konnte ich endlicb einmal anstebcndea Geatein 
beobachteu, weun auch nur an einigen Stellen, da Alles von Vege- 
tAtion bedeckt ist- Die Insel bestefat aua einem etwas tbonigen 
Glimmersandstflin von schmutzig-grungelber Farbe; auaserdem aber 
fanden sich zahlreicbe groaae und kleine Kollstiicke von den ver- 
achiedenartigsten Geateinen': Gneiss, Glimmerschiefer, Tbonschieler 
und Griinit. Der anateheode Sandstein wird vielfacb von dunnen 
Lagen einer schwarzen kohligen Substanz durchzogen, die vriederum 
weiase Quarzacbicbten einschlieaxt. 

Meine Ankunft hatte sicb achon flussaufwiivla verbreitet, und 



der nnter den Okota als macbtigster ant 
Ndungo-Ialand kam nach Sangaladi, um 
Be such seines Dorfes einzu laden. Am '. 
wir das ziemlicb groeae und achon gelege 
ist ein Mann in den funfziger Jahren to 
den ieh uie laehen sah. Er brachte m 
Huhner, und als icb ibm dafiir ein zier 



lannte King Idiv 
ich ZD sehen und zum 
. Dezember erreichten 
Ndnngo. Konig Idive 
niurriscbem Ausaehen, 
eine Ziege und einige 
ilich werth voiles Gegen- 



gescbenk machte, war er durchaua niclit zafrieden, sondern zahlte 
mir vor, was ihm die friiheren Besucher des Flusses, besonders 
Mr. Walker, gegeben batten. Um mich nicht mit dieaem Konig 
zu uberwerfen, mnaate ich nocb einige Stncke Zeug opfern. 
Idive bat 8 Frauen, von denen er niir aber nur i vorstellen 
konnte, die andern waren im Bnsch beschaftigt. Im hochaten 
Grade auffallend sind die Haarlouren der Frauen. Sie baben 
sehr grosae Wulste, boch hinaufgetrieben , die fur gewohnlich mit 
schwarzem Zeug bedeckt sind. Die Gesicbter der l^'rauen aind 
ofters roth oder weiaa gefarbt; beaondera auffallend war dieae 
Farbung bei zwei Tochtern des Konigs: rothe, gelbe und weiase 
StreiCen , Kreuze , Ringe und alle moglichen Figuren bedeckten 
den ganzeu oberen Theil dea Geaiehta. Der Oberleib, die Arme 
und Hiinde waren mit regelmiiasig nach Figuren geordneten Narben 
verseben, eine Art Tattowirung, von der aie aogten, aie gefiele 



a nuf dem Okttude in Wustnfriha. 241 

dea MSnncru nngemcia. Ob die FHrbung des GesichtE ein gewdba- 
licher Schniuck ist, odei- o!j tiieae Farbung liier wie auderwarta mit 
der Menalruation der Frauen zuBamraenhsngl, konote ich nicht er- 
fahren; icli mOclite Lier das Ej^tere annehman. 

Als MerkwUrdiglceit wird in der Niibe von Xdungo erne Hiihle 
im Felsen gozeigt, die bei niedrigem WnsscrBtand fiir Ueine Canoes 
paseirbar iat; dieselbe soli schon Ofters den Okola-UeberMen 
bci der OBheba als ZuSuclitsort gedicnt haLen. 

In den letzten Tagen batten wir Qbrigens sebr heflrge Gewilter; 
es iat Behr unangenchm, weiin mao im Freien campirend und nur 
durch das dDune Miiskilonctz geEcliQIzI, von eincra aolcben tropigcben 
Kegenguss tiberrascbt wird. 

Auf Ndungo koonte ich in einem WassereiurUs selir schfin 
doa anstekeiide Gestein beobathten; es war rotber und blaner, 
letzlerer fast pliyliilartigcr TlionBcbie.fer , der unter 30* uacli Osten 
einfiol mit eiuem nord-siidlicbcn Streidien. Rund um die Insel 
Lerum lagen groBSO fleiscbfni'beiie QuarzblScke, die weiter stromauf- 
wiirla heratammen. 

Untei' den Nabrangspflanzen liel mir Lior die Menge von Mais 
aof; binter alien DCrfern findet man Plantagen mit dieter allgemein 
beliebten Pflanze, Auch Honig bracbte man mir hier das erste 
Mai; waiter flusaatifwEli-ts, beaonders auch im Okande-Laudo selbst, iat 
derselbe auaaerordentlich bfiufig. Die Wfilder sind voller fiicnen 
und fast Iftglicb brachte man mir den allerdings noch etwas mit 
Unreinigkoiten vermiscbten Buscbbonig. 

Am 28. Dezembcr vcrliessoa wir Ndungo und erreicbten nocb 
denselben Abend die Insel Mbumba, auf der eich einige Okota-Udrfer 
beiinden. Die Fahrt daliin war ungemeiD beschwerlich und gefHhr- 
lich, eo dasa ich h&ufig ausstieg und auf dec HOhcn des linken 
FliiBSufera ging. Der Fluas ist durch die Berge eingeengt, mitten 
im Waaser aim] zablreicbe Felsen, durch und fiber welcbe die Canoes 
an Stricken gezogen werdcn mtlaBon, zu welchem Zweck Ofters erat 
die ganzo Ladung nusgepackt werden muas. Dns ganze Gebief 
zwiBchen Ndungo uud Mbumba wurde von den Leuten Okondokondo 
genanut, eine herrliche Landscbaft mit aafligon Wiosen, sebiinen An- 
pSanZLingen von Kais und Erdndaseu, zwischen denon i^berall die 
grauen HDtten der Bewobner, von pracbh'gea Ptatanen umgeben, 
bervorblicktcu, 

Gegeti Abend Iiielten wir in cinem Dorfa auf Mbumba-Ialand, 
ich war aber sebi' betroffen Ober die eigyntLiimUche Kube, die dort 
herrschte. Kein Mensch knm itns eiitgegen, der K&nig lieae sich 
nicht seben; ich bezog einfach diis Haus des letzteren, ohne daas sich 
Jemand darum gekilmmert hlitte. Endlich erschienen einige Gestalteu, 
und belrachtetcn stillscliweigend meiue Utonsilien; kura dor Empfang 

ZeLucht. d. QoKUiih. I. Ecilk. Gil, X. IQ 




: :*"WS^s''':^"- ^:y ' 



242 Oskar Lem; 

war sehr eigeDthtimlich. Schliesslich erfuiir icli A\o Ursaclie: «ne 
Frau deB KOnigs war gestern in den Wnid gegangen, iim Holi nad 
Frtlchte zii liolen, dnbei kam sie bis diclit an dae Waeser nnd wurde 
von einem M'pangwe (Osheba), der am anderen Ufer war, bemerkt, 
Dieser letztere scboss din Frau ohne Weiteres todt. Recht bezoich- 
Qend fGv dieses wilde Volk! Die Okota quo fohten sich viel zu 
Bcbwach und zu oLnmachtig, am irgend etwss gegen die Osheba zu 
iinternebmen , und kdnnen weiter nicLts thun, ala sicb immetmebr 
vor dieaen zurilckziiziehen. Frtiber, es kann nocb nicht 10 Jabre 
lier sein, befandea sich zahlreicbe Okota- Dijrfer am recbten Ufer, md 
man sieLt nocb vielfach deren Ueberresle ; gegenwartig leben alle 
Okota am Jinkeu Ufer oder auf Ineeln. 

Hier wird aebr viel Liamba gebaut. Ea ist dioK cine dem Indtscbea 
Hanf Bebr Sbnliche, wabrEcbuinlich mit diescm idontiscbe Pflanze, 
deren Blotter leidenechaftlich gem geraucbt wcrden and eine opium- 
artige Wjrkung haben. Man bedient sich zuin Kauchen dieses 
Erautes der 4 — 5 Fubb langen Blaltstiele der Plalanen, die auege- 
hSblt werden und an deren Bpitzerem Ende eine kleine Tbonpfeife 
gebundeu wird. GewOhnlicii wird das Liamba unter anderen Tabak 
geraiacbt; dadui-ch wurden dicbfe Dampfwolben erzeugt, die einen be- 
taubendeu Geruch baben. 

Wir verliesaen am anderen Tage erat gegen Mittag die Insel 
~a am Murgen ein heftiges Gewitter ausbracb, und ge- 
langten each einer vierstDndigen barten Fahrt durch daa fclaenreiche 
Inselgewirr nacb dei- letzten, aber ziemlicb bedeutenden Okota-Town, 
Mbongo, wo ich dem Wnnscbe Kenoki's nacbgeben musate nnd einige 
Tage Rast machte. 

Auf dem Wege dabin konnte itb an den ealiHosen Feiaen die 
LagerungBverbaltnisse der Schiefer recbt deutlicli wabmebmen. Das 
Gesiein beatand bier aus einem echinntsig- grasen, glimmerroichen 
Thonschiefer i deraelbe war im Grosson ia dicken BSnken abge- 
BOndert, im Kleinen war er aehr d On ne chief rig, da wo er ataik dem 
Wnsser ausgesetzt war, blSttrig. Die Scbieferunga- und Schiehtunga- 
fi£chen fielen zusammen, dagegen wurde das Gestein noch nacb alien 
Kichtungen ron Kliiften durchsetzt. Ueberiiil zeigto sich ein Fallen 
nacb Osten unter einem Wiukel von vieileicht 75" und im Allge- 
meinen ein Streicben Ton Nord nacb Sod. An einer Stelle war 
diesem Tbonacbiefer ein grobes Quorzconglonierat, bestebend aus 
abgerundeten baselnuas- und bobnengrosscn Bracken von weiBsem, 
blauem und rothem Quarz, direkt aufgclagert, danu kam wieder 
Tbonscbiefer, so dass dieaes Cong!omerat eine Einlagerung bildete. 

Gegen Abend also kamea wir in Mbongo an. Es iat dies ein 
Complex von mehrcren kleinen Diirfern, reizend am Fusae einea 
gleilen HQgels gelegen, von dem an mebreren Punkten Quellen oder 



Reiae ftof dtfm Okandn In Westatrik:i. 213 

Buclie in Form von WHsserfSlIen tierabBtiirzten, das erste Quellfvaflser, 
dtis wir auf unaerein Wege Tun Jen. Als wir ankamen, war der 
EOnig gerade abwesend; bald erscbieo er nnd zwar in aelir aufge- 
regtem Zustande. Er kummerte Bich anfangs gar niclit uro uns, 
sondern liielt einc IcidcuBcbaftliche Bede an Eein Volk, worm er 
erklfirte, die M'pangwe fdrcliteten die Okota! Es hatte sich dSiD' 
lich am recbtea Ufer ein eicizelner M'patigwe aehen lassen. wabr- 
Ecbeinllcb um mit den Okota ilber irgend ein Palaver zu sprecheo. 
Unscr guter Konig war nun wirklicb mit starker Begleilung hiuQber- 
goradert, und da der einzoino Osbeba den Trupp Okota nicht ohne 
Weiteres gelOdtet iind aufgefreBsen hatte, so befrachtete der KSnig 
Aas Ganze alB eine grosae Hcldenthat seinerseilB! 

Icb will bier bemerken, dass die Osheba keine Canoes haben, 
soDdern aelir primitive FlOsse: 4 Stangen zusammengebtinden, und 
maucbmal noch cine Art Gel&nder heruni, das iet Allee. Im Uebrigea 
benutzeu dio M'pangwo selten den FIubb, sondern geben nar Laad- 
wege; es sollen vom Okande Lands an durcli den Wald bis nach dem 
Khembo, also in die Nabe von Gabun, Buacbwege gebon. Sicher 
isl, dasB nnr anf dieBera Wege die OBheba ihre Gcwehre, Pulver etc. 
bekommen baben, 

Der Konig von Mbongo ist ein gutmiithiger , sehr beweglicber 
Manu Diit nur einem Auge, der mir deo Aufentbalt so angenehm 
wie mSglicb zu macben sucbte. Er war durcbaus nicbt babgierig, 
Bondern niit allem zu fried en , was ich ibm gab, Obgleicb er nicht 
der in&chtigste Okota-Ednig ist, bo bat er doch viel Einflues, denn 
in seinem Orte ist der Mlttelpnnkt des Okota -Sklavenbandels. in 
abnlicber Weise, wie in Lope gewObnlicb die SklaveDgeBchafte der 
Okande abgemacht werden. 

Ich beBtieg uiebmals den kleinen Iliigel dicht hinter dem Dorf, 
von dem aus man einc hiibscbc und weite Aussicht genlesat. Recbt 
imposant ist der AnLlick des Bcbriig gegenliberliegenden, vielleicht 
2500' hobrn Otombi, desseu zwei hOchste, nicht bewaldele Spitzen 
hAulig von "Wolken bcdeckt sind, was vielleicht die Voranlaasung zu 
der unglflcklichen Entdeckung von Vulkanen gegebcn hat. Dor Otombi 
wie alle umberliegenden HUgel und Berge geb5Pt aoch zu dem 
Scbiefergebirge ; die Abhftnge der meisten Berge bior sind mit 
groBsen und kleinen Quarzgerollen bedeckt, 

Wir wollten am 31, Dezomber frUh aufbrecben, aber dar 
Himmcl war ao stark bedeckt, daas wir fdrcbten muBston, tiicbtig 
durcbn^Bst zu werden. Bald bracb denn ancb ein echtca tropischea 
Gewitter aus, das abet nitbt lauge andauerle; trotzdem beachloaa 
ich, nun uoch heute hier zu bleibeu. 

Am 1. Januar des neuen Jahres verlieasen wir Mbongo und 
damit daa Okola-Gebiet. 



244 03karLenz = 

Waa den Clmrakter der Okota Im Allgemoinen betriffl, so tniiBB 
ich denselbca im Verhaltniss zu den Akelle, H'paugwe iind andercn 
Stammen ala friedlicli bezeicbDcii, Indees ist es mehr Fnrcht und 
das BewDBStsein Aer Olmmacht, was sic liindert, feiadselig gegen 
Andere aufzutretcn, und eine gewisse Hinterlisl ist ilinen nioht ab- 
zusiirecLen. Sie sind faul, ihi'e H[itton Bind dQrtlig und wnrein; 
sie njachen wwler Gumnii nocb scblagen sie Holz, ibre gauze Tharig- 
kcit ifit der Sklaveniiandel, wobei sie eine Art Unterhandlerrolle 
spiclcn und eich dadurcli ibro geringeren BedQrfnisac (Gewebre und 
Pulver vnrzQglich) verscbaffcD. Die wenigsten trageu Zeug, sie be- 
gnilgen aicb niit eincm Belbstverfertigtcu Mattonkleid , daB Bie um 
die Hiiften GchJagen. 

Von Knnstprodukten bemerkte icb wenig: acMocLte Tbontiipfe, 
rob BUS Holz gcsohnitzte ScbbgI, aber ilire Pi'eifea sind von einer 
intereRBunten und ungewlibiilicben Foi-m. Daa Kanclien gebOrt zur 
Hatiptbeachaftigttng und Vifle bringen die Pfeifo den ganzen Tag 
nicht ana dcm Munde. 

Die gasammte Okota-BcT5lkemug ist nicht aehr slark und ddrlle 
dieselbe de zal Ire hen Sfclaven abgercchnet, nicbt viol Ober 1000 
bis 1500 Seelen betrage Alle Okola bewohnen, wie scLon er- 
Tvahnt, gegcnnart g dns 1 nke Ufer des FIhsscb oder die in demselben 
liegenden Inaeln 

Trotz Btaik bewojktem niinmel broclien wir am I. Januar 1875 
frObzeit g von der letzten Okota-Town anf und erreiohteo Abends eine 
klcine Sfindbank, nicht weit vom eisten Apiiigidorf, nuf der wir daa 
Nncbllager aiifschlugen. Dns Wasser war anf der durclifahrenen 
Sireeke iviederum aiiBserordentlicb reisscnd und goftllirlich, besonderB 
an einer StoHe am Fuss des Otonibi, wo der Fluaa eine scharfe 
Biegung von NO. nach SO. raadit; wiederholt mussle ausgostiegen 
werden. Daa auftretende Gcatein war cin sebr feinkomiger GnebB, 
iibnlich denijenigen, bus dem die grosBen (erratlscbcn oder wenigstens 
angepchwemmten) FclBblScke bei Adolinnlonga und am EHva b'Jo- 
nanga beatehcn. Es ist sehr waLrdcbeinlieh , dass diese BlOcke aua 
diearim Gebiet stammen. 

Unserc Flolte hatte sicb vergrOsserl: einige kleinere Okota-Canoes 
schlossen sith an, walirschcinlieh um mit den Apingi Sklavenge- 
scbafle abzumacben, nnd ebenso ein auf der Riickfahrt begriffenea 
Canoe mit Okandcleuten. 

Am andern Tag passirtcn wir einige provisorische Apingi- 
niederJasBungen, suwie eine Reibe verlassener und verudcter DOrfer, 
uad hielten gegen Mittag iu einer grasaereti Apingi-Town, die Limba 
reni genannt wurdo, also ebenBo wie King llenoki's town. Meina 
Begleitung schien keine groGse LuBt zur Weiterfabrt zu babea und 
Bo blieben wir bier. Ich nahm vom Hause dea KOaigs Besitz, dem 



Rpise aiif ilpin Okmide in WeBtafrilta. ■2ib 

einzigcn, in dem man uilciifiilla einc Nacbt zubmgeu konnte; alio 
anderen Hauser waren elende eclimutaige Hiitten, 

Daa ganze, aua 15 — 20 HaiiBern bestehonde Dorf machte iiber- 
tiaiipt eincii Arnilichen Eiiidriick: die HUtten, wie benierkt, sehr 



diirftig, 


nur 


aua 


eiDigcn 


Slangei! 




. rerf alien en 


Mattendacb 


und 


Wauden 


au3 


Uauuirindo 


besteher 


id, klein und nledn'g; Hiihner 


und 


Ziegeii , 


die 


icb 


bisher 


ironier n 


iicblich 


fand , gab 


ea Uer nuf 


aehr 



wenige, 

Nur einige hundert Sulirltt von dieaem Dorfe war cin zweites, 
Avnpumante genantit, dessen beiiucli raiv aber njcht gem geatattet 
wurde. Man war iiamlicb gerade bescbaftigt, ,,dpn Teufel aua eineni 
Haase herauBzulreibRn", oder, wie es aich in Wirkliciikeit verbielt, 
ee fand eine joner grossen Ceremonien statt, wobei ein Mensch 
(wabracheinlicb ein Sklave oder ein Verbrecher) zum Opfer fiel. Ich 
versucLte natQrlich auf alle Wdise Eintritt in das Dorf zu bokommeu, 
aber alle Loute, selbat der alte Kenoki tmd die ubrigen Ininga-Cbeis 
riethen roir ab. Ich wiirde mir damil ein grosses Palaver zuzieben, 
das mir einerseits sebr vitl koslen wQrde, und andererseita bereitele 
i<:h aucb den Ininga's grosse Unannebmlicfakeiten, Tcli muaste dem~ 
Dach verziclilen. 

Die Apingi sind ein ungeniein sanftea und ruhiges Volk, wulcbes 
wobl nie mit eineni seiner Nacbbaren Febde hat; auch aiud sie 
iiumeriacli viel zu Bcbwach. Die hier am Fluaa lebende Apingi-Be- 
vfllkerung betrSgt w.ibl kaum mehr als 5 — 600 Kopfe (wobsi die 
Sklaven abzurechnen sind) ; nun muss man aber berQcksichligen, daes 
Dutbailln weiter siidlii^h , am Mittellauf dca Kbembo Ngunie auch 
Apingi gelroffen bat, die jedenfalls von den unsrigen nicht vei'schie- 
den aind, sodaas diese letzti'ren vielleichc nur eiu versprengter Zweig 
dea ganzen Apingi- Volkes eind. 

Handel rait den Weisaen oder deren schwarzen Trado-raen treiben 
die Apingi niebt; sie verfertigen wedor Guinmi uoch findct aiuh 
viel Elfenbein in ihrem Gebiet; ibre einzige Besthaftigung ist der 
Sklavenhaudel, wobei aie enlweder aelbst nach Okande geheti, und 
die dort gekauftcn Sklaven an die Gnlloa und Ininga verkaufcn 
oder auch eine Art Vurmittler spielen, Ihrc Industrie iat gleiub- 
falla iinbedeutend; sehr primitive, jedes Ornamenta entbehrende Topfe 
nnd ScLalen von Tbon, kleine Thonpfeifon und kkinc geibe Matlen, 
aus denen ste ibre Kleidang verfertigen; aelten sieht man Bauni- 
wollenaeug verwendet, Manner und Frauen bedienen sicb einfach 
eines grosaen >Stlickea Mattenzeug, das sic um die HUften schlagen; 
Kinder geben natiirlich nackeud. Wie alle Negervfllker, die wenig 
auf ihro Toilette gebcn, vcrwenden sie dagegen groaae Sorgfalt auf 
die Pflege dea Haupthaares. Die Fraueu bauen sich Wdlste von 
cotoBSalen Diaiensionen auf dem Kopfc aufj und die MAnner acheereu 




allerband Fignrea, Krciae, Halbkreiso, Slreifen etc. in das Haar. 
'Viele scheeren den Kopf ganz glalt and lassen nnr atn Wirbel, 
oder vorn an der Stirn, oder an den Seitcn ein klelnes Haar- 
zdpfcben atehen. 

Um itbrigene den Leuten nicht ganz Unrecht zii than, muss 
ich noeb einer Art Kunsttlifiligkeit erwabnen, der sich in zahlreicben 
eingescbnittenen Verziernngen aof B&nken, Tbilren und Fenatern za 
erkennen gab ; die dadurch ira Holz entstandenen Vertiefungen waren 
btinfig mit scbwarzer, rother nnd weisser Farbe auageitllll, eodaes 
dadurch die aonderbarsten Figuren entalanden. 

Im Lanfe der n&cbsten Tage paasirten wir nocb eine Reiba 
kleiner Apingi-Niederlaasungen, von denen eine der andem glich; 
die Beviilkening ist hier aehr acbwacb, oft fanden wir nur einige 
weuige Leute im Orte, die Mebrzabl war im Wald, am M'beka zn 
bereiten. Es beateht dieses hier sebr hiiufige Nahrungsmittel ans 
den Eemea der wilden Mangowpflaume ; die Leute bleiben dann oft 
Wocben lang im Buach nnd em'chten sicb an etwaa offenen Stellen 
Schutsdficber, unter denen aie die NtLchte zuhringen. 

Am 4. Jannar traf ich zam eraten Mai mit Abongo oder 
nach Duchailla b o n g o (Babjingo ist der 8ingalar) znaammen. 
Spliterhin babe ieh noch mehrfacb Gelegenheit genommen , derea 
Niederiassangen za besuchen, and ich will bier, vorgreifend, meine 
Ansichten und Beobacbtnngen, welcbe lelatere natdrlich noch mangel- 
haft sind, Qber diesea VOlkchen anbringen. 

ZunSchst bilden die Abongo keiiie zuBammenbfingende Nation 
mebr, sondern sie leben vereinzelt nnd leratreut zwischen den ver- 
scbiedenen VOIkeracbaften, deren Sprachen sie dann annebmen. Es 
gibt Abongo-Niederlaaaungen zwiacben den Osbeba, und ebenso finden 
aich dieselben im Apingi- nud Okande-Gebiet; ja ich hOrte sogar, 
daas sicb bereite in dem Oebiet zwiacben dem Rhamboe-Riyer and 
Cap Lopez, sowie in den W&Idem zwiachen Uuni und Mnndah ver- 
einzelte Akoa-Familien niedergelassen hfitten. Mit Akoa bezeicbnen 
die Gabaneaen Orangu, Xkomi, Galloa und Intnga, tlberhaupt alle 
im Boscli lebenden Neger; anch die Abongo im Okandetande warden 
mir anfangs immer als Akoa bezeichnet. 

Bei der Wahl eines Wohnortes, der librigens bfinfig gewechselt 
werden mag, vermeiden die Abongo soviel wie mOglicb die N'Sbe 
eines bewobnten Ortes ; die Niederlaaaungen, die ich beauchte, waren 
sfimmtlicbe Stuoden weit vom nficbsten Dorf entfernt. Die amwohnen- 
dea Vdlkerscbaften dulden die Abongo als vSllig ein harmloaea and 
ungef^rliches Volk das fQr sie uur iosofern Interesse hat, als sie 
demaelben bin und wieder die Kinder rauben, am sie als Sklaven zn 
verkaufen. Die Abongo, in ihrer Vereinzelung rfillig unf&hig zur 
Gegenwehr, suchen sich im GefUhl ihrer Ohnmadit natOrlich so gat 



Hclsi- Ruf dem Okande in Wastafrikn. -24; 

wio luoslicii zu vcrbergcn und wabten dealialb oft tnitlen im Vi-wahi, 
abcr immer in der Kfihe eint's fiscbreicben Wassers, iliren Ant'enl- 
balisort. Der Charnkfcr der Abongo ist in Folge einer vieJleicht durch 
Jahrhnoderte tortgesetzlen Vei-folgtmg iind UnterdrOckung Bcbeu iinrt 
fnrchtaain geworden; sie seben in jedem andern Neger ibrcu natlir- 
licben Gegner, vou dem sia iiitr Scblimraea zu ei'warton babeo, und 
vernieiden so viel als mftgHch den Verkebr mit ibrer Umgebung. 
Ihre geiBlige Entwickelung- ist scbr unbedcutond ; Stuinpfsinn und 
Apathie, vOllige Gleicbgiltigkeit gegen Alles, was von AuBseo 
kommt, drQckl eich achon in ibrer Kopfbildung, dor niedrigen Stim 
nnd ihrem nicbtsaagenden , unmhigen Ange nus. Wiibrend andere 
Nationen die verschiedpnen UtynHtlioQ des weissen Mauaes mit Nea- 
gierde und Erstauueu betraditeii, erregte boi meinen Besuchen Nichta 
das Interegse der Abongo. Viilb'g gleicligiltig blioben die Lenta bei 
nnserem Erscheinon liegen, und erst als sie Salz aaben, warden sie 
etwaa Icbhsftcr und tiiugchlen dieses kostbare Gut gegen M'bekn 
und Fische ein. In der Hautfarbe ntiteracbeiden eich die Aboago 
nicht vnn den antieren NegcrptSramen j es ist jencs Licbtebokoladeu- 
braiin in den verscbiedenaten Niiancirungen , waa man bier liberall 
nntrifft. 

In dor neuerdiiigs so vielfacb ventilirlen Frago der „Zwerg- 
vOlker" apielen mm bekaiintlich die Aboiigo keine unbedeutende 
Rolle, und ea ist bi'sondcrs Ducbaillu gelungoti, durcb seine pbantaeie- 
Teicben Schiiderungon der Obongo-dwarfs eine Keibe falacher Vor- 
stellnngen zu erwecken, Pie Abongo sind niebt nur ein geistig 
heruntergekommenes (oder auf ticfer EntwickelungsBtufe stcbeu ge- 
bliebenea), sondern auob ein kQrperlich verkommenes Volk, bei dem 
ich nie eine groase iind krfiflige Geatalt gefucden babe. Wolil aber 
snh und niaasB ich verschiedeno Manner von 5!i Fuss (1,75 Meter), 
wfibrend ioL andrerseils einige junge, aber ausgewacbsene Burschen 
von nur 1,48 Meier, und raelirere allliche Frauen von 1,30 Meter 
beobachfete; MissverbSltniaae von einzelnen KOrpertlieilen zum Gauzen 
bemerkte icb iiicht. 

Meine Beobnehtongen beziobon sicb natUrlicb nur anf oin aelir 
beschrfinktea Gobiet; icb kenne nicbt die von Ducbaillu geseheoeu 
Abongo, noch diejcnigen am Congo; kh boffe aber, danselhe Volk 
weiter im Innern, vielleicbt unter eineTii anderen Nanien wieder an- 
zutreffen. Icb bin uberzeugt , dass die Schweinfurtb'scben Akka 
nnd die biesigen Abongo zu einem und demselben grosaen, aber 
versprengteu und unterdriickten Veike geboren, von dem man woLl 
mit Rccht anuimnit, daas sie die Autocbtbnnon dca iiquatorialen 
Afrika's sind, und aie in demselben Yei'b&ltnias zu den anderen 
Nationeo steben, wie in Sadafrika die Buscbmiinner zu ibrer Um- 
gebucg. Nadi alleni aber mOcblo itb mit dem Worte ,,Zwergvolk" 



J 




248 0»k» 

sehr vor3Tcliti(^ amgegangen wisBen; es knQpfen eicli Voretellungea 
damn, Hv- mit den tbatsiicblichen Vcrhfiltnisaen niclit Ubereinstimmcn. 

In rler ganzea Lebensweise der Abongo, im Bau der Wohnuogen, 
in den Xaliruiigsiaitteln, den Waffen etc., zeigt sich, daea dieselben 
auf eincr niedrigerea BilduDgs- und Ent^TicklungBStufe atehen, ata 
alle die znlilrci^iben VolksBtamme, zwiscben denen aie wohnen. Im 
Otandelande baHen Abongo die aus irgend einem Grunde von den 
Okando vcrlas.souen HSuBer eingenoininen iind wobuten bier in den ver- 
fallcnen Hiltten. Im Apingilande bcauchto icb cine sebr intereBsante 
Abongo-Nicdorl.iSBDng. Dieaelbe liegt, weit ab von jedem Apingidorf, 
am FlusK, iet aber von diesem durcb einen Slreifen WaJd getrennt, 
BO dasa das Durf vora FIusb ans nicbt bemerkt werdeo kann. Der 
Zugnng xn Aen IlGtten war ein sebr scbleciiter; disBe letzteren selbst 
lageu niilten im Wald in einer kleinen kdnBtlicben Lichtung. Kein 
Plata nenbauui, kein Maisfeld, niehts verrieth die Existenz von menscb- 
lidien Wobnimgoa. Die ganze Anaiedelung befitand aus 10 HQtten 
und oinem frlcbiitadach, die Bevolkerung ana 20—30 KOpfen. Die 
Hillten siod li nlbkugelfOrmig, circa 4 — 5 Fubs boch, von einem 
gleich grosscii DurcLiaeBser and beBteben niir auB dilonen biegsamen 
Zweigeii , din an zwei Enden in die Erde gesleckt werden ; die 
Oeffoungen zwiscben den einzelnen Zweigen aind mit groseen Blgttern 
verdctkt. Am FuSBboden findet sich eine 1 J^ Fhbb hohe und ebeaso 
bi'cite Oeffniiiig, durch welche die Abongo in das Innere der Hatt« 
kricclien. lu letsterer solbst befindet sicb nichts welter ala eine 
robe Made, al^. Seblafatelle, die manchmal noch auf einige Zoil tiber 
dtn EiiUiil'ii irliabenen Stfiben liegt, Bowie das unvcrmeidiiche, nie 
vollig M?il ■-' liLiide Feuer. Ausaerdem befand aicb noch in der 
Niedi^rla.^^mijij- niii aue einigen Stangen und datiiber gelegten Matten 
bostebendcr; fichufzdaeh, unter welcbem 6 — 8 fthnliche Schlafatellen 
wareu, wle in den Hiitten, Daa Ganze macble einen unglaublich 
dOrtligen Eiiidvuck. Die Bewobner waren entaetzlich acbmutzig und 
lagen faul in ilircn Huttcn; nnr einige alte Weiber bereiteten M'beka 
aus Buscbmangow; dieses und Fische bilden die gewObnIicbe Kabrung 
der Abongo. Die Kleidung der Leute war mehr a)s diirftig: etn 
kleinOB Sliiuk schmntzige Matte war das einzige Kleidungsatfick der 
MJinuar; crwacbBene Madcben und aelbst Frauen iiefen fast nackend 
bei'um, und uinige nackte, entaetzlich scbmutzige Kinder krochen bei 
unserer Ankniift fiircbtsam in die Hiitten, Fiir BAumwoIleazeug, 
Perlen, iiberhaupt Schmuckgegenstfinde zeigten die Abongo wenig 
Intetesee, dagegen waren sie begierig nacb Salz; es ist dies aber- 
liaupt am obifren Ogowe ein sebr bedeutender Handelsartikel und 
bildct beim SkUvenhauf, njichat Gewehren and Pulver, das wichtigste 
Kaufohjekt. 

Von ^Vaffen bemerkte icb nnr «nige rob gearbeitete Speer«, 



mf dem Okands in Weslnfrika. 249 

(lio wabrecheinlicb voti den Akelle Htammen , sowie klelno Bogen 
mit nar eincn Fusa langer Sehue, wozu aie holzcrne, an tier Spitze 
vergiftete Pfeile haben. Dae Gift soil, wio man mir aagte, sebr 
alark Bein imd die geringste Verwiindung den Tod des gelroffenen 
Thieree bewirken, Ziim Fangcii dor Fiscbe stellen eie einen Korb 
in dna Waeser, aus dem die Fiscbe nicbt bcraus kOnnen. Ferner 
stricken aie sebr grosao und starke Netzo zum FaDgen von Biiscb- 
thiereD. Dieae Xetze werden zwiseben den Bfiumen halbkreisfOrmig 
ausgespannt, unr] von der andei'en Scite trcibea danii die Abongo 
die Tbiere unter grosBcra GeraiiscU hincin, iim sia dann zu erlegen, 

Alle die Abongodiirfer tragen den Cbarakler einer proviaoriachen 
Niederlassung, Die Leute sind atets darauf gefaast, vom Xacbbar- 
volk vertrieben zu werden, und eind desbalb atets bereit ztim Anf- 
brecben, um an ciner anderen Stelle, vo aie einc Zeit lang aicb ge- 
aicbert glaubcn , ibr dlirlligea , ao wcnig AnaprDcbe stellundes 
Vegelircn forlauaelzen, 

Uebcr die Spracbo der Abongo siehe welter unlea die Be- 
merkung zur Spracbenlabplle. — 

Nocb am 4. Jaiiuar verliessen wir daa Apingi-Gebiet und biclten 
Abends an einer Obope genannten Stelle, am Fusae eines aanft an- 
steigendeo HiigolB, von dem cin acbaumcnder Gieaabach berabkam. 
Bereitfl eeit einigeo Tag«n beobacbteto icb viele RollatQcke von 
echtera Glimmeracliiof er, und hier traf icb dena daa Geatein 
anslebend. Das in niftcbtigen Banken abgeaondertc Geatein besteht 
faat nur aua silbcrglanzenden GlimmerblattcLen und kleinen rothen 
Granatcn; letzterea Mineral ist so baufig, dasa man das Geatein 
recbt gut ala Granalglimmerachicfer bezeiclnien kanu. 

Der nacbale Tag war sebr beachwerlieb fOr meino Leute; der 
Strom macbt bJiufig etarkn Biegungen nnd daa Wasser war in Folge 
deaaen ungemein rcissend. Es niuaaten iiftcrs alle Gegenatande aua 
den Canoea genomnicn und eine Strecke getragen werden. Icb 
aelbst ging den grSaaten Tbeil dea Tagca aiif den HOben, die nur 
mit Graa bewacbscn aind und Ober die sebr gute Fiiaawege fflbren. 
Icb poBsirte dabei mehrere kleine Akelie-D5rferj die Tliitler zwiscleu 
den einzelnen Bergen ivaron dicbt bewaldet und scbwicrig zu durch- 
gebon, oline Wrg und Stog, und nur vereinzelte geknickte Zweige 
geben die Riehtttng an, in der man das nficbate Dorr anfrifFt. An 
einer Stelle kam«n wir in eine groaae Elcphantenfenz , d. b. einen 
groaseu umfriedigten Rauni, in welcben man die Elepbanten Ircibt, 
um aie dann leicbter zu erlegen, Wir aeblugen unfler Nacblquarticr 
in der Xabe cines kleinen Akclle-Dorfea auf, wekbea kaum raehr ala 
eino Slunde von Mbombi, der erslen Okande-Town, entfcrnt ist. 

Ehe wir am anderen Morgen aufbracben, fand noeb eine grosse 
Feierlicbkeit slatt, Henoki bielt eine groaae Kede, die bSufig durtb 



das Klingcln mit dcr Fetiscliglocke tintcrlirouheti wiirde; cr deutete 
daraut' hio, dnas wir nun dae lang ersehnte Okandti-Land bctrotcn 
hfitten, uad ermalinte beannders, dues sicli die loingaleutu Eowohl 
ala meine Gorre and Gabunesen Tor Slreitigkeiten ^lit den Okande 
und den anderen VJitkera hilten mOcbten; deon es eeien dies Ibnen 
gegeuUber docli nur ..Wilde" nnd bushmen! Darauf wurde wieder 
die weiase MediEin gekocbt, womit sicb die gauze Gesellschftft Ann, 
Brust und Gesicht bestricb. Wir paaeirten an diesem Tage die 
Dorfer Mbombt nnd Abongo und hieltea Abends in Njamba. 

Die Okande-Towns liegen nicbt direkt am Wasser, sondern auf 
den Hoben. In letztgenanntem Dorf faielt icb micb einige Zelt aof, 
icb war der erete Weiaee, der dasselbe besncbt«, und die Leate waren 
nagemein neagierig. Die Lage deesolben iat sehr acbSn ; ee besteht 
Rus awei langen Reiben grosser nnd gut gebauter Htiuser, die dnrcb 
eine sehr breite und reinlicb gebaltene Straase getrennt eind; am 
Snseersten Ends des Dorfes ist das Haus dea EOnigs, gleicbzeitig 
FalaverbauB. Das ganze tnachte einen dberauB Ireundlichen nnd 
angenehmen Eindiuck. Man bescbenkte mich von alien Seiten mit 
Hahnern, Ziegen und Flatanen, so dass meine Leute sehr befriedigt 
von dem Empfang im Okandegebiet waren. Die Nacbtquartiere 
wurden nicbt im Dorf, sondern an dem Flnssnfer erricbtet, wohin 
dann die Dorfbewohner schaarenweise kamen und wo sich nun ein 
ausserordenllieb buntes und lebbaftes Bild entwickelte. Die Lente 
brachten alles nur MSglicbe zum Verkanf: Zifgen und Schafe, HOhner, 
Honig, Platanen, Mais, Erdntisse, M'beka, Fische etc., ebenso Holz- 
scbnitzereien und Korbflecbtereien, von denen sie wussten, dass ich 

gem kaufte , knrs, die zahlreichen fiivonakfener beleuchtetpa 
inen Jabrmarkt mit Hunderten von Menscben, unter denen icb der 

ige Weisse war. 
Ara 7, Januar bracben wir wieder auf, nnd icb ging fast den 
ganzcn Tag ISngs des Ufera, tbeils des schlechten Wassere wegen, theila 
um die verscbiedenen Okende-Towns zu besuchen. Die grosse Mebr- 
zabl derselbeD war ziemlich leer, da sicb die BevOikerang in dea 
Plantagen aufbieit, alle eber bestandcn ans groaeen, gut gebanten 
H&asern und lagen reizond auf den Abbftngen der fiei^e. Die Kacbt 
bracbten wir gleicbfalla in einem Okande-Dorfe za, dessen Bevolkernng 
nngemein neugierig war und mein gauzes IVeiben mit grossemEr- 
staunea betracbtete. In dem FetisclibaiiB dea Ortes safa ich einige 
gut erbaltene GorillascbSdel , die man mir aber nicbt tiberlieas, dft 
aie ala Heiliglbum verehrt wnrden. Dieses Tbier soli sfidlicb vod 
bier, nacb dem Asbiralande zn, b&nfig sein. 

Am aadem Rforgen liess Renoki wieder eine seiner grossen 
Feierlicbkeiten los, wir nfiberten una ja Lope, dem Endpnnkt der 
Okande- Reiaenden. Unter bestfindigem Schieaaen, Tamtamecb lagen 



Reiae niif dem Olmnde in Westafrifea. 351 

and KdEseln dor FetiscLglocken nahertea wir uns Inngsam deto 
reizend gclegenen kleinen Dorfe, Der FInss maclit eine knrze 
Strecko var dem Orle eine atarke BJegung, und plotzlicfa bietet flich 
dem Aoge die herrlichatc LandBcliaft dar: eiue seeartige ErweiteruDg 
icit einer kleinen Buvht, so weit daa Auge reicbt, eine groase Ebene 
init saftigem Griin bedeckt uod niir alellenweise diirch kleine Baiim- 
gruppen ucterbrocben ; dicbt am Wasaer eriiebt sicli eia scboner 
Granitkegel , der Okeke, an di'ssen Fnsee eich die wenigen Hauser 
von Li>pe beliDden. Obgleich dieses Dorf schr klcin ist, so ist das- 
selbe trolzdem dcr Mitlelpunkt des Handcls zwisclien Ininga und 
Okande eben seiner bpqueinen Lago wegen. 

Zwiscben Lope und Ashuka, der letzten Okande-Town , debnt 
sicU eine grosee Prairie ana, in wclcher sicb zablreicLe kleine Niedei- 
laBsnngen bcfinden, mcist nur von einer oder einigcn Famltien bc- 
wolint. Da der Fluss zwiscben Lope und Asbuka einen Jialbkreis- 
j^rmigen Bogen bildet mit zahllosen StTomscbnellcn etc., so flndet 
der Vei-kebr zwigehen beiden Orten Qber Land statt; die Entfernung be- 
tragt migeffibr drei Slunden. Etwas oberhalb Lope bildct der Strom 
eine grosee Inscl, Egenshi genanni, aiif dcr gleicbialls zaldreicbe 
kleine Okande-DOrfer , sowie aiicb einige Abungo-Niederlassnngen 
Bich belinden; letztere haben verlassene und zerfallene Okande-Haiten 
oingenumnien. Vor einiger Zeit ist dcr mftcbtigsle unter den Okando- 
Kiiuigen gestorben , und man balte nnr die Ankimft Renoki's er- 
wartet, um eine neue KrOnung vorznnehnien. Das Verbftltniss der 
Ininga, und besonders der FamiJie des Renoki, zu den Okanda ist 
ein ganz eigontliClmliclies. Jedes grossere Okande-Dorf hat allerdings 
eino Ai-t KQnig, der gewtibnlicb der Aellesto des Ortes ist^ alle 
diese stehen aber docb unter dem Hauptkiinig, und dieser hal acbon 
eeit sebr langer Zeit dem loinga-Stamm und speciell Renoki's Familie 
angebort. Dabcr rlibrt denn ancb der grosse Einflusa, den die Ininga 
auf dem Flusse babcn. 

Der neugewflblte Kftuig war ein junger Mann, Nnmeua Baju, 
dfls Dorf, in wekbem er seiue Heaidenz aufgeecblagen liat, beisst 
Manjibenga und liegt auf der erwfihnten Ineel Egensbi. Er ist ein 
Urcnkel von Eenoki und der letzte ]ebende Spriissling von desscn 
grosser Familie im Okande-Landc. 

Die Feierlicbkeit wurde natfirlich mit mftglichst groKsem I'omp 
durcbgefohrt ; der neiia KOnig erbielt von Eenoki zahlraicbe Ge- 
sebenke : einen groseen schwcren Artillerietiicb mantel, einen KQraasier- 
belm, Stoffo, Salz etc. NatUrlicL musate icb aucb enlaprecbende 
Gescbenke geben, ilber die der junge Herrscher sebr erfrent war, 
so dass iuh \ho mir gewissermaassea zum Freuud gemacht babe. Er 
versprach niir, er wolle, sobald icb wiedcrkame, Alles iiir micb ibun, 
v'as in seinen Kriifteu stebe. Der Uauptakt der Feierlicbkeit bestand 



in der langcn Redo, die Reuoki vor der znhlrelchen Versamtnlung 
hielt, ond worin er dom jnngcn KOnig seine EecLte iind PfiichteD 
HuseiiianderBetzte, und dann die Okaude uud Ininga Gehorsam zum 
ermabnto. 

Der Stamm der Okandc iat ziemlich zahlreich und es diirfte die 
Siininie von 3 — 4000 Seelea niclit zu hoch grgriffpn scin ; freilidi 
vprtheilen sich die Okando auch tiber eiii Gebiet von 15 — 20 Quadrat- 
meilen, Dicbt bei den Okandeleuten, und Ofters tniflen unter ihnen 
wohnt noch daa Volk der Aaimlia, deren SpracLe aber nur ein 
Dialekt dea Okande iat. Wabrcnd erstere sich mebr in dor NSbe 
dea Flusaea angcsiedelt baben , sind die Wobnungen der Asimba 
mebr im Biunenlande. siidlich von Lope; aonst iat kein wesentlicher 
TJnterscUied zwiachen dicsen Stammen, sie verhalten aich zu einander 
wie die loinga zii den Galloa. 

An das Okandegebiet im Slldweaten grenzen die ao weil ver- 
breiteten AkelJe, uad zwar 1st ea bier der Stamm der M'bangwe, 
die aich von den eigenllichen Akelle fast durcb nichta, ala durch eine 
k]eiiie Dialektvcrscbiedeubeit uutersclteidcn. Sio sind die einzigen in 
dieaem ganzen gruaaen Gebiet, die bin iind wieder etwaa Gummi- 
bandel treiben; da aber von Okota an nirgenda auf dem Flnaae 
Trade-men waren, so batten sio selten GeJegenbeit, den Gummi zu 
verkaufen , nud ea blicb ibnen acblieaslicb aucb nur der Sklaven- 
Landel. Wie die eigentliclien Akelle, aind nnter don M'bangwe auch 
Sehniiede, die jene eigenthiimlicli geformten kJeinen Wurfmeaser, 
dann aber ancb bis drei Fuse langc Buacbmesaer verfertigen. Sie 
henutzcn dazu dieaelben ebenso so einfacb ala sinnreieb cnnatruirten 
Blasebalge wie die M'pangwe. Die Okandeleuto sind ein scbOner 
Menschenseblag, der fast nur aus groeaen krSftig gebauten Gestalten 
beateht; dabei aind sie friedfertig und gutmiitbig gegen Weieae im 
Itocbsten Grade, und ich geatebe gern, dass mir von alien den zalil' 
reicben Stammen, die ich kennen zu ierncn Gelegcnbeit batte, der 
Okandestamm der liebete ist, und dass ein Aufenthalt auf der so 
berrlich und gesund gelegenen Ilochehene von Lope sehr viel An- 
gcnebmes bietet, Man findet Laufig friacbea Quellwaaser, die Prairie 
iat reicb an Heerden von wilden llindern, deren B'leiacb voraiiglich 
iat nnd mir aebr bu statten kam; in den DOrfern findet man zahl- 
reicke Ziegen, Schafe und HObner; Eier, Houig, Mais, Erdnlisae, 
Pktanen, . Tama etc. hringen die Leute taghcb, kurz dieses Okande- 
Gebict iat gaua geeignet t'Qr einen langeren Aufenthalt. Die Leote 
besilzea einen fiir hiesige Verhiiltnisee groasen Kunatsinn, und be- 
Bondera aind ibre HolKsebnitzereien, wovon ich natQrlich so viel wie 
mOglich erworben babe, von ungemeiner ScbOobeit. Auch durch 
ibra Topferarbeiten , denen aie reobt gefallige Formen zu geben 
wiBeen, aowie durcb das Yerfertigen von alien inoghchoii Sorton 



Roise auf dem Okaiida in Westafrikn. 253 

von KSi'ben unlerBcIieiJon sio sieh vorlUoiUiaft voii aUeii eie iim- 
gebenden Volbern. 

Von WnfFcn iet bier bcreits das alte Feuersteingewebr einge- 
fOlirt, Bogen uad Pfeile baben die Okdiide nicht, SpieESO Bind selten, 
und mehr zur Zierde tragen sie am GOrlel ein kurzcs aber sebr 
breites Meascr, goirObnlicb iii eincr Holzsclieido stcckend, dio tuit 
SchlnngenhauC Ubcrzogen tind ott mit eineni liftbscbgeEchnitzten GriS' 
verseLen iat. Flinte mid Pulver kaben in Afrika schnallere Fort- 
schritle gemacbt als die Keisond™, iind icL mOcbte fast glauben, 
dsBS mau, von Oknndo aiis in nordostlicber Rtcbtuug reiaimd, immer 
Siftmiiie trifft, die Gewdire Laben, bis in daB Nilgebiet binllbor. 

In Folge des Sklavenhandels in Okaiide triffl man daselbat eine 
Menge, Menscben, die nicht sellen weit aus dera Iniiein staninien, 
und icb beDutzte natitrlich jede Gi'Iegeiibeit , um irgend Etwas zii 
errnhri?n. Fr<?ilich muBs man Behi- vqrBicblig mit derartigen Aus- 
sngen sein , die sich Uberdies oft widerBjirechen ; immerhiu aber 
warcn sie mir sebr intoressant. 

Zun JicbBt Bprach man oft von oinem gifissBren Fluss L o 1 o , 
der 5 — 6 Tagereieen von Okantlo mOnden soil. Seine Ritbtuiig 
ware siidlich und sein Mitlel- und Unterlanf wtlrde von N'sbavi be- 
lierrBclit. Eb ist dies natiirlicb derselbe Volkestamm, den bereits 
Ducbaillii auSFIibrt, und es war mir sebr intei-essant, bier deu Nameu 
N'shavi zu horen. Spflter traf ich sogar einen Sklavea, der dieaer 
Nation augcbortc , aber Ecbon als kleinc^ Kind von da weg nacb 
Okaode gefflbrt worden war. 

Ueber den Lauf dee Flusses weiter ostwarfs erfubr icb: daa 
Wasser ist noch woit hinauf ebenao schlecbt und gefthrlicb als bis- 
ber, dann aber wQide dor Fluss sebr broit, wio ein Eliva 
(Src), nnd das Waaser fliesse rubig und oline StromBchnellon. Von 
cinem eigentlicLen See, ana dem der Ogowe entspringe, wussten die 
von inir auagtfVagten M'bamba- und OsLebo-Sklaven nicbts; sie 
Biigten im GegenlLeil, wenn man uocb iiber die Beoardge Erweiterung 
binaus reiae, so gabele sicb der FIubs in mebiere immer klejner 
werdendo Arme, Alles dies iat natUriich nocb unaicher, und hoffe 
icb dieee VerhiillnlBse bei meiner nacbstou Reiae anfzuklatcn. 

Ueber dio Bcwohner an beiden Uforu des Flusaes von Okande 
an anfwarls erbielt ich eine Mcnge verschiedener Daten. Folgendea 
scbeint mir daa Glaubwtirdigste : das ganzc recbte Ufcr dca Flusaes 
ist bis weit Qber Okande binaus von den Oabeba's (M'pangwe) be- 
wohnt; an eioigen Stellen, wie bei oinpm Wasacrfall, circa 3 Tago 
UstlicL von Oknndc, beberrecben dieaelben aucb das linke Ufer. 
Auf die M'pangwe's folgt (am recbten Ufer) daa Volk der Mbele, 
die niebt dicbt am Fluss wobueu, aondern auf den bewaldeten Hiilien. 

Die Reihenfolge der Volkaatfimme am lioken Ufer ist: Okande, 



'^^^!^-t".*^" 




ngwe). M 


bamba, 


Adama, 


; aueeerdem spracb 


man vinl 


M'pangwe 


nSklavB" 


badeutet, 



254 Oskai 

Osbeba (M'pangwe), Akelle (Mb^r 
Oehebo, Akota, Ateke, Awans 
TOD Oshake, welches Wort aber im 
so dass dies wohl keine Nation iat 

Forner erzJiblte manr'weit nadi SOden hinunter wolinen Leate, 
wclche dcB Tages iib«r Bcblafen und uur des NachU^ arbeiten; ea 
seien dies sebr bSse Menocben, die den Andcren nur Uebles zu' 
filgen; man hatte fdr sie das Wort Okuabundube. 

AnsBerdam wurdo mir aber noch eine ganze Eeibe anderer 
Namen genannt. Ton denen aber Niemaad etwas Naheres wnsste, 
wie Aaango, Osame, Babumbe, Bnndase, Mendnmbo, Awanai, Um- 
betp, Nsbavi, M'pobe, Masange, Mikaneke, Mindumbo, Dass a]Ie 
diese Stiimme exiatiren, daran zweifle icb nicbt, und jedenfalls be- 
wohnen sie die veracbiedenen kleineren Flliaae, aus denen der Ogowe 



men 


mniengesetzt sein sol 


Ueber die Ar 


und WeisB, wie icb von 


Oka 


nde weiter reisen mu 


as, sagte man mi 


: Benoki belierrscbt den 


Flu 


H bis Okande: um von da ab waiter 


u komraen, rausa icb die 


Okande-Cbefs gewinnen, 


deren Macbt bi 


zu den Oshebo reicht. 


Von 


dort kann icb mit 


OsUeboleuten bia 


zu den Umbete reisen; 


Ton 


da a as soil ich das 


Volk derMikan 


eke zu erreicben suchen. 


die allerdioga Menscbonfreaser seieo ; aber 


dieae Leute erbielten 


Zei 


g. Gowebre, Pulv 


or und Salz nic 


bt von den Hfindlern 


der 


Westkiiste, send 


rn es kfimen 


„weisse M&naer" zu 


ibn 


en. Dies wnrde mlr 


von mebreren 


Seiten bestStigt. Nlmmt 



, das6 dieaes Yolk in nordOstlicfaer Kicbtung von Okaade 
eu suchen iat, so ist es scblleasUcb nicht unmoglich, daee arabische 
EandeUleule aus Bagbirmi oder den Nacbbarstaaten bis da hinab 
kommea, Jedenfalls muss es moin Bestreben sein, diese Mikaneke 
zu erreicben. 

Von alien den zablreichen Volkest&mmea , die ich wabreud 
nieiner Okande-Beiae kennen za lernen Gelegenbeit hatte, ist schliess- 
licb nur ein einziger zu nennen, welcber tbatkrHftig in die politische 
Gescbicbte (wenn man dieses Wort annenden darf) dieses Tbeiles 
der Squatorialen WeatkQate eingraift, es sind dies die Fan. Sie 
sind in Allem den anderen StSmmen iiberlegen; durcli ibre Wildheit 
und Grausamkeit von Allen gefiirchtet, baben sie einen festen Zu- 
sammenbalt, wen^ es gilt, ein anderes Volk zu vertreiben, trotz der 
b^ufigen kleinaa Fehden und Streitigkeiten der verschicdeneu Famillea 
unteveioander. Sie bilden nametisch eine gewaltige Masse, die, sai 
es in Folge eines inneren, unbestimmtan Triebea, se! es geleitet vod 
einem weit im Inneren wobnendan mficbtigon Fan-K3nig, iromer 
weiter von Osten nach West en vordringt. Bereits befindcn sich 
zablreicbe M'pangwe-Kiederlassungen am Mnni und dessen Neben- 
fltissen, an der Mandab, am Cobit, Como , Rbemboa, sowie an der 



Reise nof dem Okande in WeBtafrikB. 255 

Unken Seite dcr Bai von Gabun, ja bereils an Jor Med'eskLiBle 
zwischen Cap Pougara und Cnp Lopez Bind Fandarfer. Nicht zehn 
JaLre werden vergohen iind die M'pnngwa wohnen liier in Gabnii 
niitlen zwiscLen den M'pangwe, die entwedar weicben odor Bicli mit 
ihnen vei'mist'bon werden. Es iat dies liier ancli die allgemeine 
Ansicbt, mid der Liesige franifiaiscbc Gouverneur sioLt dieses Vor- 
diingen der WUden gar nicht nugern; er scbulzt ini Gegeotbeil die 
M'pangwo bci jeder Gelegenheit. 

Am Ogowo haben die Pan (dart Oshoba oder nuch Osliyeba) 
das ganzo recbte Ufer von der Akelle-Town Samiketa. an bis weit 
Liiiaiif inne; die i'diber dicBca Ufer bewol nenden Okota, Apingi 
und Okande sind ctet ini Laufo der letzten Jahie aul* die Insoln 
oder das linke Ufer vertriebea nnd wagen es kanm, ilire frOheren 
Wobnsilze zu betrcton, trotzdem die Towns der Fin oft Btiindeiiweit 
im Innern liegen. 

Gegenflber so aktiven Cbnrakteren spielcn die verscbiedenen 
kleinen Nalinnen am linken Ufer gar keino Rolle, und selbst die 
zahlreichen nnd machtigen Akelle \erBcbwinden doch don Pan 
gegenllber. Die Okota, Apingi. Okande, Asiraba etc, im Geftibl 
ibrer Obnmacbt versuclien audi nie irgend i\elc!icn Wideratand; sie 
sind fi-iedferlig aua Scbwacbo njid fngcn sich ludi m ilire Bestim- 
nmng, niinilicb den machtigeren StEmmen Sklaveit zu lisfern. 



jenigcD Chefs, die sicli 


etwas Ansebeu zu 


er 


ivorbcn gewusat baben, 


dienen a 


s "Vermittler ii 


d scheuen 


sich ni 


ht, 


die Leute de 


s eigeuen 


Stammes 


ala Sklaven z 


verkaufeii 










Jed 


ufalls iat es 


on gross en 


1 Interesae 


die Vcrbre 


tung der 


Fan nac 


Inoen kenue 


1 zu lernen 


Wie 


icb 


EclioQ frUliei 


bemerkt, 


sind hoi 


Sobweinfurih 


Abbildimg 


en von 


Njam-Njam u 


nd deren 


Waffen, 


Schmnck etc. 


und man 


kfinnto 


dieselben 13i!de 


auf die 



Pan anwendcn. SeLr viel Aufecbluas darliber miissen die Spraeh- 
verbaltnisse geben uud icb sucbe daher imraer einigo Proben zu 
samiuela. 

Was nocb die geologiscben Ver!)a!tnisse im Okande-Gebiet be- 
trifft, so benbacbtete icli scLon etwas vor Lope Granit; dicht bei 
diesem Dorfe steht dieses Gestein in mftehtigen Pelsen an; es ist 
cin sehr grobkorniger Granit, bestehend au8 grosaen Feldapatb- 
krystallen, silberglanzendem Glimmer, dessen groase Blatter bftufig 
in grossen Mengen zusammengedrSngt sind und dem Gestein ein aebr 
cbaraktei-istiflcbes Ansehen geben, Bowie ana Kfirnern Ton raucligrauem 
Quarz. Das Gestein iat an der Obei-flacbe stark zersetzt, und be- 
Bondera die zalilrelcben Feldspatlikryatalle sind bereits dem Caon- 
linisirungaprooess unterworfen. Von vulkaniachen Gesteinen war 
nirgenda etwas zu bomcrken, ebenso aufi'allend war mir der Mangel 
alter mineraliscben Auascbeidungen. 



Die RflckreiBe vnm Okande-Gebiet no den Ininga ging selic 
TOR Btnlten, war aber InEt nocli gerfihrlicLer aU die Hinauffalirt. 
Die Starke StiSmuDg triyb die Caiioea oft mit raBender Geschwindig- 
kcil hcrab, und es war hierbei die atauneiiBwerlhe FJusakeimtciss 
und GescliickJiclikeit meiner Iningaleute zu liewundBrn. Sie kaunten 
jedeu einzeluen unter dein Wagser verborgenen Pela nnd wusBton 
d<:insBlbi>ii geachickt zu umgehen ; trotzdem sltid mehreremals Canoes 
aufFelsen geraiint iiud stark bescbfidigt worden. An besondera ge- 
[Jibrlichen Sicllen stiegen sHmmtliclia Leule ana, das Grepack wurde 
getragen und nur zwei krilftige, junge Leule bracbten daa Boot 
durch die Strndel ; oft bedurfte ys nnr eincr zollweilen Abweidmng 
von der ricbtigpn Passage, und Canoe und luBaaaen warea an den 
Felaen zerachellt. Glilckliclifrweise kamen wir ohne Menscbi 
luat in das Akelle-Gebiet, wo das Wasaer bereils ruhigei- ist, zwe^^ 
grosBfi Canoes abcr batten slark gelitten. 

Ala wir einige Stunden voi- Limbarezii, Renoki'a town, wbm 
Ijess letztci- sKmmtlicbe Canoea baltea und macbte wieder 
Fetiacb. Unter eigentliiimlicben Gesaagen naberteu sicli die dial 
ancinandei" gedrSngten Canoes dein Heimatbdorfe, wo sicb die znrfli 
gebliebenen Weiber und Kinder aufgestellt batten nnd mit lanti 
„m'bolo" und ^zamba" die Heimkebrenden bogi'Qssten. 

Ein Zug nacb dom Okandelande ist flir diese Leute iinmer 
grosses nnd frcudiges Ereigniss ; bringcn doch die ZuiQckkomnienden 
slels zablreicbe Hflbner, Ziogen, Soiiafe und vor alien Dingen Sklaven 
tnit. Bereils baben sich Sklavenbiindler vom Cap Lopez eingefun- 
den mit allerhand verlockenden Waaren, um die lebende Ladung in 
Einpfang zu nebnien und dieselbe dann an die portugiesiscben 
Plantagenbesitzer oder an die M'pangwe etc. zu verkaufen. Icb 
will noch bomorken, dass die Ininga den neugekauften Skin 
wOhiilicb einen Fuss in einen scbwerea Hoizklotz stecken, 
am Entlaufen uu verbindern ; auch werden hiiuflg beide Hande durcl 
ein Brett geateckt, was die freie Bewegung der Arme nicbt gestafti 
Frauen nnd Kinden warden flir gewalinlicb nicbt gefesselt, 

bei Landmarscben wucden 6, 8 — 10 Peraonen zuaammeu an oiu( 

lattgen Strlck gebunden nnd dicser Zug von Menscheo dui'cb lants 
Zurufo und gelegenlliche Peilachenbiebe zum VorwartsBcbreiten ga- 
trieben. Besondera vorsicbtige Kaufer fesseln die Sklaven, zumal 
wenn es junge kriiftige Leute sind, nocb mit eisernen Ketteu, die 
Ofters von den Eingeborenen selbst verfertigt werden, ini Canoe feet. 
Es Mil aber wobl selten eincni dieaer Gefaogenen ein, zu entfiiehen, 
da derselbe, selbst wenn die Flucbt gelingt, docb nur von einem 
anderen Stammo eingefangen wUrde, und so vielleicbt aua dem 
Begen in die Traufe komrat. 

Schliesslicb nocb falgende Bemerkung. Man wird sich vielleicbt 






m 

ate ■ 



Reise anf dem Okande in W«sta£rika. 257 

fragen, warnra ich von Okande aiis nicbt weiter gereist bin. Wie 
ich schon bemerkt, muss man, urn von da weiter zu kommen, die 
Okande -Cbe£9 mit ihren Leuten gewinnen, nnd das kann naturlich 
nur mit guter Bezablnng (in GQtern) gescbeben, denn die Okande 
entscbliessen der Osbeba wegen sicb nngem zur Weiterfabrt« Diese 
M'pangwe-Farcbt ist aber nun ganz ungemein gewacbsen in Folge 
des KampfeSy den im vorigen Jabre die zwei franzosiscben Reisen- 
den mit den M'pangwe's batten« Es sind da anf beiden Seiten 
Leute getfidtet nnd verwundet worden, nnd die Osbeba vergessen 
so etwas nicbt leicht« Die Frage, ob es nCtbig gewesen, dass die 
Franzosen scbossen, will icb bier nocb nicbt nfiher erdrtern, da icb 
bisher erst die eine Parte!, die Okande darQber gesprocben babe; 
so viel ist gewiss, dass, wenn icb dabin komme, ein grosses Palaver 
statt findet, welches icb nut darcb reiche Oescbenke erwiedem kann. 
Ich bedarfte also zur Weiterreise vieler GQter, aucb war meine ganze 
Provision zu Ende, und ebenso hielt ich es fdr nOtbig, nocb einige 
Gorre zu engagiren (darunter babe icb einen Namens Ibrahim, der 
arabisch spricbt); Alles das bestimmte mich zur RQckkebr. Ich 
denke nun, sobald die heftige Regenzeit etwas nacbgelassen hat, 
aufznbrechen, so scbnell als es eben mSglicb ist nach Lope zu 
reisen, und yon da aus, so lange es gebt, den Fluss zu benutzen, 
der jedenfalls rein dstlidi gebt, dann aber in nordCstlicber Ricbtung 
ein Stiick einzudringen sucben. Gesundheit ist das Einzige, was ich 
dasn brauche, alle Schwierigkeiten sind geringer gegenQber denen, 
die das Elima verursacbt. 

Als Ergebnisse meiner Okande-Reise muss ich 
schliesslich auffQhren: 

Der Ogowe- Fluss geht von der Insel Sorakotscba an, einige 
Biegungen abgerechnet, bis Okande, und nach den Aussagen der 
dortigen Leute nocb weiter, rein dstlicb, scbneidet also den 
Aequator nicbt. 

Das Okande-Gebiet ist ein Hochplateau von circa 400 Fuss 
liber dem Meere, Begrenzt wird dieses Plateau im Westen von 
einer Reibe unter einander paralleler niedriger Hiigelreiben, die aus 
verschiedenen krjstalliniscben Schiefem besteben, und sicb weit nach 
Nord und Sud erstrecken; man wird diese Bergketten schon ibrer 
grossen Ausdebnung wegen nicbt unpassend als westafrikanisches 
Schiefergebirge bezeichnen kOnnen. 

Von vnlkanischen Erscbeinnngen beobacbtete ich inner- 
halb des von mir durchreisten Gebietes keine Spur. 

Der Fluss Lolo (vielleicht der wirklicbe Oberlauf des Ogowe?) 
mQndet fiinf Tagereisen dstiich von Lope in den Ogowe. Derselbe 
gebt parallel mit dem Rhembo Ngunie^ und wird in seinem Mittel- 
und Oberlauf von den von Ducbaillu entdeckten Nsbavi's beberrscht. 

ZeitBchr. d. GeselUoh. t Erdk. Bd. X 17 



258 Oskar Lenz: 

Nach iibereiDStimmenden Aussagen einer ADzab] weit aus dem 
Innern Btammender Sklaven erreicht man, von Okande aas in wenig 
Wochen den Stamm der Mikaneke. Dieselben bekommen Salz, 
Gewebre, Kleider etc. nicht von der Westktiste, sondern es kommen 
^weisse M&nner^ aus dem Innern zu ibnen* Man kann also an- 
nebmen, dass man bei diesem Yolksstamm arabiscbe Hftndler (viel- 
leicbt aus Bagbirmi) tri£ft. 

Die unter verscbiedenen VolksstSmmen lebenden A b o n g o 
(Obongo, Babongo) sind die ibrer Schwacbbeit wegen geduldeten 
Ueberreste eines frUber weit verbreiteten Volkes, die sicb zu ibrer 
Umgebung verbalten wie die sUdafrikaniscben Buscbmanner zu den 
Kaffern etc., oder wie die Scbweini^rtb'scben Akka zu den Mon- 
buttu etc. 

Es ist scbliesslicb meine feste, auf eigene Anscbauung begriindete 
Ansicbt, dass ein Vordringen von Okande aus in norddstb'cber Ricb- 
tung moglicb ist. Eine etwas schwierig zu Qberwindende Passage wird 
da sein , wo die M'pangwe's beide Ufer besetzt baben, und durch 
den Kampf mit den beiden franzosiscben Reisenden im vorigen Jabre 
gegen Weisse und gegen die Okande etwas erbittert word en sind. 

Ausserdem benutzte icb nattirlicb jede Gelegenbeit, um etbno- 
grapbiscb-interessante, sowie naturhistoriscbe Objekte zu sammein, und 
batte dabei aucb Er£olg« Die etbnograpbiscbe Sammlnng zllblt bereits 
400 Nummern; die neuen Erwerbungen stammen vorberrscbend aus 
dem Okande-Lande, wo recbt bUbscbes Flechtwerk, sowie Tbonwaaren 
und Holzscbnitzereien verfertigt werden. Bei keinem andern Volke 
nabm acb etwas Aebnlicbes wabr* Ferner sammelte icb eine Anzabl 
schon gearbeiteter Messer, Glocken, Matten etc. Sehr erfreuf war 
icb, als icb in einer armseligen Abongo-Niederlassung einen kleinen 
Bogen nebst vergifteten Pfeilen fiir eine Hand voll Salz erwarb. 

Von zoologiscben Gegenstfinden war es der Gorilla, dem icb 
wieder meine ganze Aufmerksamkeit zuwandte. Icb bracbte denn 
aucb zwei fast ganz vollstd.ndige Skelette dieses Tbieres, sowie zebn 
zum grdssten Theil sebr gut erbaltene ScbSdel zusammen. Ferner 
erbielt icb in Gabun ein vollstandiges Mangaskelett und einen sebr 
guten Scbadel, und das mit langen sebwarzen Haaren bedeckte Fell 
eines grossen, bier Babun genannten Buscbtbieres. Auf dem Wege 
nach Okande binauf sammelte icb natQrlicb aucb HandstUcke des 
vorkommenden Gesteines. 

Mit dem Sammein von Fflanzen und niederen Tbieren kann 
icb micb gegenwftrtig nicbt befassen. Es nimmt dies zu viel Zeit 
in Ansprucb und wQrde andere Arbeiten, die mir jetzt wicbtiger er- 
scbeinen, zurQckdr&ngen. So lange icb bier ganz allein reise, ist es 
nicbt moglicb, AUem gerecbt zu werden. 



Relse auf dem Okande in Westafrika. 259 



Bemerkimgen zur Sprachen-Tabelle. 

Die naehstehende Tabelle enthftlt die Uebersetzung von 100 
deutschen WOrtern in zebn verschiedenen Negersprachen, die icb, 
wie file mir gerade der Zufall darbot, aufschrieb. Icb iiberlasse es 
natiirlich Lingoisten, fiber den Znsammenhang der einzelnen Spracben 
sich aaszQsprechen, icb wollte weiter nicbts als einiges Material za 
derartigen Studien liefern, und es war mein einziges Bestreben, die 
WOrter 8o sorgfftltig als mOglicb za sammein* Gegenwfirtig bat sicb 
tibrigens mein Obr scbon mebr an die Ausspracbe von NegerwOrtem 
gewobnt, als frtiber. Hier mOcbte icb nur Folgendes bemerken: 

Die M'benga-Spracbe findet man auf Small- und Big-Elobi, 
auf Corisco, sowie auf der diesen Inseln gegentiberliegenden KOste 
und zwar noch nOrdlicb von Corisco. Sie soil einige Aebnlicbkeit 
mit der Akelle-Spracbe baben. 

Das M'pungwe ist ausserordentlicb verbreitet, allerdings in 
verscbiedenen Dialekten. Zunftcbst sprecben es die eigeotlicben 
M'pungwe, d« b« die Gabun-Leute an beiden Ufem der Bai. Dialekte 
des M'pungwe sprecben die Orungu am Clip Lopez (gewobnlicb 
hier Cap Lopez -Leate genannt), femer die N'comi (Kamma) am 
Fernand Vaz sowobl, als aucb am Ogowe, dann die Galloa und 
Ininga am Ogowe. Alle diese Volksst&mme sind an ihrem M'pungwe- 
Dialekt sowie an der Art and Weise des Sprecbens wobl za unter- 
scheiden. 

Die Osekiani*) (Sbekiani) bewobnen die W&lder zwiscben 
Muni und Mundah, und ebenso das Gebiet zwiscben Gabun und 
Orungu. Im Gegensatz zu den fibrigen entweder die See- oder 
Flassufer bewobnenden Stftmmen werden sie allgemein als Busbmen 
bezeicbnet, und im Laufe der Zeit ist es eine Art Schimpfwort ge- 
worden, wenn man Jemand als Asekiani (Singular von Osekiani) 
bezeicbnet. Obgleicb diese Leute baufig die Sprache des m&cbtigeren 
Nacbbarvolkes annebmen, so ist es docb ein selbstst&ndiges , nur 
etwas verdrlingtes und unterdrUcktes Yolk mit eigener Spracbe. Im 
Zftblen gleicbt dieselbe der Akelle-Spracbe, in der es aucb nur Zabl- 
w5rter bis fOnf giebt, wfibrend die anderen St&mme bis zebn zfiblen. 

Das grosse und macbtige Yolk der M* pang we bat natiirlicb 
seine eigene Spracbe. Die Osbeba am Okande diirften kanm 
Dialekt-Unterscbiede mit den M'pangwe^s am Como und Rbembo 
baben. £s ist ein und dasselbe Yolk^ die Gabunesen etc. nennen 
sie M'pangwe, die Okande -Leute jedocb Osbeba; sie selbst be- 



*) Dies Bcheint mir nach zahlreichen Erkundigongen die rlchtigste 
Bchreibweise. 

17* 



260 Oskar Lenz: 

zeichnen sich als Fan oder Faon. Die Franzosen nennen sie 
Pahouins. Die Worte M'pangwe, Pahouin und Faon lassen sich 
gewiss von einander ableiten* 

Auffallend ist mir in der M'pangwe-Sprache die grosse Menge 
von einsilbigen WOrtern; daza kommt noch die karze and scharf 
accentuirte Aassprache der M'pangwe, die ganz zu der Wildheit dieser 
Leute pasfit, deren Charakter man Bchon an der Sprache erkennt* . 

Die Akelle, nftchst den M'pangwe's das verbreiteste, mftchtigste 
nnd gefiirchtetste Volk, haben zwar ihre eigene Sprache, aber mir 
warden eine ganze Anzahl WSrter genannt, die mit dem M'pangwe 
Qbereinstimmen. Wie erwfthnt, zahlen dieselben nnr bis fttnf ; dabei 
ist aber aaffallend, dass sie beim Zahlen von Gammi, Matten oder 
irgend eines Gegenstandes immer zwei Stuck auf einmal nehmen, 
so dass, wenn sie bis fiinf gezfthlt haben, in Wirklichkeit zehn StQck 
vorhanden sind. Ich traf dies iibrigens aach anderwftrts. 

Die M'pangwe im Okande-Lande sind Akelle and sprechen 
einen Dialekt derselben; sie verhalten sich zu den Akelle wie die 
M'pangwe zu den Orunga. 

Die Okota haben, wie sie sagen, eine eigene Sprache; in 
meinem Verzeichniss habe ich auch eine Anzahl Wdrter, die gftnz- 
lich verschieden sind vom Okande, indess glaobe ich doch, dass 
nur eine grossere Dialektverschiedenheit sich hier herausfinden Iftast. 
Es ist ein bestSndiger Verkehr zwiscben den beiden St&mmen, and 
da ist es sehr schwer, ein genaues WOrter- Verzeichniss herzustellen. 
Das Okande wird iibrigens in verschiedenen Dialekten gesprochen. 
Die Apingi sagten mir, dass ihre Sprache sich zum Okande ver- 
hielte, wie das Ininga zum M'pangwe. Ebenso verhftlt es sich mit 
den Asimba-Lenten, die nur einen Okande-Dialekt sprechen. 

Mit grosser Mtthe erhielt ich einige Worter von den Abongo. 
FUr gewOhnlich sprechen dieselben die Sprache des Volkes, anter dem 
sie wohnen. ZahlwOrter zu bekommen^ gelang mir gar nicht, sie 
zfthlten bestftndig Okande; ebenso llhnelt eine gaoze Keibe der von 
mir aufgefOhrten WOrtern dem Okande. Andererseits bin ich fest 
tiberzeugt, dass sie ihre eigene Sprache haben oder hatteo, denn 
einige WOrter meines Verzeichnisses lassen sich wohl nicht mit dem 
Okande in Zusammenhaag bringen; auch wurde mir allgemein ge- 
sagt, diese Leute hfttten eine eigene 8prache« Nur ist es schwer, bei 
dem scheuen Charakter der Abongo und der niedrigen geistigen Ent- 
wickeluDg denselben begreiflich zu machen, was man zu wissen wtinscht. 

AUe bisher genannten Vdlker habe ich personlich besucht; Uber 
die Osebo, M'bamba und Aduma habe ich nor von Sklaven, die 
aus diesen Landern stammen, Erkundignngen eingezogen. Die Osebo- 
Sprache scheint mir voa der M'bamba-Sprache ziemlich verschieden, 
wahrend die Aduma nur einen Dialekt des Osebo sprechen sollen. 



Beise auf dem Okande in Westafrika. 



261 




-2 'a -I -3 
. 2 o a S 'fls S 



a 



I 



bo 



^:S 



<n *fl H a l5 



d 



I 



® - rt 



1 



a a^ 5 



08 



. o H8 ;n 

i 'S <3 -3 g 

3 -S "a -^ s 

00 fl Q O rfi 






I I I I I I I I I I I I 



o 

M 

o 



o 







a 






4> 

o ^ "S ^ 

P4 ^ ^ 



e8 o 



S o a fl 



'^ OS '^ a 

I B "no 




•1^. 






e6 

s 



CO d d 



I 
II 

o o 

a a 







^ 

^ 

^ 

fl 



d a 



g8 

s 



08 

d 'S S IS .^ 

S nd N o 08 

s d "d a a 



at 




Mil 






-a 

.a 



06 e8 

d 'o 

d a 



O 

I 



0) 

'all's 



5 






OS 

d 



d ^ d 

d a §* |)3 I 

(fi^p^Sd-iSflDCQdoos 



43 



08 

^ '^ 'S r^'>^*o«oa 



§ 



B i 



o 



« C8 J '^ 



d 

a ^ 



I I I I I 



^ ^ *o 



bo 

I is 
d ^ 



08 



a 



08 o 

^bo d I o '^ 



d a ^ 




bo 



d 

o 
d 



P*6 8 «- 



1 « S)^a 



•§ 



fe 



" 5 



Sdui«<5«^odapS 08 



^ 2 -sj j:? ? 

ae8 e8 OB :r' M 
^ »4 d d o 



o ® 






3 

CD 



d 

d e3 

o d 



•g § bo 

a 



^ I 
Q o a 



d 



08 d d 
d o o 



a 

o 
d 
o 






J4 ra ^ •: 



«> 






1 






08 
Pi 



•1^ 

bo 

d 



08 

M 

o 

•a 



•a 

o 

1 



* p» 



^ o8 9 * a 



-•§1 

'd 5 d o 

-- ^ a a 



3) 



d o 



«9 



i I 2 « • 



5 S -e a d 



CD 

CD 




8) i § 1 
t3 M n Q £ 1^ 



d 

08 



] 



262 



Oskar Lenz 



X 



2 i 



a 



a 






t» ^ o 



e 



o r- 



"^ '3d 2 
o3< 



5 
•2 o .2 * 



a- 



I 

OQ 

O 



O OD 

ja eS 



«> 

a 




o .2 9 2 rs ^ .a ^. 

a a ^-S a a a § 



<D 



« a 



bo 
O 08 d a "a a 



« ^ -S 5* fl8 
M M ^^ 






a, 
o 






in 



*=* -a £ S) a 

'3*2 
a o rt 'S^ «« o 



CO v*4 ^^ 

0) -J^^ "S -T^ 










^ bo o 

a a q) 'S 



I I 



a 



0' 

a J 



e8 

a 



o o 

a 'fl 



pj * 



a d d 



e8 

a g ^ 



sr 



bo 
o 



'tJ •— < 



a J^ 



-3 
a 



h3 fl 






a 



^ s s a 



08 

.-g a a 



aaoflgaa3 






0) 

bo 

g a 



9 * 
add 



bo 

d 
d 

00 



a 

o 



o 



a 5 s 



td 



^ o d J d 

«8 So -^ « :s 



§ 



>a a 

2 S 2 o 

aa^-Sdaaa 



-p .2 ^y-o 






_. ® fl» 



'3 d a ^ 68 

.§ -S 'S i -^a ^ 

a .o 5 ^ '^ ^ 



o 
bo 



a 

o 



I- 



e8 

I 

d 

a 



d .2 -o 3 .a s ^ 

« a ^ a ^ S a 



CO 

CQ 



4^ 

sa 2 
g-S 



I ^ g ig I a 

n d) O e8 <^ c8 



d 
o 



bo 

3 



e8 -d 



:a 

00 

a 



pd -d 



bo 

a s -d 



.5 a ^ 1 § I a -3 



00 



'd 

'd rd rfi o a _ 

d fl o jd ea o 

a 44 d ^ d ^ 



08 

OD 



c8 

'd 



d 

o 

a 



J I 
^ a 



a 



& o 

aa^a^^a"? 



P*&,"^ 08" 
e8 o" « 

aOQ 
, . .^ 'r^ •'-' 




o :S o .Sr d p 



P— t M 

8. 1 
o a 



O >^ 
^ 0) 



;a 

a 



•o 



d 

pO 



-s o a 



5" P5 fl 



d 

a 

o 

0) 

d 






a 43 

S -d P 



d <D d c: 



08 

43 
O 



o 



o 

44 

08 

5 •©• 



*c8 

J! 

«8 

a 

o 



<D4000do8 3 




s 



n. I 






09 rd 



43 P 



llllii 

(i^ (l4 PM ^ PQ (g 



d 

o 






'§ .2 



3 d 

•^ OQ 

13 



p4 bo 
q d 

M ^ S5 



bp 



3 I .S S S 

Q < Cn Em S 




Beise auf dem Okande in Westafrika. 



263 



o 
bo 



P4 



a a g 9 



o 



'S 



o 



® si, '^ 

jQ qD e8 

o a bo 

O o m .S 



2 O e8 



o 



il-llll 1 111 



J4 - ^ w- 



g J g a -s a fl 



s, 



•3 



as a oS^'o* o a a ^ 



O 









«8 

:a 

a 

08 



I 

o 






e»i— » ^ o 08 »Q 



P as 




06 

q o* 08 &yD 



:2 



O 08 
_ ® 

^ a 



^ 



^ flj S 

08 '"^ "^ 

I s § 



o8 



^ o8 



oB ,0 






a a a 'c* a 



*:i I 3 o o 08 ,o 

bo .id ^ »o P 



o 

00 

08 



a a fl -S fl 



o s 

floods 



08 



;t;.aafto^boq>dBbD 



o 
bo 

09 



d a 



o8 
e8 



a^ 

M 00 



S, 3 



o8 



bo rO 

§ a a 



m <x> d S bo 'd d^ 
o f-i 'M 3 d "^ 3 



o ,o 

a S 



d 08 



rt »a d 
=J 2 -S « 2 bo 
d r.? d 00 d 



;3aabooJa^.ss»bD 



*<o d 



08 

a 



08 
bo ««8 

g 1 .S» 

ii] iM n n M a ns 

rS ^ o« o n3 ,a o8 



o 

^ r2 a 



o d 

<« -^ a 

•»H CD •S 

S <!S 08 'b 2 bo 

08 d rS d n d 






o8 

^ a 






« .2 S' 

d i-i © 

*2 a -^ a 

3 .2 a a 



2 -^ 

§•2-3 -5 



ir 

M ^ 

fl8 



-♦a 



o 

bo flt 

»o ^ ;g .2 :2 

'^ -5 ^ '3 3 



bo 

d 
o 



d £ 



o 



08 

pj ^ fW ,d * 



a pfi S '" '2 ^ 
« '3 ;:: a d S d 




*4> 



•d 0) 



a i-ISI 



bo 

•^ *0 »c8 

;^ 2 5 

d o8 08 d' JQ 



o »d> 



S.I 1^ 



08 « j:±i 



bo 
1^ 



s 



bo bo ^ 



I 



d 08 d d d d 



o 

d 



'3 JS ^ 



^ 



^d 

08 



o 



o o d r- 

o a i a 



o 
^ .2* :P 

oo IT* 'g^ 

d d a 



o 
o M 



»fl8 

44 



d 



bo :§ S 

d »e8 ^ ^ 'S 5 

o d "S 3 '3 d 

Rh ^d d d d (0 



o 



I » 1 I 

-" ^ rt « oo »fi 



OQ d 



a a 



d 

3. 



d oQ d 



•a III l:a 



oSoa&aaSa^ 



S 




^ 08 S 08 
O Q P J3 

.»H d ts d ns 'd 






I 



e3 bo d ?? 
a d o S « 

^ 13 .sp .2 d a d 



>s bo .o d .d A. r^ 
d f^ o 3 « i^ bo 



_. H d d B o 

•s. ^ I i I -g i 

^a^adaai^-^ 



^ si 



o 



bo 

^ I 

a ^ 



t2 ^ 

a a 



d 

08 

pd 

rd 



I 






o8 



j bo bo^ 

a :i -i 1 i i t 

.2 i 1 1 :? :? «> 



rd ^ 



d d d 



.<» 



h S ® 

9 w 



2 a 






^ ^ o &3 & s J a S n 



d 
© 

O Of 

2 -^ 
OQ ,d 



•^ 3 ^ a 

d 3 © 'S 

^ ^ pd ^ 

© © o © 



u 
© 



■44 d M 

d •1-4 © 

S © «M 

-M »d 'd 

3 a '3 Ki & J 2 

H M QQ <C pEl » p^ 



d4 

CO 



J 



] 



264 



Oskar Lenz: 



H 






d 



I 



a> o 






5 



bo 



^ 






Sd-5 



^ 



o 



S bo 

-^ eS 



^ 






^ 






B 3 



09 



« ^ as 

g g a>3 



.^ o o 



^ 



I 



a S 

44 



s 
•a 






S d <B 

® * 9 2 2 "^^ 



a 



bo I® 



•a 



5 



a 



d ^ p) 

CD »d -S* 
"-I 08 2 



08 

<D 08 

d d 



I 



d 

o 5 ? ^ e^ "d 

>^ QQ d 08 O d 



bo 



o 
M 

o 



I 



08 
08 a '^ 

bo " a 



I -2 ^ 



08 « 



as 



O 



d 44 a 



08 




d 


1 


s 




44 


44 


«p4 


d 


d 


^ 






c 
d 


o8 




4< 


<D 


o 


1 


44 


44 


00 



d 

a ^ 

O fri O 

S* 'Zi bo 



I I 



bo ^ 

d a 



08 

^d 

o 

a 



^d* 



2 ® I 



d d 



^ ^ ^ 
bo o ^ 

44 a d o .y d 



bo 



08 

bo 

o 

a 



5 

<0 



OS 



i 

o 

i 



5 



^ O Q4 

p js e8 

d ^ s 

^ ^ a* 

O 9 O 



* d 

a OB 

0) o 

^ 44 

d d 



3 ^ 

^ a rS^I 

■^d Q>'ds>«AH 

<D 44 ► d »d .S* d 



d' 

08 



O o8 



bo 

•d 



08 

43 



S 

CO 



o8 

•a 



^ ^ d 
d d d 

o « "d 

••» ^ P4 

0)0 



a g 

0) o 

44 44 

d d 



08 

00 



4) 

S d eO 

« ^ a g -I 

M m B .1-1 P O 

42 ^ d ^ a a 




1 

bo 

•a 






.3 ts ^ :5?J 



a»o8 rfl 



^0 

d *« 



o8 

3 

on 

d 



to 

e8 d ® 

^ -< d si ^ 

§ i :p S d sJ 

44 08 d g8 d d 



bo 

d 

g § 
- d 

d 44 



5 



d 

1 



bo 

d 

08 

a 
I 



O «D <M 



a 00 

« o 

44 &« 

d d 



d 
o 

4> 

44 



4> 

d 08 

)« ^ bo A 

^ d '^ d .2» 

44 -M d a s a 



bo o 

d e 



08 
08 






bo 

d 

o 

•d* 

a 



rd bo « 

d d &• 

-f» -^A P* 



a CO 

<D O 

44 bo 

d d 



o 
bo 

08 



08 
o8 bo d 
bo 4) 43 

d bo 



08 

d r^ 08 

g* g> 5 o 



44 d d s Sad 



*fl8 

bo 

o 



u 
<p 



a 

d 



s 

08 

I 

o 



^ 1 

^ p p* 
43 -M P4 



« 



08 

a 

44 5^ 



d 
d 



08 
44 

d bo ^ 



o (fc d 

a i -s 
^ -S a 



o 

P4 

OS a d ^ 
08 .3 i5 ;d 43 ® 

-3 ^ ^ 3 8 5* 






2 S -H Id 
d d 'o I R 



44 






08 08 xi 

a a 




00 



« '3 a 



•d fe 



»8';SH „-d9bo 

gd a ll 8, j(§ -a 



(4 



a 



.o 



e 

•S'« 'S ^ -s 
^ 2 ^ 



a 



Beiae avf dem Okande in Westafrika. 



265 



s 



•P o 






n. 'U a ^ 



p^ M f^ a^ 



p rru 



.a fl 



P4 



a § 



08 



BQ 

o a 



o 



O 

bo 



'i d r^K r^ ^ 

a ;a s 3 d 



08 



I 



•rj "XJ 



4 



JI4 o 2 * P *d 
O P d O d g8 



««8 

o 



d 

g8 



p ra 



p f^ 



fp ^ 









o 
,P 

II 



p« d 



• r^ V fe 

a a I 



oS 

- »** 
e8 n 

d .1 



5 



I 



P 08 O 



I* ^P S 

a ^ d ^ 



d r^ 





•5 M 

'2 - d 
rj d o 



o8 

Sd p 

.M tf d 

!§ 08 S d 

p d S" a a 






P 08 S d*^ 

5P d '2 S 

-s -^ s :§ a 

OB OQ 08 •« •* 

•ja d .'S % 



'3 M Id *s 

I '3 'P 9 %J 

H < p qj e8 d 



08 
'P 

.a 4 

ua 'P 

:^ '3 i 

n3 .a "i 13 

•d -g a Jo 



p 

P4 

bo 



« ^ ^ d d 

P< OB ^ « fe 



p* d o 



0S 0S 



"d pa 



s ^ ^ i I -3 

•*^ p • ^ 5 '1- 
a> d C7 <o 08 d 



l| 



08 
'P 

d 



d 
M 

d 
d 



-P ^ ,^ 08 li 

d d a d 08 



pd 

OQ 

d 



44 

* *d* 

d 08 






o8 



:2 ;a :2 ;d « 



a € s a 



I I 



d 
»p 

.p 
p 



^ 03 »«8 «) 

06 a a <& P cs 



*d 

OQ 

d 



:a 



06 

d p 



•p 



PS p 6i 

•« ^ ^ •* 3 
a o 'o3 a "d 



06 
'P 



P 

.5 'P 



;=s 



p 

o a 



« .H d Pi pS p 



a 



d a 



M 4 



CO 



08 a ^ 3 '3 
d rS •& a "d 



•^ a 

O P 



"-< J d c8 

1 -tJ 'S 6 
s* -s* d a a rp* 



^ 



p 

n jd 

rtj OQ NO 

d dp 



2 
p 



2 p ^ *? 5 

.S 'M O o6 d 



a ^ 
2 o 



o6 nd 

^ I s 1 i 

.5* Id -« « 'P 08 



P 

»d 



OS 

d «« 



4> 

I— • 
0) 



OS 



d T Id 
'5? P * 



P ^ 

OS 



B s J a 



d 



d 



I 






g 3 



QO OI 



« o 



O 

P4 



p 
^ ^ I d ti^ tf 3 

,o o <o ^ ^ *t f-< zi JSl 

^J^^p^^^pj ^ 



p 



.d :P 



•§ -S ^ ^ 

-a I 

3 p iP 

pq P4 H Pk M 



o pS 'P 
43 ^ d 



266 J* M. Hildebrandt: 



XII. 

Ausflug von Aden in das Gebiet der Wer-Singelli- 
Somalen und Besteigung des Ahl-Gebirges. 

Von J. M. Hildebrandt. 



Bism'illah er-rahiuiln er-rahim! (die Namen Oottes des Barm- 
herzigen, des Gnadigen!) rief der Nachoda (Capitain) aus and mit 
hottah al4t hottuh iikl ziehet hocL! ziehet hoch! griff das Schiffs- 
volk zu den Tauen, die schwere Raa schob knarrend den Mast 
hinauf und entrollte' das riesige, verwetterte Segel. Langsam aber 
sicher strich die kleine Barke AU&ui an den stolzen, bundertmal 
gr68seren Ost-Indienfahrern vortiber dem Ansgang des Adener Hafens 
zu. Das Pfeifen und Schnauben des eben abfabrenden Post- Damp fers, 
der auch meine Briefe zur Heimath befOrderte, war der Abschieds- 
gruss von der Civilisation. Das Bar-escb-eschaitb&D, Land des 
Teufels, wie die Araber den letzten Vorberg Aden's und in extenso 
Aden selbst, das Besitzthum der UnglftubigeU) nennen, war bald 
passirt und der steife SO* trieb uns pfeilscbnell dahin durch das 
weite blaue Meer« 

Ausser mir waren Alle an Bord, sowohl Sebiffmannschaft, und 
andere Passagiere wie auch meine beiden Diener, S6mal*)« Speere, 
Schwertmesser und andere Waffen, welcbe Jeder wfthrend seines 
Aufentbaltes in Aden auf der Polizei deponiren muss, wnrden ge- 
potzt und geschfirft, wilde EriegfigesSnge ertonten, zogen sie dock 
der geliebten Heimath zu, in der kein Kaffir -Gesetz dem Faust- 
recbt Scbranken setzt. Auch mir klopfte das Herz hoher, denn 
in der Heimath dieser wilden Gesellen, die ich besuchen wollte, 
hatte der Lebeuspfad manches ktihnen Eeisenden geendet. Vielleicht 
batten dieselben Ges&nge, denen ich jetzt lauschte, zum Eampf gegen 
die Expeditiouen Burton's und von der Decken's gerafen, sollten 
sie auch einmal mir gelten? — Ei was! Ich babe Nichts, was die 
Raublust der S6mal reizen kann, wkhrend meine Vorganger grosse 
Pracht entfalteten; sie wollten Macht an wen den, ich werde mich 
dagegen biegen nnd schmiegen. Also vorw&rts! 

Ich etablire mich in gewohnter Weise auf dem Quarter-Deck, 
das c. 3 Meter lang und 2 Meter breit ist, indem ich eine gegerbte 
Ochsenhaut von abessinischer Arbeit ansbreite, lustrum ententasche 
und einige Bucher zur Hand nehme und die Zeit so gut als moglich 



*) Somftli im Singular, S6mal im Plural; S6mal bedeutet in der Landes- 
sprache ,,ffchwarz", ,,dunkel". 



Ansflng Ton Aden in das Gebiet der Wer-Singelli-Somalen. 267 

dnrch Observiren*), Lesen nnd in GesprS^chen Qber das Beise- 
ziel verbringe. Auf dieser Stelle liegen meine Glieder w&brend der 
ganzen Seefabrt wie festgewurzelt, denn ein Aufrecbtstehen oder 
gar Spazieren ist auf <^iii kleinen Raum des Decks zwiscben einem 
balben Dntzend anderer Passagiere, dem Nacboden und Steaennann 
bei dem steten Rollen des Schiffleins nicbt wobl ausftihrbar. Die 
Speisekarte ist bald verzeicbnet: Morgens scblQrfe ich Moccha, 
welclfer Hocbgenns allerdings dureb das brakige, faulige Trinkwasser 
der Barke sattsam versalzen ist; za Mittag esse icb gewObnlicb 
Zwiebel- und Fiscb-Salat, Abends Reis und getrocknetes Fleisch. 
Die KUcbe bestebt aus einem qaadratmetergrossen Holzboden, der 
gegen Feuerfangen mit Sand bedeckt ist; drei Steine bilden den Heerd. 

Nacbts legte sick der Wind, und das Fabrzeug wurde bin und 
bei^etrieben , wodurcb der Nachoda den Cours und Kopf verlor, 
denn der nralte Kompass, der^, wer weiss auf welcber europ&ischen 
Fischerbarke seine Kinderjabre verlebt, war nun so altersscbwacb auf 
den Beinen, dass er, trotzdem die Butter zum Ein5len seines Stifles 
nicbt gespart wurde, das ,., J4^ (Nord) nicbt mebr bieJt« Sebon be- 
gann die gauze Gesellscbaft sich in die richtige Direction binein- 
beten zu woUen, als icb mit meinem Kompass ausbalf , der von nun 
an den . Platz des in Rubestand versetzten im Kompassb&uscben, 
einer an's Deck festgenagelten, aufrecbtstebenden Brandy-Kiste, deren 
Deckel balb daraufgelassen und so Scbutz gegen Wind und Wetter 
bildete, einnabm. Wo aber Licbt bemebmen, um die Nadel bei Nacbt 
seben zu konnen? Aus einem Kloss Brodteig formte der kundige 
Kapitain eine Lampe in der klassischen Form von ^Aladins Wunder- 
lampe" ; ein Fetzen seines miirben Hemdes bildete den Docbt; 
Batter vertrat das Oel. Das brannte prScbtig und am andem 
Morgen gab sie, nun biibscb braun gesengt, das erste FrQhstiick ab. 

Den 17. Marz 1873: Erst gegen Mittag erhob sich leichter SO., 
etwas Regen fiel. Diesem, sowie dem nficbtlicben Tbau widerstehe 
icb unter meiner yortrefflicben Lederdecke unbehelligt. 

Denl8. M£irz: Nacbts warziemlich frische SO.-Brise gewesen, 
die jedoch gegen Sonnenaufgang wieder einkroch. Mittags bekamen 
wir Land in Sicht. Es erwies sich als RaQ-Chausireh (45° 41' 
6. V. Gr.) Nachmittags sprang der Wind in NO. tlber, starb aber 
bald ganz weg und erhob sich erst nach Sonnenuntergang wiederum 
als SO. Nacbts abermals Windstille, gegen Morgen leichter Regen. 

Den 19. M&rz: Aus der durch kein Ltiftcben bewegten stahl- 
blauen See erboben sich, in Morgennebel gehullt, die Bergketten 
von Ongur und RachAde zu c. 1000™ H6he» Gegen 10 Uhr 
machte sich NO. auf und brachte uns bereits um Mittag auf die 



*) Vergl. Tabelle am Ende. 



268 ^* ^* Hildebrandt: 

HOhe von Hess. Von bier aus bis Boss^sso im Mijertmlande sdebt 
sich, parallel der Kiiste und wenige Meilen von ibr entfernt, die 
miicbtigeWand des Abl-Gebirges*), nnunterbrocben in scbarfem Kamm 
die Hobe von 2000°^ haltend. UeberalLreichen Varberge bis 
fast zur KQste; sie bilden die Heimatb des Weibrancbs, der Myrrbe 
und mancber anderen Spezerei. Ein scbmaler KiUtensaum, die erste 
scbwacb bewacbsene Diine, erbebt sicb nur gering Qber die Flath, 
ibre Oberfiftcbe ist wogenformig wie das Meer, das sie bervorgebtacbt. 
Nacbmittags fubren wir der dUrren unbewobnten Efistenstrec^e Burra- 
Tanile entlang und coupirten gegen 5 Ubr den Hafenort Maid, 
einen der bedeutendsten der S6mal- Kiiste* Wir konnten des ver- 
st&rkten NO. wegen auf der Bbede nicbt ankem, wodorcb icb 
meinen in Aden gefassten Plan, von bier aus zu Lande weiter zu 
wandem, sofort umstossen und wobl oder Ubel auf der Barke weiter 
fabren musste. Nacbts nabm der Wind immer mebr zu und ging 
in Sturm tiber. Dabei war es stockfinster und die schlinmende 
Brandung nabe. Es blieb uns schliesslicb nicbts anders iibrig, als 
das Segel zu re£Pen, wodurcb aber ein unausstebliobes EoUen der 
Barke entstand, so dass ich micb an die Takelage klammem musste. 
Die Schiffmannscbafl war, wie der Muslim immer in der Gefabr, 
vollstiindig untb&tig; sie kauerte zusammen und sucbte Sturm und 
Brandung durcb Gebete zu Qberbriillen. Fl5tzlicb bob eine mlicbtige 
Woge das elende Scbifflein auf ibren kr&ftigen Biicken und warf es 
mit gewaltigem Ruck auf den Strand, so dass ibm die Rippen kracbten. 
Eine zweite Welle Qberflutbete uns und wand mir das Stack Holz, 
das icb zu meiner Rettung ergriffen, aus der Hand. Bei ihrem 
Rtickprall vom Lande riss sie die Barke wieder los und scbleuderte 
sie weit binaus in die See. Es folgten bange Stnnden. Jeden 
Augenblick konnten wir wiederum auf Klippen geworfen werden. 
Ich scbopfte mit meinen beiden Dienem obne Unterlass Wasser. 
Das Scbiffvolk gab sicb verloren und tbat nicbts als den Namen 
Allab's und des Propbeten anrufen und glaubte sicb scbon an der 
Pforte ibres Himmels. Dies Vergntigen sollte ihnen aber nicbt 
werden, denn als der Morgen des 20. Mitrz graute, legte sicb der 
Sturm. Wir fanden uns auf der Hobe von Gelu6da« 

Wir waren unserm Ziele, Ldsgori, nabe und jeder bereitete 
sicb znm stattlicben Einzng in diese Metropole vor. Die Pa88a<yiere 
pntzten ibre Waffen und machten grosse Toilette, indem sie sicb 
gegenseitig das Haar in Tausende von Zopfen drebten und dann 
fingerdick mit nassem gelblicben Tbon einscbmierten, der vor seinem 
Trocknen in langen Streifen iiber Scbultern, Brust und RUcken bin- 
abtraafelte. Der Nacboda band seinen Turban ab und wuscb ibn* 



*) Ahl im Somali bedeutet ,,hoch'S ^™ Arabischen ,,ali". 



Ansflng von Aden in das Gebiet der Wer-Sin^Ui-Somalen. 269 

Er entpnppte sich ale tiirkiscbe Flagge von ehedem rother Farbe 
mit weissem Halbmond und Stern, welcbe Insignien jedoch selbst 
dann noch nicbt zum Vorschein kamen, als ich ihm meine Seife lieb. 
Sie hatte nftmlich in ibrer amphibialen Existenz eine unverwiistliche 
^Natnrfarbe^ angenommen« An alien moglicben K5rpertbeilen wurde 
rasirt^ nnd das Haar wohl anfbewahrt, nm es am Lande mit den 
gesammelten Nfigelhalbmonden glaabig zu bestatten. 

Oegen 10 Uhr bielten wir anf der Rbede von D5bbru *), einer 
Wer-Singelli-Niederlassung, bestebend ans c. 20 Matten-HUtten und 
2 „Fort8^ ans 6onnged5rrten Lehmsteinen. Nur mit Gefabr konnten 
einige Passagiere dnrch die Brandung schwimmen. Ibr Grepftck mussten 
sie an Bord lassen. Sie erbielten dasselbe erst viele Tage splCter. 
Da sich der Wind wieder sebr verstSrkte, so konnte sich das Sam- 
bak anf der Rbede nicbt mehr hi9ilten; dessbalb stachen wir bald 
wieder in See gen Ldsgori, Angesicbts dessen wir gegen 2 Uhr 
Nacbmittags Anker warfen. Das Meer ging ungemein hoch, so dass 
nicbt daran zn denken war, die Brandung heute zn passiren; ein 
Stosssenlzer „buqqefa inscb all&b^! (Morgen, so Gott will!) ent- 
presste sich meiner Brnst. 

Den 21. Mftrz: Meine erste Bewegnng beim frfihen Erwachen 
war, nach dem Winde zu sptiren. Zu meinem grOssten YergnQgen 
war sanfter SO., nacb welcher Richtnng die Lasgori-Rbede dnrch 
eine weit in*s Meer ragende Landzunge Ra<j-Dorleia**) geschfitzt ist. 
Dicht am Strande einer weiten Bucbt liegt die Stadt LAsgori***). 
Sie bestefat eigentlich aus zwei Stf&dten, welche c. eine engh Meile 
von einander liegen, durch die Ausmiindung eines jetzt trockenen Flnss- 
bettes, in dem die Bmnnen gegraben sind, getrennt. Jeder der beiden 
Gomplexe zfthlt ungef&hr 100 Mattenhiitten und ein Dutzend Hauser 
aus Lehmziegeln, die von SOd-Arabem in heimatfa'cher Bauart auf- 
gefObrt sind, mit bohen Mauern, in denen kleine schiessschartenartige 
FensterlOcher boch Uber dem Boden belassen sind. Das Dach ist fiach 
und mit durchbrocbener BrQstung versehen, es dient als Scbiess- 
stand w&hrend feindlicber Angriffe. Von einem dieser „QAlle* oder 
Forts drSuen sogar zwei Kanonenlftufe ohne Lafetten. Die meisten 
MattenbQtten sind viereckig und heissen dann ,,Hasso^. Dazwischen 



*) Debgban auf Henglin's Karte in Petermann*fl - Mitth: 18€0 Taf. 18, 
anf welcher ebenfalls die verschiedenen Somalen-Kabylen und die iibrigens 
durch stete Fehden sehr variablen Grenzen ihres Sitzes verzeichnet sind. 

Der Verf. 

**) Raz Lasgori Heuglin's. 
***) Der Name Ldsgori wurde mir definirt als von Las „Brunnen", Gori 
„Holz" abgeleitet. Drel DattelbSume standen nSmlich vor Zeiten am Brunnen 
der Stadt, Der Verf. 



270 J* ^« Hildebrandt: 

finden sich jedoch ebenfalis die bienenkorb&hnlichen ZelthUtten der 
reisenden Handler und Hirten ^Aqqel^ aufgeschlagen*). 

Erst gegen Mittag wagte ich es, nnd es gelang mir, darcb die 
allerdings noch immer baushohe Wogenbrandung halb scbwimmend, 
halb geschleadert, das sandige Ufer zu erreichen. W&hrend ich mich 
ankleidete, fand sich ein grosser Theil der BevOlkerung ein« Die 
Einen, um mich zu begaffen und ob meiner weissen Haut und des 
weissen , ungl&ubigen Herzens zu verhdhnen, (diese Sorte genirte 
mich schon seit langer Zeit nicht mehr), die Andem, um meine 
Effecten zu mustern d. h. um einen Ueberschlag zu machen, ob es 
sich lohne, mich auf einem Zuge in s Innere zu begleiten, auf dem 
mir ja ein ^Unfall'^ begegnen k5nne, (diese Sorte liess mich kalt), 
ivieder Andere endlich, um mir ihre Dienste anzubieten, d. h. sich 
als SchropfkOpfe meines Geldbeutels zu empfehlen, (diese ftlrchtete 
ich am meisten). 

Ich watete durch den Sand zur Hatte Achmed-Abdu's, eines 
Verwandten des ^Girad's** (^Sultan's**) der Wer-Singelli-S^mal, den 
ich zu meinem „Ab&n^ erw&hlt hatte und wo ich mich einlogirte. 
Das Wohnzimmer wurde mir zu Ehren mit buntgeflochtenen Matten 
hubsch austapezirt und der Boden mit ebensolchen belegt« Bald darauf 
erschienen zu meiner Begriissung vier Sohne des Girad's, (er selbst 
war abwesend), von vielem Volk begleitet. Sie unterschieden sich 
von dem Uebrigem in nichts anderem, als dass ihnen das Privelegium 
angeboren war, AUes, was ihnen unter meinen Effecten irgend 
brauchbar erschien, zu fordern, wahrend die anderen es nur er- 
bettelten. Ich liess mich jedoch auf nichts ein, sondern iiberreichte 
ihnen einen mir freundlichst mitgegebenen Brief des Political Resident 
zu Aden, der durch einen herbeigerufenen arabischen Kaufmann ge- 
Offnet und verlesen wurde. Der Resident hatte darin hervorgehoben, 
dass er den Wer-Singelli nun schon so oft (and zuletzt erst vor 
einigen Wochen) Geschenke gemacht und ihre Abgesandten in Aden 
bewirthet hatte ; man sollte deshalb den Ueberbringer ebenfalis freundlich 
aufnehmen, was sie nach langerer Berathung denn auch zusagten, 
sowie sie die erbetene Besorgung zweier Lastkameele zur Reise in^s 
Innere aufs Schleunigste d. h. bnqqera insch' allah, auszufiihren 
yersprachen. Sie blieben, ohne weiter etwas zu sprechen, mehrere 
Stunden bei mir hocken, erwartend, ich wiirde mit grossen Geschenken 
herausriicken; Endlich erlOste mich der Muezzin (Gebetrufer) von 
diesen langweiligen Gesellen, und ich ging an den Strand, wo der 
letzte Sturm grosse Haufen interessanter Algen ausgeworfen hatte, 



*) Eine eingehendere Beschreibung der Behansungen, Gerathe, Kleidnng 
etc. der Somal habe ich unter ^Yorlaufige Bemerkungen zu S<Smal" in der 
Zeitschrift fiir Ethnologic niedergelegt. Der Yerf. 



Ansflng yon Aden in das Gebiet der Wer-Singelli-Somalen. 271 

von denen ich eine reiche Collection nach Hanse brachte. Ein 
anderer Ausflag auf die DQne ergab eine Anzahl mir sehr anffallender 
Pflanzen. Die Flora dieses Kfistenstrichs (noch mehr dieses Gebirges, 
wie ich sp&ter nachweisen werde) weicbt nicbt nnwesentlich - von der 
am Bothen-Meere ab, wo von die Ursacbe wohl weniger in der 
sOdlicheren Breite als im verfinderten Substrat (Ealk) zn sucben ist 
Zwiscben einem dicbten) Flugsandbiigel bildenden TamariskengestrOpp, 
das besonders tippig im and am trockenen Flussbette wucbert^ sind 
grosse CcUoiropishiiBchef Salvadora persica, eingesprengt, sowie 
sparrige Str&ucber, von denen ich nur eine Chenopodiacea^ Asmo- 
dobeja (von Af.-Manl; modobeja: sebwarz ffirben, der Speichel des 
von ihr fressenden Yiebs scbwfirzt sicb n&mlicb), eine Dolichos ver* 
wandte Po^Vfonocea xm^ Indigofera argetUeavar. prop,*) erwabne. 
Die auffallendste Erscbeinung und, wie es scbeint, nnr dem Somal- 
Liande eigentbiimlicb, ist jedocb die balbstrauchige Aristolochia 
(^Acrosiylis) rigida Ducbartre, der U6s der Som&len. Ihre langen 
Hutbenfiste sind am Boden bingestreckt und mit Gartennelken 
fihnlicben Bltittem dicbt besetzt, aas deren Achseln griinlicb-braane 
Bluiben bervorbrecben , in deren EObrenschlund ein Ring einwarts 
stebender Haare nur ein EinscblQpfen von Insecten erlaubt, die 
aber dann gefangen sind, wie in einer Mausefalle (foecundationis 
causa). Andere Halbstr&ucber sind neb en der an alien beissen 
Kiisten des Orients bfiufigen Aerva javanica ein Croion, ^Balambal" 
genannt, dessen Frlicbte sebwarz f^rben, zwei woblriecbende Com- 
positen: Erigeron und Felicia spec, and die saftige Euphorbia 
sysiyla. 

Wenige krautartige Formen, Zygophyllum simplea, Fagonia 
spec,^ Cleome brachycarpa Vabh, Anisophyllum granvlaium, Helio- 
phylum plerocarpum DC. fil., Anlicharis glandulosa und Schwein- 
furthia plerocarpa A. Br. enispriessen dem sterilen Sandboden. 
Vereinzelte Scbirm-Acacien-Gruppen, neben Zizyphus, bilden die 
einzigen Baumformen und wirken ungemein maleriscb gegen das 
triste Graubraun des naben Gebirges. 

Nacb Hause zurQckgekebrt, liess ich mir die einheimiscben 
Namen der gesammeten Pflanzen sagen, fand jedocb bald, dass die 
Botanik der Somalen, wenigstens der St&dte bewobnenden, auf der 
niedrigsten Stufe stebt. Selbst die im Habitus un&bnlicben Pflanzen 
identifiziren sie. Nur zuweilen baben sie eine Ahnung von Familien- 
&bnlicbkeit der Gewacbse* So bringen sie z. B. viele Gompositen 
unter dem CoUectivnamen ^jFarsati'^ zusammen. 

Nacbdem icb micb an Reis und Sahnenmilcb satteam gestftrkt, 
kroch icb zwiscben zwei Strobmatten und scblief berrlicb. 



*) Diese Form weicht dnrch fast stielrunde, nicht eingeschniirte Hiilsen ab. 



272 J- M. HildeVrandt: 

^ Den 22. MiCrz: Morgens brachte man meln dbriges OepSck 
an's Land, nnd als ich gegen 1 1 Uhr von einer Excursion in meine 
Hlitte zuriickkehrte, fand ich alles durchn&st vor. Das Boot war 
in der Brandung nmgeschlagen. Das Pflanzenpapier hielt kanm noch 
zusammen und war ein Ausbreiten desselben behufs Troknens bei 
dem starken Winde eine nicht geringe Miihe. BOcher und anderes 
Gepack waren grdstentheils „au8 dem Leime gegangen,^ mein sonstiger 
Schaden ebenfalls gross, denn die Somalen wollten die Datteln, 
Zeug und Reis nur noch zum halben Werthe annehmen. Reis 
bildet n&mlich die ScheidemGnze und schleppt man als Portemonaie 
einen centnerschweren Sack desselben mit umhen 

Natlirlich batten die Sultansdhne die versprochenen Lastkameele 
noch nicht besorgt, ich hatte Qbrigens ja auch genug zu thun, um 
meine Effecten im heissen Diinensande zu trocknen und gegen das allzu- 
nahe ^Besichtigen'^ der sich wie Raben urn's Aas sammelnden Somalen 
zu schQtzen. Der Sultan wurde zu Abend erwartet, kam jedoch nicht. 

Mein Ab&n hatte hinter meinem Rficken den ^Itesten Sohn und 

Thronerben des Herrschers zum Abendbrod eingeladen. Ich woUte, 

um wenigstens einigen orientalischen Aufwand zu machen, Kaffee 

kochen lassen, jedoch rieth man ab, da der Sultan in spe solchen 

Luxus nicht kenne'^). Er erschien in seiner altersgranen Tobe, 

hockte nieder und es wurde eine durch vielfache Bandagen kaum 

noch in den Fugen zusammengehaltene Holzschtissel vol! brodartiger 

Fladen vor ihm auf die Matte gesetzt; dann langte mein Diener 

die Butter- „ Qnmba^ **) aus dem Winkel und man schopfte mit 

den Handen ungefahr 3 Pfund halbfliissiger Butter auf die Fladen, 

knetete das Ganze zu einem Brei und ass mit der Urform der 

Gabel, den Fingem. Dann wurde ein Stiick vorvorgestrigen Schdpsen- 

bratens hervorgesucht und auseinandergerissen. Jeder erhielt sein 

Theil und schnitt sich den einzelnen talgigen Happen sehr geschickt 

mit dem breiten Schwerte vor dem Munde *ab. Als Tafelmusik 

diente das Schnalzen, den Toast bildete ein krSftiges Aufstossen, 

das fromme Zeichen des behaglichen Gesattigseins und des Dankes 

fiir den Gastgeber***). Dann verliess der Thronfolger mein Gemach 

um beten zu gehen« Ich selbst sass w&hrenA der Zeit auf meiner 

Lederdecke und ass Reis und eine robe Zwiebel. 



*) Die Wer-Singelli trinken weder den Eaffee, noch essen sie ihn, wie 
es sonst Gala und auch die Sdd-Somalen z. B. bei Barawa than. 

**) ,>Qumba" nennt man einen Beutel, der aus Eameel- oder Ochsenhaut 
gefertigt wird, indem man durch die gefaltete Peripherie eines runden Stiickes 
derselben drei korze St&be sticht, die die Oeffnung umrahmen. Durch oftmals 
emeuete warme SandfUllung trocknet das so entstandene Gefass und behalt 
seine Beutelform bei. 

***) Es wiirde unter Mohammedanern ein grosser Verstoss gegen die 
Etiquette sein, wenn der Gast nicht nach dem Male hdrbar aufttiess. 



Ausflug von Aden in das Gebiet der Wer-Singelli-Somalen. 273 

Den 23. Marz: Da man die Kameele noch nicht gebracht 
hatte, so belief ich des Sultans Sohne zu mir und setzte ihnen in 
langer Rede auseinander, dass, wenn sie bis zum andern Morgen 
das Yerlangte nicht schafften, ich daraus ersehe, dass sie mir den 
Eintritt in das Innere verwehrten, ich wiirde sodann abreisen, um 
Ton einem andern Hafen aus einzudringen. Diese Worte brachten 
grosse Sensation hervor, denn setzte ich mein Yorhaben durch, so 
entging ihnen mein Geschenk. Sie gaben als Entschuldigung an, 
dass die Abgesandten der Wer-Singelli in Aden ebenfalls vier 
Tage gewartet batten, ehe sie ihr Oeschenk erhalten batten. Auch 
kame zn Abend der Sultan. 

Ich war, da ich einen der Schiffsleute durch Yomitiv und 
Chinin vom Fieber befreit, in den Ruf eines grossen Medizin- 
mannes gelangt, nnd war meine dampfe Hutte, in der ich mich 
wie die Maus unter der Luftpumpe befand, vom Morgen bis Abend 
mit Kranken gefullt. Am haufigsten war Ophthalmic und Gicht. 
Letztere holen sie sich bei ihrem Nomadisiren auf den k^ten 
Bergplateaus. Auch vernachlassigte , grasslich um sich fressende 
Speerwunden kamen mir zu Gesicht. Ich setzte ruhrig Hollenstein 
und spanische Fliege, Tartarum emeticum und machtige Senfpflaster 
in Bewegung. 

Den 24. Marz: Gegen Morgen wurden endlich die Kameele 
gebracht, sie mussten jedoch erst fressen, auch waren weder Pack- 
sattel noch Stricke in Lasgori. Erstere musste ich yon einem 
entfernten Dorfe holen und erhandeln lassen, letztere sollten erst 
gesponnen werden, sodass dieser Tag wiederum verging, ohne 
mich vom Platze zu bringen. Ueber Tags kamen mehrmals Boten, 
welche das Herannahen des Sultans meldeten; „er kame mit einem 
Gefolge von 2 — 300 Reitern um mich zu begrussen^. In der Stadt 
wurde ihm ein prunkvoller Empfang vorbereitet. Wirklich hiess 
es gegen Abend, der Herrscher lagerte mit seinem Tross am 
Brunnen (c. ^^ Stunde von der Stadt), er babe zur Stadt gesandt 
um Speise zu fordern. Da ich womoglich noch in der Nacht 
aufbrechen wollte, um . den heissen Kustenstrich andern Tags uber- 
schritten zu haben, so machte ich mich auf, ihm meine Aufwartung 
zu machen, schnallte Hirschfanger und Revolver um, liess meine 
Flinten hinter mir und eine Laterne vor mir hertragen und schloss 
mich dem Zuge der Aeltesten und zahlreiohen Sprosslinge des 
Sultans an, welche ihm zu huldigen gingen. Uns begleitete ein 
Haufe nackter Buben, welche sangen und tanzten, da sie glaubten, 
ich gabe einen Schmaus und grosses „Ade^ (Geschenk). Ich war 
sehr gespannt darauf, den Mann kennen zu lernen, welcher es 
verstanden, diese wilden Horden in Zaum zu haiten und dessen 
Macht und Weisheit mir in den leuchtendsten Farben gemalt war. 

Zeitochr. d. Oceellscb. f. Erdk. Bd. X. 18 



274 J- M. Hildebrandt: 

^Er kann selbst Deine Sprache reden^, sagte man mir, ^jWenn er 
nur will,^ aber er wollte nicht. 

Wir waren dem Brunnen schon ganz nahe und dennoch liess 
Bich kein Pferdegewieher vernehmen, kein Lagerfeuer erblicken. 
Lange snchten wir in der Dunkelheit, man rief und antwortete. 
Endlicb fanden wir uns zurecbt. Auf einer Strobmatte am Wege 
bockten 3 Oestalten, dicbt von erdfarbenen Toben verhuUt, mumien- 
gleicb, sie regten sicb nicbt. Die mittlere ward mir als der Sultan 
bezeichnet; ieb scbritt auf sie zu und bracbte einen arabiscben Grnss. 
Als Antwort bewegte sicb eine von der Tobe verdeckte Hand 
gegen micb bin, die icb berubrte *). Nacbdem icb mich in orienta- 
liscber Weise nocbmals und abermals nacb dem Befinden des 
^ Sultans^ und dem seiner boben Yerwandten bis zum dritten und 
vierten Gliede erkundigt batte, worauf icb aber trotz der Yer- 
dolmetscbung keine Antwort erbielt, so begann icb nacb Somalen- 
weise meine Reise von Aden moglicbst minutios zu bescbreiben 
und zum Scbluss, micb auf den Brief des Residenten stutzend, 
bat icb um Erlaubniss zu einem Ausfluge in das Land der Wer- 
Singelli. Wieder keine Anwort, jedocb batten sicb wabrend dessen 
die beiden zur Recbten und Linken des „grossen Scbweigers^' 
sitzenden Gestalten entpuppt und waren zur Seite getreten, um 
Sobauri (Ratb) zu halten. Nacb langem Harren bracbten sie die 
Antwort, morgen solle mir Bescbeid werden. Icb entgegnete kurz, 
icb wurde in der Frube mit den geladenen Kameelen kommen 
und meine Reise zu Lande oder zu Wasser (d. b. in das Gebiet 
eines andem Stammes) antreten. Darauf entfernte icb micb, nacb- 
dem icb nicbt unterlassen konnte, die wiederum unter der moder- 
grauen Tobe entgegengebaltene Hand des Monarcben kraftig zu 
drucken, um wenigstens einen Laut berauszaquetscben, was mir 
aber nicht gelang. 

Den 25. Marz: Nacb unsaglichen Bemubungen gelang es 
mir 2 Kameele mit meinen Effecten beladen zu seben und gegen 
6 Ubr nacb dem Brunnen aufzubrecben. Ein Reittbier ist fur 
den Naturalisten unniitz und verfubrt ibn nur, an vielem Sammel- 
baren vorJ:)eizureiten. Icb fand den Sultan an derselben Stelle, 
in derselben Stellung wie gestern Abend und in demselben 
^ Moltkescben ^ Schweigen verbarrend. Die Ratbe firugen micb 
nacb langer gebeimer Beratbung, warum die Frenji (Europaer) 
nun scbon zum dritten Male in ibr Land kamen. Icb antwortete: 
der erste Frenji ^Cruttenden 1848, als er die Somali- Kuste auf- 
nabm) babe von den Bergen aus das Meer gezeicbnet, damit die 



*) Eg gilt als eine besondere Gunstbezetigimg der grossen S6inal, die 
Eand bed^kt darzubietett^ 



Ausflug von Aden in das Gebiet der Wer-Singelli-Somalen. 275 

Frenjischi£Pe, welche darch Sturme an ikre uowirthliche Kuste ver- 
schlagen warden, nicht scheiterten and, wie es schon so haufig ge- 
schehen, Ton den Somalen geplnndert warden. Der 2weite (Speke 
1864 — 55 aaf seiner sogen. Nogal- Expedition, deren Zweck die 
Untersaehang des dort vorkommen sollenden Ooldes gewesen ist) 
hatte das Land geseichnet, damit es bei gleicher Gelegenheit vom 
Meere aus erkennbar ware. Der J)ritte, ich, reiste in alle Lander 
der Erde, um Dana (,)Medizin^) za sammeln. Daraof fr&gte man 
mich, waruu) es den Abgesandten der Wer-Singelli in Aden nicbt 
erlanbt gewesen, ihre Waffen za tragen, ich mdsste desahalb eben- 
falls die meinigen in Lasgori zurucklassen. Ich bescbied sie, dass 
es in den Stadten der Frenji weder Raubmorder noch wilde Thiere 
gabe; die vielen Wanden and Narben, die icb karirt and gesehen 
hatte, machten mich jedoch glanben, dasa. es in ihren Landen nicht 
so Tollkommen sicher sei; ausserdem gabe es Tiele Thiere, die 
„Daiia^ in sich trugen and diese musste ich schiessen. Daraaf fragte 
man mich, warani ich meine „Ade^ (Geschenk) noch nicht uber- 
reicht hatte; die frahem Frenji and noch letzthin der „CirkaI^ 
(Resident) za Aden batten grosse Gaben gebracht, am die Ganst 
des Saltans zu erwerben. Ich antwortete: ^wenn Each die Frenji- 
Cirkale Geschenke geben and Each in ihrer Stadt bewirthen, 
so geschieht dies nicht, wie Ihr glaabt, weil sie Furcht vor Each 
haben, sondern damit Ihr ihre Landsleate, die Each besachen, 
ebenfalls gat aafnehmet and Gleiches mit Gleichem vergeltet. 
Die Frenji kommen in Frieden zu Each and nicht mit Krieg, 
denn das Pulver was sie yerschiessen warden, urn Each za ver- 
tilgen and Eaer Land za erobern, ist werthvoller als dieses and 
Ihr selbstl** 

Sie fiihlten sich getroffen, denn sie batten mir gegen alle 
Sitte bis jetzt keine Speise gebracht; auch mochten sie fiirchten, 
das Palver moge im Preise fallen. Nach langer Berathang gab 
man mir den Bescheid, ich konne reisen, man wurde bei meiner 
Zuruckkanft das „Ade^ erwarten. Es drangten sich mir noch 
zwei Sohne des Saltans als Beschatzer d. h. Schmarotzer auf, and 
so trat ich endlich meinen Marsch an. Es war 8 Uhr geworden. 

Der Weg, den ich einschlag, heisst in seiner ganzea Lange 
Gel -Dora (Gel: Milchkameele, Dora: gat). Dem schmalen sandigen 
Dunensaam folgte ein GeroUfeld, durch Wildwasser vom nahen 
Gebirge herabgeschwemmt and durchzogen von ^inem breiten, jetzt 
trockenen ^Toq**, Flassbette, dem von der Natur.gebahnten Pfade. 
Das Gebirge, soweit ich es darchwandert babe, besteht ausschliess* 
lich aas Kalk-Gestein. Die Vegetation nahm mit jedem Schritte, den 
wir den Bergen naher kamen, zu, doch war sie im Ganzen diirftig^ 
da die Regen erst mit dem Schemal (SW. Monsun), also im Mai 

18* 



276 J* M. Hildebrandt: 

eintreten und uberhaupt dfts Kuste, wenn auch zu gleicher Zeit, so 
doch weniger bernhren, als das Gebirge; sie bestand aus ^Qurra**- 
Acacien, ^ Qub ** {Ztzyphus spina cristi), „ Adda" (Salvadora persica)*), 
Tamarisken und dem letzteren ungemein ahnelnden ^Mokor^ {Mo^ 
ringa arabica)**)^ welche dem FlQssufer entlang aiemlich dichtes 
Gebusch bilden. Anf den sterUen Anhohen stehen kleinblattrige 
Jatropha spec. no«?a P-Straucher. In schattigen Felsspalten ^wacbst 
eine habsche blau-blubende Lavandula] iiber die Bosebung ded 
Btelienweise tief eingerissenen ^ Toq's ^ bangen die dornigen Zweige 
des Convolvulus Hy stria mit ihren bimmeiblauen Blnthen, welcber 
mir von Geddab ber wobl bekannt war. Zwiscben den aus Con- 
glomerat berausgewascbenen Steinen des Flussbettes baben sieb 
mebrere annuelle Pflanzen eingefunden : Schwein/urthia und andere 
Scrophulariaceen, Cleome aspera Konig, eine junge Reseda und 
einige Graser. Der nacbste Strom fubrt sie binweg ^und ibre 
Statte kennet sie nicbt mebr.'^ 

Bereits gegen 10 Ubr lagerten wir am Flussbette unter dem 
Scbatten eines Dammasbaumes (fiombretacea spec, propria). £r 
siebt einer Baumweide nicbt unabnlicb, sowobl durcb seinen 
knorrigen Stamm mit riesiger Rinde, als durcb seine lanzettlicben, 
ibrigens tiefgrunen Blatter. Die geraden Aeste werden als Pfeiler 
zum Huittenbau gebauen und selbst bis Aden exportirt. Er ist 
der einzige Baum dieser Gegend von cinigermaassen imposantem 
Anseben. Er scbwitzt geringe Mengen woblriecbenden Gummis 
aus (Habbak - Dammas genannt), welcbes bocb im Preisc stebt 
(2 Maria Tber.-Tblr. das Pfund). Dieser kommt nicbt in den Gross- 
ba)&del,' seine Verwendung blieb mir unbekannt. Unser Halteplatz 
beisst Samborre (d. b. Sanka = Nase, bor = gross); icb konnte 
nicbt er!£ahren, wessbalb; bier tauschen die sicb begegnenden 
Reisenden ibre Nacbricbten von der Kuste und dem Innern aus. 
Mebrere ungepflegte Dattelbuscfae sind ans der Hinterlassenscbaft 
fruberer woblhabender Reisenden, (vielleicbt gar der Cruttenden- 
schen Oaravane) , bcrvorgesprossen. Gegen 2 Ubr brachen wir 
attf, eine Strecke weit dem "^Toq** folgend, dessen bobe steile 
W&nde einen ungemein pittoresken Eindruck bervorbringen : 
bald von tiefen, dunklen Hoblen zerkliiftet, bald ruinenartig in 



*) Die faserigen Lohden der Salvadora^ des „Bak^^-Baames der Araber, 
werden bier ebenfalls, wie in rielen L^dern des Orients, zu Zahnbtirsten 
benutzt. Sie eignen sicb hierzu sebr gut. Natiirlich diirfen Mobammedaner 
nicht unsere Zahnbtirsten ans Borsten benutzen. 

**) Mit dem Brei zerquetsebter junger Triebe and Blatter dieses anch 
in Aden vorkommendeH Banmes werden die baumwoUnen Flscbleinen ein- 
gerieben, welcbe sicb dadurcb scbwarzen und im Seewasser ungemein lange 
dauem. 



Ansflag von Aden in das Gebiet der Wer-Singelli-Somalen. 277 

Pfeilern und Bogengangen weiss gegen den tiefblauen Himmel 
abstechend. 

Aos diesen senkrechten Felsmaaern spriesst der den ^Meithi- 
Weihrauch* liefernde nQelL&r^'BavLm(BosweUia papyrifera Hochst.)* 
Als Stutze dient ihm die gleich einem erstarrten Layaflass weit- 
bin nber den Stein gebreitete Stammbasis, in Farbe und Form 
ibn nachabmend. Jetzt da der Baam blubt und in Saft tritt, 
klettem die Somalen beiderlei Gescblecbts zu ibm auf Katzenpfaden 
hinauf, machen mit einem Messer viele kleine Einscbnitte in seinen 
weicben Stamm and kebren, nacbdem sie wabrend dessen andere 
Baume aufgesucbt, nacb 6 Tagen zuruck, nm die faustgrossen Stacke 
des trocknen Harzes abzulosen. Nacbdem sie die Reibe dureb 
sind, beginnen sie nocbmals am ersten Baom. Regen zerstort 
die einzelnen Ernten, wenn er die nocb weicbe Masse trifft*). 
Dieser Weibraucb („ Meitbi genannt) wird von den Somalen znweilen 
Nacbts in's Feaer geworfen, um die Hutte^za erlencbten und zu 
raucbern. Sie kauen ibn ebenfalls und er soil dann die Mudigkeit 
vertreiben. Jedocb erlaubt sicb der Somal nur selten solcben 
Luxus, meistens bringt er ibn zur Kuste, um ibn bei den dort 
barrenden arabiscben Kaufleuten gegen reellere Kaumaterialien, wie 
Reis und Sorgbum, umzutauscben. Ueber Geddab und Aden 
kommt er sodann in den Handel und bescbliesst seinen Lebenslanf 
im Harem zwiscben den Zabnen der orientaliscben Scbonen**). Eine 
Yerwendung scbeint er in Europa nicbt zu finden, obgleicb er sicb 
gewiss zu Firniss und Parfumerien sebr eignen wurde, besonders 
da er die Hanpttugend einer Waare besitzt, billig zu sein (Preis 
in Aden: 5 Rup. per 32 Pf.)« 

Der Weg wand sicb aufnrarts in den Gebirgstbeil Iskodubbo 
(d. b. IskoesGestein, dubboc=zerbrocben, wegen des Gerolls), 
in dessen tiefen Scblucbten sicb der ^Toq Damalle^ weiter ziebt. 
Die Steine seines Bettes sind wie ubertuncbt von dem kalkigen 
Niederscblage periodiscben Wassers, gegen weicbe blendende Unter- 
flacbe die dunkelgriinen Blattmassen der Dammasbaume seiner 
Ufer angenebm contrastiren. In einem engen, scbattigen Seiten- 
tbale liegt, von boben Dammas bescbattet, der stille Wasserplatz 
Damalle (d. b. ausruben, da bier nacb und vor der Gebirgsreise 
gerubt wird), dem der ganze Flusslauf seinen Namen verdankt. 
Da an diesem Orte wabrend das ganzen Jabres Wasser verbleibt> 



*) Der echte Weihrauch, dessen Mntterpflanse ich auf dieser Beise leider 
yergebens gesucbt, braucht 12-- 15 Tage, um auszuschwitzen und zu trocknen. 
Seine erste £mte heisst auf Somal Kiicbu (d. h. rein) im arabiscben nnd im 
Handel Fusas (Thriinen). Die zweite, geringem „Upis-Ka1jer*' (d. b. halbgute). 
**) Dieser Weibraucb ist niobt mit dem ebenso gebraucbten Mastix 
(welcher vom Kauen wohl seinen Namen hat) zu verwechseln. 



278 J- M. Hildebrandt: 

80 hat sich eine relativ reiche Vegetation eingefunden. Didit um 
die von Ulven *) grunen Pfutzen stehen Binsen und hubscbe kleine 
Graser. An diesen fenchten Stellen gedeiht auch Schweinfurihia 
am uppigsten, and hatte ich das Yergnugen, reifen Sam en derselben 
in Menge einsammeln zu konnen. Ans scbattigen Felsspalten 
schanen die lila Bluthen der ^Sonnam^dda^ {Mathiola elliptica 
R, Br.) und die dunkler violetten der Farsetia lopgisiliqua Decne. 
(beide in der Somalen-Nomenclatur mit demselben Namen be- 
zeichnet) hervor. Auch gedeiben dort grosse dichte Bnscbe einer 
VerbenaceUy deren nberhangende Ruthenaste in langen Aehren 
kleiner weisser Bluthen enden, auch eine sehr hubscbe Malvacee 
{Serraea incana Cav.) mit grau behaarten Blattern und blassgelben 
Blumen, ein Hyoscynmus und zwei Helioiropien, welche sich bei 
der Untersuchung als neue Arten ergaben und Herr Yatke als 
Heliotropium (Enheliotropium) somalense und H, (Heliophyium) 
hirsutissimum genannt hat**). In einer hohlenartigen Einsenkung 
auf der Hohe der steilen Felswand fand ich eine neue Scrophu- 
lariaceen-Gattung, Urbania lyperiaeftora Vatke. Sie ist mit 
Driisenhaaren , die kleinen Thautropfeu ahneln^ dicht besetzt, 
deren Secret die Hand bei Beriihrung der Pflanze benetzt. Neben 
dem ^Gekar** ist ausser Acacien noch der„Obbel*' (eine Combre- 
tacea) zu nennen, dessen rothlicher Gummi von den Schriftgelehrten 
auf radirte Scbreibstellen gerfeben wird, etwa wie bei uns Gummi 
sandarach. 

Nachdem wir unsere Schlauche mit dem truben Wasser der 
Pfutzen gefiillt, zogen wir weiter^ denn aus wohlbegrundeter Furcht 
vor "wilden Thieren und den noch gefahrlicheren Miasm en war es 
nicht rathsam, hier am Wasser zu ubernachtcn. Der Weg fuhrte 
ziemlich steil aufwarts durch Acaciengestrupp , und erreichten wir 
gegen J^6 Uhr den Lagerplatz Harere do: dedda (d. h. der [Baum] 
Harere [der dort fruher Schatten gebend gestanden haben mag] ist 
fort). Hier luden wir in einem von fruhern Reisenden herruhren- 
den „Herro" Domenverhau, (die Sudanesische „Seriba"), unsere 
Kameele ab, die dann zum Fressen ausgetrieben wurden. Bald 
loderte ein Feuer und im Kessel brodelte der Reis. Dies liess 
sich Alles recht gemiithlich an, aber das Benehmen meiner Leute***) 
hatte etwas so sonderbares, iibertrieben zuvorkommendes, dass es 
mich zur hochsten Yorsicht mahnte. Schon in Lasgori warnte 



*) Chcn'cieea etc. fehlten. 
**)- Neben einigen andem Pflanzen meiner botanischen Ausbeute in 
der Ocsterr. bot Zeit. Jan. 1875 veroflFentlicht. 

***) Die beiden Diener hatte ich in Aden auf der Strasse recmtiren 
mtigsen, da nur sie, die ,,mit alien Hunden gehetzt" waren, mich in's ver- 
rufene Somal-Land begleiten woUten. 



Atisflug von Aden in das Gebiet der Wer-8ingelli-Somalen. 279 

mich eio arabischer Nachoda, der gehort, man wolle mieh im Innern 
„von einem Lowen iressen'' lassen. Da ich wusste, wie wenig 
vertraut die Somal mit dem Scbiessgewehr sind, traf ioh zu meiner 
und des Gepackes Sicherheit eine Vorkehrung etwa der Art, wie 
die Ankundignng in beimathlidien Obstgarten: ,,Yor Fussangeln 
wird gewarnt'S trotzdem dann gewobnlich gar keine ansgelegt sind. 
Ich liess namlich fur meine Person nnd die werthvoUeren Gepack- 
stncke ein separates ^H^i^o" herrichten, nahm ein Knaul Bind- 
faden znr Hand and gebot meinen Leuten, sich entfernt zn balten 
and mich bei der jetzt aaszafahrenden ,,Daaa^' (Medizin) nicht zu 
storen, nachher wurde ich ihnen alles erklaren. In gespanntester 
Erwartung sahen sie meinem Gebahren zu. „Die Wacht am Rhein^' 
brummend, was sie gewiss fur eine machtige Zauberformel hielten, 
rollte ich die Schnur ab und streuete sie uber Lanzenwurfweite 
um mein Privat- Cabinet lose uber Straucher und Erdboden aus, 
einen geschlossenen Kreis zaunartigen Netzwerks bildend. Ein 
Ende des Fadens band ich sodann an den Drucker meiner vorher 
mit feuchtem Pulyer geladenen Flinte, erhob meine Sdmme und 
sprach : „Sehel, eine feste Burg habe ich um mich errichtet, kein 
wildes Thier, kein Feind kann sich mir nun nahen, denn jedes 
Geschopf, das diese Schnur an irgend einer Stelle beruhrt, ver- 
ursacht das Losgehen meiner Flinte und seinen Tod. Wenn nun 
in der Nacht Tielleicht Reisende des Weges kommen , so warnt 
sie, auf dass sie sich nicht selbst verderben, und auch ihr, meine 
Getreuen, nahert euch in der Nacht nur gar nicht „aus Yersehen^' 
meiner Lagerstatte. Nur ich selbst, der ich, wie diese grosse 
Dana, auch ihre Gegendarua kenne, kann die Schnur beruhren, 
ohne mich zu erschiessen, obgleich auch dann das Gewehr losgeht/' 
Hielt also den Lauf frei in die Luft und zog bei lang ausgestreoktem 
Arme an die Schnur. Der Schuss knallte und das feuohte Pulver 
erzeugte eine grosse Feuergarbe. Dieser harmlosen Hollenmaschine 
▼erdanke ich, wenn nicht mehr, so doch eine ungestorte Nacht- 
ruhe, wahrend die Somal sich gewiss noch lange von den Teufels- 
werken der Frenji (Europaer), die Einige ja in Aden gesehen 
haben, erzahlten. 

Den 26. Marz: Nachdem ich meinen Entsetzen erregenden 
Bindfaden wieder geheimnissvoU aufgehaspelt und als ,9gute Wehr 
und Wa£Pe" in die Tasche gesteckt, wurde aufgebrochen. Es war 
^7 Uhr. Die von Ealksteingeschieben bedeckten Berggehange, zu 
denen wir anstiegen, sind von Acacien bestanden, unter denen be- 
sonders der dichtastige „Hadad", A. glaucophyUa und die „Djerim", 
-4. abessinica, reichen Gummiertrag liefern. Die meisten Hulseu 
der letzteren strotzen von Schleim und werden ausgekaut. Die 
ebenfalls haufige, als schlanke Pyramide wachsende „Girma^S Acacia 



280 <^' ^* Hildebrandt: 

ebumea, liefert weniger Onmmi, jedoch dient vomehmlich ihre 
Rinde zam Oerben. Auch die als Schirmbaum bereits in dieser 
Hohe*) auftretende „Gulla-Acacie'% A, etbaica Schwf. erzeugt 
nnr geringen Exsnd. Die Acacien werden nicht angeschnitten, 
sondern nur das — vom Mai bis August — frei ausschwitzende 
Gummi abgelesen, Ton dem ein gut Theil in den Magen der So- 
mal wandert. Einige jetzt noch blattlose Myrrhenbaume, „Didin", 
von kruppelhaftem , knorrigen Wuchse, welcbe geringe Mengen 
kostbaren Bitterharzes hervorbringen, mischen sich neben Trium- 
ye/to-Halbstrauchern unter das Dorngewiir der Acacien, welche 
stellenweise von einer sonderbaren Euphorbiacea? von Combretum^ 
artigem Ansehen durchwoben sind, deren in dichten Itispen stehende, 
jetzt trockne Flugelfrucbte gemeinschaftlich mit den reifen Hulsen 
der Acacien im Winde rascheln. Diese und einige Acanthaceen- 
Straucher (Barleria spec,)^ aus deren stachligem Astgewirr zin- 
noberrothe Bluthen hervorleuchten, bilden das Unterholz, wahrend 
die compacten tiefgrunen Blattmassen des „Gir9"**), Cordia, als 
Ruhepunkt in dem licbten Mimosenlaube dienen. An Abessinien 
erinnert auch Selaginelia imbricata mit ihren wie verdorrt erschei- 
nenden, eingeroUten Wedeln. Als achter Typus afrikanicber Vege- 
tation, die unter ahnlicben Yerhaltnissen wachsenden succulenten 
Euphorbien Abessiniens vertretend, erhebt der „Habertei" (Adenium 
spec?) seinen fleischigen, giftstrotzenden glatten Stamm aus oft 
meterbreiter Basis zu ca. 3 Meter Hohe regelmassig konisch ver- 
laufend. Von seiner Spitze gehen wenige pendulirende Aeste aus, 
die an ihren Enden kleine Blattbaschel tragen. Er erzeugt neben 
dem ihm aufipallend ahnlichen „Falamfeleho^' Tithynudus spec, prop, 
ein Surrogat des in diesem Theile des Somal-Landes fehlenden 
achten Pfeilgiftbaumes „Waba" von dem man erzahlt, dass Vogel, 
die sich auf ihm niederlassen, todt zur Erde fallen und ihre Federn 
sich ablosen. Bei der Bereitung dieses scheusslichen Giftes darf 
keine zweite Person zugegen sein. Man kocht die Rinde und 
Splint schicht viele Stunden lang, bis sie eine zahe, braune Masse 
bildet, welche auf die eiseme Pfeilspitze dick aufgetragen wird. 
Die Wirksamkeit des Pfeilgiftes pruft der Somali, indem er an 
der Wade eine Ader oifnet, aus der das Blut dem Beine entlang 
lauft;. An das Ende des Blutrinsels halt er dann den Pfeil und 
schaut zu, ob das Blut von dem Gifte af&cirt und nach oben 
fortschreitend gerinnt. Ist die Erstarrung bei der Wunde ange- 
langt, so wischt er das vergifkete Blut ab.***) 

*) Vergl. Obseryationen im Appendix. 
**) Ger^a im Tigr6 : sonderbare Sprachverwandtschaft weit entfemt woh- 
biender VSlker, 

•♦♦J gchon Jakdt (vor c. 800 Jahren) erwShnt derselben Probe. 



Ausflug yon Aden in das Gebiet der Wer-Singelli-Somalen. 281 

Bereits gestern Nachmittag hatte sich einer meiner hochge- 
borenen Beschutser nnvermerkt entfernt, er traf jetzt wieder zu 
UDS) ein Schaf vor sich hertreibend, welches er mir gegen den 
geforderten Preis von 2 Toben (32 Yard Graygood), ungefahr 
der vierfache wahre Werth des Thieres zum prinzlichen Ade (Ge- 
schenk) machte. Da ich kein essbares Wild angetroffen (selbst Perl- 
huhner und Frankolinen fehlen, denen es doch gewiss an Futter von 
Acaciensamen nicht mangelte), so massie ich das Geschenk schon 
zu seinem Preise dankbar annehmen. Zndem ware meinen Leuten, 
denen beim Anbli<^ des fettschwanzigen Thieres bereits der stets 
leere Magen knnrrte, aller Humor vergangen, wenn ich sie um 
das lucullische Mahl gebracht hatte. Sie woUten sofort Halt 
machen und das Schaf schlachten, woran ich sie jedoch hinderte, 
da wir uns gerade auf einer kahlen Anhohe befanden, wo weder 
Baum noch Strauch uns Schatten und den Eameelen und meinen 
Pflanzenmappen Futter gab. Ich schritt also weiter bis zu einer 
vegetationsreichen Tfaalsenkung, wo wir gegen 9 Uhr Morgens 
lagerten. Der Platz heisst Dagassafr^d (von Dagaha = Stein, 
aired = Karawane), weil sich hier die einzelnen Theile einer Kara- 
wane wieder sammeln, die durch einige, den Weg verengende 
und unsicher machende Steine getrennt waren. Zar Vegetation 
trat hinzn: der „Armu^ (Cissus spec. /oL spartit. camos,\ welcher 
als Gemuse dient*), der Erqeq {Asparagus retroflexus) ^ dessen 
Wurzelfasern zu wasserdichten Gefassen verflochten werden, ebenso 
eine Grasart, deren Halm zum Schreiben gebraucht wird. Die 
beiden letzteren sind von ahnlichem Wuchs, d. h. ihre schwanken 
Stammchen streben bis in die Kronen der Acacien, um dort einen 
Halt zu suchen. Auch bildet eine Ephedra' Art dichte ginsterahn- 
liche Straucher. 

Von diesem Puncte erofTnet sich eine weite Aussicht bis uber 
die Insel Bur-da-Rebschi (Bur =Berg, Rebschs=r:Guano), welche als 
weisse Felsmasse aus dem tiefblauen Meere aufsteigt. Zu meinen 
Fussen dehnen sich die durchreisten Yorberge Iskodubbo aus, welche 
allmahlich in die Strand-Ebene verlaufen. Ihre Thaler schreiben 
den Gewassern des Gebirgs den Lauf vor. Durch den Nieder- 
schlag des Kalkes aus dem Wildwasser auf das Flussbettgeroll 
erscheinen deren jetzt trockene Rinnsale als schneeweisse Adern 
gegen den graubraunen Fels und gelben Dunensand, von dem 
die schmutzigen Huttenhaufen Lasgori's nur wenig bemerkbar ab- 
stechen. 

Nachdem das Schaf in Somalen-Manier bereitet, d. h. zer- 



*) Leider sind mir die Exemplare abhanden gekommen, wabrscheinlich 
hat man sie ans dem Trockenpapier genommen nnd verzehrt. 



1 



282 J* M. Hildebrandt: 

legt and ohne Salz gekocht war^ verschwand es in wenigen Minu- 
ten. Der Fettschwanz wurde a la Esqiiimeaax ansgesogen, die 
rohen Enochen zwischen Steinen eerschlagen and mit dem Mark 
die Waffen eingefettet. Aus andern Knochen Terfertigten sie sich 
Tabakspfeifen and bald befand sich die ganze GesellschafI; in einer 
Stimmang, wie sie *kanm irohlicher in dem classischen Tabak- 
Collegium geherrscht haben kann. 

Als die Sonne, welche selbst bei dieser Meereshohe sich noch 
recht fuhlbar machte, meine Papiervorrathe getrocknet, setzten 
wir gegen ]/^ 3 die Gebirgstoar fort. Bereits nach geringem Hoher* 
steigen veranderte sich die Vegetation sehr wesentlich, denn wir 
befanden ans in der Region der Wolken. Oespenstig schwebten 
die graaen Nebelgestalten dahin, hier dicht geballt, lawinenartig 
von einer Bergkappe sich herabwalzend , dort als zarter Schleier 
darch den Acacienhain wallend and von dessen Oezweig tansendfach 
zerrissen. So lagert das Gewolk den grossten Theil des Jahres 
hindurch auf dieser, eine Stufe im Gebirgssystem bildenden Region, 
wahrend die hohern Berggipfel and das Tiefland sich nar zar 
Regenzeit der feuchten Niederschlage erfreuen. 

Oekar-Weihraach, Myrrhe, Gummi-Acacien and die vielen 
Gummi and aromatisehe Harze liefernden Pflanzen sind seltener 
geworden, wogegen saftige Pflanzen aas den verschiedensten 
Familien zunehmen. 

Da ist die Bolli edoa (ob Passifioracea) , deren fleischiger 
Stamm in Gestalt and Rindenfarbang aaf das Taaschendste einen 
randlichen Felsblock von cabikmetrischem Inhalt nachahmt. An 
seiner Spitze sendet er einige in sich verschlangene weiche Aeste 
aas, welche mit handgrossen, herzformigen Slattern besetzt sind. 
Merkwurdigerweise hat noch ein zweites Gewachs diese seltsame 
Stammform, man nennt es Hangige.*) Aas seinem weichdornigen, 
faserigen Lohden bereiten die Somalen feste Stricke. Schon im 
frischen Zastande sind sie angemein biegsam and zah. Aach die 
Aloestaade (wahrscheinlich A. socoirina) mit breiten, graa-granen 
Slattern gewahrt man, ihr Product wird nicht gesammelt, doch 
kennen die Somalen die medicinische Wirkung des ^Gaar^**). 
Der Boden ist bis Kniehohe von einer Halbstrauchvegetation be- 
deckt, deren mehr oder minder graufilzige Belaabang gleichsam 
den aaf ihr lagernden Wolkennebel nachahmt. Eine Acanthacea 
nimmt unter ihnen sowohl durch Menge, als durch die (bei be- 



*) Leider Bind lebende Ezemplare beider Pflanzen nebst andern Succa- 
lenten (2 sp. Aloe, 3 Aeste des Drachenbaumes etc.) wShrend meiner RtLck- 
reise nach Aden von den Ratten des Sambuk total zerfressen worden. 

**) Das Decoct trockner Aloe^BlHtter benutzt man zum Schwarzfftrben 
des Palmstrohs. 



Ausflug von Aden in das Gebiet der Wer-8ingelli-Somalen. 283 

decktem Himmel) reiche dunkelblaue Bluthenfulle die vornehmste 
Stelle ein ; neben ihr findet sich Crotalaria {thebaica ?) , in Blatt 
und Traube grauseidig, ebenso eine Amarantacea, die weisslaubige 
LeucdS indica und Aerva lanaia, Selbst eine Monocotjle, Sanseviera 
Bchliesst sicb durch granbandirte Blatter an. Wenige hohere, tiefgrune 
Straucbformen unterbrechen diesen dicbten Halbstraucbbe stand, so 
PapaKa? deren silberige Blutbenstande sie aber nocb dem Bunde der 
^Granen** angeborig erkennen lasst; ferner eine(wabrscbeinlicb neue) 
Caesalpiniee von gleicbfalls dunkler Belaubung und mit im dicbten 
Astgewirr versteckten violetten Blutben. Nur vereinzelt unterbricbt 
die Scbirmkrone der „ GuUa-Acacie, ^ (A, etbaica Scbwf.) das mono- 
tone und docb so lieblicbe Yegetationsbild und erscheint gleichsam 
als die Staifage desselben. Sie bat jetzt ibre dornigen Aeste mit gold- 
gelben Blutbenkopfcben bedeckt, unter deren Menge das junge bell- 
grune Laub kaum bervorscbaut. In den Tbalscblucbten j^docb, wo der 
Wolkennebel vorzugsweise lagert und das Wasser des epbemeren 
Giessbacbs die Spalten des Felsens auswascht und wiederum mit zu- 
gefubrtem Humus und Samen fullt, oder selbst langer verweilt, 
Termogen aucb bobere krafdge Baumformen sicb zn entwickeln: 
Feigenbaume, Balsamodendra (deren Splint guten Gerbstoff liefert), 
Combretaceen und der Dossobaum, Buaus Hildebrandtii Baillon*), 
welcber bier erst vereinzelt, bober im Gebirg aber bestandbildend 
auftritt. Aus dem Dunkel ibres Scbattens leucbteten die feurig 
rotben Blutben einer Acanthacee bervor. Ibre sparrigen Aeste sind 
bis in die Kronen der Baume gestiegen, diesen gleicbsam den ibnen 
mangelnden Blutbenscbmuck ersetzend. Ibr aus einiger Entfernung 
zum Yerwecbseln abnlicb und mit demselben Bestreben, gegen 
einen saftig grunen Hintergrund grellrotb zu contrastiren, tritt eine 
andere Acanthacee auf **) ; sie liebt besonders sicb in den tiefgrunen 
Dossobuscb zu stutzen. Hat die erstere die Baumkronen, die andere 
das Buscbwerk gleicbsam erleucbtet, so glubt sonderbar genug nocb 
eine dritte Blutbe aus den niederen Krautern bervor. Es ist 
dieses: Noionia semperviva^ eine Composite. Aus kaum finger- 
langem, Cactusabnlicbem Stengel, welcber plattgedriickt wie vom 
Fusse des Wanderers an den Stein angelegt ist, erhebt sicb auf 
fadendunnem, scbmiegsamem Stiele der zinnoberrotbe, c. eine Mark 
grosse Bluthenkopf. So steben die drei oft in nacbster Nabe 
beisammen, obne docb zu rivalisiren, oder den Gedanken wacb zu 
rufen, die Natur babe ein „Zuviel^ gesoba£fen. 



*) Das Vorkommen einer Buxusart im Somallande ist von pflanzen- 
geograpbischem Interesse, indem sie das Zwischenglied von einer Baleariscben 
nnd einer madagassischen bildet D. Yerf. 

**) Unter analogen Yerh&ltnissen brillirt Qloriota superba im Waldesdunkel 
der Abessiniscben Hocblande. 



IJ 
ff 



284 J- M. Hildebrandh 

Aus solchen and andern mussigen Betrachtungen der Flora 
ward ich plotzlich durch den Anblick mehrerer rattenahnlicher 
Thiere aufgeschuttelt , welche, wie das Eichhornchen Tom Baame, 
einen glatten Felsblock hinunter liefen, einer Spalte an seinem 
Fusee, ihrer Behausung zu. Ich war so glncklich, eines derselben 
zu erlegen. Es erwies sich bei naherer Betrachtnng als der nach 
meinem Yorganger ,)Spekei^ genannte Pectinator. An ganz ahn- 
licber Stelle, d. h. auf vereinzeken bnrgardgen Felsblocken erlegte 
ich beim Weitermarsche noch ein zweites Exemplar (trachtiges Weib- 
chen) dieses seltenen, interessanten Nagers. Das Thier heisst auf 
Somali Berra-duble* An gleichem Orte lebt, seinen Manieren nach, 
sowie durch gleiche kalksteingraue Farbung dem vorigen ausser- 
ordentlich ahnlich, durch doppelte Grosse und das Fehlen des 
(beim Berradiible aufrecht gehaltenen) Schweifes jedoch selbst bei 
den so gerne identifizirenden Somalen mit anderem Namen, nam- 
lich Bona belegt, der Hyrax abessinicus. 

Auf nnserem Wege, welcher noch immerfort steil bergan 
stieg, hatten wir bald die Wolkenregion nnter uns, und verschwun- 
den waren die grauen Halbstrancher. Dagegen nahm der Baum* 
wuchs zu. Nnmerisch herrscht im Bestand die Gulla-Acacie vor, 
die jedoch durch ihr dunnes Oezweig, welches hier oben nieht 
(oder vielmehr noch nicht) bluhte, obgleich gegen alle Schirm- 
Acacienmanier dicht zusammenstehend , mehr den Character des 
lichten Haines tragt. Die ebenfalls haufigen Dosso-Baume {Buxus 
Hildebrandtii Baillon) vereint mit dem Obbel {Combretacea) ver- 
dichten durch ihren compacten Wuchs und ihre lederartigen dunkel- 
grunen Blatter stellenweise diesen Hain und stempeln ihn zum Walde. 

Dass wir uns nun auf dem wahren Ahl*) befanden, zeigten 
die allenthalben am Boden und auf den Baumen auftretenden 
Flechten und Moose. Ein dichter, allerdings jetzt vergilbter Rasen- 
teppich bedeckt den Boden. Auf einem freien Wiesengrunde ^ Gurri- 
Fardot** (Gurri = Hirtendorf, Fardot pi. von farras = Pferd; hier 
schlagen die Pferdehirten in der Regenzeit ein Dorf auQ richteten 
wir uns zum Uebernachten ein. Der Dornzaun wurde verstarkt, 
da sich Leoparden in der Nahe aufhalten, welche bereits vieles 
Yieh und selbst einige Menschen gefressen hatten. Die Bestien 
stellten sich wirklich in der Nacht ein und umschwarmten schnar- 
chend unser Lager. Das Thermometer sank bis 18^ C, so dass 
wir tuchtig froren, zumal da die Brennholzvorrathe bald zu Ende 



*) ,,Ahl, d. h. hoch*^: so wird da§ gesammte Gebirg genumt, speciell 
und auch wohl treffender jedoch nnr die Region von der obgedachttfi Stufe 
bis 2um Kamm, welche bei einem generellen Anblick des Gebirgsystems vom 
vom Meere aus deutlich abgegrenzt erscheint. 



Ansflag von Aden in das Gebiet der Wer-6ingelli-3omalen. 285 

gingen. Nene Provisionen zn holen schien der Belagerer wegen 
nicht geratben. Sie liessen sich nicht einmal darch mehrere 6e- 
wehrschusse verschenchen , da sie die Wirkung des Blitzes nicht 
kannten, der diesen Donner begleitet. 

Als der Morgen (27. Marz) grauete, eroffnete sich uns von 
diesem hohen Standpnnkte eine wunderbare Anssicht auf das nnter 
qns gelegene Woikenmeer, ans dessen granen Wogen die entfern- 
teren Berggipfel inselartig hervorragten. Nach einstundigem An- 
steigen hatten wir das Plateau Yafir (dieser Name ist von den 
Somalen indeterminabel) , den Sattel des Ahl-Gebirges erreicht. 
Ich liess mir die Stelle zeigen, wo 1848 Cruttenden's Lager ge- 
standen nnd wo er seine Observationen angestellt haben mag, 
deren Resuitat die Meereshohe von 6704' ergaben. Hier las auch 
ich meine Instrumente zur Vergleichung ab (vergl. Appendix.) 
Es erhebt sich von diesem Passe, ubrigens noch ein c. 120"^ 
holier Bergrficken mit steilen Wanden, welche ihn nnzuganglich 
erscheinen lassen. 

Ich liess die Kameele abladen und dnrchstreifte sammelnd 
die Gegend. 

Nnr wenige auch von Abessinien her mir bekannte Pflanzen 
traf ich: Withania somnifera und die durch widerhakige Frucht- 
stadbeln nor zu ^anhangliche^ Popa/fa lappacae, wahrend die dort 
auf gleicher Meereshohe vorkommende Lasiocorys abyssinica Benth. 
hier durch eine neue Species, L, argyrophylla Vatke ersetzt ist, 
welohe sich durch, auch auf der Oberseite silberig behaarte Blatter 
und den Keloh auszeichnet. Auch eine fVuher unbekannte Ballota, 
Hiidebrandtii von den Herren Vatke und Kurtz benannt, weicht 
von den abessinischen Arten ab. Die Candelaber- Euphorbien 
Habesch's fehlen hier, werden aber durch ein in seiner Art ebenso 
originelles Gebilde, der Dracaena (Ombet?), ^Moli", vertreten. 
Sie erhebt ihren mannsdicken Stamm aus den Rissen des Gesteins, 
der sich jedoch meist bereits bei Meterhohe dichotomisch in arm- 
dicke Aeste verzweigt, aus deren Spitze die Buschel degenformiger 
Blatter herrausstarren. Das rothe Harz seines Stammes und der 
Aeste (Drachenblut) wird hier nicht gesammelt, was dooh bekannt- 
lieh auf der nahen Insel Socotra seit Alters geschieht. Das noch 
weiche belle Exsud jungerer Zweigspitzen verspeist man gelegent- 
lich. Die Fasern seiner Blatter und Wurzeln verarbeitet man zu 
Stricken und Gefassen. Gleichsam der Doppelganger des Moti 
ist der Aloebaum „Da4r modod". Dieser zieht jedoch vor Winden 
geschutzte Steilen vor, da seine weichen Stammtheile ungemeih 
zerbrecblich sind.*^) Auch eine Araliaceen-Sp^ies schliesst sich 

I ■ !■*■■■■ ,^m»<^ 

**) Aofiaer dieser and der llchten Jlo^ wcotrina kommt noch eine rasen- 
artig wachsende Art mit porpurfleckigen Blattem vor. 



I 



286 J. M. Hildebrandt: 

durch ihren regelmassigen Wuchs und ihre dicken Zweige diesisr 
Vegetadonsform an. Der Character des abessinischen Oelbaums 
— der ebenfalls fehlt — wird durch den Dosso (Buams) ersetzt. 

Auf Lichtungen im Walde wachst der Akujal, Cadia varia. 
Jeder dieser bis 2 Meter hohen Straucher ist in gehorigem Ab- 
stande von seinem Nachbarn hingesetzt, gleichsam am nnbehelligt 
mit seinem Schmuck schon gefiederten Laabes kokettiren zu konnen. 
Graser and Krauter waren zu dieser Jahreszeit meist verdorrt, 
jedoch batten sich in schattigen Felsspalten einige kraatige Halb- 
straucher erhalten, welche fiir den mangelnden Bliithenschmuck 
der Baumformen einigermassen entschadigten. Es sind: Mathiola 
elliptica R. Br., Lavandula spec, Heliatropium pollens Del. var. 
und eine Solanacea spec, nova, dicht behangen mit leuchtend rothen 
Fruchten. Wo jedoch die ungetrubte Sonne das Gestein trifft, 
konnen sich nur kleine dichtastige Strauchlein entwickeln, wie eine 
Polygala spec, ein kleines Gnaphalium und ein succulenter Coleus, 
der neben Notonia und rasigen Alo^atsiuAen wohl noch grosserer 
Durre trotzen konnte. Hier fand ich auch eine Varietat des 
arabischen Heliotropium thymoides Jaub. et Spach mit lineal-lan- 
zettlichen Blattern. Neben alien diesen und noch manchen andern 
Pflanzen sammelte ich ferner mehrere Moose und Flechten, um 
doch wenigstens eine einigermassen kenntliche Contour des so 
interessanten Yegetationsbildes des Ahl zu gewinnen. 

Wie gerne hatte ich hier einige Wochen zugebracht, um es 
weiter ausfdhren zu konnen. Aber die geringea Geldmittel, die 
mir fur diesen Ausflug zur Verfugung standen, nahten ihrem Ende. 
So war ich genothigt umzukehren, ich wusste aus bitterer Erfah- 
rung, dass mit dem letzten Thaler auch der Glucksstern vom Rei- 
senden weicht. 

Gegen 4 Uhr Nachmittags setzten wir uns in Bewegung und 
erreichten bei Anbruch der Nacht den Dornverhau eines verlasse- 
nen Hirtendorfes , wo wir lagerten und bis 4 Uhr des anderen 
Nachmittags (28. Marz) zu bleiben genothigt waren, da die beiden 
Kameeltreiber, welche ausgesandt waren, um von einer ihnen be- 
kannten nahen Quelle Wasser zu holen, bis dahin ausblieben. Sie 
batten sich in einem entfernten Dorfe an Milch gutlich gethan 
und brachten mir, damit ich nicht schelten moge, einen Topf voU 
mit. Nachts und bis Mittag des 29. Marz verblieben wir auf 
einer Anhohe in der Nahe des Wasserplatzes Damalle. Meine 
Begleiter badeten sich in den schlammigen Pfutzen. Als aber ich 
mich anschickle, ein Gleiches zu thun, besturmten sie mich mit 
Bitten und Drohungen, das Wasser nicht zu beruhren, wir kamen 
sonst mit ihren Landsleuten in den argsten Conflict, welche glaubten, 
ihr Vieh wurde sterben, wenn ein Unglaubiger, wie ich, das Wasser 



Aasflug von Aden in das Gebiet def Wer-Singelli-Somalen. 287 

^unrein*'*) mache. Ich erfallte ihren Wunsch, atellte jedoch die 
Bedingang auf, dass sie eine bestimmte Anzahl Wasserinsecten fur 
mich fingen, welcher Muhe sie sich denn auch unterzogen, oft 
genug von den grossen Dytiscus und iVi?^*Arten gebissen. 
Dann brachten sie Netze voll Schlamm, aus dem ich die kleineren 
Hydrophoren^ Gyrinen, Belosioma-ATteix u. s. w. auslas. 

Immer bergab stiegen wir sodann durch den Gebirgstheil 
Iskodubbo, wo ich ein Farchen des seltenen Staars Plaesio Blythii 
schoss. Die Somalen nennen ihn ^Hiirrio^ und erzahlen, dass er 
dem Vieh das Ungeziefer absuche. Ferner erlegte ich eine kleine 
Gazelle ^Seqaro^. "Wir ubemachteten in der Nahe des ^Toq" 
und zogen 

Am 30. Marz in aller Fruhe wieder in Lasgori ein. Bald 
fuUte sich meine Hutte mit alien moglichen Leuten, die Bezahlung 
und Geschenke verlangten. Man forderte von mir dieselben Freise, 
wie sie meine Vorganger (Gruttenden und Speke) ihnen hingfe- 
worfen, z. B. fur die Miethe zweier Kameele 30 Maria Ther.-Thlr. 
ein Freis, fur den man 3 Kameele kaufen kann. Sie mussten 
mit 8 Thlr. zufrieden sein. Die beiden Sultansohne, die mich 
begleitet, fertigte ich mit je einer M'neri-Tobe (Werth 4 Thlr.) 
ab. Die Kameeltreiber erhielten gewohnliche Toben (a 1 Thlr.). 
Nun aber kam der Sultan in meine Wohnung. Ohne irgend 
welchen Gruss Hess er sich vor mir nieder, nachdem er bereits 
vor der Thure sein Gesicht wiederum mit dem ^ naturfarbenen ** 
Tuche verdeckt hatte. Er liess, ohne sich nach der Reise oder 
sonstigem zu erkundigen, sofort erzahlen, die fruheren englischen 
Reisenden batten ihm 100 Thlr., 2 Flinten, 2 Sabel, 2 Toben etc. 
uberreicht, auch hatten sie viela Leute bei sich gehabt und also 
eigentlich sich selbst geschutzt, ich aber sei von ihm gesckutzt 
und glucklich zuriickgekehrt und so erwarte er, dass ich desshalb 
mein Geschenk entsprechend hoher stellen wurde. Ich liess ihm 
antworten, morgen soUe er meinen Entschlass erfahren, worauf er 
sich entfernte. 

31. Marz. Der Morgen graute und mir graute vor dem 
Morgen, denn ich erwartete den Sultan, der den Tribut forderte. 
£r stellte sich auch bald ein und ich liess ihm bedeuten, dass er 
mir schriftlich geben solle, dass die Wer-Singelli von jedem Frenji, 
der in ihr Land kame, Tribut verlangten, dann wurde ich ihm 
zahlen, aber den andern Frenji sein Schreiben mittheilen, damit 



*) Mohammed hat in weiser Erkenntniss der unreinlichen Semiten be- 
fohlen, die Wasserpl&tze mdglichst rein zu halten. Nun verstehen aber die 
meisten Muslemtn . unter „rein^' nur ,,koscher*^ Die PfUtze schwamm voller 
Eoth des hier aus weitem Umkreise getrftnkten Viehs. Die Leute baden 
sich darin und fallen zu gleicher Zeit ihre Trinkgef&sse etc. 



288 J* ^' Hildebrandt: 

sie Gleiches mit Gleichem vergelten und seine Untertbanen in 
ihren Stadteo ebenfalls brandschatzen mocbten. Diese Rede bracbte 
die Barkenbesitzer und Kaufleute Lasgoris in Furcht und Entsetzen, 
und sie besturmten den Sultan, micb frei ziehen zu lassen. Als 
Antwort — schwieg er wie immer. Seine Rathe aber sagten, er 
wurde morgen wiederkommen urn Nacbricht zu geben. Diese Zeit- 
verlangerung kam mir sehr erwunscbt, da meine Barke sich zu 
einem naben Hafen begeben batte, um Brennbolz einzunehmen, 
und sie jeden Augenblick zuruck zu erwarten war. Jetzt aber 
kam mein Capitain, dem icb meinen Wunsch, moglicbst bald ab- 
zureisen, unkluger Weise erzahlt hatte, ebenfalls mit einer Prellerei 
zu Tage, indem er vorgab, er woUe in Lasgori Kalk brennen 
lassen, was ungefahr 20 Tage in Anspruch nebmen wurde. So 
angenehm mir ein solcber Aufentbalt unter andern Yerhaltnissen 
gewesen sein wurde, jetzt, da mein Geld zu Ende ging und der 
Sultan immer zudringlicher wurde, war es mir geradezu unmoglich 
langer zu verweilen. Darauf eben hatte der Capitain gerechnet. 
Er half mir auch bald aus der Verlegenheit, indem er sieh erbot, 
^mir zu Gefallen^ g6gen eine Summe von 15 Thlrn. sofort auf- 
brechen zu wollen und das Kalkbrennen (was er ubrigens wohl 
nie Yorgehabt) zu unterlassen. Ich musste hierauf eingehen und 
miethete ein kleines Segelboot, um meine Effecten zur entfernten 
Barke zu befordem. Sobald dies jedoch der Sultan vemahm, Hess 
er dem Besitzer des Bootes verbieten, abzufahren, bis ich mein 
Ade gegeben habe. 

1. April. Gegen alle Vorstellungen seitens seiner Yerwand- 
ten und der Lasgori-Kaufleute blieb der Sultan stumm und kam 
zu mir, um das Gescbenk fordern zu lassen. Ich jfragte ihn noch- 
mals, ob er es wirklich verlange, da ich doch Alles in seinem 
Lande gezahlt hatte und gegen alle Sitte nicbt bewirthet worden 
sei; wenn er es aber mit Gewalt fordere, so soil er es nebmen, 
worauf icb. ihm einen Beutel mit 10 Maria Ther. -Thlrn. hinhielt. Da 
enthullte sich plotzlich die Gestalt, ich sab einen Greis vor mir 
mit verklartem Antlitz, beide Hande ausgestreckt wie Elias, der 
„den Himmel offen sieht;^ das Eis brach von seinen Lippen und 
er sprach das grosse Wort „ken'I ( d. h. giebl), ^das einzige, was 
seine staunende Umgebung seit Jahr und* Tag von ihrem ver- 
gotterten weisen Regenten vernommen*). 



*) Wenn ich auf den vorigen Seiten die Verhandlungen wegen des 
verlangten Tribnts vielleicht etwas zu kleinlich beschrieben, so geschah es, 
iim einerseits die Habgier der Somalen, eine ihrer vomehmsten Eigenschaften, 
richtig darstelleu zu konnen; andererseits aber auch, um meinem etwaigen 
Kachfolger einen „Preiscourant^' zu hinterlassen, dessen SSttze auch er nicht 
zu iiberschreiten braucht; drittens, um das tadelnswerthe Hinwerfen des Geldes 



Ausflug von Aden in das Gebiet cler Wer-Singelli-domalen. ^g^ 

Ohne ein Wort welter zu aussern, scbritt ich zum tJfer, liess 
meine Effecten auf das Boot packen und fiihr ab, der Rhede von 
Dobbrii zu, auf der wir gegen 6 Uhr Abends den Sambuk ,,A1- 
laui^, welcber uns in schaukelnden, tiefen Verbeugungen zu he* 
grussen scbien, erreichten. 

2. April. Da die Schifiislettte nocb bis Mittag verweilen 
woUten, um H0I2 einzunehmen, so macbte ich einen kleinen Aus-^ 
Aug, um nocb einige Fflanzen des Kustensaumes zu sammeln. 
Mittags waren wir zur Abreise bereit, es feblte jedocb nocb eiu 
alter Waeserscblauch, den ein Bedui (Beduin nennen die arabisch 
redenden Sornalen uberbaupt jeden ungebildeten- Menseben aus detn 
Initem) ,,aus Yerseben^ mitgenommen hatte. Man sandte ibm 
ei&^n Boten nach, welcber endlicb gegen 5 Ubr mit dem Scblauoh 
zuruckkebrte. Dann setzten wir Segel und fubren bis Wodde* 
rie, einer Wer-Singelli-Niederlassang, aus 2 Backsteinbausern 
and 13 Mattenbutten bestebend. Sie wurde vor einigen Jahren 
erbaat, ^aber auf Befehl des Sultans zerstort, da die Ansiedler 
ihm nicbt vorber ein Qesobenk gebracbt batten. Nacb dem c^es 
erfolgt war. und das Dorf wieder aufgebaut, erfreuen sie sich der 
besonderen Gunst des noblen Monarcben, indem^ dieser sie baufig 
mit yielen seiner Terwandten zu besucben gerubt und sicb von 
ihnen bewirthen lasst 

8. April. Gegen Morgen ging icb an's Land. Da die 
Sdiiffsleute aueb bier einen Tag vcrbleiben woUten, um ihre Holz- 
ladnng zu vervollstandigen , so scEickte ich mich zu einer Excur- 
sion an. Als dies die Somal merkten , widersetzten sie sich auf 
das Entschiedenste, ihre reicken Heerden wurden vor dem weissen 
Menachen in Furcht gerathen (d. h. yon ibm rerzaabert werden), 
ich musste ihnen a priori als Schadenersatz ein Gescbenk machen. 
Ich sagte einfach, das ich jedem, der sich mir entgegenstelle, mein 
,,Ade^. mit der Flinte zusenden wurde und scbritt ruhig in^s Innere, 
urn meine Sammlungen zu bereichern. Uebrigens wat die Gegend 
Yon gleichem Character, wie ich ihn bei Lasgori gesehen und zu 
besohretiben yersucht babe. Als ich gegen Abend an Bord zutuck* 
kehrte, hatte sich eine Mutter mit ibrer hoffnungsvoUen dichtyer»- 
sohleierten Tochter eingefunden. Sie befanden sioh auf einer 
y^Kunstreise^ nach Aden, um dort einen reichen Freier zu finden, 
da in ihrem abgelegenen Dorfe den Eltern aa wenig fur das 
Madohen geboten worden war*). 



••X>«V«>*^ 



der Reisenden (gewisser Kationen) zu betonen, womit sich diese wenig nutzen, 
ihrem Nachfolger aber, der vielleicht sich nicht so reicher Protection erfreaen 
kann^ tmendlich viel schaden. 

*) Deiartiges VerjiduMshem der Toohter, wie es ja mefar oder weniget 
im ganzen Orient geschieht, die GebrSuche bei Hocbzeiten ete. sind yon 
ZeitBohr. d. Oesellaoh. f. Erdk. Bd. X 19 



290 J- M. Hildebrandt: 

Da sich schwacher NNW. eingefanden, so waren wir genothigt, 
liegen zu bleiben. Die ScbifTslente fuhren in einem kleioen Boote 
au8) welches sie bald voller meterlangen Pische (meist Haie) za- 
ruckbrachten. Die See ist ungemein fischreich ; funf Fischerbarken 
von der sud-arabischen Kuste fuhren an uns voruber. Sie steaern 
der Kuste entla^g bis Ldsgori und von dort ihrer Heimath zu, 
reieh beladen mit der chinesischen Leckerei (Haifischflossen) und 
Thran. Perlfischerei wird an der Somali -Kuste nicht getrieben 
(ausser in der Bai von Tedjurra), obgleich die vielen Perlmntter- 
Bchalen, welche nach jedein Sturm an die Kuste geworfen und 
suweilen gesammelt werden, auf reiche Banke deuten* 

4 April. Wir brachen trotz des NO.-Windes auf, um wenig- 
atens die . Schem&l- Rhede bei Rap-Sora*) zu erreichen, wekhe 
neben den weit ostlich liegenden Hafen Durdurii und Alula der 
eiazige gegen diesen Wind Schutz gewahrende Port der ganzen 
Somal-Kuste ist., Der Wind blieb jedoch den ganzen Tag uber 
0au, so dasa wir nicht von der Stelle kamen. Glucklicher Weise 
sprang er jedoch gegen Abend um und fuhrte unS rasdi auf die 
Khede von Hausso. (Hascho oder Hasso), einem kleinen Dorfe ans 
elenden Hutten, wo ich gegen Tabak etwas Milch erhielt. 

5. April. Den ganzen Tag uber wurde Wasser eingenommen 
und Kleinhandel mit durch Sonnenbrand verdorbenen Perlmutter- 
schalen getrieben. Dlese werden in Aden von den arabischen 
Handlern aufgekauft nvA unter die bessern Sorten gemischt. Eine 
Excursion in die Strandebene brachte mir nichts Ndhnenswerthefi 
ein, am Ufer jedoch fand ich viele gute Muscheln und Algen. 

6. April, Nachts gegen S Uhr fuhren wir mit frischer 
SO.-Briae von Hansso ab und naherten uns gegen 10 Uhr der 
Insel Bur-da^Rebscbi, welche uns bereits gestern als blendend 
weisser Fela entgegen geleuchtet hatte. Wir banden unsere Barke 
mit Stricken an einige dicht am Ufer liege nde Sanabik an. 

Bur-da-Rebschi (Bur =?= Berg, Reb8oh$= Guano) ist neben einigen 
kleinen Felsen die einzige Insel im Somal-Meere von Tedjurra 
bis Rajp-Hafun und desshalb wohl finden sich die Seevogel dieses 
weiten Districtes hier .ein, um ihr Brutgeschaft zu verriohten. 
W^nn im Mai der Schem&l (SW. Monsun) die letztea Guano* 
barken verseheucht hat und die Regenzeit, alles verjungend, ein* 
tritt, Bp nehmen die Seevogel^ als die rechtmajssigen Herren^ von 
der nackten Insel Besitz. Bereits im Juli jedoch kehren die 
ersten Barken aus Sud-Arabien zuruck, um „frische FuUung^, 



Burton nnd anderen Reisendeu bereits beschrieben und gehe ioh dariiber, 
wie iiber manehes andere Bekannte aus den Sdmal'L&ndem hinweg. 
.*) Bas-Sori d«r Karten* 



Ansflug von Aden in das Gdlnet det Wer-Bingelli-Somalen. 291 

FuUa,' des kostbaren Dungs zu sammeln. Bald folgen andere 
und oft liegen bis 10 Saoabik angebunden an dem ans grosser 
Tiefe aufsteigenden Fels. Die Arbeiter, die zu einer Barke ge- 
horen, besteheri aus -2 Abtheilungen , von denen die eine , meist 
die Schiffsleute selbst, tagsuber auf dem Felsen verbleiben, um 
mit eiiem kleinen spatenartigen Geratb (Berta rebschi) und eiiiem 
aus sjarrem Palmstroh gebundenen Besen (Monfir) den Guano 
von d^r Flache und aus den Ritzen des Gesteins zu kratzen und 
in Mat|;ensacken zu sammeln, welcbe von der anderen Abtbeilung, 
meist Bomalen,'auf halsbrecherischen Ffaden zum Schi£f getragen 
werdeil. Mancher schon bat seinen Tod durcb Hinuntersturzen 
gefunden und ist sein Leicbnam in der Hoble Lubbedirre ^er- 
scbarrt Eine 20 Tonnen baltende Barke wird von 15 Lenten 
inungefabr 14 Tagen geladen. Wahrend die beschaftigte Scbiffs- 
mannscbaft dureb Antbeil am Gewinne einer Guano - Expedition 
befriedigt wird, werden die gemietbeten Somaleti mit BaumwoUen- 
stofiP, Reis und DAtteln bezablt. Die Tontie Guano kostet in Ma- 
kallab je nach Qoalitat nnd Jahreszeit 5 — 10 Mat. Tber.- Tbsyier. 
Er findet beim arabiscben Tabaksbau V^rwendung. Fruher wurde 
auch Guano n$cb Mauritius in die Zuckerpflanzungen gefubrt. 
Man bemerkt noch jetzt einen senkrecbt in die Erde gelassenen 
alten Eanoilenlauf, der zum Anbinden des Kabeltaues eines por- 
tugiesi^cben (?) ScbifTes gedient hat. (.Wegen allautiefen Grundes 
kann nEmlicb niobt geankert werden.) Es ist 9cbwer zu uber- 
scblagen, welcbe Quantitat die Insel jabrlich liefert; sie durfte 
jedocb.nicbt iiber 300 Tonnen betragen*). 

leh liess badd wieder Segel setzen und so stenerten wir Aden 
zu, WD wir den 9. April eine Minute nacb Sonn^nuntergang vor 
der Qtiarantaine Anker warfen. Erst anderen Morgeiis nacb dem 
Fruhstucke der ' Gesundheitswacbter durften wir an!s JLand ^geben, 
wo unser Erste$ war, einen Trunk Wasser zii erlangen, denn wir 
batten .2 Tage und 3 Nachte gedurst^t, da Ratten ^ die gefettete 
Baum^oUe, mit- welcber der holzerne Wasserkasten kalfatert war, 
berausgezogen Ifatten, wodurch derselbe anslief. 



*) Kurt nac|i meinem Beduche sandte ein Adener Handelshaus einen 
enrop^iichen Agenten hlerhin mit mehreren Barken nnd bedeutenden Mitteln, 
um den,' Guano im> Groasen ausznbeuten. Deraelbe wurde jedoi^h, als er zum 
Becrutiren von Ait)eitern in L^gori verweilte, tiberfallen, geknebelt, seiner 
geaamniten Ausriistung beraubt und mit der Weisung, den Cirkal in Aden 
freiindlvchst ea gr^ssen, auf sein Schiff gebracht uud beimgeschickt. So yiel 
ich horte, ist ein'Theil des Geraubten von einem engliscben Kanonenboot, 
welcbes drohte, den Salut mit scbarfen Scbiissen zu erwidem, vom Sultan 
zurtickgegeben. i , i * 

19* 



S92 



J. M. Hildebrandi: 



^ 



S « « 



« * 



I w K g' 

f i S o 

s I S- S 

^ ft- %. 



V 



^ ^ \ 






QB 



« 



9 



o» td •»< o 



CO 



00*>)O»C^l^O»t0 »-* 



O: 

o 

t3 






o 



< 

o 







o o 



CD CD <D 

QB — — 



w W o 


C3 < 


» .0 


3 " 

8B 


B<3 • 


H 




B ' 


1 • • 


w 


9 * * 




k • * 


• 


t • * 



aD^waQBOBaDa 
99 5^S^cr9(iqOR3(lQ99 

H-< J^ pS. H-l H-l »--»-- •—• 



CD« 



OB ^J% 
PI *=* 



O: 

OB 



« « ^ o 

t 

*-* <3i to Ci 

jtj ^ hiJ [»• 

k &< di? k 






CD 

O 

OB 

QD 

s 

o 



► 

s 






^ to 



O) <7> IsO O) O) to 

or BT 

► hj hiJ ► |T) hiJ 

k k ^ ^ k K 






to to tlJ to 
•4 -4 •J -a' 



oo o o o 
o 1-^ o cd 



to to 



CO CO 



to to to t{^ to to to 
.<i ^ «a *a -^ <i -^ 



O CO CO O QO 00 

^ ^ «• ^ ^ ^ 

bO O 00 O )f^ CO 



to 



to to 160 

I -5 CO o> 

I Q Ql K> 
o &> ^ 



lO CP 

CO Hi^ 

CD a> 

& o 



d 
2 « tz5 B 

c C" 5- a> 



I' ^2! 

'O *S: 

• C 

HI* OB 



t^ to to to ^ CO 

o« do CO -^ a» tfr 

^ ** ** ** ** >• 

CO to C7« o O ti^ 
o o o o o o 



CO 

o 



s§ s 



dB 

C5 



QD 

o 






C» 



P 



0, 

• 

SB 



I 






1 

.CP 

o 






tt w 1 5' 

•Iff! 



s* 






d 

OB 






o 



S Wg 
la 



04 



p* 

sr 



CD' Ed 
P ? 



tz5 

I 



S 
P 



II 

&* ST 



C» 



I I I I II I I I I I I 



o 



* 
* 



o* 2 © '^ 

rg, -. J 



Thermoxn. 

in 

Cels. 0. 



Pi 



^ 



gr 



g 

I. 

P 



P 

OB 

§■ 

CD 

P 

> 
P« 
CD 

P 

<4 P 

Po 

K 
58 
^^ 
ws ■ 

» OP 

CO P 

?. QD 
^ O 

OOP 



bd 

CD 

o 
ft 





CD 

5 

CD 

•s 



H5he 

iiber dem 

Meere. 



p* 
» 

CD 

CB 

CD 

M* 

p 



s 



CD 
OB 



Ansflug von Aden. in das Oebiet der Wer-Singelli-Somalen. 293 



mop 29C[n 

9q9H 



I I I I 



\ \ Ml I M I -I t 



i 

bo 

§ 




.A 

H 

M 
V 

Si 

^-« 



hi sP 



a * 



o 



2 



d 
H 

•I 

flO 

1 



I 

flO 

I 



I 
I 






^ 



9 « 00 pis QD 
^3 ^^3 P'*^ '13 



t 

(^ 



bo bo 



bo to to 

OQ 00 00 

a> 4) 4) 



.(A .to .60 

n CO CO 

4> « a> 

rtd Ti "XJ . *^ 



Sd '^ '^ '«(>'& 

VQ to w QD 80 

o O Q> o 9 



'd »d 






1 







• O 


•5 V ^ 2 


•^ 


CO 4> 


• ® .^- 


O 


41 bo 


S-o ^ O 


tS 


bo 


fe izi "» 




•^ 






M 



4) 






e 



5 'H 






_ *^ 

d :g8 

to « 
bo ^ 



hi 

00 

O 
CQ 



ttOuM 



U 



o 

GO 



o o 

QD GO 



00 

o 



00 



flS 
00 QQ 

d. 






•raouwaqx 



00000 00 000 000 000 00 

oototoooco »no ;doc0 oOkOeo <iit<<-ieo 0404 

r«*H«^#>k«^,Vi^«^ ««#^^ ^^^ #k^«^ ^tfs •% 

CiOOQOoco o)<0 *^QOc& ^OQO 9^10)00 Oeo 

G^eO(M(MCO (M(M eOC4C<4 0^(M0<) eO(M04 CQCO 



s 



d 2 d 
9 ^ C 

is o a »« 



•H OO CO CO «& 

«-H O O 1-t o 



O^CO (MO^* <3i»-ico (N<^eo 



r-t-t-t-t* b-i*- t-c^t* t^r-b- r«-t*r^ 



0) 94 



0< CI 






• • • » • 



•^ p-i ^ -^i P^ 

<0 O) CO V (N 






s ^ ii 



CO 

O " 
©4 



CO 



J3 



p^ fl< -< 
c) <o CO 



CO 

CO 
04 



A4 A^ '^ 

(M <0 «D 



S S » 

o< (C -^ 

<N ^ <0 
CO 



• • 

CQ 

<5 • 



o 



d © • 

xi 

d2 w 
^ I ^ 

to "^ 






4> 



o 



p o 
to bo 

h9 h9 



bo &fi 

SOD 
4» 



bo bo 

OO ED 



IiSd tA ^6 'bo '^Ifi 






•c 



bo 
48 

d 
o 



9) 4> 49 

f^ f^ F^J 



00 QD 00 

4) O 4) 

f^ 1^ f^J 



^ ^ ^ ► 

bo bo (0 ^ 

SOO 00 A 
4> 4? C 
f^ f^ f^ p 



rHF^rHi— I »-l©^ O4G404 



4--I-4' 



O 

ao 



4-I- 






•^ »0 V 
(M 04 04 



t* 00 O) p 

(N 9) cq CO eo 



294 



J. M. Hildebrandt: 



O* ^jt 1^ tfi>. 

»-* O <o 00 



l|h.)^»^|^)^l»^(fk.)^e>900 0909 
-«]0>C7i|^0»l!0»-'OCO00 -^0> 



CO 09 



09- 



09 






CD 

o 

o 

o 



Pi Pi 

QD OB 



p« 

CP 

o 

bd g 

O: P 

a 



p' ( 

QB OB OD 

99 OQ Oq 



<y9 

o 

P" a. p* p» 



& 



OB 

C^ pi P4 

® 8 8 



3 
8- 



I 



Pi 1^ 

8 ga 

^- p« 



OB 



o 

89 

8 & 
Pi 



QB 



a 

o 



tr 

< 
o 

OB gg 

CD* 

CD 

Pi 

O 

• • 

Pi 
CD 
Pi 
Pd 



Pi. 

3 § 

piOD 
O 



ga CD 

to 



O 



to »-* 



C> tiC Oi Oi 



&9 
09 



CO 

o - 

CO 



to to 

CO 00 ^ ^ ^ 

• * >0 ^ SS 

CO CO 



jd Jd ► Jd 

k k k k 



MC7^C»IOtOOdC3H4tO^ 

tr tr tr cr* to Oi 

^ ^ ^ ^ ^ ^ ^ ^ ^ ^ 



to 

CO"* 

o c;^ 
to ^ 

tt^ CO 



to CO 
CO o 



• • • Y« ■ • • • • • 









to to 

en o» 

CO CO 

• - • 

>^> CO 

O O) 



kk 



N 

a 



to t9 to to 

•O .J -4 -^ 



O O O CO 

*• ^« ^« «« 

to CO O 00 



(Otototototototototo 



COCOCO00'-'t-»l--OOO 
C0«4OC0t-»t0i-»0000<O 



to to 

CO CO 



w^ CO 



to to 



to to 

H* to 



l!0 


to 


i 


i 


P 


p 

CO 


s 


s 


to 


to 

00 
CO 


o 


o 



P* g o J? 

^- g i 

g N r- S 



to CO to K) 
-^ to )^ 91 

w___ ^ «« *i* 

O »f^ l-» to 
0000 



COtOtOCOCOlOtOtOtO)-' t-^to coto 

H*OSQOCOi-'»»»»>C50t-»00 coto ^CJ* 

oc;^-Otoi(>^C?«cocoH-*to Oto »^co 

0000000. 000 09 00 



Thennom. 

in 

Cels. 0. 



Pi pti Pi Pi 

O CD O O 
QD V OB n 

551<5-<Si?i 



GO GQ 

QBQDQDQB9B0B{~<SQDQ<t BOB VOB 

• • • • i • C3 • 5< • *^ • • "^ 



pi Pi Pi Pi Pi 

A CD (D CD A 
OD OD OB QB S 



Pi 

CD 

OB 



pt 

CD 
Qtt 



Pi Pm 
QB J» 



p- S- 



pi Pi 



QQ 

p,P 






CD Pi Pi Pi 

Qi (D A CD 

A^ CD fi .QB 

IT • • • 



PiPiPiPiPrfPiPClplPiPi 

CD9cdCD(D(D(PCDCDCD 

{BQbqbQbqbqdSqbQbqb 

Q|t30qOR}<lQ990QOl3990*3<I^ 



• 5 

QB 



Pi Pi 

O CD 

QB QB 



Pi M 
CD C 



o 

CD 



CD 



OB 
g 



C5 

g 



Pi 
8 






Pi 

CD 
(Hi. 



I 

OB 



MM M M M hf I I II, II M 



CD 

g 



Hdhe 

iiber dem 

Meere. 



A«ai«^ TOB Aden in das CMiel det Wer^ingeOi-SoaMattn. 



995 



1D9p J34|n 



B 

M 

ft* 
o 

a 

n 



Mi I I I I I ! I I I i I I M I I I 






s 

^ 



.a 












5 



S 






5 

1 

to 



a 

• 



9 « « 

n 



•^ ^H »53 »^ "C »Q »^ r^ »^ ^jj ^^ f^ ^5J fl^ f^ ^^ 



I 






o ftp . 

an ^ 






-2 -^ 



I'&'S 






OD « g ^ 



-3 6 '^^ -S o 6 2 -S ^ 3 



at) 



n»o 

ni 

• 



oooooooooooo 



lO O t- 
o« eo e« 



00 
CM 



s 






o 


o o o 


QO 


'H ^«i 


I- 


t« Q 00 
C^ CO C4 



^ob^ «bo>oeoc>cb*-4eooooc4cb^cQG«ob^ 

•k g ^ •* »■ Pfc •* •* ^ •* #* ^ ^^ 9 ^ *» flk «k _ # i» «^ #% »k 

OO^^ 0)000)<DO^O>0>OOOOdO^OcOO>00>0) 




C«<MC« G«<>9C^e9C4<NG40i|(MG<l 



e« R S R R S R 









CO o« CO 



jd ja ^ .a .0 M 

CO<M<Oco«DCOG4CO<DG4COCOe^«0^<MCO 



o 




-e r 

f 



00 



d 
a 



^^^ ^^ ^« ^« ^^* '^^ W"^ P"^ •^^ 

SSoooSSS Dd 

^O ^O ^O ^O ^^ ^O ^tf ^w ^ ^ 

a 

. 5 






o« OO "^ 
iQ kO o 



«OtAkOtAtACO«OCOC0COCOCOCOdCOC<*t* 



296 ^- Badebeck; 



XIIL 
Ueber die Seehohe von Berlin. 

Yon Prof. Dr. M. Sadebeck* 



Als Bessel im Jahre 1835 auf der hiesigen neuen Sternwarte 
die Beobachtungen zur Beatiminiiog der Lange -des- SekaBd6 np e nd olg 
ausfahrte, bedurfte er zur Redaction auf den Meeredhorizont einer 
zuverlassigen Angabe der Seebofae des Beobacbtungsortes. Leider: 
zeigte es sich nun, dass in dieser Beziehung eine IJjieicbeiiieit 
obwalteto, wie fnan sie nieht gefarcfatet hatte. Bei der Zusaimnen- , 
stellung aller vorbandenen Angaben ergab es sieb, dass dieselben 
bis 20 Meter auseinandergingen , obgleich sie sich samnotlich auf 
ein und denselben Punkt, namlicb auf das Steinpflaster im Thor- 
wege der alten Sternwarte bezogen. Der Grund hiervon lag darin, 
dass diese Angaben zum allergrossten Tbeile aus Barometer-Be-' 
obacbtungen hervorgegangen waren, welche bakanntlich iin»er 
bedeutende Schwankungen in den Resultaten faervorrufen, 

Als A« V. Humboldt hiervon Kunde erbielt^ bewog er den 
Chef des Generalstabs der Armee, ein trigonometrisches Nievlle- 
ment von Swinemunde bis Berlin anzuordnen. Mit der Ausfuhrung 
desselben wurde der Generallieutenant Dr. Baeyer^ gegenwartig 
Prasident des geodatischen Instituts, damais aber Major im General- 
stabe betraut, welche m zur tJnterstutzung der Tngenieur-Geograph 
Bertram sugewiesen wurde. Die Beobachtungen begannen schon 
im Juli 1<835 und wurden im Herbst desselben Jahres beendet.- 
Die Recbnujigen sind nach BesseFs Yorschrift von Baeyer und 
dem Lieutenant v. Morner ausgefuhrt worden. Im Drucke erschie- 
nen ist die Arbeit unter dem Titeh „Nivellement zwischen Swine- 
munde und Berlin. Auf dienstliche Yeranlassung ausgefuhrt von 
J. J. Baeyer, Major im Generalstabe. Berlin. In Commission bei 
Ferdinand Dummler. 1840". 

Der Nivellementszug ■ ist von Swinemunde her zunaehst bis 
Oderberg ^ie Oder- entlang und von da in sudwestlicher Richtung* 
nach Berlin gegangen, wo die Sternwarte den Endpunkt bildete. 
Die Lange desselben betrug 27 Meilen und der wahrseheinliche 
Fehler fiir die ganze Linie nach den wiederholten Messungen 
0,618™. 

Wie gering auch demnach die Unsicherheit dieser trigonome- 
trischen Bestimmung den barometrischen Messungen gegenuber ist, 
so hat man Jsich doch in n^uester Zeit damit nicht beruhiget, . weil 
die Erfa.hruug geiehrt hat, dass bei guten geometrischen Nivelle- 



Ueber die Seehdhe von Berlin. 2^7 

nents die Unsieherheit nocfa yiel geringer ist, als bei dea trigo** 
nometrisclten. Hierra kam, dass bei Beginn der eoropaiaflcbeii 
-Gradmessiing (s. Yei^andluDgen der ersten allgemeinen Conferenz 
der Bevolimachtigten snr mitteleuropaisehea Gradmesanng in Berlin 
T<Hn 15. bis 22. October 1864) die Ansfahrang geometrischer 
Nivellements als nothwendig erkannt worden war^ nnd deshalb 
Bind in Pteassen von Seiten des geodatiscfaen Institats nnd von 
der Konigl. Landestriangalation sogenannte PriLcisions-NiirellementB 
in Angriff genommen wordeo. Bei den Nivellements des geoditischen 
Institiits ist fast durchgangig der Eisenbabnkorper benntzt worden, 
BO aiieh zwisohen bier und Swineinunde, mit Ansnahme der Streeke 
zwisohen Anelam lind Swinemnnde, vo keine fiisenbahnverbindnng 
stattfindet. Die ganze Linie ist 227 Kilometer oder 30,3 Meilen 
lang, also etwa 3 Meilen longer als beim trigonometrischen Nivelle- 
ment. Gleiehwofal iert der w'abrscbeinlicbe Fehler bedentend kleinet. 
£r betragt nocb nicht ganz 1 Centimeter, wie sich' ans der Veiv 
gleiebung der Resnltate ergeben hat, welche von cwei Beobacbtem 
zn verschiedenen Zeiten nnd mit verscbiedenen, aber gleieh starken 
Instrnmenten gefunden worden sind; er ist also 60 mal kleiner 
als beim trigonometrischen Nivellement. Der Ornnd hiervon liegt 
nicht etwa in der Mangelbaftigkeit der An6fuhrung des leteteren, 
denn das in Rede stehende'trigonometrisdie Nivellement gilt als 
Mnsler- Arbeit, sondern in' dem Einflasse der Strahlenbrechung, 
welche bier nicht ebenso wie beim geometrisehen Nivellement 
eliminirt werden kann. Die znr Yerwendnhg gekommenen Instrn* 
nente waren aus der 'Werkstatte von Pistor & Martins hervorge- 
gangen. Die Vergrossernng der Fernrohre war eine 32malige und 
der Werth der eine Linie breiten Niveautiieile betrag 4 Secanden. 

Die AnsfBhrung der praktischen Arbeiten (1868 — 1870) war 
zwei Assistenten des geodatischen Instituts ubertragen worden, die 
Revision einzelner Strecken faatte Prof. Borsch nbemommen nnd 
die Anscblusse an das trigonometrisohe Nivellement, welche der 
VergleichuBg wegen wnnschenswerth waren, sind von dem Verf. 
ausgefuhrt worden. Dieselben Assistenten, welche nivellirt haiten, 
'faaben anch die Beobachtuhgen nnter Aafsidit dea Verf. doppelt, 
aber nnabhangig von einander berecfanet. 

Der Anschluss an das Mittelwasser der Ostsee bei Swinemunde 
ist durch die Granitplinte eines massiven Hanses verm iktelt worden, 
deren Hohenlage gegen den alten Pegel bei dem trigonometrischen 
Nivellement von Baeyer bestimmt worden ist, wahrend die Lage 
des Nullpiinktes des Pegels gegen das Mittelwasser ains einer neun- 
jahrigen Beobaohtungsreihe hervdrgegangen ist. Der Nnllpnnkt 
des alten Pegels lag 8^ Prenss. Fnss nnter dem Mittelwasser. 
Ein nnmittelbarer Anschluss an den alten Pegel war jetst nicht 



298 ^* Sadebeck: 

mebr moglich, well letzterer darch bauliohe YeraDderangen unza- 
gan^ich geworden wan Ebenso konnten hierza auch nicht die 
Anfeeicbituiigen des vom geodadschen Institate erricbteten selbst?- 
•registrirenden Pegels benutzt werden, well derseibe noeb za karze 
Zeit^ erst seit 1871, im Gange ist. Die bishetigen Aafzeicbnungen 
barmoniren indesBen mit den alten Beobacbtangan so gut, dass 
von einer in spaterer Zeit zu wiederbolenden Bestimmang keine 
erbeblicbe Aenderung za furcbten ist; es mosste sicb denn die 
Hobe des Mittelwassers selbst andern. 

Um in Zukunft bieraber ein sicberes Urtheil gewimien- za 
konnen und um dabei niebt von einem einzigen Featpunkte abbangig 
za sein, ist an eitiem amtlicben Gebaode, dem Hauptzollamte, 
eine sogenannte Hobenmarke befestiget und auf dem Baubofe der 
Hafen- Inspection ein Festlegungsstein versenkt worden* Diese 
beiden Punkte, der neae amtlicfae Pegel und der selbstregistrirende 
des geodatiscben Instituts sind mit der vorgenannten Granitplinte 
nivellitiscb verba n den worden, so dass, wenn aacb einer von diesen 
Punk ten verloren gebeo soUte, boffentlicb genug^nd viele Elemente 
2ar Beziebung auf das Mittelwasser ubrig bleiben werden. 

Die Hobenmarken besteben aus cylindriscben Bolzen von 
Messing, welcbe 1 Decimeter lang und 2 Centimeter dick sind. 
Sie werden in borizontaler Lage in die Mauer eines Gebaudes 
eingesetzt und mit Bleiringen and Cement befestiget. Zum Schutze 
gegen Bescbadigung wir4 jeder Bolzen mit einer Platte ans Guss- 
eisen bedeckt, auf welcber in erbabener Scbrift das "Wort „Hoben- 
marke" stebt. Der nivellitiscbe Festpunkt wird durcb einen er- 
babenen borizontalen Striob auf der Platte angegeben. In der 
Mitte dieses Stricbes ist die Platte durcbbobrt, and das Bobrlocb 
passt genau auf ein gleichweites Locb in der Axe des Messing- 
bolzenid. Auf jedem Babnbofe, welcber von dem Nivellement be- 
rubrt worden ist, ist eine solcbe Hobenmarke angeliiracbt worden, 
gewobnlich am Stationsgebaude und 2 bis 3 Meter uber dem Perron, 
bier in Berlin auf dem Stettiner, Hamburger, Lebrter, Potsdamer 
und Anbalter Babnbofe. 

Um das geometriscbe Nivellement mit dem trigonometriachen 
vergleicben zu konnen, bat Prof. Borscb von der Hobenmarke 
auf dem Anbaltiscben Babnbofe bis in den Garten der Stemwarte 
nivellirt und der Endpunkt dieses Nivellements ist von dem Yerf. 
auf trigonometriscbem Wege mit dem Endpunkte des trigonometri- 
scben Nivellements des General Baeyer, einem massiven Pfeiler 
auf der Plateform der Stemwarte, nordwestlicb von der Kuppel 
verbunden worden. Die Seebobe der Sebeitelfladie dieses Pfeilers 
betragt naeb dem geometriscben Nivellement 46,937 '^ nacb dem 
trigonometrisoben 46,682 "', also 0,255 *" weniger. Die erstere 



Ueber die Seehdhe von Berlin. 299 

Zahl ist aus deii oben angegebenen GruodeD als endgiltig zu be- 
traohten. Aus der Seehohe dieses Pfeilers ergiebt sich ferner die 
des Peg^ls an der Fischerbrqcke, dessen Nullpunkt ein Cardinal- 
punkt fur die nivellijtischen Yerhaltnisse Berlins ist. Nach Prof. 
Encke liegt derselbe 53,884 Preuss. Fuss oder 16,912™ unter 
jenem Pfeiler, woraus seine Seebobe = 30,025" folgt. Das 
Strassenpflaster im Tliorwege der alten Sternwarte, auf weldies 
sich die alten Barombter-Messungen bezogen haben, liegt 4,097 ^ 
iiber dem NuUpnnkt jenes Pegels und hat demnach 34,122 ^ 
Seehohe. 

Einen zweiten zQverl&Sdigen Yergleichungspunkt zwischen den 
beiden NivellexBents bietet der Kreuzberg. Nach dem trigonome- 
trischexi Nivellement Fon Baeyer liegt der Gipfel des Monumentes 
auf dem Kreazberge 40,579™ iiber dem Pfeiler auf der Sternwarte, 
und die Scheitelflache des westlichen Beobachtungspfeilers der 
Landesvermessung auf dem Kreuzberge nach einer von dem Yerf. 
ausgefuhrten trigonometrischen Messung 20,556™ tiefer, woraus sich 
als Hohen-Unterschied der beiden Pfeiler 20,023 ™ ergiebt, wahrend 
derselbe durch das geometrische Nivelleroent == 20,026™ also nur 
3 Millimeter grosser gefunden worden ist* Aus letzterem und der 
Seehohe des Pfeilers auf der Sternwarte folgt dann die Seehohe 
des Gipfels des Monumentes «= 87,519™ und die Seehohe des 
westlichen Pfeilers (20,556™ kleiner) == 66,963™. Die oberste 
Stufe des steinernen Unterbaues liegt nach einer von dem Yerf. 
und Herrn Dr. Fischer, Assistent im geodatischen Institut ausge- 
fuhrten trigonometrischen Messung 19,460™ unter dem Gipfel des 
Monumentes, und ihre Seehohe ist = 68^059™, 

Die in der nachfolgenden Zusammenstellung enthaltencn An- 
gaben ut)er die Seehohe der Thurme Berlins sind theils aus dem 
trigonometrischen Nivellement von Baeyer, theils aus dem Werke 
der Konglichen Landes-Triangulation „Triangulation der Umgegend 
von Berlin, 1867" (Seite 500) abgeleitet worden. Ereteres giebt 
die Seehohen, auf das Mittelwasser der Ostsee bei Swinemunde 
bezogen, in Toisen. piese Zahlen sind zuerst in Meter umgewandelt 
und danp um 0,258." vergrossert worden; denn die betreffenden 
Hohenmessungen siiid auf dem Kreuzberge . ausgefuhrt worden, 
dessen. Seehohe nach dem Yorhergehenden um 0,265™ + 0,003™ 
= 0,258™ zu vergrossem ist. Die Hohen-Angaben der Landea- 
Triangulatiott sind ebeiofalls um 0,258™ vergrossert worden, weil 
sie auf denen des ersteren fiissen. Die unter den Quellen-Angaben 
enthaltenen Zeichen baben folgende Bedeutung: B. bezeichnet das 
trigon<ometrische Nivellement von Baeyer, L. T; die Landes-Trian- 
gulation,' G. N. das geometrische Nivellement des geodatischen In- 
stitnts, S. die vdn dem Yerf. ausgefuhrten Bestimmungen. 



300 



M. Ssdebeck: 



BeneBiiHBg 4er H9heHpHnkte« 



H5he 

fiber dem 
Mittelwiusser 

der Ostsee 
bei Bwinmnaiide. 



Aator. 



Anhaltiflcher Bahnhof, alte H^hemnarke an der sttd- 

westliclieii Giebelwand des Stationsgebftades . 

Anhaltiscfaer Balmhof, neue Hdhenmarke am Post- 

gebftnde 

Anhaltischer Bahnbof, Steinpflaster nnter der alien 

H5henmarke 

BartholomSns-Kirchthunn, Tulpe 

Bethamen, sudKeher Thurm, Knopfinitte .... 

Bdhmische Kirche, Knopfmitte 

Brandenburger Thor, SteinpflasteTi abgemndet. . 

DomtliTimi, Qnerbalken des Krenzes 

Hbfotheen-Kirchthum, Knopfoiitte ...... 

Breifaltigkeitskirche, Knopfmitte . . -. . . . 

Fischerbriicke, Nnllpunkt des Pegels 

G^nfid'armenthurm, dentscber, hdcbster Punkt . . 
desgl. franzGsischer, hdcheter Punkt . 

Gleorgen-Kirehtharm, Knopfmitte 

Hamburger Babnhof) H5henmarke 

desgl. Sehienenoborkante .... 

Hedwigskirche, hochster Punkt der Kuppel 

Jakobi-Kirchthurm> Knopfmitte . 

Jerusalem'-Kirokthunn) Knopfinitte 

Kreuzberg, Gipfel des Monuments 

desgl. oberste dtufe des Un^erbaues (am Ge* 

Iftnder) 

desgl. Scbeitelflftebe* des wesilicken Beoback- 
tungspfeilers der LandesTermessung 

Lekrter Bahnhof, H5henmarke 

desgl. Schienenoberkante 

Louisen-Kircktiiurm, Kni^yfmitte ...... 

Lukatf-Kircfathurm, Knopfmitte .- 

Marien-Kirchtbtrm, hSchster Punkt 

desgl. KnopAnitte ....... 

desgl. Strasftenpflaster am Fusse des 

ThUmes 

If arkus-Kirekthurm) knopfmitte « 

MatthXi-Kirchtburm, Knopfmitte. ...... 

Michaeliskirche, Knopfmitte 



87,539 » 
37,005 



35,060 


do. 


107,151 


L. T. 


75,033 


do. 


70,890 


do. 


34,500 


G. N. 


ft4,970 


B. 


87,021 


L. T. 


86,255 


B. 


80,025 


Encke. 


101^8 


B. 


100,630 


do. 


74,510 


do. 


35,155 


G. N. 


33,699 


do. 


70,000 


B. 


77,692 


L. T. 


105,742 


B. 


87,519 


G. N. u. 8 



68,059 

66,968 
36,148 
34,020 
69,180 
80,5T7 
124,550 
121,291 

35,200 
83,360 
82,083 
85^18 



G. N. 



do. 



S. 
G. V. 

do. 

L. T. 
do* 
B. 

do. 

do. 

L. 'T. 

do. 

dD« 



Ueber die Seeh&he von Berlin. 



301 



BenennnHg der HSltenpiiiikte. 



HOlie 






liber dem 




Mittelwasser 


Antor 


der Ostsee 




bei SwinemliDde. 


' 


109,355 «» 


B. 


100,708 


do. 


139,365 


L. T. 


86,985 


G. N. 


34,884 


do. • 


101,920 


I/. T. 


86,031 


G. N. 


103,838 


a 


84,132 


Encke. 


46,937 ] 






46^50 


» 


G. N. 
nnd S. 


84,240 } 




88,499 


G. N. 


36,444 


do. 


79,908 


L. T. 


- 70,427 




B. 



Kikolai-Kirchthnrm, Knopfinitte 

Parochial-Kirchthnrm, Stemmitte 

Petri - Kirchthnrm , Tnlpe anf der Thormspitze, 

oberer Band 

Potsdamer Bahnhof, H5henmarke am Maschinen- 

geb&ude, in der KShe des Kanals 

Potsdamer Babnhof, Bchienenoberkante am Siid- 
Ende der fiber den Eahal fHhrenden Drehbrfleke 

Schloss, Konigliches, Enopfinitte 

Siegesdenkmal aaf dem K6nigsplatze, die Plate- 
form des Uttterbaties (an den Tier Ecken im 

Mittel) 

Sophien-Kircbthorm, Knopfinitte 

Stemwarte^ alte, Steinpflaster des Tborweges . . 
desgl. neue, ScheitelflSobe des nordwestlichen 
Beobacbtungspfeilers anf der Plate- 
form 

desgL neue, die Ptateform selbst ebenda . . 
desgl. nene, SeheitelflHebe des Beobaditongs- 

pfeilers im Garten - . 

Stettiner Bahnhof, Hdhenmarke an der Ostfront 

des Stationsgeb&ndes 

Stettiner Bahnhof, der Perron daselbst. .* . . . 

Synagoge, neue, Knopfmitte • 

Waisenkirche, Thnrmgipfel 



Miscellen. 



Neue Route von Alt-Dongola nach el-FAchir m Parfiir. 

Anf S. 70 nnserer Zeitschrlft (1875) erwahnten wir des Anfbmches des 
Tom KhediTie imter Befehl des Colonel Purdj zur Erkuadigung einer directea 
Route swuqohea Alt-Dongola und el-Fftschir, der Haupts^idt des annectirtea 
•Darfor, amsgesandten Expedition. Ueber den Yerlauf d^rselben bringt nun 
der „Moi»itear Egyptien" vom 7. Juli 1875 nachsteUenden Bericbt. Yon 



S02 MisceUen: 

Alt-Dougola fulirt der Weg zunSchst wHlirend !]( Tagemftrd(!hen darch eine 
flache, 5de Flachei auf welcher nur hier und da Baume von der Gattimg 
„SiUem** erscheineU) bis zum breiton Wadj-Mabl,. dessen Gewasser sich 
wahrend der Begeozeit in den Nil bei Abu-Goz ergiessen. Auf der Strasse 
zwischen Wady-Mahl und Mahtul befinden sich drei Brunnen mit Wasser in 
12 Fnss Tiefe; zwei derselben enthalten sQsses, der dritte jedocb brakisches 
Wasser. Von Mahtul folgt die Strasse bis nach £1 - Hammadieh. auf der 
Strecke vcm einem Tage]|[i»rsche dem Wady-Mahl, und es finden sich auf ihr 
drei Brunnen yon nur 12 Fuss Tiefoi welche wfthrend der trockenen Jahrea^- 
zeitnur eine ungeniigende Wassermasse herzugeben vermogen. Colonel Purdy 
schlagt deshalb die Anlage ¥on funf Cisternen auf dieser Wegstrecke Tor zur 
Versorg-ung der Trnppen mit genugendem Wasseryorrath. Hinter El-Hamma- 
dieh zweigt sich die Strasse vom Wadj-MabI westUch ab .und zieht sich 
wahrend drei Xagemarsciie langs des Fusses des Djebel-Ain, eines 90 Meter 
liber der Ebene sich erhebenden Plateaus i b.is ,Ain- Humid' hin, wo sich in 
einer Schljicht drei Quellen siisseQ Wassers befindei^, w<^lche unter einem 
Sandsteinfflsen hervorbrechdn. Zwei Stnnden hinter Ain-Hamid schneidet die 
Straase dat Wadj-.Mahl und fiihrt nach weiteren drei Tagemarschei^, ,zv den 
Brunnen Baggaiiefa, wo sich zwolf Brunnen mit stissem Was8«r finden; der 
Boden besteht aus einer Mischung yon Sand und Thon und ist sehr frucht- 
bar. £in^ Stunde hinter Baggarieh zeigen sich wiedemm zw;dlf Brunnen. 
Yon hier sind drei Tagem&rsche bis Om-BedX)- dem ersten Dorfe, das man 
auf diesem Marsche antraf. Die auf 4000 Seelen geschatzte BeyQlkerung ge- 
hort zu den Hama-Arabem, die theilweise aueh in l^<»rdttfan.ihren Wohnsitz 
haben. Der' gegenwHrtige Stanun-Hauptliikg ist ein Kaabe yon 15 Jiihren 
Namens Wai-el-Meliscb. Diese Arab^r. tnelben keinen Ackerbau, sondem 
leben yon der Jagd und Yiehsu^t Colonel Pordy sohatist dj^n JB^tand der 
Heerden auf 2000 Pferde, 30,000 Kameele und 2000 iEbinddr,. ungerechnet die 
zahlreiche^ Schaf*- und 2iegenheerden. Zur Begenzeit fldeht dieaer Stanun in 
Gegenden/ welche Seinen Heerden reichliche Nahrung bu bieten yermogen*. -*- 
Hinteb* Oni-Bedr, in dessfen Nahe sich 504 Brunnen yi>n 20 Fciss Tiefe finden, 
geht die Strasse bis zum Djebel-Zenah (ein Tag^marsch), auf dessen Spitze 
sich ein Wasserreseryoir findet, das allerdings nicht erreichbar ist ; es wiirden 
sich aber mit Leichtigkeit am Fuss des Berges Brunnen graben lassen. Nach 
zwei kleinen Tagemftrschen gelangt. man nach Kamak, einer auf der Strasse 
yon el-Obeid nach el-F&chir g^legeneu Station, wo sich ein alter Felsen- 
brunnen yon 75 Meter befindet. -Zwei Stunden hinter Kamak gelangt man 
zunSehst. .zum Brunnen Botab yon 10 Meter TiefQ und mit wenig Wasser, 
dann nach einem Tagemarsch nach Bemsch, mitten in Dochn-Feldem ge- 
legen, und yoh hier in 1% Tagem&ri^chen nac^h Abiat niit 81 aus einete See 
wlUirend der Begenzeit gesp^steti Brunnto. Wiedertftn 1% Tagemlirsche 
fiEthren nach Argoot init 35 Brunnen trefAichen Wassers yon 15 Meter Tiefe; 
zWei Marschstunden' ostlich yonAgoot liegen 274 Brunnen yon 6 — 9 Meter 
Tiefe. Endlich gelangt man yon Argoot nach el-Fftchir in ij^ kleiikeh Tage- 



Keue Bowie Ton Ali-BongoU nacli el-Fftchir in Darfor. 303 

mSnehen. TendeHf oder ol-Fftehir ist anf swei grossen Sandliuieln erbaati 
in derai Mitte aich ein grosses WasserreserYoir bafindet, welches sich snr 
Begen«ttl dareh einen kleinen Ton Norden konuneiiden and wesUich von der 
Stadt fliesscBdan Wasserianf follt, indem man qner dnrck das Flosschen einen 
Daaim nehi nnd das Wasser in das gednxhtb Beserroir ableitet Das so 
abgeleitete Wasser reicht fur 7 Monate fur den Bedarf der Bevolkerang ans, 
wakrend in den nbrigen Monalen der troekoien Jahresseit kleine aof dem 
Grande des Besenroira angelegte Bronnen eine genogende Wassenotenge dar- 
bieten. Das Klima der Haaptstadt wird selbst <w&hrend der 2ieit der groaten 
Hitee als sehr gesond geschildert and soil selbst dem von Cairo Tonoaiehen 
sein. Die agyptischen Truppen ertragen das Klima vortrefiUohy wenigor -gat 
die S<4d3ten aas dem Sadan. Nach Abgang dieses kansen Berichtes (23. Mai) 
beabsichtigte Colonel Pardj eine Beise nach den westlick yon Tendelty ge- 
legenen Bleiminen za antemehmen, wahrend Ldentenant Oolonel Mason aich 
za einer Untersachang der nordlieh gelegenen, bis .zam Djebel^Medob sich 
erstreckenden Districte rostete. Pnrdy hofft, dass es aaf der neaen Boate 
moglich sein durfte, eine regelmSssige Yerbindong mit Cairo in 25 Tagen 
heistellen za konnen, w&hrend dieselbe gegonwartig noch 38 Tage beanspmeht 

— r. 

LAngen- und Breiten-Bestimmungen in Sud-Afrika, 

berecbnet dnrch Ed. Mohr (vgl. Mohr, Nach den Victoria- FSllen des 

Zambesi. Bd. IL p. 171 ff.) 

LSogenbestimmong yom Potche£strom im Transvaal : 27 ^ 47 ' O. y. 6r. (Es 

liegen zwei Berechnongen Tor, deren erstere 27^ 5iS ^o 
andero 27<> 43' ergeben, woraos sich 27^ 47< als Mittel 
ergiebt) (260 42' 5" g. Br.) 
„ von Bustenborg im TransYaal: 27^ 43' 30" O. v. Or. 

(als Mittel von zwei Berechnongen za 27 ^ 42 ' ofid 270 45 ') 
(250 40' 50" S. Br.) 
„ am Limpopo -Floss, wo der Weg nach Sochong abbiegt: 

260 52' 21" O. L. Y. Or. 

am Mangwe-Bach (Matebele-Land): 289 14' O. .y. Gr. (200 
44' 3" S. Br.) 

Yon N'Umkaniola's Kraal (Matebele-Land): 270 53' q. y. Gr. 
(200 16' 1" S. Br.) 

der Mission Inyatin (Matebele-Land): 290 [4« q. y. Gr. 
(190 40' 8" S. Br.) 
„ der Nata- Passage (Matebele-Land) aof dem Marsch zom 

Zambesi: 270 3« q. y. Gr. (als Mittel Yon zwei Berech- 
nongen: 270 12' ond 270 4') (190 46' S. Br.) 

der Kraals von Umso&ze: 270 19' O. v. Qr. (200 27' 5" 
S. Br.) 



>? 



n 



?i 



» 



304 Misfieilen: Liingpen- und Breiten-BestSmMungen in SfidrAfrikAi 



Lttngenbestimmiing der Victoria -Fttlle der Zambeei (Imager am Masae-Bach) 

rechtes Ufer): 26<> 29' O. y. O. (170 59 < i^* g. Br.) 
„ an der oberen Tate-Niederlassung: 27 ^ 34' O. v. Gr. 
Ana der grossen Anzahl Breitenbestimmnngen des Herrn Mohr 
heben wir^ mit Ansnahme der bereits oben angegebenen, noch folgende 
herror : 
Oolenso im Staate Natal, 26. Hitrz 1869 n. d. Sonne. Siid. 
deggl 27. 



IT 

Kriigets Farm . . . .17. Mai 

desgl 20. 

Wanderfontein im Staate • 



>» 



»> 



»» 



>» 






i> 

n 



77 



280 43 
280 43 
260 36 
260 37 



25. jy 
14. Joni 
20. 



>» 



»> 



»»• 



II 



II II 
II »» 

II IT 



II 



31. Mftrz 1870 h „ 
81. 



II 



n 



1} 

71 

11 
II 
II 



II 



II 



II 



II II 

17 II 

'II rr 

II II 

II II 

II II 

II II 

II II 



II' 

IT 

Procyon 

P(41nx 

Begnlus 

Regains 

Sonne 

Begnlus 

Sonne 
II 
II 



II 



II 



II 



II 



II 



II 



II 



II 



II 



II 



II 



II 



260 20 
260 8 
240 11 
200 27 
200 27 
200 27 
200 22 
200 22 



41" 
18" 
30" 
36" 



0" 
12" 
36" 
12" 
49" 
10" 
6" 
6" 



Transvaal. . . . 
Mission Hermannsburg 
Mtinduiig des Marico . 
Kraal Umsnftze • . . 

desgl. . . . • . 

desgl. . . i . . 31 
Kraal Shapetoane . #• . 8. April 

Kraal Babas 12. „ 

Buschmanns Kraal . . .14. Mai 
Milndnng des ^ogoane in 

den Limpopo . . . 27. August 

desgl 28. ,y 

Holfontein 4. Sept. 

Hjpsometer-Messnngen baben folgende H6ben iiber dem Meere 
ergeben: 

^otcbefstrom (Ooulson's Hdtel) . . . 3900 engl. Fuss. 

Tate-Niederlassung 2623 

' • Maftgwe (Lee*s Farm) ...... 3470 

Injatin (Missions-Station).' .... 4115 

Umsuaze-Kraal 4168 

Kata-Passage . i • . . . . . . 3410 

Wanki am Zambesi ■. 1680 

Victoria-Faile . 2460 



190 37' 48" 

230 42' 55" 
230 42' 50" 
240 47' 43" 



II 




II 




II 




II 




II 




II 





II 



— r. 



.-• 




/ 



\ 



^ 



XIV. 
Ueber Kartenprojection. 

Von Prof* Dr. f^iedr. Eisenlohr in Heidelberg. 



Herr Dr. August hat m dieser Zeitschrift*) die an einem 
andern Orte**) vom Verfasser entwickelte Theorie der Earten- 
projektion erwahnt, und zugleich uber die ans dieser Theorie ab- 
geleitete Darstellung der ganzen Erdoberflache die Meinung aueh 
gesprochen, dass dieselbe fur die Berechnung zu grosse Schwierig- 
keiten biete. Dies giebt mir Yeranlassung, die a. o. O. rein mathe- 
matisch entwickelte Theorie zu erlautern, und zugleich zu zeigen 
wie ans derselben in einzelnen Fallen die Projection berechnet 
werden kann, insbesondere atich die Berechnung fur die Dar- 
stellung der ganzen Erdoberflache zu geben, welche in der That 
verhaltnissmassig einfach ist, und zum Schlusse allgemeine Regeln 
fur die zweckmassigste Auswahl der Projektionsart aufzustellen. 

Soil eine Earte eines Theils der Erdoberflache entworfen 
werden, so muss man bekanntlich darauf verzichten, das Original 
voUkommen treu, oder durchaus in gleichem Massstabe abzubilden, 
und zwar deshalb, weil es nicht moglich ist, die Oberflache einer 
Kugel (als solche wollen wir hier die Erde betrachten) ohne 
Zerrung ai^ eine Ebene auszubreiten. Da also die Karten nur 
verserrte Bilder der Erdoberflache geben konnen, so haben sich 
die Mathematiker darauf beschrankt, Abbildungen mit moglichst 
kleiner Yerzerrutig aufzusuchen. Sie haben sich hierin seit Lambert 
und Lagrange zunachst uber ein Prinzip geeinigt, welches als noth- 
wendige Yorbedingung fur jede gute Eartenzeichnung anzusehen 
ist, aber derselben noch immer grosse Willkur lasst. Es ist dies 
das Prinzip der sogenannten conformen oder in den kleinsten 



•) Band IX. 1874 p. 1. 
**) Journal far reine and angew. Mathematik. Bd. 72 p. 143. 
Zeitochr. d. GeaellBoh. f. Erdk. Bd. X. 20 



322 Eisenlolir:' 

Theilen ahnlichen Abbildung, nach welchem, wenn auch an ver- 
schiedenen Funkten der Karte der Massstab verschieden ist, doch 
sehr kleine Linien, welche durch denselben Punkt nach verschiedenen 
Richtungen gehen, in gleichem Yerhaltnisse verkleinert werden. 
Die Folge davon ist, dass die Winkel, unter welchen sich zwei 
Linien schneiden, bei der Abbildung unverandert bleiben. Man 
hat nun, je nach dem abzubildenden Theile der Erdoberflache, solche 
dem Grundsatze genugende Projectionsarten vorgeschlagen , wie 
die Mercator's und die stereographische Projection. Dennoch haben 
sich die Kartenzeichner , wahrscheinlich , weil die gewohnlichen 
Methoden nicht fur jeden Fall ^ine zweckmassige Darstellung 
gaben, verleiten lassen, von dem Prinzipe der Conformitat abzu- 
weichen. Man wird in den meisten netteren Kartenwerken der- 
artige Darstellungen (besonders. fur die. Erdtheile) finden, bei 
welchen somit nicht einmal in einem I'unkte derselbe Massstab 
fur verschiedene Richtungen gilt; sie sind daran zu erkennen, dass 
Langen- und Breitengrade sich nicht, wie in conformen Darstel- 
lungen, rechtwinklig schneiden. 

So unbedingt nun auch die Forderung der Conformitat ge- 
stellt werden muss, so lasst sich doch nicht verkennen, dass bisher 
eine feste Regel fehlte, um aus der grossen Mannigfaltigkeit von 
Darstellungen, welche jener genugen^ in jedem einzelneii Falle die 
^rweckmassigste, d. h. diejenige auszuwahlen, welche die geringste 
Verzerrung des Originals gibt. Ich will hier vers-nchen, die Grund- 
lagen und Anwendungen einer solchen Regel auseinanddrzusetzen, 
die ich an einem andern Orte aufgestellt und mathematisch be- 
grundet habe. 

Nehmen wir an, in jedem Punkte der Karte sei der Mass- 
stab ein bestimmter und, wie es in der Regel der Fall ist, 
an einer Stelle am kleinsten, so kann man durch die Punkte, in 
welchen er um 1 Tausendtheil grosser ist, eine Linie legen, und 
eine zweite durch diejenigen, in welchen er wieder um den tau- 
sendsten Theil grosser ist, als bei jenen und sofort ; dann wird die 
ganze Karte von einem System von Linien gleicher Vergrosserung 
(isometrischen Linien) uberzogen erscheinen. Nun findet man,' 
dass Linien auf der abzubildenden Oberflache, welche durch einen 
gespannten Faden angegeben werden (sogenannte kurzeste Linien, 
auf der Kugel sind es die grossten Kreise), und deren treues Ab- 
bild gerade Linien sein mussten, nur wenn sie senkrecht auf einer ^ 
isometrischen Linie stehen, auf der Karte gerade bleiben; wenn 
sie ihr hingegen parallel sind , am starksten gekrummt wer- 
den, und zwar um so mehr, je dichter die isometrischen Linien 
beisammen stehen. Dass solche kiirzesten Linien, wenn sich auf 
ihren beiden Seiten Strecken befinden, die in verschiedenem Masse 



ITeber Kaiienprojeoiion. 323 

verkleinert werden, gekrunnmt werden, kann vielleicht ein Metall- 
thermometer veraoschaulichei], welche» aus zwei Metallstreifen von 
ungleicher Ausdehnungsfahigkeit besteht nnd sich deshalb beim 
Erwarmen krummt. 

Ware es moglich, die Eagel obne Zerrung auf eine Ebene 
abznwiekels, so muasteii jeiie kmrzesten Linien oder groasten Kreise 
gerade Linien werden, in der Tbat aber werden sie, wie wir ge- 
seben haben, gekrummt und damit aucb alle krummen Linien auf 
der Kugel verzerrt; die Aufgabe, das Original in der Abbildung 
so wenig als moglicb zu verzerren, schien mir nun bestimmter 
dahin ausgesprocben werden zu k^nnen, dass die grossten Kreise 
so wenig als moglicb gekrummt wurden. Der Fehler der Earte 
in jedem Punkte wird hiernacb am passendsten durcb die Krummung 
gemessen, welcbe die grossten Kreise daselbst erleiden, die den 
isomelriscben Linien parallel sind, da die dazu senkrecbten obnebin 
nicbt gekrummt werden. Aus den so bestimmten Feblern eines 
jeden kleinen Tbeiles der Karte von gleicber Flacbe kann man 
sodann den Febler der ganzen Karte ableiten nacb einer Metbode, 
welcbe Gauss ursprunglicb fur Febler in pbysikaliscben Beob- 
acbtungen angegeben bat, welcbe aber aucb auf viele andere Pro- 
bleme angewandt worden ist*). 

Die matbematiscbe Untersucbung fSbrte nun zu dem sebr 
einfacben Resultate, dass eine Karte eines Tbeils der Erdoberflacbe 
mit dem kleinsten Febler bebaftet ist, wenn auf der Begrenzung 
desselben der Massstab uberall gleicb gross ist, d. h. wenn die 
Begrenzung mit einer isometriscben Linie zusammenfallt; voraus- 
gesetzt, dass der Massstab nirgends unendlicb gross oder unendlicb 
klein wird, sicb aucb nirgends plotzlicb andert. 

Durcb diesen zweiten Grundsatz der kleinsten Verzerrung 
zusammen mit dem Grundsatze der Conformitat erbalt man nun 
fur eine bestimmte Begrenzung des abzubildenden Stuckes stets 
eine bestimmte Abbildungsart. Icb babe denselben an a. o. O. vor- 
znglich auf den Fall angewendet, wo die Begrenzung aus zwei 
Meridianen bestebt. Sind die Meridiane z. B. um 60^ von ein- 
ander entfernt, so ist die Abbildung des secbsten Tbeils der Erd- 
oberflacbe so genau, dass die Yergrosserung in der Mitte ®/^ von 
der am Rande ist. Bei einer Entfernung der Meridiane um 180^ 
erbalt man die stereograpbiscbe Projection, bei einer solcben um 
860 ^ eine Abbildung der ganzen Erdoberflacbe, welcbe viel treuer 
ist als Mercator*8 Projection^ 

In der folgenden Tabelle ist das Gradnetz fur die Abbildung 



*) Es bestebt dieselbe darin, jeden Fehler mit sicb zu multiplizireu 
und die sammtlichen Produkte zii addiren. 

20* 



824 Eisenlohr: 

der ganzen Erdoberfiache von 10 za 10® Breite nnd Lange be- 
rechnet, Batarlich nnr aaf ^ner Seite des Aequators nnd mitderen 
Meridians, da die Karte far beide Linien symmetrieeh iat*}. Die 
beiden Zablen bedeuten die vertikale and horisontale Entfemang 
des Kartenpunkts von der Mitte in Hunderttansendtheilen des Ehrd- 
radius, wenn der Massstab am Rande 1 ist. 



*) I>ie Berechnang ist nach folgenden Formeln ausgefuhrt: Sind x 

nnd J rechtwinklige Coordinaten, 9" und ip geographlsche Breite nnd 
Lftnge, nnd setzt man 

9 w (ft a\ v> fn . q\ 

. . sin wj sin w, o o 

so ist X = 7 5 ^ .J 1 ^ — 2 M| — 2 Uai 

y = 2 cotg to . sin (% — Mj) cos (m^ + Mi) — 2,502585 Igl ^ • 

Wegen der Ableitung der Formebi vergl. den angelShrten AnfiMttB p. 148, 

nnr ist dort Zeile 16 statt z : e^, statt 2 V2 : t V2 und statt o •— tct Eweimal v+t*! 

zu lesen; sonst sind die dort angegebenen Formeln hier etwaa bequemer fiir die 

sin*(Mi +11^) 
logaritnmisclie Berechnnng eingerichtet. Die Vergrossemng ist a , 

Bin. I 

am Bande 1, in der Mitte 0,1716. 



Ueber Kartenprojeetion. 



S25 



o 

O 

00 



o 



o 

O 

CO 



o 



o 



o 

O 

CO 



o 
O 



o 
O 



8 



S 



o 
O 



s 



o 



$ 



CO 



o 

o 



o 



A 



S 
PQ 






r- So 

Oi) CO 



s ^^ 



t- CO 

COQO 
CO o^ 



St« ;2S S222 



to 

COO 

-^00 









11 



CO 






O 



CO 04 

CO a 

tHOO 



00 03 
CO -J 

ooo 

COiO 
94 00 



00 
QO t- 

CO t«- 



s 



*«^ o 
04 00 

00 tA 

00 t~ 

-^co 



COiO 



-HO 
•HC4 

OO 
CO-^ 



Ot- 
00 

1* 






00 94 



oo 

^co 

(M 00 

eoco 




•^«D 



cot* 

CO rH 
00 ^ 



QCO 

o 

CO 
00 

CO 



COCO 
(MOO 
CO "^ 

CO 



•«^ o 

So 
CO 



tH CO 

1-1 00 

t*o 

(M CO 



ooc* 

SO) 
00 



O) CO 

k0(M 

<M OS 

COift 



<Ma> 

00 CO 



040 

COCO 

^ CO 



CO 

OS 



COCO 

05 Q 
«>0 



CO 



OS 

00 

1-H kO 



coco 

CO OS 
CO CO 
04 kO 



O0<l 

osoo 

i£i CO 
O OS 
CO "^ 



04O 
04^ 
t«- 00 
CO ^ 



OOS 

CO 
CO 

04 



OS 00 

^ o 

00 1-H 
04^0 
^ CO 



04%A 

co^o 

00 00 

CO ^ 



OS 



OS CO 
OSiA 



OS 94 
O* OS 

CO 

o 



CO 



CO OO 
O t- 
04 •* 



00 OS 

00 OS 
00 -H 

CO "^t^ 



00 CO 
O t^ 

CO OS 
CO 00 



00 lO 

•^ CO 
00 04 

coco 



(M04 

00^ 

os-^ 

v-4 <Ti4 



COift 
CO 04 
OS-^ 

t* o^ 



"^OS 
r-i t- 
OS"^ 
CO Os 
04 CO 



O CO 

t*co 

OSiO 
O4 00 



00 00 
004 
CO OS 

\n OS 
coc« 



®8 

CO 




r» OO 

CO O 
OOS 
»H CO 



i-H OS 

SOS 

CO t* 

1-H CO 



1-1 04 

04 CO 



CO CO 
OSQ 
OS 00 
CO vH 
04 CO 



Q CO 
•^ O^ 

04 e- 

00 04 



®5 

CM 

CO 



COkO 
OS 09 

CO 



CO CO 
CO 00 
CO 04 
OS"^ 
CO 




04 00 

t^oo 

»oo 

05 *-4 

tH CO 



00 t- 
04 CO 
t^ CO 

04 09 



OS OS 
OS kA 
OS "^ 
04 04 



OO 



CO 



04 kO 

t- OS 

CO 



oSo 

t^ OS 

00 OS 

04 



«o»c 

00 OO 
COoO 
»H 04 



OS CO 
00 -^ 
OS CO 

^ 04 



^os 

CO 00 
QOQ 

04 04 



o<o 

OS 

CO 
04 



'St 

^ CO 

04 



1-H t- 

fH 00 

00 »o 

04 



04 CO 
OOO 
04 lO 

»-< 04 



8?: 

coco 

1-1 04 



1 1 
00 04 
CquO 

00 OS 

1-H *H 

04 04 



OCO 
OS<7d 
04C4 



04 
04 
CO 
04 
04 



CO CO 

kOas 

CO 04 
04 



04-^ 
00 CO 

o<*eo 

CO OS 
04 1-t 



04 1^5 

kfi 1-H 
r- 04 

04 



kOkA 

1-H "^ 
kO«* 



V-4 04 



^ 04 

CO ^ 
kOO 
vH 04 



O OS 
00 
OS 
00 



OOO 
CO OS 

k« ' 

CO 



COiA 

CO 00 
1-H \fi 

b» 00 



CO O 
COkA 
OOO 
OOO 



:^os 

O 04 

00 04 



l-H OS 

kA CO 
OO 
OS CO 



"^CO 
COi-« 

r-oo 

co-^ 

04 i-l 




eooO 
00 ^ 
t-0> 

kO 




SCO 
OS 
OS 00 

Tt^O 
kO 1-H 



•^ QO 

CO 1-H 
kA CO 
»A04 



OSOO 
CO OS 
kA O 
O^04 

kA (-H 



kAkA 
O ^ 
00 OS 
OkA 
kA 04 



kA 00 
00 kA 
•^ 00 
04 



S2 



OCO 

^ t^ 

00 ^ 
COkA 
"^ 04 



r*kA 

00^ 

00 cq 
e-oo 



00 OS 

00 -^ 
<^C4 



OS o 
1-( ^ 

kA CO 



COt* 
co ^ 

04 CO 

O 



s; 



•^ -H 

Ooo 

t^ OS 
CO 04 

^ i-H 



kAO 
CO 04 



•A 00 
00 •«j< 
*-« 04 



CO — < 



s 



04 

— < 00 
O »H 



S2 

eOkA 

CO c* 

CO -4 



co^ 

OS CO 
CO OS 
OOO 

CO »H 



O 04 

CO CO 

coco 

•-H kA 

00 i-( 



OS CO 

t^ OS 

CO OS 

r- OS 

00 



80 
00 
03 *-t 



00 iH 1-H vH 

OOOO 04t^ 

S2 



04t^ 

O CO 
CO "H 



kA 1* 
CO 04 
04 OS 

cox 

CO 



OkA 

OS -^ 
04 -H 



00 CO 
lA t- 
04 t- 



004 
kA 
kA 
kA 



CO 



SCO 

CO ^ 

COkA 



os CO 

t~04 

COkA 



04 00 

kA ^ 
00 Op 
O-* 



OO 
CO t- 

1-H ^H 



CO 00 
00 04 
04 04 
00 OO 



s® 



CD 

00 



82 

04 v-H 



0&04 
t* 04 

Soo 
OS 
04 



o.-« 

04 
©4 



04 -^ 

•^*«CO 

is 

CO 



OS 04 

04 ^ 
04 04 

C0 04 



04O 
04 CO 



04 0S 
kA O 

05 t^ 
OS »H 



kAOO 
O 04 
CO 09 

eo»H 



CO CO 
OS OS 

^ »H O^ 



OOO 



OOO 

o 



OS -^ 
04 CO 



OS CO OS 



"^ ^H 
CO 00 



kAO 

w^ CO 

eooo 

04 



CO oo 

OOO 

!>• CO 

COkA" 
CO 



kAO 

kA O tH 



00 



-^kA 

09 CO 

00 00 



kAO 
^H 04 
^H 00 



OkA 
CO 



^co 

CO OS 
OOS 

CO kA 



CO CO 
00 vH 
1-H OS 

COkA 



O »H 
kA CO 

OS lO 



04 ^ 

OSkA 
04 kA 



04 OS 
00 00 
t--H 

COkA 



0S04 
04 kA 
kAO 
l-H |>» 

je 



CO 00 

coos 
t-00 

CO kA 
04 



e- kA 

04 O 

CO ^ 
CO 



CO r- 

^00 

i-( CO 

04 



O CO 
00 04 

CO OS 

coco 

04 



COC4 
— * 00 
OS CO 
04 04 

CO 



OS 
04 



23 

O OS 
C0O4 



kA CO 

o-^ 

1-H OS 

CO 09 



00 OS 

04 CO 
00 00 

05 04 



04 kA 

00 kA 

04 04 



kA kA 
C0 04 




00 *H 
00 CO 

SOS 
»H 
04 



COkA 
O^ 

r*- CO 

04^ 

CO 



OO 




00 

s 



o 

o 



o 

o 



o 

o 

04 



l^O 

00 
04 
OS 



o 

CO 



OS 
04 

04 



04 
04 

3 



04 O 

CO 



CO 



o 

o 



o 

kA 



o 

O 

CO 



o 



8 



OO 

04 
OS 
CI 



o 

O 
OS 



826 Eisenlohr: 

Allerdings ware die Aufgabe, die Karte einee Landes so zn 
zeichneD, dass dessen Greiuse, wie auch immer gestaltet, eine iso- 
metrische Linie sei, nicht wohl zu losen. Da es aber, wenn 
nicht gerade, wie oben, Meridiane die Begrenzung bilden, einiger- 
massen willkurlich ist, was man als Begrenzung anzasehen hat, 
in dem Sinne dass innerhalb derselben die Yerzerrung moglicbst 
klein sei, und dass sie mit einer isometrischen Linie zusammen- 
fallen soil, so kann man sieh die Zeichnung wesentlicb erleichtern, 
wenn man noch die Beschranknng binznfiigt, dass alle Meridiane 
and Parallelkreise als Kreise abgebildot werden sollen, und wenn 
man sodann unter den noch moglichen Abbildungsarten diejenige 
auswahlt, bei welcher eine isometrische Linie nur nahezu 
mit der Begrenzung des abzubildenden Stuckes ubereinstimmt« 
Lagrange hat im AUgemeinen angegeben, bei welchen Abbildungs- 
arten Meridiane und Parallelkreise wieder Kreise werden. Dieselben 
bestehen darin, dass alio Langen mit einer bestimmten Zahl X 
yervielfacht, and entsprechend die Breiten verandert werden, so 
dass die Aehnlichkeit der kleinsten Theile erhalten bleibt (Aequator 
und Pol bleiben dabei an ih];er Stelle), und dass darauf die Erd- 
kagel auf einer Ebene, auf welcher sie in einem Punkte ruht, von 
dem Antipodenpunkte aus perspektivisch abgebildet wird (das 
Letztere alleiji giebt bekanntlich die stereographische Projection). 

Bei Auswahl der passenden Abbildungsart muss man indess 
auf gewisse Eigenthiimlichkeiten des Yerlaufs der isometrischen 
Linien Rucksicht nehmen. Zunachst darf kein Pol der Erde in 
die Karte fallen, wenn nicht, wie bei der stereographischen Pro- 
jection, X=l ist, weil an demselben der Massstab = oder unend- 
lich gross ware, was beides nicht zulassig ist; ferner muss der 
kleinste Massstab in einen Punkt im Innern fallen, den wir die 
Mitte der Karte nennen woUen, und von der Mitte aus muss der 
Massstab nach dem Kande zu uberall wachsen, damit die begren- 
zende isometrische Linie geschlossen ist. Ist nun aber X grosser 
als 1, so erreicht man von der Mitte auf dem Meridian fort- 
schreitend einen Punkt, in welchem der Massstab den grossten 
Werth hat, um daruber hinaus wieder abzunehmen, wahrend er 
in der Richtung des Parallelkreises nach beiden Seiten zunimmt. 
Ein solcher Punkt wird beim Fortgehen vom Aequator weg schon 
bei kleinerem Massstabe erreicht, als wenn man von der Mitte 
die Richtung uber den Aequator nach der entgegengesetzten Halb- 
kugel einschlagt. Es ist dafur zu sorgen, dass derselbe nicht in 
den Bereich des abzubildenden Stuckes falle, weil sich die iso- 
metrischen Linien ihm zwar nahern, aber statt ihn zu umschliessen, 
sich von Neuen erweitern, um den Pol zu umfassen. Ist dagegen 
X kleiner als 1 , so erreicht man beim Fortschreiten nach Osten 



Ueber Kartenprojection. 827 

und Westen in einer Lange von -— — eihen Punkt, wo der 

Massstab am grossten wird und wieder abnimmt, wahrend er nach 
Korden nod Suden bin zunimmt, so dass aber diesen Punkt, del: 
ubrigens nicht in Betracbt kommt, hinaus die isometiischen Linieli 
dicb in gleicfaen Intervallen verengern und erweitern, aber nie 
scbliessen. Uebrigens Bind die isometrischen Linien im AUgemeii^^ii 
fur grossere Werthe .von X als 1 mehr von Nord nach Sud }f6^ 
(Stredi^t, fur kleinere mehp von Ost nach West. ^'-V 

Um Anbaltspunkte far die Xussuchung der passenden We|m^ 
von X und die Wabl der Mitte der Karte zu geben^ hab« ichv-di^ 
folgende Tabelle berecbnet, welcbe, wenn X immer um i^^ 
Hunderttheile und die Breite der Mitte immer um 10^ wa(^4 
(soweit der Werth von X uberhaupt eine Stelle des kleinst^p 
Massstabes zulasst) die Grenzen> d. h. die Polardistanz des nq^^ 
lichsten (N) und sudlichsten (S) (die Lange ist 0) und PokirdistiilQis 
(P) und Lange (<Z>) des ostlicbsten und westlicbsten Pilr^lctes ^<!^eir 
isometrischen Linie angiebt, auf welcher der gemeine L&garit^Hif 
des Yerhaltnisses des Massstabes zu dem der Mitte 0,i ist^'()^|( 
entspricht dies einem Yerhaltnisae von 1,259); • dagegen wQ(hii 
diese Linie nicht mehr geschlossen ist, die Grenzen der ausser^'^p^ 
geschlossenen isometrischen Linie und den Logarithmen des M|Lg^ 
stabes (M). Fur die Auswahl kleiner Begrenzungslinien magi^^e 
Angabe des Achsenverhaltnisses (A) der sehr kleinen Elli^^ 
dienen, in welche die den Mittelpunkt der Karte zunachst ui^j 
schliessende isometrische Linie ubergeht*}. 



^ 



% 



*) Ist (p die Lftnge, u der Polarabstand eines Punktes und tg ~s=: 



^ 



^0 /» 



wo Vq und Uq noch naher zu bestimmen sind, so ist 



2 



Sin ^v 



der Massstab m = — — ■ — r — ^Die Mitte des Bildes mit dem 

sin M (1 — sin ^v, sin^ -—-\ r 

kleinsten Massstabe habe die Lftnge (jp = o und den Polarabstand'^ tr^^i^ 
(vq ist sodann durch die Gleiohung I cos Vq s= cos u^ bestimmt) j ^ii^Hr^lif6s 
rechne man die Coordinaten der Karte x vom Aequate^' i^eg>vg(ttitte£iS£ 

(nordlich Oder sWlich), y Sstlich; so ist x =:= . n^)Vi>. itonb l£gg|^ 

sin ^v sin hp ^ \o**'^ "i« 1^ ' i- / 

y = ^j— TTti^o Bu A4ibim)i«« «blarAindiitti'J«fcm»iPofcif« 

2^ A— sin^tjsin^^r^-ms-i l"^( jjs M- ao-j — ^x"^>( a^qilia naxIaaht-jcnoBi 



328 



Eisenlohr: 



Polardistanz der Mitte oder des Orts der kleinsten 

Yergrosserung 90®. 



X 


N 


fi 




P 


1 


* 


M 


A 


1,40 


700 16' 


1090 44« 


900 


20 


0' 


0,00026 


7,0000 


1,38 


59 


36 


120 


24 


90 


4 


56 


0,00152 


4,4£31 


1,36 


52 


4 


127 


56 


90 


7 


52 


0,00381 


3,5066 


1,34 


46 





134 





90 


10 


57 


0,00715 


2,9638 


1,82 


40 


50 


139 


10 


90 


14 


7 


0,01152 


2,6008 


1,30 


36 


18 


143 


42 


90 


17 


23 


0,01700 


2,3849 


1,28 


32 


16 


147 


44 


90. 


20 


45 


0,02356 


2,1286 


1,26 


28 


36 


151 


24 


90 


24 


15 


0,03124 


, 1,9620 


1,24. 


25 


16 


154 


44 


90 


27 


52 


0,04012 


1,8235 


1,22 


22 


12 


157 


48 


90 


31 


38 


0,05020 


1,7057 


1,20 


19 


21 


160 


39 


90 


35 


33 


0,06161 


1,6035 


1,18 


16 


42 


163 


18 


90 


39 


38 


0,07442 


1,5188 


1,16 


14 


14 


165 


46 


90 


43 


53 


0,08871 


1,4339 


1,14 


17 


35 


162 


21 


90 


47 


19 


0,1 


1,3622 


1,12 


23 


17 


156 


43 


90 


48 


10 


0,1 


1,2971 


1,10 


26 


42 


158 


18 


90 


49 


2 


0,1 


1,2376 


1,08 


29 


17 


150 


43 


90 


49 


57 


0.1 


1,1869 


1,06 


31 


22 


148 


38 


90 


50 


53 


0,1 


1,1323 


1,04 


33 


9 


146 


57 


90 


51. 


52 


0,1 


1,0853 


1,02 


84 


42 


145 


18 


90 


52 


53 


0,1 


1,0413 


1,00 


36 


4 • 


143 


56 


90 


53 


56 


0,1 


1,0000 


0,98 


37 


17 


142 


43 


90 


55 


2 


0,1 


0,9611 


0,96 


38 


23 


141 


37 


90 


56 


11 


0,1 


0,9244 


0,94 


39 


23 


140 


37 


90 


57 


23 


0,1 


0,8897 


0,92 


40 


18 


139 


42 


90 


58 


38 


0,1 


0,8566 


0,90 


41 


8 


138 


52 


90 


59 


56 


0,1 


03250 


0,88 


41 


54 


138 


6 


90 


61 


18 


0,1 


0,7949 


0,86 


42 


37 


137 


23 


90 


62 


43 


0,1 


0,7660 


0,84 


43 


18 


136 


42 


90 


64 


13 


0,1 


0,7383 



sin ^v 



abstand u hat den Radius -z: nnd die Coordinaten des Mittelpunktes 

2C08 v 



» = — 

L&nge qp 
cos tin 



cos Uq 



-f 



1 -|- cos *v 



den Badins 



2 cos V 
1 



y = o; das des Meridiankreises von der 



sinJtqp 



nnd die Coordinaten des Mittelpunkts x = 



yes — cot l^. Die Stelle des grdssten Massstabes dnreh welche 



die ftnsserste znl^sige isometrische Linie gehen darf, ist fdr Jl ^ 1 darch 
dieselben Gleichungen als die Mitte <;p == o nnd k cos v =s cos u ; fur i i^ 1 
durch AqpsslSOO und A g=»cos v cos u bestimmt Die ftossersten zulassigen 

Werthe von X sind \-l + sin ^u^ und cos u^. Gehen wir von der Mitte 

um die kleinen Strecken | und 9 auf dei Erde nach Norden und Osten, so 
ist der naturliche Logarithmus des Massstabes: 

/I , 1-A« X ,/l 1~A« X 

* V4 "*" 4 sin 8wo; "^ "^ V4 4sinS/ 

einer sehr kleinen 



4 sin hiQj 
also das VerhiUtniss der nSrdliohen Eur ostlichen Achse 



isometrischen EUipse y^il* — cos hi zuy^l + Bin^u^—XK 



Ueber Rartenprojection. 829 



A 


N 


S 


P 


* 


M 


A 


0,82 


430 


55' 


1360 5* 


90« 


65« 47 ' 


0,1 


0,7117 


0,80 


44 


30 


135 30 


90 


67 25 


0,1 


0,6860 


0,78 


45 


2 


134 58 


90 


69 9 


0,1 


0,6612 


0,76 


45 


33 


134 27 


90 


70 68 


0,1 


0,6312 


0,74 


46 


2 


133 58 


90 


72 54 


0,1 


0,6140 


0,72 


46 


29 


133 31 


90 


74 55 


0,1 


0,5915 


0,70 


46 


54 


133 6 


90 


77 3 


0,1 


0,5697 


0,68 


47 


18 


132 42 


90 


79 19 


0,1 


0,5484 


0,66 


47 


40 


132 20 


90 


81 44 


0,1 


0,5272 


0,64 


48 


1 


131 59 


90 


84 17 


0,1 


0,5075 


0,62 


48 


22 


131 38 


90 


87 


0,1 


0,4878 


0,60 


48 


41 


131 19 


90 


89 54 


0,1 


0,4685 


0,58 


48 


58 


131 2 


90 


93 


0,1 


0,4497 


0,56 


49 


15 


130 45 


90 


96 19 


0,1 


0,4312 


0,54 


49 


31 


130 29 


90 


99 53 


0,1 


0,4131 


0,52 


49 


46 


130 14 


90 


103 44 


0,1 


0,3954 


0,50 


50 


1 


129 59 


90 


107 63 


0,1 


0,3780 


0,48 


50 


14 


129 46 


90 


112 22 


0,1 


0,8608 


0,46 


50 


26 


129 34 


90 


117 16 


0,1 


0,3440 


0,44 


50 


38 


129 22 


90 


122 35 


0,1 


0,3274 


0^2 


50 


50 


129 10 


90 


128 26 


0,1 


0,3110 


0,40 


51 





129 


90 


134 51 


0,1 


0,2949 


0,38 


51 


10 


128 50 


90 


141 57 


0,1 


0,2790 


0,36 


51 


19 


128 41 


90 


149 50 


0,1 


0,2632 


0,84 


51 


28 


128 32 


99 


158 39 


0,1 


0,2477 


0,32 


51 


36 


128 24 


90 


168 34 


0,1 


0,2323 


0,30 


51 


43 


128 17 


90 


179 48 


0,1 


0,2171 


0,28 


51 


50 


128 10 


90 


192 39 


0,1 


0,2020 


0,26 


51 


57 


128 3 


90 


207 28 


0,1 


0,1870 


0,24 


52 


3 


127 57 


9o 


224 45 


0,1 


0,1722 


0,22 


52 


8 


127 52 


90 


245 11 


0,1 


0,1575 


0,2o 


52 


13 


127 47 


90 


269 42 


0,1 


0,1429 


0,18 


52 


17 


127 43 


90 


299 40 


0,1 


0,1283 


0,16 


52 


21 


127 39 


90 • 


337 7 


0,1 


0,1139 


0,14 


52 


24 


127 36 


90 


385 17 


0,1 


0,0995 


0,12 


52 


27 


127 33 


90 


449 30 


0,1 


0,0852 


0,10 


52 


30 


127 30 


90 


539 24 


0,1 


0,0709 


0,08 


52 


32 


127 28 


90 


674 15 


0,1 


0,0567 


0,06 


52 


34 


127 26 


90 


899 


0,1 


0,0425 


0,04 


52 


35 


127 25 


90 


1348 


0,1 


0,0283 


0,02 


52 


36 


127 24 


90 


2697 3 


0,1 


0,0142 


0,00 


52 


36 


127 24 


90 


oo 


0,1 











Polardistanz de r 


Mitte 80^ 




X 


N 




S 


P 


* 


M 


A 


1,40 


770 


0' 


81® 35' 80® 


0' 


00 8' 


0,0000012 


13,9996 


1,38 


65 ] 


L6 


88 35 79 


56 


1 44 


0,00019 


5,3527 


J,36 


57 


7 


94 4 79 


40 


3 51 


0W)92 


8,8898 


1,34 


50 36 


98 52 79 


22 


6 18 


0,00232 


3,1831 


1,32 


45 


3 


103 15 79 





8 54 


0,00447 


2,7438 


1,30 


40 10 


107 24 78 


38 


11 40 


0,00749 


2,4355 


1,28 


35 48 


111 10 78 


8 


14 35 


0,01133 


2,2028 


1,26 


31 50 


114 50 77 


36 


17 42 


0,01614 


2,0186 


1,24 


28 11 


118 20 77 


4 


20 55 


0,02190 


1,8675 



SSO Bisenlohr: 



I 


N 


S 


P 


* 




M 


A 


1,22 


24 « 


• 52' 


121° 


46' 


76 <^ 


22' 


240 


29' 


0,02879 


1,7404 


1,20 


21 


45 


125 


2 


75 


35 


27 


58 


0,03678 


1,6312 


1,18 


18 


52 


128 


16 


74 


41 


31 


47 


0,04591 


1,5359 


i,ie 


16 


8 


131 


28 


73 


39 


35 


50 


0,05646 


1,4516 


1,14 


13 


36 


134 


37 


72 


21 


40- 


7 


0,06842 


1,3762 


1,12 


11 


13 


137 


47 


70 


44 


44 


41 


0,08209 


1,3081 


1,10 


8 


59 


140 


57 


68 


47 


49 


35 


0,09769 


1,2461 


1,08 


16 


20 


139 


44 


69 


38 


51 


6 


0,1 


1,1893 










Karte ^ 


iron A 


merik 


a. 






1,06 


19 


51 


138 


2 


70 


44 


52 


3 


0,1 


i,i36ry 


1,04 


22 


22 


136 


29 


71 


36 


53 


3 


0,1 


1,0880 


1,02 


24 


23 


135 


10 


72 


17 


54 


5 


0,1 


1,0426 


1,00 


26 


4 


133 


56 


72 


51 


55 


10 


0,1 


1,0000 


0,98 


27 


31 


132 


60 


73 


19 


56 


18 


0,1 


0,9600 


0,96 


28 


47 


131 


48 


73 


44 


57 


30 


0,1 


0,9222 


0,94 


29 


55 


130 


52 


74 


6 


58 


46 


0,1 


0,8864 


0,92 


30 


56 


130 


1 


74 


24 


60 


5 


0,1 


0,8524 


0,90 


31 


51 


129 


11 


74 


40 


61 


27 


0,1 


0,8200 


0,88 


82 


42 


128 


28 


74 


55 


62 


53 


0,1 


0,7890 


0,86 


33 


28 


127 


47 


75 


8 


64 


24 


0,1 


0,7594 


0,84 


34 


10 


127 


9 


75 


19 


66 


1 


0,1 


0,7309 


0,82 


34 


50 


126 


32 


75 


30 


67 


43 


0,1 


0,7036 


0,80 


35 


27 


125 


58 


75 


40 


69 


28 


0,1 


0,6772 


0,78 


36 


1 


125 


26 


75 


48 


71 


21 


0,1 


0,6517 


0,76 


36 


33 


124 


56 


75 


56 


73 


18 


0,1 


0,6271 


0,74 


37 


3 


124 


28 


76 


3 


75 


23 


0,1 


0,6032 


0,72 


37 


31 


124 


1 


76 


10 


77 


40 


0,1 


0,5800 


0,70 


37 


57 


123 


36 


76 


16 


80 





0,1 


0,5574 


0,68 


38 


22 


123 


12 


76 


22 


82 


33 


0,1 


0,5355 


0,66 


38 


45 


122 


50 


76 


27 


85 


15 


0,1 


0,5141 


0,64 


39 


7 


122 


28 


76 


32 


88 


9 


0,1 


0,4931 


0,62 


39 


27 


122 


8 


76 


36 


91 


14 


0,1 


0,4727 


0,60 


39 


46 


121 


49 


76 


40 


94 


32 


0,1 


0,4526 


0,58 


40 


4 


121 


32 


76 


44 


98 


6 


0,1 


0,4330 


0,56 


40 


21 


121 


15 


76 


48 


102 





0,1 


0,4137 


0,54 


40 


37 


120 


59 


76 


51 


106 


14 


0,1 


0,3947 


0,52 


40 


52 


120 


44 


76 


54 


110 


54 


0,1 


0,3760 


0,50 


41 


6 


120 


30 


76 


57 


116 


1 


0,1 


0,3576 


0,48 


41 


19 


120 


17 


77 





121 


38 


0,1 


0,3393 


0,46 


41 


32 


120 


4 


77 


3 


127 


54 


0,1 


0,3212 


0,44 


41 


44 


119 


52 


77 


5 


134 


53 


0,1 


0,3033 


0,42 


41 


55 


119 


41 


77 


7 


142 


42 


0,1 


0,2856 


0,40 


42 


6 


119 


29 


77 


9 


151 


31 


0,1 


0,2679 


0,38 


42 


16 


119 


19 


77 


11 


161 


32 


0,1 


0,2502 


0,36 


42 


25 


119 


10 


77 


13 


173 


12 


0,1 


0,2326 


0,34 


42 


34 


119 


1 


77 


15 


186 


58 


0,1 


0,2147 


0,32 


42 


42 


118 


53 


77 


16 


204 


4 


0,1 


0,1967 


0,30 


42 


50 


118 


45 


77 


17 


225 


48 


0,1 


0,1785 


0,28 


42 


57 


118 


38 


77 


18 


255 




0,1 


0,1597 


0,26 


43 


3 


118 


32 


77 


19 


299 




0,1 


0,1403 


0,24 


43 


9 


118 


26 


77 


20 


367 




0,1 


0,1198 


0,22 


43 


14 


118 


21 


77 


21 


477 




0,1 


0,0975 


0,20 


43 


19 


118 


16 


77 


22 


663 


30 


0,1 


.0,0714 


0,18 


58 


49 


101 


41 


79 


15 


1000 




0,3113 


0,0339 



Ueber KArteuprojection. 331 

Polardistanz der Mitte 70® 



X 




N 


1 


9 


■ 


P 


* 


M 


A 


1,36 


64C 


► 28' 


73 « 


► 0' 


70 « 


> 0' 


0« 


' 23' 


0,00001 


7,1670 


1,34 


57 


4 


77 


20 


69 


48 


1 


57 


0,00022 


4,3819 


1,32 


50 


51 


81 


8 


69 


31 


3 


48 


0,00076 


3,3998 


1,30 


45 


23 


84 


50 


69 


8 


6 





0,00186 


2,8547 


1,28 


40 


34 


88 


24 


68 


40 


8 


26 


0,00357 


2,4939 


1,26 


36 


7 


91 


50 


68 


5 


11 


8 


0,00596 


2,2312 


1,24 


32 





95 


12 


67 


24 


13 


58 


0,00913 


2,0280 


1,22 


28 


17 


98 


30 


66 


39' 


17 


5 


0,01318 


1,8642 


1,20 


24 


49 


101 


46 


65 


44 


20 


27 


0,01819 


1,7281 


1,18 


21 


34 


105 


2 


64 


40 


24 


4 


0,02420 


1,6128 


1,16 


18 


32 


108 


18 


63 


25 


27 


58 


0,03141 


1,5120 


1,14 


15 


47 


111 


34 


61 


55 


32 


10 


0,03988 


1,4237 


1,12 


12 


58 


114 


51 


60 


6 


36 


43 


0,04982 


1,3451 


1,10 


10 


26 


118 


14 


57 


52 


41 


46 


0,06149 


1,2744 


1,08 


8 


3 


121 


44 


54 


58 


47 


14 


0,07621 


1,2101 


1,06 


5 


42 


125 


25 


51 


16 


53 


28 


0,09148 


1,1518 


1,04 


10 





126 


26 


50 


37 


57 


8 


0,1 


1,0971 


1,02 


18 


33 


124 


8 


52 


54 


58 


12 


0,1 


1,0468 


1,00 


16 


4 


123 


56 


54 


29 


59 


21 


0,1 


1,0000 


0,98 


17 


57 


122 


49 


55 


44 


60 


36 


0,1 


0,9561 


0,96 


19 


32 


121 


49 


56 


48 


61 


57 


0,1 


0,9148 


0,94 


20 


54 


120 


54 


57 


42 


63 


23 


0,1 


0,8758 


0,92 


22 


5 


120 


3 


58 


27 


64 


55 


0,1 


0,8388 


0,90 


23 


8 


119 


15 


59 


6 


66 


31 


0,1 


0,8037 


0,88 


24 


5 


118 


31 


59 


40 


68 


14 


0,1 


0,7701 


0,86 


24 


57 


117 


50 


60 


10 


70 


5 


0,1 


0,7379 


0,84 


25 


43 


117 


11 


60 


36 


72 


3 


0,1 


0,7070 


0,82 


26 


25 


116 


34 


61 





74 


9 


0,1 


0,6773 


0,80 


27 


4 


115 


59 


61 


22 


76 


25 


0,1 


0,6487 


0,78 


27 


40 


115 


27 


61 


42 


78 


49 


0,1 


0,6210 


0,76 


28 


13 


114 


56 


61 


59 


81 


26. 


0,1 


0,5940 


0,74 


28 


44 


114 


27 


62 


13 


84 


15 


O'l 


0,5679 


0,72 


29 


13 


114 





62 


26 


87 


20 


0,1 


0,5424 


0,70 


29 


41 


113 


35 


62 


38 


90 


43 


0,1 


0,5175 


0,68 


30 


7 


113 


11 


62 


49 


94 


23 


0,1 


0,4931 


0,66 


30 


31 


112 


48 


63 





98 


23 


0,1 


0,4692 


0,64 


30 


53 


112 


26 


63 


10 


102 


47 


0,1 


0,4457 


0,62 


31 


14 


112 


5 


63 


19 


107 


38 


0,1 


0,4224 


0,60 


31 


33 


111 


46 


63 


28 


113 


2 


0,1 


0,3995 


0,58 


31 


51 


111 


28 


63 


36 


119 


1 


0,1 


0,3767 


0,56 


32 


8 


111 


11 


63 


44 


125 


48 


0,1 


0,3539 


0,54 


32 


24 


110 


55 


63 


51 


133 


40 


0,1 


0,3812 


0,52 


32 


39 


110 


39 


63 


57 


143 


10 


0,1 


0,3085 


0,50 


32 


54 


110 


24 


64 


3 


155 


32 


0,1 


0,2854 


0,48 


33 


8 


110 


10 


64 


8 


170 




0,1 


0,2620 


0,46 


33 


20 


109 


53 


64 


12 


190 




0,1 


0,2379 


0,44 


33 


30 


109 


41 


64 


16 


220 




0,1 


0,2130 


0,42 


33 


40 


109 


30 


64 


20 


260 




0,1 


0,1866 


0,40 


33 


52 


109 


20 


64 


23 


313 


12 


0,1 


0,1580 


0,88 


35 


42 


107 


15 


65 


7 


236 


51 


0,08991 


0,1256 


0,36 


45 


15 


96 


10 


67 


45 


500 




0,04426 


0,0849 



832 £i8enlohr: 



Polardistanz der Mitte 60 



X 


N 


S 




P 


4> 


1 


M 


A 


1,32 


580 


59' 


60« 


30' 


60« 0' 


O'* 


3' 


0,0000002 


14,0132 


1,30 


52 


38 


63 


55 


59 56 





58 


0,00005 


4,8990 


1,28 


46 


58 


67 


14 


59 39 


2 


38 


0,00032 


3,5271 


1,26 


41 


51 


70 


28- 


59 17 


4 


39 


0,00095 


2,8699 


1,24 


37 


11 


73 


39 


58 48 


6 


59 


0,00210 


2,4621 


1,22 


32 


53 


76 


48 


58. 11 


9 


40 


0,00380 


2,1758 


1,20 


28 


53 


79 


56 


57 25 


12 


40 


0,00623 


1,9593 


1,18 


25 


9 


83 


6 


56 28 


15 


59 


0,00950 


1,7874 


1,16 


21 


39 


86 


19 


55 20 


19 


40 


0,01374 


1,6460 


1,14 


18 


21 


89 


35 


53 59 


23 


46 


0,01905 


1,5265 


1,12 


15 


14 


92 


56 


52 20 


28 


18 


0,02566 


1,4236 


1,10 


12 


18 


96 


26 


50 15 


33 


24 


0,03385 


1,3333 


1,08 


9 


32 


100 


2 


47 87 


39 


12 


0,04394 


1,2531 


1,06 


6 


55 


103 


56 


44 10 


45 


52 


0,05620 


1,1809 


1,04 


4 


26 


108 


14 


39 16 


54 


10 


0,07172 


1,1156 


1,02 


2 


7 


113 


2 


31 16 


64 


22 


0,09207 


1,0555 


1,00 


6 


4 


113 


56 


31 52 


68 


58 


0,1 


1,0000 


0,98 


8 


40 


112 


47 


35 16 


70 


17 


0,1 


0,9485 


0,96 


10 


48 


111 


44 


37 57 


71 


45 


0,1 


0,9004 


0,94 


12 


34 


110 


46 


40 4 


73 


25 


0,1 


0,8552 


0,92 


14 


3 


109 


52 


41 46 


75 


17 


0,1 


0,8124 


0,90 


15 


19 


109 


I 


43 9 


77 


23 


0,1 


0,7718 


0,88 


16 


25 


108 


13 


44 16 


79 


45 


0,1 


0,7331 


0,86 


17 


21 


107 


29 


46 11 


82 


24 


0,1 


0,6961 


0,84 


18 


10 


106 


48 


45 56 


85 


22 


0,1 


0,6605 


0,82 


18 


54 


106 


10 


46 34 


88 


42 


0,1 


0,6261 


0,80 


19 


34 


105 


34 


47 8 


92 


26 


0,1 


0,5927 


0,78 


20 


11 


105 





47 89 


96 


39 


0,1 


0,5603 


0,76 


20 


46 


104 


28 


48 7 


101 


25 


0,1 


0,5286 


0,74 


21 


19 


103 


58 


48 33 


106 


45 


0,1 


0,4975 


0,72 


21 


49 


103 


29 


48 56 


112 


45 


0,1 


0,4668 


0,70 


22 


17 


103 


2 


49 17 


119 


30 


0,1 


0,4364 


0,68 


22 


43 


102 


37 


49 35 


127 




0,1 


0,4061 


0,66 


23 


7 


102 


13 


49 52 


136 




0,1 


0,3758 


0,64 


23 


29 


101 


50 


50 8 


148 




0,1 


0,3451 


0,62 


23 


50 


101 


28 


50 23 


164 




0,1 


0,3137 


0,60 


24 


10 


101 


8 


50 37 


188 


57 


0,1 


0,2813 


0,58 


24 


28 


100 


50 


50 50 


229 


10 


0,1 


0,2472 


0,56 


25 


42 


99 


14 


51 39 


321 


26 


0,09367 


0,2104 


0,54 


29 


36 


94 





54 31 


333 


■ 


0,06417 


0,1689 


0,52 


39 


44 


82 


58 


57 18 


346 


9 


0,03295 


0,1174 


0,50 


60 




60 




60 


360 





0,0 











Pol 


ardistanz dei 


' Mil 


kte 50^ 




X 




N 




S 


P 




* 


M 


A 


1,24 


44 


29' 


52 < 


> 50' 


490 58' 




00 55 


' 0,00003 


4,7794 


1,22 


39 


21 


55 


51 


49 40 




2 33 


0,00030 


3,3052 


1,20 


34 


34 


58 


53 


49 16 




4 49 


0,00080 


2,6437 


1,18 


30 


7 


61 


54 


48 41 




7 35 


0,00171 


2,2442 


1,16 


25 


58 


64 


58 


47 53 


] 


LO 50 


0,00335 


1,9660 



i 










Ueber Eartenprc 


>jection. 


• 


353 




X 




N 




S 




P 


* 


M 


A 




1,14 


22 « 


► 4' 


68 < 


> 11' 


46" 


51' 


14» 37' 


0,00593 


1,7567 




1,12 


18 


21 


71 


32 


45 


33 


18 56 


0,00965 


1,5907 




1,10 


14 


50 


74 


58 


43 


53 


23 59 


0,01465 


1,4542 




1,08 


11 


32 


78 


34 


41 


40 


29 58 


0,02099 


1,3385 




1,06 


8 


27 


83 


25 


38 


39 


37 11 


0,02955 


1,2384 


1 


1,04 


5 


25 


87 





34 


28 


45 58 


0,04104 


1,1502 




1,02 


2 


36 


92 


47 


27 


26 


57 50 


0,05730 


1,0714 




1,00 







100 










90 
180 


0,08545 


1,0000 




0,993 





14 


103 


9 





50 


181 16 


0,09875 


0,9768 




0,98 


2 




102 


39 


9 


27 


99 5 


0,1 


0,9347 




0,96 


4 


23 


101 


27 


16 


34 


97 39 


0,1 


0,8743 




0,94 


6 


14 


100 


21 


21 


23 


97 35 


0,1 


0,8179 




0,92 


7 


43 


99 


20 


24 


48 


98 54 


0,1 


0,7649 




0,90 


8 


58 


98 


24 


27 


17 


IQl 36 


0,1 


0,7147 












Eacte von A 


.sien. 








0,88 


10 


3 


97 


32 


29 


4 


105 47 


0,1 


0,6668 




0,86 


11 


fo 


96 


43 


30 


31 


111 24 


0,1 


0,6207 




0,84 


11 


51 


95 


57 


31 


44 


118 9 


0,1 


0,5760 




0,82 


12 


37 


95 


15 


32 


45 


123 


0,1 


0,5324 




0,80 


13 


18 


94 


35 


33 


37 


136 37 


0,1 


0,4895 




0,78 


13 


56 


93 


58 


34 


22 


151 


0,1 


0,4467 




0,76 


14 


30 


93 


23 


35 


3 


172 


0,1 


0,4036 




0,74 


15 


2 


92 


49 


35 


40 


205 46 


0,1 


0,3567 




0,72 


17 


5 


89 


47 


37 


57 


250 


0,08840 


0,3138 




0,70 


20 


12 


84 


5 


41 


8 


257 


0,06872 


0,2647 


t 


0,68 


25 


20 


78 


12 


44 


17 


264 42 


0,04672 


0,2092 


• 


0,66 


32 


29 


69 


7 


47 


24 


272 44 


0,02245 


0,1393 










Pol 


ardistanz 


der 


Mitte 40 









X 


< 


fcJ 


S 


1 


► 


* 


M 


A 




1,18 


370 


37' 


410 


14' 


400 


0' 


00 21' 


0,0000031 


6,227o 




1,16 


32 


26 


44 


9 


39 


44 


2 19 


0,00018 


3,3509 




1,14 


27 


33 


47 


7 


39 


19 


4 55 


0,00056 


2,5051 




1,12 


22 


57 


50 


11 


38 


39 


8 24 


0,00142 


2,0505 




1,10 


18 


36 


53 


27 


37 


34 


13 3 


0,00340 


1,7513 




1,08 


14 


29 


57 


6 


35 


59 


18 51 


0,00655 


1,5325 




1,06 


10 


34 


61 


18 


33 


37 


26 24 


0,01150 


1,3615 




1,04 


6 


50 


66 


3 


30 





35 52 


0,01911 


1,2215 




1,02 


3 


19 


71 


21 


24 


26 


49 57 


0,03054 


1,1031 




1,00 







80 










90 
180 


0,05403 


1,0000 




0,98 





52 


86 


17 


3 


2 


183 40 


0,07763 


0,9083 




0,96 


1 


44 


88 


8 


6 


2 


187 30 


0,08916 


0,8252 




0,94 


2 


44 


88 


10 


^ 


8 


191 30 


0,09480 


0,7486 




0,92 


3 


56 


87 


17 


12 


22 


195 39 


0,09548 


0,6768 




0,90 


5 


18 


85 


41 


15 


43 


200 


0,09348 


0,6085 




0,88 


6 


51 


83 


19 


19 


12 


204 33 


0,08750 


0,5419 




0,86 


8 


46 


80 


10 


22 


46 


209 18 


0,07866 


0,4762 




0,84 


11 


14 


76 


14 


26 


27 


214 17 


0,06696 


0,4097 




0,82 


14 


26 


71 


20 


30 


8 


219 31 


0,05242 


0,3399 




0,80 


18 


43 


65 


25 


33 


50 


225 


0,03518 


0,2623 




0,78 


25 


36 


56 


4 


37 


29 


230 46 


0,01532 


0,1637 



334 Henry Greffrath: Die neuesten EntdeckuhgsreiBen in Australien. 

... . - 

Polardistanz der Mitte 30 



X 
1,10 
1,08 
1,06 
1,04 
1,02 


] 
24 ( 
19 
14 

9 

4 


> 48' 
20 
8 
11 

28 


S 
32 • 38 ' 
36 12 
40 
44 2 
50 15 


P 

290 58' 
29 16 
28 2 
26 44 
21 23 


10 8' 
6 
12 45 
22 30 

38 24 


M 

0,00002 
0,00030 
0,00194 
0,00582 
0,01201 


A 

3,3911 
2,2318 
1,7192 
1,3998 
1,1771 


1,00 








60 





90 
180 


0,03011 


1,0000 


1,98 
1,96 
1,94 
1,92 
1,90 
J»88 


1 
2 
4 
7 
10 
16 


15 
45 
38 
9 
47 
47 


65 48 
65 41 
63 27 
59 28 
53 50 
45 15 


4 It 
8 27 
12 53 
17 28 
22 7 
26 47 


183 40 
187 30 
191 29 
195 39 
200 
204 83 


0,04742 
0,05126 
0,04875 

0,04115 
0,02908 
0,01323 


0,8524 
0,7229 
0,6039 
0,4887 
0,3693 
0,2265 








Polardistanz der 


Mitte 20" 






1,04 
1,02 


13 « 

6 


N 
> 471 

48 


8 
23 " 25 ' 
29 3 


P 

19 » 36 ' 
17 17 


4> 

40 59' 
20 48 


M 

0,00015 
0,00205 


A 

2,3692 
1,4336 


1,00 








40 





90 
180 


0,01330 


1,0000 


0,98 
0,96 
0,94 


2 

6 

17 


14 

2 

56 


43 26 
37 52 
22 15 


6 29 
13 9 
19 54 


183 40 
187 30 
191 29 


0,02201 
0,01530 
0,00020 


0,7030 
0,4443 
0,0474 








Polardistanz der 


Mitte 10" 






1,01 


N 
6° 39' 


S 
11 44 ' 


P 

10» 0' 


5* 23* 


M 

0,000048 


A 

2,2357 


1,00 







20 





90 
180 


0,00331 


1,0000 


0,99 


3 


2 


18 53 


6 34 


181 48 


0,00374 


0,4526 








Polardistanz der 


Mitte 0" 






X 
1,00 

3. 


Joli 


N 
530 6 

1875. 


S 
' 53'' 


P 

6' 


* 


M 
0,1 

1 


A 

1,0000 



XV. 
Die neuesten Entdeckungsreisen in Australien. 

Mitgeiheilt von Henry* Greff rath. 



Wie bekannt, fanden die frdbesten and energischsten Ansiede- 
lungen in Australien an der Ost- und Slidkiiste statt. Dies hatte 
zur Folge, dass die Thfttigkeit der Explorer sich hauptsachlicli aaf 
den Theil dieses Continents concentrirte, welcher 5stlicb vom Ueber«> 
landtelegraplien liegt. Jalir ftir Jahr trugen die dortigen Forschungen 



Die neuestenfintdeokun^sreisen'm Australien. $8$ 

T0& Flind^s, Oxley, Leiehardt, Sturt n. s. w., dcren Namen so 
ebren^oli in der Gesdbiehte der Geographie verzeichnet stehen, 
refehe Emten im Felde der Entdeckungen eio, und die Gfaarakteristik 
dieser >grosBen> weiten Gegenden wurde bald ins rechte Licfat gestellt. 

Die ersten Ansiedler waren, in Anbetracht der Trockenbeit 
\ dee Klimas und der gewaltigen Hitze der Winde, welcbe zur 

Sommerzeit aus dem Gontinente berabweben, der Meinnng, daes 
das Innere Australiens eine sterile WOste biide, Abnlieb der grosseti 
Sahara. Als aber Gxley als der erste in den jetzt sogenannten 
Biverina <- District , nGi'dlich vom Murray R, vordrang und seine 
Weiterreise durcb bedeutende Wasseriftufe und anscheinend nn- 
begrenzte Marscbgegenden gebemmt fend, gab man obige Ansicbt 
wieder auf. 

Die Tbatsacbov dass ein GOrtol boher GebirgszUge parallel mit 
der KOste Iftuft, mit angenscbeinlicb mficbtiger Wasserscheide nach 
dem Gentrum des Gontinents za, fohrte dann zn der Annabme, 
dass ein Inland-See von grossem Umfange existiren musse. Weitere 
Nachfbrsehnngen beseitigten aucb diese Illusion. Als Stuart von 
seiner ersten gefabrvoUen Reise znrUckkehrte und von den yielen 
Entbebmngen erzftblte, welcbe er und seine Gef^rten bei dem Ver- 
sucbe, den Gontinent zn durcbkrenzen, zu erdulden gebabt, da war 
es eLvLch mit dem Inland See zu Ende und man adoptirte wieder die 
Wtisten-Theorie, wenngldcb mit wicbtigen Modtficationen. Spatere 
Forschnngen, namentlicb die, welcbe in Verbindnng mit der Erricb- 
tnag des Ueberland-Telegrapben standen, baben uns eine viel ge- 
namere Kenntniss von dem sebr verscbiedenen Gbaracter verscbafft, 
welcben das Innere Australiens mit den angesiedelten Districten in 
det Nfihe der Kllste gemetn bat. 

Als nun der Gsten Australiens dem geograpbischen Wissen so 
aiemlicb erscblossen war, yrandte sicb die Speenlation, um diesen 
Ansdmick bier zu gebraucben, der westlicben H&lfte des Gontinents 
zu, und die meisten Forscbungsreisen der Neuzeit waren eben dabin 
geri^htet. Nocb vor drei oder vier Jabren bildete dieses umfang* 
reiche Areal, mit Ausqabme eines verbUltnissmftssig scbmalen Stricbes 
an der Eiiste entlang, einen grossen weissen Fleck auf unsern Karten* 

Dem Obersten Warbnrton gebtlbrt die Ebre, der erste Reisende 
gewesen zn sein, welcher eine Expedition durcb den unbekannten 
Westen bindurcbftibrte und das Dunkel zur Aufklltrung brachtB) 
w«lcbes bisber tiber dem mebr nOrdlichen Tbeile dieser vemacb- 
Iftssigten Continental-Halfte rnbte. 

Die Reisen von Oosse, Giles nnd Ross ergaben, dass die grosse 
WQste, in welcber Warbnrton und Genossen nabezu ihr Leben eia- 
bfissten, aneb nocb Handerte von Miles s&dlicb von der Warburton- 
Route wieder zum Vorscbein kommt« 



8S6 Benrj Greffratk: 

Aber di« Frage, wie das Land titiinittelbar SstHcb von 4et 
Wasserscheide , auf weleber die Fliisse Murohison, Gascoigne and 
mehrere andere entspringen , bescfaaffen sei, bJieb ongeK^st. Man 
neigte sich jedoch der Annahme zu, dass wenigstens in der NiEbe 
dieser WasBerscheide fracbtbare Ebenen sicb befanden, die von 
zablreicben Creeks und mdgltcherweise aucb von einem scbdnen 
Flufise, welcher in einen groseen See einmUnde, durcbscbnitten w(ir* 
den. Diese Ansicht theilte namentlieh aucb der anstraliscbe Geo- 
grapb Rev. J. E. Tenison Woods in Adelaide. 

Als Forrest seine letzte Beise, auf welche wir onten werden 
nfther zu sprechen kommen, antrat, glanbte aucb er fest an die 
Existenz eines solchen Flussea, nnd die Ho£fiinng, dass es ibm vor- 
bebalten seine diirfte, denselben zuerst zu erreicben und das Land, durcb 
welcbes er laufe, zu bescbreiben, stacbelte seinen Eifer nicbt wenig 
an. Aber eine solcbo willkommene Entdeckung sollte ibm nicht za 
Tbeil werden, denn der Inland -Flnss erwies slob eben so sehr als 
Illusion, wie der grosse Inland-See. 

Bevor wir nun an die Erz&hlung der Forscbungsreisen in 
Australien wHbrend der letzten drei Jabre geben, wollen wir noch 
eine Bemerkung Torausscbick^n. Australiscbe Reisebescbreibnngen 
tragen immer einen sebr monotonen Charakter an sicb, ganz abge* 
seben davon, dass man sicb dabei in seinen Erwartangen und HofP- 
nungen meist arg get&uscbt findet* Die pbjsisobe Gestalt des Con- 
tinents entbebrt g&izlicb jener reicben, mannigfaltigen Abwecbselung, 
wie sie uns in anderen Continenten entgegen tritt« Die Flora tmd 
Fauna in jedem neuen Districte sind grOsstentheils nnr Wieder- 
bolungen von dem, was wir scbon anderswo gefundien, und jene 
Forscber, welcbe in bisber unbesucbte Gegenden eindrangen, sind 
selten in der Lage, den Bericbt ihrer Beise dureb Aufzftblen hervor- 
ragender Entdeckungen und aufTlilliger , Abenieuer zu wfirzen und 
anziebend zu maehen. Die TagebQcber jener braven Mfinner^ 
welcbe ibr Leben dafCLr einsetzten, um uns die Mysterien von Central** 
und Nord -Australien verkQnden zu kOnnen, sind daher, um^nns 
eines engliscben Ausdrucks zu bedienen, ^very tame affairs^. Die 
Yorgftnge des einen Tages gleicben denen des and^m, und wenn- 
gleicb wir der edlen Ausdauer und dem staunenswerthen Heroismus 
dieser Beisenden unsere voile Anerkennung zollen, so fehlt es doch 
immer an jedem dramatiscben Eindrucke. 

In Adelaide, der Hauptstadt der Colonic Sad-Australien, leben 
zwei Englfinder, welcbe mit Gliicksgtltem QberreicbHch gesegnet 
sind, denen es aber dabei Bedtlrfniss ist, fOr patriotische Zwecke 
Opfer zu bringen. Es sind dies der Honorable Mr* Thomas Elder, 
Mitglied des Oberbauses des sUdaustraliscben Parlaments, Gross- 
kauCmann, Squatter und Min(>nbesitzer, und Capitain W. W« Hughes, 



Die nenesten Entdeckangsreisen in Aostralien. 337 

Squatter und Inbaber ergiebiger Eapferbergwerke« Diese beiden 
Herren rQsteten anf ibre Kosten eine Expedition ans, welcbe die 
Erforscbang der unbekannten westlicben Lftnderstrecken Anstraliens 
bezweckte. 

Der Oberst Peter Egerton Warburton, seit 1853 in der Colo- 
nie Stid-Aastralien ansftssig, ist uns ein alter lieber Bekannter. Wir 
kennen ibn scbon au8 seinen frQberen wicbtigen Reisen ins Innere 
Anstraliens. Diesem verdienstvollen alten Herm warde die Leitung 
der Expedition tkbertragen, und in bessere H&nde konnte sie aucb 
nicbt fallen. Die AusrAgtung war in jeder Beziebung eine vorzQg- 
licbe. Die beiden Patrone des TJnternehmens gewfibrten AUes mit 
▼ollen Hftnden. Warburton wurde von seinem im Busb-Leben wobl 
erfabrenen Sohne Ricbard, ferner von J. W. Lewis und Denis White 
und endlich von zwei Afghanen, mit Namen Haleen und Siley, und 
einem scbwarzen Knaben, welcber einem am Peake R« wobnbaften 
Stamme der Eingeborenen angebOrte und den man Charley hiess, 
beglettet. Man batte siebzebn Kameele und war auf sechs Monate 
gut verpro^dantirt. Nocb in letzter Stunde entscbloss sicb Warburton 
die neunzebn Pferde, welcbe er ebenfalls batte mit sicb nebmen 
woUen, zurilckzulaBsen« Pferde zeigen immer eine grosse Furcbt 
vor Kameelen und arbeiten schwer mit diesen recht zusammen. Da- 
gegen sind Kameele unabhangiger vom Wasser, sind ausdauemder, 
unterliegen weniger den scbAdlicben Einfltissen giftiger Pflanzen, 
wie sie im australiscben Bush hftufig vorkommen, und schrecken 
endlich feindlicb gesinnte Eingeborne vom Angriffe zuriick. Es 
mag bier beil&ufig erwabnt werden, dass Mr. Thomas Elder auf 
seiner grossen Schafstation Beltana, 355 Miles nOrdlicb von Ade- 
laide, gegen sechshundert Kameele besitzt, welcbe zwischen Beltana 
und Port Augusta, wo es nocb an guten Strassen fehlt, als Last- 
tbiere verwendet werden, namentlich aucb fiir den Transport der 
Wolle. 

Es war bestimmt, dass die Reise von Alice Springs, einer 
1036 Miles nordlich von Adelaide und 937 Miles stidlich von Port 
Darwin gelegenen Station am Ueberlandtelegrapben ausgehen sollte. 
Warhurton traf bier zwar scbon um die Mitte December 1872 ein, 
allein er verschob den Aufbrucb ins westliche Innere bis zum f&nf- 
zebnten April 1873. Telegrapbenbeamte in Alice Springs batten 
ibn nfimlich gewarnt, vor Beendigung des tropischen Sommerregens 
die Reise anzutreten , weil sonst die Kameele den nocb stark er- 
weichten Bo den nicbt passiren kOnnten. Aufi^lligerweise machte aber 
diese Saison eine seltene Ausnabme und es fiel gar wenig Regen. 

Der Reiseplan war folgender. Der Oberst woUte von Alice 
Springs aus seine Route in mOglicbst gerader Linie auf Mount Gould 
richten. Dies ist ein in 25® 42' S. Br. und 117® 32' O. L. v. Gr, 

Zeitsohi. d. Gesellsch. t Erdk. Bd. X. 21 



338 Henry Greffrath: 

gelegener Berg in der Colooie Weat^Australien, bis wbhin, von der 
westlichen Meereskilste ab, zur Zeit die geograpfaische Bekaniitschaft 
mit dem Innern reichte. . Yon hier ab woUte er dem Flussbette des 
Murchison B., dessen Quellen John Forrest, wie wir weiter nnter 
sehen werden, sp&ter entdeckte, nacbgehen und zwar herab bis zu den 
Geraldine Bleiwerken^ und sich dann weiter nacfa Geraldtoa, dem 
Hauptorte des Champion - Bay - Districtes, nnd ondlich nach der 
266 Miles sadlich davon gelegenen Hauptstadt der €olonie West- 
Austraiien, Perth, begeben. Sofern sich die Oesellschaft noch in 
der fahigen Lage befinden sollte, wollte Warbarton von Perth aus 
— aber in mehr sQdlicher Richtnng — abermals Qber Land dnrch 
den Westen naeh Adelaide zurtickkehren. FUr den Fall, dass sich 
dieser Reiseroate uniiberwindliche Hindemisae in den Weg steUten, 
beabsichtigte der Oberst eine ndrdlichere Bichtung nach dem Oako- 
ver R. za, in 20*^ 40' S. Br. und 120" 40' O. L. v. Gr^ einau- 
schlagen, in desaen Nlihe westaustraliscbe Squatters angesiedeh sind. 

Im Norden der Mac Donnell Ranges, welche aus parallel 
laufenden H5henzQgen mit lieblichen Thalschluchten' bestehen, {and 
man zunftchst gutes Land, welche» sich fUr Weidezwecke schon vor- 
theilhaft verwerthen liesse. Als man aber dieses Gebirgo passirt 
hatte, wurde der Boden immer ftrmlicher, immer schleehter. Es 
traten die so gefarchteten SandhQgel mit Spinifex- {festuca irritans) 
Bestand auf, welche die Kameele ausserordentlich ermlideten, so 
dass vier derselben in der Nahe von Mpunt Wedge davon liefen, 
ohne dass man im Stande war ihrer wieder habbaft zn werden. 
Eines dieser entwischten Thiere wurde Ende Juni am Wanguanua 
Creek von dortigen Squatters eingefangen. Man musste sich also 
von jetzt ab mit dreizehn Kameelen begntigen. Damach drang man 
muthig vor so lange es mOglich war. AUein der Muth ward zuletzt 
denn do eh gebrochen, denn je weiter man nach Stiden vorriickte, desto 
trostloser und unpassirbarer erwies sich das Terrain, dasselbe war 
liber alle Beschreibung schlecht. Da half kein Muth, da nutzte 
der eiserne Wille unseres Warburton wenig. Er musste, zu seinem 
grossen Leidwesen die sudliche Richtung verlassen und die vorer- 
wahnte nordliche einscblagen. 

Aber auch hier ward es kaum besser. Leiden und Beschwerden 
drKngten sich. Yon den Mac Donnell Ranges bis zu der frucht- 
baren Gegend am Oakover R. traf man nii^gends eine grossere oder auch 
nur kleine Strecke Land, welche Zeichen der Fruchtbarkeit r an sich 
trug. Selbstverstandlich fehlte es dabei an offenem Wasser. Man 
grub wohl an funfzig Brunnen und nur aus einem derselben liess 
sich Wasser gewinnen. Hfttte man nicht den sohwarzen Knaben 
Charley bei sich gehabt, der, wie ein geschickter Spiirhund, ,Brun- 
uen der Eingeborenen aufzufinden wusste , so wftre die Gesellschaft 



Die neuesten fintdeckungsreiseu in Australien* 339 

unrettbar verloren gevesen* Warburton stelit diesem Enaben das 
riibmendste Zeugniss aus. — Man darf aber, am dies bier einza- 
scbalten, auf solcbe Brunnen und WasserMcher der Eiogeborenen 
nicht aUzuviel Gewicbt legen. Der aastralische Wilde wascbt sich 
nicbt and kocbt auch nlcbt mit Wasser; er braacbt es bios zum 
Trinken. Dafaer reicht ein Felsenlocb mit dreissig oder fittafzig 
Gallonen Wasser aaf langere Zeit fiir eine Anzabl Eingeborener bin, 
wahrend europaische Reisende mit Kameelen and Pferden kaam fiir 
ein Mai daran genag haben* Aacb pflegen die Eingeborenen ein 
solcbes Locb noch sorgsam zu verdecken, damit keine Yerdonstong 
stattfinde. 

Von Naturscb6nheiten fand man aaf dem ganzen langen Wege, 
wenn man mit Mount Wedge eine Aasnahroe macbt, keine Spur. 
Hier freilicb fiel man in zwei reizende Tbalscblacbten ein, welcbe 
Warbarton nacb d^a Namen seiner beiden Patrone taufte. Sdnst 
ftberall die traarigste Monotonie: Sandwellen, Stacbelschweingras 
(spinifea)^ dOrr and obne jeden Nabrangsstoff and vom Yieb nicbt 
gefressen; and nur bier and da Spuren von Yegetation, welcbe an- 
zadenten scbienen, dass docb za Zeiten etwas Regen falle. Es war 
in der Tbat eine Conseqaenz des Elends in alien Bichtongen and 
in alien Yerb&ltnissen. Die Kameele fingen an Scbwacbe zu zeigen, 
warden krenzlabm und steif. Man musste, der angebearen Hitze 
wegen, meistens zar Nacbtzeit reisen, and da war es wieder scbwie- 
rig, Wasser aafzafinden. Die Notb stieg einmal aof's Hocbste, das 
Leben der ganzen Caravane stand aaf dem Spiele. Da rettete 
wieder Charley. Er batte sich auf mebrere Miles von seinen Reise- 
gefabrten entfernt und batte Eingeborene angetroffen, die ibn freundlich 
aufnahmen and ihm einen Brunnen mit hinrdchendem Wasser zeigten« 

Aber nicht selten irrt der Mensch, wenn er meint, das voile 
Maass des Eiends babe ibn schon befallen* Dies erfabren aach 
unsere armen Reisenden, Die Kette ihrer Leiden war noch nicht 
geschlossen. Mit Schrecken nahm man wahr — za einer Zeit, wo 
man noch weit vom Ziele der Reise entfernt war, — dass die auf 
nur sechs Monate bemessenen Lebensmittel auf die Neige gingen* 
Da blieb nur ein Ausweg: man musste ein Kameel nach dem 
andem abschlachten und sich ausserdem damit begntigen, was Char- 
lej mit seinem Waddy (einer bOlzernen Wurfwaffe der Eingeborenen) 
gelegentlich an Eidechsen, Ratten und anderem sonst in den Kiichen 
onbekanntem Wildpret erlegte. Um bei so geschwftchtem Zustande 
der Reisenden wie der Kameele das Fortkommen zu erleichtem 
and den Oakover R. zu erreichen, musste alles Gepack, und leider 
auch die Sammlungen, auf dem Wege zurQckgelassen werden. Jedes 
noch so kleine Gewicbt beschwerte. Nur die entworfenen Karten 
und das Tagobuch wurden gerettet. 

21* 



840 Henry Oreffrath: 

In dieser jammervoUen Lage traf man endlich am zw5l£teii 
December 1873 am Oakover R. ein, Der in Jahren schon vorge*- 
riickte Oberst insbesondere war sehr leidend tind in der letzten 
Zeit niebt mebr im Stande gewesen, sicbT auf dem Kameele anfrecht 
zn erhahen, bo dass man ibn darauf hatte feetbinden miissen. Man 
besass nor noch drei Kameele, von denen aber wieder eines, welches 
Qberdies dem Verenden nabe war, abgeschlacbtet werden musste. 

Der Oakover R. ist ein Nebenfloss des De Grey R., an wel- 
cbem Flusse die westaastraliscben Squatters Grant, Harper and 
Anderson, wie dem Obersten bekannt war, Scbafherden weideten. 
Die Entfemung von Ah'ce Springs bis zam De Grey R. betr%t in 
der Luftlinie tausend Miles, und davon gebGrten acbt hundert und 
fUn&ag Miles - einer bisher unerforscbten Gegend an. 

Mr. J. W. Lewis and ein Afghane wurden nun auf den letzten 
beiden Kameelen nacb den Weidepl&tzen vorgenannter HeiTn abge- 
scbickt. Diese Gegend lag aber — viel weiter als man erwartet 
batte — Ittder nocb gegen 170 Miles entfemt. Man fand sie 
gllicklidierweise*' auf und erhielt Hitlfe and Beistand gem und 
reichlich. Nacb einer Abwesenheit von sechzehn Tagen — eine 
lange Zeit des Wartens fQr die armen ZarAckgebliebenen, welcbe 
in den letzten ftinf Tagen nicbts weiter genossen batten, als ein 
StQckchen getrockneten Kameelfleiscbes — trafen Lewis und der 
Afgbane wieder im Lager ein, mit Pferden, Lebensmitteln und was 
Bonst n6tbig war, voUauf verseben. Die Gesellscbaft war gerettet! 

Am 11. Januar 1874 langte die ganze Caravane auf der Scbaf- 
station an und fand bei den Besitzern die liebenswQrdigste , sorg- 
samste Aufnabme von der Welt. Nacb kurzem Aufentbalte begab 
man sicb dann nacb Roeburne , einem Stftdtchen an der durch ihre 
Ferlfiscbereien bekannten Nicol Bay und zw5lf hundert Miles in ge- 
rader Richtung nordlich von Perth gelegen« Yon bier ab waren 
die Reisenden die permanenten GSste der Regierung der Colonie 
West - Australien und wurden (Iberall mit grosster Auszeichnung 
empfangen. Die Weiterreise ging, auf dem Seewege, zunfichst nacb 
Freemantle, von da nach der Hauptstadt Perth und dann nacb 
Albany, King George's Sound, wo bekanntlich die europftischen Post- 
dampfer anlegen. Die ursprtinglicbe Absicht des Obersten Warbur- 
ton, von Perth aus, in sUdlicberer Richtung, iiber Land durch den 
Westen nach Adelaide zudickzukebren , musste natiirlich jetzt, wo 
man keine Kameele mebr hatte, aufgegeben werden. Ueberdies 
waren die Reisenden durch die unsftglichen Leiden so mitgenommen, 
dass sie eine zweite und wahrscheinlich nicht minder geflihrliche 
Reise nicht sofort wieder unternehmen konnten. 

Am I.April 1874 kehrte War burton mit seinem Sohne Richard 
und dem Knaben Charley auf dem Postdampfer Baroda nach Ade- 




Die neuesten Entdeokungsreisen in Anstralien. 341 

zuriickf wo er am fOnften desselben Monats eintraf» Die 

a Mitglieder der Expedition folgten auf dem nachsten Segel- 

nach. Am 9. April wnrde der Oberst mit seinen Gef&hrten 

inem in Adelaide abgefaaltenen und zahlreicb besucbten Fest<* 

in gl&nzendster nnd scbmeichelbaftester Weise gefeiert* Das 

stralische Parlament hat ibm einen Ehrensold von 1000 £ be^ 

t nnd seinen Eeisegeflihrten halb bo viel. Die K6niglicbe 

rraphische Gesellscbaft in London bat ibm die goldene Victoria- 

'aille verliehen. — Der bocbbetagte Oberst bescbloss nach dieser 

er wobl letzten Forschungsreise seinem Vaterlande England nach 

"jftbriger Abwesenheit einen letzten Besuch zn macben. £r traf 

October 1874 in London ein, wo er am 10. November vor der 

val Greographical Society einen lAngem Vortrag iiber seine grosse 

ise hielt. Wir verweisen znm Scblusse auf die recbt gelnngene 

lotograpbie Warbarton's in der Leipziger Illustrirten Zeitung Nr* 

»24 vom 15. August 1874. Der Einsender dieses Artikels kennt 

m Obersten nicht nur pers^nlich, sondern hat aacb die Ehre, ibn 

dter seinen Freunden zu zftblen. 

Hat diese Warburton -Expedition ancb keinen Erfolg in Ent- 
.eckung fruchtbarer Lftnderstrecken gehabt, so verringert sicb da- 
aurcb doch in keiner Weise das hohe Verdienst der Eeisenden, 
.velche ihr Leben daran gewagt baben, iinsere geographische Kennt- 
nisB fiber diese uns bisher vOllig nnbekaonten Gegenden zu erweitem. 
Die Warburton- Expedition sollte anfHnglich ein Untemebmen auf 
Kosten der sQdanstralischen Regierung sein, nar dass Mr. Thomas 
Elder die Lieferung der Kameele und die Bedienung derselben anf 
sich nehmen woUte. Man liess aber dies Project wieder fallen und 
bescbloss, zwei getrennte Gesellschaften auszuschicken. Die eine, 
unter Warburton gestellt, rtlsteten, wie uns nun bekannt ist, Afr. 
Thomas Elder und Capitain W. W. Hughes aus, die andere da- 
gegen die sQdaustralische Eegierung. Beide batten denselben Zweck, 
d. i. die Erforschung des unbekannten Westens von Australien, nur 
sollte Warburton eine mittlere Ricbtung elnscblagen, und Gosse, der 
Leiter der zweiten Reisegesellschaft, sich mebr nach SUden zu halten. 
Damit kommen wir auf die 

Gosse-Exp edition. Zum FOhrer wurde der Begierungs- 
feldmesser W. C. Gosse in Adelaide, ein Sohn des dortigen bertkhm- 
ten Arztes Dr« Gosse, emannt, welcher zwar bis dahin sich noch 
nicht als selbstst&idiger Forscher versucht, immerhin aber auf seinen 
hftufigen Berufsreisen grosse Erfahrung im australischen Bush-Leben 
g^ ^e. Es begleiteten ihn, ausser seinem Bruder Henry, 

E. Berry, die beiden Leute Nilen und Winnal und 
welche die Kameele, die der Honorable Mr. 
a liberalster Weise zur freien Disposition 



842 Henry Greffrath: 

hatte, b'edionen soUten. Man fiibrte auch eine Anzahl Pferde mit 
sicb , die sich aber Bcblecbt bew&brteo* Die AnBriistang, vollstilndig 
bis ins Kleinste, reicbte auf em voiles Jabr aus. 

Gosse trat am 21. April 1873, ebenfalls von Alice Springs 
ans, die Beise in der Ricbtung auf die Reynolds Ranges, welche 
nacb Nordwest zu laufen, an. Hier war ein Weiterkommen vorlftnfig 
nnm6glicb. Alle Versacbe, in westlicber und sQdwestlicber Ricbtung 
sich Babn zu brecben, blieben erfolgios, und Gosse musste sicb 
mebrere Miles wieder zuriickzieben. Dann erst gelang es ibm, auf 
nngefabr dreissig Miles nacb Siidwest vorzngeben. Hier stiess er 
auf den von Ernest Giles anf seiner frttberen ersten Reise entdeckten 
Lake Amadeus, ilber welcben dieser Forscber mit seinen Pferdeu 
niebt batte binwegkommen kOnnen, und passirte ibn. Gosse zog in 
fast siidlicber Ricbtung bundert und dreissig Miles weiter und kam 
dabei in 25^ 21' 8. Br. und 131^ 14' O. L. v. Gr. auf einen Fels- 
block von ungebeurem Umfange. Dieser aus einer soliden Masse 
bestebende Koloss batte eine L&nge von zwei Miles und eine Breite 
von einer Mile und war elfhundert Fuss bocb. Aus seiner Mitte 
floss wnnderbarer Weise von oben berab eine Quelle. Gosse taufte 
dieses aufif&llige Naturwnnder ^Ayres Rock**) zu Ehren des Hono* 
rable Sir Henry Ayres in Adelaide. 

Unser Reisender konnte von bieraus zwei bobe GebirgszOge 
liberscbanen, von denen der eine, welcber nacb SQdost stricb, nacb 
dem jetzigen Gouvemeur der Colonie SOd- AustraHen , Mr. Antbony 
Musgrave, den Namen Mnsgrave Ranges erbielt, w^rend der andere 
nacb Sad und SQdwest lief und nacb dem damaligen, aber jetzt ab* 
getretenen Attorney General, Mr. Gbarles Mann, Mann Ranges 
benannt wurde. In diesem letzteren Gebirge fand Gosse eine vor- 
zQglicbe Gegend. Der Boden war reicblicb begrast und an Wasser 
feblte es keineswegs. Aber die Herrlicbkeit dauerte leider nicbt lange; 
die SandbGgel mit dem verwiinscbten Stacbelscbweingras steliten 
sicb bald wieder ein, und zwar in so scblimmer Weise, dass das 
Fortkommen fast zur Unmoglicbkeit wurde." Aucb Wasser fing an 
gSnzlicb zu feblen, und das zu einer Zeit, wo der Hocbsommer seine 
Glutbstrablen auf die Reisenden und die Thiere — die Pferde konnten 
voc Ermattung nicbt weiter — erbarmungslos berabsandte. Gosse 
musste sicb ungern znr Umkebr entscbliessen. Der entfernteste 
westlicbe Punkt, welcben er erroicbte, lag in 26^ 32' S. Br. und 
126^ 59' O. L. V. Gr., also nnr erst zwei Grade auf westaustraliscbem 
Gebiete. Man batte, ohne die Windungen und Kriimmungen in 
Recbnung zu zieben, ungefilbr secbsbundert Miles zurQckgelegt. Die 
Reisegesellscbaft traf am 20. December 1873 wieder bei der Station 
Cbarlotte Watejrs am Ueberlandtelegrapben, 804 Miles nOrdlicb von 
Adelaide, dn und am 28. Januar 1874 in Adelaide selbst. Die 



Die neuesten Entdeckungsreisen in Anstralien. 343 

Kameele mit ihren FUhrem waren in Fmnis Springs zurUckge- 
blieben. 

Die Warbnrton^sche Expedition war lange ansgeblieben. Die 
sedis Monate, auf «relcbe die Lebensmittel aasreicbten, waren l&ngBt 
verBtrioben und nocb immer traf keine Knnde ein. Man warde all- 
gemein besorgt, zomal da der anderweit bekannte Andrew Hume 
— er woUte den Schwager und das Tagebucb von Leicbardt unter 
den Eingeborenen aufgefunden baben — die LOge verbreitete, er 
babe im fernen Nordwesten eine Anzahl Kameele, welcber der War- 
burton Expedition angebOrt batten, in der Wildniss angetroffen* Da 
bescbloss Mr. Tbomas Elder, schleunigst eine leicbt eqaipirte 6e- 
sellscbaft aaszurtisten und dem Oberst Warburton nacbzuscbicken, 
Zum Fiibrer ernannte er einen Miuin, der allgemein als ein ganz 
voraQglicber Basbmaii gait. £s war dies John Koss, welcber seit 
Jabren auf den grossen Viebstationen des Thomas Elder angestellt 
war und der. von da ans scbon so manche vortheihafte kleine Aus- 
£tige in die unbekannten Umgebungen gemacht hatte. Ross war 
mit der AusrUstung fertig und stand auf dem Pnnkte abzureisen, 
als am 16. Februar 1874 mit dem Fostdampfer Baroda die Nacb- 
ricbt von West-AustraUen eintraf, dass Warburton endlicb am Oako- 
ver B. angelangt sei. Damit war selbstverst&ndlich die Reise des 
John. Ross unn5thig geworden* 

Wir wissen, dass Warburton den Auftrag batte, seine Ricbtung 
womoglicb auf Perth zu nebmeu, dagegen war er aus bekannten 
GrQnden am Oakover R., also elf Breitegrade nOrdlicber, angekom- 
men. Die eigentliche Aufgabe seiner Reise war also nicht geldst. 
Tbomas Elder entscbloss sicb kurz. Scbon am nlicbsten Tage, am 
17« Februar, fragte er telegraphisch bei Ross an, ob er geneigt 
aei, eine Forscbungsreise durcb den Westen in gerader Linie auf 
Perth anszufQbren. Die Aoitwort lautete bejabend. Damit kommen 
wir auf die 

Ross-Expedition, deren s&mmtliche Kosten wieder von 
Tbomas Elder getragen wurden. Ross ward, ausser von seinem Sohne 
AJick, von A. Smith, drei Afgbanen und einem Eingeborenen, von 
Strangways Springs am Ueberland-Telegraphen, begleitet. Man be- 
sass zwOlf Pferde und sechszebn Kameele, und die AusrQstang begriff 
Alles, was Ross verlangt hatte, reichlicb und gut. 

Die Reise nabm am 20. Marz 1874 vom Peake Flusse aus 
am Ueberland-Telegraphen, sechshundert und sechsunddreissig Miles 
ndrdlich von Adelaide, ihren Anfang. Yon Emma Creek, scbon 
ziemlicb westlicb vom Peake R., erhielt Thomas Elder folgendes 
vom 24. April datirtes Schreiben: »Ich babe viel Zeit verloren« 
Ich fand za grosse Schwierigkeiten im Fortkommen, so dass ich 
jetzt fOrcbte, meine Vorr&tbe werden nicht mebr far uns Alle bis 



844 Henry Greffrath: 

Perth ausreicben. Dies veranlasst mich, A. Smith, zwei Afghanen 
imd den Eingeborenen mit zwOlf Kameelen und zwei Pferden zurtick- 
zascbicken. Es werden mich also nur mein Sobn und der Afghane 
Kamran begleiten, und wir nehmen zebn Pferde*und yier Kameele, 
mit Lebens'mitteln auf acht Monate, mit una* Icb versuchte von 
meinem Lagerplatze in 27® 58' 18" S. Br. und 133® 48' O. L. v. Gp. 
aus eine slidlicbe Richtung mit steter Anlebnung nach Westen, so 
yiel es nur das dichte Mulga Scrub (Akazien-Dickicht) gestattete, 
allein es war nicht moglich, vorzudringen. Ich wiederholte diese 
Versuche immer von Neuem, bis ich zuletzt in die Nfthe von Gosse'a 
Route, den Alberga herunter kam. Wasser ist «ine Seltenheit und 
dabei no eh sehr schwer aufzufinden. Regen von irgend welefaer 
Bedeutung muss lange nicht gefallen sein. Ich babe indess den 
Muth und die Hoffnung keineswegs verloren und werde AUes auf* 
bieten, den Zweck meiner Reise auszufQhren.^ 

John Ross/ 

Diese Nachricht lautete zwar wenig ermuthigend, doch dachte 
sich wohl Niemand, dass Mr. Thomas Elder schon am 8. August 
von John Ross folgende telegr aphis che Depesche von der Station 
Beltana aus erhalten wiirde: „Wir sind gestem Abend hier wieder 
eingetrofiPen. Das in den Gegenden, welche ich zu bereisen hatte, 
iiberall fehlende Wasser hat meine RQckkehr nothwendig gemacht. Wir 
waren verschiedene Male vier und funf Tage ohne einen Tropfen 
Wasser. Die gewaltige Ausdehnung des Mulga -Dickichts und das 
viele todte Unterholz verhinderten uns nach Wasser zu suchen. Der 
entfernteste Punkt, welchen wir erreichten, liegt in 30® 25' S. Br* 
und 131® 56' 0. L. v. Gr. — also fast noch drei Breitegrade auf 
siidaustralischem Gebiete. — Eingeborene hah en wir wenig gesehen 
und die wir saheti, hielten keinen Stand, sondern liefen scheu davon« 
Die Gegenden, durch welche wir kamen, trugen folgenden Charakter: 
hohes, offenes, wellenfdrmiges Tafelland, dichtes Mulga -Gestriipp, 
ofiPener gut begraster Wald, offene wellenfSrmige Ebenen mit gutem 
Graswuchs und Sandhflgel von m^siger Ausdehnung/ 

Auf die gleichmfissige Anfrage, was er, Ross, jetzt zu thun 
babe, telegraphirte Mr. Elder zurtick, dass die Expedition sich so- 
fort aufzulosen babe. Ross war also nur hundert und vierzig Miles 
nach Westen zu vorgedrungen und hatte sich dabei der HOhe der 
grossen australiscben Bucht bis auf ungefahr ftinf und sechszig 
Miles gen&bert. Wir werden weiter unten sehen, dass es dem aus- 
gezeichneten Forscber Ernest Giles spftter allerdings gelang, die 
Mulga-Scrab-Wi\ste, welche Ross zur Umkehr zwang, zu passiren. 

Wir wollen jetzt die Einzelheiten der Reise, nach dem Tage- 
buche des John Ross, erz&hlen. Wie trocken auch die LectQre 
sein mag, ohne hervorragende Momente, welche unser besonderes 



Die neuesten Entdeokungsreisen in Australien. $45 

InteresBe waebrafeD) so lehrt sie huh doch in eclatanter Weise, mit 

welchen unendliehen Mfiben, Strapazen, Entbebrungen und Gefabren 

eiiie Reise in den unbekannten austrah'scben Basb verbunden ist. 

^Am 17. Februar 1874^, erz&blt Boss, ^warde icb telegrapbiscb 

benacbricbtigt , dass Warbnrton in West-Australien eingetroffen sei. 

Icb ubernabm es nnn, eine Forscbungsreise durcb den Westen, in 

der RicbtQDg anf Fertb, auszufUbren. Icb bildete am Neales B* in 

27^ 47' S. Br. bis znm 17. M&rz vorlaufig ein Lager, tbeils urn 

weitere Yorratbe von Beltana aus abzuwarten, tbeils um Fleiscb far 

die Beise za trocknen. Wfibrend dieser Zeit macbte icb Exenrsionen 

westlicb vom Neales B. nnd Hberzeugte micb dabei von der Frost- 

losigkeit dieser Gegend. Es warde mir bald klar, dass es am ge- 

ratbensten sei, zunftcbst dem Peake B. zn folgen* Darin bestiirkten 

mich die Aussagen eines intelligenten Eingeborenen am Neales B, 

Dieser versicberte mir, dass in einem sQdlicben Nebenflasse des 

Peake, welcben der Beisende Babbage den Lora Creek benannt bat, 

reichlicb Wasser ezlstire and dass icb, nicbt weit davon, auf grosse 

Gunamibftame und mebrere Quellen, and dann auf eine sandbtigelige 

Gegend, aber gut bewftssert, stossen werde. Icb bescbloss also, eine 

mittlere Bichtang, d. i. zwiscben der Gosse-Boute im Nordwesten 

and der von Byre und Forrest an der Meereskdste, einzuscblagen. 

Bevor icb den Neales B. verliess, stellte sicb leider beraus, 
dasB die letzte Sendung Bindfleiscb vom Peake, in Folge der grossen 
Hitze, ungeniessbar geworden war. Icb musste also friscbes kommen 
lassen, und wfibrend dieser Zeit verlegte icb mein Lager nacb Co« 
tanaranna, wie ein grosses Wasserloch am Lora Creek beisst, secbs 
und dreissig Miles von Mount Kingston, wo es vortrefflicbes Futter 
fEir meine Pferde und Kameele gab. Wir verweilten bier vom 19. 
bis zum 27. Mlirz, und icb bin ilberzeugt, dass die Gegend am 
Peake und am Lora bald ein wicbtiger Weidedistrict werden wird. 

Als wir nun Alle zusammen waren, verlieseen wir am 27. Mfirz 
Co tanaranna, um den Lora Creek bis zu seinem Ursprunge zu ver- 
folgen. Wir passirten dabei zwei Gebirge, nacb SUdost und nacb 
Nordwest streicbend und ftlnf und zwanzig Miles von einander ent- 
fernt. Dazwiscben breitete sicb eine offene wellenfSrmige Ebene 
ans , gut begrast und mit einigen trockenen Creeks, welcbe mit 
Gummi- und Mulga-Bftnmen besetzt waren. Bis wir das Ende des Lora 
erreicbt batten, fanden wir Qberbaupt guten Graswucbs vor, und 
Kftngurub und anderes Wild waren in Menge vorbanden. Einge- 
borene zeigten sicb nirgends, und eben so wenig entdeckten wir 
Stellen mit permanentem Wasser. Jefzt aber stiesscn wir auf dicbtes 
Mulga-Scrub, in welches wir uns vergeblicb einzudringen bemfibten. 

Wir verlegten unser Lager an den Nordarm des Peake, nnd 
zwar an ein kleines Wasser, welcbes icb in einem der einmttndenden 



346 Henry Greffrath: 

Creeks entdeckte nnd das wohl anf acbt Tage ftir uns ausreichte. 
Ich versuchte von Siidost naeh Nordwest vorzascbreiten, allmn das 
diehte, undurchdriogliche Scrub, wo Wasser gftnzlich fefalte, erlaabte 
es nicht. Um zu verhHten, dass wir zum Lora Creek and za 
unserm letzten Wasserplatze zoriickkehrten, bot icb Alles anf, in das 
Scrub einzndringen ; allein je welter wir kamen, desto dicbter wurde es 
und alle uneere Anstreogung war vergebliche MUhe. 

Ich und ein Afgbane mit zwei Kameelen recognoscirten nun 
und trafen dabei zwei Eingeborene an, welcbe uns ein wenig Wasaer 
in einem Felsen zeigten. A Is wir dann ins Scrub . wollten , suchten 
sie uns durcb allerlei wamende Zeicben versteben zu geben, dass 
wir von diesem Yorbaben ablassen sollten. Unsere Yersucbe, die 
wir immer wieder nacb verscbiedenen Ricbtungen bin emeoerten, 
ins Scrub zu gelangen, blieben denn auch erfolgk>s, und der Blick 
nacb Nordost, welcben wir von einer Hdbe aus gewannen, war 
wabrhaft abscbreckend. Daaucb die Kameele ermiideten, so mussten wir 
zum Lager zuruckkebren, wo das Wasser scbon fast verscbwunden war. 

Scbon am nftcbsten Tage wurden wieder zwei Partien ausge- 
scbickt, um nacb Wasser zu sucben. Aber erst am zweiten Tage fand 
man wenigstens so viel, um damit zwei Sacke zu flillen. In offener, 
gut begraster Gegend sab man zwar zabbreicbe KSngurubs und Emus, 
allein ,, water was tbe want and the mystery.^ 

Ich musste mich nunmehr doch entschliessen, nach unserm letzten 
Wasserplatz am Lora Creek zurtickzukebren. Zugleicb bielt ich es itir 
geratben, unsere Keisegesellschaft zu verringern* Ich entliess also 
A. Smith, zwei Afghanen und den Eingeborenen mit zwei Pferden 
und elf Kameelen, und schickte solcbe Oegenstftnde zuriick, die wir 
entbehren konnten* Es blieben bei mir mein Sohn Alick und der 
Afgbane Kamran, und wir batten zebn Pferde und fiinf Kameele, 
sowie Provision auf acbt Monate. Ich begab mich nun zun&cbst auf 
das westiich gelegene Gebirge zu. Nirgends fand ich Wasser, iiberall 
die grOsste Durre, und so blieb es auch am zweiten Tage, so dass 
ich nach Lora Creek zuriickkebren musste, wo ich nur noch wenige 
Zoll Wasser im Pfuble vorfand. Ich recognoscirte weiter und war 
die ersten beiden Tage obne Wasser* Am dritten traf ich zwei 
Eingeborene an, welcbe mich zu einem Wasser fubren wollten, 
welches aber, als wir hinkamen, ausgetrocknet war. Erst am fol- 
genden Tage zeigten sie mir einen andern Brunnen, in welchem 
sich ein wenig Wasser befand. Hier sab ich mehr denn zwanzig 
harmlose Eingeborene, die ein ganz erbarmliches Aussehen batten. 
Nachdem ich dann noch mehrere Tage lang vergeblich naeh Wasser 
umbergesucht, sah ich mich wieder gezwungen, zum Lager am Lora 
Creek umzukehren. Ich verlegte jetzt mein Lager fQnf und dreissig 
Miles weiter den Lora Creek hinunter zu einem dortigen kleinen 



Die nenesten Entdeckungsreisen in Aostralien. 347 

Wasser^ urn von da aus die westliche Richtung mOglich zn machen, 
allein ich wurde Qberall zuriickgetriebeii. Da beschloss Ich, mein 
Lager wieder in Cotaoaranna aufzaschlagen, nm von da aus soweit 
sQdIich zu gehen, als n^^thig war, am mOglicher Weise die westliche 
Wtiste zu umgehen." 

Wir glauben, dass es fQr una ere Leser geniigen wird, wenn 
wir den weiteren langen Bericbt im Tagebucbe nur im Ausznge miir 
theilen. 1st es doch immer nur derselbe rothe Faden, welcher sich 
durchziefat: kein Wasser, keine MOglicbkeit nach Westen vorzudringen, 
— freilich traurig genug fOr unsern unermUdlichen Boss, aber fiir 
femstehende Leser doch zu wenig anziebend noch sonst belebrend. 
Man zog also wieder nach Cotanaranna, um von da ab nach SQden 
vorzugehen. Man hatte dabei zunftchst eine offene, steinige Ebene, 
v(>Hig wasserlos und mit nur geringer Vegetation, zu passiren. Die 
Gegend wurde aber, so wie man vorriickte, besser, und man fiand 
auch gelegentlich ein wenig Wasser auf. Ein mit Gummibftumen 
besetzter Creek ward verfolgt, zu dessen beiden Seiten sich zwar 
offener, gut begraster Wald ausbreitete, der aber sonst trocken lag. 
Der Creek nahm hohe Ufer an und erweiterte sich bis auf hundert und 
nach und nach bis auf dreihundert Yards, blieb jedoch dabei immer 
trocken, bis er zuletzt in 29^ 45' S. Br. and 133® 60' 0. L. v. Gr. in 
einen Salzsee miindete« Derselbe hatte eine L&nge von neun Miles, 
war aber zur Zeit nur ein und eine halbe Mile lang und anschei- 
nend sehr tief. An seinen Ufern zog sich ein dichter Wald von 
hohen Theebftumen herum, im Uebrigen umgaben den See hohe 
Sandhtigel, sehr gut begrast und mit Akazien, Sandelholz und 
schwarzer Eiche beetanden, so dass also kein Abfluss vorhanden war. 
Unz&hlige SchwSne und Enten schwammen darauf. 

Ganz in der Nfthe des Creek, wo dieser in den See einfallt, 
befand sich ein grosser Teich, dessen Wasser gerade nicht sehr salzig 
war, indess doch von dea Pferden und Kameelen verschmflht wurde. 
Trinkbares Wasser fand man in einem Brunnen der Eingeborenen 
nicht weit da von. Tagelaug wurde nun wieder recognoscirt, um 
Wasser aufzufinden, allein ohne alien Erfolg, wenngleich man zum 
Theil sehr gut begraste Gegenden antraf. Man musste sich beeilen, 
den Lake Phillipson, wie Ross obigen See benannte, zu erreichen, 
denn die durstigen Fferde waren „mad for water^. In der folgen- 
den Nacht fiel endlich ein wenig Regen, und darauf bin brach man 
des Morgens mit dem Lager auf und zog fort, doch nur um gleichen 
Leiden entgegen zu gehen. Zwar wurde die Gegend. nach Westen 
zu offener, aber kein Tropfen Wasser zeigte sich, um weitere Vorreisen 
unternehmen zu konnen. Man entdeckte zuletzt einen Damm der Ein- 
geborenen mit wenig Wasser und schlug hier das Lager auf. 

Ross ging jetzt auf eine Excursion von fQnfzig Miles Lunge 



348 Henry Greffrath: 

nach SQden za, in ziemlich gerader Linie anf Fowler's Bay* Alle 
RichtuDgen warden dabei versucbt, aber immer scballte dasselbe 
Echo: kein Wasser; Er kam dabei, aofifUliger Weise, wieder auf 
ansgezeicbnete Gegenden mit schonBtem Graswachs. Letzterer konnte 
sich wohl nur bebaupten, weil zar Nacbizeit und am Morgen starker 
Nebel und Than fielen. Die vorkommenden Claypans, d. j. Ver- 
tiefungen im Tbonboden, TbonlOcber, sowie die Pfable und Salz- 
seen waren vollstftndig ausgetrocknet und Graben half aucb nichts. 
Die Pferde waren j&mmerlicb daran und wollten nicht mehr fressen. 
Boss musste zum Lager znriick* Alick und £[amran batten unter- 
dess den Damm der Eingeborenen erweitert und mit Zweigen be- 
deckt um das Verdunsten des Wassers za verbOten. Die durstigen 
Pferde konnten ihren brennenden Durst stillen. Man iiberzeugte 
sich am n&cbsten Morgen, dass das Wasser im Damm nur noch fiir 
drei Tage ausreicbte* Boss und Alick erneuerten mit frischen Pfer- 
den die Forscbungen, kebrten aber mit demselben traurigen Besultate 
zum Lager zurtick. Es war jetzt im Damm gerade nur noch Wasser 
genug, um drei Pferde damit zu versorgen. Da blieb nichts Anderes 
flbrig als aufzupacken und nach Lake Pbillipson zurQckzukebren. Man 
erreichte ibn in drei langen MSrscben, obne unterwegs irgend wel- 
ches Wasser anzutreffen. Der Brunnen der Eingeborenen daselbst 
musste aber erst erweitert und vertieft werden, bis man den Pferden 
Wasser geben konnte. Die Rameele waretf schon zwOlf Tage obne 
dasselbe gewesen. Alle weiteren Forscbungen von bier aus, namentlich 
aucb nach SOdost zu, batten denselben schlecbten Erfolg. Da fing 
das Wasser im Brunnen an salzig zu werden, der damit bereitete 
Thee konnte nicht mehr genossen werden. Man musste sich auf 
ein frQberes Lager No. 22 zurtickziehen, wo das Wasser aber eben- 
falls bis auf ein Geringes eingetrocknet war. „AlIe meine Hoff- 
nungen^, scbliesst Boss, „ waren jetzt zu Ende. Ich musste meine 
Beise anfgeben und nach Beltana zurQckkehren." 

Das war das klltgliche Besultat einer Expedition, welche unter 
der Ftihrung eines Mannes stand, wie Boss ist, von der man so 
grosse Dinge erwartet hatte. Wir glauben aber, der Meinung Anderer 
gegentiber, die Ansicht vertreten zu k5nnen, dass Boss seine voile 
Schnldigkeit getban hat, und nur den Unmoglichkeiten gegenOber, 
weiter vordringen zu konnen, zur Umkehr gezwungen war. 

Giles-Expeditionen. Ernest Giles trat seine erste Beise 
ebenfalls in den unbekannten Westen Australiens — er wollte die 
Quellen des Murcbison-Biver erreichen — mit seinem Freunde Car- 
michael und Alexander Bobinson am 23. August 1872 von Cham^ 
bers Pillar aus, in 24° 51' sUdl. Br. und 138M8' osth L. v. Gn, 
an. Es ist dies bek^ntlich eine von dem beriihmten Beisenden 
John Mc. Douall Stuart entdeckte merkwQrdige Sfiule. Aus der 



Die neuesten Entdeckungsreisen in Australien. 349 

Mitte 611168 angef&hr achtzig Fuss holien nnd aus weich6in W6i8S6n 
SaDd8t6ine beBtehenden Pi6de8tal8 steigt daa 8aalenf5rinig6 66bilde, 
6benfal]8 aus diesem Sand8tein6, der 8icb aber in den letzten dreissig 
Fuss rotb f&rbt, hundertandfdnfzig Fas8 empor. Stnart benannte 
di68 Naturwnnder nach seinem Freunde und 65nner John Chambers, 
welcber die Kosten seiner Beise bestritt. Die kleine Reieegesell- 
schafirdrang nur bis 24^ 32/ sUdl* Br. und 129® 38' Ostl. L. v. 6r., 
also noch nicht ganz bis an die westaustraliscbe Grenze, vor. Wir 
haben iiber diese interessante Reise bereils in Band VIII. 8. 95 
dieser Zeitschrift berichtet. Die wichtigsten Momente waren: 

1) Die Entdeckung eines mftchtigen Gebirges in 25® 30' sQdL 
Br. and 130® 58tl. L. v. Gr«, das eigentlich aus drei parallel von 
Osten nach Westen laufenden Ziigen besteht und auf dem sich ein 
boher Peak, den Giles „Mount Musgrave^ benannte, secbzebnhundert 
Fuss fiber seine Umgebung erhebt. Giles taufte dies Gebiige mit 
^Liebig Mountains*^. 

2) Die Entdeckung eines Salzsees von gewaltigem Umfange in 
24® 40' slidl. Br. und 130® Ostl. L. v. Gr., welcber ^Lake Amadeus" 
benannt wurde. Derselbe lag zur Zeit zwar trocken, war aber 
immer noch so morastig, dass er sich ohne grosse Gefahr fur die 
Pferde nicht passiren liess. 

Damit die Lebensmittel noch auf Ifingere Zeit hinreichten, 
wurde besohlossen, den Alexander Robinson zurQckzuschicken. Man 
wollte einen Creek aufsuchen, welcber in den Fincke-River miindete, 
und diesem h&tte Robinson dann nachzugehen. AUein da erklftrte 
plOtzlich Carmichael, dass er ebenfalls Willens sei umzukehren und 
liess sich durch nicbts von diesem seinen Beschlusse abbringen. 
Giles ward damit also gezwungen, seine Weiterreise aufzugeben, 
und die Gesellschaft traf am 18. November wieder bei Chambers 
Pillar ein. 

Giles trat seine zweite Entdeckung sreise in den unbe^ 
kannten Westen Australiens im August 1873 von der Station Peake 
aus am Ueberlandtelegraphen an. £s begleiteten ihn vier Weisse 
und er hatte fQnfuudzwanzig Pferde zu seiner VerfUgung« Die 
Mundvorrlithe waren auf ein Jahr bemessen. Die Kosten der Aus- 
rQstung wurdeu theils aus Sammlungen des Regierungsbotanikera 
Dr. Mliller in Melbourne bestritten, fheils von der siidaustralischen 
Regiernng iibernommen. Giles folgte zun&chst der Retseroute des 
W. 0. Gosse, bis er an die Stelle kam, wo dieser sein Hauptdepot 
hatte. Alle Versuche von hier aus nach Westen vorzudringen, 
blieben vergebliche Miihei und er schlug eine mehr nOrdliche Rich- 
tung ein. Hier entdeckte er ausgezeichnetes Land von ziemlichem 
Umfange, mit gutem Grasbestande und mit Wasser vollauf versehen. 
158 Miles von Gosse's Depot, nahe an der Grenze von SUd- und 



850 Henry Greffrath: 



# 



West* Anstralien , stiess er auf einen See, welcber frisches Wasser 
entbielt. Ebenen wechselten hier mit HOhen ab, von denen per- 
manente Quellen berabrieselten. 

Leider war aber auch dies wieder nur eine scbdae Landinsel, 
welcbe riogsum von Wusten der tratirigsten Art umschlossen wurde. 
Giles bot seine ganze Kraft auf, in diese einzudringen , und er er- 
reichte einen Punkt, der 100 Miles von seinem letzten WasserplatSe und 
120 Miles von Mount Mc. Kellar entfernt war. Das westlicbe Ende 
von Giles' Reise lag in 125^ Ostl. L. v. Gr. Von den fUnfundzwanzig 
Fferden, welcbe er im Anfange besass, waren niebt weniger als 
neun in den Wflsten umgekonimen, und mebr^e mussten nocb ge- 
Bcblacbtet werden. Auch ein Menscbenleben ging dabei bedauer- 
licber Weise zu Grunde: Giles war mit seinem Gef&hrten Gibson 
ausgezogen um zu recognosciren, und dabei crepirte das eine Pferd. 
Giles liess nun Gibson reiten, wlibrend er selbst dnrcb dichtes Stachel- 
schweingras, welches ihm bis an die Brust reichte, zurQckwanderte. 
Beide wollten sicb bei Mount Kellar zusammen finden, allein Gibson 
kam nicht wieder zum Vorschein. Die Expedition traf am 13. Jnli 
1874 bei der Station Charlotte Waters am Ueberlandtelegraphen, 800 
Miles nOrdlich von Adelaide, wieder ein. 

Die dritte Giles-Expedition. Von der grossen austral!- 
sehen Bucht aus, deren Kiistengegenden Squatters angefangen haben 
mit Vieh zu beweiden, reicht die geographische Kenntniss des Innem 
nach Norden zu nocb nicht weit. Dies veranlasste den uns schon 
bekannten Thomas Elder in Adelaide, in Yerbindung mit dem 
reichen Squatter Price Maurice, unseren Ernest Giles auf eine For- 
schungsreise in diese unbekannten Gegenden auszuschicken , deren 
sammtliche Kosten von beiden Herren getragen wurden. Er sollte 
namentlich einen grossen Block Land, welcher ungefkhr 100 Miles 
ndrdlich von der MeereskOste der Grossen Bucht seinen Anting 
nehme, nliher erforschen und sicb uberzeugen, ob dort gutes Weide« 
land ftir Viehbeerden existire. 

Giles verliess am 1. December 1874 Adelaide, um sicb zu- 
nfichst zu Schiff nach Port Lincoln, in 34^ 46' sudl. Bn und 
135^ 45' ostl. L* V. Gr., zu begeben, und von da fiber Land nach 
der grossen Yiehstation Bramfield in 30^ 14' sQdl. Br. und 134^ 
56' Ostl. L. V. Gr*, welcbe Eigenthum des obigen Price Maurice ist. 
Nachdem er bier seine AusrUstung voliendet, zog er weiter nach 
Port Fowler in Fowler's Bay, 32 <* siidl. Br. und 132 ** 24' Ostl. L. 
V. Gr. Yon hier aus trat er seine Beise, in Begleitung von zwei 
Geffihrten, mit drei Pferden und zwei Kamelen an. Es war ein 
Glilck, dass man Kamele hatte, denn sonst w&re die kleine Gesell- 
schaft wohl nicht mit dem Leben davon gekommen. In Fowler's 
Bay wurde der dort stationirte Polizist T. P. Richards fiir die 



Die neuesten Entdeckongsreisen in Australien. 851 

erBte Strecke beigegeben. Dieser kannte die*6egend nach Norden 
zu bis za dem 135 Miles nordnordwestlicb gelegenen Youldeb Sand- 
bill Water, nnd er sollte die Reisenden bis dabin begleiten. Dieser 
Ort dUrfte lo der N&he des Funktes liegen, wo Jobn Bobs, wie 
wir oben gesehen baben, in 30^ 25' sttdl. Br. und 131® 56' ostl. 
L. ▼• Gr., sich gezwnngen sab, seine Beise abznbrecben and nacb 
Beltana nmzakebrcn. In Youldeb gelang es dem Folizisten , welcber 
sicb nun wieder sacb Fowler^s Bay zurQck begab, den Reisenden 
einen jungen Eingeborenen, den man Jimmy hiess und der die 
Gegend auf einige £ntfemang nacb Osten zu kannte, als FObrer 
zu verscbaffen. 

Man bracb am 24. Mftrz auf und kam zunficbst nacb dem 
64 Miles davon in ostsQdostlicber Ricbtung gelegenen Pylebung. Es 
ist dies ein merkwtlrdiges Wasserreservoir, welcbes die Eingeborenen 
ans Tbonerde angefertigt imd mit einem fiinf Fuss boben Damm 
umgeben baben. Yon da ging es in derselben Ricbtung 30 Miles 
weiter. nacb Wbitegin, wie eln dortiges kleines Felsenlocb beisst, 
and dann. naeh dem yon den Eingeborenen so benanuten Wyhbring, 
einem Felsenlocbe in der Spalte eines Gi^anitfelsens , welcber gegen 
50 Fuss bocb ist und im Umfange zwei bis drei Acres Land be- 
misst. Youldeb, Pylebung, Wbitegin and Wynbring liegen in dem 
Dickicbt von diebtem Scrub, welcbes aus rotben Sandbttgeln mit 
mallee^ mulga, acacia, ffrevillea, casttarinaj kakea und' apinifex 
bestebt. Das todte Unterbolz lagerte so massenbaft, dass die Ka- 
mele nur mit ausserster Anstrengung fortkommen konnten. In Wyn* 
bring, welcbes von Youldeb 100 Miles entfemt ist and zehn Grade 
siidiistlicb davon liegt, yerliess Jimmy die Reisenden mit der Er- 
klftrung, dass darttber binaus die Welt ein Ende babe, jenseits sei 
nicbts, gar nicbts. 

Giles zog nun obne Jimmy fast genau Ostlicb und traf, wie 
wir weiter unten sehen werden, am unteren Rande des Lake Torrens 
ein. Man batte auf 220 Miles das denkbar scblecbteste Scrub-Land 
8u passiren und fand auf dieser langen Strecke nur einen Strich 
guten Bodens von unge&br 30 Miles Breite, bis man dann end- 
licb auf ein Thonlocb sUess, welcbes einiges Wasser entbielt und 
der Gesellscbaft das Leben rettete. Von dem Wasser, welcbes die 
Kamele mit sicb trugen, batte man den Pferden so viel als moglicb 
gegeben, bis man zuUtzt nur noeb. drei Liter Qbrig batte. Dennoch 
kamen alle drei Pferde vor Durst um. Die Hitze war enorm. Das 
Thermometer zeigte Tag fUr Tag 102 ^ Fabrenbeit im Scbatten, d« b. 
tiber 31^ Reaumur* Zur Nacbtzeit liess sich nicbt reisen, wenn 
man sicb nicbt an den Stacbeln des Scrub die Augen aus dem Kopfe 
reissen woUte. Die 220 Miles von Wynbring bis zum Thonlocbe 
mit Wasser wurden in acbt Tagen zuruckgelegt, indem die Kamele 



852 Henry Greffrath: 

durchschnittlich jeden 4?ag 28 Mflos machten* ^Diese Thiere'^, bemerkt 
Giles, ,,aind docb wnnderbare, tiefe EhrAircht einflOssende Gesdidpfe* 
Ich habe nocb nie in meinem Leben Oott fQr irgend etwas inniger 
gedankt and gepriesen.** 

Wie wir scbon oben ang^eben, wmrde die grosse Scrub- Wfiste, 
welcbe Giles za passiren batte, dnrch einen kleinen Stricb gaten 
Landes von etwa 30 Miles Weite gewissennassen in zwei Wilsten 
getbeilt. Die westlicbe, welcbe sicb dnrcb grdsaere Dicbtigkeit des 
Scrub anszeicbnete, nannte Giles die Bicbard Desert, in Anerken- 
nnng der gnten Dienste, welcbe der Polizist Bicbard zu Anfang der 
Beise geleistet, wfthrend er die ostlicbe WUste als Boss Desert 
tanfte, well sie es war, welcbe diesem Beisenden so grosse Ver- 
legenbeiten bereitete, wenngleicb er sie znletzt passirte. In die 
westlicbe Wfiste drang Boss nie ein. 

Nacbdom man nun diese scblimme Dornenwttste binter sicb 
batte, waren die Ge£Ediren vorQber. Man macbte kurze Tagereisen, 
berdbrte den oberen Band des Lake Torrens und traf am 15. April 
1874 in Finniss Springs am Ueberland-Telegrapben wieder ein. 
Yon bier ans begab sicb Giles obne Yerzug nach Beltana, am sicb 
dort fUr seine 

Yierte grosse Beise in den unbekannten Weaten Australiens 
vorzubereiten. Es bandelt sicb damit am eine sebr wichtige For- 
Bcbangsreise, welcbe, vom Ueberland-Telegrapben ansgebend, sicb 
zwiscben dem 28. and 30. sQdlicben fireitengrade balten und an 
der westlicben MeereskOste enden soil. Diese Boate wQrde also 
sttdlicber liegen als die frQber von Warbarton, Giles, Gosse and 
Forrest (aaf den wir gleicb werden zu sprecben kommen) gewllblte, 
aber n{$rdlicher als die von Eyre and Forrest im Jahre 1870. Es 
wQrde damit diejenige Bicbtung gemeint sein, welcbe Boss verfolgen 
wollte, auf der er aber, wie wir oben geseben, zuriickgetrieben 
wurde. Die Eosten aucb dieser Beise wird wieder Mr. Tbomas 
Elder auf sicb nebmen* 

Ernest Giles, im rilstigen Lebensalter stebend, ist dabei ein 
Mann von angew5bnlicber Willenskraft and grosser Aosdaaer, and 
eignet sicb wie Wenige zum Forscber im wilden Buscb. Die Beise 
darcb den unbekannten Westen nacb der WestkOste bat er sicb zur 
Lebensaufgabe gemacbt, welcbe er losen wird and sollte er darUber 
zu Grande geben. Obne Zweifel wird diese Beise, in der Bicbtang, 
wie sie geben soil, zu den gefthrlichsten and gewagtesten gebdren, 
welcbe bisher in Australien unternommen warden. 

Wir kommen jetzt zur Besprechang einer der wicbtlgsten and 
glSnzendsten Beisen, welcbe bisber in Australien ausgefQbrt wurden, 
nftmlich zar: 



Die nenesten Eatdeckongsreisen in Australien. 353 

Forrest-Expedition. Die vorerwabnten Reisen in und durch 
den unbekannten Westen Australiens ^ngen vom Ueberlands - Tele* 
graphen ana; die nan zu befaandelnde und glQcklich voUendete Reise 
g^ng von der WeBtkUste aus an den Ueberland-Telegraphen* 

Jobn Forrest ist ein gefeierter Forscher and una schon be* 
kannt. Wir erinnern an seine Reise im Jahre 1869 » wo er von 
der WestkOste aus niehrere handert Miles in den unbekannten Osten 
vordrang, und an die im Jabre 1870, wo es ihm gelang, an der 
sadlicben Meeresktiste entlang die Colonie SOd- Australien ssa er- 
reicben. Er 'st ein geborener West-Australier* Er ward am 
22» August 1847 in Bunbury^ einer kleinen Hafenstadt in der Pro- 
vinz Wellington, geboreo, ist also erst 28 Jabre alt and bekleidet 
gegenwartig im Kronland- Department der Golonie West -Australien 
die nachste Stelle naeb dem Gommissicmer of Crown Lands and 
Surveyor General untcr dem Titel ^Inspecting Surveyor^. Eine 
scbOne Tugend, welche unsem Forrest besonders ziert, ist seine 
Bescbeidenheit. Obgleieh er fUr einen der gr6ssten Forscbcr der 
Jetztzeit gilt, so erzSblte er nns doeh seine Tbaten in der einfacb* 
sten, ungesobminktesten Spraebe, welcbe unwidersteblicb unsere Sjm- 
patbie und Bewunderung fur ibn nocb steigern mass. Jeder Ver* 
Bucb, die Wicbtigkeit seiner Leistungen auf Kosten anderer Forscber 
zu vergrdssern, ist ibm feme, und er Qberliisst es Anderen, die 
Lorbeeren darum zu winden« 

Die Colonie West-Anstralien kann sicb niebt, was Reiebtbum 
anlangt, mit ibren Ostlicben Schwester-Colonien vergleicben. Dieso 
Gabe ist dort auf scbmale Dimensionen bemessen. Jobn Forrest, 
welcber sicb mit dem Projecte einer Reise liber Land bis an den 
Ueberland-Telegrapben in Sud-Ausfralien berumtrug, fand zwar Unter- 
aiiitzang an dem damalig^i Gouvemeur F. A* Weld and an der 
ColoniaJ-Regierung, allein das Parlament glaubte aus der Offentlichen 
Revenuje die n5tbig«n Geldmittel niebt bewilligen zu dfkrfen. Da 
erkllirte Forrest, die Kosten der Ausfabrung auf sicb zu nebraen, 
wenn man ibm nur einen Zuscbuss von 400 Pfd. Sterl. bewilligen 
wolle. Dies gescbah und damit kam die Reise zu Stande. Es he*' 
gleiteten ibn sein Bruder Alexander, ein tuditiger Busbman, Wei-* 
cb^r scbon im Jabre 1870 die Reise mitgemacbt batte, der berittene 
Poiizist James Kennedy, der Hufsebmied James Sweeny und zwei 
Eiogeborene mit Namen Tommy Windicb und Tommy Pierre. Man 
besass zwanzig Pferde und Lebensmittel auf acbt Monate. 

. Bevor wir auf die Einzelbeiten dieser wicbtigen Reise eingeben, 
woUen wir einige Bemerkungen uber das Resultat im AllgemeineoF 
Torauflscbicken* 

Die Frage, ein wie grosser Tbeil dieses Continents sicb fiiv 
Ansiedelong eigene , bfingt ■ mit der znkUnftigen Grdssc und Bedeu* 

Zeitschr. d. OeBellach. f. Erdk. Bd. X 22 



354 Henry Greffrath: 

tiing des aastralischen Beiches eng ^sammen. Aus diesem Grande 
ist 68 nur zn bedanem, dass der bei weitem grOeste Theil der von 
Forrest bereisten L&nderstrecken einen dnrchaus werthlosen Cha- 
rakter an sich tr&gt, Wenn es aucb als allgemeine Kegel gilt, dass, 
wo immer eine wichtige Wasserscheide nicbt weit van der Kftste auf- 
tritt, ein ausgedebnter Stricb guten und frucbtbaren Bodens dabinter 
liegt, so geb5rt die Colonie West-Aastralien za den wenigen Aus- 
nabmen von dieser Begel. 

Bis zvL den Quellen des Marchison-Biver oder angef^Uir 200 
Miles Uber die jetzige AniuedeluQg binaus, ist die Gegend ftir Weide* 
zwecke vorzUglicb geeignet, aber.von da bis zur Grenze von SUd- 
Australien ergab sicb iveiter nicbts als eine klfiglicbe, . erbarmliche 
SandwtistiB. Zwar stiess Forrest bier and da einmal auf grasige 
Flecken, wie die von ibm so benannten Windicb Springs, Weld 
Springs .and wen%e andere* Diese waren veriiiUtnissinfissig gut be- 
grast; es zeigte sich tbieriscbes Leben, Kfingambs, Emus and War- 
rung- (Kl&nguruh-) Batten, .imd die Bfiume bargen zabllose V6gel, 
wie brondrt gefltigelte Tauben, scbarlacb gebaubte Kakadus nnd 
sdhieferfarbene Fapageien* Allein solcbe Stelien waren so isolirt 
und von so geringem Umfange, dass sie sicb, wie Forrest meint, 
wobl nie werden nutzbar machen lassen* Nacb Osten und Westen 
davon, auf fiunderte'von Miles und so weit das Aage nacb alien 
BicbtUDgen bin reicben konnte, breiteten sicb sanfb auf- nnd ab* 
steigende wellenfbniiige Spinifex-^WJisten aus, init Akazien und ande- 
rem niederen Geb51ze bewachsen, wo Wasser nur in an8geh()blten 
Felseii aus rotbem Sandsteine erbalten war und wo kein anderes 
tbieriscbes Leben exiatirte als die Kftngurubratte. 

Freilicb ist es wabr, dass Forrest diese Gegenden gerade in 
ibrer traarigsten Erscbeinung si^, da, nacb alien Anzeicben, in den 
letzten . zwei oder drei Jahren kein Begen gefallen war ; allein das 
anderte docb wenig an der Saebe selb^rt. £s ergiebt sicb aus den 
Beisen von Forrest, Warburton n. s, . w* zur Evidenz, dass ein sehr 
betracbtlicber Tbeil des australiscben Continents, welcber zwiscben 
dem 120. und ISO. LSngengrade liegt, die -denkbar scblecbteste 
Bodenbescbaffenheit an sicb trSgt, welobe wobl zu alien Zeiten jeder 
Cuitur spotten wird. Von der westaustrabscben Begierung erhielt 
Forrest folgende Instruction fUr seine Boute. Er sollte zunlicbst 
das grosse Quellengebiet der Fltisse Murcbison, Gascoigne, Lyons, 
Asb burton, Fortescue, Harding, De Grey u. s. w, naber erforscben, 
wo man eiue wobl bew^sserte und also frucbtbare Gegend yer- 
matbete. Insbesondere sollte er dem Murcbison-Biver seine Aufmerk- 
samkeit zawenden und dessen Ursprung aufsucben. Nachdem dies 
gescbehen, blieb es ibm uberlassen, aich entweder nacb dem De Grey 
Biver oder nacb Nicol Bay zu begeben, um von dort nacb Fertb 



Die nenesten Entdeekungsreiseii in Anstralien. 359 

zartieksukehren, oder die Weiterrdse darcli den unbekannten Westen 
nach dem Ueberland-Telegraphen en wagen. 

Die Gesellscbaft verlieaB Perth am 18. MMrz 1874 tind begab 
Bicb zanacbst nacb Champion Bai in 28^ 44' sttdl. Br. nnd 114^ 
40' Ostl. L. y. Gr. Yon hier brach man am 1. April anf nnd erreiohte 
am 18. desselben Monats die letzte, 180 Miles von Champion Bay 
gelegene Schafstation des Mr. Barges. Dort warde das Gkpflek, 
welches bis dahin anf Wagen tranaportirt worden war, anf die Pferde 
gepackt) nnd die eigentliche Forschnngsreise im nnbekannten Oebiete 
nahm ihren Anfang. 

Man zog zunachst nach Norden zn nnd hatte dabei sehr dilrr^ 
Gegenden za passiren , bis man am 24« April am Mnrchison Rrrer 
anlangie, wo man beim Yorrtioken aof schOnes Weideland kam. Am 
4. Mai erreichte man in 26^ a' s&dL Br. and ll?^' 12' dstl. L. v. Or. 
den Monnt Hale^ den entferntesten Pankt, welchen man bis dabin 
kanhte* Hier gab es viele nnd zwar freundlich gesinnte Einge- 
borene^ welche den Beisenden aof mehrere Tage das Geleit gaben 
und ihnen Wasser zeigten* Man folgte dann in ziemlieh ostlioher 
Bicbtung einem Nebenflasse des Murcbison River, bis dieser in 25 ^ 
60 ' siidl. Br/nnd 119 ^ Ostl. L. t» Gr« anfbOrte^ ohne dass mam bei der 
Wasserscheide angekommen wftre. Hieranf ging man bis 26^ 25' 
siidl. Br. und 120^ (tetL L. v» Gr. naeh Stldost vor nnd snchte ver- 
gebens nach andeven Nebenfliissen. 

Am 18. Mai verliess man auch diese Eichtang wieder und 
marschirte unter manch^i Schwierigkeiten nach Nordost, bis man 
endlich in 25 ° 50' sQdl, Br. nnd 120^ 40' 5stl, L. v. Gr. die Wasser- 
dcbeide des Mnrchison Biver entdec^te. Dieselbe erwies sich aber nnr 
als eine schwacbeErhebung mii etlichen Thalschkichten, welohe in gras- 
seiche Ebenen auslaofen. Jeizt nahmen die eigentliehen Leiden 
unserer Beisenden. ihren Anfang. Man fiel in eiue wellenfOrmige 
Spinifex-Wliste von ungef^hr 600 Miles Lllnge ein, welche bis 25^ 
55 ' SOdl. Br. und 126^ 30' ostl. L. andauerte and in der kleine be- 
graste Stellen eine grosse Ausnahme bildeten, Man fand zwai* einige 
Brunnen der Eingeborenen und viele FelsenlQoher, aber Wasser ent- 
hielten sie, in Folge der grossen Trockenheit des Jahres, in der 
Kegel nicht. -^^ Am 1. Jnni stiess man auf ein altes Lager der 
Eingeborenen, wo ein verkohlter Menschenscbiidely welcber sich vor- 
fand, auf Menschenfresserei hinzudeuten schien. Am nftchsten Tage^ 
nach dem man die Nacht Qber ohne einen Tropfen Wasser zuge- 
brachty kam man endlich einmal, wenn auch nur anf sehr kurze 
Zeit, aus der schlimmen Domen waste heraus und betrat eine gut 
begraste Oase, deren NaturschOnheit auss^ordentlich war. Maiii 
nannte sie Pierre's Spring, well Tommy Pierre sie zuerst aufge^ 
funden hatte. 

22 ♦ 



35i6 Henry Greffratl: 

Hier floBS ^o eiae halbe Mile langer Bach mk herrliofaem 
Wasser, und die Weide fOr das •¥!«&' war TOrziiglich* Emus, Tau- 
hen, ^K&ogntuhB u. a w. gab es in Menge, so dass die Ktiebe mit 
^Hd Ireichlieh versotgt werdeD konnte. Dagegen waren ' die doi> 
itgeh Eingeborenen bSse Gesellen nnd attaquirten unsere Reisend^i 
-^ ea wax daa erete Hal auf der Beise — wiederholt, so dass roan 
von dor Sobiesswaffe Gebiauch machen musste. Ala nftmlicb Alexander 
Forrest tind Tommj Windich sich, um zn jagen, vom Lager ^nt^ 
ferbfc hatten, kaiaen plOizlich gegen 50 Eingeborene mit Grescbrei 
von der Anb5be berab, bewaffnet mit Speer and ScMld, und maeh- 
/len eio'en Wfltbenden Angriff* Unsere Freande fenerten ibre Re 
votver anf sie ab^ wobei eidige Yerwnndungen vorfielen/ Die Wil« 
•doo ergriffen die Flucbt, versuchten abec, nachdeai siesicfa gesammelt 
.nnd bexHtben batten, eiaen sweitenAngriff, welcher jedoch nicfat minder 
sohlecbt f^r sie ailsfiel. Damit batten sie genng Elrfkbrung gemacbt 
Bad ikicovAmodirten die Beisenden niciit waiter. Gieicb binter dieset 
kleinen Oase setzte sicb die Spiaifex-^Wnste mit' Eunehmender Schreck*^ 
liobkeit. fort. Die kleine Gesdischaft musste den einen und den 
'linder^ ibrer Gef^hrten aiisdcbiekeny um Waaser atiszakundscbaiteti, 
itllein erst nacb dreiwpobentlicber Arbcdt gelang es, in einer Ent'- 
feriiung'. von 60 Miles bo viel vjon diesem fliissigen Elemente in 
einem Tjionloehe aufstufinden* als man filr ungefUbr eine Woche 
n6tbig baben wQrde. Man bracb.also. vom Lager aof mid traf dort 
^m 21. Juni ein.' Dies konnte aber nur gescbeben, fndem man 
die no^dOstUcbe Bicbtung mit einer sfidSstlicben. vertauschte* G^eich 
BfiBL folgeitden Tage ging Forrest, begkitet von Pierre, wieder aosi, 
nm eaeb Wasser zu suchen, uad sie waren aucb gliiekHob genng, 
in Tbo^ildebern so viel abzuti*e£ren; ah fHv einen Monat binreicble. 
l^ach SCldeu zu saben sie einen See mit sablreicben Enten nnd 
jBobwftnen darauf, allein diese Bicbtung war nicbt die ibrige. 

In dieaer monotonen Weise ging es.fort. Immer bandelte es 
sic^ um Wasser, welcbes nicbt zu finden war, und ebenso fobhe es 
;aUQh aA Weide ftir die Pfearde. Diese armen Tbiere batten also 
in doppelter Weise zu leiden. Ein Mai war man 70 Miles weiter 
gezogen nod batte keinen Tropfen Wasser geaeben, und da man 
•aucb. nur nocb sebr wenig bei meh fUbrta'und' daran verzwe^lte, 
welcbes aufzuspQren, so musste man umkebren, um den ietzten Wasser- 
4f>latS5 zu erreicben« Man war indess kaum.l5 Miles auf dem alten 
Wege zuriiekgewandert , als man Wasser entdeckte, welcbes nvaa 
;euvor nicht bemerkt batte. Leider gingen in dieaer Notb zwei Pferde 
yerlormi. Unter unsftglicben Scbwierigkeiten k&mpfte man sicb weitdr 
^urcb die Dornenwtisten, bis man in 26^ 2' fiOdl. Br. und 125® 27' 
i>stl* L. V. Qt. auf ein Wasserlocb stiess, welches Wasser fur einen 
Monat entbielt. Hier kam es aber zum Stillstand* FUnf Mai ver- 



Die neue8ten:£iitdeckaQg8m8e& in Aostralien. 857 

sucbte man vergebeos mch Babn sni macfaen, nnd 700 Miles re* 
oognoflcirte man im Gaozen umher, um Wasser an&ofiiiden, allein 
immer dme Erfolg. Endlich ittUie sich em Oewittet ein and man 
riskirte anf wenig Begea — „on spec of rain'', wie es im Jom> 
nal heisst — den Aufbrnch and zog iiach Nordost, wo man glQck* 
licher Weise ziemlicfa viel Waaser aufCand. Man gdnnte sick hier 
einige Rube, die man nStbig batte, and YVtgjnb dann alles srgead^ 
wie £ntbehrliebe, am sobneller fortznkommen, 

Mit geringem WasservorraUi machte man nun lange Tagereisen 
and betrat uater 127 ^ Ostl. L. v. Or. eine bfigelige CKranitgegend mit 
binreicbendem Waaser in Felsentoehera* So wraicbte man denn bald 
die Barrow Banges, wo man gleicb eine scbtoe Qaelle entdeekte^ 
welche dem Beisenden Giles nnbekannt geblieben war* Nacbdem 
man die Barrow Ranges passirt, traf man ein^ grosse Anzabl von 
Eingeborenen an, die feindlidse Cksinnang ajU den Tag legten, so 
dass man, urn sie abaabalten, einige ScbOsse anf sie abfenem musstOk 

In den Cavenagb Ranges kam man auf Gosse's Bonte and 
jEiuid in 26^ 11' sadl« Br. and 128^ Ostl. L. v. Gr., in der Nlibe von 
Mount Cooper, das Lager von Grtles anf, walohea dieser in seiiiem 
Tagebncbe rait Fort Mueller bezeicbnet. Man batte al^o jeltet eine 
BcboQ bereiste Gegend betreten* Die ursprUnglicbe Absiobt unferee 
Forrest ging nun freilieb dabin> daas er aicb, so bald er die Grease 
von Siid-Aofltralien Uberscbritten batte, nacb SQden sa, in der Bicbtapg 
von Port Eucla, w^aden wollte, am diese anbekannte Gegend eben* 
f^Us za erforscben. Allein seine Pferde konnten kaum noob fort, 
die Lebensmittel gingen auf die Neige and die Reisenden selbst 
waren, in Folge der grossen Anstrengungen uod der vielen Ent- 
bebrangen, zu geecbwftcbt und erscbOpft, als daas man sicb noob 
neuen bedenklichen Strapazen unterwerfea konnte. Man gab daber 
diesen Plan auf and relate auf bekannten Wegen in mdgliehfit gerader 
Linie auf den Ueberland-Telegrapbea zu. 

Die Gosse-Boute sab man sich bald wegen Mangels an Wasser 
aafzugeben gezwungen* Jobn Forrest selbst ging um welcbes auf- 
ausucben and fand es auob in der Ricbtung naoh Norden zu< DaH 
Gros der Geseltocbaft folgte naob, and die eirscbdpften Pferde konn- 
ten ibren Durst vollauf stillen. Man kebrte dann zur Gosse-Route 
zurUck and passirte die Tomkinson Ranges, so ziemliob auf der 
Grenze von West- und Siid- Aostralien, die Mann Ranges und die 
Musgrave Ranges. 

In den Mann Ranges wurde man aufs Neue v^m den Binge* 
boren^i angegriffen. Mebr detin Handert kamen von einer 
Anbobe berab ond Speere warden auf unsete Freunde gesekleudertft 
Diese erwiederten den Angriff mit mebreren ^evolverscbusseUk 
Dadurob eines Besseren belebrt, kamen sie zu Yerstand, gaben ihr« 



S58 Henry Qreffratb: 

FeinclBcliaft aof and nahmen eine frenndliche Gesinnnng an. Gegen 
dreissig derselben kamen in niichste NAhe tmd zeigten ein Felsen- 
looh mit 50 Oallonen Wsaser. Nichts schien sie mehr zu freaen 
mnd machte ihnen grOsseres Vergntigen, als dass Tommy Windich 
und Tommy Pierre schwarz waren wie sie selber; dagegen bewiesen 
ne eine groBse Fnrcbt vor den Pferden. — Am westlicben Ende 
der Mann Ranges wnrde bemerkt, dass die dortigen Eingeborenen 
sicb bescbnitten batten. Sie trngen langes Eopfhaar und lange B&rte, 
in Strlingen scbmierig nnd scbmntzig berabblingend, als wfiren es 
feste Stricke. Das Ticken der Ubr macbte ibnen viel Yergniigen. 
Sie scbienen nieht so grosse Diebe zu sein, wie es die Eingeborenen 
sonst durebweg sind; denn als sie einmal die Pulverflascbe von 
Tommy Pierre, welcbe dieser verloren batte, fanden, lieferten sie 
dieselbe wieder ebrlicb ab. 

Der Scbwierigkeiten wurden jetzt weniger, wiewohl nocb zwei 
Pferde, welebe nicbt weiter konnten, ibrem Scbicksal dberlassen werden 
mussten. Man folgte dem Bette des Alberga River, welcber zwar an 
mancben Stellen obne Wasser war, docb konnte man es sicb durch 
Graben leicbt verschaffen* So erreiobte man am 27. September 1874 
den IJeberland-Telegrapben, tmd Forrest bezeichnete einen Baum mit 
F. 104, -*— es soUte das 104. Lager von Geraldton aus andenten. 
Die Freude und der Jubel waren gross! Die Lebensmtttel batten 
eigentiich ibr Ende gefanden, Sebon seit einiger Zeit war man nnr 
nocb auf dampers, d. i. in der Ascbe gebackene Brote aus Mebl, 
Wasser und Salz, angewiesen gewesen. — Am Mittwocb, den 
30. September, langte man am Peake River an und begrQsste bier 
als den ersten Weissen, welcben man seit der Abreise geseben, 
einen Mr. Bagot, der dort Rindviehberden besitzt. Dieser itibrte 
die Fremden sofort zu Mr. Blood, dem Telegrapbendirector auf dor- 
tiger Stalion, und beide Herren boten nun ibr MOglichstes auf, ibren 
6&sten einen viertSgigen Aufentbalt so angenebm als mOglicb zu 
macben. 

Die Reise nacb Adelaide wnrde gemftcblicb eingericbtet* So 
bald man in die angesiedelten Districte kam, fingen die Huldigungen 
an. Wlr k^nnen sagen, die ganze Tour bis Adelaide glicb einer 
Art Triumpbzug. Aber das alles sollte nocb weit dberboten wer- 
den durcb das, was die Reisenden in Adelaide selbst erwartete. 
Hier war scbon seit Wocben der giftnzendste Empfang vorbereitet, 
wie er dort nocb nie zuvor — wenn man den T<age der Rdckkehr 
des berOhmten Jobn Mac Douall Stuart von seiner Reise durcb den 
Continent ausnimmt — einem Ankommenden zu Theil geworden 
war. Der Einzug in Adelaide fand am 3. November statt, begUnstigt 
vom scbOnsten Wetter* Die breiten Strassen der City konnten die 
wogende Menscbenmasse kaum fassen. In dem grossen, langen Zuge, 



Die nenesten Entdeckungareisen in Aostralien. 359 

weleher die BeiBendon einbolte, befanden sieh anch Gosse nnd Giles 
mit ihren Begleitem (Warbnrton war auf der Beise nach England), 
sowie auch die, welohe von frtiheren Forschangsgesellsoliaften noch 
lebten, Damentlich anch seehs Mitglieder der Stnart-Expedition. 

Eine Beschreibimg der Feierlichkeiten wQrde nng ofienbar za 
w«t ftihren und auch kaum unserein Zwecke dienen. Wir wollen 
also QDr berrorhebeD, dass die Adressen, welche Anerkennnng and 
Bewunderung anssprachen, zablreich waren, dass es an Ehrenpforten, 
Inachnften u. s. w. nicbfc fehlte and dass am Abende in der grossen 
Stadtballe ein glfinzendes Bankett unter dem Yorsitze des damaligen 
Fremierministers Mr« Arthur Blytb abgebalten ward, anf welcbem 
die Ehrengftste durch die scbmeichelbaftesten Reden gefeiert warden. 
— Nachdem die Gebriider Forrest noch einen Besucb in Melbonme 
abgestattet, kebrten sie mit dem December-Postdampfer nach Perth 
zariick. Das westaustraliscbe Parlament bewilligte den Reisenden 
die geringe Gratification von 500 Pfd<» Sterl., welche naeh Yerhftlt- 
niss unter sie vertheilt werden soUte. John Forrest nabm Urlaub 
nnd befindet sioh gegenwftrtig in England, wo er im Mai dieses 
Jahres eintraf. Er hielt vor der Royal Geographical Society in 
London einen Vortrag tiber seine Reise und ist, wie er uns zn 
Anfang September von dort schreibt, damit beschSftigt, ein beson- 
deres Werkchen &ber seioe Reise, welches auch das Bildniss der 
beiden Forrest bringen wird, herauszugeben ; dasselbe wird noch in 
diesem Jahre bei Sampson, Low and Co. in London erscbeinen* 

Die Lake Eyre*Ezpedition. Es war am 25« August 1874, 
als der Honorable Mr. T. Hogarth im Legislative Council des siid- 
australischen Parlaments den Antrag stelUe, dass der Lake Eyre 
und dessen umliegende Gegend — im Norden, und meistens anch 
im Osten vollig unbdcannt — durob eine auszuscbickende Expedi- 
tion naher erfbrscht werde« Der Antrag wurde einsiimmigangenom- 
men, und am 2. September erklMrte die damalige Regierung, dass sie 
demselben ohne Verzug Folge geben werde. Die Expedition ward 
Bchnell ausgerUstet und unter die Leitung des Mr. J. W. Lewis ge- 
stellt, welchen wir ans der Warburton-Reisegeselisohaft, in weleher er 
der Zweite im Commando war, schon kennen« "Es begleiteten ihn 
A. G. Beresford als Feldmesser und Kartenzeichner, F. W. Andrews 
als Sammler, G. W. D« Tolmer als erfahrener Bushman und J. H. 
Daloff als Koch. Die Gesellschaft begab sich am 15. September von 
Port Adelaide aus auf dem Seewege nach Port Augusta, und von da 
. aus am 22. desselben Monats nach dem schon oft erwahnt^i Beltana. 
Hier wurden sie durch zwei Afghanen verst&rkt, welche die 18 Kamele, 
die Mr. Thomas Elder wieder in freigebigster Weise znr Yerfiigung 
stellte, besorgen soUten. Die Pferde, wie tkberhaupt seine weitere 



860 Heary Greffrath: 

Anariiatung, ergftnate Mr. Lewig abs dem Beste der Gosse-Expedi- 
tioB, welche seiner Zeit in Behana znriiekgelassen worden wa^. 

Der sudliche Theil um Lake Eyre wird scbon sdt etliehen 
Jahren mit Yiehheerden beweidet. Dies gilt aber wenig von der 
Ost- und gamicht von der g&nzlich nnbekannten Noi^dkflBte, nnd 
bier war es, wo Lewis seine Forschnngen anzustellen hatte. Das 
grosse Area], welches er antersuchen sollte, lag, von 8ild nacb Nord, 
zwischen dem sQdlichen Ende des Lake Eyre nnd 25 ° siidl. Br. und 
erstreckte sicb von West nacb Ost von 136° bis 13d ° 30' (>stL L. 
V, Gr. Die za entwerfende Earte sollte 4 ZoU auf die Mile be- 
tragen — mit besonderen Cartons, wo es nOtbig erscbiene *-*- nnd 
Gebirge, Peaks, btigelige G^genden, Wasserliiafe nnd Tafdland 
w&ren sorgfllltig einzntragen. Mit besonderer Aufmerksamkeit war 
der Lake Eyre selbst za behandeln. Hieranf bezttglich besagte 
die Instruction des Surveyor-General Mr. G. W. Goyder: „Sie wol- 
len jede Gelegenbeit benutzen, siob Kenntniss von der l^efe des 
Wassers im See za verschafiEeii. Sollte der See jedoch troeken 
liegen, so nivelliren Sie 8 — 10 Miles hindarch und senken Laober^ 
um sicb von der Bodenbescbaffenbeit zu iiberzengen. Entbftit der 
See Wasser, so ist er mit einem Boote zu befabren and seine Tiefe 
zu messen. Aucb sind die Marken des b^^chsten Wasserstandes auf- 
zunebmen. Zu Ortsnamen sind die der Eiageborenen rndglicfast 
beiznbebalten u. s. w.^ 

Die letztenNacbricbtenvon dieser Expedition lauten vomSO. April, 
und es batte Lewis um diese.Zeit den grdssten Tbeil seiner Arbeit 
vollendet. Wir woUen mittbeilen, was dardber aus Begierungskreisen 
bekannt geworden. Wie Mr. Lewis' Forschnngen ergefoen^ bat der 
Lake Eyre eine Lfinge von 120 and eine durchschnittlicbe Breite 
von 30 Miles, wtirde also, wenn mit Wasser bedeckt, einen impotiiren- 
den Landsee bilden. Nacb der Mitte zu erweitert er sicb betrftoht* 
licb und am ndrdlicben Ende erreicht er seine grdsste finge. Aucb in 
der N&be des siidlichen Endes verengert er sicb pldtzlich auf eine 
kurze. Strecke in der Art, dass die letzten 20 Miles fast als ein 
Nebensee erscbeinen. 

Die bisberige Annabme, dass der Lake Eyre sicb auf einem - be- 
trftcbtlichen Eaume als scbiffbar erweisen wttrde, bat sicb in keiner 
Weise best&tigt. Die frfiheren Untersacbungen von Goyder and 
Warburton batten ergeben, dass der sQdliche Theil desselben niehts 
weiter ist als eine grosse flacbe Pfanne, um diesen Ausdruck za 
gebrauchen, welche bei Hochwasser von den amgebenden Fldsaen und 
Creeks angefiillt wird, in der trockenen Jabreszeit aber nur einen 
unpassirbaren Morast ausmacht. Mr. Lewis hat nun entdeckt, dass 
dies aucb der Charakter des ndrdlichen Tbeiles ist* Einen Wasser- 
spiegel sab er nicht, wohl aber fand er einen grossen Morast. Dieser 



Die nenestexi: EntdeckungsreUea in Australiexi. 3^} 

hAtte sm den Stellali, Welch6 aab^ sntersadit wutden, mM Tiefe 
yon 1, — 3 Fti68 und ruJite auf Lettenboden. Eine am niirdlichea 
Ende vorgenommeDe Ni?elllnuig exgab fOr dort ein betarftditUcb^ 
Fallen. 

Yiel Zeit verwaadte maa anf die oiiliere Untersnchnng der in 
den Lake Eyre elnroOndenden Wasserlftufe^ namentlich auf der det- 
lieben and ndrdlicben Seite, deren anliegende Gegenden, wie sebon 
bemerkt, bisber so gut wie unbekannt waren* 

Der Barcoo oder Cooper's Creek yersohwindet , 7 Miles unter 
Lake Kopperamana, in einer Saltbusb-EbenO) wo er kein beatimm- 
tes Bett mebr anzeigt, and nlmmt von. da ab eine westnordwestUob^ 
Hicbtung an, bis er eine Marsehgegend errelcbt, durcb welcbe seine 
Wasser in den Lake Ejre fliessen. Die 60 Miles Land, durcb die 
er l&ufi, besteben aus Sandb&geln mit dazwiscben liegenden zabl- 
reichen Ebenen und sind im Ganzen gut begrast« 

Das Land weiter sUdlicb, welcbes sieb zwiseben dem ndrd- 
licben Ende des Lake Gregory und dem sUdlicben Tbeile des Lake 
Eyre ausbreitet, ist weniger gut. Botbe Sandstein-Ebenen mit geringer 
Frucbtbarkeit und bobe wUste Sandbiigel wecbseln ab, wenngleicb 
die Ebenen an manchen Stellen einigermSAsen begrast sind. Berge 
.von erbeblicber Grdsse kommen nieht vor, docb warden etlicbe 
Seen aufgefunden, von denen sogar zwei sUsses Wasser entjiieilten. 

Am ndrdlicben Ende milndet ein bedeutender WasserlaAif In 
den See, welcben man in nordOstlichto Elcbtung bis 25° 30' siidL Br. 
und 139° 30' Ostl, L. v. Or., also auf eine Entfernung von 200 Miles, 
verfolgte. Die dortige Gegend war in der Qualitat sebr versobieden. 
Ein betrsk^tlicber Tbeil derselben bestebt aus den unvermeidlicben 
SandbUgeln, welebe jedocb in der Regel gut begrast und oft aacb 
mit Saltbusb bestanden sind. Ein sebr gunstiger Umstand 1st, dass 
Wasserliicher und Qnellen daselbst ziemlich bftafig vorkommen. In 
versobiedenen der ersteren fand man sogar Fiscbe« Man darf anr 
neboien, dass in guten Jabreszeiten , wo viel Begen fallt, eine be- 
tr&cbtlicbe Masse Wasser in den Haupt- und NebenflQssen berunter- 
fliesst, da viele der Ebenen in der Nitbe der Ufer Ueberschwen^ 
mungen ausgesetzt sind« 

Man fand Uberall Stricbe guten Landes, welcbes sicb fUr Vieb- 
weiden unstreitig eignen wiirde. Ein 40 Miles vom Lake Eyre ent« 
ferntdr Stricb zeigte sogar ganz vortrefflicben Boden und wax mit 
einer Menge von Salt>Cottonbusb und ausgezeicbnetem Grase be- 
deckt. Nicbt weit davon traf .man auf der Ostseite des Wasser- 
laufes eine &bnlicbe Ebene an, und nacb Unterbrecbung von etlicben 
Mil^a mit unregelmassigen SandhQgeln trat wieder sebr gntes offenes 
Land auf, welches sicb vom Wasserkufe ab 5 — 6 Miles ausdebnte, 
reicblicb Saltbusb und Gras zeigte und mit Eucalypten, Wattle und 



802 Henry Greffrath: 

stacheliger Acazie bestaaden war. Nidit weit dabinter lagen wieder 
vorsQgliehe Saltbush-Ebenen irad Striehe gaten Graslandes u. s. w« 
Von anderen Creeks, die am Nordende des Lake Eyre einmtinden, 
werden der von Nordwest kommende Macumba und der Kallakoopah 
orwfthnt, welche dem Anscbeine naeb dnrcb ftbnlicbe Gegenden 
laufen. Bin bervorragendes Gebirge fand man nicbt, wobl aber an 
versebiedenen Orten bobe Peaks. Man begegnete vielen Eingebore- 
nen, welcbe jedocb keine feindlicbe Oesinnung an den Tag legten. 

Wir erseben aus diesen nocb unvollstfindigen Naebricbten scbon 
so viel, dass diese Expedkion der Colonie gate Dienste geleistet 
bat. Ansser dem wissenscbaftlicben Interesse, welcbes dieselbe ge- 
wftbrt, lassen die Entdecknngen keinen Zweifel dariiber besteben, 
dass ein ziemlicb betrftcbtlicher Tbeil der Gstlicb von Liake Eyre 
gelegenen Gegenden sicb flir Weidezwecke ganz wobl eignen werde. 

Lewis bat seine Aufgabe im Juli 1875 voUendet and ist die 
Lake Eyre Exploring Party ^ naebdem die beiden Afgbanen bereits 
Ende Marz mit secbs Eamelen znrttckgesandt waren, Ende Jnli 
wieder in Adelaide eiogetroffen/ wo am 29. zn Ebren der Beisenden 
ein grosses Mittagsmahl stattfand. Was Lewis zur Zeit nocb be- 
sonders verfolgte, war die Anffindnng einer gaten Ueberlandroate 
zwiscben den Colonien Sftd-Aastralien) Qaeensland and Nen-Stld- 
Wales. Nocb ist zu erwftbnen, dass wftbrend der zweijftbrigen Daaer 
der Reise kein Begen gefallen war, die natarwissenscbaftlicbe Aos- 
bente mitbin eine nar bescbrfinkte ist. 

Mulligan's Exploring Party. Aos Qaeensland wird ons 
mit der letzten Jali-Post Folgendes bericbtet: 

^Malligan^s Exploring Party, welcbe am 80. April 1875 Cook- 
town verliess, ist bei der Janction Creek eingetroffen. Sie liber- 
scbritt den oberen Lauf d<)r Fiilsse Palmer und St. George and be- 
trat dann das Gebiet des Mitcbell Birer zwiscben der Yerbindung 
der FlQfiSe Hodgkinson and Macleod. Man glanbt, dass sicb dort 
eine gate Fabrstrasse mit Leicbtigkeit werde anlegen lassen. Naeb- 
dem man bier einige Tage nacb Gold ambergesucbt) passirte die 
Gesellscbaft ein Granitgebirge , welcbes (kitlicb nacb dem oberen 
Mitcbell River streicbt. Hier entdeckte man Spuren von Gold. Wo 
man btigeliges Terrain erwartet batte, fand man Ebenen mit tiefem 
and reicbem AUuvialboden, gut begrast and wobl bewftssert, in der 
Ausdebnung von tlber 3000 Qaadratmiles. Weiter nacb SOden zu 
wurde diese grosse Ebene dnrcb Gebirge begrenzt, and bier zeigten 
sicb auf 120 Miles aosgedebnte Scrubs mit scbOnen Cedern und 
Enari-Ficbten« Die Beisenden passirten das Hauptgebirge bis zn 
den Qaellen des Herbert Biver. Hier war wieder sebr gates Land 
von erbeblichem Umfange, and man fand aucb Fluss-Zinn aaf. Man 
tlberscbritt danu von Neuem das Gebirge nacb den westlicben Fltlss^ 



Die neuesten fintdeckangsreisen in Anstralien. 868 

zn, paSBirte den oberen Lynd Biver und eiTeichte Fossil Brook 
Station, wo man vier Tage Hah machte, nm weitere Instractionen 
abznwarten. Die Pferde waren in Folge des GenuBses von giftigen 
Pflanzen krank geworden. 

Am Sehlagse nneerer Grescbichte der neuesten Entdeckungsreisen 
in AuBtralien hahen wir noeh eines berQbmten Forscbers ans alter 
Zeit za gedenken, dessen Scbicksal noch immer in Dunkel gebOUt 
ist, Wir meinen Dr. Leicbardt. M^n muss es den AustraHem 
2um Bubme nacbsagen, dass sie unaufbOrlicb bemtibt gewesen Bind 
und keine Qeldopfer gescbeut baben, Einsicbt in das Ende dieser 
verunglClcktea Expedition zu gewinnen^ allein steta obne den geringsten 
Erfolg. Jetzt wird ons ans West-Australien bericbtet, dass man dort 
nene Ho£Pnung babe, diese Angelegenbeit zur Aafkl&rung zu bringen.' 
Vor ungeflihr drei Monaten, bo scbreibt man uns Ende Juli dieses 
Jabres, macble Mr. Fane, ein Squatter im Cbampion Bay-DiBtricte, 
dessen Scb&ferei-Anwesen 300 Miles nOrdlicb von Pertb liegen, von 
dort aus eine Reise, in der Lftnge von 300 Miles nacb Osten zu, 
um nacb Land zu sucben, welcbes sicb ff^r Weidezwecke eigne. 
Er kam dabei mit Eingeborenen in BerUbrung, welcbe ibm folgende 
Mittbeilung macbten. 

„Vor vielen Jabren trafen wir oder vielmebr beobacbteten wir 
vier weisse Manner mit Pferden, welcbe von Osten berkamen. Sie 
waren sebr abgemattet und anscbeinend, aus Mangel an Wasser, 
ibrem Ende nahe. Sie wanderten von Stelle zu Stelle, aber fanden 
nur ausgetrocknete Wasserl^cber. Wir batten bis dabin nocb nie 
weiBse Manner auf Pferden gesehen und f&rcbteten uns, so dass wir 
sie nur aus einiger Entfernnng belauerten. Zuletzt von Verzweiflung 
befallen, scbienen sie entscblossen zu sein, sicb zu trennen und em 
jeder zu wandern, wobin es ibm beliebte. Sie zankten mit einander 
und tbeilten sicb in den geringen Proviant, welcben sie bei sicb 
ftibrten. Der eine scbien der Anfiibrer zu sein und nacbdem dieser 
die Tbeilung gemacht, verBcbdttete er in einem Wutbanfalle das 
wenige Mebl und macbte es utibraucbbar. Dann kftmpften sie mft 
einander, und der FQbrer und nocb ein Anderer wurden dabei ge- 
tSdtet. Die beiden Ueberlebenden begruben den Fclbrer, legten 
Papiere uuter ibn, bezeicbneten die Stelle mit Steinen und gingen 
fort, um nacb Wasser zu sucben, welcbes sie aber nicbt fanden. 
Zuletzt starben aucb sie und ibre Pferde ebenfalls, und ibre Knocben 
k6nnen nocb geseben werden.'' 

Eb war far Mr. Fane zu weit nacb Osten zu, um mitzugeben 
und sicb von der Wabrbeit zu Qberzeugen, aber die Eingeborenen, 
welcbe sebr freandlicb gesinnt waren und ungewObnlicbe Intelligenz 
zeigten, verspracben ibn an den Ort zn fQbren, wo die Knocben 
der weissen MMnner liegen, sowie zu dem Grabe des AnfUbrers. 



964 Henry Greffratk: 

Einer der Eiogeborenen, urelehe obage Mittbeilung iaacliteii> 
war ein Mann im mittleren Lebenflalter and sagie aus, das3 er zor 
Zeit, wo jenes gescbebcD, nocb eia K^abe gewBseo 8ei« Eine iFraa 
in gleichem Alter erz&blte den Hergang ebenso. Ein junger Menecb 
yon etwa acbtzebn Jabren erklarte, dasp er zor Zeit de0 Vorfalles 
■nocb nicbt gelebt und er daber nicht3 davon geeeben babe^ aber 
da88 ibm setae Eltem Tor Jabren oft d&yjon erz&blt blitten. Der 
Eingeborene, welcber von den Papieren in dem Begrfibniwe des 
AnfUbrers 2a bericbten wnsste, macbte, zur n^eren Bezeicbnnng, 
-mit Holzkoble Zeicben und Linien in seiner Hand. Mr. Fane halt 
fliob von der Wabrbeit der Erz&blung voUkoimnen iibenseugt, und 
beabsicbtigt, in Begleltung cines ausgezeiclmeten Polizisten, scbon in 
n&cbeter Zeit sicb wieder auf den Weg za macben und siob von 
den Eiageborenen an den betreffenden Ort fiibren eu lassen* 

Soweit die Sacbe selbst Wir wollen bemerken, dans Erz&b- 
lungen in fibnlicber Weise scbon wiederbolt Europ&ern gQmacbt 
worden sind. Darauf bin leitete Jobn Forrest im Jabre 1869 eine 
Expedition in derselben Ricbtung, die Mr. Fane verfolgte, um nach 
JSpuren von Leicbardt und Genossen zu sucben , und mcbt lange 
darauf Mr. Frederick Boe von York aus, einer 60 Miles ostHcb von 
■P^tb gelegenen Municipalstadt. Beide Reben endeten resultatlos, 
weil man keine Eingeborenen antraf, welebe die Eiozelbeiten er- 
zablen konnten, die jetzt Mr. Fane erfubr. Im Jabre 1854 reiste 
Mr. Austin von Pertb nacb dem Murcbisoa-Flusse. Die angeblioben 
Leicbardt-Reste, wenn sie exisdren, durften wobi an einem Orte zu 
•sucben sein, welcber zwiscben den Roiserouten von Austin und 
Forrest liegen. 

Die Neu- Guinea- Expedition. Der Forscbungstrieb, wel- 
pber Australien beseelt, bat sicb aber nicbt auf diesen Continent 
aUein bescbriinkt* Man bat aucb NeurGuinea ins Bereicb gezogen* 
Was man bisber von dieser gr^ssten unter den australiscben Inseln 
weisB, spricbt dafur, dass eine dortige Colonisation nm* guten Erfolg 
liabea kann, wie^obl :die Holiftnder, welebe sicb an der WestkiUte 
angesiedelt batten und aucb die westlicbe B^lfle von Neu-Guinea 
bis zu 141 ^ Ostl. L. V. Gr. nocb beute als ibrEigentbum beanspruchen, 
jbre Ansiedelung seit unge&br 30 Jabren wieder aufgegebeu baben« 

Die vielfacb gezabnte^ 5000 Miles im Umfange baltende K&ste 
kt der Scbifffabrt ausserordentiicb gfinstig. Zur einbeimiscben 
Vegetation zftblen der Kampberbaum und vortrefflicbe Nutzboker, 
die Sagopalme, d^ar Kokosbaum, der Brotfrucbtbaum, das Zucker- 
irobr, versdiiedene Varietaten von Bananen, Beis, Mais, die ^mlde 
Muskatnuss und viele GrewQrzarten. Gold und Silber, sowie Edel- 
•steine aind ebeafalls gefunden worden. Aucb die ziemlicb zabkeicbe 
JBevQlkerang der Insel soU ifn Ganzen friedliebend seiU) wie von 



Die neaesten Entdeckangsreie^n in Australien. 365 

Missionliren) die an der BQdIichen KOste thfitig sind, bericlitet wird, 
tmd die mancberlei Grausamkeiten , welche von noch dort Handel 
treibenden SchiffscapitSnen gerne ersShlt werden, sind wohl 2am 
grossen Thdle von diesen im eigenen Interesse erdaeht, mindestens 
«efar Qbertrieben worden. 

Dazu Icommt: man fQrohtet, dass Rnssland oder Dentscbland 
Besitss Ton Nea^Gttinea.ergreifen werden, and dass damit sich ein 
fremder Keil in die asiatischen und africaniscben Besitzangen Gross- 
Britanniens einschiebe. Aos diesem Grande bat man in Australien 
sehon seit langer als einem Decenniam an eine Colonisation aaf Neu^ 
Guinea gedacbt. 

Es war zuerst im Jahre 1863, als sich in Sydney eine Ge- 
sellscfaaft bildete, an deren Spitze der presbyterianiscfae G«istliche 
Dr. Lang, ein einfiussreicfaes Parlamenti^mitgHed, stand, wekbe bri* 
t38che Ansiedelnng auf Neti- Guinea ins Auge fasste. Die Sache 
scheiterte vorlftufig an dem Umstande, dass ohne speeielle EinwiHi'- 
gung der englischen Regierung keine engliscbe Colonie gegrunde): 
werden k^nne und auch keine bestebende Golonie — also in die- 
sem Falle Neu-Stid- Wales — beftigt ware, eine TocHtercolonie ausztl'- 
senden. 

Im Jabre 1869 rief Dr. Lang eine neue Gesellschaft fiir den- 
selben Zweck ins Leben, und es ging der Bescbluss dabin, auf eigene 
Hand, unbekiimmert um engliscbe Hobeit, eine Ansiedelung auf 
Neu-Guinea zu grunden. 80 Personen segelten von Sydney dabin 
ab ; allein nicbt nur war das ScbifP seeuntticbtig, sondern der Capitain 
aucb ein schlechter Seemann. Der Sehoner scbeiterte nicbt weit 
von der Ktiste der Insel. Die Halfte der Passagiere fand ibren 
Tod in den Wellen, und der feige Capitain mit einigen Matrosen, 
welcbe sicb m einem Boote batten retten wollen, wurden beim Landen 
von den Eingeborenen erscblagen. 

Die von Capitain Moresby, dem Commandanten des blritischen 
Krieggachiffes ^Basilisk^ in nenester Zeit gemaehte Entdeckung eines 
ausgezeicbneten Hafens an der SttdostkOste gaben dem Interesse fUr 
Neu Gtdnea wieder einen neuen linpuls. Aucb in England fing man 
BU, sich filr britiscfae Colonisation auf Neu-Guinea zu interessiren. 
Einflussreicbe M&nner thaten sicb in diesem Sinne znsammen' lind 
isucbten den Colonialminister Lord Carnarvon fQr ibr Ptoject zu ge- 
winnen> Dieser zeigte deb aucb gerade nicbt abgeneigt, allein er 
wiinscbte, dass, bevor er in d^ Saebe amtlicb vorgebe, die austra^ 
Hschen Colonien sicb deutlicher und energischer offentlicb aus^ 
sprecben sollten. 

Diese Nacbricht traf auf telegrapbischem Wege in Sydn^ey zu 
einer Zeit ein, wo es dieser Auftnunterung gar nicbt bedurfte. Das 
bisberige langjsihrige Parlamentsmitglied der Colonie Neu-Sad-Wales> 



366 A* Herensky: 

William Madeay, ein sehr reicher ColoBist, war eben damit be- 
Bchaftigt, anf eigeue Kosten eine Expedition nach Nen-Gaiate ans* 
8arQsteD» welche sich zur nfichsten Aufgabe stellte, das grosae Delta 
anf der Westseite vom Golf von Papua grQndlich zn erforschen und 
za untersuchen, ob eine Ansiedlung dort angezeigt aei. Maii fahrte 
auch ein kleines Dampfboot mit sicb, nm damit anf den FlQssen, 
welche man dort zu entdecken bofft, hinan^ufabren. Die Ffthruag 
dieser Blxpedition^ die aufs voUst&ndigste aasgerQstet ist, hat William 
Macleay, weicher als Laie in den Naturwissenachafien ungewofanlich 
bewandert ist, selber Abernommen. Das Schiff nChevert**, mit 
welchem die Reisegesellschaft befOrdert wird, verliess Sydney am 
18. Mai 1875 und war am SO. Mai. bei Townsville, Queensland, an- 
gelangt 

Aus Melbourne wird una vqul 9. August dieses Jahres gemel- 
det, dass dort eben falls eine Compagnie in der Bildung begriffen 
ist, mit einem Capitate von 5000 Pfd. SterL, welche den Zweck 
bat, eine colonisirende Expedition nach Neu-Guinea auszuschicken. 
Es soil oin Scbi£P angekauft und am Port Moresby, an der 5stUcben 
KUste von Neu-Guinea, eine Factorei oder HaHdelssiation angelegt 
werden; 



XVI. 
Eine neue Karte der sQd-afrikanischen Republlk. 

Von A. Merensky. 
(Hierzn eine Earte, Tafel V.) 



Zu der in dieser Zeitsobrift publicirteu neuen Karte der 
Sttdafrikanischen Republik soil der vorliegende Aofsatz einige Er^ 
Erlauterungen geben ; wenn dieselben das Tbema nicht erscbopfen, 
80 moge die Notiz, dass der Yerfasser desselben in wenigen 
Wocben Deutscbland wiederum verl&sst, urn nach Siid-Afrika zuruck- 
Zttkebren, als leicbt erklarlicher Entschuldigungsgrund gelten. 

Yor noch 15 Jabren war es fast unmoglicb, eine Karte des 
beutigen Gebietes der sud-airikanisoben Republik zu construiren. 
Es war dasselbe nocb fast ganz unbekannt. Die ausgewanderten 
hoUandischen Bauern batten gegen das Ende der dreidsiger Jahre 
den Yaalfluss uberscbritten und in den vierziger Jabren in den 
bestenStricbenTransvaals Farmen, selbst einige sogenannte^^Dorfer,^ 
d. h. Centralpunkte fur die Yerwaltung ihrer Angelegenbeitan, 
angelegt, aber es feblten unter diesen Leuten Manner, die das 



Eine nene Karte der sad-a&ikjiiiischen Repnblik* 357 

Geschkk/oder auch nur das Interess^ gehabl hatten, fur die Fest* 
stellang der geographiscben YerhaltQisse des occupirten Landed 
etwaa zu tbnn. LandmesBer gab es in jenen Zeiten unter den 
Banern noch nicbt, der Grundbesitz wnrde darch Umreiten der 
Feldmark nacb dem Koropass bestimmt, und im betreffenden Do^ 
cument die Zabl der Minuten, welcbe das in Scbritt gehende Pferd 
jsu dieser Arbeit braucbte, als Maass der Entfernungen eingetragen. 
Yon europaiachen Reisenden batten die beruhmten Missionare 
Moffat und Livingstone die sudlicheren Theile des Landes, Jager, 
wie Gordon Gumming, Harris, Delegorgues und Gasdiot aucb die 
nordlieheren strichweis bereist, aber, wie verdienstvoll auch diese 
Beisen als Yoruntersucbungen gewesen sind, dass die Kenntniss 
auch dieser Manner von den Einaelbeiten der Bodengestaltutig 
unseres Landes nur eine geringe war, das beweisen alle aug 
jenen Zeiten stammenden kartographischen Darstellungen der 
Bepuhlik. 

In den funfisiger Jahren gab General Hall seine sehr tuchtig 
gearbeitete Karte Sud-Afrika's in England heraus. Auch das 
Transvaalgebiet war auf derselben dargestellt, aber leider, wie 66 
nach den vorausgeschickten Bemerkungen gar nlebt anders sein 
konnte, in luckenhafter und fehlerhafter Weise* Als Hauptfehle'r, 
der auch auf alien in jener Zeit in Deutschland construirten KarteB 
dieses Theiles von Sud-Afirika immer wiederkehrt, machte aieh 
geltend, dass das Bandgebirge (Draken-Gebirge) als ein von Natal 
aus gerade nach Norden Uufender ununterbroohen'er Gehirgs^ug 
dargestellt war, an dessen ostlich&m Abhang man dann alle die 
Strome entspringen liess, deren unterer Lauf von der Kuste (der 
Delagoabay) her bekannt war, so besonders den Komate mit 
seinen Nebenfiussen, wahrend wir jetzt wissen, dass diese Flusse auf 
den Hochebenen, als deren Umwallung oder Abhang das Drakenge** 
birge hier nur noch auftritt, entspringen* Dass dieses. Gebirge nach 
dem Glifants-Fluss bin sich sehr verzweigt, dass es von dem 
Punkte, wo es dieser Strom durchbricht,. sich nordwestlich wendet 
und endlich von der ungeheuren Limpopo -Niederung ganz unterr 
brochen wird, wusste man damals noch nicht. Auch die Kenntniss 
der ethnographischen Yerhaltnisse des Transvaal? Gebietes war 
noch sehr gering in jener Zeit. In den fanfziger Jahren finden 
wir die Yolksnamen, welche die Reisenden gesammelt batten, ohne 
Yerstandniss und Kritik in die kartographischen DarsteUungen dieser 
Gegenden eingetragen. 

Erst nachdem im Anfang der sechziger Jabre die Repuhlik 
sich mehr und mehr dem Yerkehr offnete, wurde auch ihre Geo- 
graphic schrittweis gefordert. Berliner Missionare fassteti 1860 
im Lydenburger District festen Fuss. Sie gaben zuerst uber den 



366 ^* Merensky: 

obern Lauf der ostwarts stromenden Flusse, wie uber die Tolker- 
Terhaltnidse Anfschluss. Im Jahre 1866 traf der Reisende Manch 
ein. Seine Reisen fahrten ihn znnachst dutch die sadlichen 
und westlichen, spater auch dnrch die nordliohen nnd ostlichen 
Theile des Landes. Besonders in Bezug auf die erBteren ver- 
dankt die Kartographie Transvaals diesem uneTmudlich thadgem 
Manne unendlich viel. £r war der ecbte deutsebe Forscher. Mit 
geringen Mitteln ansgernstet, bescbeiden and ansprucbslos, bat er 
seine Gesnndbeit im Dienste der Wissenscbaft, nnd zwar zunacbst 
im Dienste dentScber Wissenscbaft, darangesetzt, nm wahrend seiner 
leteten Jabre im Yaterlande mit Sorgen nm seine Existenz zu 
kampfen. Dem Verfasser stebt Maueh nocb dentlicb vor Augen, 
wie er eines Tages im Missionsbanse von Botsabelo nacb mub- 
seligen Tagemarscben Rast and. Erquickang suobte. Eiii ledemer 
Anzug amgab die stammige Figar. Revolver, Compass, Sextant> 
Jagdmesser and eine Blecbscbussel bingen an seinem Gtirte, in 
den Handen trag 'er das Doppelgewebr, einen Ersatzlauf for 
dasselbe and die anentbebrlicbe wollene Deeke aof dem Rneken, 
Wabrlich, keine Kleinigkeit ist es, so bepaekt, obne Hnlfe treaer 
iiingebomer, die afHkaniscben Wildnisse zu durebstreifen. Und 
diesem Mann bat man bei seiner Rackkebr in Dentscbland Vor* 
warfe'macben wolien, dass er keine Sammlungen von Naturalien 
aa^ seinen Reisen tangelegt babe ! SoUte er die etwa aucb nocb in 
seinen Tascben durcb die von Tsetse and Fieber infidrten Land- 
Irtricbe tragen? Ein anderes Mai trafen wir Mancb am- Ufer des 
Vaalflasses, aaf der Ruckreise von den DiamantJBeldbm nach 
Potcbefstroom begriffen. Der Reisende war in etnem scbleefaten 
Boot, welcbes derartig Wasser durcbliess, dass er nar barfassig 
darin bandtieren konnte, den Yaalflnss an 40 deatscbe Meilen weit 
stromab gefabren, am desseh Krammangen aaizunehmen. Ueber 
Felsen, durcb deren Stromscbnellen er stin Boot, dasselbe am Tad 
festbaltend, wolite gleiten lassen, batte ibn dieses nacbgescbleift; er 
liess es aber nicbt fabren, er wolite seinen Zweck erreicben, and 
er bat ibn erreicbt, denn aucb in der vorliegenden Earte ist der 
zwiscben Potcbefttroom und Hebron liegende Tbeil des Vaalflasses 
nacb der von Maucb damals in^s Werk gestellten Auftiabmegezeicbnet« 
Maucb batte, wie seine ganze Ausrustang nur durftig war, 
aucb nur mangelbafte lustrum ente; es bat sicb desbalb leider 
berausgestellt, dass seine Positionsbestimmungen, besonders seine 
Langenaufnabmen, wenig zuverlassig sind. • Wir verdanken aber 
einigen Anderen, so den Reisenden Mobr und Baines, genauere Be- 
stimmungen der geograpbiscben Lage einiger Pankte im westlicben 
und s^dlicben Tbeile der Republik, welcbe bei der Construction 
einer Karte dieses Landed vom grossten Wertbe waren. 



£ine neae Karte der 8fid-a£rik«niBclien Bepublik. 3^9 

Das Ton den genannten Reisenden und Missionaren im Lanfe 
der Jahre gelieferte Material ist im Perthesschen geographischen 
Institute besonders durch Dr. Petermann's rege Theilnahme and 
nnermndlichen Fleiss, vielfach pnblicirt nnd verwerthet worden. 
Im Jahre 1867 gaben wir mit P. Jeppe in Potchefstroom vereint 
die erste grossere Karte des Transvaalgebietes herans. Sie er* 
fichien von Dr. Petermann nberarbeitet in Ootha und gab die erste 
genanere Darstellung des Landes. Jetzt aber lag neues Material 
znr Gennge vor, der Yerfasser hatte selbst immer wieder die 
nordlichen nnd ostUchen Theile des Landes bereist, so dass es an 
der Zeit erscbien, jene erste, dnrch nngnnstige Umstande noch 
vielfach fehlerhaft gebliebene Karte der Republik durch eine neue 
Arbeit zu ersetzen, welche nnn dem fur die Oeographie Afrika's 
sich interessirenden Pnblikum in dieser Zeitschrift vorgelegt wird. 
Die Lager der Ooldgraber am Blydeflnss sind nach einer noch 
rechtzeitig aus Lydenburg eingegangenen Skizze eingetragen, die 
Lager der Diamantgraber nach eigner Anschannng nnd nach den 
Angaben des vom ^Yrystaat^ znr Wahrung seiner Ansprnche an 
die Diamantfelder, England gegenuber, heransgegebenen ofEiciellen 
Werkes. Die Grenze der Tsetsefliege ist nach eigenen Beobach*" 
tnngen berichtigt, sie fallt so ziemlich mit der Grenze des ab- 
solut nngesunden Tieflandes (an der Euste nnd in der Limpopo- 
Niederung) zusammen. Bei der Eintragnng der Yolksnamen ist die 
nothige Kritik genbt worden. 

Auf einen schwachen Pnnkt der vorliegenden Karte anfmerksam 
zu«machen, sei noch gestattet. Es ist dies die geographische Lage 
des Stadtchens Lydenburg, auf welche es der grade bier sich 
markirenden Gebirgszuge, der Auslaufer des Drakengebirges, wegen 
viel ankommt. Der Ort hat auch durch die in seiner Nahe ent- 
deckten Goldfelder an Interesse gewonnen. Lydenbnrgs Lange 
war von Mauch auf 31" 29 ^ von St. Yincent Erskine, welcher 
Geometer von Fach ist, sogar auf 31" 81' Lange ostlich von Green- 
wich fixirt worden. Trotzdem hat sich Dr. Petermann veranlasst 
gesehen, den Ort viel welter westlich auch auf seinen neuesten 
Karten darzustellen, weil Itinerare von Reisenden die Entfernung 
Lydenbnrgs von der Delagoabay far bedeutender erscheinen liessen, 
als sie sein wurde, wenn jene Langenbestimmung richtig ware. 
Wir sind in unserer Karte trotzdem dieser Bestimmung gefolgt, 
indem wir geneigt sind, jene Angaben von Reisenden durch den 
Umstand zu erklaren, dass zwischen Lydenburg und Delagoa bis 
dahin auch nicht die Spur einer gebahnten Strasse existirte, Rei- 
sende also leicht die zuruckgelegten Strecken nberschatzen konnten. 

Zum Yerstandniss unserer Karte sei noch bemerkt, dass unter 
den „Dorfern** (villages) Transvaals Orte zu verstehen sind, welche 

ZeitMhr. d. Gesellseh. f. Brdk. Bd. X 23 



870 A. Merensky: 

als Centren far die Yerwaltung des Landes angelegt wurden, also 
werdende Stadte. Unter diesen sind Potcfaefstroora , Rustenburg, 
Pretoria und Ljdenbarg die bedeutendsten. Andere sindnoch sehr 
zuruck. Nyistroom bestand z. B. im Jahre 1872 aus einem 
ziemlich baafalligen „ office^ d. h. Regierungsgebaude und einigen 
zerfallenen Hutten. Ein einziges besseres Haas war zu seben, 
welcbes einem hollandischen Speculanten geborte. Sonst finden 
gicb in den meisten dieser Dorfer eine Kirche und ein Pastorat. 
Handler und Speculanten siedeln sich an, und allmahlig wacbst 
das Ganze. Bauerndorfer in unserem Sinne giebt es nicbt in 
jenem Lande. Der Farmer oder Bauer beansprucbt zu seinem 
Gebraucbe, der Viebzucbt wegen, welche einen Haaptzweig der 
Landwirthscbaft ausmacbt, ein zu grosses Areal, als dass er mit 
anderen Leuten auf einem Dorfe zusammenwohnen konnte. Als 
voile Farm, als Bauernplatz, gilt ein Gebiet von 9000 Magdeburger 
Morgen. Von solchen Farmen ist auch in der vorliegenden Karte 
eine Anzahl verzeicbnet; sie batte aber in's Unendliche vermebrt 
werden konnen, da die Zabl der von den Colonisten bebauten 
„Platze^^ in der Republik sicher zwiscben 8 und 4000 betragt. Es 
ist aber wertblos, Farmen, die baufig wieder ganz verlassen werden, 
in eine Karte einzutragen. Fur das allgemeine Bedurfniss, wie 
aucb fur das des Reisenden, genugte die Angabe der grosseren, 
besonders der an den Hauptstrassen gelegenen Bauernbofe. Es 
moge die Auswabl, welche wir getroffen haben, auch nach ihrer 
Yertheilung im Lande einen Anbalt gewahren, die von den Weissen 
bewobnten Gegenden zu erkennen. 

Innerhalb des Grundgebietes der Republik wohnen gegen 
350,000 Schwarze, verschiedenen Zweigen der sudafrikanischen 
Yolkerfamilie angehorig, im Lande selbst unter dem Namen der 
^Eii^ern^ zusammengefasst. Unter diesen sind eigentliche Eaffern 
etwa 60,000, und zwar Amaswazi und Matebelen, Basutho's, d. h. 
kafferahnliche Betsuanen, etwa 140,000, Batsoetla und Masele 
oder Bahloekoe (vielleicht die altesten kafferabnlichen Bewohner 
dieser Lander) 70,000 und etwa 70,000 Betsuanen, letztere be- 
sonders im siidwestlichen Theile der Republik. Zu der Regierung 
der Weissen steben alle diese Stamme meist noch in sehr unklarem 
Yerbaltniss. Yiele derselben sind factisch noch ganz frei, andere, 
wie die Amaswazi, heissen Bundesgenossen der Republik, andere 
kleinere Abtheilungen, besonders in den sudlicheren Theilen des 
Landes wohnend, sind schon voUstandig unterworfen. Hottentotten 
wohnen in geringer Anzahl am untern Yaalfluss und einige wenige 
Bushleute auf den Hochflachen, denen der Elephanten- und Yaal- 
fluss entstromt. Es ist dem Yerfasser nicbt moglich, jetzt naber 
auf die interessanten ethnographischen Yerhaltnisse Transvaals 



Eine nene Rarte der stid-aMkanischen Itepnbllk. 371 

einzugehen, diejenigen der geehrten Leser, welche sich epecieller 
fur dieselben, sowie far die Verbaltnisse der Repnblik uberhaupt, 
inter essiren, darf derselbe wohl aaf seine ^ Beitrage zur Kenntniss 
Sud-Aftikas'' (Berlin 1875, Wiegandt Grieben) aufmerksam macben. 
"Wobl ware es sebr wunscbenswerth , dass es bald gelange, 
eine Karte mit genauer Darstellang der physiscben Verbaltnisse 
jdiesee Tbeils von Sud-Afrika berzustellen , da die Ricbtungen der 
G^birgsznge, sowie die Vertbeilung der Hocb- und Tiefebenen 
ausser9t merkwiirdig sind. Leider waren die bisher angestellten 
Hobenmossungen nur wenig zuverlassig. Es ware jetzt aber viel- 
leicbt die Zeit gekommen mit besseren Instrnmenten nene Anfnahmen 
der Hohenverbaltnisse zu veranlassen. Auf Erforscbnng dieser 
Yerbaltnisse soil nacb erfolgter Ruckkebr in die Transvaal-Republik 
unsere Aufmerksamkeit vornebmlicb gericbtet sein. 



Zusatz der Redaction zu vorstebendem Aufsatz. 

Anknupfend an den obigen Hinweis anf das soeben ersobienene 
Bncb des Snperintendenten der Berliner Transvaalmission , Herrn 
Merensky, bait die Redaction es far angezeigt, znm naheren Yer- 
standniss der Verbaltnisse vom Transvaal einige Notizen aus jenem 
Bucbe hinznzufugen. Der jetzt mit dem Namen der Sndafrikani- 
scben oder Transvaal-Republik bezeicbnete Staat verdankt seine 
Entstebung der Einwanderung der Boers, welcbe nacb den blutigen 
Kampfen gegen die Englander in Natal zu Anfang der vierziger 
Jabre nacb Norden sich zuriickgezogen und unter ibren bewahrten 
Fnbrern, dem General Andries Praetorius and Commandanten 
Potgieter , jenseit des Vaalflusses sicb in den drei Districten von 
Potscbefstrom , Lydenburg und Zoutpansberg eine neue Heimatb 
gegrundet batten. Diese drei Niederlassungen wurden in dem 
Sandrivier-Vertrage vom 17. Januar 1852 von England als selbst- 
standige anerkannt, und im Jabre 1858 vereinigten sicb dieselben 
zu einer Gesammtrepublik, deren Grundgesetz im Jabre 1858 be- 
scblossen und proclamirt wurde. Den gesetzgebenden Korper 
bildet ein aus 30 Vertretern durch allgemeine directe Wablen be- 
rufener Volksratb; alle Gesetze werden nacb der Bescblussnabme 
drei Monate lang im Staatsanzeiger publizirt, wabrend welcber 
Zeit dem Volke das Recbt zustebt, dieselben anzunebmen oder 
abzulebnen. Dass unter diesen in der Eigenart der Boers be- 
grundeten, fur die gedeiblicbe Entwickelung des Staatswesens aber 
keineswegs gunstigen Verbaltnissen die GesetzvoUstreckung durch 
den Prasidenten und den ibm beigegebenen „ausfubrenden Ratb^ 

23* 



872 ZoBAts 211 vorBteliendein Anlbats* 

eine sehr schwierige ist, liegt anf der Hand, zamal da demselben 
keine Mittel sur Ansfuhrang der Oesetze zn Gebote stehen, and 
ebenso wenig haben die for die elf Districte eingesetsten iJand- 
droste die Macht, ihren Yerordnungen Nachdrnck zn geben, denn 
die Republik bat aucb nicbt einen einzigen Soldaten. Es wider- 
strebt den Boers, wie fruber gegen die Basutbo's aggressiv vor- 
zugeben, ja es ist geradezu bei den sonst stets kriegsbereiten 
Boers im Interesse ibres Besitzes eine Kriegsscben eingetreten, 
welcbe sie abbalt, einen Conflict mit den Basatbo^s beryorzurnfen, 
zumal da der Ausgang eines Kampfes gegen die numeriscb weit 
nberlegene und mit Scbosswaffen wobl versebene farbige Bevol- 
kerung fur die Boers ein sebr zweifelhafter sein wurde. Und 
dennocb sind Conflicte unyermeidlicb. Dies liegt aber bauptsacb- 
licb darin, dass die Grenzen der Republik im Norden and Nord- 
osten vollstandig illasoriscb sind, da die mit den Portugiesen 
vereinbarte Orenzlinie eben nur insoweit von Wertb ist, als da- 
durcb bei weiterer Entwickelung dieser Lander ein Zusammen- 
stoss beider Macbte zu vermeiden sein durfte. Gerade innerbalb 
dieser von der Hepablik beansprucbten Grenzen sind aber yollig 
anabbangige Kaffemstamme sessbaft, deren Besitzrecbt aof den 
von ibnen bewobnten Grand and Boden von den Boers nicbt an- 
erkannt wird and die unter strengen, das Wobl des Staates aber 
jedenfalls sebr beeintracbtigenden Gesetzen niedergehalten werden. 
So bat beispielsweise der Weisse nar 7\i Mark, der Scbwarze 
20 Mark als Kopfsteaer zn bezablen; letzterer darf nicbt Grand- 
besitzer sein, kein Pferd besitzen, ist in gewissen Tbeilen des 
Landes von der Jagd ausgescblossen und darf sicb auf den neu- 
entdeckten Goldfeldern nicbt am Goldwascben betbeiligen. Die 
Strenge in der Ausfabrung dieser Gesetze liegt aber ganz in der 
Hand des Landdrost, ja sogar jedes Boer, und so kam es, dass 
durcb langandauernde Feindseligkeiten die nordlichen Gebiete der 
Republik verbeert u];Ld da, wo die woblbewaffneten Kaffern yyider- 
standsfabig waren, bebaute Landesstricbe an die Eingeborenen 
wiederum verloren gingen, Wobl stebt eine Besserung dieser 
Yerbaltnisse in Aussicbt, seitdem im Jabre 1874 der neue Pre- 
sident der Republik, Mr. Burgers, fruher Prediger in einem Dorfe 
der Capcolonie, die Verwaltung des Landes in mancber Beziehung 
zu puriflciren begonnen bat. Leider bat sicb aber unter diesen 
neuen Yerbaltnissen eine Oppositionspartei unter den Boers ge- 
bildet, welcbe, unzufrieden mit dem wacbsenden Einfluss der Euro- 
paer und der mebr und mebr angebabnten Erlosung des Scbwar- 
zen aus .seiner unwurdigen Stellung, ihr eigenes bis dahin allzu'^ 
freies und mitunter ungesetzlicbes Treiben fur gefahrdet erachtet. 
JN^acb dem Urtbeil des Herrn Merensky stebt es sicber zu erwar-* 



Zusatz zu vorstehendem Aafsatz. 373 

ten, dass, wenn das Land in seiner Entwickelung weiter fort- 
schreitet, diese Elemente der Boers wiederum den Wanderstab 
ergreifen nnd weiter nach Norden neuem Ungemach nnd Elend 
entgegenziehen werden; trotzdem, so schliesst der Verfasser, wird 
ihnen nnsere Sjmpathie nicht fehlen, denn es hat dies Yolk eine 
Cnltnrmission in Afrika zn erfuUen. 

Anf der Karte hat der Verfasser die Oegenden, in denen 
die so gefurchtete Tsetse vorzngsweise erscheint, dnrch einen 
grunen Strich umschrieben. Derselbe umschliesst im Norden den 
Lanf des Limpopo, sowie die Unterlanfe seiner Nebenflusse und 
dehnt sich ostwarts langs des Terrassen-Abfalles der Drakenberge 
bis znr St. Lucia-Bai bin. Die Fliege halt sich stets in gewissen 
Thalern oder an Bergen anf, ist in manchen Gegenden, seitdem 
man sie beobachtet hat, vorgeruckt, aus anderen zuruckgewichen, 
eine Erscheinung, welche mit dem Wechseln des Wildes zusammen- 
hangt. Gute Fuhrer kennen den Aufenthalt der Tsetse, und konnen 
dadurch Gegenden, welche sonst durch dieselbe als sehr gefahrdet 
gelten, mit Zugthieren umgangen, ja sogar da, wo das Yorkommen 
des Thieres sich an gewissen Oertlichkeiten localisirt, darchschnitten 
werden. Nie findet sich die Tsetse auf nackten und von Busch 
und Baum entblossten Feldern oder in Gegenden, in denen grosse- 
res Wild ausgerottet oder vertrieben ist; gerade da, wo Biiffel- 
oder Zebraheerden sich aufhalten, erscheint die Fliege am haufig- 
sten, ohne dass ihr Stich diesen Thieren schadet; in bewohnten 
Landstrichen kommt sie jedoch niemals vor. So erzahlt der Yer- 
fasser, dass bei seinem Aufenthalt im Pedilande die Tsetse im 
Thai des Steelportflnsses hauste; neben diesem Flusse zieht sich 
in einer Entfernung von 2 — 5 Meilen das von den Bapedi dicht 
bewohnte Land am Fusse des Leolu-Gebirges bin, und trotz dieser 
geringen Entfernung werden die zahlreichen Rinderheerden dieses 
Stammes nie von der Tsetse belastigt. Ebenso ist die Factorei 
an der Delagoa-Bai ringsum von der Tsetse eingeschlossen, ohne 
dass der Yiehstand der kleinen Colonie von ihr angegriffen wird. 
Wo Busch und Baum gelichtet werden, verschwindet das Thier 
zugleich mit dem Wilde, wo aber eine Gegend der Yerwiistung 
anheimfallt und Busch - und Baum wieder aufv^achsen und Wild 
wieder einzieht, erscheint sie wieder. So hat die Tsetse z. B. 
im Transvaal, seitdem das Land durch Mosilikatse verwustet wurde, 
sich selbst iiber einstmals bewohnte Niederlassungen wieder aus- 
gebreitetj Jedenfalls verhindert die oben erwahnte Yerbreitung 
der Fliege im Flussgebiet des Limpopo, ebenso wie das in dor- 
tigen Sumpfniederungen herrschende Fieber den Yerkehr der Be- 
wohner vom Transvaal nach dem Limpopo und der Kuste; mit 
dem Yordringen der Kultur nach dieser Richtung bin darf man 



374 Zasatz zu vorstehendem Aufsfttz. 

aber auch auf ein Znrtickweichen der Tsetse aus diesen Land- 
gtrichen hoffen. Yielleicht ist es der oben angedeuteten Auswan- 
derung unzufriedener Boers vorbehalten, auch am Limpopo diesen 
Theil ihrer Cultarmission zu erfullen* 

Was die uuterirdischen^ Bodenschatze des Landes betrifft, von 
welchen die Zukunft der Republik wohl hauptsachlich abhangig 
seia durfte, so birgt das ganze Hochland, welches im Osten durch 
den Terrassenabfall der Drakenberge begrenzt wird, Budlieh bis 
an die Gebirge reicht, in denen der Oranjefluss entspringt und 
nordwarts mit tiefeingesenkten Thalschluchten sich zum Limpopo 
herabsenkt, weitverzweigte Kohlenlager, welche haufig in den von 
Regengussen gegrabenen Schluchten und an den Flussuf^rn za 
Tage treten, und dort ohne weiteren Abbau geschurft und benutzt 
werden. Kupfer, als Buntkupfererz und Kupferlasur, findet sich 
sich an vielen Pnnkten, und verlassene Gruben zeugen davon, 
welchen Werth die Kaffem in friiheren Zeiten der Gewinnung 
dieses Metalls beilegten. Bleiglanz, auch solches, welches silber- 
haltig ist , wird gefunden , ebenso Zinn an einzelnen , in unge- 
sundem Tieilande gelegenen Stellen. Femer sind Graphit und 
Reissblei in bester Qualitat vorhanden und werden von den Ein- 
geborenen zur Verzierung ihrer Thongeschirre benutzt. Ein Nickel- 
und Kobaltbergwerk ist auf der Missionsstation Botsabelo im Ent- 
stehen. Was endlich d^s Gt>ld betrifft, so entdeckte ein Mr. Button 
im Jahre 1868 dasselbe zuerst im District Zoutpansberg, welches 
in feinen Partikeln in den dort zu Tage tretenden Quarzriffen 
vorkommt. G. Havermann, welcher seinen Besuch dieser Gegend 
im Jahre 1871 (vergl. Ule, Die Natur, 1873) schilderte, consta- 
tirte gleichfallB das Vorkommen von Gold, hielt aber eine loh- 
nende Gewinnung desselben nur durch Anwendung von Maschiuen 
fur moglich. Gegenwartig werden diese Button- Goldfelder (24° 
S. Br.) von einer englischen Gesellschaft mit Dampfmaschinen 
ausgebeutet, und es hat sich der Ertrag als durchaus productiv 
und lohnend herausgestellt. Leichter auszubeuten und deshalb 
zum Sammelplatz von grossen Massen von Goldgrabern geworden, 
sind die neuentdeckten Goldlager im Alluvium. Ein solches wurde 
im Jahre 1872 bei Lyd.enburg im Thale -des Blydeflusses, eiiies 
Nebenflusses des Olifantflusses, entdeckt und bald von Hunderten 
von Goldgrabern mit grossem Erfolg ausgebeutet. Herr Merensky 
sah im Jahre 1873 zwei dort gefundene Stucke gediegenen Goldes, 
das eine 2 Pfund, das andere 1^^ Pfund schwer, und im Jahre 
1874 wurden im Claim eines Mr. Barrington ein Stuck gediege- 
nen Goldes von 7 Pfund, im Juli auf demselben ein solches von 
49 Unzen aufgefunden. Solcher gliicklichen Funde hat der Ver- 
fasser- eipe ganze Reihe registrirt , muss . aber auf der anderen 



Zasatz zu vonitehendem Aufsalu?. 375 

Seite sngeben, dass, ahnlich wie auf den attstralischen Goldfeldern, 
die grossere Masse der Diggers eben nur soviel Gold gewixmt, 
um ihr Leben zu fristen, oder gezwungen ist, sicb bei den besser 
situirten Qoldgrabern als Arbeiter zu verdingen. — Diamanten 
sind bis jetzt in Transvaal nicht gefunden. Die grossen Dia- 
mantenfelder liegen am Yaalflusse, wo Griequaland -West^ der 
Oranje-Freistaat and das streitige Gebiet von Transvaal zusammen- 
stossen; dort warden im Jahre 1871 die reichen Minen bei Du 
Toits pan entdeckt. Weder Transvaal noch der Oranje - Freisl^at 
vermochten damals ihre Oberhoheit uber diese Diamantenfelder 
recht zar Geltang zu bringen and mussten scbliesslich zusehen, 
wie die Englander, als die dort zu Tausenden versanuuelten Dig* 
gers nicbts weniger beabsichtigten , als eine eigene Diamant-Re- 
pabHk zu grdnden und bereits die Flagge mit einem riesigen ge- 
malten Diamanten im Felde angefertigt und den Gastwirth Parker 
zam Prasidenten gewablt batten, das ganze Territorium unter dem 
Namen Griqualand-West ibren sudafrikaniscben Colonien einver* 
leibten. Jedenfalls ist die Entdeckung der Diamantenfelder, ebenso 
wie die der im eigenen Lande aufgefundenen Goldfelder, fur die 
Existenz vom Transvaal von den wichtigsten Folgen gewesen. Der 
Erwerb der Boers ist namlich auf Aokerbau, Yiebzneht and {ruber 
auf Jagd basirt. Der Ackerbau liegt uberall nocb sebr im Argen, 
da auf den Bauergutern ein nur verbaltnissmassig kleines Terrain 
fur die Cultur bestimmt ist und der Besitzer wegen der grossen 
Entfernungen von Natal oder der Capcolonie keinen Markt zur 
Verwertbung seiner Producte batte, da die weite Reise den reellen 
Gewinn aufzebrte. Nur die Viebzucbt bildete eine ergiebige Bin- 
nabmequelle, da der Unterhalt des Yiebs auf den ausgedebnten 
Weideflachen nicbts kostet und die Zugocbsen aus Transvaal sebr 
gesucbt sind. Die im Capland bis zuxn Yaalfluss mit grossem 
Yortbeil betriebene Scbafzucht gedieb aber nicbt in dem warmen 
und feucbten Klima des sudlicben Transvaal, bis vor zebn Jabren 
die Boers in grosser Zabl sicb mit ibren Heerden auf den.Hocb- 
flacben ansiedelten, wo die Scbai&ucbt gegenwartig mit grossem 
Erfolge betrieben wird. Ebenso lobnend ist die Pferdezucht auf 
den Hocbebenen, wahrend im Tieflande die Pferde haufig von 
der Pneumonie oder ^Lungensickness'^ ergrifiPen werden, an der 
die meisten sterben; etwa nur 5 pCt. der eingefuhrten Pferde. 
ubersteben diese Seucbe, und stehen diese, da sie nicbt wieder 
von der Seucbe ergriffen werden » unter der Bezeicbnung „ge- 
salzene Pferde" in den Tiefgegenden in hobem Wertbe. Die Jagd 
endlicb war so lange ergiebig, als ein reichlicher Wildstand vor- 
handen war ; seitdem derselbe aber tbeils ausgerottet, tbeils weiter 
in's Innere zuruckgedrangt ist, sind aucb die Jagdzuge der Boers, 



376 Zusatz za yontehendem Ao&atsB. 

welcbe 8ie oft auf Monate yon ihren Gehoften entfemten, nicht mehr 
lohnend. Wie schon erwahnt, lag in Folge der Schwierigkeit, die 
Landesproducte eu yerwerthen, der Handel darnieder, und wenn 
aucb der Prasident Praetorins dem Geldmangel dnrch Ansgabe 
yon Papiergeld mit Zwangscours zu gteuern yersuchte, so batte 
docb jn den benacbbarten Colonien, aus denen ein grosser Theil 
der Lebensbednrfnisse gezogen werden mnsste, die Repnblik keinen 
Credit. Nur dorcb die Entdeckang der Diamanten- and Gold- 
felder wurde der dem Staate drobende Bankemtt abgewendet, da 
nun die Bewobner einen Markt far ihre Producte fanden und die 
Preise far Korn, Yieb and Landbesitz fortwabrend im raschen 
Steigen begriffen sind. 

Wir konnen es una nicbt yersagen, bier gleicbzeitig auf die 
Yerdienste anfmerksam zu macben, welcbe unser Landsmann 
Eduard Mobr durcb seine Forscbungsreise von Natal bis zu 
den Yictoriafallen des Zambesi um die Wissenscbaft erworben bat. 
Wer sein jungst ersobienenes, in seiner ausseren Ausstattung sicb 
nacb alien Ricbtungen empfeblendes Reisewerk: Nacb den Yic- 
toriafallen des Zambesi (2 Bde. Leipzig, Ferd. Hirt <& Sobn, 
1875. XYI, 330 und 214 S. gr. 8, mit vielen lUustrationen in Holz- 
scbnitt und Cbromolitbograpbie) ein wenig genauer studirt, wird 
unter den Scbilderungen eines bewegten Jagerlebens, wie solebes 
an einen jeden Reisenden in den an Jagdwild and wilden Tbieren 
so iiberaus reicben sadafrikaniscben Gebieten mebr oder weniger 
berantritt und welcbes Mobr bereits wabrend seines ersten in das 
Jabr 1866 fallenden Jagdzuge in das Zululand kennen gelernt 
batte, eine grosse Menge wissenscbaflilicher Beobacbtungen ent- 
decken, welcbe far unsere Kenntniss Sudafrika's yon nicbt zu 
unterscbatzender Bedeutung sind. Wir recbnen hierber seine ge- 
diegenen Beobacbtungen iiber das dortige Tbierleben, 'uber die 
Bewobner, die Configuration des Bodens der von ihm durcbwan- 
derten Gegenden und endlicb, was far den Geograpben yon be- 
sonderem Wertb sein durfte, seine mit grossem Fleiss berecbneten 
Breiten- und Langenbestimmungen, welcbe am Schluss des zweiten 
Bandes zusammengestellt sind und yon denen wir eine Auswabl 
bereits auf S. 303 dieses Jabrganges unserer Zeitscbrift gegeben 
baben. Dieselben bieten aucb fur die Transyaal-Republik insofern 
ein besonderes Interesse, als die Lage yon Potcbefstrom und 
Rustenburg durcb geuaue Langen- und Breitenbestimmungen, von 
Krugers Farm und Wouderfontain, beide zwiscben den genannten 
Orten gelegen, yon der Mission Hermannsburg und der Mundung 
des Marico in den Limpopo durcb Breitenbeobacbtungen festgelegt 
worden sind. Mit welcben Scbwierigkeiten im Beobacbten aber 
ein Reisender in den sadafrikaniscben Wildnissen zu kampfen bat, 



Zusats su Torstehendem Aufsatz. 377 

dem, in stetem Kampf mit den ihn nnigebenden GefE^ren^ noch 
die Sorge far die Ordnang nnd Ei-haltnng seiner Cararane ob-' 
liegt, wissen wir aus Mohr's eigenem Munde,' tind mussen' ^ir tim 
so mehr dem eisernen Willen desselben , mit welchem er seinen 
Reiseplan verfolgte und durcbfahrte, nnsere voUkommene Aner- 
kennung zollen. — Mohr hatte sicb mit seinem Reisegefilbrten, 
dem Geognosten Adolph Hfibner aus Freiberg, dessen meteoro- 
logiscbe Tagebadier wir im Jabrgang 1872 unserer Zeitscbrif% 
(S. 350 ff.) ztirn Abdruck gebracht haben nnd der dem zweiten 
Bande des vorliegenden Reisewerkes einen werthvollen geo- 
logischen Excurs iiber die sudafrikanisdien Diamantenfelder bei- 
geffigt hat, am 14. November 1868 in Bremerhaven einges'chiflPi; 
und' war nach einem 'kurzen Aufenthalt in Cap^tadt am 8. Februar 
1869 in Durban in Natal gelandet. Nachdem hier alle Vorbe- 
reitungen zur Reise in das Innere, die Beschaffung zweier Wagen, 
wohl eingefahrener Zugochsen, von Reitpferden und zuverlassigeb 
Dienern , getroffen waren , setzte sich die kleine CaraVarie am 
8. Marz in Bewegung und erreichte, fiber * die Kustenterrassen , 
langdam aufsteigend, nach fSnftagigem Marscfae Maritzburg. Mit 
Ueberschreitung der dritten, bis zu 4500 Fuss si<ih ei^hebenden 
Terrasse schwindet der tropische Charakter der Gegend, und es 
beginnen hier jene vorzugsweise fur Rinder- und Pferdezucht gfe- 
eigneten Landstrecken , die westwarts durch die den Ostrand des 
ostafrikanischen Plateaus bildenden, hier an ihrem Knotenpunkte 
bis zu einer Hohe von 10,000 Fuss aufsteigenden Drakenberg^ 
begrenzt werden. Der 5500 Puss hohe llerians-Pass brachte die 
Reisenden auf das strauch- und baumlose Plateau des Oranje- 
Freistaats mit seinen sparsam zetstreuten Niederlassungen des 
Boers. Von dem Stadtchen Harrymith aus durchzogen sie in nord- 
westlicher Richtung die von Gnus, Blass- uiid Sprihgboek- und 
Quaggaheerden reich bevolkerten Ebenen des Otanje-S^reista'ats, 
uberschritten den Vaalfiuss und erreichten zu Anfarig Mai Potschef- 
Strom im Transvaal, wo sie mit dem Maler Bainei^ zusammentrafen, 
dem wir eine Reihe trefflicher Skizzen sudafrikanischer Sc^nerien 
verdanken, und der sich mit einer englischen, zur Untersuchung' 
der von Carl Mauch entdeckten Goldfelder am Tati ausgesandteri 
Expedition dorthin begeben wolHe. Nach einem BeSuch der merk- 
wurdigen, von dem Mooibach in seinem unterirdischen Latrf dilrch- 
stromten Kalksteinhohle von Wonderfontein fuhrte sie ihr Weg 
iibfer Rustenburg zur Westgrenze der TransVaal-Republik, mit 
deren Ueberschreitung sie in bis dahin wenig durch forschte'Gegen- 
den eintraten. Eine wasserleere und staubige Dornenwaldode, 
aus der hin und wieder Mopaniwaldungen ihre schattenlosen Zweige 
erheben, batten die Reisenden znnachst zu fiberwinden, bis sie' zU 



S78 Zusats su vorstehendem Au&atz. 

der grossen Negerstadt Sochong kamen, wo die Erlaubniss zam 
Darchcug darch das Land darch OeBchenke von dem Konige 
Matoheen erkauft werdon musste. Der Weitermarsch begann im 
Juli ; aber die Caravane hatte auf diesem, da in Folge der Durre 
alle Wasserlaufe versiegt waren, mit unendlichen Schwierigkeiten 
zu kampfen. Endlich traf sie in den letzten Tagen des Juli auf 
den Tati-Ooldfeldern ein, welche damals, da es noch an den zur 
Bearbeitung nothigen Maschinen feblte, nur einen wenig befriedi- 
genden Ertrag gewabrten. Die von bier aus mit den Matebele's 
angeknupften Yerbandlungen , um die Erlaubniss zum Durcbzug 
durcb ibr Gebiet zu erbalten, waren aber, da nacb dem Tode des 
bekannten Mosilikatse blutige Kampfe wegen der Tbronfolge unter 
den Hauptlingen der Matebele's ausgebrocben waren, so zeit- 
raubend, dass Mobr nacb einigen ergiebigen Jagdausfliigen , auf 
welcben er bis Inyatin vordrang, bescbloss, die Regenzeit am 
Mangwebache abzuwarten, wo ein Standlager aufgescblagen wurde. 
Als aber durcb Hubners Yermittelung von dem Hauptkraal der 
Matebele's die Erlaubniss eintraf , den Lauf des Ouayflusses zu 
Verfolgen und auf diesem Wege an den Zambesi vorzudringen, so 
Utt es den Reisenden nicbt langer in seiner un^reiwilligen, andrer- 
seits allerdings durcb Ordnen und Berechnen seiner Beobacbtungen 
woblangewandten Musse, und er wagte trotz der ungunstigen Jabres- 
zeit im November einen Vorstoss an den mittleren Guayfluss. 
Furcbtbare Gewitter, die zu Stromen angescbwoUenen Bergbacbe 
und die in unpassirbare Sumpfe verwandelten Mopaniwalder ver- 
eitelten aber seine Bemubungen, und nacb endlosen Anstrengungen 
sab er sich zur Ruckkebr in sein altes Standlager am Mangwe 
gezwungen. Hier blieben Mobr und Hubner bis zum Ende des 
Jahres 1869 und kebrten, um ibre Ausrustung zu erganzen, nach 
dem Tati zuruck, wo letzterer, als die Nacbricbt von der Ent- 
deokung der reichen Diamantenf elder am Yaalfluss einlief, sich zur 
geognostiscben Untersuchung derselben von Mobr trennte. Dieser 
begann beim Anfang der trockenen Jabreszeit am 22. Marz 1870 
seine Reise zum Zambesi, die ihn, dem Lauf des Tati folgend 
und mebrfiacb denselben, sowie seine Zuflusse scbneidend, zunacbst 
zu dem grossen, inmitten meiienweit sich ausdehnender Mais- und 
Durrbafelder gelegenen, von Makalakka's bewobnten Kraal Un- 
suase fuhrte. Yon dort ging der Weg in genau nordlicber Ricb- 
tung durcb dicbt bevolkerte Districte bis zu dem nordlicbsten, 
von Makalakka's bewobnten Kraal, von wo ab sicb bis zum Zam- 
besi ein unbewobntes, durcb die Matebele's und Mosilikatse voU- 
standig entvolkertes und mit endlosen Maponi- und Dornbusch- 
Waldern bedecktes Land ausbreitet. Yerspatete beftige Regen- 
gusse notbigten aber den Reisenden an dem Ufer des Nataflusses 



Zusatz zu vofstehendem Aufsatz. 379 

inmitten dieser feuchten Walder einen dreiwochentlichen Aufent- 

halt zu nehmen, so dass er erst am 24. Mai unter 19^ 11^ S. Br. 

den nordlichsten Punkt erreichen konnte, bis zu welchem es uber- 

haupt moglich war, mit seine n schwerfalligen Wagen vorzudringen. 

Das Gepack wurde hier bis zu seiner Ruckkehr unter Neger- 

bedeckung zuruckgelassen, und nur mit geringer Begleitung brach 

Mobr zum Zambesi auf, dessen Ufer er am 12. Juli betrat. Bei 

dem am gegenuberliegenden Ufer wohnenden Negerchef Wanki 

wurde ihm gastlicbe Aufnahme zu Tbeil, und hier erhielt er Fuhrer 

nacb dem Mosiwatunja- oder ViGtoriafall , in dessen Nahe er am 

19. Juli far einige Tage sein Lager errichtete. Die uberwalti- 

gende Grossartigkeit dieses Wasserfalles kennen wir bereits aus 

Livingstone's Schilderungen , und in Mohr hat derselbe in Bezug 

auf die physikalischen Erscheinungen und Positionsbestimmungen 

den ersten wissenschaftlichen Beobachter gefunden. Einen weiteren 

Yormarsch liber den Zambesi hinaus zu unternehmen, musste sieh 

der Reisende aber aus dem Grunde versagen, weil es ihm an 

Geschenken fur die Negerchefs, sowie an Taqschmitteln, um Lebens- 

mittel von den Eingeborenen zu erhandeln, fehlte. Befriedigt von 

den Resultaten seiner Reise, auf welcher er, ungerechnet die 

Jagdausfliige, 280 deutsche Meilen durchmessen hatte (die Ent- 

fernung in der Luftlinie von Durban bis zu den Yictoriafallen be^ 

tragt 199^^ Meile), trat er am 22. Juni die Riickreise an und 

traf Ende November wieder in Durban ein. "Wir schliessen unser 

Referat mit dem aufrichtigen Wunsche, dass es einem so erprobten 

Reisenden , wie Mohr ist , bescbieden sein mochte , sicb an, dem 

von deutscber Seite begonnenen Entdeckungswerke zur Erforschung 

des aquatorialen Afrika von der Richtung her zu betheiligen, 

welche er in einem an den Vorstand der deutschen afrikanischen 

Gesellschaft gerichteten Schreiben als die einen moglichen Erfolg 

vers^pj^echende bezeichnet hat« 

— r. 



S80 A. Filat 



XVIL 

Barometer-Hohenmessungen von der Schwarzburg-Rudol- 
stftdtischen Unter-Herrschaft Frankenhausen. 

Yon A. FilS) k. pr. Major a. D. 



In den nachfolgenden Blattern nbergebe ich dem Publikum 
das nennte Heft meiner Hohenmessungen von Thtiringen. Ein 
kleiner Theil davon stammt aus den vierziger Jabren, den grossern 
Tbeil babe ich in den Jabren 1864 und 1865 begangen nnd bypso- 
metriscb gemessen. Wo icb da und dort aucb Messungen von 
Andern angefubrt, babe icb die Urbeber gewissenbaft genannt. 

Die zur Berechnung der absoluten Hoben eines jeden Punktes 
benntzten correspondirenden Beobachtungs-Stationen, sind folgende: 
Atnstadt, Apotbeker Lncas mit 873,5 paris. F. absol. Hobe, 
Langensalza, Scbalrath Loof mit 603,6 „ „ „ „ 

Sondersbaasen,Rechtsanwalt Chop mit 618,4 „ „ „ „ 

Die Reymann'sche Specialkarte von Deutschland im Maasstabe 
von 1 Dec. ZoU auf die Meile und die betreflPenden Sectionen der 
Pr. Generalstabs-Karte (2 ZoU = 1 Meile) , haben mir besonders 
als Fuhrer auf meinen Touren gedient. Zur Vergleichung babe 
ich aucb eine Reibe Hobenangaben (nach meinen Messungen) von 
ganz Thuringen zugefugt. Es mag mir nacbgesehen werden, 
wenn ich da und dort uber die Rudolstadter Grenzen' hinaus 
interessante Punkte gemessen und angegeben babe. 

Die Unterherrschaft Frankenhausen bestebt aus. folgenden 
drei Tbeilen: 

A. aus der Hauptmasse mit der Stadt Frankenhausen, mit dem 
Kyffhauser-Gebirge und einem Theil der Hainleite. 

B. aus der drei Meilen sudwestlich davon gelegenen Parzelle 
Schlotheim, und 

C. aus der 2j^ Meilen westlich gelegenen Parzelle Strauss- 
berg. 

Nach der Zahlung vom Jabre 1864 betrug in der Unter- 
herrschaft die Zahl der Wobnbauser: 2,820 und die der Ein- 
wobner: 16,217 — auf dem Gesammt-Gebiet von 3,55 Quadrat- 
Meilen. 



Barometer - Hdbeninesstingen. 



881 



Speeielles Nivellement. 
A. Vom Amt Frankenliaiisen. 

1. Der Theil nordlich der Frankenhauser-Wipper und 
vom Soolgraben, oder nordlich der Linie: Bende- 
leben, Rottleben, Frankenhausen, Esperstedt and 

Bingleben. 



Nr. 



Benennung der gemessenen Punkte. 



Paris. 
Fuss. 



2 
8 
4 

5 
6 

7 
8 



Mundang des Thalleberwassers in die Frankenhauser 
Wipper, am Westfuss der Buine Falkenburg, 
^ Meile nordw. Rottleben 

Rottleben, Chausseebrncke im nntern Ende des Dorfes, 
8 Fuss uber dem Rottleber Bache*) 

Dasselbe Dorf, nach der preuss. Generslstabs-Kaxte 
(welcher Punkt?) 

Frankenhausen **) , Chausseebrncke am Hanse 589, 
Sudende der Stadt, ohnweit der Bachmnble, 6 Fusa 
uber dem Wasserspiegel 

Frankenhausen am Fusse der Frauenkirche, Nord- 
ostseite der Stadt 

Frankenhausen, das am hoehsten gelegene Haus, 
nahe am Hausmannsthurme • 

Frankenhausen, Fuss des Hausmannsthurmes, Nord- 
seite der Stadt 

Frankenhausen, Gasthof zamThuringer*Hofe, 1 Treppe 
hoch, 13 Fuss uber dem Strassenpflaster, Mittel 
aus 82 Beobachtungen . . » • 



467 
437 
452 

392 
521 
588 
547 

446 



*) Gegen 1000 Schritt nordl. von Bottleben und an der Chaussee-Ecke, 
Steht eine hubsche Pjramide von Sandstein mit Doppeladler und Namengzug 
F. G. und mit der Inschrift ,)zur Erinnerung an das 50jllhrige RegieruUgs- 
Jubilaum Sr. Durchlaucht unsers geliebten Fiirsten Friedrich Giinther; den 
6. November 1864. Unterth&iigst gewidmet von Gustav Stolberg, Steinhauer 
zu Rottleben.*' 

**) Man nennt es auch mit dem BeinameU: Salzstadt, wegen ihres Salz- 
werkes, das sonst bedeutender war, als eben jetzt; es bringt jetst jShrlieb 
nocb 40^000 Centner ein. 



882 



A. f^ils: 



Nr. 



Benennang der gemessenen Punkte. 



Paris. 

Fuss. 



9 
10 

II 

12 
13 

14 

15 

16 

17 
18 

19 
20 
21 

22 
28 

24 



25 

26 



27 



Mundung der BraunkohleBgrube ^Prinz Friedrich^, 
gegen 800 Schritt ostl. der Stadt*) 

Bundtheil am hochsten Punkte der Chaussee zwiscben 
Frank'enhausen und Esperstedt und am Chaussee- 
stein 0,48 

Esperdtedt, am Hause 69 nnd am Chausseestein 0,48 
(viel Tabaksbau) 

Dasselbe Dorf nach Wolfs Karte (welcher Punkt?) . 

Der Halbebugel mit 1 Linde darauf, 800 Scbritt 
nordl. von Esperstedt 

Aurora,Braunkohlengrabe des Hrn. Herrmann in Erfdrt, 
im „ Schmalentbale % 2200 Schritt nordostlich von 
Esperstedt . 

Itingleben, Chaussee am Hause 197 und am Chaussee- 
stein 1,30 (Tabaksbau) 

Hochster Punkt des Weges zwischen Ringleben und 
Borxleben, Mittelfeld ...... " 

Borxleben, am* Hause 104 im Westende des Dorfes 

Flache Hohe gegen 760 Schritt nordostl. von Borx- 
leben . 

Ichstedt, Schenke im Hause 36 

Windmuhlenberg, ostlich von Ichstedt 

Rinnberg, gegen 1200 Schritt siid^estlich von Ich- 
stedt . 

Facksberg, sudlich an Udersleben . , 

Udersleben, am Hause 24, gegen 26 Fuss uber dem 
Udersleber Bache 

Hopf'Berg, hochster Punkt der Chaussee von da 
nach Frankenhausen , gegen 600 Schr. sudwestl. 
von Udersleben , 

Fuchsleite, freier Berg sudwestl. von Udersleben . . 

Forstort Barenthal, tiefster Punkt, zu Udersleben, 
l^ Stunde nordostl. von der Stadt, zwiscben Eulen- 
geschrei westl. und Topfersacker ostlich . . . . 

Derselbe Forstort, hochster Punkt, 1800 Schr. uordl. 
von der Stadt 



490 



434 

386 
373 

389 



491 

378 

434 
416 

464 
448 
499 

551 
667 

568 



664 
649 



588 
879 



*) Diese Qmbe gehort dem Stadtrath Herrmann in Erfurt. Sie liefert 
tttglioh 200—300 Tonnen Brannkohlen k b—1 Sgr. zur Stelle; 36 Arbeiter 
dabei beschaftigt. Die Kohlenflotze liegen 60 — 200 Fuss unter dem Horizont. 



Barometer r Hoheninessiingen. 



883 



Nr. 



Benennung der gemessenen Pankte» 



Paris. 

Fuss. 



28 

29 
30 

31 

32 

33 

34 



35 
36 
87 



38 
39 



40 



Priester-Berg , das Oartenhans ogtUch davon, westii. 
Ton Barenthal, einige 100 Schr. nordostl. yon 
der Stadt 

Hartmanns-Holzchen, Berg ostlich yon leteterem . • 

Villa Schnlz, auf dem Scheitskopfchen nnd nahe am 
Handfaeschen, schone Aussicht nach Suden . . . 

Fachsleite, auf dem Barenthalsricken , noben dem 
Felde Spittelholz genannt 

Mittelgemeinde, Privat-Holz zu Uderaleben, untere ostl. 
Waldecke im Thale der Wetthau und nordl. an 
der Fttchsleite 

Spring, Starke Quelle des Udersleberbaches, 800 Schr. 
uber d. Feldmark im Pfutzenthal, Sudfdss des 
Helmling, 7,7® R. Quell- Temp 

Huttenkopf, der erste bew. Kopf vestl. von der 
Feld'M., Udersleber-Obergemeinde, zwischen der 
Wetthau und dem Pfutzenthal, Grenzst. 64. « • 

Derselbe Punkt nach der Oeneral*-Stab8-Karte • . • 

Der nachste westl. Sattel, nahe dabei •..•.. 

Morgenbrodstein*), am Tilledaer Fusswege auf dem 
Hohenzuge westl. yon dem letzten Punkte; hier 
grenzt: Struvsche Fuchsleite siidl., Forstort Hutten- 
berg nordostl. 9 Forstort Winterliethe , Grenzstein 
105 

Wehbank, Berg gegen 1300 Schr, sudostl. vom 
Rathsfeld 

Gunthers-Eiche**), der Tilledaer Fussweg scheidet 
hier das Pfatzenthal; eben da grenzt sudostl. 
Huttenberg, nordlich die Hart, nordw. gr. Konigs- 
holz, sudw. Winterliethe, 200 Schr. uber der 
Tilledaer Pfutze 

Mundung des Kaltenthals in das Pfutzenthal, Anfang 
des Udersleber Feldes, am Grenzstein 35; hier 
treffen zusammen: nordwestl. Schlossgraben, nord- 
ostl. Abtsberg, sudl. Huttenberg (tiefster Punkt 
von diesem) • • 



718 
736 

991 

866 

708 

595 



967 

956 
941 



1129 
1196 



901 



721 



*) Gehen die Tilledaer nach Frankenhausen, so essen sie hier ihr 
Morgenbrod, daher dieser Name. 

**) Zu Ehren des Forsten GUnther so benannt, hat 6 Fuss Durchmesser, 
ist schon gewachsen. 



8&4 



A. Filss 



Nr. 



Benennung.der gemessenen Punkte. 



Paris. 
Fuss. 



41 



42 

43 



44 



45 



46 



47 

48 



49 
50 



51 
52 



Der Tilledaer Fussweg kreuzt den obern Steinweg, 
nabe am Grenzst. 62; bier grensen die Forstorte 
Kl. Konigsbolz, Hardt, Gr. Konigsholz . . . . 

Rebkopf, ^ Meile ostlicb vom Batbsfeld . . . . * 

HoUenberg, im Forstort KL Konigsbolz, gegen 900 
Scbritt vom Ententeicbe, Grenze zwiscben den 
Tilledaer nnd Udersleber Forsten 

Drei-Forststein : Udersleber, Kyffbaaser und Tballeber 
Forsten grenzen bier, gegen 500 Scbr. ostl. vom 
Ententeieb; spedell grenzen bier: Kl. Konigsbolz, 
Scbosselgebren, nordlicb: Apfeltbal 

Ententeicb, an der Cbaussee gegen 1700 Scbr. nordostl. 
vom Batbsfeld, nabe am 1. Meilenstein, gem. 6 F. 
uber dem Wassersp. und 5 F. nnter der Cbaussee, 
die Forstorte Apfeltbal und Sdiosselgebren gren- 
zen bier 

Der Tilledaer Fussweg scbneidet das Kaltetbal nord- 
licb am obern Steinwege ; bier grenzen das 
Klein e Konigsbolz, die Hart und die Gemeinde- 
spitze 

Judenkopf , nordlicb am Rennwege *) , Kyfibauser 
Forst 

Prauengrab, Krenz des Tilledaer Fusswegs mit dem 

• - Rennwege, im Sattel zwiscben Juden- und Hollen- 
kopf 

Konigsbolz, Hobe 200 Scbr. sudl. vom letztern Punkte 

Lebdenspitze 9 da wo der Rennweg aus dem Walde 
in's Freie tritt, oberes Ende der Udersleber Lebde, 
Grenze mit der Sauberlingscben Waldung, Sebald- 
brunnen, Bacbleite und Tilledaer Waldang . . . 

Sebersbrunnen, 250 Scbr. ostlicb davon 

Hocbster Punkt des Fusswegs von Udersleben nacb 
Tilleda, 400 Scbr. ostlicb vom Sebersbrunnen, im 
Felde 



1267 
1276 



1306 



1351 



1277 



1211 
1301 



1285 
1314 



1180 
1165 



1131 



*) Der Rennweg gefat von Icbstedt nacb dem Icbstedter Jagdhause und 
uber den gesammten Riicken des Kyffh&user Gebirges weiter, zuletzt iiber die 
Altendorfer Klippen, an der alten "Wache voriiber nacb Badra niid Sonders- 
bausen. Auf den EyffhSuser Bergen bildet er zugleich die Forstgrenze: auf 
der ostlichen HSlfte zwiscben Udersleben und Kyffb&nser, auf der westlichen 
zwiscben Rotbenborg und Thalleben. 



Barometer -HShenmessangen. 385 



Nr. 



Benennung der gemessenen Punkte. 



Paris. 

FUSB. 



63 



54 
55 

56 
67 

58 

59 
60 

61 
62 
63 
64 

65 



66 



Ichstedter Jagdhaus, zweistockig mit 7 Fenster Front, 
am Ostende der zusammenhangenden Hauptmasse 
des Waldes auf dem Gebirge, speciell am Ost- 
ende des Streitholzes and Bottcherberges*) . . . 

Ichstedter Schaafstall liegt 600 Schritte sudwestlich 
davon 

Forstort Steingraben, einzeln gelegenes Waldchen 
zum KyfFhanser Forst, zwischen Ichstedter Jagd- 
haas und Dorf Ichstedt, das obere Ende .... 

Forstort Langethal, einzelnes Holzchen, nordlich von 
66, oberes Ende, nach Wolfs Karte 

Saukopf, nordlich vorspringender Berg zwischen dem 
Silber- und Dornthal, nordlich an der Sauber- 
lingschen Waldnng 

Nordliche Waldgrenze am Saukopf, nordostl. Ecke, 
am Landesgrenzstein 269 und am Tilledaer 
Felde 

Der Melmsee, zwischen Ichstedt and Tilleda, preuss., 
nach Wolfs Karte 

Einsdorf, freier Hugei, westl. vom Melmsee, Tilledaer 
Feld 

Steinbiel, Hohe sudostlich von Tilleda 

Dorf Tilleda, preuss., am Forsthause (No. 73)**) . 

Pfingstberg, sudw. an Tilleda, Wolfs Karte .... 

Nordlicher Waldrand auf der Hohe zwischen dem 
Stein- und Langethal, Landesgrenzst. 237 . . . 

Mundung des Langethals am untersten Holze und 
gegen 400 Schr. uber der Tilledaer Obermuhle 
(die gerade abgerissen wurde), Nordfuss des Brand- 
berges am Linsingschen Holze und am Landes- 
grenzstein 280 

Taterbrunnen, Quelle des Langethalwassers, zwischen 
d. Kyffhauscr Sommerwand und dem gr. Kreuz- 
berge, Ostfass des Vogelheerdes am Gartchen, 
Quellen-Temp. = 6,1° R 



896 



782 
733 

1188 

784 

568 

593 
648 
608 
638 

840 



637 



869 



*) 



*) Dieser Punkt gewahrt eine schone Aussicht auf Beyernaumburg, 
Alstedt, auf die "Wuste, Finne, Schmficke, Hainleite, Artem etc. 

**) Tilleda diente im Jahre 974 dem Kaiser Otto II. und Otto III. 993, 
Konrad U. 1035 und 1086, Heinrich III. 1041 und 1043, und Friedrich I. 
1174 zum Aufenthalt, Heinrich VI. H94 desgleichen, 

Zeitschr. d. Qcsellsch. f. Erdk. Bd. X. 24 



886 



A. PiU: 



Nr. 



Benennung der gemessenen Punkte. 



Parifl. 

Fuss. 



67 



68 
69 

70 
71 
72 



73 

74 
75 
76 

77 

78 

79 
80 

81 

82 

83 
84 



Nordostliche Grenze am Heckerschen Walde und am 
Landesgrenzst. 202, sowie 150 Schr. sudlich von 
den obersten Huhnengrabern 

Das oberste der Huhnengraber *) 

Oestlicher Barenkopf, kahl, mit Haidekraut, nordl. 
vom Landesgrenzst. 193 

Hohe ostl. am Kaiserbrunnen und am Lds.-Grenzst. 193 

Kaiserbrunnen, eine Pfatze ostl. vom Barenkopf . . 

Westlicher Barenkopf, scharfkantiger Berg, 400 Schr. 
nordw. vom Tilledaer Walde, nordl. v. Kyffhauser- 
Thurme, Haidekrant 

Der Sattel zMriscben dem Barenkopf and dem Tille- 
daer Walde 

Nordlicher Rand vom Tilledaer Walde, Landesgrenz- 
stein 190, nordl. vom Kyffhauser 

Barenthalsmundung, am Landesgrenzst. 181, nordostl. 
Fuss der Bachleite 

Bacbleite, nordl. Waldrand, zwisch. d. Barenthal and 
der Kuhtranke, Landesgrenzst. 176 

Miindung des Thais von der Kuhtranke, 60 Schr. 
ostl. V. Landesgrenzst. 171 , sudl. von Sittendorf 

Nordlicher Waldrand auf der nachsten westl. Hohe, 
am Landesgrenzst. 167 

Der kleine Hugel nordw. von diesem Punkte . . . 

Mundung des nachsten westl. Thais, nordl. Waldrand 
an den Sittendorfer Kopfen 

Nordlicher Waldrand an denselben Kopfen, westlich 
von No. 80, nahe am Landesgrenzst. 163, Kirsch- 
baum-Plantage 

Mundung des Bornthals am Waldrande, zwischen 
Kahnthals-Bg; und den Sittendorfer Kopfen, nahe 
dem pr. Landesgrenzst. 154 

Das preuss. Dorf Sittendorf, nach der pr. Gener.-St.- 
Karte 

Am Liederschen Berghauschen und am nordl. Holz- 
rande der Kahnthaler, am Baumfelde iiber dem 
Goldloche, nahe am Landesgrenzst 145 . . . . 



806 
781 

972 
981 
906 



935 

921 

945 

737 

794 

769 

779 
768 

737 

759 

695 
493 

691 



*) Im ganzen finden sich bier deren einige 20 anf einem Raum von 
200 Schritt L&nge und 100 Schritt Breite. 



Barometer - Hoheninessungen. 



887 



Nr. 



Benennung der gemessenen Punkte. 



Paris. 

Fuss. 



85 

86 

87 
88 
89 

90 

91 

92 

93 
94 



95 



96 

97 
98 

99 



Mundung des Tannenbergthales , beim Eintritt des 
Hainwegs von Kelbra in den Haingarten ostl. am 
Klosterholze, nahe d. pr. Landesgrenzst. 117 *) . 

Die Chanssee am Rothenburger (schwarzburgschen) 
Forsthause und nahe dem pr. Landesgrenzst. 94 
and am Chst. 1,78 anf rudolst. Seite 

Derselbe Punkt nach Wolfs Karte 

Kelbra, prenss. Stadt, Wasserspiegel der Helme . . 

do. Gasthof zur Sonne, 1 Treppe hoch, 18 F. 

uber dem Strassenpflaster 

Das Schiesshaus von Kelbra, das Plateau vor dem- 
selben, an der Mundung des Kirchenthals . . • 

Das Kirchenthal, Mundung desselben, 1500 Schr. 
sudl. von Kelbra 

Kahle Berg, westl. vom Schiesshause und nordlicher 
Waldrand von der Stadtgemeinde , am Landes- 
grenzst. 34**) 

Nordlicher Waldrand von dem Altendorfer Gem.-Holz 
und sudl. von der Feldmuhle, am Landesgrenzst. 20 

Feldhauschen der Wittwe Gamstedt, auf einer Vor- 
hohe nordl. von 93, zwischen Rabenthal westl. 
und dem gr. Volpertsthal ostlich 

Nun folgt der Rennweg von Westen nach Osten etc. 

Hofler, Rennweg, letzte und westlichste Holzecke, 
nordlich von Steinthalleben, Kelbraer Wald, Huck- 
holz, Oberflache des trig. Signalsteins u. a. pr« 
Landesgrenzst. gez, A. F. — A. K. 7 ; ein zweiter 
Grenzstein daneben 

Derselbe Signalstein nach d. pr. Trig. Landes-Verm. 
des General-Stabs 

Rennweg, der nachste kl. Hugel, ostl. von No. 96 . 
do. hochster Punkt am gr. Jagdstieg, nordl. 

an Bettenthal 

do. Battel zwischen Bischofsliethe und Alten- 
dorfer Klippe, Anfang des Eichenthals ost- 
lich und Anfang des Bettenthals westlich. 



645 

616 
609 
465 

521 

646 

623 

901 
876 

685 



953 

949 
968 

1288 



1201 



*) Eine schone Eiche bewacht den Thaleingang. Ber Fussweg nach 
der Bothenburg trennt sich hier vom Thalwege links die Bergwand hinauf. 
**) Mit schoner Aussicht nach Westen, Norden und Osten. 

24* 



888 



A. Fils: 



Nr. 



Benennung der gemessenen Punkte. 



Paris. 

Fuss. 



100 
101 

102 
103 

104 



105 
106 

107 

108 



109 
110 
111 



112 
113 
114 



Reiinweg, an den Barenkopfen 

do. Bischofsliethe sadlich, Stadtgemeinde nord- 

lich, am Gremsst. 86 

do. der nachste Sattel, 250 Schr. von No. 101 

Rothekopf, nordl. vom Rennwege, swisclien Kircbthal 
und Tannenbergsthal 

Der siidl. Sattel am Vogelheerd, zwischen d. Tann^n- 
bergswand ostlich and Kirchthaler Sommerwand 
westlich, nordl. Seitenzweig vom Rennwege . . 

Vogelheerd, Berg 'w'estl. der Rothenbnrg gegennber . 

Eelbraer Chaussee, am St. 1,75 gegen 300 Schritt oatL 
vom Rothenburger Forsthanse, am Kloaterholze . 

Dieselbe Chaussee an der Fontaine u. a. Chst 1^40 
im Tannenberge *) 

Dieselbe Chaussee , a. St. 1)30, wo sie nach der 
Rothenbnrg nordlich abzweigt, am Forstort Stein- 
theil und tiefster Punkt vom Hadermannsstieg, 
oberes £nde von der Rothenburger Sommerwand 

Steinthalskopf, nachster nordl. Berg von No. 108, 
Rothtodtliegendes mit Syenit darunter 

Sattel zwischen dem Steinthalskopf und der Rothen- 
bnrg, Halteplatz bei letzterer 

Ruine Rothenbnrg, Fuss des Thurmes auf der 

Nordseite 

Die Spitze des Thurmes kann 33 Fuss 
hoher sein. Die Rothenbnrg, ein viel be- 
suchter Funkt, wo uns vom dortigen „Ein- 
siedler" Erfrischungen mancher Art, auch 
von ibm gefertigte Gedichte gereicht werden. 
Mit schoner Aussicht. 

Die Rothenbnrg, nach der General- St. -Karte . . . 

Guldner Mann, Berg ostl. von der Rothenbnrg . . 

Gunthers Hohe, gegen 150 Sohr. vom Chst. 1,25 
(von welchem letzteren der Promenadenweg dahin 
fuhrt), zwischen dem Stein- und Bornthal und 
nordlich der Chaussee gelegen, mit hubscher Aus- 
sicht auf die Rothenbnrg etc 



1322 

1297 
1272 

1364 



1007 
1068 

651 

1149 



1275 
1302 
1114 
1187 



1188 
1101 



11370 



*) Bei dem Chausseestein 1,44 liegt ein versteinerter Baum, der beim 
Chanssebau bios gelegt wurde. £r ist gegen 40 Fuss lang, 1% — 2 Fnss 
stark und etwas flach gedriickt ; in Stiicke gebrochen von 5 — 6 Fnss Lange. 



Barometer - Holienmessungen. 339 



Nr. 



BenennuDg der gemessenen Punkte. 



Paris. 

Fuss. 



115 

116 
117 



118 



119 
120 
121 
122 



123 
124 



125 
126 



Rennweg, hohe Buche, Kreuz mit dem Fusswege von 

Kelbra nach Frankenhausen 

Derselbe, Tannenberg am Kaltsagensgehren . . . . 

Lengefeld> hochster Punkt des ganzen Kyfifhauser- 

<Gebirges, weed, von der Windlucke und nordlich 

vom Seefelde; sonst stand hier ein Hauschen 

Windlucke, die Chauasee am Obelisken*) mit dem 

Namenzuge des regierenden Fursten und mit dem 

Doppeladler, hochster Punkt d. Chaussee zwischen 

Frankenhausen und Kelbra, Mittel aus 3 Beob. 

Der nachste sudliche Sattel ist der „Rothe 

See**, eine kl. Feld- und Wiesenflache west- 

lich der Chaussee; davon liegt sudlich der 

Kulpenberg. 

Am Chausseestein 1,18 geht der Renn- 
weg uber die Chausse. 
Sittendorfer Kopfe, Kirchenholz zu Sittendorf, hoch- 
ster Punkt 

Sattel zwischen No. 119 und dem Kyfihauser, nahe 

am Halteplatze 

Kyffhauser-Ruine, Fuss des Thurms; mit schoner 

Aussicht in weitester Ausdehnung 

Dieselbe Ruine, ein Kreuz am Thurme, 3 F. uber 
dem Boden, nach der pr. trig. Landes-Vermessung 

1410 F 

Dieselbe Ruine, Fuss des Thurmes nach G.-St.-Karte 

Derselbe Punkt, nach Wolfs Karte 

Die letztere Angabe ist offenbar zu hoch, 
da sie mit den drei vorhergehenden Bestim- 
muhgen in Widerspruch steht. 
Kulpenberg, erste Hohe sudlich von Rothensee und 

150 Schr. westl. vom Chst. 1,14 

Rathsfeld, Furstliches Jagdschloss, mit Restauration 
und Ziegelei, besuchter Vergnugungsort von den 
Bewohnern der Umgegend, vor der Restauration 
und am Chst. 0,81, Mittel aus 27 Beobachtuogen 



1371 
1380 



1436 



1879 



1413 
1205 
1402 



1407 
1400 
1420 



1409 



1179 



*) Diese Pyramide ist aus rohen Steinen der dortigen Gegend zusammen- 
gesetzt, z. B. aus Rothtodtliegendem, aus Resten versteinerter Baume, die in 
dortigen Steinbruchen und beim Chausseebau gefunden werden, die letztem 
namentlich 4 — 6 Fuss lang, von 2 — 3 Fuss StSrke, meist breit gedrilckt. 



890 



A. Fils: 



Nr. 



Benennung der gemessenen Punkte. 



Paris. 

Fuss. 



127 
128 
129 

130 



131 



132 



133 



134 

135 
136 

137 



138 
139 
140 

141 
142 
143 
144 
145 



Derselbe Punkt nach der General-St.-Karte .... 1182 

Derselbe, nach Wolfs Karte 1188 

Der Sattel in den Rathsfelder Wiesen, oder zwischen 

Rathsfeld and Schosselgehren 1144 

Waidmannsheil, 150 Schr. westl. der Chanssee nnd 
V. Chst. 0,59; hubsche Mooshutte mit Banken 
und schoner Aussicht nach der Schmucke, Finne 
und westlich welter nber den Possen bis zum 

Harz; Forstort Wehbank 1145 

Die Chausse an der gr. Linde (5J^ Fuss Durchm,), 
zwischen d. Chst. 0,42 und 0,43, Kalkthal; von 
hier geht der Fussweg auf der Westseite ab nach 

dem Galgenberge 921 

Kalkthal, am Chst. 0,34, westlich von den Scheitskopfen 815 

Fortsetzung, westliche Seite von der Kelhraer 

Chanssee. 

Galgenberg, gegen 700 Schr. nordw. von Franken- 
hausen, am Grenzst. 20 zwischen den Forstorten: 
Stadtgemeinde und Kalkthal 

Weisse Kuche, Thai, Waldgrenzst. 188, Thalleber 
. und Udersleber Forstgrenze 

Die letzten sudlichen Hugel vom Galgenberge . . . 

Hornissenberg, Thalleber Forst, 300 Schr. westl. der 
Chanssee • 

Kleiner Schweinskopf, derselbe Forst, mit hubscher 
Aussicht nach Oldisleben und bis zum Possen bei 
Sondershausen . 

Forstort Gr. Schweinskopf, hochster Punkt an Wehbank 

Gr. Schweinskopf, kleines aber steiles Kopfchen . . 

Kammthal, am Steinbruch und am Nordfuss von No. 
139, Grenzst. 132 

Kleiner Hermkopf, am Waldstein 150 

Gr. Hermkopf 

Sattel zwischen diesen beiden Kopfen 

Kammerkopf, mit hubscher Aussicht naoh Suden . . 

Ochsenbergskopf, kahler Kalkkegel mit Aussicht auf 
den Segaer Forst, Possen, Bendeleben, Badra bis 
zu den Bettenthaler Kopfen und Ziegelhutte bei 
Rathsfeld 1026 



717 

850 
872 

954 



981 
964 
901 

717 
910 
958 
855 
1021 



Barometer - Hdhenmessungen. 



391 



Nr. 



Benennung der gemessenen Punkte. 



Paris. 

Fuss. 



146 
147 

148 
149 

150 

151 

U2 
153 
154 
155 



156 



157 
158 



159 
160 

161 

162 

163 

164 
165 



Rothekopfe, nordlich vom Rathsfelde 

Kahleberg, zwiscben Steinthalleben und dem Kleinen 

Bettenthal, unbewaldet . . . . , 

Mundung des Bettentbals, a. Nordfuss des Kablen Berges 
Krausenholz, Westende, gegen 1000 Schr. nordostl. 

von Tballebea 

Wolfscher Monchenberg, Thalleber Priv.-Holz, ostlicb 

von Krausensbolz 

Mundung des Kelterthals am Steinbrucb, zw. Kelter- 

tbal und Krausenholz 

Furstenkopf (bewaldet) westlich von Backerskuppe . 

Backerskuppe, Feld ostlicb von No. 152 

Sattel, ostlicb an No. 153 

Forstort Kellertbal, Thalleber Gem.-Holz, zwiscben 

den Thalern: Entenbach sudlich und Kellertbal 

nordlich, westlicber Holzrand 

Mundung des Entenbachs in das Steinbilthal, am obe- 

r^n Ende des Zimmerthals, zugleich Westfusg des 

gr. Lehnert^bagen , Sudfuss des Steinbils und 

Nordfuss vom Thalleber Schulholzchen .... 
Ochsenburg (Lehnerts-Ochsenburg), ostliche Kuppe . 
Schoerts-Ochsenburg, zwiscben Habichtsthal und Zim- 

merthal, westl. Kuppe und westl. Holzrand oben, 

Thalleber Pfarrholz 

Ruine Falk